Friedrich Nietzsche
A Fighter Against His Time
GA 5
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Friedrich Nietzsche, Fighter for Freedom, tr. deRis 1960
3. Nietzsches Entwicklungsgang
Part I - iii. Nietzsche's Path of Development
[ 1 ] Ich habe Nietzsches Ansichten vom Übermenschen so dargestellt, wie sie uns in seinen letzten Schriften: «Zarathustra» (1883–1884), «Jenseits von Gut und Böse» (1886), «Genealogie der Moral» (1887), «Der Fall Wagner» (1888), «Götzen-Dämmerung» (1889) entgegentreten. In dem unvollendet gebliebenen Werke: «Der Wille zur Macht, Versuch einer Umwertung aller Werte», dessen erster Teil «Antichrist» im achten Bande der Gesamtausgabe erschienen ist, hätten sie wohl ihren philosophisch prägnantesten Ausdruck gefunden. Aus der Disposition, die im Anhange zu dem erwähnten Band abgedruckt ist, ist das deutlich zu erkennen. Sie heißt: 1. Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums. 2. Der freie Geist. Kritik der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung. 3. Der Immoralist. Kritik der verhängnisvollsten Art von Unwissenheit, der Moral. 4. Dionysos. Philosophie der ewigen Wiederkunft.
[ 1 ] We have presented Nietzsche's opinion about supermen as they stand before us in his last writings; Zarathustra (1883-1884), Jenseits von Gut und Böse, Beyond Good and Evil (1886), Genealogie der Moral, Genealogy of Morals. (1887), Der Fall Wagner, The Case of Wagner (1888), Götzendämmerung, The Twilight of Idols (1889). In the incomplete work, Der Wille zur Macht, The Will to Power, the first part of which appeared as Antichrist in the eighth volume of the Complete Works, these opinions have been given their most significant philosophical expression. From the text of the appendix to the above-mentioned volume, this becomes quite clear. The work is called 1. The Antichrist, attempt at a criticism of Christendom. 2. The Free Spirit, criticism of philosophy as a nihilistic movement. 3. The Immoralist, criticism of the most ominous type of ignorance: morality.
[ 2 ] Nietzsche hat seine Gedanken nicht sogleich im Beginne seiner schriftstellerischen Laufbahn in der ihnen ureigensten Form zum Ausdruck gebracht. Er stand anfangs unter dem Einflusse des deutschen Idealismus, namentlich in der Form, in der ihn Schopenhauer und Richard Wagner vertreten haben. In Schopenhauerschen und Wagnerschen Formeln drückt er sich in seinen ersten Schriften aus. Wer aber durch dieses Formelwesen hindurch auf den Kern der Nietzscheschen Gedanken zu blicken vermag, der findet in diesen Schriften dieselben Absichten und Ziele, die in den späteren Werken zum Ausdruck kommen.
[ 2 ] At the very beginning of his writing career, Nietzsche did not express his thoughts in their most characteristic form. At first he stood under the influence of German idealism, in the manner in which it was represented by Schopenhauer and Richard Wagner. This expresses itself in his first writings as Schopenhauer and Wagner formulas, but the one who can see through these formulations into the kernel of Nietzsche's thoughts, finds in these writings the same purposes and goals which come to expression in his later works.
[ 3 ] Man kann von Nietzsches Entwicklung nicht sprechen, ohne an den freiesten Denker erinnert zu werden, den die neuzeitliche Menschheit hervorgebracht hat, an Max Stirner. Es ist eine traurige Wahrheit, dass dieser Denker, der im vollsten Sinne dem entspricht, was Nietzsche von dem Übermenschen fordert, nur von wenigen erkannt und gewürdigt worden ist. Er hat bereits in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts Nietzsches Weltanschauung ausgesprochen. Allerdings nicht in solch gesättigten Herzenstönen wie Nietzsche, aber dafür in kristallklaren Gedanken, neben denen sich Nietzsches Aphorismen allerdings oft wie ein bloßes Stammeln ausnehmen.
[ 3 ] One cannot speak of Nietzsche's development without being reminded of that freest thinker who was brought forth by mankind of the new age, namely, Max Stirner. It is a sad truth that this thinker, who fulfills in the most complete sense what Nietzsche requires of the superman, is known and respected by only a few. Already in the forties of the nineteenth century, he expressed Nietzsche's world conception. Of course he did not do this in such comfortable heart tones as did Nietzsche, but even more in crystal clear thoughts, beside which Nietzsche's aphorisms often appear like mere stammering.
[ 4 ] Welchen Weg hätte Nietzsche genommen, wenn nicht Schopenhauer, sondern Max Stirner sein Erzieher geworden wäre! In Nietzsches Schriften ist keinerlei Einfluss Stirners zu bemerken. Aus eigener Kraft musste sich Nietzsche aus dem deutschen Idealismus heraus zu einer der Stirnerschen gleichen Weltauffassung durchringen.
[ 4 ] What path might Nietzsche not have taken if, instead of Schopenhauer, his teacher had been Max Stirner! In Nietzsche's writing no influence of Stirner whatsoever is to be found. By his own effort, Nietzsche had to work his way out of German idealism to a Stirner-like world conceptIon.
[ 5 ] Stirner ist wie Nietzsche der Ansicht, dass die Triebkräfte des menschlichen Lebens nur in der einzelnen, wirklichen Persönlichkeit gesucht werden können. Er lehnt alle Gewalten ab, die die Einzelpersönlichkeit von außen formen, bestimmen wollen. Er verfolgt den Gang der Weltgeschichte und findet den Grundirrtum der bisherigen Menschheit darin, dass sie nicht die Pflege und Kultur der individuellen Persönlichkeit, sondern andere, unpersönliche Ziele und Zwecke sich vorsetzte. Er sieht die wahre Befreiung des Menschen darin, dass dieser allen solchen Zielen keine höhere Realität zugesteht, sondern sich dieser Ziele als Mittel zu seiner Selbstpflege bedient. Der freie Mensch bestimmt sich seine Zwecke; er besitzt seine Ideale; er lässt sich nicht von ihnen besitzen. Der Mensch, der nicht als freie Persönlichkeit über seinen Idealen waltet, steht unter dem Einflusse derselben, wie der Irrsinnige, der an fixen Ideen leidet. Es ist für Stirner einerlei, ob sich der Mensch einbildet, der «König von China», oder ob «ein behaglicher Bürger sich einbildet, es sei seine Bestimmung, ein guter Christ, ein gläubiger Protestant, ein loyaler Bürger, ein tugendhafter Mensch usw. zu sein — das ist beides ein und dieselbe ‹fixe Idee›. Wer es nie versucht und gewagt hat, kein guter Christ, kein gläubiger Protestant, kein tugendhafter Mensch usw. zu sein, der ist in der Gläubigkeit, Tugendhaftigkeit usw. gefangen und befangen.»
[ 5 ] Like Nietzsche, Stirner is of the opinion that the motivating forces of human life can be looked for only in the; single, real personality. He rejects all powers that wish; to form and determine the individual personality from outside. He traces the course of world history and discovers the fundamental error of mankind to be that it does not place before itself the care and culture of the individual personality, but other impersonal goals and purposes instead. He sees the true liberation of mankind in that men refuse to grant to all such goals a higher reality, but merely use these goals as a means of their self-cultivation. The free human being determines his own purposes; he possesses his ideals; he does not allow himself to be possessed by them. The human being who does not rule over his ideals as a free personality, stands under the same influence as the insane person who suffers from fixed ideas. It is all the same for Stirner if a human being imagines himself to be “Emperor of China” or if “a comfortable bourgeois imagines it is his destiny to be a good Christian, a faithful Protestant, a loyal citizen, a virtuous human being, and so on. That is all one and the same ‘fixed idea.’ The one who has never attempted and dared not to be a good Christian, a faithful Protestant, or a virtuous human being, and so on, is caught and held captive in orthodoxy, virtuousness, etc.”
[ 6 ] Man braucht nur einige Sätze aus Stirners Buch: «Der Einzige und sein Eigentum» zu lesen, um zu sehen, wie verwandt seine Anschauung der Nietzscheschen ist. Ich führe einige Stellen aus diesem Buche an, die besonders bezeichnend für Stirners Denkweise sind.
[ 6 ] One need read only a few sentences from Stirner's book, Der Einzige und sein Eigentum, The Individual and his very Own, to see how his conception is related to that of Nietzsche. I shall quote a few passages from this book which are specially indicative of Stirner's way of thinking:
[ 7 ] «Vorchristliche und christliche Zeit verfolgen ein entgegengesetztes Ziel; jene will das Reale idealisieren, diese das Ideale realisieren, jene sucht den ‹heiligen Geist›, diese den ‹verklärten Leib›. Daher schließt jene mit der Unempfindlichkeit gegen das Reale, mit der ‹Weltverachtung›; diese wird mit der Abwerfung des Idealen, mit der ‹Geistesverachtung› enden...
[ 7 ] “Pre-Christian and Christian times follow opposite goals. The former wish to idealize the real, the latter to realize the ideal. The former looks for the ‘Holy Spirit,’ the latter for the ‘transfigured body.’ For this reason, the former comes to insensitivity toward the real, with contempt for the world; the latter ends with the rejection of ideals, with ‘contempt for the spirit.’
[ 8 ] Wie der Zug der Heiligung oder Reinigung durch die alte Welt geht (die Waschungen und so weiter), so geht der der Verleiblichung durch die christliche: der Gott stürzt sich in diese Welt, wird Fleisch und will sie erlösen, das heißt mit sich erfüllen; da er aber ‹die Idee› oder ‹der Geist› ist, so führt man (zum Beispiel Hegel) am Schlusse die Idee in alles, in die Welt, ein und beweist, ‹dass die Idee, dass Vernunft in allem sei›. Dem, was die heidnischen Stoiker als ‹den Weisen› aufstellten, entspricht in der heutigen Bildung ‹der Mensch›, jener wie dieser ein — fleischloses Wesen. Der unwirkliche ‹Weise›, dieser leiblose ‹Heilige›, der Stoiker, wurde eine wirkliche Person, ein leiblicher ‹Heiliger›, in dem fleischgewordenen Gotte; der unwirkliche ‹Mensch›, das leiblose Ich, wird wirklich werden im leibhaftigen Ich, in Mir.
[ 8 ] “As the stream of sanctification or purification penetrates through the old world (the washings, etc.), so the actual incorporation penetrates into the Christian; the God throws Himself into this world, becomes flesh and redeems it, that is, He fills it with Himself; but since He is ‘the idea’ or ‘the spirit,’ therefore in the end one (for example, Hegel) carries the idea into everything of this world and proves ‘that the idea, that intellect, is within all things.’ Him whom the heathen Stoics represented as ‘the wise one,’ compares with the ‘human being’ in today's culture, and each of them is a bodiless being. The unreal ‘wise one,’ this bodiless ‘holy one,’ of the stories becomes a real person, an embodied holy one, in the God who has become flesh; the unreal ‘human being,’ the bodiless I, becomes reality in the embodied I, in me.
