Excursions into the Subject of
the Gospel of Mark
GA 124
17 October 1910, Berlin
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Excursions into the Subject of the Gospel of Mark, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Es geziemt sich wohl, heute, da wir unsere Tätigkeit des Berliner Zweiges wieder beginnen, ein klein wenig zurückzublicken auf das, was durch unsere Seelen gezogen ist seit dem Zeitpunkte, da wir im vorigen Jahre in der gleichen Art die Arbeit des Berliner Zweiges begonnen haben.
[ 1 ] Now that we are resuming the activities of our Berlin branch, it seems fitting to look back just a little on what has moved our hearts since the time last year when we began the work of the Berlin branch in the same way.
[ 2 ] Sie erinnern sich gewiß daran, daß ungefähr vor einem Jahre, anläßlich der damaligen Generalversammlung unserer Deutschen Sektion, im Berliner Zweige von mir der Vortrag gehalten worden ist über die Sphäre der Bodhisattvas. Es sollte mit dem Vortrage über die Mission der Bodhisattvas in der Welt eingeleitet werden, was uns dann im Verlaufe unserer Zweigversammlungen den vorigen Winter hindurch hauptsächlich beschäftigt hat: eine Betrachtung des Christus-Problems, und zwar im wesentlichen in Anknüpfung an das Matthäus-Evangelium. Wir haben ja solche Betrachtungen über das Christus-Problem in der verschiedensten Weise gepflogen in Anknüpfung an andere Evangelien, so an das Johannes-Evangelium und an das Lukas-Evangelium. Und wir haben darauf hingewiesen, daß wir in einer zukünftigen Zeit zu einer weiteren Vertiefung dieses Christus-Problems auch herantreten werden an eine Betrachtung, die im wesentlichen anzuknüpfen haben wird an das Markus-Evangelium.
[ 2 ] You will no doubt recall that about a year ago, on the occasion of the General Assembly of our German Section, I gave a lecture at the Berlin branch on the sphere of the Bodhisattvas. That lecture on the mission of the Bodhisattvas in the world was intended to serve as an introduction to what then occupied us primarily throughout our branch meetings last winter: a consideration of the Christ problem, essentially in connection with the Gospel of Matthew. We have, of course, engaged in such reflections on the Christ problem in various ways in connection with other Gospels, such as the Gospel of John and the Gospel of Luke. And we have pointed out that, in the future, in order to further deepen our understanding of this Christ problem, we will also undertake a study that will essentially be based on the Gospel of Mark.
[ 3 ] Wir haben diese Betrachtungen in bezug auf das Christus-Problem nicht so gepflogen, daß wir eine bloße Erklärung der Evangelien versuchten. Es ist oftmals, ich möchte fast sagen, in einer radikalen Weise hier ausgesprochen worden: Was Geisteswissenschaft über die Vorgänge in Palästina zu sagen hat, das müßte auch gesagt werden können, wenn es gar keine äußeren historischen Urkunden über diese Vorgänge in Palästina gäbe. Denn im tiefsten Grunde maßgebend für die Schilderung der Christus-Vorgänge ist für uns nicht das, was in irgendeinem Buche, in irgendeiner Urkunde steht, sondern was in der ewigen, inneren, geistigen Urkunde steht, in der durch das hellseherische Bewußtsein zu entziffernden Akasha-Chronik. Was wir uns darunter vorzustellen haben, ist oftmals hier erwähnt worden. Und dann stellen wir uns zu den Evangelien so, daß wir das, was wir erst erkundet haben aus den geistigen Forschungen selbst heraus, vergleichen mit dem, was uns - sagen wir also in bezug auf die Ereignisse in Palästina — gegeben ist in den Evangelien oder in den andern Urkunden des Neuen Testamentes. Allerdings haben wir dann gefunden, daß wir sozusagen diese Urkunden erst dadurch lesen lernen, daß wir ohne sie in jene Geheimnisse eindringen, welche sich auf die Ereignisse von Palästina beziehen, und daß gerade dadurch, daß wir erst unbefangen von diesen Urkunden die entsprechenden Ereignisse erforschen, unsere Hochschätzung, unsere Anbetung, könnten wir sagen, gegenüber diesen Urkunden in einem ganz besonderen Grade wächst.
[ 3 ] In our reflections on the Christ question, we have not approached the matter in such a way as to attempt a mere exegesis of the Gospels. It has often been stated here—I would almost say in a radical way—that whatever spiritual science has to say about the events in Palestine should still be able to be said even if there were no external historical documents at all concerning those events in Palestine. For, at the deepest level, what is decisive for the description of the Christ events is not for us what is written in any book or document, but what is written in the eternal, inner, spiritual record—the Akashic Records, which can be deciphered through clairvoyant consciousness. What we are to understand by this has often been mentioned here. And then we approach the Gospels in such a way that we compare what we have first explored through spiritual research itself with what is given to us—let us say, with regard to the events in Palestine—in the Gospels or in the other documents of the New Testament. However, we have found that we learn to read these documents, so to speak, only by delving into those mysteries relating to the events in Palestine without them, and that precisely because we first explore the corresponding events without being influenced by these documents, our high esteem—our reverence, we might say—for these documents grows to a very special degree.
[ 4 ] Aber wenn wir nicht bloß auf die nächsten, und zwar zeitweilig engsten Interessen unseres Zusammenseins sehen, sondern wenn wir darauf sehen, daß unsere ganze Zeitbildung, unsere Gegenwartskultur gewissermaßen ein neues Verständnis der Urkunden des Christentums verlangt, dann müssen wir uns klar darüber sein, daß wir durch die Geisteswissenschaft dazu berufen sind, nicht nur unsere eigenen Erkenntnisbedürfnisse gegenüber den Ereignissen von Palästina zu befriedigen, sondern daß wir berufen sind, aus der Geisteswissenschaft heraus in die Sprache der gegenwärtigen Kulturbedürfnisse zu übersetzen, was wir zu sagen haben über die Bedeutung des Christus-Ereignisses für die ganze Menschheitsentwickelung. Da genügt es aber nicht, wenn wir uns etwa beschränken würden auf das, was die bisherigen Jahrhunderte herbeigetragen haben zum Verständnisse des ChristusProblems und der Christus-Gestalt. Würde das für die Bildungsbedürfnisse der Gegenwart genügen, so gäbe es heute nicht so viele Menschen, welche ihr Wahrheitsbedürfnis nicht mehr in Einklang bringen können mit dem, was überliefert ist auf christlichem Gebiet, und die in der einen oder andern Beziehung sogar leugnen, was uns über die Ereignisse von Palästina berichtet und was jahrhundertelang geglaubt worden ist. Das alles kann uns darauf hinweisen, daß für die Zeitbildung notwendig geworden ist ein neues Verständnis, ein neues Erschließen gegenüber den christlichen Wahrheiten.
[ 4 ] But if we do not focus solely on the immediate—and at times most pressing—interests of our shared existence, but rather recognize that our entire historical context, our contemporary culture, demands, so to speak, a new understanding of the sources of Christianity, then we must be clear that through spiritual science we are called not only to satisfy our own need for knowledge regarding the events in Palestine, but that we are called to translate, from the perspective of spiritual science, into the language of contemporary cultural needs, what we have to say about the significance of the Christ event for the entire development of humanity. But it is not enough, however, if we were to limit ourselves, for example, to what the past centuries have contributed to the understanding of the Christ problem and the figure of Christ. If that were sufficient for the educational needs of the present, there would not be so many people today who can no longer reconcile their need for truth with what has been handed down in the Christian tradition, and who, in one way or another, even deny what is reported to us about the events in Palestine and what has been believed for centuries. All of this may indicate to us that a new understanding, a new approach to Christian truths, has become necessary for our time.
[ 5 ] Nun gibt es neben vielem anderen, was uns der Erforschung der christlichen Wahrheiten näherbringen kann, vorzugsweise ein Mittel, das insbesondere fruchtbar werden kann auf unserem Forschungsfelde. Das besteht darin, daß wir den Blick erweitern, daß wir unsere Gefühls- und Empfindungswelt erweitern über die Horizonte hinüber, die in den verflossenen Jahrhunderten die Menschheit für die geistige Welt besessen hat. Wie wir unsere Horizonte erweitern können, das mag uns durch einen sehr einfachen und naheliegenden Hinweis vor die Seele treten.
[ 5 ] Now, among the many things that can bring us closer to the exploration of Christian truths, there is one means in particular that can prove especially fruitful in our field of inquiry. This consists in broadening our perspective, in expanding our world of feelings and sensations beyond the horizons that humanity has held regarding the spiritual world over the past centuries. How we can broaden our horizons may become clear to us through a very simple and obvious suggestion.
[ 6 ] Wir kennen alle - um zu dem uns nächsten großen Geist unserer abendländischen Kulturentwickelung zurückzugreifen — in Goethe einen titanischen Geist. Und viele unserer Betrachtungen haben uns gezeigt, welche Tiefe der geistigen Anschauung in der Persönlichkeit Goethes verborgen lag. Diese Betrachtungen haben uns auch dazu geführt zu erkennen, wie wir uns selber zu geistigen Höhen hinaufranken können, indem wir eindringen in das Gefüge der Goetheschen Seele. Aber wir mögen Goethe noch so gut kennenlernen, uns noch so sehr in das vertiefen, was er uns geben kann - eines können wir bei ihm noch nicht finden, was wir heute haben müssen, wenn unser Blick in richtiger Weise erweitert und unser Horizont über die notwendigsten geistigen Bedürfnisse hinaus reichen soll. Wir finden bei Goethe nirgends einen Hinweis darauf, daß ihm aufgegangen ist, was wir heute lernen können, was uns heute fruchtbar werden kann, wenn wir jene Begriffe geistiger Entwickelung der Menschheit in uns aufnehmen, die aufzunehmen erst möglich geworden ist durch die Erschließung der geistigen Dokumente im 19. Jahrhundert: wenn wir die Errungenschaften des orientalischen Lebens aufnehmen. Da erhalten wir mancherlei Begriffe, durch die wir keineswegs entfernt werden vom Verständnis des Christus-Problems, sondern durch die wir, wenn wir sie richtig aufnehmen, geradezu hingeführt werden zu einer richtigen und vollkommenen Schätzung des Christus Jesus. Daher wurde auch von mir geglaubt, daß eine Betrachtung des ChristusProblems durch nichts anderes besser eingeleitet werden kann als durch eine Auseinandersetzung über die Mission der großen geistigen Individualitäten der Menschheit, die von Zeit zu Zeit in besonders fühlbarer Weise einzugreifen haben in die Entwickelung, und die wir mit einem von der orientalischen Philosophie hergenommenen Begriff als die Bodhisattvas bezeichnen. Solche Begriffe wie zum Beispiel den der Bodhisattvas hatte man jahrhundertelang eben nicht in der abendländischen Geistesentwickelung. Und erst wenn man sich an ihnen orientiert hat, steigt man in entsprechender Weise hinauf zur Erkenntnis dessen, was der Christus für die Menschheit gewesen ist, sein kann und fortwährend sein wird.
