Exkurse in das Gebiet
des Markus-Evangeliums
GA 124
17 Oktober 1910, Berlin
Erster Vortrag
[ 1 ] Es geziemt sich wohl, heute, da wir unsere Tätigkeit des Berliner Zweiges wieder beginnen, ein klein wenig zurückzublicken auf das, was durch unsere Seelen gezogen ist seit dem Zeitpunkte, da wir im vorigen Jahre in der gleichen Art die Arbeit des Berliner Zweiges begonnen haben.
[ 2 ] Sie erinnern sich gewiß daran, daß ungefähr vor einem Jahre, anläßlich der damaligen Generalversammlung unserer Deutschen Sektion, im Berliner Zweige von mir der Vortrag gehalten worden ist über die Sphäre der Bodhisattvas. Es sollte mit dem Vortrage über die Mission der Bodhisattvas in der Welt eingeleitet werden, was uns dann im Verlaufe unserer Zweigversammlungen den vorigen Winter hindurch hauptsächlich beschäftigt hat: eine Betrachtung des Christus-Problems, und zwar im wesentlichen in Anknüpfung an das Matthäus-Evangelium. Wir haben ja solche Betrachtungen über das Christus-Problem in der verschiedensten Weise gepflogen in Anknüpfung an andere Evangelien, so an das Johannes-Evangelium und an das Lukas-Evangelium. Und wir haben darauf hingewiesen, daß wir in einer zukünftigen Zeit zu einer weiteren Vertiefung dieses Christus-Problems auch herantreten werden an eine Betrachtung, die im wesentlichen anzuknüpfen haben wird an das Markus-Evangelium.
[ 3 ] Wir haben diese Betrachtungen in bezug auf das Christus-Problem nicht so gepflogen, daß wir eine bloße Erklärung der Evangelien versuchten. Es ist oftmals, ich möchte fast sagen, in einer radikalen Weise hier ausgesprochen worden: Was Geisteswissenschaft über die Vorgänge in Palästina zu sagen hat, das müßte auch gesagt werden können, wenn es gar keine äußeren historischen Urkunden über diese Vorgänge in Palästina gäbe. Denn im tiefsten Grunde maßgebend für die Schilderung der Christus-Vorgänge ist für uns nicht das, was in irgendeinem Buche, in irgendeiner Urkunde steht, sondern was in der ewigen, inneren, geistigen Urkunde steht, in der durch das hellseherische Bewußtsein zu entziffernden Akasha-Chronik. Was wir uns darunter vorzustellen haben, ist oftmals hier erwähnt worden. Und dann stellen wir uns zu den Evangelien so, daß wir das, was wir erst erkundet haben aus den geistigen Forschungen selbst heraus, vergleichen mit dem, was uns - sagen wir also in bezug auf die Ereignisse in Palästina — gegeben ist in den Evangelien oder in den andern Urkunden des Neuen Testamentes. Allerdings haben wir dann gefunden, daß wir sozusagen diese Urkunden erst dadurch lesen lernen, daß wir ohne sie in jene Geheimnisse eindringen, welche sich auf die Ereignisse von Palästina beziehen, und daß gerade dadurch, daß wir erst unbefangen von diesen Urkunden die entsprechenden Ereignisse erforschen, unsere Hochschätzung, unsere Anbetung, könnten wir sagen, gegenüber diesen Urkunden in einem ganz besonderen Grade wächst.
[ 4 ] Aber wenn wir nicht bloß auf die nächsten, und zwar zeitweilig engsten Interessen unseres Zusammenseins sehen, sondern wenn wir darauf sehen, daß unsere ganze Zeitbildung, unsere Gegenwartskultur gewissermaßen ein neues Verständnis der Urkunden des Christentums verlangt, dann müssen wir uns klar darüber sein, daß wir durch die Geisteswissenschaft dazu berufen sind, nicht nur unsere eigenen Erkenntnisbedürfnisse gegenüber den Ereignissen von Palästina zu befriedigen, sondern daß wir berufen sind, aus der Geisteswissenschaft heraus in die Sprache der gegenwärtigen Kulturbedürfnisse zu übersetzen, was wir zu sagen haben über die Bedeutung des Christus-Ereignisses für die ganze Menschheitsentwickelung. Da genügt es aber nicht, wenn wir uns etwa beschränken würden auf das, was die bisherigen Jahrhunderte herbeigetragen haben zum Verständnisse des ChristusProblems und der Christus-Gestalt. Würde das für die Bildungsbedürfnisse der Gegenwart genügen, so gäbe es heute nicht so viele Menschen, welche ihr Wahrheitsbedürfnis nicht mehr in Einklang bringen können mit dem, was überliefert ist auf christlichem Gebiet, und die in der einen oder andern Beziehung sogar leugnen, was uns über die Ereignisse von Palästina berichtet und was jahrhundertelang geglaubt worden ist. Das alles kann uns darauf hinweisen, daß für die Zeitbildung notwendig geworden ist ein neues Verständnis, ein neues Erschließen gegenüber den christlichen Wahrheiten.
[ 5 ] Nun gibt es neben vielem anderen, was uns der Erforschung der christlichen Wahrheiten näherbringen kann, vorzugsweise ein Mittel, das insbesondere fruchtbar werden kann auf unserem Forschungsfelde. Das besteht darin, daß wir den Blick erweitern, daß wir unsere Gefühls- und Empfindungswelt erweitern über die Horizonte hinüber, die in den verflossenen Jahrhunderten die Menschheit für die geistige Welt besessen hat. Wie wir unsere Horizonte erweitern können, das mag uns durch einen sehr einfachen und naheliegenden Hinweis vor die Seele treten.
