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Excursions into the Subject of
the Gospel of Mark
GA 124

24 October 1910, Berlin

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Zweiter Vortrag

2. Some Practical Points of View

[ 1 ] Wir haben das letzte Mal versucht, einen Rückblick zu geben nicht nur auf den Inhalt unserer Betrachtungen des vorigen Jahres, sondern auch auf den Sinn, auf den Geist dieser Betrachtungen. Wir haben dabei aufmerksam gemacht, daß dieser Geist, der uns beseelt hat bei der Betrachtung zum Beispiel des Christus-Problems von allen möglichen Seiten her, daß es dieser Geist überhaupt sein soll, welcher durch die ganze geisteswissenschaftliche Bewegung, durch alles geisteswissenschaftliche Streben gehen muß. Denn es hat sich uns ergeben, daß wir deshalb von so verschiedenen Seiten her einen einzigen Gegenstand anfassen, weil der Mensch in seinem Erkenntnisstreben von vornherein dasjenige bergen soll, was man die wahre Erkenntnisbescheidenheit nennt. Wir wollen uns einmal über diese Erkenntnisbescheidenheit ein wenig genauer aussprechen.

[ 1 ] In the last lecture we tried to present a retrospect not only of the content of our studies during the past year, but also of the true meaning—the inner spirit of these studies. In doing so we showed that the spirit which fills our souls when considering the Christ-problem from all possible sides must permeate our whole movement, all our spiritual efforts. We realise that we have been able to grasp one subject from so many different aspects because, in striving after knowledge, we have ever cultivated true modesty with regard to this knowledge. We should like for a moment to speak somewhat more exactly about humility in respect of knowledge.

[ 2 ] Den Vergleich habe ich oft angeführt, daß wir irgendeinen Gegenstand abbilden können durch Malen, Photographieren von irgendeiner Seite her, daß wir dann aber von diesem Bilde, das von einer Seite aufgenommen ist, niemals behaupten dürfen, es ergebe die ganze Gestalt des Gegenstandes. Eine ungefähre Vorstellung kann man sich von einem Gegenstand machen, wenn man ihn von verschiedenen Seiten her abbildet, dann diese verschiedenen Bilder zusammenhält und sich dadurch ein Bild von dem Gegenstande zu machen versucht. Auch bei einem gewöhnlichen Anschauen muß man im Grunde genommen herumgehen um den Gegenstand, um sich eine allseitige Vorstellung von ihm zu bilden. Wenn jemand nun sagen wollte, daß es in der geistigen Welt doch möglich sein müßte, sozusagen mit einem einzigen Anblick, mit einer einzigen Ansicht einen Gegenstand zu umfassen, so würde er sich sehr irren. Und viele menschliche Irrtümer entspringen aus dem Nichtanerkennen des eben Gesagten. In den Berichten über das Ereignis von Palästina ist, man möchte sagen, schon vorgesorgt, daß dieser Standpunkt von den Tiefergehenden nicht angelegt werde. Denn von diesem Ereignis von Palästina sind vier Berichte gegeben, die Berichte der vier Evangelisten. Und für denjenigen, der nicht weiß, daß man im geistigen Leben einen Gegenstand, eine Wesenheit, ein Ereignis von verschiedenen Seiten betrachten muß, für den wird ja - leichtfertig, wie er dann mit der Wahrheit zu Werke gehen muß - sich aus dieser Tatsache nichts anderes ergeben, als daß scheinbare Widersprüche zwischen den einzelnen Evangelisten vorhanden sind. Aber wir haben wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß man sich die vier Evangelienberichte so vorzustellen hat, daß sie von vier verschiedenen Gesichtspunkten aus das große Christus-Ereignis darstellen, und daß sie zusammengehalten werden müssen wie die vier Bilder, die von vier verschiedenen Seiten von irgendeinem Gegenstand oder Wesen aufgenommen werden. Wenn man dann in einer genauen Weise vorgeht, wie wir es schon versucht haben mit Bezug auf das Matthäus-, Johannes- und Lukas-Evangelium und wie wir es später versuchen werden mit Bezug auf das Markus-Evangelium, dann ergibt es sich schon, daß die vier Darstellungen des Ereignisses in Palästina in der schönsten Weise zusammenstimmen. So ist schon in der Tatsache, daß vier Evangelien vorhanden sind, die große Lehre von der Vielseitigkeit menschlicher Ansichten von der Wahrheit gegeben.

[ 2 ] I have often said that we can only arrive at a true conception of any object when this is viewed from different aspects, that only when these different views are placed side by side is a true picture of the object obtained. Even in ordinary observation we must go all round an object in order to form a comprehensive conception of it. If anyone said that it was possible to grasp an object at a single glance, from one point of view in the spiritual world, he would be much mistaken. Many human errors spring from failing to recognise this. In the accounts given by us of the Event of Palestine great care has been taken that thoroughness in this respect should not be relaxed. We have four accounts of this event, the accounts of the four Evangelists. Those who do not know that in spiritual life an object, being, or event, must be observed from different sides (for people approach such things without much thought) see nothing more in this fact than the possibility of apparent contradictions between the Evangelists. We have repeatedly pointed out that the accounts of the four Evangelists have to be regarded as giving four different aspects of the one mighty Event of Christ, and that they must he compared one with another as we compare four pictures of the same object taken from different sides. If we proceed carefully in this way as we have already tried to do in respect of the Gospels of Matthew, of John, and Luke, and as we hope later to do in respect of the Gospel of Mark, it is seen that the four accounts of the event of Palestine agree in the most perfect way. Thus, in the very fact that there are four Gospels, a great lesson is given showing the necessity of a many sided view if the truth is to be reached.

[ 3 ] Nun habe ich im vorigen Jahre schon darauf aufmerksam gemacht, daß es möglich ist, verschiedene Ansichten von der Wahrheit irgendeines Wesens zu suchen. Sie erinnern sich, daß ich im vorigen Jahr bei unserer Generalversammlung zu ergänzen versuchte, was man gewöhnlich die Theosophie nennt, durch eine andere Betrachtung, die damals die Betrachtung der Anthroposophie genannt worden ist, und ich habe gesagt, wie sich die Anthroposophie verhalten soll zu der Theosophie. Ich machte darauf aufmerksam, daß es eine gewöhnliche Wissenschaft gibt, die sich stützt auf die sinnlichen Ereignisse und auf die verstandesmäßige Zusammenfassung der sich durch die Sinnesbeobachtung ergebenden Tatsachen - und wenn sie sich mit dem Menschen beschäftigt, nennt man diese Wissenschaft Anthropologie. Die Anthropologie enthält alles, was man mit den Sinnen erforschen und mit den verstandesmäßigen Beobachtungen über den Menschen erfahren kann. Sie betrachtet also die menschliche sinnliche Organisation so, wie sie sich darbietet, wenn man sie mit den verschiedenen Instrumenten, mit den Werkzeugen der Naturwissenschaft untersucht. Sie betrachtet zum Beispiel die Überreste der Menschen der Vorzeit, die Kulturgeräte und Werkzeuge von solchen Menschen in den Schichten der Erde und sucht sich eine Vorstellung zu machen, wie sich das Menschengeschlecht im Laufe der Zeit entwickelt hat. Sie versucht ferner diejenigen Bildungsstufen zu studieren, die man bei den wilden oder unzivilisierten Völkern findet, denn sie geht von der Voraussetzung aus, daß sich bei solchen Völkerschaften die Kulturstufen erhalten haben, wie sie auch die zivilisierteren Völker in früheren Zeiten durchlaufen haben. So baut sich die Anthropologie daraus eine Vorstellung auf über das, was der Mensch durchgemacht hat, bis er zum gegenwärtigen Standpunkt gekommen ist.

[ 3 ] I have often spoken of the possibility of there being different opinions held by different individuals concerning truth. You will recall how at our general meeting last year I supplemented what is generally called “Theosophy” by another view which I described as the “Anthroposophical view,” and explained how this was related to Theosophy. I showed that there is an ordinary science built on facts and the intelligent comprehensions of facts as revealed to the senses, this when it deals with mankind is called “Anthropology.” It contains everything that can be discovered and investigated by means of the senses. It therefore studies the human organisms as revealed by the instruments and methods of natural science. It studies, for instance, the relics of an earlier humanity, the utensils and instruments of civilisations that have remained hidden within the earth, and seeks from these to form some idea of how the human race has developed. It studies further those stages of development found in savage or uncivilised peoples; and from the conclusions arrived at traces the stages civilised peoples have passed through in former ages. In this way Anthropology forms its conceptions of what man has experienced up to the present stage of development. Much more could be said regarding the nature of Anthropology. I have compared it with a man who learns of a country by walking about on the level, observing the features of the land, its towns, forests, fields, etc., and describing these as seen from this stand-point.

