Exkurse in das Gebiet
des Markus-Evangeliums
GA 124
24 Oktober 1910, Berlin
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Wir haben das letzte Mal versucht, einen Rückblick zu geben nicht nur auf den Inhalt unserer Betrachtungen des vorigen Jahres, sondern auch auf den Sinn, auf den Geist dieser Betrachtungen. Wir haben dabei aufmerksam gemacht, daß dieser Geist, der uns beseelt hat bei der Betrachtung zum Beispiel des Christus-Problems von allen möglichen Seiten her, daß es dieser Geist überhaupt sein soll, welcher durch die ganze geisteswissenschaftliche Bewegung, durch alles geisteswissenschaftliche Streben gehen muß. Denn es hat sich uns ergeben, daß wir deshalb von so verschiedenen Seiten her einen einzigen Gegenstand anfassen, weil der Mensch in seinem Erkenntnisstreben von vornherein dasjenige bergen soll, was man die wahre Erkenntnisbescheidenheit nennt. Wir wollen uns einmal über diese Erkenntnisbescheidenheit ein wenig genauer aussprechen.
[ 2 ] Den Vergleich habe ich oft angeführt, daß wir irgendeinen Gegenstand abbilden können durch Malen, Photographieren von irgendeiner Seite her, daß wir dann aber von diesem Bilde, das von einer Seite aufgenommen ist, niemals behaupten dürfen, es ergebe die ganze Gestalt des Gegenstandes. Eine ungefähre Vorstellung kann man sich von einem Gegenstand machen, wenn man ihn von verschiedenen Seiten her abbildet, dann diese verschiedenen Bilder zusammenhält und sich dadurch ein Bild von dem Gegenstande zu machen versucht. Auch bei einem gewöhnlichen Anschauen muß man im Grunde genommen herumgehen um den Gegenstand, um sich eine allseitige Vorstellung von ihm zu bilden. Wenn jemand nun sagen wollte, daß es in der geistigen Welt doch möglich sein müßte, sozusagen mit einem einzigen Anblick, mit einer einzigen Ansicht einen Gegenstand zu umfassen, so würde er sich sehr irren. Und viele menschliche Irrtümer entspringen aus dem Nichtanerkennen des eben Gesagten. In den Berichten über das Ereignis von Palästina ist, man möchte sagen, schon vorgesorgt, daß dieser Standpunkt von den Tiefergehenden nicht angelegt werde. Denn von diesem Ereignis von Palästina sind vier Berichte gegeben, die Berichte der vier Evangelisten. Und für denjenigen, der nicht weiß, daß man im geistigen Leben einen Gegenstand, eine Wesenheit, ein Ereignis von verschiedenen Seiten betrachten muß, für den wird ja - leichtfertig, wie er dann mit der Wahrheit zu Werke gehen muß - sich aus dieser Tatsache nichts anderes ergeben, als daß scheinbare Widersprüche zwischen den einzelnen Evangelisten vorhanden sind. Aber wir haben wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß man sich die vier Evangelienberichte so vorzustellen hat, daß sie von vier verschiedenen Gesichtspunkten aus das große Christus-Ereignis darstellen, und daß sie zusammengehalten werden müssen wie die vier Bilder, die von vier verschiedenen Seiten von irgendeinem Gegenstand oder Wesen aufgenommen werden. Wenn man dann in einer genauen Weise vorgeht, wie wir es schon versucht haben mit Bezug auf das Matthäus-, Johannes- und Lukas-Evangelium und wie wir es später versuchen werden mit Bezug auf das Markus-Evangelium, dann ergibt es sich schon, daß die vier Darstellungen des Ereignisses in Palästina in der schönsten Weise zusammenstimmen. So ist schon in der Tatsache, daß vier Evangelien vorhanden sind, die große Lehre von der Vielseitigkeit menschlicher Ansichten von der Wahrheit gegeben.