[ 6 ] We all recognize—to turn to the great mind closest to us in the development of Western culture—Goethe as a titanic spirit. And many of our reflections have shown us the depth of spiritual insight hidden within Goethe’s personality. These reflections have also led us to recognize how we ourselves can climb to spiritual heights by penetrating the fabric of Goethe’s soul. But no matter how well we come to know Goethe, no matter how deeply we immerse ourselves in what he can offer us—there is one thing we cannot yet find in him that we must have today if our vision is to be properly expanded and our horizon extended beyond the most essential spiritual needs. Nowhere in Goethe do we find any indication that he realized what we can learn today, what can bear fruit for us today, if we take into ourselves those concepts of humanity’s spiritual development that have only become possible to grasp through the exploration of spiritual documents in the 19th century: if we take in the achievements of Eastern life. There we receive various concepts through which we are by no means led away from an understanding of the Christ problem, but through which, if we take them in correctly, we are actually led to a true and complete appreciation of Christ Jesus. That is why I, too, believed that a consideration of the Christ problem can be introduced by nothing better than a discussion of the mission of the great spiritual individuals of humanity, who from time to time must intervene in the development in a particularly tangible way, and whom we designate, using a concept taken from Eastern philosophy, as the Bodhisattvas. For centuries, concepts such as that of the Bodhisattvas were simply absent from Western spiritual development. And only once one has oriented oneself toward them does one ascend accordingly to the realization of what Christ has been, can be, and will continue to be for humanity.
[ 7 ] So sehen wir, wie ein weiter Umkreis geistiger Entwickelung der Menschheit fruchtbar gemacht werden kann, um gerade das in würdiger Weise zu begreifen, was uns zu begreifen obliegt für jene Bildung und Kultur, für jenes Geistesleben, in dem wir mitten darinnen stehen. Und noch von einem andern Gesichtspunkt aus war es wichtig, daß wir immer, wo es nur möglich war, den geistigen Blick hinausschweifen ließen über die letzten Jahrhunderte, daß wir geltend machten den Unterschied zwischen einem Menschen von der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts und einem Menschen aus der Zeit des 18. oder 19. Jahrhunderts; und daß wir geltend machten, daß man von Buddha und Buddhismus zum Beispiel noch vor einem Jahrhundert in Europa recht wenig gewußt hat. Das letzte aber, was bei uns auf unserem Arbeitsgebiet, wenn auch nicht das Mittel unseres Strebens, so doch der eigentliche Impuls und auch der Zielpunkt unseres Strebens ist und worauf wir hinarbeiten, das ist doch zuletzt die Stimmung, das Gefühl, die Empfindung, die unsere Seele beschleicht, wenn sie berührt wird von den großen geistigen Wahrheiten. Denn nicht so sehr darauf kommt es an, was diese oder jene wissen wollen, sondern darauf, welche Wärme des Gefühls, welche Kraft der Empfindung, welcher Edelsinn des Wollens aus unserer Seele heraufsteigt, wenn die großen Wahrheiten der Menschheit an diese Seele schlagen. Und wichtiger in unsern Zweigen als das, was in den Worten inhaltlich gesagt werden kann, ist die Stimmung, die Gefühlswelle, die in einem unserer Zweige herrschen kann, wenn die Worte den Raum durchweben. Mancherlei Art sind diese Gefühle, diese Empfindungen. Und bei dem, was gerade jetzt hier vor unseren Seelen stehen soll, sollte die wichtigste, die bedeutsamste Empfindung die sein, welche sich allmählich notwendig in uns entwikkeln muß: Ehrfurcht vor der Erkenntnis der großen geistigen Wahrheiten, das Gefühl, daß diese großen geistigen Wahrheiten solcher Art sind, daß wir uns in scheuer Ehrerbietung ihnen nähern sollen, daß wir nicht glauben sollen, mit irgendeinem schnell zusammengezimmerten Begriff, mit ein paar rasch gewonnenen Vorstellungen eine große Tatsache umspannen zu können.
[ 7 ] Thus we see how a broad spectrum of humanity’s spiritual development can be put to fruitful use in order to truly grasp, in a worthy manner, what we are called upon to understand for the sake of that education and culture, for that spiritual life, in which we are immersed. And from yet another perspective, it was important that, wherever possible, we let our spiritual gaze roam over the past centuries, that we emphasized the difference between a person from the turn of the 19th and 20th centuries and a person from the 18th or 19th century; and that we emphasized that, for example, very little was known in Europe about Buddha and Buddhism even a century ago. But the ultimate thing in our field of work—even if not the means of our striving, then at least the actual impulse and also the goal of our striving, and what we are working toward—is ultimately the mood, the feeling, the sensation that creeps into our soul when it is touched by the great spiritual truths. For what matters is not so much what this or that person wishes to know, but rather what warmth of feeling, what power of sensation, what nobility of will rises up from our soul when the great truths of humanity strike that soul. And more important in our branches than what can be said in words is the mood, the wave of feeling that can prevail in one of our branches when the words weave through the space. These feelings, these sensations, are of many kinds. And in regard to what is to stand before our souls right now, the most important, the most significant sensation should be the one that must gradually and necessarily develop within us: awe before the knowledge of the great spiritual truths, the feeling that these great spiritual truths are of such a nature that we should approach them with timid reverence, that we should not believe we can encompass a great fact with some hastily cobbled-together concept or a few quickly formed ideas.
[ 8 ] Oftmals ist von mir der Vergleich gebraucht worden, daß wir einen Baum, der vor uns steht, uns noch nicht vergegenwärtigen können, wenn wir ein Bild von ihm malen von einem Gesichtspunkt aus, sondern daß wir herumgehen und den Baum von verschiedenen Seiten malen müssen. Erst durch das Zusammenfassen dieser verschiedenen Bilder erreichen wir einen Gesamteindruck von dem, was der Baum ist. Dieser Vergleich soll uns aber insbesondere vor die Seele malen, wie wir uns den großen geistigen Tatsachen gegenüber zu verhalten haben. Wir sollten uns klar sein, wie wir gar nicht vorwärts schreiten können in irgendeiner wirklichen oder vermeintlichen Erkenntnis der höchsten Dinge, wenn wir immer nur von einer Seite an die Dinge herangehen. Und obzwar durchaus Wahrheit enthalten ist oder sein kann in dem Anblick einer Sache, sollen wir uns doch niemals des demütigen Gefühles entschlagen, daß alle unsere Vorstellungen nur von einem Gesichtspunkt aus aufgenommene Ansichten sind und sein können. Wenn wir uns mit diesem Gefühl durchdringen, werden wir gern und willig von überallher die Vorstellungen, die Empfindungen und Gefühle herholen wollen, welche es uns möglich machen, die großen Tatsachen des Daseins von den verschiedensten Seiten her zu beleuchten. Unsere Zeit macht das notwendig. Immer mehr und mehr wird sich das Bedürfnis in unserer Zeit entwickeln, die Dinge von den verschiedensten Seiten aus anzusehen. Daher schließen wir uns heute nicht mehr ab gegenüber irgendeiner andern Anschauung oder Meinung, gegenüber einem andern Weg zu den höchsten Dingen hin, als es unser eigener oder der unserer eigenen Kultur ist. Sogar innerhalb dessen, was die abendländische Kulturentwickelung selber geboten hat, haben wir versucht, im Laufe der letzten Jahre dieses Prinzip, das uns zur echten Erkenntnisdemut führen kann, aufrechtzuerhalten. Wir haben uns niemals vermessen - und ich darf wohl sagen: tief stand es mir in die Seele geschrieben, daß eine solche Vermessenheit an diesem Orte niemals möglich sein sollte -, ein System, einen Überblick einfach über das zu geben, was die großen Ereignisse, die wir mit dem Christus-Problem zusammenfassen, sein sollen. Sondern immer ist gesagt worden: Wir nähern uns von irgendeinem Gesichtspunkt aus; und ein anderes Mal wurde gesagt: Wir nähern uns von einem andern Gesichtspunkt aus. — Und immer ist darauf aufmerksam gemacht worden, daß wir das Problem deshalb doch nicht erschöpfen und daß wir ruhig und geduldig weiterarbeiten wollen.
[ 8 ] I have often used the analogy that we cannot fully grasp a tree standing before us if we paint a picture of it from a single vantage point; rather, we must walk around it and paint the tree from various angles. Only by synthesizing these different images do we arrive at an overall impression of what the tree is. This comparison, however, is meant to paint a picture in our minds of how we should approach the great spiritual realities. We should be clear that we cannot make any progress whatsoever in any real or supposed understanding of the highest things if we always approach them from only one side. And although there is or may be truth in the sight of a thing, we should never abandon the humble feeling that all our ideas are and can be only views taken from a single vantage point. If we allow this feeling to permeate us, we will gladly and willingly seek out from all directions the ideas, sensations, and feelings that enable us to illuminate the great facts of existence from the most diverse angles. Our time makes this necessary. More and more, the need to view things from the most diverse angles will develop in our time. Therefore, we no longer close ourselves off today to any other perspective or opinion, to any other path toward the highest things than our own or that of our own culture. Even within what Western cultural development itself has offered, we have sought, in the course of recent years, to uphold this principle, which can lead us to genuine humility of knowledge. We have never presumed—and I may well say: it was deeply inscribed in my soul that such presumption should never be possible in this place—to offer a system, a general overview, of what the great events we summarize under the Christ problem are supposed to be. Rather, it has always been said: We approach it from one perspective or another; and at other times it has been said: We approach it from yet another perspective. — And attention has always been drawn to the fact that we do not thereby exhaust the problem, and that we wish to continue our work calmly and patiently.