[ 9 ] Daß der Einzelne für sich eine Weltgeschichte ist und an der übrigen Weltgeschichte sein Eigentum besitzt, das geht übers Christliche hinaus. Dem Christen ist die Weltgeschichte das Höhere, weil sie die Geschichte Christi oder ‹des Menschen› ist; dem Egoisten hat nur seine Geschichte Wert, weil er nur sich entwickeln will, nicht die Menschheits-Idee, nicht den Plan Gottes, nicht die Absichten der Vorsehung, nicht die Freiheit und dergleichen. Er sieht sich nicht für ein Werkzeug der Idee oder ein Gefäß Gottes an, er erkennt keinen Beruf an, er wähnt nicht, zur Fortentwicklung der Menschheit dazusein und sein Scherflein dazu beitragen zu müssen, sondern er lebt sich aus, unbesorgt darum, wie gut oder schlecht die Menschheit dabei fahre. Ließe es nicht das Missverständnis zu, als sollte ein Naturzustand gepriesen werden, so könnte man an Lenaus ‹Drei Zigeuner› erinnern. — Was, bin Ich dazu in der Welt, um Ideen zu realisieren? Um etwa zur Verwirklichung der Idee ‹Staat› durch mein Bürgertum das Meinige zu tun, oder durch die Ehe, als Ehegatte und Vater, die Idee der Familie zu einem Dasein zu bringen? Was ficht Mich ein solcher Beruf an! Ich lebe so wenig nach einem Berufe, als die Blume nach einem Berufe wächst und duftet
[ 9 ] “That the individual himself is a world history and possesses in the rest of world history his essential self, transcends the usual Christian thought. To the Christian, world history is made more important because it is the history of Christ or of ‘man;’ for the egotist, only his own history has value because he wishes to develop himself, not the idea of mankind; he does not wish to develop the divine plan, the intentions of divine providence, freedom, and so on. He does not regard himself as an instrument of the idea or as a vessel of God; he acknowledges no profession, does not claim to be here for the further development of mankind, and to add his little mite, but he lives his life in indifference to this, oblivious of how well or how ill mankind itself is faring. If it would not lead to the misunderstanding that a condition of nature was to be praised, one could recall Lenaus' Drei Zigeuner, Three Gypsies:—‘What am I in the world to realize ideas?’—To bring about the realization of the idea, ‘State,’ by doing my bit for citizenship, or by marriage, as husband and father, to bring into existence the idea of family? What matters such a profession to me? I live according to a profession as little as the flower grows and perfumes the air according to a profession.
[ 10 ] Das Ideal ‹der Mensch› ist realisiert, wenn die christliche Anschauung umschlägt in den Satz: ‹Ich, dieser Einzige, bin der Mensch.› Die Begriffsfrage: ‹was ist der Mensch?› — hat sich dann in die persönliche umgesetzt: ‹wer ist der Mensch?› Bei ‹was› suchte man den Begriff, um ihn zu realisieren; bei ‹wer› ist's überhaupt keine Frage mehr, sondern die Antwort im Fragenden gleich persönlich vorhanden: die Frage beantwortet sich von selbst.
[ 10 ] “The ideal of ‘the human being’ is realized when the Christian concept is reversed in the sentence: ‘I, this unique one, am the human being.’ The conceptual question, ‘What is man?’ has then transposed itself into the personal one, ‘Who is man?’ By ‘what,’ one seeks for the concept in order to realize it; with ‘who,’ it is no longer a question at all, but the answer is immediately present within the questioner: the question answers itself.
[ 11 ] Man sagt von Gott: ‹Namen nennen Dich nicht.› Das gilt von Mir: kein Begriff drückt Mich aus, nichts, was man als mein Wesen angibt, erschöpft Mich; es sind nur Namen. Gleichfalls sagt man von Gott, er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach Vollkommenheit zu streben. Auch das gilt allein von Mir.
[ 11 ] “About God one says, ‘Names do not name You.’ That also is valid for the ‘me:’ no concept expresses the ‘me;’ nothing one gives as my being exhausts me; they are only names. Likewise, one says about God that He is perfect and has no obligation to strive for perfection. This also is valid for me alone.
[ 12 ] Eigner bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen weiß. Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewusstseins: Stell' Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:
[ 12 ] “I am the possessor of my own power, and I am this when I know myself to be the unique one. Within this unique one the possessor of self returns again into his creative nothingness, out of which he was born. Each higher being above me, be it God or be it man, weakens the feeling of my uniqueness, and only fades before the sun of the consciousness: If I base my affairs upon myself, upon the individual, then they stand upon the temporal, upon the mortal creator who devours himself, and, I may say:
[ 13 ] ‹Ich hab' mein' Sach' auf nichts gestellt.›»
[ 13 ] ‘I have based my affairs upon nothing.’”
[ 14 ] Dieser auf sich selbst gestellte, nur aus sich heraus schaffende Eigner ist Nietzsches Übermensch.
[ 14 ] This person dependent only upon himself, this possessor of creativity out of himself alone, is Nietzsche's superman.
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[ 15 ] Diese Stirnerschen Gedanken wären das geeignete Gefäß gewesen, in das Nietzsche sein reiches Empfindungsleben hätte gießen können. Statt dessen suchte er in Schopenhauers Begriffswelt die Leiter, auf der er zu seiner Gedankenwelt hinaufkletterte.
[ 15 ] These Stirner thoughts would have been the suitable vessel into which Nietzsche could have poured his rich life of feeling; instead, he looked to Schopenhauer's world of concepts for the ladder upon which he could climb to his own world of thought.
[ 16 ] Aus zwei Wurzeln stammt, nach Schopenhauers Meinung, unsere gesamte Welterkenntnis. Aus dem Vorstellungsleben und aus der Wahrnehmung des Willens, der in uns selbst als Handelnder auftritt. Das «Ding an sich» liegt jenseits der Welt unserer Vorstellung. Denn die Vorstellung ist nur die Wirkung, die das «Ding an sich» auf mein Erkenntnisorgan ausübt. Nur die Eindrücke kenne ich, die die Dinge auf mich machen, nicht die Dinge selbst. Und diese Eindrücke sind eben meine Vorstellungen. Ich kenne keine Sonne und keine Erde, sondern nur ein Auge, das eine Sonne sieht, und eine Hand, die eine Erde fühlt. Der Mensch weiß nur: «dass die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung da ist, das heißt durchweg nur in Beziehung auf ein anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist». (Schopenhauer, «Welt als Wille und Vorstellung», § I.) Aber der Mensch stellt die Welt nicht bloß vor, sondern er wirkt auch in ihr; er wird sich seines Willens bewusst, und er erfährt, dass dasjenige, welches er in sich als Wille empfindet, von außen als Bewegung seines Leibes wahrgenommen werden kann, das heißt der Mensch nimmt sein eigenes Wirken doppelt wahr, von innen als Vorstellung, von außen als Wille. Schopenhauer schließt daraus, dass es der Wille selbst ist, der in der wahrgenommenen Leibesaktion als Vorstellung erscheint. Und er behauptet dann weiter, dass nicht nur der Vorstellung des eigenen Leibes und seiner Bewegungen ein Wille zugrunde liege, sondern dass dies auch bei allen übrigen Vorstellungen der Fall sei. Die ganze Welt ist also, nach Schopenhauers Ansicht, dem Wesen nach Wille und erscheint unserem Intellekt als Vorstellung. Dieser Wille, behauptet Schopenhauer weiter, ist in allen Dingen ein einheitlicher. Nur unser Intellekt verursacht, dass wir eine Mehrheit von besonderen Dingen wahrnehmen.
[ 16 ] Our entire world knowledge stems from two roots, according to Schopenhauer's opinion. It comes out of the life of reflection, and out of the awareness of will, namely, that which appears in us as doer. The “thing in itself” lies on the other side of the world of our reflections. For the reflection is only the effect which the “thing in itself” exercises upon my organ of knowledge. I know only the impressions which the things make upon me, not the things themselves. And these impressions only form my reflections. I know no sun and no earth, but only an eye which sees a sun, and a hand which touches the earth. Man knows only that, “The world which surrounds him is only there as reflection, that is, absolutely in relation to something else: the reflected, which is he himself.” (Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung, World as Will and Reflection, ¶ 1.) However, the human being does not merely reflect the world, but is also active within it; he becomes conscious of his own will, and he learns that what he feels within himself as will can be perceived from outside as movement of his body; that is, the human being becomes aware of his own acts twice: from within as reflection, and from outside as will. Schopenhauer concludes from this that it is the will itself which appears in the perceived body motion as reflection. And he asserts further that not only is the reflection of one's own body and movements based upon will, but that this is also the case behind all other reflections. The whole world then, in Schopenhauer's opinion, according to its very essence, is will, and appears to our intellect as reflection. This will, Schopenhauer asserts, is uniform in all things. Only our intellect causes us to perceive a multitude of differentiated things.
[ 17 ] Durch seinen Willen hängt der Mensch, nach dieser Anschauung, mit dem einheitlichen Weltwesen zusammen. Insofern der Mensch wirkt, wirkt in ihm der einheitliche Urwille. Als einzelne, besondere Persönlichkeit existiert der Mensch nur in seiner eigenen Vorstellung; im Wesen ist er identisch mit dem einheitlichen Weltengrunde.
[ 17 ] According to this point of view, the human being is connected with the uniform world being through this will. Inasmuch as man acts, the uniform, primordial will works within him. Man exists as a unique and special personality only in his own life of reflection; in essence he is identical with the uniform groundwork of the world.
[ 18 ] Nehmen wir an, dass in Nietzsche, als er die Schopenhauersche Philosophie kennen lernte, schon der Gedanke des Übermenschen unbewusst, instinktiv vorhanden war, so konnte ihn diese Willenslehre allerdings nur sympathisch berühren. In dem menschlichen Willen war ihm ein Element gegeben, das den Menschen unmittelbar an der Schöpfung des Weltinhaltes teilnehmen ließ. Als Wollender ist der Mensch nicht bloß ein außerhalb des Weltinhaltes stehender Zuschauer, der sich Bilder des Wirklichen macht, sondern er ist selbst ein Schaffender. In ihm waltet die göttliche Kraft, über die hinaus es keine andere gibt.
[ 18 ] If we assume that as he came to know Schopenhauer's philosophy, the thought of the superman already existed unconsciously, instinctively in Nietzsche, then this teaching of the will could only affect him sympathetically. In the human will Nietzsche found an element which allowed man to take part directly in the creation of the world-content. As the one who wills, man is not merely a Spectator standing outside the world-content, who makes for himself pictures of reality, but he himself is a creator. Within him reigns that divine power above which there is no other.