[ 3 ] Nun habe ich im vorigen Jahre schon darauf aufmerksam gemacht, daß es möglich ist, verschiedene Ansichten von der Wahrheit irgendeines Wesens zu suchen. Sie erinnern sich, daß ich im vorigen Jahr bei unserer Generalversammlung zu ergänzen versuchte, was man gewöhnlich die Theosophie nennt, durch eine andere Betrachtung, die damals die Betrachtung der Anthroposophie genannt worden ist, und ich habe gesagt, wie sich die Anthroposophie verhalten soll zu der Theosophie. Ich machte darauf aufmerksam, daß es eine gewöhnliche Wissenschaft gibt, die sich stützt auf die sinnlichen Ereignisse und auf die verstandesmäßige Zusammenfassung der sich durch die Sinnesbeobachtung ergebenden Tatsachen - und wenn sie sich mit dem Menschen beschäftigt, nennt man diese Wissenschaft Anthropologie. Die Anthropologie enthält alles, was man mit den Sinnen erforschen und mit den verstandesmäßigen Beobachtungen über den Menschen erfahren kann. Sie betrachtet also die menschliche sinnliche Organisation so, wie sie sich darbietet, wenn man sie mit den verschiedenen Instrumenten, mit den Werkzeugen der Naturwissenschaft untersucht. Sie betrachtet zum Beispiel die Überreste der Menschen der Vorzeit, die Kulturgeräte und Werkzeuge von solchen Menschen in den Schichten der Erde und sucht sich eine Vorstellung zu machen, wie sich das Menschengeschlecht im Laufe der Zeit entwickelt hat. Sie versucht ferner diejenigen Bildungsstufen zu studieren, die man bei den wilden oder unzivilisierten Völkern findet, denn sie geht von der Voraussetzung aus, daß sich bei solchen Völkerschaften die Kulturstufen erhalten haben, wie sie auch die zivilisierteren Völker in früheren Zeiten durchlaufen haben. So baut sich die Anthropologie daraus eine Vorstellung auf über das, was der Mensch durchgemacht hat, bis er zum gegenwärtigen Standpunkt gekommen ist.
[ 4 ] Vieles könnte noch angeführt werden, was beitragen würde zu einer Aufklärung über das Wesen der Anthropologie. Ich habe im vorigen Jahr die Anthropologie verglichen mit einem Menschen, der sich dadurch Kenntnisse erwirbt, daß er in der Ebene herumgeht, sich die Marktflecken, die Städte, Wälder und Felder besieht und alles beschreibt, was er so, in der Ebene herumgehend, gesehen hat. Nun kann man den Menschen auch betrachten von einem andern Gesichtspunkte aus. Das ist der der Theosophie. Denn alle Theosophie will uns zuletzt aufklären über das Wesen, über die Bestimmung des Menschen. Wenn Sie meine «Geheimwissenschaft» durchstudieren, werden Sie sehen, daß zuletzt alles gipfelt in der Aufklärung über das menschliche Dasein selber. Wenn Sie die Anthropologie vergleichen mit einem Menschen, der in der Ebene herumgeht und dort die einzelnen Tatsachen sammelt und notiert, um sie mit dem Verstande zu begreifen, so können wir die Theosophie vergleichen mit einem solchen Beobachter, der auf einen Berg bis zum Gipfel hinaufsteigt und sich von dort die Umgebung ansieht, die Marktflecken, Städte, Wälder und so weiter. Er wird das in der Ebene sich Ausbreitende wie verschwimmend und manches nur in einzelnen Punkten sehen. So ist es im Grunde genommen mit der geistigen Betrachtung des Menschen, mit der Theosophie. Der Standpunkt in geistiger Beziehung, der da eingenommen wird, ist ein hoher. Der macht es notwendig, daß tatsächlich mancherlei von diesem Standpunkt aus gewonnen wird, was sozusagen das gewöhnliche Menschentreiben, die unmittelbaren Eigenschaften und Eigenheiten des Menschen, die uns im Alltagsleben entgegentreten, wie verschwommen erscheinen läßt, so wie die Dörfer und Städte sich, vom Berggipfel aus gesehen, ausnehmen.