[ 9 ] Der Sinn der Anknüpfung an die verschiedenen Evangelien war der, daß wir Anlaß nahmen, von vier verschiedenen Gesichtspunkten aus das Christus-Problem zu betrachten, und daß wir dann fanden, daß in der Tat die vier Evangelien uns Anknüpfungen an die vier verschiedenen Gesichtspunkte bieten, und daß wir in den Evangelien selber vorgezeichnet fanden den Grundsatz: Du sollst nicht auf einmal, nicht auf einer Umschau dem gewaltigen Problem dich nähern, sondern du sollst dich wenigstens von den vier verschiedenen geistigen Hiimmelsrichtungen aus ihm nähern. Und du sollst hoffen: wenn du von diesen vier geistigen Himmelsrichtungen aus, die mit den Namen der vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, bezeichnet sind, an das Problem herankommst, dann wird es dir allmählich immer näher und näher treten. Und es wird dir so näher treten, daß du niemals von dir zu sagen brauchst, du seiest von der großen Wahrheit, ohne welche die menschliche Seele in ihrem tiefsten Innern nicht leben kann, ausgeschlossen, daß du aber auch niemals sagen wirst, irgendeine Gestalt der Wahrheit, welche du ergriffen hast, sei schon die ganze Wahrheit.
[ 9 ] The purpose of drawing on the various Gospels was to take the opportunity to examine the problem of Christ from four different perspectives, and we then found that the four Gospels do indeed provide us with points of reference for these four different perspectives, and that we found the following principle laid out in the Gospels themselves: You should not approach this immense problem all at once, in a single glance, but rather you should approach it from at least these four different spiritual directions. And you should hope: if you approach the problem from these four spiritual directions, designated by the names of the four evangelists—Matthew, Mark, Luke, and John—then it will gradually come closer and closer to you. And it will come so close to you that you will never need to say of yourself that you are excluded from the great truth without which the human soul cannot live in its deepest inner being, nor will you ever say that any form of truth you have grasped is already the whole truth.
[ 10 ] So war sozusagen dasjenige, was wir im Verlaufe des letzten Winters pflegen konnten, darauf angelegt, nach und nach in uns die Stimmung der Erkenntnisbescheidenheit hervorzurufen. Und ohne diese Stimmung der Erkenntnisbescheidenheit kommen wir in der Tat im geistigen Leben nicht weiter. Daher wurde auch gelegentlich dieser Betrachtungen immer alles getan, um die Grundbedingungen des geistigen Erkenntnisfortschrittes immer wieder und wieder zu betonen. Und wer aufmerksam von Woche zu Woche die Vorträge hier verfolgt hat, der wird nicht behaupten können, daß nicht überall auf die Grundbedingungen des geistigen Erkenntnisfortschrittes hingewiesen worden sei.
[ 10 ] So, what we were able to cultivate over the course of last winter was, so to speak, designed to gradually instill in us a spirit of humility in our pursuit of knowledge. And without this spirit of humility, we truly cannot make any progress in the spiritual life. That is why, throughout these reflections, every effort was made to emphasize, time and again, the fundamental conditions for spiritual progress. And anyone who has followed the lectures here attentively from week to week will not be able to claim that the fundamental conditions for spiritual progress in knowledge have not been pointed out everywhere.
[ 11 ] Geistiger Erkenntnisfortschritt — das ist ja einer der Impulse, die unserer ganzen geisteswissenschaftlichen Bewegung zugrundeliegen. Geistiger Erkenntnisfortschritt — was soll er unserer Seele? Er soll den tiefsten, den menschenwürdigsten Sehnsüchten und Bedürfnissen unserer Seele entgegenkommen, soll uns das geben, ohne das ein Mensch, der seine Menschenwürde voll empfindet, nicht leben kann. Und er soll es uns innerhalb unseres geisteswissenschaftlichen Feldes so geben, daß es den Erkenntnisbedürfnissen unserer Gegenwart entspricht. Was man mit den gewöhnlichen Sinnen nicht erforschen kann, dem der Mensch angehört nicht als Sinneswesen, sondern als geistiges Wesen, darüber soll uns jener Erkenntnisfortschritt Aufklärung bringen, der uns durch die Geisteswissenschaft geboten wird. Die großen Fragen über die Stellung des Menschen in der Sinneswelt, über das, was jenseits der Offenbarungen dieser Sinneswelt liegt, die Wahrheiten über das, was jenseits von Leben und Tod liegt — diesen Fragen entspricht doch ein tiefes, ja das menschlichste Bedürfnis der Seele. Wenn auch der Mensch durch allerlei Umstände die Fragen, welche sich auf solche Dinge beziehen, zurückdrängt, wenn er sich auch eine Weile dadurch zu beräuben vermag, daß er sich sagt: Das kann die Wissenschaft doch nicht erforschen, dazu fehlen dem Menschen die Fähigkeiten - auf die Dauer und für die wahre Gestalt der menschlichen Empfindungen schwindet doch nie das Bedürfnis nach Antworten auf diese Fragen. Woher das kommt, was wir sich heranbilden sehen im Verlaufe von Kindheit und Jugendentwickelung, wohin das geht, was wir in unserer Seele bergen, wenn die Leiblichkeit beginnt hinzuschwinden und abzusterben, kurz, wie der Mensch mit einer geistigen Welt zusammenhängt, das ist die große Frage, die einem menschlichsten Bedürfnis entspringt und ohne deren Beantwortung der Mensch nur dann sein kann, wenn er sich über seine menschlichsten Bedürfnisse betäubt.
[ 11 ] Spiritual progress in knowledge—this is, after all, one of the driving forces underlying our entire spiritual science movement. Spiritual progress in knowledge—what is its purpose for our soul? It is meant to meet the deepest, most human longings and needs of our soul; it is meant to give us that without which a person who fully feels their human dignity cannot live. And it should provide this to us within the realm of spiritual science in a way that meets the needs for knowledge of our present time. That which cannot be explored with the ordinary senses—to which the human being belongs not as a sensory being but as a spiritual being—is precisely what that progress in knowledge, offered to us through spiritual science, should enlighten us about. The great questions concerning the place of the human being in the sensory world, concerning what lies beyond the revelations of this sensory world, the truths about what lies beyond life and death—these questions correspond to a deep, indeed the most human, need of the soul. Even if, due to all manner of circumstances, human beings push aside the questions relating to such matters, even if they manage for a time to rob themselves of them by saying to themselves: Science cannot investigate this after all; human beings lack the abilities for it—in the long run, and for the true nature of human feelings, the need for answers to these questions never fades. Where does that come from which we see taking shape in the course of childhood and adolescent development? Where does that go which we harbor in our soul when physicality begins to fade and die away? in short, how human beings are connected to a spiritual world—that is the great question that springs from a most human need, and without an answer to which a person can only exist by numbing themselves to their most human needs.
[ 12 ] Aber weil diese Frage einem so tiefen Bedürfnis entspringt, weil die Seele nicht in Ruhe und Befriedigung leben kann, wenn sie nicht eine Antwort auf diese Fragen erhält, ist es nur natürlich, daß der Mensch sozusagen auf leichte Art, auf eine bequeme Art sich Antworten auf diese Fragen verschaffen möchte. Und wie vielerlei Wege werden heute, trotzdem diese Fragen, wie manche leugnen möchten, besonders brennend geworden sind auf allen Menschheitsgebieten, wie vielerlei Wege werden heute gewiesen! Man darf wohl ohne Übertreibung sagen, daß von all den Wegen, die dem Menschen heute dargeboten werden, wenn diese großen Rätselfragen an ihn herantreten, der geisteswissenschaftliche Weg der schwierigste ist. Ja, man darf auch noch etwas anderes sagen. Es werden viele unter Ihnen sein, welche die eine oder die andere Wissenschaft, von denen in der Welt viel geredet wird, für schwierig halten, sich vielleicht auch nicht hineinwagen, weil es sie zurückschreckt, was da alles zu überwinden ist, um in eine solche Wissenschaft einzudringen. Es mag auch sein, daß der Weg, den wir den geisteswissenschaftlichen genannt haben, leichter erscheint als der Weg in die Mathematik, in die Botanik oder in einen andern Zweig der Naturwissenschaft. Dennoch ist, absolut genommen, dieser Weg selbst schwieriger als der Weg in irgendeine andere Wissenschaft hinein. Das kann ohne Übertreibung ausgesprochen werden. Warum wird er Ihnen nur leichter? Nur aus dem Grunde, weil er mit einer ungeheuren Wucht die seelischen Interessen aufregt und dem entspricht, was einer jeden Seele am allernächsten liegt. Wenn er der schwierigste ist von all den Wegen, die heute dem Menschen hinauf in die geistige Welt dargeboten werden, so sollen wir dabei doch ein anderes nicht vergessen: daß uns dieser Weg zu dem Höchsten in unserem Seelenleben führen soll. Ist es denn nicht natürlich, daß der Weg zum Höchsten auch der schwierigste sein muß? Dennoch sollen wir uns nie abschrecken lassen durch die Schwierigkeit des Weges, niemals die Seele verschließen vor der Notwendigkeit der Schwierigkeit des geisteswissenschaftlichen Weges.