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[ 19 ] Aus diesen Anschauungen heraus bildeten sich bei Nietzsche die beiden Ideen von der apollinischen und der dionysischen Weltbetrachtung. Sie wendete er auf das griechische Kunstleben an, das er demgemäss aus zwei Wurzeln entstehen ließ: aus einer Kunst des Vorstellens und einer Kunst des Wollens. Wenn der Vorstellende seine Vorstellungswelt idealisiert und seine idealisierten Vorstellungen in Kunstwerken verkörpert, so entsteht die apollinische Kunst. Er verleiht den einzelnen Vorstellungsobjekten dadurch, dass er ihnen die Schönheit einprägt, den Schein des Ewigen. Aber er bleibt innerhalb der Vorstellungswelt stehen. Der dionysische Künstler sucht nicht nur in seinen Kunstwerken die Schönheit auszudrücken, sondern er ahmt selbst das schöpferische Wirken des Weltwillens nach. Er sucht in seinen eigenen Bewegungen den Weltgeist abzubilden. Er macht sich zur sichtbaren Verkörperung des Willens. Er wird selbst Kunstwerk. «Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzusteigen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung.» («Geburt der Tragödie», § 1.) In diesem Zustande vergisst der Mensch sich selbst, er fühlt sich nicht mehr als Individuum, er lässt in sich den allgemeinen Weltwillen walten. In dieser Weise deutet Nietzsche die Feste, die zu Ehren des Gottes Dionysus durch die Dionysusdiener veranstaltet wurden. In dem Dionysusdiener sieht Nietzsche das Urbild des dionysischen Künstlers. Nun stellt er sich vor, dass die älteste dramatische Kunst der Griechen dadurch entstanden ist, dass eine höhere Vereinigung des Dionysischen mit dem Apollinischen sich vollzogen hat. Auf diese Weise erklärt er den Ursprung der ersten griechischen Tragödie. Er nimmt an, dass die Tragödie aus dem tragischen Chore entstanden ist. Der dionysische Mensch wird zum Zuschauer, zum Betrachter eines Bildes, das ihn selbst darstellt. Der Chor ist die Selbstspiegelung eines dionysisch erregten Menschen, das heißt der dionysische Mensch sieht seine dionysische Erregung durch ein apollinisches Kunstwerk abgebildet. Die Darstellung des Dionysischen im apollinischen Bilde ist die primitive Tragödie. Voraussetzung einer solchen Tragödie ist, dass in ihrem Schöpfer ein lebendiges Bewusstsein von dem Zusammenhang des Menschen mit den Urgewalten der Welt vorhanden ist. Ein solches Bewusstsein spricht sich als Mythus aus. Das Mythische muss der Gegenstand der ältesten Tragödie sein. Tritt nun in der Entwicklung eines Volkes der Zeitpunkt ein, wo der zersetzende Verstand das lebendige Gefühl für den Mythus zerstört, so ist der Tod des Tragischen die notwendige Folge.
[ 19 ] Out of these viewpoints within Nietzsche the ideas of the Apollonian and of the Dionysian world conceptions form themselves. He turns these two upon the Greek life of an, letting them develop according to two roots, namely, out of an art of representation and out of an art of willing. When the reflecting human being idealizes his world of reflection and embodies his idealized reflections in works of art, then the Apollonian art arises. He lends the shine of the eternal to the individual objects of reflection, through the fact that he imbues them with beauty. But he remains standing within the world of reflection. The Dionysian artist tries not only to express beauty in his works of art, but he even imitates the creative working of the world will. In his own movements he tries to image the world spirit. He makes himself into a visible embodiment of the will. He himself becomes a work of art. “In singing and dancing, man expresses himself as a member of a higher community; he has forgotten the art of walking and speaking, and is about to fly, to dance up into the air. Out of his gestures this enchantment speaks.” Geburt der Tragödie, Birth of Tragedy, ¶ 1.) In this condition man forgets himself, he no longer feels himself as an individuum; he lets the universal world will reign within him In this way Nietzsche interprets the festivals which were given by the servants of Dionysus in honor of the latter. In the Dionysian servant Nietzsche sees the archetpictures of the Dionysian artist. Now he imagines that the oldest dramatic art of the Greeks came into existence for the reason that a higher union of the Dionysian with the Apollonian had taken place. In this way he explains the origin of the first Greek tragedy. He assumes that the tragedy arose out of the tragic chorus. The Dionysian human being becomes the spectator, the observer of a picture which represents himself. The chorus is the self-reflection of a Dionysically aroused human being, that is, the Dionysian human being sees his Dionysian stimulation reflected through an Apollonian work of art. The presentation of the Dionysian in the Apollonian picture is the primitive tragedy. The assumption of such a tragedy is that in its creator a living consciousness of the connection of man with the primordial powers of the world is present. Such a consciousness expresses itself in the myths. The mythological must be the object of the oldest tragedies. When, in the development of a people the moment arrives that the destructive intellect extinguishes the living feeling for myths, the death of the tragic is the necessary consequence.
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[ 20 ] In der Entwicklung des Griechentums trat, nach Nietzsches Meinung, mit Sokrates dieser Zeitpunkt ein. Sokrates war ein Feind alles instinktiven, mit den Naturgewalten im Bunde stehenden Lebens. Er ließ nur dasjenige gelten, was der Verstand denkend zu beweisen vermag, was lehrbar ist. Damit war dem Mythus der Krieg erklärt. Und der von Nietzsche als Schüler des Sokrates bezeichnete Euripides zerstörte die Tragödie, weil sein Schaffen nicht mehr, wie das des Äschylos, aus den dionysischen Instinkten, sondern aus dem kritischen Verstande entsprang. Statt der Nachbildung der Willensbewegungen des Weltgeistes findet sich bei Euripides die verständige Verknüpfung einzelner Vorgänge innerhalb der tragischen Handlung. Ich frage nicht nach der historischen Rechtfertigung dieser Nietzscheschen Ideen. Er ist ihretwegen von einem klassischen Philologen scharf angegriffen worden. Nietzsches Beschreibung der griechischen Kultur lässt sich vergleichen mit der Schilderung, die ein Mensch von einer Landschaft gibt, die er von dem Gipfel eines Berges aus betrachtet; eine philologische Darstellung mit einer Beschreibung, die der Wanderer gibt, der jedes einzelne Fleckchen besucht. Von dem Berge aus verschiebt sich manches eben nach den Gesetzen der Optik.
[ 20 ] In the development of Greek culture, according to Nietzsche, this moment began with Socrates. Socrates was an enemy of all instinctive life which was bound up with powers of nature. He allowed only that to be valid which the intellect could prove in its thinking, that which was teachable. Through this, war was declared upon the myth, and Euripides, described by Nietzsche as the pupil of Socrates, destroyed tragedy because his creating sprang no longer out of the Dionysian instinct, as did that of Aeschylus, but out of a critical intellect. Instead of the imitation of the movements of the world spirit's will, in Euripides is found the intellectual knitting together of individual events within the tragic action. I do not ask for the historical justification of these ideas of Nietzsche. Because of them he was sharply attacked by a classical philologist. Nietzsche's description of Greek culture can be compared to the picture a man gives of a landscape which he observes from the summit of a mountain; it is a philological presentation of a description which a traveler could give who visits each single little spot. From the top of the mountain many a thing is distorted, according to the laws of optics.
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[ 21 ] Was hier in Betracht kommt, ist die Frage: was für eine Aufgabe stellte sich Nietzsche in seiner «Geburt der Tragödie»? Nietzsche ist der Ansicht, dass die älteren Griechen die Leiden des Daseins sehr gut gekannt haben. «Es geht die alte Sage, dass König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon, bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: ‹Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich, dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das zweitbeste aber ist für dich — bald zu sterben.:» («Geburt der Tragödie», § 3.) In dieser Sage findet Nietzsche eine Grundempfindung der Griechen ausgedrückt. Er hält es für eine Oberflächlichkeit, wenn man die Griechen als das beständig heitere, kindlich tändelnde Volk hinstellt. Aus der tragischen Grundempfindung heraus musste den Griechen der Drang entstehen, etwas zu schaffen, wodurch das Dasein erträglich wird. Sie suchten nach einer Rechtfertigung des Daseins — und fanden diese in ihrer Götterwelt und in der Kunst. Nur durch das Gegenbild der olympischen Götter und der Kunst wurde den Griechen die rauhe Wirklichkeit erträglich. Die Grundfrage in der «Geburt der Tragödie» ist also für Nietzsche: Inwiefern ist die griechische Kunst lebenfördernd, lebenerhaltend gewesen? Nietzsches Grundinstinkt macht sich somit in bezug auf die Kunst als lebensfördernde Macht schon in diesem ersten Werke geltend.
[ 21 ] What comes into consideration here is the question: What task does Nietzsche place before himself in his Geburt der Tragödie, Birth of Tragedy? Nietzsche is of the, opinion that the older Greeks well knew the sufferings of existence. “There is the old story that for a long time King Midas had chased the wise Silenus, the companion of Dionysus, without being able to catch him. When the latter had finally fallen into his hands, the king asked, ‘What is the very best and the most excellent for the human being?’ Then, rigid and immovable, the demon remained, silent, until, forced by the king he finally broke out into shrill laughter with these words: ‘Miserable temporal creature! Child of accident and misery! Why do you force In to tell you what is most profitable for you not to hear? The very best for you is entirely unattainable, namely, not to be born, not to exist, to be nothing. But the second best is for you to die soon.’” (Geburt der Tragödie, Birth of Tragedy, ¶ 3.) In this saying Nietzsche finds a fundamental feeling of the Greeks expressed. He considers it a superficiality when one presents the Greeks as a continually merry, childishly playful people. Out of the tragic feeling of the Greeks had to arise the impulse to create something whereby existence became bearable. They looked for justification of existence, and found this within the world of the Gods and in their art. Only through the counter image of the Olympic Gods and art could raw reality become bearable for the Greeks. The fundamental question in the Geburt der Tragödie, Birth of Tragedy, and for Nietzsche himself is, To what extent does Greek art foster life, and to what extent does it maintain life? Nietzsche's fundamental instinct in regard to art as a life-fostering power, already makes itself known in this first work.
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[ 22 ] Noch ein anderer Grundinstinkt Nietzsches ist in diesem Werke schon zu beobachten. Es ist die Abneigung gegen die bloß logischen Geister, deren Persönlichkeit vollständig unter der Herrschaft ihres Verstandes steht. Aus dieser Abneigung stammt Nietzsches Meinung, dass der sokratische Geist der Zerstörer der griechischen Kultur ist. Das Logische gilt Nietzsche nur als eine Form, in der sich die Persönlichkeit äußert. Wenn zu dieser Form nicht noch andere Äußerungsweisen treten, so erscheint die Persönlichkeit als Krüppel, als Organismus, an dem notwendige Organe verstümmelt sind. Weil Nietzsche in Kants Schriften nur den grübelnden Verstand entdecken konnte, nennt er Kant einen «verwachsenen Begriffskrüppel». Nur wenn die Logik der Ausdruck für die tieferen Grundinstinkte einer Persönlichkeit ist, lässt sie Nietzsche gelten. Sie muss ein Ausfluss des Über-Logischen in der Persönlichkeit sein. Nietzsche hat an der Ablehnung des sokratischen Geistes immer festgehalten. Wir lesen in der «Götzen-Dämmerung»: «Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor allem wird ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der Dialektik oben auf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie stellten bloß.» («Problem des Sokrates», § 5.) Wo nicht kräftige Grundinstinkte für eine Sache sprechen, da tritt der beweisende Verstand ein und sucht sie durch Advokatenkünste zu stützen.