[ 4 ] Vieles könnte noch angeführt werden, was beitragen würde zu einer Aufklärung über das Wesen der Anthropologie. Ich habe im vorigen Jahr die Anthropologie verglichen mit einem Menschen, der sich dadurch Kenntnisse erwirbt, daß er in der Ebene herumgeht, sich die Marktflecken, die Städte, Wälder und Felder besieht und alles beschreibt, was er so, in der Ebene herumgehend, gesehen hat. Nun kann man den Menschen auch betrachten von einem andern Gesichtspunkte aus. Das ist der der Theosophie. Denn alle Theosophie will uns zuletzt aufklären über das Wesen, über die Bestimmung des Menschen. Wenn Sie meine «Geheimwissenschaft» durchstudieren, werden Sie sehen, daß zuletzt alles gipfelt in der Aufklärung über das menschliche Dasein selber. Wenn Sie die Anthropologie vergleichen mit einem Menschen, der in der Ebene herumgeht und dort die einzelnen Tatsachen sammelt und notiert, um sie mit dem Verstande zu begreifen, so können wir die Theosophie vergleichen mit einem solchen Beobachter, der auf einen Berg bis zum Gipfel hinaufsteigt und sich von dort die Umgebung ansieht, die Marktflecken, Städte, Wälder und so weiter. Er wird das in der Ebene sich Ausbreitende wie verschwimmend und manches nur in einzelnen Punkten sehen. So ist es im Grunde genommen mit der geistigen Betrachtung des Menschen, mit der Theosophie. Der Standpunkt in geistiger Beziehung, der da eingenommen wird, ist ein hoher. Der macht es notwendig, daß tatsächlich mancherlei von diesem Standpunkt aus gewonnen wird, was sozusagen das gewöhnliche Menschentreiben, die unmittelbaren Eigenschaften und Eigenheiten des Menschen, die uns im Alltagsleben entgegentreten, wie verschwommen erscheinen läßt, so wie die Dörfer und Städte sich, vom Berggipfel aus gesehen, ausnehmen.

[ 4 ] Now mankind can be observed from a different standpoint—theosophical. All Theosophy begins by defining man, by speaking of his being or nature. If you study my “Outline of Occult Science” you will see that everything is summed up and reaches its climax in the description of the being of man himself. If Anthropology can be compared with a man who gathers facts and tries to understand them by walking about on the level, Theosophy can be compared with the observer who climbs a mountain in order to observe the surrounding country from its summit. Much that is spread out on the plain will then fade and only certain features remain. So it is with spiritual observation, with Theosophy. The point of view it takes regarding spiritual matters is a higher one. It follows that many things seen from this standpoint, and many of the ordinary human activities met with in daily life fade away, just as villages and towns vanish when seen from a mountain top.

[ 5 ] Was ich jetzt eben gesagt habe, wird dem Anfänger in der Theosophie vielleicht nicht ganz einleuchtend sein. Denn was dieser Anfänger zunächst aufnimmt über das Wesen des Menschen, über die Gliederung in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und so weiter, das wird er zu verstehen suchen, er wird sich gewisse Vorstellungen darüber bilden, aber er wird zunächst ferne sein von den großen Schwierigkeiten, die gerade dann vorliegen, wenn man in der Erfassung der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten weiterrückt. Man darf sagen: Je weiter man kommt, desto mehr erkennt man, wie unendlich schwierig es ist, einen Zusammenhang zu finden zwischen dem, was da oben auf dem geistigen Bergesgipfel der Theosophie gewonnen wird, und dem, was wirklich im alltäglichen Menschenleben als charakteristische menschliche Empfindungen, Gefühle und so weiter zutage tritt. Nun könnte man die Frage aufwerfen: Warum erscheinen denn vielen die spirituellen Wahrheiten einleuchtend, richtig, trotzdem sie gar nicht in Betracht ziehen, wie wenig sie in der Lage sind, dasjenige, was von dem geistigen Gipfel aus gesagt wird, an dem zu prüfen, was sie selber im alltäglichen Leben sehen? — Das kommt davon her, daß die menschliche Seele tatsächlich nicht auf Unwahrheit, sondern auf Wahrheit angelegt ist, so angelegt ist, daß sie es gleichsam instinktiv empfindet, wenn irgendeine Wahrheit ausgesprochen wird. Ein Gefühl ist vorhanden für die Wahrheit. Man soll nicht verkennen, daß dieses Gefühl für die Wahrheit, dieser unbefangene Wahrheitssinn der Seele einen unendlichen Wert hat. Insbesondere in unserem gegenwärtigen Zeitalter hat er einen unendlichen Wert, und zwar aus dem Grunde, weil, man möchte sagen, der geistige Gipfel, von dem aus auch nur die notwendigsten Wahrheiten von dem Menschen wirklich erschaut werden können, so unendlich hoch ist. Müßten die Menschen erst auf diesen Gipfel hinaufsteigen, so hätten sie einen weiten geistig-seelischen Weg zu machen, und es könnten alle die, welche diesen geistig-seelischen Weg nicht machen, nichts empfinden von dem Wert dieser Wahrheiten für das menschliche Leben. Nun ist aber jede Seele dafür veranlagt, wenn die geistigen Wahrheiten mitgeteilt werden, sie auch in ihrer Wahrheit zu empfinden und in ihrer Wahrheit aufzunehmen.

[ 5 ] What I have just said may perhaps not seem very obvious to a beginner in Theosophy. For what such a beginner first learns concerning the nature of man, concerning the different principles of his being, physical body, etheric body, astral body, etc., he tries to understand and form a conception of, but at first he is far from the greater difficulties which face him when he advances further in the acquisition of Theosophical truths. The further one advances the more one realises how infinitely difficult it is to find a connection between what has been gained above, on the spiritual mountain top of Theosophy, and what emerges in daily life as characteristic human feelings, ideas, etc. We might ask:—Why do Theosophical truths seem obvious and right to many in spite of their not being able to prove what is told them from the spiritual mountain tops, or by what they have themselves seen? This is because the human soul is really designed for truth, not for untruth; it is so organised that it feels it natural when anything true is said. There is a feeling for truth in man; and he should realise the infinite value of this feeling. This is especially the case in our day, for the very reason that the spiritual heights from which the necessary truth can alone be seen are so infinitely high. If people had first to climb these heights they would have to travel a long way in spiritual experience, and those unable to do so would know nothing of the value of these truths for human life. But every soul, are these truths are imparted, can realise them and make them its own.

[ 6 ] Wie verhält sich nun eine solche Seele, die diese Wahrheiten aufnimmt, zu einer Seele, die sie selber findet? Man kann dafür einen ganz trivialen Vergleich wählen. Aber so trivial er ist, es ist doch mehr mit ihm gemeint, als es aussieht. Einen Stiefel kann jeder von uns anziehen, aber nicht jeder kann einen Stiefel machen; dazu muß man es als Schuhmacher gelernt haben. Was man aber vom Stiefel hat, was einem der Stiefel sein kann, das hängt nicht davon ab, daß man ihn auch machen kann, sondern daß man ihn in der rechten Weise gebrauchen kann. So verhält es sich tatsächlich mit den geistigen Wahrheiten, die uns durch die 'Theosophie gegeben werden. Wir sind zunächst, auch wenn wir sie nicht selber schauend erzeugen können, dazu berufen, sie für unser Leben zu gebrauchen. Und wenn wir sie durch unsere natürliche Wahrheitsempfindung aufnehmen zum Gebrauch, so dienen sie uns so, daß wir uns durch sie orientieren können im Leben; daß wir wissen können, daß wir nicht in dem Dasein zwischen Geburt und Tod eingeschlossen sind, daß wir einen geistigen Menschen in uns tragen, wiederholte Erdenleben durchmachen und so weiter. Diese Wahrheiten kann man, wie gesagt, gebrauchen. Man nimmt sie auf. Und wie die Stiefel uns vor der Kälte schützen, so schützen uns diese Wahrheiten vor der geistigen Kälte, vor der geistigen Verarmung. Denn das muß man sich vor Augen halten, daß wir geistig erkalten, geistig verarmen, wenn wir bloß darauf angewiesen sind, das zu denken, zu fühlen und zu empfinden, was die äußere Sinneswelt uns darbietet. So also müssen wir sagen: Zum Gebrauch sind die spirituellen Wahrheiten, die von einem hohen Gesichtspunkt aus hergeholt werden, für alle Menschen da. Finden können sie vielleicht nur wenige, diejenigen eben, die den geistigen Weg, der auch in der letzten Stunde beschrieben worden ist, durchmachen.

[ 6 ] What is the position of a soul that receives these truths compared with one able to discover them for itself? This can he shown by a quite trivial example, but however trivial it means more than at first appears. Everyone can pull on a boot, but not everyone can make a boot; for this a bootmaker is necessary. What a man receives through the boot does not depend on whether he can himself make it or not, but on whether he makes use of it in the right way. This can be compared exactly with the spiritual truths given to us by spiritual science. We are summoned to make use of them, even though we are not able to discover them for ourselves. And when through our own natural sense of truth we accept and make use of them, they serve us for the directing of our whole lives; through them we know that we are not confined to life between birth and death, that we bear within us a spiritual man, that we pass through repeated earthly lives, and so on. We can make use of these truths. They serve us. Just as a boot protects us from cold, so these truths shield us from spiritual cold, from spiritual poverty. For it is a fact that we are chilled and impoverished spiritually when we only think and feel those things that have reference to the external world of the senses. We must allow that the truths presented to us by those who can bring them down from a higher standpoint can be of service to all, though there may perhaps be only a few who can travel the spiritual path described in recent lectures.