[ 12 ] But because this question springs from such a deep need, because the soul cannot live in peace and contentment unless it receives an answer to these questions, it is only natural that people would want to find answers to these questions in an easy, convenient way, so to speak. And how many paths are pointed out today—even though these questions, as some would like to deny, have become particularly pressing in all spheres of human life—how many paths are pointed out today! It is no exaggeration to say that of all the paths offered to people today when these great enigmatic questions confront them, the spiritual-scientific path is the most difficult. Indeed, one may also say something else. There will be many among you who consider one or the other of the sciences, of which there is much talk in the world, to be difficult, and who perhaps do not even venture into them because they are daunted by all that must be overcome in order to penetrate such a science. It may also be that the path we have called spiritual science appears easier than the path into mathematics, botany, or some other branch of natural science. Yet, taken absolutely, this path is itself more difficult than the path into any other science. This can be stated without exaggeration. Why does it seem easier to you? Simply because it stirs the soul’s interests with tremendous force and corresponds to what lies closest to every soul. If it is the most difficult of all the paths offered to humanity today as a way up into the spiritual world, we must not forget another fact: that this path is meant to lead us to the highest in our soul life. Is it not natural, then, that the path to the highest must also be the most difficult? Nevertheless, we must never allow ourselves to be deterred by the difficulty of the path, nor ever close our souls to the necessity of the difficulty of the spiritual-scientific path.
[ 13 ] Unter den mancherlei Notwendigkeiten des geisteswissenschaftlichen Weges wurde ja hier immer wieder die eine angeführt: daß der, welcher sich auf den geisteswissenschaftlichen Pfad begibt, zunächst in sorgfältiger Weise aufnehmen soll, was die Geistesforschung schon darzubieten vermag über die geistigen Geheimnisse, über die Tatsachen der geistigen Welt. Wir berühren damit ein ganz besonders notwendiges Kapitel unseres geisteswissenschaftlichen Lebens. Wie mancher möchte leichten Herzens sagen: Da redet man uns von einer unübersehbaren Geisteswissenschaft, von geistigen Tatsachen, die dieser oder jener Geistesforscher, dieser oder jener Erleuchtete, dieser oder jener Eingeweihte geschaut, erforscht hat. Wäre es nicht viel richtiger, wenn man uns einfach den Weg zeigte, wie man rasch selbst in die Regionen hinaufkommt, von denen aus man hineinblickt in die geistige Welt? Warum redet ihr immer wieder davon: So sieht es aus, so hat es dieser oder jener gesehen! Warum zeigt ihr nicht einen Weg, wie wir selber rasch hinaufsteigen?
[ 13 ] Among the various necessities of the spiritual scientific path, one has been repeatedly emphasized here: that whoever sets out on the spiritual scientific path should first carefully take in what spiritual research is already able to offer regarding spiritual mysteries and the facts of the spiritual world. We are thus touching upon a particularly essential chapter of our spiritual scientific life. How many would be quick to say: Here we are being told of an immense spiritual science, of spiritual facts that this or that spiritual researcher, this or that enlightened being, this or that initiate has beheld and investigated. Would it not be much more correct if one simply showed us the way to quickly ascend ourselves into the regions from which one looks into the spiritual world? Why do you keep talking about it: This is how it looks, this is how this or that person saw it! Why don’t you show us a way to ascend quickly ourselves?
[ 14 ] Aus guten Gründen wird zuerst in einer breiten Weise das mitgeteilt, was aus der geistigen Welt an Tatsachen erforscht ist, bevor auf das eingegangen wird, was man nennen kann die Methoden der Seelenschulung, welche die Seele selbst hinaufführen können in die geistigen Regionen. Denn es wird etwas ganz Bestimmtes dadurch erreicht, daß wir zuerst im hingebungsvollen Studium dem obliegen, was die Geistesforscher aus den geistigen Welten geoffenbart haben. Wir haben betont, daß zwar die Tatsachen der geistigen Welt erforscht werden müssen, aufgefunden werden können nur durch das hellseherische Bewußtsein; aber wir haben ebenso oft betont: wenn die Tatsachen einmal gefunden sind, wenn irgendein geschultes Hellseherbewußitsein diese Tatsachen in der geistigen Welt beobachtet hat und sie dann mitteilt, dann muß die Mitteilung so sein, daß auch jeder, der keine hellseherische Entwickelung durchgemacht hat, mit dem gesunden Wahrheitssinn, der in jeder Seele liegt, mit der wirklich unbefangenen Logik die Tatsachen nachprüfen, die Wahrheiten erkennen kann. Es wird kein wahrhafter Geistesforscher, kein mit hellseherischem Bewußtsein im rechten Sinne des Wortes begabter Mensch irgendeine Tatsache der geistigen Welt anders mitteilen als so, daß der, welcher wirklich will, diese Tatsache auch ohne Hellsehen prüfen könnte. Aber er wird sie auch so mitteilen, daß sie den vollen Wert, die volle Bedeutung für eine Menschenseele haben kann.
[ 14 ] For good reason, the facts that have been researched from the spiritual world are first presented in a broad sense before we delve into what might be called the methods of soul training, which can lead the soul itself up into the spiritual regions. For something very specific is achieved by first devoting ourselves to the study of what spiritual researchers have revealed from the spiritual worlds. We have emphasized that while the facts of the spiritual world must be researched, they can only be discovered through clairvoyant consciousness; but we have also often emphasized: once the facts have been found, once any trained clairvoyant consciousness has observed these facts in the spiritual world and then communicates them, the communication must be such that even anyone who has not undergone clairvoyant development can verify the facts and recognize the truths with the sound sense of truth that lies within every soul, and with truly unbiased logic. No true spiritual researcher, no person gifted with clairvoyant consciousness in the true sense of the word, will communicate any fact of the spiritual world in any other way than so that anyone who truly wishes to do so could verify this fact even without clairvoyance. But they will also communicate it in such a way that it can have its full value and full significance for a human soul.
[ 15 ] Welchen Wert haben die Mitteilungen geistiger Tatsachen, die Vorstellungen geistiger Tatsachen für eine Menschenseele? Sie haben den Wert, daß ein Mensch, der weiß: so sieht es aus in der geistigen Welt - sich im Leben, in seinen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen danach richten kann, sich orientieren kann, wie der Mensch im Verhältnis steht zur geistigen Welt. In diesem Sinne wertvoll ist eine jede Mitteilung geistiger Tatsachen auch dann, wenn der Betreffende, der sie erhält, sie nicht selber durch ein hellseherisches Bewußtsein erforschen kann. Ja, selbst für den Hellseher erlangt einen Menschenwert diese Tatsache erst dann, wenn er sie heruntergebracht hat in eine solche Sphäre, daß er sie in eine allen Menschen zugängliche Form prägen kann. Mag ein Hellseher noch so viel erforschen und sehen im Spirituellen, das ist ganz wertlos für ihn und für irgendeinen andern Menschen, solange er das Gesehene nicht heruntergebracht hat in die Sphäre der gewöhnlichen Erkenntnis und es in solche Begriffe und Vorstellungen prägt, daß der natürliche Wahrheitssinn und die gesunde Logik die Sache begreifen können. Ja, der Hellseher selbst muß erst die Sache begreifen, wenn sie für ihn einen Wert haben soll. Erst da beginnt der Wert, wo die logische Prüfung beginnt.
[ 15 ] What value do communications of spiritual facts—and the concepts of spiritual facts—hold for the human soul? Their value lies in the fact that a person who knows what the spiritual world is like can align their life, thoughts, feelings, and perceptions accordingly, and can orient themselves regarding their relationship to the spiritual world. In this sense, every communication of spiritual facts is valuable even if the person receiving it cannot explore them themselves through clairvoyant consciousness. Indeed, even for the clairvoyant, this fact only acquires human value when they have brought it down into a sphere where they can express it in a form accessible to all people. No matter how much a clairvoyant may explore and perceive in the spiritual realm, it is entirely worthless to him and to any other human being as long as he has not brought what he has seen down into the sphere of ordinary understanding and expressed it in such concepts and ideas that the natural sense of truth and sound logic can grasp the matter. Indeed, the clairvoyant himself must first grasp the matter if it is to have any value for him. Value begins only where logical examination begins.
[ 16 ] Wir könnten mit einem radikalen Ausdruck eine Art Kreuzprobe machen auf das, was jetzt gesagt worden ist. Unter manchem andern Wertvollen in bezug auf die geistigen Wahrheiten und die geistigen Mitteilungen wird Ihnen ohne Zweifel das wichtig erscheinen, was der Mensch mitnehmen kann durch die Pforte des Todes von dem, was er auf dem physischen Plan zwischen Geburt und Tod an solchen geistigen Wahrheiten aufgenommen hat. Oder gestalten wir die Frage so: Wieviel bleibt dem Menschen, der hier durch die Pflege spirituellen Lebens Mitteilungen empfangen hat über die geistige Welt, wieviel bleibt ihm von dem, was er so eingesehen hat, was er so sich zu eigen gemacht hat? Genau so viel bleibt ihm, als er verstanden hat, als er begriffen hat, als er in die Sprache des gewöhnlichen Menschheitsbewußtseins umgesetzt hat.
[ 16 ] To put it bluntly, we could test the validity of what has just been said. Among many other valuable insights regarding spiritual truths and spiritual messages, you will no doubt find it significant to consider what a person can take with them through the gate of death from the spiritual truths they have absorbed on the physical plane between birth and death. Or let us frame the question this way: How much remains to the person who, through the cultivation of a spiritual life, has received communications about the spiritual world here—how much remains to them of what they have thus perceived, of what they have thus made their own? Exactly as much remains to them as they have understood, as they have grasped, as they have translated into the language of ordinary human consciousness.
[ 17 ] Stellen Sie sich einmal einen hellsichtigen Menschen vor, der vielleicht ganz besondere Entdeckungen in der geistigen Welt durch rein hellseherische Beobachtungen gemacht hat, der es aber versäumt hätte, diese Beobachtungen aus der geistigen Welt in eine Sprache zu kleiden, die für irgendein Zeitalter eine Sprache des gewöhnlichen menschlichen Wahrheitssinnes ist. Wissen Sie, was ihm oder was für ihn geschieht? Ausgelöscht sind alle diese Entdeckungen nach dem Tode. Just so viel bleibt nach dem Tode wertvoll und bedeutungsvoll, als umgesetzt, umformuliert ist in eine Sprache, die in irgendeinem Zeitalter einer Sprache des gesunden Wahrheitssinnes entspricht.