[ 22 ] Still another fundamental instinct of Nietzsche's is to be observed in this work. It is his aversion toward the merely logical spirit, whose personality stands completely under the domination of his intellect. From this aversion stems Nietzsche's opinion that the Socratic spirit was the destroyer of Greek culture. Logic for Nietzsche is merely a form in which a person expresses himself. If no further modes of expression are added to this form, then the personality appears as a cripple, as an organism in which the necessary organs are atrophied. Because in Kant's writings Nietzsche could discover only the pondering intellect, he called Kant a “mis-grown concept cripple.” Only when logic is the means of expression of deeper fundamental instincts of a personality does Nietzsche grant it validity. Logic must be the outflow for the super-logical in a personality. Nietzsche always rejected the Socratic intellect. We read in the Götzendämmerung, Twilight of Idols, “With Socrates the Greek taste reverses in the direction of dialectic; what is it that really happens? Above all, an aristocratic taste is overthrown; the common people get the upper hand with dialectic. Before Socrates, the dialectic manners were rejected in good society; they were considered bad manners, they merely posed.” (Problem of Socrates, ¶ 5.) If powerful fundamental instincts do not uphold a position, then the intellect which has to ‘prove’ sets in, and tries to support the matter by legal artifices.
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[ 23 ] Einen Erneuerer des dionysischen Geistes glaubte Nietzsche in Richard Wagner zu erkennen. Er hat aus diesem Glauben heraus die vierte seiner «Unzeitgemäßen Betrachtungen»: «Richard Wagner in Bayreuth», 1876, geschrieben. Er hielt in dieser Zeit noch an der Deutung des dionysischen Geistes fest, die er sich in Gemäßheit der Schopenhauerschen Philosophie gebildet hatte. Er glaubte noch, dass die Wirklichkeit nur menschliche Vorstellung sei und jenseits dieser Vorstellungswelt das Wesen der Dinge in Form des Urwillens liege. Und der schaffende dionysische Geist war ihm noch nicht der aus sich heraus schaffende, sondern der sich selbst vergessende, in dem Urwollen aufgehende Mensch. Bilder des waltenden Urwillens, von einem an diesen Urwillen hingegebenen dionysischen Geiste geschaffen, waren ihm Wagners Musikdramen.
[ 23 ] Nietzsche believed that in Richard Wagner he recognized a restorer of the Dionysian spirit. Out of this belief he wrote the fourth of his Unzeitgemässen Betrachtungen, Untimely Observations, Richard Wagner in Bayreuth, 1875. During this time he was still a strong believer in the interpretation of the Dionysian spirit which he had constructed for himself with the aid of Schopenhauer's philosophy. He still believed that reality was solely human reflection, and that beyond the world of reflection was the essence of things in the form of primordial will. And the creative Dionysian spirit had not yet become for him the human being creating out of himself, but was the human being forgetting himself and arising out of primordial willing. For him, Wagner's music-dramas were pictures of the ruling primordial will, created by one of those Dionysian spirits abandoned to this same primordial will.
[ 24 ] Und da Schopenhauer in der Musik ein unmittelbares Abbild des Willens sah, so glaubte auch Nietzsche in der Musik das beste Ausdrucksmittel für einen dionysisch schaffenden Geist sehen zu sollen. Die Sprache der zivilisierten Völker schien ihm erkrankt. Sie kann nicht mehr der schlichte Ausdruck der Gefühle sein, denn die Worte mussten allmählich immer mehr dazu verwendet werden, der Ausdruck für die zunehmende Verstandesbildung der Menschen zu werden. Dadurch aber ist die Bedeutung der Worte abstrakt, arm geworden. Sie können nicht mehr ausdrücken, was der aus dem Urwillen heraus schaffende dionysische Geist empfindet. Dieser kann daher in dem Wortdrama sich nicht mehr aussprechen. Er muss andere Ausdrucksmittel, vor allem die Musik, aber auch die anderen Künste zu Hilfe rufen. Der dionysische Geist wird zum dithyrambischen Dramatiker, «diesen Begriff so voll genommen, dass er zugleich den Schauspieler, Dichter, Musiker umfasst». «Wie man sich nun auch die Entwicklung des Urdramatikers vorstellen möge, in seiner Reife und Vollendung ist er ein Gebilde ohne jede Hemmung und Lücke: der eigentlich freie Künstler, der gar nicht anders kann, als in allen Künsten zugleich denken, der Mittler und Versöhner zwischen scheinbar getrennten Sphären, der Wiederhersteller einer Ein- und Gesamtheit des künstlerischen Vermögens, welches gar nicht erraten und erschlossen, sondern nur durch die Tat gezeigt werden kann.» («Richard Wagner in Bayreuth», § 7.) Als dionysischen Geist verehrte Nietzsche Richard Wagner. Und nur in dem von Nietzsche in der eben genannten Schrift angegebenen Sinne kann Wagner als dionysischer Geist bezeichnet werden. Seine Instinkte sind auf das Jenseits gerichtet; er will die Stimme des Jenseits durch seine Musik erklingen lassen. Ich habe bereits (S. 84f.) darauf hingewiesen, dass sich Nietzsche später selbst fand und imstande war, seine auf das Diesseits gerichteten Instinkte in ihrer Eigenart zu erkennen. Er hatte ursprünglich die Wagnersche Kunst missverstanden, weil er sich selbst missverstanden hatte, weil er seine Instinkte durch die Schopenhauersche Philosophie hatte tyrannisieren lassen. Wie ein Krankheitsprozess erschien ihm später diese Unterordnung seiner Instinkte unter eine fremde Geistesmacht. Er fand, dass er auf seine Instinkte nicht gehört hatte und sich durch eine ihm unangemessene Meinung hatte verführen lassen, eine Kunst auf diese Instinkte wirken zu lassen, die ihnen nur zum Nachteil gereichen konnte, die sie krank machen musste.
[ 24 ] And since Schopenhauer saw in music an immediate image of the will, Nietzsche also believed that he should see in music the best means of expression for a Dionysian creative spirit. To Nietzsche, the language of civilized people appears sick. It can no longer be the simple expression of feelings, because words must gradually be used more and more to express the increasing intellectual conditioning of the human being. But, because of this, the meaning of words has become abstract, has become poor. They can no longer express what the Dionysian spirit feels, who creates out of this primordial will. The Dionysian spirit, therefore, is no longer able to express himself in the dramatic element in words. He must call upon other means of expression to help, above all, upon music, but also upon other arts. The Dionysian spirit becomes a dithyrambic dramatist. This concept “is so all encompassing that it includes at the; same time, the dramatist, the poet, the musician” ... “Regardless how one may imagine the development of the archetypal dramatist, in his maturity and completeness he is a figure without any hindrances whatsoever and without any gaps; he is the really free artist, who can do nothing but think in all the arts at the same time, the mediator and conciliator between apparently separate spheres, the reconstructor of a unity and totality of artistic possibilities which cannot be at all conjectured or inferred, but can be shown only through the deed.” (Richard Wagner in Bayreuth, ¶ 7) Nietzsche revered Richard Wagner as a Dionysian spirit, and Richard Wagner can only be described as a Dionysian spirit as Nietzsche represented the latter in the above mentioned work. His instincts are turned toward the beyond; he wants to let the voice of the beyond ring forth in his music. I have already indicated that later Nietzsche found and could recognize those of his instincts which by their own nature were directed toward this world. He had originally misunderstood Wagner's art because he had misunderstood himself, because he had allowed his instincts to be tyrannized by Schopenhauer's philosophy. This subordination of his own instincts to a foreign spirit power appeared to him later like a sickness. He discovered that he had not listened to his instincts, and had allowed himself to be led astray by an opinion which was not in accord with his, that he had allowed an art to work upon these instincts which could only be to their disadvantage, and which finally had to make them ill.
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[ 25 ] Nietzsche hat den Einfluss, den die seinen Grundtrieben widersprechende Schopenhauersche Philosophie auf ihn genommen, selbst geschildert in seiner dritten «Unzeitgemäßen Betrachtung», «Schopenhauer als Erzieher» (1874), zu einer Zeit, als er noch an diese Philosophie glaubte. Nietzsche suchte einen Erzieher. Der rechte Erzieher kann nur der sein, der auf den zu Erziehenden so wirkt, dass dessen innerster Wesenskern sich aus der Persönlichkeit heraus entwickelt. Auf jeden Menschen wirkt seine Zeit mit ihren Kulturmitteln ein. Er nimmt auf, was die Zeit an Bildungsstoff bietet. Aber es frägt sich, wie er sich inmitten dieses von außen auf ihn Eindringenden selbst finden kann; wie er das aus sich herausspinnen kann, was er und nur er und kein anderer sein kann. «Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge seinem Gewissen, welches ihm zuruft: ‹sei du selbst! Das bis du alles nicht, was du jetzt tust, meinst, begehrst»:, so spricht der Mensch zu sich, der eines Tages findet, dass er sich immer nur damit begnügt hat, Bildungsstoff außen aufzunehmen. («Schopenhauer als Erzieher», § 1.) Nietzsche fand sich selbst, wenn auch zunächst noch nicht in seiner ihm ureigensten Gestalt, durch das Studium der Schopenhauerschen Philosophie. Nietzsche strebte unbewusst danach, einfach und ehrlich seinen Grundtrieben gemäß sich auszusprechen. Er fand um sich nur Menschen, die in den Bildungsformeln der Zeit sich ausdrückten, die ihr eigenes Wesen durch diese Formeln verhüllten. In Schopenhauer fand Nietzsche aber einen Menschen, der den Mut hatte, seine persönlichen Empfindungen der Welt gegenüber zum Inhalte seiner Philosophie zu machen: «Das kräftige Wohlgefühl des Sprechenden» umfing Nietzsche beim ersten Lesen von Schopenhauers Sätzen. «Hier ist eine immer gleichartige stärkende Luft, so fühlen wir; hier ist eine gewisse unnachahmliche Unbefangenheit und Natürlichkeit, wie sie Menschen haben, die in sich zu Hause und zwar in einem sehr reichen Hause Herren sind: im Gegensatze zu den Schriftstellern, welche sich selbst am meisten wundern, wenn sie einmal geistreich waren, und deren Vortrag dadurch etwas Unruhiges und Naturwidriges bekommt.» «Schopenhauer redet mit sich: oder wenn man sich durchaus einen Zuhörer denken will, so denke man sich den Sohn, welchen der Vater unterweist. Es ist ein redliches, derbes, gutmütiges Aussprechen, vor einem Hörer, der mit Liebe hört.» («Schopenhauer», § 2.) Dass er einen Menschen, der sich seinen innersten Instinkten gemäß ausspricht, reden hörte, das war es, was Nietzsche zu Schopenhauer hinzog.