[ 7 ] Nun aber kann ein jeder Blick in die gewöhnliche Welt, die uns für die Sinne umgibt - die also auch, wenn es sich um den Menschen handelt, der Gegenstand der Anthropologie ist —, uns zeigen, wie diese Welt selber der Offenbarer wird für eine Welt, die hinter ihr liegt, die dann von dem geistigen Höhenstandpunkte der Theosophie aus erschaut wird. Die Sinneswelt also selber kann zum Öffenbarer einer andern Welt werden, wenn man dazu übergeht, diese Sinneswelt zu deuten, wenn man nicht bloß mit dem Verstande ihre Tatsachen hinnimmt, sondern beginnt, diese Tatsachen zu deuten; wenn man sozusagen über das Feld der Sinneswahrnehmung nicht gleich so weit hinausgeht wie die Theosophie selber, sondern gleichsam auf dem Abhang des Berges stehenbleibt, wo noch nicht die Einzelheiten ganz verschwimmen, wo aber auch schon ein Überblick möglich ist. Diesen Standpunkt in geistiger Beziehung haben wir im vorigen Jahr charakterisiert als den der Anthroposophie, und wir haben damit gezeigt, daß drei Ansichten über den Menschen möglich sind: die anthropologische, die anthroposophische und die theosophische.

[ 7 ] Now every glance into the ordinary world around us—and which when it deals with man is also the concern of Anthropology—shows us how this world is itself the revealer of a world lying behind it, a world that can be seen from the spiritually higher standpoint of Theosophy. Thus even the world of the senses can reveal another world to us when we pass on to its interpretation, when we not only receive the facts it presents to us with our understanding, but begin to interpret these facts. If we cannot see as far over the fields of the sense world as Theosophy can, yet we can stand on the mountain side where the various objects are not absolutely indistinct and some prospect is possible. This standpoint in respect to spiritual things we have called Anthroposophy, and in doing so have shown that there are three ways of considering man—the anthropological, the anthroposophical, and the theosophical.

[ 8 ] Nun werden wir in diesem Jahr - im Anschluß an die Generalversammlung - in den Vorträgen über Psychosophie, die noch in ganz anderem Sinne wichtig sind als die Vorträge über Anthroposophie, zu zeigen haben, wie die menschliche Seele selber aus ihren unmittelbaren Eindrücken und Erlebnissen heraus so gedeutet werden kann, daß sie in ähnlicher Weise wie bei der Anthroposophie ins geistige Leben hineinspielt. Und eine in der Zukunft folgende Vortragsreihe über Pneumatosophie soll dann diese Vorträge so abschließen, daß die Betrachtungen über Anthroposophie und über Psychosophie wieder einmünden sollen in die Theosophie. Das alles wird getan, um ein Gefühl dafür hervorzurufen, wie mannigfaltig die Wahrheit ist. Denn das ist eine Erfahrung gerade des ernsten Wahrheitssuchers: Je weiter er schreitet, desto bescheidener wird er - und auch um so vorsichtiger, die auf höheren Standpunkten gewonnenen Wahrheiten gleich in die Sprache des gewöhnlichen Lebens herein zu übersetzen. Denn obwohl wir das letzte Mal gesagt haben, daß eigentlich diese Wahrheiten erst dann einen Wert haben, wenn sie übersetzt sind in die Sprache des gewöhnlichen Lebens, so muß man sich doch klar sein, daß dieses Rückübersetzen gerade zu den schwierigsten Aufgaben der geisteswissenschaftlichen Arbeit gehört. Was erschaut wird auf geistigen Höhen, so verständlich zu machen, daß der gesunde Wahrheitssinn und auch die gesunde Logik ja dazu sagen können und es einsehen können, das bietet große Schwierigkeiten.

[ 8 ] We hope this year, in connection with the General Assembly, to give lectures on “Psychosophy,” these are important in other ways from those given on “Anthroposophy”; I will then show how the human soul can interpret things for itself from its own impressions and experiences, and can participate in spiritual life in a similar way as in Anthroposophy. And in a future course of lectures on “Pnematosophy” I will bring these lectures to a conclusion so that those dealing with Anthroposophy and with Psychosophy will flow again into Theosophy. All this is for the purpose of evoking in you a sense of the manifold nature of truth. The experiences of one who seeks earnestly for truth is this:—The further he goes the humbler he becomes, and also the more cautious in translating the truths gained at a higher level into words suited to ordinary life. Although, as was stated in the last lecture, these truths are really only valuable when so translated, it must be realised that the task of recalling and translating what has been seen is one of the most difficult in the work of spiritual science. To make what is seen on spiritual heights so clear to the understanding, that sound logic and a healthy sense of truth can accept and understand them presents the very greatest difficulties.

[ 9 ] Immer und immer wieder muß es betont werden, daß es sich auch um die Erzeugung solcher Gefühle und Empfindungen gegenüber der Wahrheit handelt, wenn wir in unsern Zweigen Geisteswissenschaft treiben. Nicht bloß sollen wir mit dem Verstande auffassen, was gesagt wird an Mitteilungen aus der geistigen Welt heraus, sondern es kommt vielmehr darauf an, daß wir es miterleben in der Empfindung, im Gefühl und uns so Eigenschaften aneignen, die eben jeder wirklich spirituell Strebende haben sollte.

[ 9 ] I must lay stress again and again on the fact that in the activities of our group we are especially concerned with the creation of this feeling for, and understanding of, truth. We do not concern ourselves only with the comprehension of what is communicated to us from the spiritual world, it is far more important that we should experience it sympathetically through feeling, and by this means acquire those qualities that should he possessed by all who strive earnestly in the theosophical sense.

[ 10 ] Wenn wir die Welt, wie sie um uns herum sich ausbreitet, in Betracht ziehen, so können wir sagen: Überall, in allen ihren Punkten bietet sie uns einen äußeren Ausdruck, eine äußere Offenbarung einer inneren, geistigen Welt dar. Das ist ja für uns heute schon ein ganz abgebrauchter Satz. So wie die Menschenphysiognomie ein Ausdruck dessen ist, was in der menschlichen Seele vorgeht, so sind alle Erscheinungen der äußeren Sinneswelt gleichsam ein physiognomischer Ausdruck einer dahinter webenden und wesenden geistigen Welt, und wir verstehen die Sinneserlebnisse erst dann, wenn wir in ihnen einen physiognomischen Ausdruck sehen können für die geistige Welt. Wenn der Mensch nun noch nicht in der Lage ist, durch seinen eigenen Erkenntnisweg hinaufzugehen in diejenigen Höhen, auf denen geistig geschaut werden kann, so hat er zunächst allerdings nur die Sinneswelt vorliegend, und er könnte sich dann die Frage stellen: Gibt es nun nichts für mich, was mir durch die Betrachtung der Sinneswelt selber Beleg, Bewahrheitung dessen ist, was mir mitgeteilt wird aus dem geistigen Schauen heraus?

[ 10 ] Looking at the world that surrounds us we acknowledge that on every side it presents to us the external expressions of an inner spiritual world. For us to-day this is a worn out saying. Just as the human countenance expresses what is passing in a man's soul, so the changing face of the external world can be likened to the play of expressions on the countenance of a living, spiritual world behind the sense world; and we first understand physical events aright when we see in them the expressions of a spiritual world. If a man has not yet been able to reach those heights whence spiritual vision is possible by following his own path of knowledge, he has at least the physical world before him, and can ask himself:—Is not confirmation given me through the evidences of my own senses of what is imparted to me as the result of spiritual vision?

[ 11 ] Dieses Aufsuchen von Belegen ist immer möglich, aber man wird nicht leichtfertig, sondern genau vorgehen müssen. Wenn Sie, um nur ein Beispiel anzuführen, die verschiedenen geisteswissenschaftlichen Vorträge verfolgen, die ich gehalten habe, und sich ansehen, was in meiner «Geheimwissenschaft» steht, so wird Ihnen zum Beispiel auffallen können, daß es einmal im Laufe der Erdenentwickelung eine Zeit gegeben hat, wo die Erde selber mit der Sonne vereinigt war, wo Erde und Sonne ein einziger Körper waren. Später erst hat sich die Erde von der Sonne getrennt. Wenn Sie alles zusammenhalten, was Sie aus der «Geheimwissenschaft» oder aus meinen Vorträgen kennen, so werden Sie sich sagen müssen, daß die Tierformen und die Pflanzenformen, die wir heute auf der Erde finden, die Weiterentwikkelung dessen sind, was sich auch damals schon gefunden hat, als die Erde mit der Sonne vereinigt war. Aber wie die heutigen Tierformen den heutigen Erdverhältnissen angepaßt sind, so mußten die damaligen Tierformen, als Sonne und Erde noch vereinigt waren, ebenso angepaßt sein jenem Körper, der Erde und Sonne zugleich war. Daraus folgt nun, daß diejenigen Tierformen, welche aus jener Zeit übriggeblieben sind, nicht nur übriggeblieben sind, sondern die Fortsetzung sind von Wesen, die schon damals vorhanden waren, die aber zum Beispiel noch keine Augen haben konnten; denn Augen haben nur einen Sinn, wenn Licht da ist, wie es von der Sonne auf die Erde von außen hereinstrahlt. Wir müßten also unter den verschiedenartigen Wesen des Tierreichs solche finden, die gleichsam die Augen ausgebildet haben, nachdem sich die Sonne schon abgetrennt hatte von der Erde; und außerdem müßten wir Tierformen finden, die Überreste sind aus der Zeit, da die Sonne noch mit der Erde vereinigt war — die also augenlose Tiere sein müßten. Diese letzte Tierart müßte zu den niederen Tieren gehören. Und die gibt es wirklich. In populären Büchern können Sie finden, wie der Besitz des Auges von einer gewissen Stufe an aufhört. Das bietet einen Beleg für das, was aus der geistigen Wissenschaft heraus gesagt ist.