[ 17 ] Imagine a clairvoyant person who may have made very special discoveries in the spiritual world through purely clairvoyant observations, but who failed to express these observations from the spiritual world in a language that, for any given age, is the language of the ordinary human sense of truth. Do you know what happens to him or to his legacy? All these discoveries are erased after death. Only that much remains valuable and meaningful after death as has been translated and reformulated into a language that corresponds, in any age, to a language of a healthy sense of truth.
[ 18 ] Gewiß ist es von größter Bedeutung, daß es hellseherische Menschen gibt, die Mitteilungen herausbringen können aus der geistigen Welt, die andere Menschen damit befruchten können. Das bringt Segen in unserer Zeit, weil unsere Zeit solche Weistümer braucht und sich nicht wird fortentwickeln können, wenn sie nicht solche Weistümer annimmt. Notwendig ist es, daß solche Mitteilungen an unsere Zeitkultur gemacht werden. Und wenn man das heute noch nicht einsieht, in einem halben oder einem ganzen Jahrhundert wird es doch allgemeine Menschheitsüberzeugung sein: Die Kultur kann nicht fortgehen ohne die Überzeugung vom Vorhandensein spiritueller Weistümer, und die Menschheit müßte kulturell zugrundegehen ohne die. Aufnahme spiritueller Weistümer. Es gibt etwas, was der Menschheit in der Zukunft notwendig ist, wenn sie sich fortentwickeln will, notwendiger als alle äußerlich sichtbaren Kulturmittel: das ist die Aufnahme spiritueller Weisheit. Und wenn alle Lüfte erobert würden für den Verkehr, der Menschheit müßte doch der Kulturtod in Aussicht gestellt werden, wenn sie keine geistigen Weistümer aufnehmen würde. So liegt die Sache ganz zweifellos. Es muß die Möglichkeit da sein, hineinzublicken in die geistige Welt.
[ 18 ] It is certainly of the utmost importance that there are clairvoyant individuals who can convey messages from the spiritual world that can enrich the lives of others. This brings blessings to our time, because our age needs such wisdom and will not be able to develop further unless it embraces it. It is essential that such messages be communicated to our contemporary culture. And even if this is not yet recognized today, in half a century or a century it will nevertheless be a universal human conviction: Culture cannot continue without the conviction of the existence of spiritual wisdom, and humanity would culturally perish without the reception of spiritual wisdom. There is something that humanity will need in the future if it wishes to continue developing, something more necessary than all outwardly visible cultural means: that is the acceptance of spiritual wisdom. And even if all the skies were conquered for transportation, humanity would still face the prospect of cultural death if it did not accept spiritual wisdom. This is undoubtedly the case. There must be the possibility of looking into the spiritual world.
[ 19 ] Von anderem Wert aber als die Menschheitsfortschritte auf der Erde ist das, was die spirituellen Weistümer für die einzelnen Individualitäten nach dem Tode zu bedeuten haben. Da müssen wir, um uns eine rechte Vorstellung zu machen, einmal die Frage so stellen: Was hat denn der hellseherische Mensch von dem, was er hellsichtig erforscht hat und in eine Formel des gesunden Wahrheitssinnes, der gesunden menschlichen Logik gebracht hat, was hat er dadurch, daß er hineinsehen kann in die geistige Welt, nach dem Tode mehr an Früchten als derjenige, der durch sein Karma nicht die Möglichkeit hatte, schon in der entsprechenden Inkarnation selber hineinzusehen in die geistige Welt, und daher darauf angewiesen war, nur von andern zu hören über die Ergebnisse der Geistesforschung? Wie unterscheiden sich die geistigen Wahrheiten bei einem Eingeweihten und bei einem Menschen, der sie nur gehört hat und nicht hineinschauen kann in die geistige Welt? Ist der Eingeweihte besser daran als der, welcher diese Dinge nur empfangen konnte?
[ 19 ] What spiritual wisdom holds for individual souls after death is of a different value than humanity’s progress on Earth. To gain a proper understanding of this, we must first ask the question: What does the clairvoyant person gain from what he has explored through clairvoyance and expressed in a form that reflects a sound sense of truth and sound human logic? What does he gain, by being able to look into the spiritual world, that yields more fruit after death than someone who, due to his karma, did not have the opportunity to look into the spiritual world himself during the relevant incarnation, and was therefore dependent on hearing only from others about the results of spiritual research? How do spiritual truths differ for an initiate and for a person who has only heard them and cannot look into the spiritual world? Is the initiate better off than the one who could only receive these things?
[ 20 ] Für die allgemeine Menschheit hat das Hineinschauen in geistige Welten einen höheren Wert als das Nicht-Hineinschauen. Denn wer hineinschaut, tritt in Verkehr mit der geistigen Welt; er kann da nicht nur Menschen, sondern auch andere, geistige Wesen lehren und in ihrem Fortschritt fördern. So hat dieses hellsichtige Bewußtsein einen ganz besonderen Wert. Aber für das Individuelle hat nur das Wissen einen Wert, und in bezug auf den individuellen Wert unterscheidet sich der hellsichtigste Mensch nicht von dem, der nur die Mitteilungen empfangen hat und in einer entsprechenden Inkarnation nicht hineinschauen konnte in die geistige Welt. Fruchtbar nach dem Tode ist das, was wir als geistige Weisheit aufgenommen haben, gleichgültig, ob wir selbst sie geschaut haben oder nicht.
[ 20 ] For humanity as a whole, looking into the spiritual worlds has greater value than not doing so. For those who look into them enter into contact with the spiritual world; there they can teach not only human beings but also other spiritual beings and help them progress. Thus, this clairvoyant consciousness has a very special value. But for the individual, only knowledge has value, and in terms of individual value, the most clairvoyant person does not differ from one who has only received the messages and, in a corresponding incarnation, was unable to look into the spiritual world. What bears fruit after death is what we have absorbed as spiritual wisdom, regardless of whether we have seen it ourselves or not.
[ 21 ] Damit haben wir eines der großen, so verehrungswürdigen ethisch-moralischen Gesetze der spirituellen Welt vor unsere Seele hingestellt. Allerdings ist vielleicht unsere heutige Zeitmoral nicht fein genug, um gerade dieses Ethos voll zu verstehen. Individuell, also im höheren Sinne den Egoismus befriedigend, erlangt keiner einen Vorsprung dadurch, daß ihm die Möglichkeit geboten ist durch sein Karma, hineinzuschauen in die geistige Welt. Alles, was wir für unser individuelles Leben erwerben wollen, müssen wir uns auf dem physischen Plan erwerben und auch in solche Formen bringen, die dem physischen Plan genügen. Und wenn ein Buddha oder ein Bodhisattva höher steht als andere menschliche Individualitäten in den Hierarchien der geistigen Welt, so ist es eben dadurch, daß sie durch soundsoviele Inkarnationen auf dem physischen Plan sich dieses Höhere angeeignet haben. Was ich meinte mit der höheren Ethik, der höheren Sittenlehre, die sich aus dem spirituellen Leben ergibt, das ist dies: Niemand sollte sich vorstellen, daß er durch eine hellseherische Entwickelung einen Vorsprung erlangt über seine Mitmenschen. Das ist gar nicht der Fall. Er erlangt keinen im egoistischen Sinne zu rechtfertigenden Fortschritt. Nur insofern erlangt er ihn, daß er den anderen mehr sein kann. Es ist das Unsittliche, dem Egoismus zu dienen, auf spirituellem Felde vollständig ausgeschlossen. Für sich kann der Mensch nichts erlangen durch eine spirituelle Erleuchtung. Was er erlangt, kann er nur erlangen als Diener der Welt im allgemeinen, und für sich nur, indem er es für andere mit erlangt.
[ 21 ] In doing so, we have set before our souls one of the great, most venerable ethical and moral laws of the spiritual world. However, perhaps our contemporary moral sensibilities are not refined enough to fully comprehend this particular ethos. Individually—that is, in the higher sense of satisfying one’s ego—no one gains an advantage simply because their karma affords them the opportunity to glimpse into the spiritual world. Everything we wish to acquire for our individual lives, we must acquire on the physical plane and also shape into forms that satisfy the physical plane. And if a Buddha or a Bodhisattva stands higher than other human individuals in the hierarchies of the spiritual world, it is precisely because they have acquired this higher state through so many incarnations on the physical plane. What I meant by the higher ethics, the higher moral teaching that arises from spiritual life, is this: No one should imagine that through the development of clairvoyance they gain an advantage over their fellow human beings. That is not the case at all. They do not achieve any progress that can be justified in an egoistic sense. They achieve it only insofar as they can be more to others. Serving egoism—which is immoral—is completely excluded in the spiritual realm. Through spiritual enlightenment, a person cannot achieve anything for themselves. What they achieve, they can achieve only as a servant of the world in general, and for themselves only by achieving it for others as well.
[ 22 ] So steht also ein Geistesforscher unter seinen Mitmenschen. Wollen sie hören, was er erforscht hat, und es aufnehmen, so erlangen sie dadurch einen gleichen Vorsprung mit ihm selber, kommen für ihr Individuelles genau so weit wie er. Das heißt, verwertbar ist das Spirituelle nur im allgemein menschlichen Geiste, nicht im egoistischen Geiste. Es gibt ein Gebiet, auf dem man nicht bloß deshalb moralisch ist, weil man es sich vornimmt, sondern weil einem das Unmoralischsein, das Egoistischsein nichts helfen würde. Dann aber ist es auch leicht, ein anderes einzusehen: daß es gefährlich ist, in die geistige Welt, in das spirituelle Gebiet unvorbereiter hineinzutreten. Niemals wird für das Leben nach dem Tode irgend etwas Egoistisches erreicht werden können durch das spirituelle Leben. Wohl aber kann der Mensch Egoistisches für dieses Leben, für das Leben auf dem physischen Plan wollen durch die spirituelle Entwickelung. Wenn man sozusagen für die geistige Welt auch nichts Egoistisches erringen kann, man kann für diese Welt irgend etwas erreichen wollen, was im Sinne des Egoismus liegt.