[ 25 ] Nietzsche himself described the influence which Schopenhauer's philosophy, which was antagonistic to his basic impulses, had made upon him. He described it when he still believed in this philosophy, in his third Unzeitgemässen Betrachtung, Schopenhauer als Erzieher, Untimely Observations, Schopenhauer as Educator (1874) at a time when Nietzsche was looking for a teacher. The right teacher can only be one who works upon the pupil in such a way that the inmost kernel of the pupil's being develops out of the personality. Every human being is influenced by the cultural media of the time in which he lives. He takes into himself what the time has to offer in educational material. But the question is, how can he find himself in the midst of all that is pressing in upon him from outside; how can he spin out of himself what he, and only he, and nobody else can be. “The human being who does not wish to belong to the masses needs only to stop being comfortable with himself; he should follow his voice of conscience which calls to him, Be yourself! That is not innately you, that which you are now doing, now intending, now desiring! Thus speaks the human being to himself, who one day discovers that he has always been satisfied to take educational material into himself from outside.” (opus cit, ¶ 1) Through the study of Schopenhauer's philosophy, Nietzsche found himself nevertheless, even if not yet in his most essential selfhood. Nietzsche strove unconsciously to express himself simply and honestly, according to his own basic impulses. Around him he found only people who expressed themselves in the educational formulas of their time, who hid their essential being behind these formulas. But in Schopenhauer Nietzsche discovered a human being who had the courage to make his personal feelings regarding the world into the content of his philosophy: “the hearty well being of the speaker” surrounded Nietzsche at the first reading of Schopenhauer's sentences. “Here is an harmonious, strengthening air; this is what we feel; here is a certain inimitable unreservedness and naturalness, as in those people who feel at home with themselves, and indeed are masters of a very rich home, in contrast to those writers who admire themselves most when they have been intellectual and whose writing thereby receives something restless and contrary to nature.” “Schopenhauer speaks with himself, or, if one absolutely must imagine a listener, then one should imagine a son whom the father instructs. It is a hearty, rough, good-natured expressing of one's mind to a listener who listens with love.” (Schopenhauer ¶ 2) What attracted Nietzsche to Schopenhauer was that he heard a human being speak who expressed his innermost instincts.
[ 26 ] Nietzsche sah in Schopenhauer eine starke Persönlichkeit, die nicht durch die Philosophie in einen bloßen Verstandesmenschen umgewandelt wird, sondern die das Logische nur zum Ausdrucke des Überlogischen, des Instinktiven in sich macht. «Die Sehnsucht nach starker Natur, nach gesunder und einfacher Menschheit war bei ihm eine Sehnsucht nach sich selbst,. und sobald er die Zeit ~ sich besiegt hatte, musste er auch, mit erstauntem Auge, den Genius in sich erblicken.» («Schopenhauer», § 3.) In Nietzsches Geist arbeitete schon damals das Streben nach der Idee des Übermenschen, der sich selbst sucht, als den Sinn seines Daseins, und einen solchen Suchenden fand er in Schopenhauer. In solchen Menschen sieht er den Zweck, und zwar den einzigen Zweck des Weltdaseins erreicht; die Natur scheint ihm an einem Ziele angekommen zu sein, wenn sie einen solchen Menschen hervorgebracht hat. «Die Natur, die nie springt, macht [hier] ihren einzigen Sprung, und zwar einen Freudensprung, denn sie fühlt sich zum erstenmal am Ziele, dort nämlich, wo sie begreift, dass sie verlernen müsse, Ziele zu haben.» («Schopenhauer», § 5.) In diesem Satze liegt der Keim zur Konzeption des Übermenschen. Nietzsche wollte, als er diesen Satz niederschrieb, schon genau dasselbe, was er später mit seinem Zarathustra wollte; aber ihm fehlte noch die Kraft, dieses Wollen in einer eigenen Sprache auszusprechen. Er sah schon, als er sein Schopenhauerbuch schrieb, den Grundgedanken der Kultur in der Erzeugung des Übermenschen.
[ 26 ] Nietzsche saw in Schopenhauer a strong personality who was not transformed through philosophy into a mere intellectual, but a personality who made use of logic merely to express the super-logic, the instinctive in himself. “His yearning for a stronger nature, for a healthier and simpler mankind, was a yearning for himself, and as soon as he had conquered his time within himself, then with astonished eyes, he had to see the genius within himself.” (Schopenhauer ¶ 3.) Already in those days the striving after the idea of the superman who searches for himself as the meaning of his own existence was working in Nietzsche's mind, and such a searcher he found in Schopenhauer. In such human beings he saw the purpose, indeed, the only purpose of, world existence; nature appeared to him to have reached a goal when she brought forth such a human being. Here “Nature, who never leaps, has made her only jump, and indeed a jump of joy, for she feels herself for the first time) at the goal, where she comprehends that she must abandon having goals.” (Schopenhauer ¶ 5) In this sentence lies the kernel of the conception of the superman. When he wrote this sentence Nietzsche wanted exactly the same thing that he later wanted from his Zarathustra, but he still lacked the power to express this desire in his own language. Already at the time when he wrote his Schopenhauer book, he saw in his conception of the superman, the fundamental idea of culture.
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[ 27 ] In der Entwicklung der persönlichen Instinkte der Einzelmenschen sieht also Nietzsche das Ziel aller menschlichen Entwicklung. Was dieser Entwicklung entgegenarbeitet, erscheint ihm als die eigentlichste Versündigung an der Menschheit. Es gibt aber etwas im Menschen, das auf ganz natürliche Weise seiner freien Entwicklung widerstrebt. Der Mensch lässt sich nicht allein durch die in jedemKräfte des schwachen Menschen aber werden durch den historischen Sinn ausgelöscht. Um den Grad zu bestimmen und durch ihn dann die Grenze, «an der das Vergangene vergessen werden muss, wenn es nicht zum Totengräber des Gegenwärtigen werden soll, müsste man genau wissen, wie groß die plastische Kraft eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur ist; ich meine jene Kraft, aus sich heraus eigenartig zu einzelnen Augenblicke in ihm tätigen Triebe bestimmen, sondern auch durch alles das, was in seinem Gedächtnisse sich angesammelt hat. Der Mensch erinnert sich an seine eigenen Erlebnisse, er sucht sich ein Bewusstsein der Erlebnisse seines Volkes, Stammes, ja der ganzen Menschheit durch den Betrieb der Geschichte zu verschaffen. Der Mensch ist ein historisches Wesen. Die Tiere leben unhistorisch; sie folgen den Trieben, die in dem einzelnen Augenblicke in ihnen wirken. Der Mensch lässt sich durch seine Vergangenheit bestimmen. Wenn er irgend etwas unternehmen will, frägt er sich: welche Erfahrungen habe ich oder ein anderer mit einem ähnlichen Unternehmen schon gemacht? Der Antrieb zu einer Handlung kann durch die Erinnerung an ein Erlebnis vollständig abgetötet werden. Für Nietzsche entsteht aus der Beobachtung dieser Tatsache die Frage: inwiefern wirkt das Erinnerungsvermögen des Menschen auf sein Leben fördernd, und inwiefern wirkt es nachteilig ein? Die Erinnerung, die auch Dinge zu umfassen sucht, die der Mensch nicht selbst erlebt hat, lebt als historischer Sinn, als Studium des Vergangenen in dem Menschen. Nietzsche fragt: inwiefern wirkt der historische Sinn lebenfördernd? Die Antwort auf diese Frage sucht er zu geben in seiner zweiten «Unzeitgemäßen Betrachtung»: «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben» (1874). Die Veranlassung zu dieser Schrift war Nietzsches Wahrnehmung, dass der historische Sinn bei seinen Zeitgenossen, namentlich bei den Gelehrten unter denselben, ein hervorstechendes Charaktermerkmal geworden war. Die Vertiefung in die Vergangenheit fand Nietzsche überall gepriesen. Nur durch Erkenntnis der Vergangenheit soll der Mensch imstande sein, zu unterscheiden, was ihm möglich, was ihm unmöglich ist: dieses Glaubensbekenntnis drang ihm in die Ohren. Nur wer weiß, wie sich ein Volk entwickelt hat, kann ermessen, was für seine Zukunft förderlich ist: diesen Ruf hörte Nietzsche. Ja selbst die Philosophen wollten nicht mehr Neues erdenken, sondern lieber die Gedanken ihrer Vorfahren studieren. Dieser historische Sinn wirkt lähmend auf das gegenwärtige Schaffen. Wer bei jedem Impuls, der sich in ihm regt, erst zu bestimmen sucht, wozu ein ähnlicher Impuls in der Vergangenheit geführt hat, in dem erschlaffen die Kräfte, bevor sie gewirkt haben. «Denkt euch das äußerste Beispiel, einen Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht besäße, der verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in bewegte Punkte auseinander fließen und verliert sich in diesem Strome des Werdens ... Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen würde, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholtem Wiederkäuen fortleben sollte.» («Historie», § i.) Nietzsche ist der Meinung, dass der Mensch nur so viel Geschichte vertragen kann, als dem Maße seiner schöpferischen Kräfte entspricht. Die starke Persönlichkeit führt ihre Intentionen aus, trotzdem sie sich an die Erlebnisse der Vergangenheit erinnert, ja sie wird vielleicht gerade durch die Erinnerung an diese Erlebnisse eine Stärkung ihrer Kraft erfahren. Die wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben». («Historie», § I.)
[ 27 ] In the development of the personal instincts of the single human being, Nietzsche sees the goal of all human development. What works contrary to this development appears to him as the fundamental sin against mankind. But there is something within the human being which rebels in a quite natural way against his free development. The human being does not allow himself to be led only by his impulses, which are always active within him at every single moment, but also by all that he has collected in his memory. The human being remembers his own experiences. He tries to create for himself a consciousness of the experiences of his nation, his tribe, yes, of all mankind through the course of history. Man is an historical being. The animals live unhistorically: they follow impulses which are active within them at one single moment. Man lets himself be determined through his past. When he wants to undertake something he asks himself, What have I or someone else already experienced with a similar undertaking? Through the recollection of an experience the stimulus for an action can be completely killed. From the observation of this fact, the question arises for Nietzsche: To what extent does the human being's memory capacity benefit his life, and to what extent does it work to his disadvantage? The recollection which tries to encompass things which the human being himself has not experienced, lives within him as an historical sense, as study of the past. Nietzsche asks, To what extent does the historical sense foster life? He tries to give the answer to this question in his second Unzeitgemässen Betrachtung, Von Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Untimely Observations, On the Advantage and Disadvantage of History for Life (1873). The occasion for this writing was Nietzsche's perception that the historical sense among his contemporaries, especially among the scholars, had become an outstanding characteristic. To probe deeply into the past: this type of study Nietzsche found praised everywhere. Only through knowledge of the past was man to gain the capacity to differentiate between what is possible and what is impossible for him; this confession of faith drummed itself into his ears. Only the one who knows how a nation has developed can estimate what is advantageous for its future; this cry Nietzsche heard. Yes, even the philosophers wished to think up nothing new, but would rather study the thoughts of their ancestors. This historical sense worked paralysingly upon the creativity of the present. In the one who, with every impulse that stirs within him, has to determine first to what end a similar impulse has led in the past, the forces are lamed before they have become active. “Imagine the extreme example of a human being who simply does not possess the power to forget, who is condemned to see a coming into being everywhere; such a man no longer would believe in his own being, he would no longer believe in himself; he would see everything diffusing in moving fragments, and would lose himself in this stream of becoming. ... Forgetting is a part of all actions, just as not only light, but also darkness is a part of all organic life. A human being who would wish to feel only historically through and through, would be similar to the human being who is forced to do without sleep, or the animal who is compelled to live only by chewing the cud, over and over again.” (History, ¶ 1) Nietzsche is of the opinion that the human being can stand only as much history as is in accordance with his creative forces. The strong personality carries out his intention in spite of the fact that he remembers the experiences of the past; yes, perhaps just because of the recollection of these experiences, he would experience a strengthening of his forces. But the forces of the weak person are erased by this historical sense. To determine the extent, and through that the boundary “where the past must be forgotten if it is not to become the grave-digger of the present, one would have to know exactly the extent of the plastic forces of a human being, of a nation, of a culture; I mean, that power to grow out of oneself in a unique way, to transform and to incorporate the past and the foreign.” (History ¶ 1.)