[ 11 ] This search for evidence is always possible, but it must be carried out not lightheartedly but with precision.—If you have followed different lectures given by me on spiritual science and have read my “Outline of Occult Science” you will realise that at one period of the earth's development the earth was united with the sun, that these formed one globe; the earth only separated from the sun later. If you remember all you have heard or read you must allow that the animal and plant forms found on the earth to-day are the further development of those that existed at the time when the earth and sun were one. But just as the animal forms of to-day are suited to the present conditions of the earth, so the animal forms of that far off time must have been suited to the planetary body which was then both sun and earth. It follows from this that the animal forms that have remained over from these times have not only remained over, but are the continuation of creatures that existed formerly. There are, for example, animals that still have no eyes, for eyes only have meaning when there is light, such light as streams to earth from the sun when it is outside. Thus among the various creatures of the animal kingdom we find those that have formed eyes after the sun separated from the earth, and also those that are relics of the time when the earth was still united with the sun—that is animals without eyes. Such animals would naturally belong to the lowest types, and so they do. We find it stated in popular books that the possession of eyes began at a certain stage of development. This bears out what spiritual science tells us.

[ 12 ] Nun können wir uns also diese ausgebreitete Welt, die um uns herum ist und in der wir selber sind, als den physiognomischen Ausdruck des dahinter wesenden und webenden geistigen Lebens vorstellen. Wenn nun der Mensch dieser Sinneswelt nur gegenüberstünde und sie ihm in keinem Punkte offenbarte oder verriete, daß sie auf eine geistige Welt hinweist, dann würde der Mensch nie veranlaßt sein können, den Drang, die Sehnsucht in sich zu entwickeln nach einer geistigen Welt. Irgendwo muß uns in der Welt selber, die als Sinneswelt um uns ausgebreitet ist, die Sehnsucht erwachsen können nach einem Geistigen, irgendwo muß das Geistige gleichsam wie durch ein Tor oder ein Fenster hereinstrahlen aus den geistigen Reichen in die Welt, in der wir im Alltag stehen. Wo ist das der Fall? Wo leuchtet uns unmittelbar ein Geistiges entgegen? — Das ist da der Fall - und das haben Sie aus den verschiedenen, von mir und andern gehaltenen Vorträgen gehört -, wo wir in die Lage kommen, unser Ich selber zu erleben. In dem Augenblick, wo wir unser Ich erleben, erleben wir wirklich etwas, was in einem unmittelbaren Verhältnis zur geistigen Welt steht. Aber es ist dieses Erleben des Ich zugleich etwas unendlich Armes. Es ist sozusagen ein einziger Punkt mitten unter den Welterscheinungen. Der einzige Punkt, den wir mit dem kleinen Wörtchen Ich aussprechen, bezeichnet zwar ein ursprünglich echtes Geistiges, aber es ist dieses Geistige sozusagen in dem Ich-Punkt zusammengeschrumpft auf einen Punkt. Was aber kann uns dennoch dieses Geistige lehren, das da auf einen Punkt zusammengeschrumpft ist? Mehr können wir durch das Erlebnis unseres eigenen Ich über die geistige Welt ja nicht wissen als das, was sozusagen in dem Ich-Punkt selbst enthalten ist, wenn wir nicht zum Deuten vorschreiten. Aber in diesem Punkt liegt doch schon sehr Wichtiges, nämlich daß uns durch ihn gesagt wird, wie wir erkennen müssen, wenn wir die geistige Welt erkennen wollen.

[ 12 ] We are able in this way to picture the world around us, in which we ourselves are placed, as the facial expression of the living, weaving life of the spirit. If we merely, considered the physical world, without it revealing to us how it points to a spiritual world, we would never feel the urge, the longing to develop towards that world. Some day a longing for what is spiritual will be aroused in us by the surrounding world itself, some day the spirit must stream down from the spiritual realms as though a door or window that has opened into our everyday world. When will this take place? When does spiritual illumination stream directly into us? It takes place—and you have heard this in many lectures from me and others—when we are in the position to experience our ego. The moment we experience our ego, we experience something which is directly related to the spiritual world. But what we experience is at the same time in-finitely feeble; it is but a single point amid all the phenomena of nature, the single point which we express by the little word “I.” This word certainly describes something that was originally spiritual, but a spirituality that has dwindled to a single point. All the same what does this shrunken spiritual spark teach us? We cannot learn more of the spiritual world through the experience of our own ego than this ego-point contains, unless we progress to interpretation. But this point possesses what is still more important, namely, through it we are told how we are to know, when we seek to know the spiritual world.

[ 13 ] Was ist denn das Unterscheidende des Ich-Erlebnisses von allem andern Erleben? Daß wir im Ich-Erleben selber drinnen stehen. In allem andern Erleben stehen wir nicht selber drinnen, sondern das tritt von außen an uns heran. Es könnte vielleicht jemand sagen: Aber mein Denken, mein Wollen, mein Begehren, mein Empfinden, ist das nicht auch etwas, in dem ich selber drinnen lebe? — In bezug auf das Wollen kann sich der Mensch durch eine sehr leichte, sozusagen seelische Selbstbesinnung überzeugen, wie wenig er in diesem Wollen drinnen zu stehen braucht. Man bedenke nur einmal, daß das Wollen etwas ist, was sich so ausnimmt, als ob es uns treibt und als ob der Mensch oft gar nicht darinnen steht, sondern nur so wirkt, als wenn irgendein anderes oder irgendein Ereignis ihn stößt. Und so ist es auch mit dem Empfinden und mit dem größten Teile dessen, was im alltäglichen Leben gedacht wird. Man steht nicht darinnen. Wie wenig man zum Beispiel im gewöhnlichen Leben in seinen Gedanken darinnen steht, davon könnte man sich überzeugen, wenn man sorgfältig prüfen wollte, wie das gewöhnliche Denken abhängig ist von Erziehung und von dem, was man aufgenommen hat zu irgendeiner Zeit, was einem die Verhältnisse eben gebracht haben. Daher ist das menschliche Denken, Fühlen und Wollen als gewöhnlicher Inhalt nach Nationen und Zeiten so verschieden. Nur eines muß gleich sein. Wenn es überhaupt beim Menschen vorhanden ist, muß eines sich gleich finden bei allen Nationen, in allen Regionen und allen einzelnen Menschengemeinschaften: das ist das Erlebnis dieses einzelnen IchPunktes.

[ 13 ] What is the difference between the experiences of the ego and all other experiences? The difference is that we are ourselves within the ego-experiences. All other experiences approach us from outside; we are not ourselves within them. Someone might say here:—“But my thoughts, my will and desires, my preceptions, do these not live within me?” A man can convince himself, through very slight awareness of self, how little he is able to accomplish in respect of dwelling within his will. We imagine that the will can he recognised as that which urges us, as if we were not ourselves within it, but as if in our actions we were compelled by someone or something. This is the case also as regards our perceptions, and as regards the greater part of what people think in daily life. We are not really within these. How little we are within our thoughts in ordinary life is seen when we carefully investigate how much ordinary thought is dependent on education, and on what we have acquired at one time or another, and on surrounding conditions. This is why the ordinary content of human thinking; feeling and will varies so much in different nations and at different epochs. One thing only is the same.—One thing exists everywhere among men, and must be the same in every nation in all parts of the earth and in every human association—this is the experiencing of the single point, the ego.

[ 14 ] Nun aber fragen wir uns einmal: Wie steht es denn mit dem Erleben dieses Ich-Punktes? — So einfach liegt die Sache doch nicht. Man könnte zum Beispiel leicht glauben, daß man das Ich selbst erlebt. Das ist aber gar nicht der Fall. Das Ich selbst erlebt man eigentlich nicht. Was erlebt man? Man erlebt im Grunde genommen eine Vorstellung des Ich, eine Wahrnehmung des Ich. Würde nämlich das Ich-Erlebnis genau gefaßt werden, so wäre es eigentlich enthalten in einem nach der Unendlichkeit Ausstrahlenden, nach der Allseitigkeit Ausstrahlenden. Wenn das Ich sich nicht selbst würde gegenüberstehen können wie einem Bild im Spiegel von sich selber — wenn dieses Bild auch nur ein punktuelles Erlebnis ist —, so könnte der Mensch das Ich nicht erleben, könnte sich das Ich keine Vorstellung von sich selber machen. Und diese Vorstellung erlebt der Mensch zunächst von dem Ich. Aber diese Vorstellung genügt auch für ihn. Denn gerade diese Vorstellung unterscheidet sich von allen andern Vorstellungen, hat wirklich einen großen Unterschied von allen andern Vorstellungen, nämlich den, daß sie ihrem Original gleich sein muß, nicht anders sein kann als ihr Original. Denn das Ich hat es, wenn es sich vorstellt, nur mit sich selbst zu tun, und die Vorstellung ist nur das Zurücklaufen des Ich-Erlebens in sich selber; es ist gleichsam eine Stauung, wie wenn wir es aufhalten würden, um in sich selber zurückzukehren, und es in dieser Rückkehrung sich selber als ein Spiegelbild gegenüberträte, das gleich ist dem Original. So ist das IchErlebnis.