[ 22 ] This, then, is how a spiritual researcher stands among his fellow human beings. If they are willing to hear what he has discovered and to take it in, they thereby gain an equal advantage over him and reach the same level of individual development as he has. In other words, the spiritual can only be put to use within the general human spirit, not within the egoistic spirit. There is a realm in which one is moral not merely because one resolves to be so, but because immorality and selfishness would be of no help to one. But then it is also easy to see another truth: that it is dangerous to enter the spiritual world, the spiritual realm, unprepared. Nothing selfish can ever be achieved for life after death through spiritual life. However, through spiritual development, a person can desire selfish things for this life, for life on the physical plane. Even if, so to speak, one cannot achieve anything selfish for the spiritual world, one can desire to achieve something for this world that lies in the realm of selfishness.
[ 23 ] Die meisten Menschen, die eine gewisse höhere Entwickelung anstreben, werden nun gewiß sagen: Das ist ja ganz selbstverständlich, daß ich mich bemühe, unegoistisch zu sein, ehe ich den Eintritt in die höhere Welt erhalten will. - Aber glauben Sie es: Es gibt wohl kein Gebiet menschlicher Täuschung, auf dem eine Täuschung so groß sein kann als da, wo man sagt: Ich strebe unegoistisch! - Sagen kann man das leicht. Ob man es auch tun kann, es selbst wirklich vollziehen kann, das ist eine ganz andere Frage. Es ist vor allen Dingen deshalb eine andere Frage, weil, wenn man beginnt, in der Seele Verrichtungen zu pflegen, die in die geistige Welt hineinführen können, man sich dann erst selbst in seiner wahren Gestalt entgegentritt. Der Mensch lebt in der äußeren Welt in bezug auf sehr vieles nicht in seiner wahren Gestalt. Er lebt eingewoben in ein Netz von Vorstellungen, von Willensimpulsen und moralischen Empfindungen, in Handlungsusancen, die von der Umwelt gegeben sind, und selten wirft der Mensch die Frage auf: Wie würde ich handeln, wie würde ich denken über eine Sache, wenn ich mich nicht durch das, was mir anerzogen ist, veranlaßt fühlte, so oder so zu denken oder zu handeln? - Wenn der Mensch diese Frage sich beantworten würde, dann würde er sehen, daß er gewöhnlich viel, viel schlechter ist, als er annimmt.
[ 23 ] Most people who aspire to a certain level of higher development will surely say: “It goes without saying that I must strive to be unselfish before I can gain entry into the higher world.”—But believe me: there is probably no area of human self-deception where the deception can be as great as when one says, “I strive to be unselfish!” —It is easy to say that. Whether one can actually do it, whether one can truly accomplish it oneself, is an entirely different question. It is, above all, a different question because when one begins to cultivate activities within the soul that can lead into the spiritual world, only then does one encounter oneself in one’s true form. In the outer world, in many respects, a person does not live in their true form. They live woven into a web of ideas, of impulses of will and moral feelings, in patterns of behavior dictated by their environment, and rarely does a person ask the question: How would I act, how would I think about a matter, if I did not feel compelled by what I have been taught to think or act in a certain way? — If a person were to answer this question for themselves, they would see that they are usually much, much worse than they assume.
[ 24 ] Nun haben Verrichtungen, die darauf angelegt sind, daß der Mensch in die geistige Welt hinaufzusteigen lernt, zur Folge, daß man hinauswächst über alles, in was man einverwoben ist durch Gewohnheiten, durch Erziehung, durch alles, was um uns herum ist. Recht bald wächst man darüber hinaus. Man wird geistig-seelisch, empfindungsgemäß, immer nackter. Die Hüllen, die wir uns selber angelegt haben und an die wir uns halten bei unsern gewöhnlichen Empfindungen und Handlungen, sie fallen. Daher jene ganz gewöhnliche Erscheinung, die auch schon oft besprochen worden ist: Der Mensch, bevor er anfängt mit einer geistigen Entwickelung, ist vielleicht ein leidlich anständiger, vielleicht auch ein vernünftiger Mensch, der keine großen Dummheiten im Leben macht. Nun fängt er an mit einer geistigen Entwickelung. Während er vorher ganz bescheiden war und sich vielleicht auch gesagt hat: Ich bin doch ein ganz bescheidener Mensch! -, fängt er jetzt an, unter dem Einfluß der geistigen Entwickelung ein ganz hochmütiges Wesen zu zeigen, fängt an, allerlei Torheiten und Dummheiten zu begehen. Er verliert, wenn er in eine geistige Entwickelung hineinkommt, sozusagen Halt und Richtung. Warum das so ist, kann am besten derjenige sehen, der in einer geistigen Welt zu Hause ist. Denn zweierlei Dinge sind notwendig, um sich zurechtzufinden gegenüber dem, was aus der geistigen Welt an die Menschenseele herantritt, um das Gleichgewicht zu behalten: Man muß in der Lage sein, nicht schwindlig zu werden gegenüber dem, was aus der geistigen Welt an uns herantritt. Im physischen Leben schützt uns unsere Organisation vor dem Schwindligwerden durch das, was wir in den Anthroposophie-Vorträgen den Gleichgewichtssinn, den statischen Sinn genannt haben. Wie es für den leiblichen Menschen etwas gibt, wodurch er sich aufrechterhält — denn wenn die Organisation nicht ordentlich funktioniert, wird der Mensch schwindlig und fällt um -, so gibt es auch im geistigen Leben etwas, durch das sich der Mensch über seine eigene Lage zur Welt orientieren kann. Das muß er können. Das geistige Umfallen besteht eben darin, daß das nicht mehr vorhanden ist, was uns vorher stützt, was anerzogene Empfindungen sind, was das Gewebe der äußeren Welt bewirkt, so daß wir dann auf uns selber angewiesen werden. Die Stützen fallen weg, und dann ist die Gefahr nahe, daß wir schwindlig werden. Wir können dann leicht hochmütig werden, wenn die äußeren Stützen für uns wegfallen. Der Hochmut sitzt natürlich in uns, nur kam er vorher nicht zum Vorschein.
[ 24 ] Now, practices designed to help a person learn to ascend into the spiritual world have the effect of causing one to outgrow everything with which one is intertwined through habits, through upbringing, through everything that surrounds us. Very soon one outgrows all of this. One becomes, spiritually and emotionally, in terms of one’s sensibilities, ever more naked. The shells we have put on ourselves and to which we cling in our ordinary feelings and actions—they fall away. Hence that very common phenomenon, which has also been discussed many times: Before a person begins spiritual development, they may be a reasonably decent person, perhaps even a sensible one, who does not do anything particularly foolish in life. Now he begins a spiritual development. Whereas before he was quite modest and perhaps even said to himself: “I am, after all, a quite modest person!”—he now begins, under the influence of spiritual development, to display a very haughty nature, begins to commit all sorts of follies and foolish acts. When he enters into spiritual development, he loses, so to speak, his footing and direction. Why this is so can best be seen by one who is at home in the spiritual world. For two things are necessary to find one’s bearings in the face of what approaches the human soul from the spiritual world, in order to maintain balance: One must be able to avoid becoming dizzy in the face of what approaches us from the spiritual world. In physical life, our organism protects us from becoming dizzy through what we have called in the anthroposophy lectures the sense of balance, the static sense. Just as there is something in the physical human being that enables them to remain upright—for if the organism does not function properly, the person becomes dizzy and falls over—so too is there something in spiritual life through which the person can orient themselves to the world in relation to their own situation. They must be able to do this. Spiritual collapse consists precisely in the fact that what previously supported us is no longer present—those acquired sensibilities, the effects of the fabric of the external world—so that we are then left to rely on ourselves. The supports fall away, and then the danger is near that we will become dizzy. We can then easily become arrogant when the external supports for us disappear. Arrogance naturally resides within us; it simply did not come to the surface before.
[ 25 ] Wodurch erlangt man nun das geistige Gleichgewicht, so daß man nicht schwindlig wird? Dadurch, daß man entsagungsvoll, fleißig und emsig das aufnimmt, was die Geistesforschung erforscht hat und was in logische, dem gewöhnlichen Wahrheitssinn entsprechende Formeln umgeprägt worden ist. Nicht aus einer Willkür heraus wird immer wieder und wieder hier betont, daß es notwendig ist, das, was wir Geisteswissenschaft nennen, wirklich zunächst zu studieren. Es wird nicht etwa deshalb betont, damit ich hier recht oft reden kann, sondern aus dem Grunde, weil es durch kein anderes Mittel möglich ist, die festen Stützpunkte für eine geistige Entwickelung zu bekommen. Das hingebungsvolle, emsige Aufnehmen der geisteswissenschaftlichen Resultate ist das Gegenmittel gegen den geistigen Schwindel, gegen die geistige Unsicherheit. Und mancher Mensch, der durch eine unrichtig getriebene Entwickelung in geistige Unsicherheit hineinkommt — wenn es ihm auch erscheint, als ob er recht fleißig gewesen sei —, der sollte wissen, daß er es versäumt hat, das aufzunehmen, was aus dem Born der Geisteswissenschaft zunächst fließen kann. Das ist es, was wir brauchen, dieses Studium der geisteswissenschaftlichen Tatsachen von allen Seiten. Und deshalb war es, daß wir auch während des letzten Winters in unserem Zweige, als wir uns letzten Endes begreiflich machen wollten die Bedeutung des Christus-Ereignisses für die Menschheit, doch immer wieder darauf zurückkamen, die Grundbedingungen des geistigen Fortschrittes zu betonen.
[ 25 ] How, then, does one achieve spiritual balance so as not to become disoriented? By selflessly, diligently, and earnestly absorbing what spiritual research has uncovered and what has been recast into logical formulas that correspond to the ordinary sense of truth. It is not out of caprice that it is emphasized here again and again that it is necessary to truly study what we call spiritual science first. It is not emphasized so that I can speak here quite often, but because there is no other way to obtain the firm foundations for spiritual development. The devoted, diligent absorption of the results of spiritual science is the antidote to spiritual dizziness, to spiritual uncertainty. And many a person who, through a development driven by misconceptions, falls into spiritual uncertainty—even if it seems to them that they have been quite diligent—should know that they have failed to take in what can flow from the wellspring of spiritual science in the first place. That is what we need: this study of the facts of spiritual science from all sides. And that is why, even during the past winter in our branch, when we ultimately sought to make clear the significance of the Christ event for humanity, we nevertheless kept returning to the need to emphasize the fundamental conditions of spiritual progress.