[ 28 ] Nietzsche ist der Ansicht, dass das Historische nur insofern gepflegt werden soll, als es für die Gesundheit eines Einzelnen, eines Volkes oder einer Kultur nötig ist. Worauf es ihm ankommt, ist: «besser lernen, Historie zum Zwecke des Lebens zu treiben!» («Historie», § 1.) Er spricht dem Menschen das Recht zu, die Geschichte so zu treiben, dass sie möglichst zur Förderung der Antriebe einer bestimmten Gegenwart wirkt. Von diesem Gesichtspunkte aus ist er ein Gegner jener Geschichtsbetrachtung, die nur in der «historischen Objektivität» ihr Heil sucht, die nur sehen und erzählen will, wie es in der Vergangenheit «tatsächlich» zugegangen ist, die nur «die ‹reine folgenlose: Erkenntnis oder, deutlicher, die Wahrheit, bei der nichts herauskommt», sucht («Historie», § 6.) Eine solche Betrachtung kann nur aus einer schwachen Persönlichkeit entspringen, deren Empfindungen nicht flut- und ebbe-artig auf- und abwogen, wenn sie den Strom der Ereignisse an sich vorübergehen sieht. Eine solche Persönlichkeit «ist zum nachtönenden Passivum geworden, das durch sein Ertönen wieder auf andre derartige Passiva wirkt: bis endlich die ganze Luft einer Zeit von solchen durcheinander schwirrenden zarten und verwandten Nachklängen erfüllt ist». («Historie», § 6.) Dass aber eine solche schwache Persönlichkeit wirklich die Kräfte nachempfinden kann, die in den Menschen der Vergangenheit gewaltet haben, glaubt Nietzsche nicht: «Doch scheint es mir, dass man gleichsam nur die Obertöne jedes originalen geschichtlichen Haupttons vernimmt: das Derbe und Mächtige des Originals ist aus dem sphärisch-dünnen und spitzen Saitenklange nicht mehr zu erraten. Dafür weckte der Originalton meistens Taten, Nöte, Schrecken, dieser lullt uns ein und macht uns zu weichlichen Genießern; es ist, als ob man die heroische Symphonie für zwei Flöten eingerichtet und zum Gebrauch von träumenden Opiumrauchern bestimmt habe.» («Historie», § 6.) Nur der kann die Vergangenheit wirklich verstehen, der auch in der Gegenwart machtvoll lebt, der kräftige Instinkte hat, durch die er die Instinkte der Vorfahren erraten und erschließen kann. Dieser kümmert sich weniger um das Tatsächliche, als um das, was aus den Tatsachen sich erraten lässt. «Es wäre eine Geschichtsschreibung zu denken, die keinen Tropfen der gemeinen empirischen Wahrheit in sich hat und doch im höchsten Grade auf das Prädikat der Objektivität Anspruch machen dürfte.» («Historie», §6.) Der Meister einer solchen Geschichtsschreibung wäre der, der überall in den historischen Personen und Ereignissen das aufsuchte, was hinter dem bloß Tatsächlichen steckt. Dazu muss er aber ein mächtiges Eigenleben führen, denn Instinkte und Triebe kann man unmittelbar nur an der eigenen Person beobachten. «Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart dürft ihr das Vergangne deuten: nur in der stärksten Anspannung eurer edelsten Eigenschaften werdet ihr erraten, was in dem Vergangnen wissens- und bewahrungswürdig und groß ist. Gleiches durch Gleiches! Sonst zieht ihr das Vergangne zu euch nieder.» «Also: Geschichte schreibt der Erfahrene und Überlegene. Wer nicht einiges größer und höher erlebt hat als alle, wird auch nichts Großes und Hohes aus der Vergangenheit zu deuten wissen.» («Historie», § 6.)
[ 28 ] Nietzsche is of the opinion that the historical should be cultivated only to the extent that it is necessary for the health of an individual, of a nation, or of a culture. What is important to him is “to learn more about making history of life.” (History, ¶ 1) He attributes to the human being the right to cultivate history in a way that produces, if possible, a fostering of the impulses of a certain moment, of the present. From this point of view he is an opponent of the other attitude toward history which seeks its salvation only in “historical objectivity,” which wants only to see and relate what happened in the past “factually,” which seeks only for the “pure, inconsequential” knowledge, or more clearly, “the truth from which nothing develops.” (History, ¶ 6) Such an observation can come only from a weak personality, whose feelings do not move with the ebb and flow when it sees the stream of happenings pass by it. Such a personality ”has become a re-echoing passivism, which through its resounding, reacts upon other similar passiva, until finally the entire air of an age is filled with a confused mass of whirring, delicate, related after-tones.” (History, ¶ 6) But that such a weak personality could re-experience the forces which had been active in the human being of the past, Nietzsche does not believe: “Yet it seems to me that in a certain way one hears only the overtones of each original and historical chief tone; the sturdiness and might of the original is no longer distinguishable from the spherically thin and pointed sound of the strings. While the original tone arouses us to deeds, tribulations, terrors, the latter lulls us to sleep and makes us weak enjoyers; it is as if one had arranged an heroic symphony for two flutes, and had intended it for the use of dreaming opium smokers.” (History, ¶ 6) Only he can truly understand the past who is able to live powerfully in the present, who has strong instincts through which he can discern and understand the instincts of the ancestors. He pays less attention to the factual than to what can be deduced from the facts. “It would be to imagine a writing of history which contained not the least drop of ordinary empirical truth, and yet could make the highest demands upon the predicate of objectivity.” (History, ¶ 6) He would be the master of such historical writing who had searched everywhere among the historical personages and events for what lies hidden behind the merely factual. But to accomplish this he must lead a strong individual life, because one can observe instincts and impulses directly only within one's own person. “Only out of the strongest power of the present may you interpret the past; only when you apply the strongest exertion of your most noble traits of character will you divine what is worthy to be known and to be preserved from the past, and what is great. Like through like! Otherwise you draw what is passed down to yourselves.” “The experienced and thoughtful writes all history. The one who has not experienced something greater and higher than others also will not know how to interpret something great and high out of the past.” (History, ¶ 6)
[ 29 ] Dem Überhandnehmen des historischen Sinnes in der Gegenwart gegenüber macht Nietzsche geltend, «dass der Mensch vor allem zu leben lerne, und nur im Dienste des erlernten Lebens die Historie gebrauche». («Historie», § 10.) Er will vor allen Dingen eine «Gesundheitslehre des Lebens», und die Historie soll nur insoweit getrieben werden, als sie einer solchen Gesundheitslehre förderlich ist.
[ 29 ] In regard to the growing importance of the historic sense in the present, Nietzsche judges, “That the human being learn above all to live and to use history only in the service of the life which has been experienced.” (History, ¶ 10) He wants above all things a “teaching of health for life,” and history should be cultivated only to the extent that it fosters such a teaching of health.
[ 30 ] Was ist an der Geschichtsbetrachtung lebenfördernd? Diese Frage stellt Nietzsche stellt Nietzsche in seiner «Historie», und er steht damit bereits auf dem Boden, den er in dem S. 20 f. angeführten Satz aus «Jenseits von Gut und Böse» bezeichnet.
[ 30 ] What is life-fostering in such an observation of history? This is the question Nietzsche asks in his History, and with this question he stands already at the place which he described in the above-mentioned sentence from Jenseits von Gut und Böse, Beyond Good and Evil, page 9.
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[ 31 ] In besonders starkem Grade wirkt der gesunden Entwicklung der Eigenpersönlichkeit jene Gesinnung entgegen, die in dem bürgerlichenPhilister zur Erscheinung kommt. Ein Philister ist der Gegensatz zu einem Menschen, der in dem freien Ausleben seiner Anlagen Befriedigung findet. Der Philister will dieses Ausleben nur insoweit gelten lassen, als es einem gewissen Durchschnittsmaß der menschlichen Begabung entspricht. So lange der Philister innerhalb seiner Grenzen bleibt, ist gegen ihn nichts einzuwenden. Wer ein Durchschnittsmensch bleiben will, der hat das mit sich abzumachen. Nietzsche fand unter seinen Zeitgenossen solche, die ihre philisterhafte Gesinnung zur Normalgesinnung für alle Menschen machen wollten, die ihre Philisterhaftigkeit als das einzige, wahre Menschentum ansahen. Zu ihnen rechnet er Dav. Friedr. Strauß, den Ästhetiker Friedr. Theodor Vischer und andere. Vischer, glaubt er, habe das Philisterbekenntnis unumwunden abgelegt in einer Rede, die er zum Andenken Hölderlins gehalten hat. Er sieht es in den Worten: «Er (Hölderlin) war eine der unbewaffneten Seelen, er war der Werther Griechenlands, ein hoffnungslos Verliebter; es war ein Leben voll Weichheit und Sehnsucht, aber auch Kraft und Inhalt war in seinem Willen, und Größe, Fülle und Leben in seinem Stil, der da und dort sogar an Äschylus gemahnt. Nur hatte sein Geist zu wenig vom Harten; es fehlte ihm als Waffe der Humor; er konnte es nicht ertragen, dass man noch kein Barbar ist, wenn man ein Philister ist.» («David Strauß», § z.) Der Philister will hervorragenden Menschen nicht geradezu die Existenzberechtigung absprechen; aber er meint: sie gehen an der Wirklichkeit zugrunde, wenn sie sich nicht abzufinden wissen mit den Einrichtungen, die der Durchschnittsmensch seinen Bedürfnissen entsprechend geschaffen hat. Diese Einrichtungen seien einmal das Einzige, was wirklich, was vernünftig ist, und in sie müsse sich auch der große Mensch fügen. Aus dieser Philistergesinnung heraus hat David Strauß sein Buch «Der alte und der neue Glaube» geschrieben. Gegen dieses Buch oder vielmehr gegen die in ihm zum Ausdruck gekommene Gesinnung wendet sich die erste der Nietzscheschen «Unzeitgemäßen Betrachtungen»: «David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller» (1873). Der Eindruck der neueren naturwissenschaftlichen Errungenschaften auf den Philister ist ein solcher, dass er sagt: «Der christliche Ausblick auf ein unsterbliches, himmlisches Leben ist, samt den anderen Tröstungen [der christlichen Religion], unrettbar dahingefallen.» («David Strauß», § 4.) Er will sich das Leben auf der Erde gemäß den Vorstellungen der Naturwissenschaft behaglich, das heißt so behaglich, wie es dem Philister entspricht, einrichten. Nun zeigt der Philister, wie man glücklich und zufrieden sein kann, trotzdem man weiß, dass kein höherer Geist über den Sternen waltet, sondern die starren, gefühllosen Kräfte der Natur über alles Weltgeschehen herrschen. «Wir haben während der letzten Jahre lebendigen Anteil genommen an dem großen nationalen Krieg und der Aufrichtung des deutschen Staates, und wir finden uns durch diese so unerwartete als herrliche Wendung der Geschicke unsrer vielgeprüften Nation im Innersten erhoben. Dem Verständnis dieser Dinge helfen wir durch geschichtliche Studien nach, die jetzt mittels einer Reihe anziehend und volkstümlich geschriebener Geschichtswerke auch dem Nichtgelehrten leicht gemacht sind; dabei suchen wir unsere Naturerkenntnisse zu erweitern, wozu es an gemeinverständlichen Hilfsmitteln gleichfalls nicht fehlt; und endlich finden wir in den Schriften unsrer großen Dichter, bei den Aufführungen der Werke unsrer großen Musiker eine Anregung für Geist und Gemüt, für Phantasie und Humor, die nichts zu wünschen übrig lässt. So leben wir, so wandeln wir beglückt.» (Strauß, «Der alte und neue Glaube», § 88.)