[ 5 ] Was ich jetzt eben gesagt habe, wird dem Anfänger in der Theosophie vielleicht nicht ganz einleuchtend sein. Denn was dieser Anfänger zunächst aufnimmt über das Wesen des Menschen, über die Gliederung in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und so weiter, das wird er zu verstehen suchen, er wird sich gewisse Vorstellungen darüber bilden, aber er wird zunächst ferne sein von den großen Schwierigkeiten, die gerade dann vorliegen, wenn man in der Erfassung der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten weiterrückt. Man darf sagen: Je weiter man kommt, desto mehr erkennt man, wie unendlich schwierig es ist, einen Zusammenhang zu finden zwischen dem, was da oben auf dem geistigen Bergesgipfel der Theosophie gewonnen wird, und dem, was wirklich im alltäglichen Menschenleben als charakteristische menschliche Empfindungen, Gefühle und so weiter zutage tritt. Nun könnte man die Frage aufwerfen: Warum erscheinen denn vielen die spirituellen Wahrheiten einleuchtend, richtig, trotzdem sie gar nicht in Betracht ziehen, wie wenig sie in der Lage sind, dasjenige, was von dem geistigen Gipfel aus gesagt wird, an dem zu prüfen, was sie selber im alltäglichen Leben sehen? — Das kommt davon her, daß die menschliche Seele tatsächlich nicht auf Unwahrheit, sondern auf Wahrheit angelegt ist, so angelegt ist, daß sie es gleichsam instinktiv empfindet, wenn irgendeine Wahrheit ausgesprochen wird. Ein Gefühl ist vorhanden für die Wahrheit. Man soll nicht verkennen, daß dieses Gefühl für die Wahrheit, dieser unbefangene Wahrheitssinn der Seele einen unendlichen Wert hat. Insbesondere in unserem gegenwärtigen Zeitalter hat er einen unendlichen Wert, und zwar aus dem Grunde, weil, man möchte sagen, der geistige Gipfel, von dem aus auch nur die notwendigsten Wahrheiten von dem Menschen wirklich erschaut werden können, so unendlich hoch ist. Müßten die Menschen erst auf diesen Gipfel hinaufsteigen, so hätten sie einen weiten geistig-seelischen Weg zu machen, und es könnten alle die, welche diesen geistig-seelischen Weg nicht machen, nichts empfinden von dem Wert dieser Wahrheiten für das menschliche Leben. Nun ist aber jede Seele dafür veranlagt, wenn die geistigen Wahrheiten mitgeteilt werden, sie auch in ihrer Wahrheit zu empfinden und in ihrer Wahrheit aufzunehmen.
[ 6 ] Wie verhält sich nun eine solche Seele, die diese Wahrheiten aufnimmt, zu einer Seele, die sie selber findet? Man kann dafür einen ganz trivialen Vergleich wählen. Aber so trivial er ist, es ist doch mehr mit ihm gemeint, als es aussieht. Einen Stiefel kann jeder von uns anziehen, aber nicht jeder kann einen Stiefel machen; dazu muß man es als Schuhmacher gelernt haben. Was man aber vom Stiefel hat, was einem der Stiefel sein kann, das hängt nicht davon ab, daß man ihn auch machen kann, sondern daß man ihn in der rechten Weise gebrauchen kann. So verhält es sich tatsächlich mit den geistigen Wahrheiten, die uns durch die 'Theosophie gegeben werden. Wir sind zunächst, auch wenn wir sie nicht selber schauend erzeugen können, dazu berufen, sie für unser Leben zu gebrauchen. Und wenn wir sie durch unsere natürliche Wahrheitsempfindung aufnehmen zum Gebrauch, so dienen sie uns so, daß wir uns durch sie orientieren können im Leben; daß wir wissen können, daß wir nicht in dem Dasein zwischen Geburt und Tod eingeschlossen sind, daß wir einen geistigen Menschen in uns tragen, wiederholte Erdenleben durchmachen und so weiter. Diese Wahrheiten kann man, wie gesagt, gebrauchen. Man nimmt sie auf. Und wie die Stiefel uns vor der Kälte schützen, so schützen uns diese Wahrheiten vor der geistigen Kälte, vor der geistigen Verarmung. Denn das muß man sich vor Augen halten, daß wir geistig erkalten, geistig verarmen, wenn wir bloß darauf angewiesen sind, das zu denken, zu fühlen und zu empfinden, was die äußere Sinneswelt uns darbietet. So also müssen wir sagen: Zum Gebrauch sind die spirituellen Wahrheiten, die von einem hohen Gesichtspunkt aus hergeholt werden, für alle Menschen da. Finden können sie vielleicht nur wenige, diejenigen eben, die den geistigen Weg, der auch in der letzten Stunde beschrieben worden ist, durchmachen.