[ 26 ] Ein orientiertes Seelenleben braucht der Mensch zum Fortschreiten, aber außerdem noch etwas anderes. Während durch das Studium der Geisteswissenschaft Sicherheit für die menschliche Seele erlangt wird, wird durch ein zweites das gebracht, was wir ebenfalls nötig haben. Das ist eine gewisse geistige Stärke, ein gewisser Mut des geistigen Lebens. Solchen Mut, wie wir zum geistigen Fortschritt brauchen, brauchen wir im gewöhnlichen Leben nicht, deshalb nicht, weil unser innerstes Wesen, unser geistig-seelisches Menschenwesen ja eingebettet ist im gewöhnlichen wachen Tagesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen in den physischen Leib und Ätherleib; und in der Nacht tun wir ja nichts und können nichts verderben. Wenn der Mensch auch schlafend handeln könnte, würde er als unentwickelter Mensch schlimme Dinge hervorbringen. Im physischen Leib und Ätherleib sind aber nicht bloß die Kräfte, die in uns wirksam sind, insofern wir bewußte oder auch nur denkende und fühlende Menschen sind, sondern auch jene Kräfte, an denen göttlich-geistige Wesenheiten gearbeitet haben durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch bis in unsere Erdenzeit hinein. Da sind immerfort die Kräfte aus höheren Regionen tätig. Auf die stützen wir uns. Und wenn wir aufwachen und in den physischen Leib und Ätherleib einziehen, überliefern wir uns zugleich den göttlich-geistigen Kräften, die in unserem physischen Leib und Ätherleib zu unserm Heil und Segen darinnen sitzen und uns vom Morgen bis zum Abend durch das Tagesleben führen. So ist es: In uns wirkt die ganze göttlich-geistige Welt, und wir können an ihr im Grunde genommen vieles schlechter machen, aber nicht viel verbessern.
[ 26 ] Human beings need a focused spiritual life in order to progress, but they also need something else. While the study of spiritual science provides security for the human soul, a second source provides what we also need. This is a certain spiritual strength, a certain courage in spiritual life. We do not need the kind of courage required for spiritual progress in our ordinary daily lives, not because our innermost being, our spiritual-soul human being, is embedded in the physical and etheric bodies during ordinary waking daily life, from waking up to falling asleep; and at night we do nothing and can do no harm. If a human being could act even in sleep, as an undeveloped human being they would bring about terrible things. But the physical and etheric bodies contain not only the forces that are active within us insofar as we are conscious or even merely thinking and feeling human beings, but also those forces upon which divine-spiritual beings have worked throughout the Saturn, Sun, and Moon epochs right into our Earth epoch. There, the forces from higher regions are constantly at work. We rely on them. And when we wake up and enter the physical and etheric bodies, we simultaneously entrust ourselves to the divine-spiritual forces that dwell within our physical and etheric bodies for our salvation and blessing, guiding us through daily life from morning to evening. This is how it is: the entire divine-spiritual world works within us, and we can, in essence, do much to make things worse, but not much to improve them.
[ 27 ] Aber nun denken Sie, daß alle geistige Entwickelung davon abhängt, daß wir frei bekommen unsern inneren Menschen, unsern Astralleib und unser Ich, daß wir sozusagen sehen, hellsichtig wahrnehmen lernen in dem, was unbewußt vom Einschlafen bis zum Aufwachen lebt, und weil es unbewußt lebt, auch kein Unheil anrichten kann. Das muß bewußt in uns werden, was unbewußt ist in jenen Gliedern, in denen göttlich-geistige Kräfte darinnen sind. All die Stärke, die Kraft, die uns gegeben worden ist, indem wir beim Aufwachen gerade in die Hände genommen werden von dem, was in unserem physischen Leib und Ätherleib verankert ist, die fällt weg, wenn wir unabhängig werden vom physischen Leib und Ätherleib und anfangen, hellseherisch wahrzunehmen. Die ganze Kraft und Gewalt der Welt bleibt draußen. Wir haben uns herausgezogen aus denjenigen Kräften, die uns stark machen und ein Widerlager geben gegen die Welt, die von außen auf uns einwirkt. Wir haben uns aus den uns unterstützenden Kräften herausgezogen. Die Welt ist aber geblieben, wie sie ist, und der ganzen Gewalt, dem ganzen Anprall der Welt stehen wir deshalb doch gegenüber. Alle die Kraft, die uns sonst aus dem physischen Leib und Ätherleib kommt, müssen wir dann in uns selber haben, um den Anprall der Welt auszuhalten und Widerstand zu leisten. Alles das müssen wir in unserem Ich und Astralleib entwickeln. Das entwickeln wir durch diejenigen Regeln, die uns gegeben werden und die Sie finden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist alles darauf berechnet, unserem eigenen Innern jene Stärke zu geben, die uns vorher von höheren Wesen verliehen wurde und die wegfällt, wenn die äußeren Stützen wegfallen, jene Stärke, die uns widerstandsfähig machen kann gegenüber dem Anprall der Welt, auch wenn wir selbst die Unterstützungen beiseite geschoben haben, die uns unser physischer Leib und Ätherleib bieten.
[ 27 ] But now consider that all spiritual development depends on our ability to free our inner being—our astral body and our ego—so that we may, so to speak, learn to see and perceive clairvoyantly what lives unconsciously from the moment we fall asleep until we wake up; and because it lives unconsciously, it cannot cause any harm. What is unconscious in those members in which divine-spiritual forces are present must become conscious within us. All the strength and power that has been given to us—as we are taken into the hands, upon waking, by that which is anchored in our physical and etheric bodies—fades away when we become independent of the physical and etheric bodies and begin to perceive clairvoyantly. The entire power and force of the world remains outside. We have withdrawn from those forces that make us strong and provide a bulwark against the world that acts upon us from the outside. We have withdrawn from the forces that support us. But the world has remained as it is, and we therefore still face the full force, the full onslaught of the world. All the strength that otherwise comes to us from the physical body and the etheric body, we must then have within ourselves in order to withstand the impact of the world and to offer resistance. We must develop all of this in our ego and astral body. We develop this through the rules that are given to us, which you will find in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. All of this is designed to give our own inner being that strength which was previously bestowed upon us by higher beings and which is lost when the external supports are removed—that strength which can make us resilient against the impact of the world, even when we ourselves have set aside the support offered by our physical and etheric bodies.
[ 28 ] Menschen, die sich nicht so innerlich stark machen, um die Kräfte, die sie abstreifen mit dem physischen Leib und Ätherleib, zu ersetzen durch wirklich hingebungsvolle Exerzitien der Seele, vor allen Dingen durch die Läuterung der Eigenschaft, die wir in der äußeren Welt als Unmoral bezeichnen, diese Menschen können zwar bis zu einem gewissen Grade Fähigkeiten erwerben, in die geistige Welt hineinzusehen. Aber was geschieht? Sie werden das, was man hypersensitiv nennen kann, sie werden überempfindlich. Sie werden, wie wenn sie von allen Seiten geistig gestochen würden, sie können nicht standhalten dem, was heranprallt von allen Seiten. Das ist eine derjenigen bedeutsamen Tatsachen, die man kennen muß, wenn man einen geistigen Erkenntnisfortschritt anstrebt: sich innerlich stark zu machen, indem man die edelsten, besten Eigenschaften der Seele wirklich ausbildet.
[ 28 ] People who do not build up their inner strength sufficiently to replace the forces they shed along with their physical and etheric bodies through truly devoted spiritual exercises—above all through the purification of the qualities we call immorality in the outer world—such people may indeed acquire, to a certain degree, the ability to glimpse into the spiritual world. But what happens? They become what one might call hypersensitive; they become overly sensitive. They feel as if they were being stung spiritually from all sides; they cannot withstand what comes at them from all directions. This is one of the significant facts one must know when striving for spiritual progress: to strengthen oneself inwardly by truly cultivating the noblest, best qualities of the soul.
[ 29 ] Welche Eigenschaften werden das sein nach dem, was wir eben gerade heute gesagt haben? - Wenn es sogar unmöglich ist, in der geistigen Welt im Zeichen des Egoismus zu leben, wenn uns da der Egoismus nichts hilft, so wird es nur natürlich sein, daß die Austreibung des Egoismus, alles dessen, was der willkürlichen Begehrung des Geistigen unterstellt ist, die Vorbereitung für das geistige Leben sein wird. Je würdiger und ernster man gerade diesen Grundsatz nimmt, desto besser ist es für einen geistigen Fortschritt. Man kann ihn nicht ernst und würdig genug nehmen. Wer mit diesen Dingen zu tun hat, kann es oft hören, daß irgend jemand ihm sagt: Dies habe ich nicht aus Egoismus getan! — Aber wenn dieses Wort über die Lippen will, dann sollte der Mensch Einhalt tun, sollte es nicht über die Lippen lassen, sondern er sollte sich sagen: Eigentlich bist du doch nicht so, daß du sagen kannst, du tust irgend etwas ohne eine Spur von Egoismus! — Das ist viel gescheiter, weil es viel wahrer ist. Und auf das Wahre namentlich in bezug auf die Selbsterkenntnis kommt es an. Auf keinem Gebiete rächt sich Unwahrheit so stark, wie auf dem Gebiet des spirituellen Lebens. Da sollte der Mensch die Forderung an sich stellen, lieber wahr zu sein, als sich in den Nebel hineinzureden: Du bist unegoistisch. — Lieber wahr sein und sich sagen: Gestehe ich meinen Egoismus, so habe ich wenigstens einen Impuls, ihn abzulegen.