[ 6 ] Wir kennen alle - um zu dem uns nächsten großen Geist unserer abendländischen Kulturentwickelung zurückzugreifen — in Goethe einen titanischen Geist. Und viele unserer Betrachtungen haben uns gezeigt, welche Tiefe der geistigen Anschauung in der Persönlichkeit Goethes verborgen lag. Diese Betrachtungen haben uns auch dazu geführt zu erkennen, wie wir uns selber zu geistigen Höhen hinaufranken können, indem wir eindringen in das Gefüge der Goetheschen Seele. Aber wir mögen Goethe noch so gut kennenlernen, uns noch so sehr in das vertiefen, was er uns geben kann - eines können wir bei ihm noch nicht finden, was wir heute haben müssen, wenn unser Blick in richtiger Weise erweitert und unser Horizont über die notwendigsten geistigen Bedürfnisse hinaus reichen soll. Wir finden bei Goethe nirgends einen Hinweis darauf, daß ihm aufgegangen ist, was wir heute lernen können, was uns heute fruchtbar werden kann, wenn wir jene Begriffe geistiger Entwickelung der Menschheit in uns aufnehmen, die aufzunehmen erst möglich geworden ist durch die Erschließung der geistigen Dokumente im 19. Jahrhundert: wenn wir die Errungenschaften des orientalischen Lebens aufnehmen. Da erhalten wir mancherlei Begriffe, durch die wir keineswegs entfernt werden vom Verständnis des Christus-Problems, sondern durch die wir, wenn wir sie richtig aufnehmen, geradezu hingeführt werden zu einer richtigen und vollkommenen Schätzung des Christus Jesus. Daher wurde auch von mir geglaubt, daß eine Betrachtung des ChristusProblems durch nichts anderes besser eingeleitet werden kann als durch eine Auseinandersetzung über die Mission der großen geistigen Individualitäten der Menschheit, die von Zeit zu Zeit in besonders fühlbarer Weise einzugreifen haben in die Entwickelung, und die wir mit einem von der orientalischen Philosophie hergenommenen Begriff als die Bodhisattvas bezeichnen. Solche Begriffe wie zum Beispiel den der Bodhisattvas hatte man jahrhundertelang eben nicht in der abendländischen Geistesentwickelung. Und erst wenn man sich an ihnen orientiert hat, steigt man in entsprechender Weise hinauf zur Erkenntnis dessen, was der Christus für die Menschheit gewesen ist, sein kann und fortwährend sein wird.
[ 7 ] So sehen wir, wie ein weiter Umkreis geistiger Entwickelung der Menschheit fruchtbar gemacht werden kann, um gerade das in würdiger Weise zu begreifen, was uns zu begreifen obliegt für jene Bildung und Kultur, für jenes Geistesleben, in dem wir mitten darinnen stehen. Und noch von einem andern Gesichtspunkt aus war es wichtig, daß wir immer, wo es nur möglich war, den geistigen Blick hinausschweifen ließen über die letzten Jahrhunderte, daß wir geltend machten den Unterschied zwischen einem Menschen von der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts und einem Menschen aus der Zeit des 18. oder 19. Jahrhunderts; und daß wir geltend machten, daß man von Buddha und Buddhismus zum Beispiel noch vor einem Jahrhundert in Europa recht wenig gewußt hat. Das letzte aber, was bei uns auf unserem Arbeitsgebiet, wenn auch nicht das Mittel unseres Strebens, so doch der eigentliche Impuls und auch der Zielpunkt unseres Strebens ist und worauf wir hinarbeiten, das ist doch zuletzt die Stimmung, das Gefühl, die Empfindung, die unsere Seele beschleicht, wenn sie berührt wird von den großen geistigen Wahrheiten. Denn nicht so sehr darauf kommt es an, was diese oder jene wissen wollen, sondern darauf, welche Wärme des Gefühls, welche Kraft der Empfindung, welcher Edelsinn des Wollens aus unserer Seele heraufsteigt, wenn die großen Wahrheiten der Menschheit an diese Seele schlagen. Und wichtiger in unsern Zweigen als das, was in den Worten inhaltlich gesagt werden kann, ist die Stimmung, die Gefühlswelle, die in einem unserer Zweige herrschen kann, wenn die Worte den Raum durchweben. Mancherlei Art sind diese Gefühle, diese Empfindungen. Und bei dem, was gerade jetzt hier vor unseren Seelen stehen soll, sollte die wichtigste, die bedeutsamste Empfindung die sein, welche sich allmählich notwendig in uns entwikkeln muß: Ehrfurcht vor der Erkenntnis der großen geistigen Wahrheiten, das Gefühl, daß diese großen geistigen Wahrheiten solcher Art sind, daß wir uns in scheuer Ehrerbietung ihnen nähern sollen, daß wir nicht glauben sollen, mit irgendeinem schnell zusammengezimmerten Begriff, mit ein paar rasch gewonnenen Vorstellungen eine große Tatsache umspannen zu können.
[ 8 ] Oftmals ist von mir der Vergleich gebraucht worden, daß wir einen Baum, der vor uns steht, uns noch nicht vergegenwärtigen können, wenn wir ein Bild von ihm malen von einem Gesichtspunkt aus, sondern daß wir herumgehen und den Baum von verschiedenen Seiten malen müssen. Erst durch das Zusammenfassen dieser verschiedenen Bilder erreichen wir einen Gesamteindruck von dem, was der Baum ist. Dieser Vergleich soll uns aber insbesondere vor die Seele malen, wie wir uns den großen geistigen Tatsachen gegenüber zu verhalten haben. Wir sollten uns klar sein, wie wir gar nicht vorwärts schreiten können in irgendeiner wirklichen oder vermeintlichen Erkenntnis der höchsten Dinge, wenn wir immer nur von einer Seite an die Dinge herangehen. Und obzwar durchaus Wahrheit enthalten ist oder sein kann in dem Anblick einer Sache, sollen wir uns doch niemals des demütigen Gefühles entschlagen, daß alle unsere Vorstellungen nur von einem Gesichtspunkt aus aufgenommene Ansichten sind und sein können. Wenn wir uns mit diesem Gefühl durchdringen, werden wir gern und willig von überallher die Vorstellungen, die Empfindungen und Gefühle herholen wollen, welche es uns möglich machen, die großen Tatsachen des Daseins von den verschiedensten Seiten her zu beleuchten. Unsere Zeit macht das notwendig. Immer mehr und mehr wird sich das Bedürfnis in unserer Zeit entwickeln, die Dinge von den verschiedensten Seiten aus anzusehen. Daher schließen wir uns heute nicht mehr ab gegenüber irgendeiner andern Anschauung oder Meinung, gegenüber einem andern Weg zu den höchsten Dingen hin, als es unser eigener oder der unserer eigenen Kultur ist. Sogar innerhalb dessen, was die abendländische Kulturentwickelung selber geboten hat, haben wir versucht, im Laufe der letzten Jahre dieses Prinzip, das uns zur echten Erkenntnisdemut führen kann, aufrechtzuerhalten. Wir haben uns niemals vermessen - und ich darf wohl sagen: tief stand es mir in die Seele geschrieben, daß eine solche Vermessenheit an diesem Orte niemals möglich sein sollte -, ein System, einen Überblick einfach über das zu geben, was die großen Ereignisse, die wir mit dem Christus-Problem zusammenfassen, sein sollen. Sondern immer ist gesagt worden: Wir nähern uns von irgendeinem Gesichtspunkt aus; und ein anderes Mal wurde gesagt: Wir nähern uns von einem andern Gesichtspunkt aus. — Und immer ist darauf aufmerksam gemacht worden, daß wir das Problem deshalb doch nicht erschöpfen und daß wir ruhig und geduldig weiterarbeiten wollen.