[ 7 ] Nun aber kann ein jeder Blick in die gewöhnliche Welt, die uns für die Sinne umgibt - die also auch, wenn es sich um den Menschen handelt, der Gegenstand der Anthropologie ist —, uns zeigen, wie diese Welt selber der Offenbarer wird für eine Welt, die hinter ihr liegt, die dann von dem geistigen Höhenstandpunkte der Theosophie aus erschaut wird. Die Sinneswelt also selber kann zum Öffenbarer einer andern Welt werden, wenn man dazu übergeht, diese Sinneswelt zu deuten, wenn man nicht bloß mit dem Verstande ihre Tatsachen hinnimmt, sondern beginnt, diese Tatsachen zu deuten; wenn man sozusagen über das Feld der Sinneswahrnehmung nicht gleich so weit hinausgeht wie die Theosophie selber, sondern gleichsam auf dem Abhang des Berges stehenbleibt, wo noch nicht die Einzelheiten ganz verschwimmen, wo aber auch schon ein Überblick möglich ist. Diesen Standpunkt in geistiger Beziehung haben wir im vorigen Jahr charakterisiert als den der Anthroposophie, und wir haben damit gezeigt, daß drei Ansichten über den Menschen möglich sind: die anthropologische, die anthroposophische und die theosophische.
[ 8 ] Nun werden wir in diesem Jahr - im Anschluß an die Generalversammlung - in den Vorträgen über Psychosophie, die noch in ganz anderem Sinne wichtig sind als die Vorträge über Anthroposophie, zu zeigen haben, wie die menschliche Seele selber aus ihren unmittelbaren Eindrücken und Erlebnissen heraus so gedeutet werden kann, daß sie in ähnlicher Weise wie bei der Anthroposophie ins geistige Leben hineinspielt. Und eine in der Zukunft folgende Vortragsreihe über Pneumatosophie soll dann diese Vorträge so abschließen, daß die Betrachtungen über Anthroposophie und über Psychosophie wieder einmünden sollen in die Theosophie. Das alles wird getan, um ein Gefühl dafür hervorzurufen, wie mannigfaltig die Wahrheit ist. Denn das ist eine Erfahrung gerade des ernsten Wahrheitssuchers: Je weiter er schreitet, desto bescheidener wird er - und auch um so vorsichtiger, die auf höheren Standpunkten gewonnenen Wahrheiten gleich in die Sprache des gewöhnlichen Lebens herein zu übersetzen. Denn obwohl wir das letzte Mal gesagt haben, daß eigentlich diese Wahrheiten erst dann einen Wert haben, wenn sie übersetzt sind in die Sprache des gewöhnlichen Lebens, so muß man sich doch klar sein, daß dieses Rückübersetzen gerade zu den schwierigsten Aufgaben der geisteswissenschaftlichen Arbeit gehört. Was erschaut wird auf geistigen Höhen, so verständlich zu machen, daß der gesunde Wahrheitssinn und auch die gesunde Logik ja dazu sagen können und es einsehen können, das bietet große Schwierigkeiten.
[ 9 ] Immer und immer wieder muß es betont werden, daß es sich auch um die Erzeugung solcher Gefühle und Empfindungen gegenüber der Wahrheit handelt, wenn wir in unsern Zweigen Geisteswissenschaft treiben. Nicht bloß sollen wir mit dem Verstande auffassen, was gesagt wird an Mitteilungen aus der geistigen Welt heraus, sondern es kommt vielmehr darauf an, daß wir es miterleben in der Empfindung, im Gefühl und uns so Eigenschaften aneignen, die eben jeder wirklich spirituell Strebende haben sollte.