[ 14 ] We may now ask:—What does the experiencing of the ego-point mean? This is not such a simple matter as you might suppose. One might easily think, for example, that one experiences the ego itself. But this is not the case at all. Man does not really experience his ego. What then does he experience? He really experiences a concept of the ego, a percept of it. If the experiencing of the ego was clearly understood by us, it would present something that reached to infinity, that spread out on all sides. If the ego were unable to confront itself, to see itself as an image is seen in a mirror—though this image is only experienced for a moment—man could not experience his own ego, he could form no conception of it. This is man's first experience of the ego, it has to suffice him, for it is precisely this conception that differs from all other conceptions. It differs from them in this, that other conceptions resemble their original, they cannot differ from their original; but when the ego forms a conception of itself it is concerned with itself alone, and the conception is but what remains behind of the ego-experience. It is like a checking or blocking of it, as if we would check it in order to turn it back on itself, and in this checking the ego is confronted by the reflected image of itself which resembles the original. This is what occurs at the experiencing of the ego.

[ 15 ] Wir dürfen also sagen: Erkennen können wir das Ich-Erlebnis in der Ich-Vorstellung. Aber diese Ich-Vorstellung unterscheidet sich von allen andern Vorstellungen, von allen andern Erlebnissen, die wir haben können, wieder um ein Beträchtliches. Radikal unterscheidet sie sich von allen übrigen Vorstellungen. Zu allen andern Vorstellungen und allen übrigen Erlebnissen brauchen wir so etwas wie ein Organ. Bei einer äußeren Sinnesvorstellung kann es Ihnen von vornherein klar sein, daß wir ein Organ brauchen. Um die Vorstellung einer Farbe zu haben, brauchen wir ein Auge und so weiter. Das tritt klar zutage, daß wir bei einer gewöhnlichen Sinnesvorstellung ein Organ brauchen. Man könnte nun glauben, daß man kein Organ braucht zu dem, was intimer zu unserem eigenen Innern steht. Aber auch da können Sie sich auf einfache Weise davon überzeugen, daß wir Organe brauchen - und Genaueres darüber können Sie noch finden in meinen Vorträgen über Anthroposophie. Hier soll Ihnen nun die Möglichkeit geboten werden, auch noch in einer theosophischen Weise entgegenzunehmen, was dort mehr für die Allgemeinheit geltend gesagt ist.

[ 15 ] We can therefore say:—We recognise the ego in the conception of it (Ich-vorstellung). But this ego conception differs considerably from all other conceptions, from all other experiences. It differs from them profoundly. For all other conceptions and all other experiences we require something of the nature of an organ. This is clearly seen in respect of sense-perception. In order to have the conception colour we require eyes and so on; it is clear to anyone that in the ordinary perception of the senses an organ is necessary. You might think that no organ was required to perceive what is intimate to your own inner Being, but even in this you can convince yourselves by simple means that organs are necessary. This is dealt with more particularly in my book “Anthroposophy”; here opportunity is given to approach by theosophical methods what there is stated in a manner more suited to the generality.

[ 16 ] Denken Sie, in irgendeiner Periode Ihres Lebens erfassen Sie einen Gedanken, eine Idee, einen Begriff. Sie verstehen etwas, was Ihnen als Begriff entgegentritt. Wodurch können Sie das nur verstehen? Nur durch diejenigen Begriffe, die Sie schon vorher aufgenommen haben. Das sehen Sie daraus, daß der eine Mensch einen neuen Begriff, der an ihn herantritt, in der einen Weise auffaßt, der andere in der andern Weise. Und das kommt daher, daß der eine mehr, der andere weniger in sich trägt an Summen von Begriffen, die er schon aufgenommen hat. Das alte Begriffsmaterial sitzt in uns und stellt sich dem Neuen gegenüber, wie sich das Auge dem Licht gegenüberstellt. Aus unsern eigenen alten Begriffen ist uns eine Art von Begriffsorgan gewoben, und was wir davon nicht in der jetzigen Verkörperung aus Begriffen zusammengewoben haben, das müssen wir suchen in früheren Verkörperungen. Da hat es sich zusammengewoben, und wir bringen entgegen den Begriffen, die neu an uns herantreten, ein Begriffsorgan. Für alle Erlebnisse, die von der Außenwelt kommen, auch wenn sie geistigster Natur sind, müssen wir ein Organ haben. Niemals stehen wir sozusagen geistig nackt den Dingen der Außenwelt, die an uns herantreten, gegenüber, sondern immer sind wir von dem abhängig, was wir geworden sind. Nur in einem einzigen Falle stehen wir unmittelbar der Außenwelt gegenüber, nämlich wenn wir unsere Ich-Wahrnehmung gewinnen. Diese Ich-Wahrnehmung muß daher auch — und das ist ein besonderer Beleg für das, was gesagt worden ist -— immer wieder und wieder gemacht werden, muß immer neu gemacht werden. Jeden Morgen, wenn wir aufstehen, machen wir unsere Ich-Wahrnehmung im Grunde genommen neu. Das Ich ist da, ist auch da, wenn wir schlafen. Aber die Ich-Wahrnehmung muß jeden Morgen wieder neu gemacht werden, kann hier immer wieder gemacht werden. Und wenn wir in der Nacht eine Reise nach dem Mars machen würden, wo sich unsere Umgebung recht sehr anders ausnehmen würde als auf der Erde - alles würde dort anders sein: just die Ich-Wahrnehmung wäre dieselbe. Denn die läßt sich unter allen Verhältnissen in der gleichen Weise machen, weil wir kein äußeres Organ, nicht einmal ein Begriffsorgan dazu brauchen. Was uns da entgegentritt, ist eine unmittelbare Vorstellung des Ich, zwar als Vorstellung, als Wahrnehmung, aber eben in seiner wahren Gestalt. Alles andere liegt uns gleichsam so vor wie ein durch einen Spiegel und durch die Form des Spiegels bedingtes Bild. Die Ich-Wahrnehmung liegt uns vor in ihrer ganzen treuen Gestalt.

[ 16 ] Let us suppose the following—at some period of your lives you grasp a thought or idea. You understand the idea that comes to you. By what means do you understand it? Only through other ideas that you have previously accepted. You realise this because you observe that one man comprehends a new idea that comes to him in one way, another in another way. This is because one man has within him a greater, another a smaller sum of ideas which he has assimilated. The material of old ideas is within us and confronts the new as the eye confronts the light. Out of our own old ideas a kind of “idea-organ” is constructed, and what we have not constructed of this in our present incarnation must be sought in some former one. There it was built up, and we are able to confront the new ideas that come to us with an “organ of ideas.” We require an organ for all the experiences that come to us from the outer world, especially if these are of a spiritual nature. We never stand spiritually naked as it were before what comes to us from the outer world; but are ever dependant on what we have become. Only in a single case do we confront the outer world directly, namely, when we attain ego perception (Ich-wahrnehmung). The ego is present, even when we sleep, but perception of it must always be aroused anew, it must be roused anew each morning when we wake. Even supposing We journeyed in the night to Mars, where our surroundings would be quite different from what they are on earth, yet ego-perception would remain the same! This latter under all conditions take place in the same way because no external organ is required for it—not even an “organ of ideas.” What confronts us here is a direct conception (Vorstellung) of the ego; a conception or perception (Wahrnehmung) certainly, but in its true form. Everything else comes before as a picture seen in a mirror, and is restricted by the form of the mirror. Ego-perceptions come before us absolutely in their true form.

[ 17 ] Wenn wir dies bedenken, können wir wirklich in einer gewissen Beziehung sagen: In dem Ich, wenn wir es vorstellen, stecken wir selber drinnen; das ist etwas, was gar nicht außer uns ist. Nun fragen wir uns einmal: Wie unterscheidet sich die einzige Ich-Vorstellung, die Ich-Wahrnehmung von allen übrigen Wahrnehmungen und allem andern, was das Ich sonst erlebt. Sie unterscheidet sich so, daß wir in der Ich-Wahrnehmung, in der Ich-Vorstellung diesen unmittelbaren Abdruck, diesen Siegelabdruck des Ich haben, und in allen andern Vorstellungen und Wahrnehmungen einen solchen unmittelbaren Abdruck der Dinge eben nicht haben. Aber Bilder, die sozusagen in gewisser Beziehung sich doch wieder vergleichen lassen mit der IchWahrnehmung, gewinnen wir aus allem, was um uns herum ist: Alles verwandeln wir durch unser Ich in ein inneres Erlebnis. Denn die Außenwelt muß unsere Vorstellung werden, wenn sie überhaupt für uns eine Bedeutung, einen Wert haben soll. Wir bilden uns also wirklich Bilder von der Außenwelt, die dann im Ich weiterleben, ganz gleichgültig, durch welches Organ wir ein Sinneserlebnis aufnehmen. Wir riechen irgendeinen Stoff; wenn wir vorbeigekommen sind an dem Stoff und nicht mehr eine unmittelbare Berührung mit ihm haben, dann tragen wir doch das Bild dessen in uns weiter, was wir gerochen haben. Ebenso tragen wir das Bild einer Farbe, die wir gesehen haben, weiter in uns. Die Bilder, die aus solchen Erlebnissen stammen, bleiben in unserem Ich. Die bewahrt sich das Ich sozusagen auf. Aber wenn wir diese Bilder mit ihren charakteristischen Merkmalen bezeichnen wollen, so müssen wir sagen: Das gehört zu ihnen, daß sie von außen an uns herangetreten sind. Alle Bilder, die wir mit unserem Ich vereinigen können, sind, solange wir als Menschen innerhalb der Sinneswelt stehen, das im Ich gebliebene Restliche aus Eindrücken der Sinneswelt selber. Nur eines kann uns die Sinneswelt nicht geben: die Ich-Wahrnehmung. Die steigt in uns selber auf. In der Ich-Wahrnehmung haben wir also ein Bild, wenn es auch noch so punktuell, zu einem Punkt zusammengeschrumpft ist, ein Bild, das in uns selber aufsteigt.