[ 9 ] Der Sinn der Anknüpfung an die verschiedenen Evangelien war der, daß wir Anlaß nahmen, von vier verschiedenen Gesichtspunkten aus das Christus-Problem zu betrachten, und daß wir dann fanden, daß in der Tat die vier Evangelien uns Anknüpfungen an die vier verschiedenen Gesichtspunkte bieten, und daß wir in den Evangelien selber vorgezeichnet fanden den Grundsatz: Du sollst nicht auf einmal, nicht auf einer Umschau dem gewaltigen Problem dich nähern, sondern du sollst dich wenigstens von den vier verschiedenen geistigen Hiimmelsrichtungen aus ihm nähern. Und du sollst hoffen: wenn du von diesen vier geistigen Himmelsrichtungen aus, die mit den Namen der vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, bezeichnet sind, an das Problem herankommst, dann wird es dir allmählich immer näher und näher treten. Und es wird dir so näher treten, daß du niemals von dir zu sagen brauchst, du seiest von der großen Wahrheit, ohne welche die menschliche Seele in ihrem tiefsten Innern nicht leben kann, ausgeschlossen, daß du aber auch niemals sagen wirst, irgendeine Gestalt der Wahrheit, welche du ergriffen hast, sei schon die ganze Wahrheit.
[ 10 ] So war sozusagen dasjenige, was wir im Verlaufe des letzten Winters pflegen konnten, darauf angelegt, nach und nach in uns die Stimmung der Erkenntnisbescheidenheit hervorzurufen. Und ohne diese Stimmung der Erkenntnisbescheidenheit kommen wir in der Tat im geistigen Leben nicht weiter. Daher wurde auch gelegentlich dieser Betrachtungen immer alles getan, um die Grundbedingungen des geistigen Erkenntnisfortschrittes immer wieder und wieder zu betonen. Und wer aufmerksam von Woche zu Woche die Vorträge hier verfolgt hat, der wird nicht behaupten können, daß nicht überall auf die Grundbedingungen des geistigen Erkenntnisfortschrittes hingewiesen worden sei.
[ 11 ] Geistiger Erkenntnisfortschritt — das ist ja einer der Impulse, die unserer ganzen geisteswissenschaftlichen Bewegung zugrundeliegen. Geistiger Erkenntnisfortschritt — was soll er unserer Seele? Er soll den tiefsten, den menschenwürdigsten Sehnsüchten und Bedürfnissen unserer Seele entgegenkommen, soll uns das geben, ohne das ein Mensch, der seine Menschenwürde voll empfindet, nicht leben kann. Und er soll es uns innerhalb unseres geisteswissenschaftlichen Feldes so geben, daß es den Erkenntnisbedürfnissen unserer Gegenwart entspricht. Was man mit den gewöhnlichen Sinnen nicht erforschen kann, dem der Mensch angehört nicht als Sinneswesen, sondern als geistiges Wesen, darüber soll uns jener Erkenntnisfortschritt Aufklärung bringen, der uns durch die Geisteswissenschaft geboten wird. Die großen Fragen über die Stellung des Menschen in der Sinneswelt, über das, was jenseits der Offenbarungen dieser Sinneswelt liegt, die Wahrheiten über das, was jenseits von Leben und Tod liegt — diesen Fragen entspricht doch ein tiefes, ja das menschlichste Bedürfnis der Seele. Wenn auch der Mensch durch allerlei Umstände die Fragen, welche sich auf solche Dinge beziehen, zurückdrängt, wenn er sich auch eine Weile dadurch zu beräuben vermag, daß er sich sagt: Das kann die Wissenschaft doch nicht erforschen, dazu fehlen dem Menschen die Fähigkeiten - auf die Dauer und für die wahre Gestalt der menschlichen Empfindungen schwindet doch nie das Bedürfnis nach Antworten auf diese Fragen. Woher das kommt, was wir sich heranbilden sehen im Verlaufe von Kindheit und Jugendentwickelung, wohin das geht, was wir in unserer Seele bergen, wenn die Leiblichkeit beginnt hinzuschwinden und abzusterben, kurz, wie der Mensch mit einer geistigen Welt zusammenhängt, das ist die große Frage, die einem menschlichsten Bedürfnis entspringt und ohne deren Beantwortung der Mensch nur dann sein kann, wenn er sich über seine menschlichsten Bedürfnisse betäubt.
[ 12 ] Aber weil diese Frage einem so tiefen Bedürfnis entspringt, weil die Seele nicht in Ruhe und Befriedigung leben kann, wenn sie nicht eine Antwort auf diese Fragen erhält, ist es nur natürlich, daß der Mensch sozusagen auf leichte Art, auf eine bequeme Art sich Antworten auf diese Fragen verschaffen möchte. Und wie vielerlei Wege werden heute, trotzdem diese Fragen, wie manche leugnen möchten, besonders brennend geworden sind auf allen Menschheitsgebieten, wie vielerlei Wege werden heute gewiesen! Man darf wohl ohne Übertreibung sagen, daß von all den Wegen, die dem Menschen heute dargeboten werden, wenn diese großen Rätselfragen an ihn herantreten, der geisteswissenschaftliche Weg der schwierigste ist. Ja, man darf auch noch etwas anderes sagen. Es werden viele unter Ihnen sein, welche die eine oder die andere Wissenschaft, von denen in der Welt viel geredet wird, für schwierig halten, sich vielleicht auch nicht hineinwagen, weil es sie zurückschreckt, was da alles zu überwinden ist, um in eine solche Wissenschaft einzudringen. Es mag auch sein, daß der Weg, den wir den geisteswissenschaftlichen genannt haben, leichter erscheint als der Weg in die Mathematik, in die Botanik oder in einen andern Zweig der Naturwissenschaft. Dennoch ist, absolut genommen, dieser Weg selbst schwieriger als der Weg in irgendeine andere Wissenschaft hinein. Das kann ohne Übertreibung ausgesprochen werden. Warum wird er Ihnen nur leichter? Nur aus dem Grunde, weil er mit einer ungeheuren Wucht die seelischen Interessen aufregt und dem entspricht, was einer jeden Seele am allernächsten liegt. Wenn er der schwierigste ist von all den Wegen, die heute dem Menschen hinauf in die geistige Welt dargeboten werden, so sollen wir dabei doch ein anderes nicht vergessen: daß uns dieser Weg zu dem Höchsten in unserem Seelenleben führen soll. Ist es denn nicht natürlich, daß der Weg zum Höchsten auch der schwierigste sein muß? Dennoch sollen wir uns nie abschrecken lassen durch die Schwierigkeit des Weges, niemals die Seele verschließen vor der Notwendigkeit der Schwierigkeit des geisteswissenschaftlichen Weges.