[ 31 ] The soul mood of the bourgeois Philistine works especially strongly against the sound development of the basic personality. A Philistine is the opposite of a human being, who finds his satisfactions in the free expression of his native capacities. The Philistine will grant validity to this expression only to the extent that it adapts to a certain average of human ability. As long as the Philistine remains within his boundaries, no objection is to be made against him. The one who wants to remain an average human being will have to settle this with himself. Among his contemporaries Nietzsche found those who wanted to make their narrow-minded soul mood the normal soul mood of all men; who regarded their narrow-mindedness as the only true humanity. Among these he counted David Friedrich Strauss, the aesthete, Friedrich Theodore Vischer, and others. He thinks Vischer, in a lecture which the latter held in memory of Holderlin, set aside this Philistine faith without conquering it. He sees this in these words: “He, (Holderlin) was one of those unarmed souls, he was the Werther of Greece, hopelessly in love; it was a life full of softness and yearning, but also strength and content was in his willing, and greatness, fullness, and life in his style, which reminds one here and there of Aeschylus. However, his spirit had too little hardness: it lacked humor as a weapon; he could not tolerate it that one was not a barbarian if one was a Philistine.” (David Strauss, ¶ 2) The Philistine will not exactly discount the right to existence of the outstanding human beings, but he means that they will die because of reality, if they do not know how to come to terms with the adaptations which the average human being has made regarding his requirements. These adaptations are once and for all the only thing which is real, which is sensible, and into these the great human being must also fit himself. Out of this narrow-minded mood has David Strauss written his book, Der alte und der neue Glaube, The Old and the New Faith. Against this book, or rather, against the mood which comes to expression in this book, is directed the first of Nietzsche's Unzeitgemässen Betrachtungen, David Strauss, der Bekenner und Schriftsteller, Untimely Observations: David Strauss, the Adherer and Writer (1873). The impression of the newer natural scientific achievements upon the Philistine is of such a nature that he says, “The Christian point of view of an immortal heavenly life, along with all the other comforts of the Christian religion, has collapsed irretrievably.” (David Strauss, ¶ 4) He will arrange his life on earth comfortably, according to the ideas of natural science; that is so comfortably that it answers the purposes of the Philistine. Now the Philistine shows that one can be happy and satisfied despite the fact that one knows that no higher spirit reigns over the stars, but that only the bleak, insensate forces of nature rule over all world events. “During these last years we have taken active part in the great national war and the setting up of the German State, and we find ourselves elated in our inmost being by this unexpected, majestic turn of events concerning our heavily-tried nation. We further the understanding of these matters by historical studies which nowadays, through a series of attractive and popular historical books, is made simple for the layman as well; in addition, we try to broaden our knowledge of natural science, for which also there is no lack of generally understandable material; and finally, we discover in the writings of our great poets, in the performances of the works of our great musicians, a stimulation for spirit and soul, for fantasy and humor, which leaves nothing to be desired. Thus we live, thus we travel, full of joy.” (Strauss, Der alte und neue Glaube, The Old and New Faith, ¶. 88)
[ 32 ] Es ist das Evangelium des trivialsten Lebensgenusses, das aus diesen Worten spricht. Alles, was über das Triviale hinausgeht, nennt der Philister ungesund. Strauß sagt von der «Neunten Symphonie» Beethovens, dass diese nur bei denen beliebt sei, welchen «das Barocke als das Geniale, das Formlose als das Erhabene gilt» («Der alte und neue Glaube», § 109); von Schopenhauer weiß der Messias des Philistertums zu verkünden, dass man an eine so «ungesunde und unersprießliche» Philosophie wie die Schopenhauersche keine Gründe, sondern höchstens nur Worte und Scherze verschwenden dürfe. («David Strauß», § 6.) Gesund nennt der Philister nur das, was der Durchschnittsbildung entspricht.
[ 32 ] The gospel of the most trivial enjoyment of life speaks, from these words. Everything that goes beyond the trivial, the Philistine calls unsound. About the Ninth Symphony of Beethoven, Strauss says that this work is only popular with those for whom “the baroque stands as the talented, the formless as the noble” (Der alte und neue Glaube, The Old and New Faith, ¶ 109); about Schopenhauer, the Messiah of Philistinism knows enough to announce that for such an “unsound and unprofitable” philosophy as Schopenhauer's, one should waste no proofs, but quips and sallies alone are suitable. (David Strauss, ¶ 6) By sound, the Philistine means only what accords with the average education.
[ 33 ] Als sittliches Urgebot stellt Strauß den Satz auf: «Alles sittliche Handeln ist ein Sich-bestimmen des Einzelnen nach der Idee der Gattung.» («Der alte und neue Glaube», § 74.) Nietzsche erwidert darauf: «Ins Deutliche und Greifbare übertragen heißt das nur: Lebe als Mensch, und nicht als Affe oder Seehund! Dieser Imperativ ist leider nur durchaus unbrauchbar und kraftlos, weil unter dem Begriff Mensch das Mannigfaltigste zusammen im Joche geht, zum Beispiel der Patagonier und der Magister Strauß, und weil niemand wagen wird, mit gleichem Rechte zu sagen: lebe als Patagonier! und: lebe als Magister Strauß!» («David Strauß», § 7.)
[ 33 ] As the moral, archetypal commandment, Strauss presents this sentence: “All moral action is a self-determining of the individual according to the idea of species.” (Der alte und neue Glaube, The Old and New Faith, ¶ 74) Nietzsche replies to this, “Translated into the explicit and comprehensible, it means only: Live as a human being and not as a monkey or a seal. This command, unfortunately, is completely useless and powerless, because in the concept, human being, the most manifold concepts are united beneath the same yoke; for example, the Patagonian and Magister Strauss; and because no one would dare to say with equal right, Live as a Patagonian, and, Live as Magister Strauss!” (David Strauss, ¶ 7)
[ 34 ] Es ist ein Ideal, und zwar ein Ideal jämmerlichster Art, das Strauß den Menschen vorsetzen will. Und Nietzsche protestiert dagegen; er protestiert, weil in ihm ein lebhafter Instinkt ruft: lebe nicht, wie der Magister Strauß, sondern lebe, wie es dir angemessen ist!
[ 34 ] It is an ideal, indeed, an ideal of the most lamentable kind, which Strauss wishes to set before men. And Nietzsche protests against it; he protests because in him a lively instinct cries out, Do not live like Magister Strauss, but live as is proper for you.
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[ 35 ] Erst in der Schrift: «Menschliches, Allzumenschliches» (1878) erscheint Nietzsche frei von dem Einflusse der Schopenhauerschen Denkweise. Er hat es aufgegeben, übernatürliche Ursachen für die natürlichen Ereignisse zu suchen; er strebt nach natürlichen Erklärungsgründen. Er sieht jetzt alles Menschenleben als eine Art natürlichen Geschehens an; in dem Menschen sieht er das höchste Naturprodukt. Man lebt «zuletzt unter den Menschen und mit sich wie in der Natur, ohne Lob, Vorwürfe, Ereiferung, an vielem sich wie an einem Schauspiel weidend, vor dem man sich bisher nur zu fürchten hatte. Man wäre die Emphasis los und würde die Anstachelung des Gedankens, dass man nicht nur Natur oder mehr als Natur sei, nicht weiter empfinden ... vielmehr muss ein Mensch, von dem in solchem Maße die gewöhnlichen Fesseln des Lebens abgefallen sind, dass er nur deshalb weiterlebt, um immer besser zu erkennen, auf vieles, ja fast auf alles, was bei den anderen Menschen Wert hat, ohne Neid und Verdruss verzichten können, ihm muss als der wünschenswerteste Zustand jenes freie, furchtlose Schweben über Menschen, Sitten, Gesetzen und den herkömmlichen Schätzungen der Dinge genügen.» («Menschliches» 1. § 34.) Nietzsche hat bereits allen Glauben an Ideale aufgegeben; er sieht in den menschlichen Handlungen nur noch Folgen natürlicher Ursachen, und in dem Erkennen dieser Ursachen findet er seine Befriedigung. Er findet, dass man eine unrichtige Vorstellung von den Dingen bekommt, wenn man bloß das an ihnen sieht, was von dem Lichte der idealistischen Erkenntnis beleuchtet wird. Es entgeht einem dann das, was von den Dingen im Schatten liegt. Nietzsche will jetzt nicht nur die Sonnen-, sondern auch die Schattenseite der Dinge kennen lernen. Aus diesem Streben ging die Schrift: «Der Wanderer und sein Schatten» hervor (1879). Er will in diesem Buche die Erscheinungen des Lebens von allen Seiten erfassen. Er ist «Wirklichkeitsphilosoph» im besten Sinne des Wortes geworden.