[ 17 ] Put in another way one might say:—When realising things with the ego, we are ourselves within them; they cannot possibly be outside of us. We now ask our-selves:—How do individual ego-conceptions or ego-perceptions differ from all other perceptions by the ego? They are distinguished by the direct impression they make on the ego, no other perceptions make this direct impression. But we receive pictures of all that surrounds us; and these in a certain sense can be compared with ego-perceptions. Everything is changed by the ego into an inner experience. The outer world must become our conception if it is to have any meaning or value for us. We form true pictures of the surrounding world, which then continue to live in the ego no matter through which of the sense-organs they have come to us. We smell a substance when we pass it by, and though we do not come in direct contact with it we bear an image of it within us. In the same way we bear within us the image of colours we have seen, and retain pictures of them. The ego preserves such experiences. But if we wish to describe the characteristic feature of these images we must say—it is that they come to us from outside. All the pictures we have been able to unite with our ego, so long as we are in the world of the senses, are the relics of impressions we have received by means of the senses. One thing the sense-world cannot give us—Ego-perception! This arises in us spontaneously. Thus in ego-perception we have a picture that rises of itself, however closely it may be confined to one point.

[ 18 ] Denken Sie sich nun zu diesem Bild andere dazu: Bilder, die nicht entstanden sind, indem sie durch äußere Sinne angeregt worden sind, sondern die ebenso frei aufsteigen im Ich wie die Ich-Vorstellung selber, die also nach der Art der Ich-Vorstellung selber gebildet werden: dann haben Sie die Art der Bilder, die auftreten in dem, was wir nennen die astralische Welt. Bild-Vorstellungen also, welche auftreten im Ich, ohne daß irgendein Eindruck von außen, von der Sinneswelt auf uns gemacht wird.

[ 18 ] Think now of other pictures being added to these, pictures that do not rise through stimulation of the senses, but that rise freely in the ego (as ego-conceptions do), and are therefore formed in the same manner as the ego-conception. These arise in what we call the “Astral world.” There are picture-concepts which arise in the ego without our having received any impression from the outer world.

[ 19 ] Was unterscheidet denn die Bilder, die wir aus der Sinneswelt haben, von unseren übrigen inneren Erlebnissen? Die Sinnesbilder können wir als Bilder von Erlebnissen erst mit uns herumtragen, wenn wir in Berührung getreten sind mit der Außenwelt; dann sind sie Innenerlebnisse geworden, aber angeregt durch die Außenwelt. Was gibt es für Erlebnisse des Ich, die nicht unmittelbar angeregt sind von der Außenwelt? Als solche haben wir unsere Gefühle, unsere Begierden, Triebe, Instinkte und so weiter. Die sind nicht angeregt von der Außenwelt. Wenn wir auch in dem Sinne nicht in unsern Gefühlen, Trieben und so weiter drinnen stehen, wie es vorhin auseinandergesetzt worden ist, so müssen wir doch sagen: Es drängt sich in den Gefühlen, Trieben, Begierden in unser Inneres ein Element herein. Wodurch unterscheiden sich die Triebe, Begierden und so weiter von den Sinnesbildern, die wir mit uns herumtragen nach den Sinneswahrnehmungen? Sie können herausfühlen, wodurch sie sich unterscheiden. Das Sinnesbild ist etwas, was ruhig in uns bleibt, was wir möglichst treu versuchen mit uns herumzutragen, wenn wir uns mit der Außenwelt auseinandergesetzt haben. Unsere Triebe, Begierden, Instinkte sind etwas, was in uns arbeitet, was also eine Kraft darstellt.

[ 19 ] How do these inner experiences differ from those other pictures we received from the sense-world? We receive pictures of the sense-world by having come in contact with that world; these then become inner impressions, but impressions which have been stimulated from outside. What are those experiences of the ego which are not directly stimulated by the outer world? We have these in our feelings, our wishes, impulses, instincts and the like. These are not stimulated by the outer world. Even if we do not stand within our feelings, wishes and impulses etc., by means of the senses as already described, yet we must allow an element does enter into our inner feelings, impulses, and desires. In what way do these differ from the sense-pictures we bear within us as a result of what our senses have perceived? You can feel this difference. Pictures received through the senses quietly rest within us, and we try to retain faithful reproductions of them once we have realised our connection with the outer world. But our impulses, desires and instincts are active in us, they represent a force.

[ 20 ] Wenn nun die Außenwelt nicht beteiligt ist an dem Aufsteigen der astralischen Bilder, so müssen doch Kräfte an diesem Aufsteigen der astralischen Bilder beteiligt sein. Denn was nicht getrieben wird, ist nicht da, kann nicht entstehen. Beim Sinnesbild ist die treibende Kraft der Eindruck der Außenwelt. Beim astralischen Bild ist die treibende Kraft zunächst das, was den Begierden, Trieben, Gefühlen und so weiter zugrundeliegt. Nur ist im gewöhnlichen Menschenleben, wie es heute ist, der Mensch davor geschützt, daß die Begierden und Triebe eine solche Kraft entwickeln, daß durch sie Bilder entstehen, Bilder, welche ebenso erlebt werden wie das Bild des Ich selber. Das ist, man möchte sagen, das bedeutsame Kennzeichen der gegenwärtigen Menschenseele, daß die Triebe und Begierden nicht stark genug wirken, um zum Bildersein dasjenige anzuregen, was ihnen das Ich entgegenstellt. Wenn das Ich sich entgegenstellt den starken Kräften der Außenwelt, wird es angeregt zu Bildern. Lebt es in sich, so hat es beim normalen Menschen nur die eine einzige Gelegenheit, ein aufsteigendes Bild zu empfangen, wenn dieses Bild das Bild des Ich selber ist.

[ 20 ] Though the outer world has no part in the rise of astral pictures, yet the fact of their appearing denotes a certain force. For what is not set going (getrieben) is not there, it cannot arise. In sense-pictures the “initial force” is the impression received from the outer world. In astral-pictures this force is what lies at the root of desires, impulses, feelings, etc. Only, in life as it is to-day, man is shielded from developing a force in his feelings and desires sufficiently strong to evoke pictures—pictures that would be experienced in the same way as those of the “I” itself. The most marked feature of the human soul to-day is this powerlessness of its instincts and desires to attain to forming pictures of what the ego places before it. When the ego is confronted with the strong forces of the outer world it is moved to form pictures. When it lives within itself, it has, in the normal man, but one opportunity of perceiving an emerging picture; that is when this picture is the picture of the “I” itself.

[ 21 ] Also es wirken die Triebe, Begierden und so weiter nicht stark genug, um ebenso zu Bildern zu werden wie das einzige Ich-Erlebnis. Wirken sie stark genug, dann müssen sie aber auch eine Eigenschaft annehmen, welche alle äußeren Sinneserlebnisse an sich tragen. Diese Eigenschaft ist von außerordentlicher Wichtigkeit. Alle Sinneserlebnisse tun uns nicht den Gefallen, sich nach uns zu richten. Wenn irgend jemand zum Beispiel gerade in einem Zimmer wohnt, wo man irgendein unangenehmes Geräusch hört, so kann er es nicht durch seine Triebe und Begierden wegschaffen. Es kann nicht jemand, sagen wir, eine gelbe Blume, die er lieber rot hätte, rot machen durch den bloßen Trieb oder die bloße Begierde. Das ist das Charakteristische der Sinneswelt, daß sie ganz unabhängig von uns selber auftritt. Das tun unsere Triebe, Begierden und unsere Leidenschaften ganz gewiß nicht. Die richten sich ganz nach unserem persönlichen Leben. Was muß also für sie eintreten bei jener Steigerung, die sie erfahren sollen zum Bilddasein? Sie müssen so werden, wie die äußere Welt ist, die uns nicht einen Gefallen tut in bezug auf ihren Aufbau und die Ausgestaltung der Sinnesbilder, sondern die uns zwingt, das Sinnesbild, das wir uns machen, so zu gestalten, wie es durch den Eindruck der äußeren Welt ist. So unabhängig wie der Mensch ist bei der Herstellung seiner Sinnesbilder von der äußeren Welt, so unabhängig muß er von sich selber sein, von seinen eigenen persönlichen Sympathien und Antipathien, wenn sich die Bilder der astralischen Welt richtig gestalten sollen. Es muß sozusagen für ihn ganz ohne Ausschlag sein, was er wünscht, begehrt und so weiter. Das letzte Mal habe ich Ihnen gesagt, die Forderung, die hiermit gestellt ist, ließe sich so formulieren: Man muß unegoistisch sein. Man darf sie aber nicht leichter Hand hinnehmen. Es ist nicht so leicht, unegoistisch zu sein.