[ 13 ] Unter den mancherlei Notwendigkeiten des geisteswissenschaftlichen Weges wurde ja hier immer wieder die eine angeführt: daß der, welcher sich auf den geisteswissenschaftlichen Pfad begibt, zunächst in sorgfältiger Weise aufnehmen soll, was die Geistesforschung schon darzubieten vermag über die geistigen Geheimnisse, über die Tatsachen der geistigen Welt. Wir berühren damit ein ganz besonders notwendiges Kapitel unseres geisteswissenschaftlichen Lebens. Wie mancher möchte leichten Herzens sagen: Da redet man uns von einer unübersehbaren Geisteswissenschaft, von geistigen Tatsachen, die dieser oder jener Geistesforscher, dieser oder jener Erleuchtete, dieser oder jener Eingeweihte geschaut, erforscht hat. Wäre es nicht viel richtiger, wenn man uns einfach den Weg zeigte, wie man rasch selbst in die Regionen hinaufkommt, von denen aus man hineinblickt in die geistige Welt? Warum redet ihr immer wieder davon: So sieht es aus, so hat es dieser oder jener gesehen! Warum zeigt ihr nicht einen Weg, wie wir selber rasch hinaufsteigen?
[ 14 ] Aus guten Gründen wird zuerst in einer breiten Weise das mitgeteilt, was aus der geistigen Welt an Tatsachen erforscht ist, bevor auf das eingegangen wird, was man nennen kann die Methoden der Seelenschulung, welche die Seele selbst hinaufführen können in die geistigen Regionen. Denn es wird etwas ganz Bestimmtes dadurch erreicht, daß wir zuerst im hingebungsvollen Studium dem obliegen, was die Geistesforscher aus den geistigen Welten geoffenbart haben. Wir haben betont, daß zwar die Tatsachen der geistigen Welt erforscht werden müssen, aufgefunden werden können nur durch das hellseherische Bewußtsein; aber wir haben ebenso oft betont: wenn die Tatsachen einmal gefunden sind, wenn irgendein geschultes Hellseherbewußitsein diese Tatsachen in der geistigen Welt beobachtet hat und sie dann mitteilt, dann muß die Mitteilung so sein, daß auch jeder, der keine hellseherische Entwickelung durchgemacht hat, mit dem gesunden Wahrheitssinn, der in jeder Seele liegt, mit der wirklich unbefangenen Logik die Tatsachen nachprüfen, die Wahrheiten erkennen kann. Es wird kein wahrhafter Geistesforscher, kein mit hellseherischem Bewußtsein im rechten Sinne des Wortes begabter Mensch irgendeine Tatsache der geistigen Welt anders mitteilen als so, daß der, welcher wirklich will, diese Tatsache auch ohne Hellsehen prüfen könnte. Aber er wird sie auch so mitteilen, daß sie den vollen Wert, die volle Bedeutung für eine Menschenseele haben kann.
[ 15 ] Welchen Wert haben die Mitteilungen geistiger Tatsachen, die Vorstellungen geistiger Tatsachen für eine Menschenseele? Sie haben den Wert, daß ein Mensch, der weiß: so sieht es aus in der geistigen Welt - sich im Leben, in seinen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen danach richten kann, sich orientieren kann, wie der Mensch im Verhältnis steht zur geistigen Welt. In diesem Sinne wertvoll ist eine jede Mitteilung geistiger Tatsachen auch dann, wenn der Betreffende, der sie erhält, sie nicht selber durch ein hellseherisches Bewußtsein erforschen kann. Ja, selbst für den Hellseher erlangt einen Menschenwert diese Tatsache erst dann, wenn er sie heruntergebracht hat in eine solche Sphäre, daß er sie in eine allen Menschen zugängliche Form prägen kann. Mag ein Hellseher noch so viel erforschen und sehen im Spirituellen, das ist ganz wertlos für ihn und für irgendeinen andern Menschen, solange er das Gesehene nicht heruntergebracht hat in die Sphäre der gewöhnlichen Erkenntnis und es in solche Begriffe und Vorstellungen prägt, daß der natürliche Wahrheitssinn und die gesunde Logik die Sache begreifen können. Ja, der Hellseher selbst muß erst die Sache begreifen, wenn sie für ihn einen Wert haben soll. Erst da beginnt der Wert, wo die logische Prüfung beginnt.
[ 16 ] Wir könnten mit einem radikalen Ausdruck eine Art Kreuzprobe machen auf das, was jetzt gesagt worden ist. Unter manchem andern Wertvollen in bezug auf die geistigen Wahrheiten und die geistigen Mitteilungen wird Ihnen ohne Zweifel das wichtig erscheinen, was der Mensch mitnehmen kann durch die Pforte des Todes von dem, was er auf dem physischen Plan zwischen Geburt und Tod an solchen geistigen Wahrheiten aufgenommen hat. Oder gestalten wir die Frage so: Wieviel bleibt dem Menschen, der hier durch die Pflege spirituellen Lebens Mitteilungen empfangen hat über die geistige Welt, wieviel bleibt ihm von dem, was er so eingesehen hat, was er so sich zu eigen gemacht hat? Genau so viel bleibt ihm, als er verstanden hat, als er begriffen hat, als er in die Sprache des gewöhnlichen Menschheitsbewußtseins umgesetzt hat.