[ 10 ] Wenn wir die Welt, wie sie um uns herum sich ausbreitet, in Betracht ziehen, so können wir sagen: Überall, in allen ihren Punkten bietet sie uns einen äußeren Ausdruck, eine äußere Offenbarung einer inneren, geistigen Welt dar. Das ist ja für uns heute schon ein ganz abgebrauchter Satz. So wie die Menschenphysiognomie ein Ausdruck dessen ist, was in der menschlichen Seele vorgeht, so sind alle Erscheinungen der äußeren Sinneswelt gleichsam ein physiognomischer Ausdruck einer dahinter webenden und wesenden geistigen Welt, und wir verstehen die Sinneserlebnisse erst dann, wenn wir in ihnen einen physiognomischen Ausdruck sehen können für die geistige Welt. Wenn der Mensch nun noch nicht in der Lage ist, durch seinen eigenen Erkenntnisweg hinaufzugehen in diejenigen Höhen, auf denen geistig geschaut werden kann, so hat er zunächst allerdings nur die Sinneswelt vorliegend, und er könnte sich dann die Frage stellen: Gibt es nun nichts für mich, was mir durch die Betrachtung der Sinneswelt selber Beleg, Bewahrheitung dessen ist, was mir mitgeteilt wird aus dem geistigen Schauen heraus?
[ 11 ] Dieses Aufsuchen von Belegen ist immer möglich, aber man wird nicht leichtfertig, sondern genau vorgehen müssen. Wenn Sie, um nur ein Beispiel anzuführen, die verschiedenen geisteswissenschaftlichen Vorträge verfolgen, die ich gehalten habe, und sich ansehen, was in meiner «Geheimwissenschaft» steht, so wird Ihnen zum Beispiel auffallen können, daß es einmal im Laufe der Erdenentwickelung eine Zeit gegeben hat, wo die Erde selber mit der Sonne vereinigt war, wo Erde und Sonne ein einziger Körper waren. Später erst hat sich die Erde von der Sonne getrennt. Wenn Sie alles zusammenhalten, was Sie aus der «Geheimwissenschaft» oder aus meinen Vorträgen kennen, so werden Sie sich sagen müssen, daß die Tierformen und die Pflanzenformen, die wir heute auf der Erde finden, die Weiterentwikkelung dessen sind, was sich auch damals schon gefunden hat, als die Erde mit der Sonne vereinigt war. Aber wie die heutigen Tierformen den heutigen Erdverhältnissen angepaßt sind, so mußten die damaligen Tierformen, als Sonne und Erde noch vereinigt waren, ebenso angepaßt sein jenem Körper, der Erde und Sonne zugleich war. Daraus folgt nun, daß diejenigen Tierformen, welche aus jener Zeit übriggeblieben sind, nicht nur übriggeblieben sind, sondern die Fortsetzung sind von Wesen, die schon damals vorhanden waren, die aber zum Beispiel noch keine Augen haben konnten; denn Augen haben nur einen Sinn, wenn Licht da ist, wie es von der Sonne auf die Erde von außen hereinstrahlt. Wir müßten also unter den verschiedenartigen Wesen des Tierreichs solche finden, die gleichsam die Augen ausgebildet haben, nachdem sich die Sonne schon abgetrennt hatte von der Erde; und außerdem müßten wir Tierformen finden, die Überreste sind aus der Zeit, da die Sonne noch mit der Erde vereinigt war — die also augenlose Tiere sein müßten. Diese letzte Tierart müßte zu den niederen Tieren gehören. Und die gibt es wirklich. In populären Büchern können Sie finden, wie der Besitz des Auges von einer gewissen Stufe an aufhört. Das bietet einen Beleg für das, was aus der geistigen Wissenschaft heraus gesagt ist.