[ 21 ] Instincts and desires do not work with sufficient strength to form pictures similar to this single ego-experience. If they did they would have to acquire a quality which every external sense-perception has. This quality is of great moment. All sense-perceptions do not grant us the pleasure of doing as we wish. If, for instance, someone lives in a room where there is an unpleasant smell, he cannot dispel it through his impulses and desires. He cannot change the colour of a flower from yellow to red, because he prefers red, merely through his wish to do so. It is characteristic of the sense-world that it remains entirely independent of us. Our wishes and impulses affect it in no way. They are directed altogether to our personal life. What then must happen to them in order that they may he so greatly enhanced that we can experience through them a world of pictures (Bilddasein)? They must become like the external world, which in its construction and in the pictures it calls forth in us does not follow our wishes, but con-strains us to form pictures of the sense-world in accordance with the world around us. If the pictures a man receives of the astral world are to shape themselves aright, he must become as detached from himself, from his own personal sympathies and antipathies, as he is from the presentations of the outer world which come to him through his senses. What he wishes or does not wish must not carry weight with him in any way. I mentioned in the last lectures that this demand can be formulated as follows—“One must not be egoistic.” This endeavour should not be undertaken lightly, for it is by no means easy to be unegoistic.

[ 22 ] Nun muß man aber folgendes bedenken: Wie verschieden ist unser Interesse für das, was uns von außen entgegenscheint, gegenüber dem, was uns von innen entgegentritt? Ungeheuer viel größer ist das Interesse, das der Mensch seinem Innenleben entgegenbringt, als der Welt draußen. Zwar wissen Sie, daß sich für viele Menschen auch die Außenwelt, wenn sie sie ins Bild verwandelt haben, zuweilen nach ihren subjektiven Gefühlen richtet. Denn Sie wissen, daß die Leute oft das Blaue vom Himmel herunter erzählen, selbst wenn sie nicht lügen und das glauben, was sie da erzählen. Da spielen immer Sympathie und Antipathie mit, die täuschen hinweg über das, was wirklich von außen gegeben ist, und lassen es im nachherigen Bilde verändert erscheinen. Aber das sind die Ausnahmefälle, darf man sagen, denn der Mensch käme nicht weit, wenn er sich im alltäglichen Leben selbst etwas vortäuschen würde. Es würde überall etwas nicht stimmen mit dem äußeren Leben; aber es würde ihm nichts helfen, er muß ‚sich die Wahrheit gestehen gegenüber der Außenwelt, die Wirklichkeit korrigiert ihn. So ist es mit den gewöhnlichen Sinneserlebnissen, da ist die äußere Wirklichkeit eben ein guter Regulator. Der fällt aber in dieser Form weg, wenn wir anfangen innere Erlebnisse zu haben. Da kann der Mensch sozusagen die äußere Wirklichkeit nicht so leicht auf sich den korrigierenden Eindruck machen lassen. Da läßt er deshalb sein Interesse walten, läßt seine Sympathie und Antipathie geltend sein.

[ 22 ] There is another fact I would like you to notice. The great difference between the interest we feel in what comes to us from outside compared with what meets us from within. The interest a man takes in his inner life is infinitely greater than in anything the outer world brings him. We certainly know that for many people the outer world when it has been changed into pictures does occasionally have an effect on our subjective feelings; we know people frequently “reckon something to be the blue of heaven,” that they are even not lying but believe what they say. Sympathy and antipathy always enter into such things, people deceive themselves as to what actually comes from outside, allowing it to be changed later into pictures. But these are exceptional cases; for little progress would be made if men allowed themselves to be deceived in daily life. Something in that case would be out of harmony with external life. This would not help them, truth has to be acknowledged as regards the external world; reality is the corrective. It is the same with ordinary sense impressions; external reality is here a good regulator. But when we begin to have inner experiences reality is apt to fail us. It is not then so easy to permit outer reality to make the necessary corrections, and we permit ourselves to he ruled by sympathy and antipathy.

[ 23 ] So müssen wir uns denn sagen: Das ist die Hauptsache, worauf es ankommt, wenn wir daran denken, ein wenig in die geistige Welt hineinzukommen: daß wir vor allen Dingen lernen, uns selber so gleichgültig gegenüberzustehen, wie wir der Außenwelt gegenüberstehen. In der alten Pythagoräerschule wurde diese Wahrheit in einer strengen Weise formuliert, und zwar gleich für einen wichtigen Fall menschlicher Erkenntnis: für die Unsterblichkeitsfrage. Sehen Sie sich einmal um, wie viele Menschen es gibt, die an der Unsterblichkeitsfrage interessiert sind! Es ist das Gewöhnliche im Leben, daß der Mensch sich sehnt nach Unsterblichkeit, nach einem Leben außerhalb von Geburt und Tod. Das ist aber eine persönliche Interessiertheit, eine persönliche Sehnsucht. Es wird Sie verhältnismäßig wenig interessieren, wenn Sie ein Wasserglas zerbrechen, aber wenn die Menschen ein persönliches Interesse hätten an dem Fortbestehen eines Wasserglases, auch wenn es zerbrochen würde, so wie sie Interesse haben an der Unsterblichkeit der Menschenseele, dann können Sie sicher sein, würden die meisten Menschen auch glauben an die Unsterblichkeit eines Wasserglases.

[ 23 ] The thing of greatest importance when we begin to approach the spiritual world is that we learn to regard ourselves absolutely with the same indifference with which we regard the outer world. These truths were formulated in a very strict way in the ancient Pythagorean schools, as were also the truths regarding a most important part of man's knowledge, that concerning immortality. How few there are to-day who take any interest in the question of immortality! The ordinary things of life are what men long for in the life beyond birth and death. But this is a personal interest, a personal longing. The breaking of a tumbler is a matter of small interest to you, but if you had a personal interest in the continued existence of the tumbler, even though broken, the same interest as you have in the immortality of the human soul, you may be sure most people would believe also in the immortality of the tumbler.

[ 24 ] Deshalb formulierte man die angegebene Forderung in der Pythagoräerschule in der folgenden Weise: Reif, um die Wahrheit von der Unsterblichkeit zu erkennen, ist nur der, welcher es auch ertragen könnte, wenn das Gegenteil wahr wäre, der es auch ertragen könnte, wenn die Frage nach der Unsterblichkeit mit Nein beantwortet würde. Wenn man selber in der geistigen Welt etwas ausmachen will über die Unsterblichkeit, so sagten die Lehrer der alten Pythagoräerschulen, dann darf man sich nicht sehnen nach der Unsterblichkeit, denn solange man sich sehnt, ist das, was man sagt, nicht objektiv. Und alle maßgebenden Urteile über das Leben jenseits von Geburt und Tod können nur von denen kommen, die sich ruhig ins Grab legen könnten, wenn es auch keine Unsterblichkeit gäbe. Das wurde den Schülern der alten Pythagoräerschulen deshalb gesagt, weil ihnen klargemacht werden sollte, wie schwierig es ist, sich für irgendeine Wahrheit reif zu machen.

[ 24 ] Therefore in the schools of Pythagoras teaching concerning immortality was formulated as follows: — “Only that man is ripe for understanding the truth concerning immortality, who could also endure it if the opposite were true; if he could bear that the question regarding immortality was answered with a ‘no.’ If a man is himself to bring down (selber ausmachen will) anything from the spiritual world regarding immortality," so said the Pythagoreans, "he must not long for immortality; for while there is longing, what he says regarding it is not objective. Opinions regarding the life beyond birth and death if they are to have any value can only come from those who could lie down peacefully in the grave even if there was no immortality.” This was taught in the olden times in the Pythagorean schools when the teacher wished to make his pupils realise how difficult it was to be sufficiently ripe to accept any truth.

[ 25 ] Für eine Wahrheit reif sein, um sie von sich selbst aus zu behaupten, dazu gehört eine ganz bestimmte Vorbereitung, die darinnen bestehen muß, ganz uninteressiert für die betreffende Wahrheit zu sein. Nun kann man gerade in bezug auf die Unsterblichkeit sagen: Das ist ganz und gar unmöglich, daß es viele Menschen gibt, die uninteressiert wären an der Unsterblichkeit; viele Menschen können es gar nicht sein! — Die nicht uninteressiert sind, das sind dann die, zu denen gesprochen wird über die Wiederverkörperung und das Ewige des Menschendaseins — trotzdem sie nicht uninteressiert sind. Die Wahrheit aufnehmen und sie gebrauchen, um etwas zu haben für ihr Leben, das können alle, auch jene, welche sie nicht selber zu behaupten haben. Das ist kein Grund, die Wahrheit nicht aufzunehmen, weil man sich nicht reif fühlt. Im Gegenteil, vollkommen genügend ist es für das, was man zum Leben braucht, wenn man die Wahrheit empfängt und das Leben in ihren Dienst stellt.