[ 17 ] Stellen Sie sich einmal einen hellsichtigen Menschen vor, der vielleicht ganz besondere Entdeckungen in der geistigen Welt durch rein hellseherische Beobachtungen gemacht hat, der es aber versäumt hätte, diese Beobachtungen aus der geistigen Welt in eine Sprache zu kleiden, die für irgendein Zeitalter eine Sprache des gewöhnlichen menschlichen Wahrheitssinnes ist. Wissen Sie, was ihm oder was für ihn geschieht? Ausgelöscht sind alle diese Entdeckungen nach dem Tode. Just so viel bleibt nach dem Tode wertvoll und bedeutungsvoll, als umgesetzt, umformuliert ist in eine Sprache, die in irgendeinem Zeitalter einer Sprache des gesunden Wahrheitssinnes entspricht.
[ 18 ] Gewiß ist es von größter Bedeutung, daß es hellseherische Menschen gibt, die Mitteilungen herausbringen können aus der geistigen Welt, die andere Menschen damit befruchten können. Das bringt Segen in unserer Zeit, weil unsere Zeit solche Weistümer braucht und sich nicht wird fortentwickeln können, wenn sie nicht solche Weistümer annimmt. Notwendig ist es, daß solche Mitteilungen an unsere Zeitkultur gemacht werden. Und wenn man das heute noch nicht einsieht, in einem halben oder einem ganzen Jahrhundert wird es doch allgemeine Menschheitsüberzeugung sein: Die Kultur kann nicht fortgehen ohne die Überzeugung vom Vorhandensein spiritueller Weistümer, und die Menschheit müßte kulturell zugrundegehen ohne die. Aufnahme spiritueller Weistümer. Es gibt etwas, was der Menschheit in der Zukunft notwendig ist, wenn sie sich fortentwickeln will, notwendiger als alle äußerlich sichtbaren Kulturmittel: das ist die Aufnahme spiritueller Weisheit. Und wenn alle Lüfte erobert würden für den Verkehr, der Menschheit müßte doch der Kulturtod in Aussicht gestellt werden, wenn sie keine geistigen Weistümer aufnehmen würde. So liegt die Sache ganz zweifellos. Es muß die Möglichkeit da sein, hineinzublicken in die geistige Welt.
[ 19 ] Von anderem Wert aber als die Menschheitsfortschritte auf der Erde ist das, was die spirituellen Weistümer für die einzelnen Individualitäten nach dem Tode zu bedeuten haben. Da müssen wir, um uns eine rechte Vorstellung zu machen, einmal die Frage so stellen: Was hat denn der hellseherische Mensch von dem, was er hellsichtig erforscht hat und in eine Formel des gesunden Wahrheitssinnes, der gesunden menschlichen Logik gebracht hat, was hat er dadurch, daß er hineinsehen kann in die geistige Welt, nach dem Tode mehr an Früchten als derjenige, der durch sein Karma nicht die Möglichkeit hatte, schon in der entsprechenden Inkarnation selber hineinzusehen in die geistige Welt, und daher darauf angewiesen war, nur von andern zu hören über die Ergebnisse der Geistesforschung? Wie unterscheiden sich die geistigen Wahrheiten bei einem Eingeweihten und bei einem Menschen, der sie nur gehört hat und nicht hineinschauen kann in die geistige Welt? Ist der Eingeweihte besser daran als der, welcher diese Dinge nur empfangen konnte?
[ 20 ] Für die allgemeine Menschheit hat das Hineinschauen in geistige Welten einen höheren Wert als das Nicht-Hineinschauen. Denn wer hineinschaut, tritt in Verkehr mit der geistigen Welt; er kann da nicht nur Menschen, sondern auch andere, geistige Wesen lehren und in ihrem Fortschritt fördern. So hat dieses hellsichtige Bewußtsein einen ganz besonderen Wert. Aber für das Individuelle hat nur das Wissen einen Wert, und in bezug auf den individuellen Wert unterscheidet sich der hellsichtigste Mensch nicht von dem, der nur die Mitteilungen empfangen hat und in einer entsprechenden Inkarnation nicht hineinschauen konnte in die geistige Welt. Fruchtbar nach dem Tode ist das, was wir als geistige Weisheit aufgenommen haben, gleichgültig, ob wir selbst sie geschaut haben oder nicht.
[ 21 ] Damit haben wir eines der großen, so verehrungswürdigen ethisch-moralischen Gesetze der spirituellen Welt vor unsere Seele hingestellt. Allerdings ist vielleicht unsere heutige Zeitmoral nicht fein genug, um gerade dieses Ethos voll zu verstehen. Individuell, also im höheren Sinne den Egoismus befriedigend, erlangt keiner einen Vorsprung dadurch, daß ihm die Möglichkeit geboten ist durch sein Karma, hineinzuschauen in die geistige Welt. Alles, was wir für unser individuelles Leben erwerben wollen, müssen wir uns auf dem physischen Plan erwerben und auch in solche Formen bringen, die dem physischen Plan genügen. Und wenn ein Buddha oder ein Bodhisattva höher steht als andere menschliche Individualitäten in den Hierarchien der geistigen Welt, so ist es eben dadurch, daß sie durch soundsoviele Inkarnationen auf dem physischen Plan sich dieses Höhere angeeignet haben. Was ich meinte mit der höheren Ethik, der höheren Sittenlehre, die sich aus dem spirituellen Leben ergibt, das ist dies: Niemand sollte sich vorstellen, daß er durch eine hellseherische Entwickelung einen Vorsprung erlangt über seine Mitmenschen. Das ist gar nicht der Fall. Er erlangt keinen im egoistischen Sinne zu rechtfertigenden Fortschritt. Nur insofern erlangt er ihn, daß er den anderen mehr sein kann. Es ist das Unsittliche, dem Egoismus zu dienen, auf spirituellem Felde vollständig ausgeschlossen. Für sich kann der Mensch nichts erlangen durch eine spirituelle Erleuchtung. Was er erlangt, kann er nur erlangen als Diener der Welt im allgemeinen, und für sich nur, indem er es für andere mit erlangt.
[ 22 ] So steht also ein Geistesforscher unter seinen Mitmenschen. Wollen sie hören, was er erforscht hat, und es aufnehmen, so erlangen sie dadurch einen gleichen Vorsprung mit ihm selber, kommen für ihr Individuelles genau so weit wie er. Das heißt, verwertbar ist das Spirituelle nur im allgemein menschlichen Geiste, nicht im egoistischen Geiste. Es gibt ein Gebiet, auf dem man nicht bloß deshalb moralisch ist, weil man es sich vornimmt, sondern weil einem das Unmoralischsein, das Egoistischsein nichts helfen würde. Dann aber ist es auch leicht, ein anderes einzusehen: daß es gefährlich ist, in die geistige Welt, in das spirituelle Gebiet unvorbereiter hineinzutreten. Niemals wird für das Leben nach dem Tode irgend etwas Egoistisches erreicht werden können durch das spirituelle Leben. Wohl aber kann der Mensch Egoistisches für dieses Leben, für das Leben auf dem physischen Plan wollen durch die spirituelle Entwickelung. Wenn man sozusagen für die geistige Welt auch nichts Egoistisches erringen kann, man kann für diese Welt irgend etwas erreichen wollen, was im Sinne des Egoismus liegt.