[ 29 ] What qualities will these be, based on what we have just said today? — If it is impossible to live in the spiritual world under the sign of egoism, if egoism is of no help to us there, then it will only be natural that the expulsion of egoism—of everything that is subject to the arbitrary desires of the spiritual—will be the preparation for spiritual life. The more seriously and with greater dignity one takes this very principle, the better it is for spiritual progress. One cannot take it seriously and with enough dignity. Anyone who deals with these matters often hears someone say: “I did not do this out of selfishness!” — But when this word is about to pass the lips, one should pause, should not let it pass the lips, but should say to oneself: Actually, you are not the sort of person who can say that you do anything without a trace of egoism! — That is much wiser, because it is much truer. And what matters is the truth, especially with regard to self-knowledge. In no other realm does untruth take such a heavy toll as in the realm of spiritual life. There, one should demand of oneself to be truthful rather than delude oneself with the fog of: “You are unselfish.” — Better to be truthful and say to oneself: If I admit my selfishness, then at least I have an impulse to cast it off.
[ 30 ] Was mit diesem spirituellen Wahrheitsbegriff zusammenhängt, möchte ich am liebsten mit dem Folgenden sagen. Man kann recht leicht so urteilen: Da gibt es Leute, die behaupten, allerlei in den höheren Welten erfahren und gesehen zu haben; das wird dann verbreitet und tritt vor die Menschen hin. Wenn man einsieht, daß das nicht wahr ist, sollte man nicht alle Kräfte und Mittel einsetzen, um das zu bekämpfen? - Gewiß, es kann Gesichtspunkte geben, unter denen ein solcher Kampf notwendig ist. Für den aber, dem es als spiritueller Mensch um die Wahrheit zu tun ist, gibt es immer noch einen andern Gedanken, nämlich den, daß doch nur alles das, was Wahrheit ist, aus der spirituellen Welt heraus gedeiht und fruchtbar ist für die Welt, und daß dasjenige, was unwahr ist, ganz gewiß keine Fruchtbarkeit hat. Das heißt trivial ausgedrückt: Man mag noch so viel zusammenlügen in bezug auf spirituelle Dinge, diese Dinge haben recht kurze Beine. Von diesen Lügen sollte sich der, welcher sie aufbringt, sagen, daß er damit wirklich Fruchtbares nicht wirken kann. Fruchtbar auf spirituellem Gebiet ist allein die Wahrheit. Das beginnt bereits da, wo wir mit unserer eigenen spirituellen Entwickelung beginnen, wo wir anfangen sollten, uns wahr einzugestehen, wie wir eigentlich sind. Das ist etwas, was zugleich als Impuls in allen spirituellen, in allen okkulten Bewegungen leben muß: daß nur das Wahre ein Fruchtbares, ein Wirksames sein kann. Wahrheit ist durchaus etwas in der Welt, was sich durch seine Fruchtbarkeit, durch seinen Segen für die Menschheit selber rechtfertigt. Und die Lüge, die Unwahrheit ist etwas, was unfruchtbar und unwirksam ist. Das hat nur eine einzige Wirkung, die ich heute nicht weiter ausführen kann und darum nur andeuten will: Es fällt mit dem stärksten Anprall auf den Verbreiter der Unwahrheit selbst zurück. Das wird uns ein anderes Mal beschäftigen, was mit diesem bedeutungsvollen Satz gemeint ist.
[ 30 ] I would like to express what is connected with this spiritual concept of truth as follows. It is quite easy to make the following judgment: There are people who claim to have experienced and seen all sorts of things in the higher worlds; this is then spread and presented to the public. If one realizes that this is not true, should one not use all one’s strength and resources to combat it? - Certainly, there may be perspectives from which such a struggle is necessary. But for the spiritual person concerned with truth, there is always another consideration: namely, that only that which is truth springs from the spiritual world and bears fruit for the world, and that that which is untrue certainly bears no fruit. To put it simply: No matter how much one may fabricate lies regarding spiritual matters, these fabrications have very short legs. Those who spread such lies should realize that they cannot bring about anything truly fruitful with them. In the spiritual realm, only the truth is fruitful. This begins right where we start our own spiritual development, where we should begin to honestly admit to ourselves what we actually are. This is something that must also live as an impulse in all spiritual, in all occult movements: that only the true can be fruitful and effective. Truth is certainly something in the world that justifies itself through its fruitfulness, through its blessing for humanity. And the lie, the untruth, is something that is barren and ineffective. It has only one single effect, which I cannot elaborate on further today and therefore wish only to hint at: it rebounds with the greatest force upon the propagator of the untruth himself. We will consider another time what is meant by this significant statement.
[ 31 ] So wollte ich Ihnen heute eine Art Rückblick geben auf das, was wir im letzten Jahre in unsern Zweigversammlungen getrieben haben, und noch einmal anklingen lassen, was als Stimmung, als Gefühlsgehalt die Seele durchziehen und den Raum erfüllen konnte.
[ 31 ] So today I wanted to give you a sort of retrospective on what we’ve been up to in our branch meetings over the past year, and to once again evoke the mood and emotional atmosphere that permeated our souls and filled the room.
[ 32 ] Wenn wir nun auf die Arbeit, die außerhalb unseres Zweiges im letzten Jahr geleistet worden ist, nur in einer Beziehung blicken, so darf ich dabei vielleicht auf meinen Anteil selbst hinweisen, der sich zusammenschließt in dem von uns in München aufgeführten Rosenkreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung». Mit diesem Mysterium hat etwas angestrebt werden sollen, worüber wir in den nächsten Zweigversammlungen sprechen werden. Jetzt soll nur so viel gesagt werden, daß es möglich war, gerade in dieser, man möchte sagen, mehr künstlerischen Form in einem individuellen Ausdruck das vorzuführen, was man sonst nur mehr im allgemeinen sagen kann. Wenn wir hier oder sonstwo sprechen von den Bedingungen des geistigen Lebens, so sprechen wir so, wie es für jede Seele richtig ist. Aber es ist notwendig, dabei immer im Auge zu behalten, daß jeder Mensch ein eigenes Wesen ist, ein individuelles Wesen, und daß individualisiert werden muß in bezug auf jede Seele. Deshalb war einmal das Bedürfnis vorhanden, sozusagen eine Seele an der Pforte der Einweihung zu zeigen. Betrachten Sie daher das Rosenkreuzermysterium nicht als eine Lehrschrift, sondern als künstlerische Darstellung der Vorbereitung zur Einweihung eines einzelnen Menschen. Es handelt sich nicht darum, wie dieser oder jener Mensch vorschreitet, sondern gerade der, welcher in dem Mysterium als Johannes Thomasius geschildert ist, also um die ganz individuelle Gestalt, welche die Vorbereitung zur Einweihung bei einem einzelnen Menschen annimmt.
[ 32 ] If we now consider the work carried out outside our branch over the past year from just one perspective, I might perhaps point to my own contribution, which is embodied in the Rosicrucian Mystery Play *The Gate of Initiation* that we performed in Munich. This mystery play was intended to strive toward something we will discuss in the coming branch meetings. For now, let it suffice to say that it was possible, precisely in this—one might say—more artistic form, to present in an individual expression what can otherwise only be stated in general terms. When we speak here or elsewhere of the conditions of spiritual life, we speak in a way that is appropriate for every soul. But it is necessary to always bear in mind that every human being is a distinct being, an individual being, and that individualization must take place with regard to each soul. That is why there was once a need to depict, so to speak, a soul at the threshold of initiation. Therefore, do not regard the Rosicrucian Mystery as a doctrinal treatise, but as an artistic depiction of the preparation for the initiation of a single human being. It is not a matter of how this or that person progresses, but specifically of the one depicted in the Mystery as Johannes Thomasius—that is, the entirely individual form that the preparation for initiation takes in a single human being.
[ 33 ] So hätten wir gleichsam zwei große Standpunkte dadurch gewonnen, daß wir uns der Wahrheit nähern: einmal indem wir die großen Gesichtspunkte des Fortschrittes schildern, und dann indem wir in den Mittelpunkt einer einzelnen Seele hineingestiegen sind. Immer wird uns das beseelen, daß wir uns der Wahrheit von vielen Seiten nähern und geduldig abwarten müssen, bis sich uns die verschiedenen Ansichten über die Wahrheit zu einer Gesamtempfindung zusammenschließen. Diese Erkenntnisbescheidenheit wollen wir uns ganz besonders angelegen sein lassen. Sprechen wir nie davon, daß der Mensch die Wahrheit nicht erleben kann. Er kann sie erleben! Nur kann er nicht auf einmal die ganze Erkenntnis der Wahrheit haben, sondern nur immer eine Seite. Dadurch wird der Mensch bescheiden. Wahre Bescheidenheit wird auch ein Gefühl sein müssen, das sich erzeugt in unsern Zweigen, das von dort hinausgetragen werden soll in die übrige Zeitkultur der Gegenwart, um draußen zu wirken. Denn unsere Zeit braucht nach ihrer ganzen Beschaffenheit viel von dieser Erkenntnisbescheidenheit.
[ 33 ] In this way, we have, as it were, gained two major perspectives by drawing closer to the truth: first, by describing the broad aspects of progress, and second, by delving into the innermost depths of a single soul. We will always be inspired by the fact that we must approach the truth from many sides and wait patiently until the various views of the truth coalesce into a unified perception. Let us make this humility of knowledge a particular priority. Let us never say that human beings cannot experience the truth. They can experience it! It is just that they cannot possess the full knowledge of the truth all at once, but only one aspect at a time. This makes human beings humble. True humility must also be a feeling that arises within our branches, one that is to be carried out from there into the rest of the contemporary culture of our time, so that it may have an effect in the wider world. For our time, given its very nature, needs much of this humility of knowledge.
[ 34 ] Im Sinne dieser Anregungen werden wir weiter arbeiten, das christliche Problem darzustellen, um auch daran zu erleben, wie man zu dieser Erkenntnisbescheidenheit gelangen und dadurch wieder im Erleben der Wahrheit immer weiter und weiter kommen kann.
[ 34 ] In light of these suggestions, we will continue our efforts to present the Christian problem, so that we may also experience how to attain this humility of understanding and, through it, continue to progress further and further in the experience of truth.