[ 25 ] To be ripe enough to receive a truth and to state it from oneself requires a very special preparation, and must consist in the person being entirely without interest in the said truth. Now, it might well be said regarding immortality:—“It is quite impossible that there should be many people who are not interested in this, there cannot be many such.” People not interested in immortality are those who are told of it and of the eternal nature of human existence, and in spite of this remain uninterested. To accept and make use of the statement concerning reincarnation and human immortality so as to have something for life, can be done by anyone who also accepts the truth without any self-conviction. The fact that one is not sufficiently ripe to accept a truth is no reason for rejecting it. On the contrary, it is being ripe for what life requires of us, when we accept a truth and devote our life to its service.

[ 26 ] Was aber ist das notwendige Gegenbild des Aufnehmens von Wahrheiten? Man kann sie ruhig aufnehmen, auch wenn man nicht reif ist. Das notwendige Gegenbild aber dazu besteht darin: in demselben Maße, in dem man lechzt nach Wahrheit, um die Ruhe und Befriedigung, um die Sicherheit im Leben zu haben, in demselben Maße sich reif zu machen für die Wahrheit, und daß man zu gleicher Zeit sorgfältig ist in dem eigenen Feststellen höherer Wahrheiten, solcher Wahrheiten, die nur in der geistigen Welt ausgemacht werden können.

[ 26 ] What is the necessary counterpart to the acceptance of truths? One may accept truths calmly even when one is not ripe. But the necessary counter-part to the acceptance of them is—that in the same measure as we long for truth that we may have peace, contentment, and security in life, in the same measure we make ourselves ripe for these truths, such truths as can only be perfected in the spiritual world.

[ 27 ] Daraus ergibt sich aber ein wichtiger Grundsatz für unser spirituelles Leben. Man nehme empfänglich alles hin, was man braucht, wende es im Leben an; aber man sei so mißtrauisch wie möglich gegenüber dem eigenen Feststellen von Wahrheiten, zunächst für die eigenen astralischen Erlebnisse. Das begründet, daß man sich vor allen Dingen vor einem hüte: diese astralischen Erlebnisse da irgendwie anzuwenden, wo man auf einem Punkt steht, an dem man gar nicht uninteressiert sein kann, nämlich wo man an dem Punkt steht, wo das eigene Leben in Betracht kommt. Nehmen wir einmal an, es sei jemand durch seine astralische Entwickelung dazu reif, irgend etwas auszumachen, was morgen sein Schicksal ist, was er morgen erlebt. Das ist ein persönliches Erlebnis. Da hüte er sich davor, in dem Buche seines persönlichen Lebens nachzuforschen; denn da kann er gar nicht uninteressiert sein. Es könnten zum Beispiel die Menschen leicht sagen: Warum eigentlich erforschen die Hellseher nicht den Zeitpunkt ihres eigenen Todes ganz genau? - Aus dem Grunde tun sie es nicht, weil sie daran nie ganz uninteressiert sein können und alles fernhalten müssen, was sich auf die eigene Person bezieht. Alles, was sich nicht auf die eigene Person bezieht, und nur das, von dem man sicher sein kann, daß es sich nicht auf die eigene Person bezieht, ist so in den geistigen Welten zu erforschen, daß in den Ergebnissen objektive Gültigkeit liegt. Es geht gar nicht, objektiv Gültiges auszusprechen, wo man persönlich interessiert ist. Wer sich daher darauf beschränken will, das objektiv Gültige hinzustellen, das, was gilt ohne sein eigenes Interesse, der kann gar nicht aus Forschungen, aus Eindrükken einer höheren Welt über irgend etwas sprechen, was ihn selbst betrifft. Er müßte, wenn es solche Dinge gibt, die ihn selbst betreffen, ganz sicher sein, daß er diese Dinge nicht durch seine Interessen herbeigeführt hat. Das aber zu erforschen, ob man irgend etwas, was einen selbst betrifft, durch die eigenen Interessen etwa herbeigeführt habe, das ist bei solchen Dingen außerordentlich schwer.

[ 27 ] An important precept for spiritual life can be drawn from this—that we should accept everything, making what use we can of it in life, but should be as distrustful as possible regarding our presentments of truths, more especially of our own astral experience. This establishes the fact that we must specially guard against those astral experiences that come when we reach the point where we are bound to feel interest, namely, when our own life is under consideration. Let us suppose that someone through his astral experiences has become ripe enough to carry out some-thing he destined to do next day, to experience next day. It is a personal experience. He guards himself from investigating the record of his personal life; for here he is bound to be interested. People might for instance ask lightly:—“Why does the clairvoyant not investigate the precise moment of his own death?” He does not do so because this can never be without interest to him, and he must hold himself aloof from anything connected with his own personality. Only what is in no way, connected with his own person may be investigated in the spiritual world. Nothing whatever of objective value is transmitted where the investigator is personally interested. He must be willing to confine himself to what is of objective value only, he must never speak of anything that concerns himself in his investigation, or in the impressions he receives from the higher world. When matters arise that concern himself he must be very certain that these are not introduced through his own interest in them. It is exceedingly difficult to investigate anything where the investigator's own interests are concerned.

[ 28 ] So sehen Sie, daß es für den Anfang alles Strebens in die geistige Welt hinein einen Grundsatz geben muß: Man versuche nichts für maßßgebend zu halten, was sich auf die eigene Persönlichkeit bezieht. Man schließe die eigene Persönlichkeit ganz aus. Und dann brauche ich nur noch hinzuzufügen, daß dieses Ausschließen der eigenen Persönlichkeit eben außerordentlich schwierig ist und daß man oft glaubt, diese eigene Persönlichkeit ausgeschlossen zu haben - und es durchaus noch nicht getan hat! Deshalb sind auch die meisten der astralischen Bilder, die für diesen oder jenen Menschen herbeigeführt sind, nichts weiter als eine Art von Widerspiegelung ihrer eigenen Wünsche und eigenen Leidenschaften. Solange man stark genug ist im Geistigen selber, um sich zu sagen: Du mußt mißtrauisch sein gegen deine eigenen geistigen Erlebnisse! - so lange schaden diese geistigen Erlebnisse absolut nichts. Von dem Augenblicke erst, wo man diese Stärke nicht besitzt, wo man seine Erlebnisse für maßgeblich erklärt für sein Leben, fängt man an, unorientiert zu sein. Das ist dann gerade so, wie wenn man in einem Zimmer glauben wollte dort hinauszukommen, wo keine Tür ist, und mit dem Kopf gegen die Wand rennen wollte. Daher muß man sich immer den Grundsatz vorhalten: Mit der Prüfung dessen, was man selbst übersinnlich erlebt, im höchsten Grade vorsichtig zu sein. Und es herrscht diese Vorsicht dann eigentlich vollauf, wenn man solchen eigenen Erlebnissen keinen anderen Wert beimißt als einen Erkenntniswert, als einen Aufklärungswert, wenn man sich nicht in seinem persönlichen Leben nach ihnen richtet, sondern sich von ihnen nur aufklären läßt. Wenn man schon mit diesem Gefühl herangeht: Du willst nur aufgeklärt sein! - dann ist es gut, denn dann steht man so, daß man in dem Augenblick, wo eine entgegengesetzte Vorstellung eintreten kann, sie auch korrigiert.

[ 28 ] Thus at the beginning of all endeavours to enter the spiritual world the following rule must be laid to heart:—Nothing that affects oneself must be sought for or considered valuable. The personality must be absolutely excluded. I may add that the “exclusion of everything personal” is exceedingly difficult, for frequently one thinks one has done so, yet is mistaken! For this reason most of the astral pictures seen by one or another are nothing more than a kind of reflection of their own wishes and desires. So long as we are strong enough in our spiritual self to say:—“You must distrust your own spiritual experiences,” these do little harm. But the moment the strength to do so fails and a man declares his experiences to be of value to his life he begins to be unbalanced. It is just as though a person wishing to enter a room finds no door and runs his head against the wall. So the investigator must keep ever before him the maxim:—Be very careful to test your own spiritual experiences. This carefulness consists in setting no more value on such experiences than on any piece of imparted knowledge or enlightenment. We must not apply such knowledge to our own personal life, but merely allow it to enlighten us. It is well if we feel in regard to such experiences:—“You are only being given enlightenment!” For in that case we are in a position as soon as some contradictory idea enters, to correct it.

[ 29 ] Alles, was ich heute gesagt habe, wird ja nur einen Teil bilden von mancherlei Betrachtungen, die wir in diesem Winter anstellen werden. Aber ich wollte damit etwas sagen, was Sie vorbereiten kann, um in eine Betrachtung des menschlichen Seelenlebens einzutreten, die uns in der Woche nach der Generalversammlung beschäftigen wird: die Betrachtungen über Psychosophie.

[ 29 ] What I have said to-day is but a part of the many things we shall be considering during the coming winter, and can serve as an introduction to lectures on the life of the human soul, entitled "Psychosophy," which are to follow at a later date.