[ 23 ] Die meisten Menschen, die eine gewisse höhere Entwickelung anstreben, werden nun gewiß sagen: Das ist ja ganz selbstverständlich, daß ich mich bemühe, unegoistisch zu sein, ehe ich den Eintritt in die höhere Welt erhalten will. - Aber glauben Sie es: Es gibt wohl kein Gebiet menschlicher Täuschung, auf dem eine Täuschung so groß sein kann als da, wo man sagt: Ich strebe unegoistisch! - Sagen kann man das leicht. Ob man es auch tun kann, es selbst wirklich vollziehen kann, das ist eine ganz andere Frage. Es ist vor allen Dingen deshalb eine andere Frage, weil, wenn man beginnt, in der Seele Verrichtungen zu pflegen, die in die geistige Welt hineinführen können, man sich dann erst selbst in seiner wahren Gestalt entgegentritt. Der Mensch lebt in der äußeren Welt in bezug auf sehr vieles nicht in seiner wahren Gestalt. Er lebt eingewoben in ein Netz von Vorstellungen, von Willensimpulsen und moralischen Empfindungen, in Handlungsusancen, die von der Umwelt gegeben sind, und selten wirft der Mensch die Frage auf: Wie würde ich handeln, wie würde ich denken über eine Sache, wenn ich mich nicht durch das, was mir anerzogen ist, veranlaßt fühlte, so oder so zu denken oder zu handeln? - Wenn der Mensch diese Frage sich beantworten würde, dann würde er sehen, daß er gewöhnlich viel, viel schlechter ist, als er annimmt.
[ 24 ] Nun haben Verrichtungen, die darauf angelegt sind, daß der Mensch in die geistige Welt hinaufzusteigen lernt, zur Folge, daß man hinauswächst über alles, in was man einverwoben ist durch Gewohnheiten, durch Erziehung, durch alles, was um uns herum ist. Recht bald wächst man darüber hinaus. Man wird geistig-seelisch, empfindungsgemäß, immer nackter. Die Hüllen, die wir uns selber angelegt haben und an die wir uns halten bei unsern gewöhnlichen Empfindungen und Handlungen, sie fallen. Daher jene ganz gewöhnliche Erscheinung, die auch schon oft besprochen worden ist: Der Mensch, bevor er anfängt mit einer geistigen Entwickelung, ist vielleicht ein leidlich anständiger, vielleicht auch ein vernünftiger Mensch, der keine großen Dummheiten im Leben macht. Nun fängt er an mit einer geistigen Entwickelung. Während er vorher ganz bescheiden war und sich vielleicht auch gesagt hat: Ich bin doch ein ganz bescheidener Mensch! -, fängt er jetzt an, unter dem Einfluß der geistigen Entwickelung ein ganz hochmütiges Wesen zu zeigen, fängt an, allerlei Torheiten und Dummheiten zu begehen. Er verliert, wenn er in eine geistige Entwickelung hineinkommt, sozusagen Halt und Richtung. Warum das so ist, kann am besten derjenige sehen, der in einer geistigen Welt zu Hause ist. Denn zweierlei Dinge sind notwendig, um sich zurechtzufinden gegenüber dem, was aus der geistigen Welt an die Menschenseele herantritt, um das Gleichgewicht zu behalten: Man muß in der Lage sein, nicht schwindlig zu werden gegenüber dem, was aus der geistigen Welt an uns herantritt. Im physischen Leben schützt uns unsere Organisation vor dem Schwindligwerden durch das, was wir in den Anthroposophie-Vorträgen den Gleichgewichtssinn, den statischen Sinn genannt haben. Wie es für den leiblichen Menschen etwas gibt, wodurch er sich aufrechterhält — denn wenn die Organisation nicht ordentlich funktioniert, wird der Mensch schwindlig und fällt um -, so gibt es auch im geistigen Leben etwas, durch das sich der Mensch über seine eigene Lage zur Welt orientieren kann. Das muß er können. Das geistige Umfallen besteht eben darin, daß das nicht mehr vorhanden ist, was uns vorher stützt, was anerzogene Empfindungen sind, was das Gewebe der äußeren Welt bewirkt, so daß wir dann auf uns selber angewiesen werden. Die Stützen fallen weg, und dann ist die Gefahr nahe, daß wir schwindlig werden. Wir können dann leicht hochmütig werden, wenn die äußeren Stützen für uns wegfallen. Der Hochmut sitzt natürlich in uns, nur kam er vorher nicht zum Vorschein.
[ 25 ] Wodurch erlangt man nun das geistige Gleichgewicht, so daß man nicht schwindlig wird? Dadurch, daß man entsagungsvoll, fleißig und emsig das aufnimmt, was die Geistesforschung erforscht hat und was in logische, dem gewöhnlichen Wahrheitssinn entsprechende Formeln umgeprägt worden ist. Nicht aus einer Willkür heraus wird immer wieder und wieder hier betont, daß es notwendig ist, das, was wir Geisteswissenschaft nennen, wirklich zunächst zu studieren. Es wird nicht etwa deshalb betont, damit ich hier recht oft reden kann, sondern aus dem Grunde, weil es durch kein anderes Mittel möglich ist, die festen Stützpunkte für eine geistige Entwickelung zu bekommen. Das hingebungsvolle, emsige Aufnehmen der geisteswissenschaftlichen Resultate ist das Gegenmittel gegen den geistigen Schwindel, gegen die geistige Unsicherheit. Und mancher Mensch, der durch eine unrichtig getriebene Entwickelung in geistige Unsicherheit hineinkommt — wenn es ihm auch erscheint, als ob er recht fleißig gewesen sei —, der sollte wissen, daß er es versäumt hat, das aufzunehmen, was aus dem Born der Geisteswissenschaft zunächst fließen kann. Das ist es, was wir brauchen, dieses Studium der geisteswissenschaftlichen Tatsachen von allen Seiten. Und deshalb war es, daß wir auch während des letzten Winters in unserem Zweige, als wir uns letzten Endes begreiflich machen wollten die Bedeutung des Christus-Ereignisses für die Menschheit, doch immer wieder darauf zurückkamen, die Grundbedingungen des geistigen Fortschrittes zu betonen.