[ 35 ] Only in the writing, Menschliches, Allzumenschliches, Human, All Too-Human, (1878), does Nietzsche appear to be free from the influence of Schopenhauer's way of thinking. He has given up looking for supernatural causes for natural events; he seeks natural proofs for understanding. Now he regards all human life as a kind of natural happening; in the human being he sees the highest product of nature. One lives “finally among human beings, and with one's self as in nature, without praise, without reproach, ambition, enjoying one's self in many things, as in a play, before which until now one had been full of fear. One would be free of the emphasis, and would no longer feel the goading of thoughts that one was not only nature or was more than nature ... rather must a human being, from whom the usual fetters of life have fallen away to such an extent that he continues to live on, only to know ever more how to renounce much, Yes, almost everything upon which other human beings place value, without envy and discontent; for him, that most desirable condition, that free, fearless floating above human beings, customs, laws and the usual evaluation of matter, must suffice.” Menschlices Alizumenschliches, Human, All Too Human, ¶ 34. Nietzsche has already given up all faith in ideals; he sees in human action only consequences of natural causes, and in the recognition of these causes he finds his satisfaction. He discovers that one receives an erroneous idea of things when one sees in them merely what is illuminated by the light of idealistic knowledge. What lies in the shadow of things would escape one, Nietzsche now wants to learn to know not only the bright but also the shadow side of things. Out of this striving comes the work, Der Wanderer und sein Schatten, The Wanderer and his Shadow (1879). In this work he wishes to grasp the manifestations of life from all sides. In the best sense of the word, he has become a “philosopher of reality,”
[ 36 ] In der «Morgenröte» (1881) schildert er den moralischen Prozess in der Menschheitsentwicklung als einen Naturvorgang. Schon in dieser Schrift zeigt er, dass es keine überirdische sittliche Weltordnung, keine ewigen Gesetze des Guten und Bösen gibt, und dass alle Sittlichkeit entsprungen ist aus den in den Menschen waltenden natürlichen Trieben und Instinkten. Nun war die Bahn frei gemacht für den originellen Wandergang Nietzsches. Wenn keine außermenschliche Macht dem Menschen eine bindende Verpflichtung auferlegen kann, dann ist er berechtigt, das eigene Schaffen frei walten zu lassen. Diese Erkenntnis ist das Leitmotiv der «Fröhlichen Wissenschaft» (1882). Keine Fessel ist nun dieser «freien» Erkenntnis Nietzsches mehr angelegt. Er fühlt sich berufen, neue Werte zu schaffen, nachdem er den Ursprung der alten erkannt und gefunden hat, dass sie nur menschliche, keine göttlichen Werte sind. Er wagt es jetzt, das zu verwerfen, was seinen Instinkten widerspricht, und anderes an die Stelle zu setzen, was seinen Trieben gemäß ist: «Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen, wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft — wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegeneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werte und Wünschbarkeiten erlebt und alle Küsten dieses idealischen ‹Mittelmeeres: umschifft zu haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrungen wissen will, wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zumute ist ... der hat zu allererst Eins nötig, die große Gesundheit... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir Argonauten des Ideals, mutiger vielleicht, als klug ist ... will es uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch unentdecktes Land vor uns haben ... Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken und mit einem solchen Heißhunger in Gewissen und Wissen, noch am gegenwärtigen Menschen genügen lassen?» («Fröhliche Wissenschaft», § 382.)
[ 36 ] In his Morgenröte, Dawn (1881), he describes the moral process in the evolution of mankind as a natural event. Already in this writing he shows that there is no super-earthly moral world order, no eternal law of good and evil, and that all morality has originated from the natural drives and instincts ruling within the human being. No the way is cleared for Nietzsche's original journey. When no superhuman power can lay a binding obligation upon man, he is justified in giving his own creativity free reign. This knowledge is the motif of Fröhliche Wissenschaft, Joyful Wisdom (1882). No longer are fetters placed upon Nietzsche's “free” knowledge. He feels destined to create new values, having discovered the origin of the old, and having found that they are but human, not divine values. He now dares to throwaway what goes against his instinct, and to substitute other things which are in accord with his impulses: “We, the new, the nameless, the incomprehensible, we firstlings of a yet untried future, we require for a new purpose a new means, namely a new health, a stronger, sharper, tougher, bolder, more audacious health than any previous states of health. The one whose soul bursts to experience the whole range of hitherto recognized values and wishes, and whose soul thirsts to sail around all shores of this ideal ‘Mediterranean,’ wants to know from his most personal adventures how it feels to be a conqueror and discoverer of ideals ... he requires one thing above all, health ... And now, after having been long on the way, we Argonauts of the ideal, more courageous perhaps than prudent, it will seem to us as recompense for it all that we have before us a still undiscovered land ... After such outlooks and with such a craving in our conscience and consciousness, how can we allow ourselves to be satisfied with the man of the present day?” (Fröhliche Wissenschaft, Joyful Wisdom, ¶ 382)
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[ 37 ] Aus der in den vorstehenden Sätzen charakterisierten Stimmung heraus erwuchs Nietzsche das Bild seines Übermenschen. Es ist das Gegenbild des Gegenwartsmenschen; es ist vor allem das Gegenbild des Christen. Im Christentum ist der Widerspruch gegen die Pflege des starken Lebens Religion geworden. («Antichrist», § 5.) Der Stifter dieser Religion lehrte: dass vor Gott das verächtlich ist, was vor den Menschen Wert hat. In dem «Gottesreich» will der Christ alles verwirklicht finden, was ihm auf Erden mangelhaft erscheint. Das Christentum ist die Religion, die dem Menschen alle Sorge für das irdische Leben benehmen will: es ist die Religion der Schwachen, die sich gerne als Gebot vorsetzen lassen: «Widerstrebe nicht dem Bösen und dulde alles Ungemach», weil sie nicht stark genug sind zum Widerstande. Der Christ hat keinen Sinn für die vornehme Persönlichkeit, die aus ihrer eigenen Wirklichkeit ihre Kraft schöpfen will. Er glaubt, der Blick für das Menschenreich verderbe die Sehkraft für das Gottesreich. Auch die vorgeschritteneren Christen, die nicht mehr glauben, dass sie am Ende der Tage in ihrer leibhaftigen Gestalt wieder auferstehen werden, um entweder in das Paradies aufgenommen oder in die Hölle verstoßen zu werden, träumen von «göttlicher Vorsehung», von einer «übersinnlichen» Ordnung der Dinge. Auch sie sind der Ansicht, dass sich der Mensch über seine bloß irdischen Ziele erheben und in ein ideales Reich einfügen müsse. Sie glauben, dass das Leben einen rein geistigen Hintergrund habe, und dass es erst dadurch einen Wert erhalte. Nicht die Instinkte für Gesundheit, Schönheit, Wachstum, Wohlgeratenheit, Dauer, für Häufung von Kräften will das Christentum pflegen, sondern den Hass gegen den Geist, gegen Stolz, Mut, Vornehmheit, gegen das Selbstvertrauen und die Freiheit des Geistes, den Hass gegen die Freuden der sinnlichen Welt, gegen die Freude und Heiterkeit der Wirklichkeit, in der der Mensch lebt. («Antichrist», § 21.) Das Christentum bezeichnet das Natürliche geradezu als «verwerflich». Im christlichen Gotte ist ein jenseitiges Wesen, das heißt ein Nichts vergöttlicht, es ist der Wille zum Nichts heilig gesprochen. («Antichrist», § 8.) Deshalb bekämpft Nietzsche im ersten Buche seiner «Umwertung aller Werte» das Christentum. Und er wollte im zweiten und dritten Buche auch die Philosophie und Moral der Schwachen bekämpfen, die sich nur in der Rolle von Abhängigen wohlgefallen. Weil der Typus des Menschen, den Nietzsche gezüchtet sehen will, das diesseitige Leben nicht gering schätzt, sondern dieses Leben mit Liebe umfasst und es zu hoch stellt, um glauben zu können, dass es nur einmal gelebt werden solle, deshalb ist er «nach der Ewigkeit brünstig» («Zarathustra», 3. Teil, «Die sieben Siegel») und möchte, dass dieses Leben unendlich oft gelebt werden könne. Nietzsche lässt seinen «Zarathustra» den «Lehrer der ewigen Wiederkunft» sein. «Siehe, wir wissen ..., dass alle Dinge ewig wiederkehren und wir selber mit, und dass wir schon ewige Male dagewesen sind, und alle Dinge mit uns.» («Zarathustra», 3. Teil, «Der Genesende».)
[ 37 ] Out of the mood characterized in the sentences cited above, arose Nietzsche's picture of the superman. It is the Counter-picture of the man of the present day; it is, above all, the counter-picture of Christ. In Christianity, the opposition to the cultivation of the strong life has become religion. (Antichrist, ¶ 5) The founder of this religion teaches that before God that is despicable which has value in the eyes of man. In the “Kingdom of God” Christ will find everything fulfilled which on earth appeared to be incomplete. Christianity is the religion which removes all care of earthly life from man; it is the religion of the weak, who would gladly have the commandment set before them, “Struggle not against evil, and suffer all tribulation,” because they are not strong enough to withstand it. Christ has no understanding for the aristocratic personality, which wants to create its own power out of its own reality. He believes that the capacity for seeing the human realm would spoil the power of seeing the Kingdom of God. In addition, the more advanced Christians who no longer believe that they will resurrect at the end of time in their actual physical body in order to be either received into Paradise or thrown into Hell, these Christians dream about “divine providence,” about a “supersensible” order of things. They also believe that man must raise himself above his merely terrestrial goals, and adapt himself to an ideal realm. They think that life has a purely spiritual background, and that it is only because of this that it has value. Christianity will not cultivate the instincts for health, for beauty, for growth, for symmetry, for perseverance, for accumulation of forces, but hatred against the intellect, against pride, courage, aristocracy, against self-confidence, against the freedom of the spirit, against the pleasures of the sense world, against the joys and brightness of reality, in which the human being lives. (Antichrist, ¶ 21) Christianity describes the natural as downright “trash.” In the Christian God, a Being of the other world, that is, a nothingness, is deified; the will to be nothing is declared to be holy. (Antichrist, ¶ 18) For this reason, Nietzsche fights against Christianity in the first book of Unwertung aller Werte, Transvaluation of all Values. And in the second and third books he wanted to attack the philosophy and morality of the weak, who only feel themselves comfortable in the role of dependents. The species of human being whom Nietzsche wishes to see trained because he does not despise this life, but embraces this life with love and elevates it in order to believe that it should be lived only once, is “ardent for eternity,” (Zarathustra, Third Part, The Seven Seals) and would like to have this life lived infinite times. Nietzsche lets his Zarathustra be “the teacher of the eternal return.” “Behold, we know ... that all things eternally return, and ourselves with them, and that we have already existed times without number, and all things with us.” (Zarathustra, Third Part, The Convalescent)
[ 38 ] Eine bestimmte Meinung darüber zu haben, welche Vorstellung Nietzsche mit dem Worte «ewige Wiederkunft» verknüpfte, scheint mir gegenwärtig nicht möglich zu sein. Man wird darüber erst Genaueres sagen können, wenn die Aufzeichnungen Nietzsches zu den unvollendeten Teilen seines «Willens zur Macht» in der zweiten Abteilung der Gesamtausgabe seiner Werke vorliegen werden.
[ 38 ] At present it seems impossible for me to have a definite opinion about what idea Nietzsche connected with the words “eternal return.” It will be possible to say something more specific only when Nietzsche's notes for the incomplete parts of his Willens zur Macht, Will to Power, have been published in the second part of the complete edition of his works.