[ 26 ] Ein orientiertes Seelenleben braucht der Mensch zum Fortschreiten, aber außerdem noch etwas anderes. Während durch das Studium der Geisteswissenschaft Sicherheit für die menschliche Seele erlangt wird, wird durch ein zweites das gebracht, was wir ebenfalls nötig haben. Das ist eine gewisse geistige Stärke, ein gewisser Mut des geistigen Lebens. Solchen Mut, wie wir zum geistigen Fortschritt brauchen, brauchen wir im gewöhnlichen Leben nicht, deshalb nicht, weil unser innerstes Wesen, unser geistig-seelisches Menschenwesen ja eingebettet ist im gewöhnlichen wachen Tagesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen in den physischen Leib und Ätherleib; und in der Nacht tun wir ja nichts und können nichts verderben. Wenn der Mensch auch schlafend handeln könnte, würde er als unentwickelter Mensch schlimme Dinge hervorbringen. Im physischen Leib und Ätherleib sind aber nicht bloß die Kräfte, die in uns wirksam sind, insofern wir bewußte oder auch nur denkende und fühlende Menschen sind, sondern auch jene Kräfte, an denen göttlich-geistige Wesenheiten gearbeitet haben durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch bis in unsere Erdenzeit hinein. Da sind immerfort die Kräfte aus höheren Regionen tätig. Auf die stützen wir uns. Und wenn wir aufwachen und in den physischen Leib und Ätherleib einziehen, überliefern wir uns zugleich den göttlich-geistigen Kräften, die in unserem physischen Leib und Ätherleib zu unserm Heil und Segen darinnen sitzen und uns vom Morgen bis zum Abend durch das Tagesleben führen. So ist es: In uns wirkt die ganze göttlich-geistige Welt, und wir können an ihr im Grunde genommen vieles schlechter machen, aber nicht viel verbessern.
[ 27 ] Aber nun denken Sie, daß alle geistige Entwickelung davon abhängt, daß wir frei bekommen unsern inneren Menschen, unsern Astralleib und unser Ich, daß wir sozusagen sehen, hellsichtig wahrnehmen lernen in dem, was unbewußt vom Einschlafen bis zum Aufwachen lebt, und weil es unbewußt lebt, auch kein Unheil anrichten kann. Das muß bewußt in uns werden, was unbewußt ist in jenen Gliedern, in denen göttlich-geistige Kräfte darinnen sind. All die Stärke, die Kraft, die uns gegeben worden ist, indem wir beim Aufwachen gerade in die Hände genommen werden von dem, was in unserem physischen Leib und Ätherleib verankert ist, die fällt weg, wenn wir unabhängig werden vom physischen Leib und Ätherleib und anfangen, hellseherisch wahrzunehmen. Die ganze Kraft und Gewalt der Welt bleibt draußen. Wir haben uns herausgezogen aus denjenigen Kräften, die uns stark machen und ein Widerlager geben gegen die Welt, die von außen auf uns einwirkt. Wir haben uns aus den uns unterstützenden Kräften herausgezogen. Die Welt ist aber geblieben, wie sie ist, und der ganzen Gewalt, dem ganzen Anprall der Welt stehen wir deshalb doch gegenüber. Alle die Kraft, die uns sonst aus dem physischen Leib und Ätherleib kommt, müssen wir dann in uns selber haben, um den Anprall der Welt auszuhalten und Widerstand zu leisten. Alles das müssen wir in unserem Ich und Astralleib entwickeln. Das entwickeln wir durch diejenigen Regeln, die uns gegeben werden und die Sie finden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist alles darauf berechnet, unserem eigenen Innern jene Stärke zu geben, die uns vorher von höheren Wesen verliehen wurde und die wegfällt, wenn die äußeren Stützen wegfallen, jene Stärke, die uns widerstandsfähig machen kann gegenüber dem Anprall der Welt, auch wenn wir selbst die Unterstützungen beiseite geschoben haben, die uns unser physischer Leib und Ätherleib bieten.
[ 28 ] Menschen, die sich nicht so innerlich stark machen, um die Kräfte, die sie abstreifen mit dem physischen Leib und Ätherleib, zu ersetzen durch wirklich hingebungsvolle Exerzitien der Seele, vor allen Dingen durch die Läuterung der Eigenschaft, die wir in der äußeren Welt als Unmoral bezeichnen, diese Menschen können zwar bis zu einem gewissen Grade Fähigkeiten erwerben, in die geistige Welt hineinzusehen. Aber was geschieht? Sie werden das, was man hypersensitiv nennen kann, sie werden überempfindlich. Sie werden, wie wenn sie von allen Seiten geistig gestochen würden, sie können nicht standhalten dem, was heranprallt von allen Seiten. Das ist eine derjenigen bedeutsamen Tatsachen, die man kennen muß, wenn man einen geistigen Erkenntnisfortschritt anstrebt: sich innerlich stark zu machen, indem man die edelsten, besten Eigenschaften der Seele wirklich ausbildet.
[ 29 ] Welche Eigenschaften werden das sein nach dem, was wir eben gerade heute gesagt haben? - Wenn es sogar unmöglich ist, in der geistigen Welt im Zeichen des Egoismus zu leben, wenn uns da der Egoismus nichts hilft, so wird es nur natürlich sein, daß die Austreibung des Egoismus, alles dessen, was der willkürlichen Begehrung des Geistigen unterstellt ist, die Vorbereitung für das geistige Leben sein wird. Je würdiger und ernster man gerade diesen Grundsatz nimmt, desto besser ist es für einen geistigen Fortschritt. Man kann ihn nicht ernst und würdig genug nehmen. Wer mit diesen Dingen zu tun hat, kann es oft hören, daß irgend jemand ihm sagt: Dies habe ich nicht aus Egoismus getan! — Aber wenn dieses Wort über die Lippen will, dann sollte der Mensch Einhalt tun, sollte es nicht über die Lippen lassen, sondern er sollte sich sagen: Eigentlich bist du doch nicht so, daß du sagen kannst, du tust irgend etwas ohne eine Spur von Egoismus! — Das ist viel gescheiter, weil es viel wahrer ist. Und auf das Wahre namentlich in bezug auf die Selbsterkenntnis kommt es an. Auf keinem Gebiete rächt sich Unwahrheit so stark, wie auf dem Gebiet des spirituellen Lebens. Da sollte der Mensch die Forderung an sich stellen, lieber wahr zu sein, als sich in den Nebel hineinzureden: Du bist unegoistisch. — Lieber wahr sein und sich sagen: Gestehe ich meinen Egoismus, so habe ich wenigstens einen Impuls, ihn abzulegen.
[ 30 ] Was mit diesem spirituellen Wahrheitsbegriff zusammenhängt, möchte ich am liebsten mit dem Folgenden sagen. Man kann recht leicht so urteilen: Da gibt es Leute, die behaupten, allerlei in den höheren Welten erfahren und gesehen zu haben; das wird dann verbreitet und tritt vor die Menschen hin. Wenn man einsieht, daß das nicht wahr ist, sollte man nicht alle Kräfte und Mittel einsetzen, um das zu bekämpfen? - Gewiß, es kann Gesichtspunkte geben, unter denen ein solcher Kampf notwendig ist. Für den aber, dem es als spiritueller Mensch um die Wahrheit zu tun ist, gibt es immer noch einen andern Gedanken, nämlich den, daß doch nur alles das, was Wahrheit ist, aus der spirituellen Welt heraus gedeiht und fruchtbar ist für die Welt, und daß dasjenige, was unwahr ist, ganz gewiß keine Fruchtbarkeit hat. Das heißt trivial ausgedrückt: Man mag noch so viel zusammenlügen in bezug auf spirituelle Dinge, diese Dinge haben recht kurze Beine. Von diesen Lügen sollte sich der, welcher sie aufbringt, sagen, daß er damit wirklich Fruchtbares nicht wirken kann. Fruchtbar auf spirituellem Gebiet ist allein die Wahrheit. Das beginnt bereits da, wo wir mit unserer eigenen spirituellen Entwickelung beginnen, wo wir anfangen sollten, uns wahr einzugestehen, wie wir eigentlich sind. Das ist etwas, was zugleich als Impuls in allen spirituellen, in allen okkulten Bewegungen leben muß: daß nur das Wahre ein Fruchtbares, ein Wirksames sein kann. Wahrheit ist durchaus etwas in der Welt, was sich durch seine Fruchtbarkeit, durch seinen Segen für die Menschheit selber rechtfertigt. Und die Lüge, die Unwahrheit ist etwas, was unfruchtbar und unwirksam ist. Das hat nur eine einzige Wirkung, die ich heute nicht weiter ausführen kann und darum nur andeuten will: Es fällt mit dem stärksten Anprall auf den Verbreiter der Unwahrheit selbst zurück. Das wird uns ein anderes Mal beschäftigen, was mit diesem bedeutungsvollen Satz gemeint ist.
[ 31 ] So wollte ich Ihnen heute eine Art Rückblick geben auf das, was wir im letzten Jahre in unsern Zweigversammlungen getrieben haben, und noch einmal anklingen lassen, was als Stimmung, als Gefühlsgehalt die Seele durchziehen und den Raum erfüllen konnte.
[ 32 ] Wenn wir nun auf die Arbeit, die außerhalb unseres Zweiges im letzten Jahr geleistet worden ist, nur in einer Beziehung blicken, so darf ich dabei vielleicht auf meinen Anteil selbst hinweisen, der sich zusammenschließt in dem von uns in München aufgeführten Rosenkreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung». Mit diesem Mysterium hat etwas angestrebt werden sollen, worüber wir in den nächsten Zweigversammlungen sprechen werden. Jetzt soll nur so viel gesagt werden, daß es möglich war, gerade in dieser, man möchte sagen, mehr künstlerischen Form in einem individuellen Ausdruck das vorzuführen, was man sonst nur mehr im allgemeinen sagen kann. Wenn wir hier oder sonstwo sprechen von den Bedingungen des geistigen Lebens, so sprechen wir so, wie es für jede Seele richtig ist. Aber es ist notwendig, dabei immer im Auge zu behalten, daß jeder Mensch ein eigenes Wesen ist, ein individuelles Wesen, und daß individualisiert werden muß in bezug auf jede Seele. Deshalb war einmal das Bedürfnis vorhanden, sozusagen eine Seele an der Pforte der Einweihung zu zeigen. Betrachten Sie daher das Rosenkreuzermysterium nicht als eine Lehrschrift, sondern als künstlerische Darstellung der Vorbereitung zur Einweihung eines einzelnen Menschen. Es handelt sich nicht darum, wie dieser oder jener Mensch vorschreitet, sondern gerade der, welcher in dem Mysterium als Johannes Thomasius geschildert ist, also um die ganz individuelle Gestalt, welche die Vorbereitung zur Einweihung bei einem einzelnen Menschen annimmt.
[ 33 ] So hätten wir gleichsam zwei große Standpunkte dadurch gewonnen, daß wir uns der Wahrheit nähern: einmal indem wir die großen Gesichtspunkte des Fortschrittes schildern, und dann indem wir in den Mittelpunkt einer einzelnen Seele hineingestiegen sind. Immer wird uns das beseelen, daß wir uns der Wahrheit von vielen Seiten nähern und geduldig abwarten müssen, bis sich uns die verschiedenen Ansichten über die Wahrheit zu einer Gesamtempfindung zusammenschließen. Diese Erkenntnisbescheidenheit wollen wir uns ganz besonders angelegen sein lassen. Sprechen wir nie davon, daß der Mensch die Wahrheit nicht erleben kann. Er kann sie erleben! Nur kann er nicht auf einmal die ganze Erkenntnis der Wahrheit haben, sondern nur immer eine Seite. Dadurch wird der Mensch bescheiden. Wahre Bescheidenheit wird auch ein Gefühl sein müssen, das sich erzeugt in unsern Zweigen, das von dort hinausgetragen werden soll in die übrige Zeitkultur der Gegenwart, um draußen zu wirken. Denn unsere Zeit braucht nach ihrer ganzen Beschaffenheit viel von dieser Erkenntnisbescheidenheit.
[ 34 ] Im Sinne dieser Anregungen werden wir weiter arbeiten, das christliche Problem darzustellen, um auch daran zu erleben, wie man zu dieser Erkenntnisbescheidenheit gelangen und dadurch wieder im Erleben der Wahrheit immer weiter und weiter kommen kann.