[ 12 ] Nun können wir uns also diese ausgebreitete Welt, die um uns herum ist und in der wir selber sind, als den physiognomischen Ausdruck des dahinter wesenden und webenden geistigen Lebens vorstellen. Wenn nun der Mensch dieser Sinneswelt nur gegenüberstünde und sie ihm in keinem Punkte offenbarte oder verriete, daß sie auf eine geistige Welt hinweist, dann würde der Mensch nie veranlaßt sein können, den Drang, die Sehnsucht in sich zu entwickeln nach einer geistigen Welt. Irgendwo muß uns in der Welt selber, die als Sinneswelt um uns ausgebreitet ist, die Sehnsucht erwachsen können nach einem Geistigen, irgendwo muß das Geistige gleichsam wie durch ein Tor oder ein Fenster hereinstrahlen aus den geistigen Reichen in die Welt, in der wir im Alltag stehen. Wo ist das der Fall? Wo leuchtet uns unmittelbar ein Geistiges entgegen? — Das ist da der Fall - und das haben Sie aus den verschiedenen, von mir und andern gehaltenen Vorträgen gehört -, wo wir in die Lage kommen, unser Ich selber zu erleben. In dem Augenblick, wo wir unser Ich erleben, erleben wir wirklich etwas, was in einem unmittelbaren Verhältnis zur geistigen Welt steht. Aber es ist dieses Erleben des Ich zugleich etwas unendlich Armes. Es ist sozusagen ein einziger Punkt mitten unter den Welterscheinungen. Der einzige Punkt, den wir mit dem kleinen Wörtchen Ich aussprechen, bezeichnet zwar ein ursprünglich echtes Geistiges, aber es ist dieses Geistige sozusagen in dem Ich-Punkt zusammengeschrumpft auf einen Punkt. Was aber kann uns dennoch dieses Geistige lehren, das da auf einen Punkt zusammengeschrumpft ist? Mehr können wir durch das Erlebnis unseres eigenen Ich über die geistige Welt ja nicht wissen als das, was sozusagen in dem Ich-Punkt selbst enthalten ist, wenn wir nicht zum Deuten vorschreiten. Aber in diesem Punkt liegt doch schon sehr Wichtiges, nämlich daß uns durch ihn gesagt wird, wie wir erkennen müssen, wenn wir die geistige Welt erkennen wollen.
[ 13 ] Was ist denn das Unterscheidende des Ich-Erlebnisses von allem andern Erleben? Daß wir im Ich-Erleben selber drinnen stehen. In allem andern Erleben stehen wir nicht selber drinnen, sondern das tritt von außen an uns heran. Es könnte vielleicht jemand sagen: Aber mein Denken, mein Wollen, mein Begehren, mein Empfinden, ist das nicht auch etwas, in dem ich selber drinnen lebe? — In bezug auf das Wollen kann sich der Mensch durch eine sehr leichte, sozusagen seelische Selbstbesinnung überzeugen, wie wenig er in diesem Wollen drinnen zu stehen braucht. Man bedenke nur einmal, daß das Wollen etwas ist, was sich so ausnimmt, als ob es uns treibt und als ob der Mensch oft gar nicht darinnen steht, sondern nur so wirkt, als wenn irgendein anderes oder irgendein Ereignis ihn stößt. Und so ist es auch mit dem Empfinden und mit dem größten Teile dessen, was im alltäglichen Leben gedacht wird. Man steht nicht darinnen. Wie wenig man zum Beispiel im gewöhnlichen Leben in seinen Gedanken darinnen steht, davon könnte man sich überzeugen, wenn man sorgfältig prüfen wollte, wie das gewöhnliche Denken abhängig ist von Erziehung und von dem, was man aufgenommen hat zu irgendeiner Zeit, was einem die Verhältnisse eben gebracht haben. Daher ist das menschliche Denken, Fühlen und Wollen als gewöhnlicher Inhalt nach Nationen und Zeiten so verschieden. Nur eines muß gleich sein. Wenn es überhaupt beim Menschen vorhanden ist, muß eines sich gleich finden bei allen Nationen, in allen Regionen und allen einzelnen Menschengemeinschaften: das ist das Erlebnis dieses einzelnen IchPunktes.
[ 14 ] Nun aber fragen wir uns einmal: Wie steht es denn mit dem Erleben dieses Ich-Punktes? — So einfach liegt die Sache doch nicht. Man könnte zum Beispiel leicht glauben, daß man das Ich selbst erlebt. Das ist aber gar nicht der Fall. Das Ich selbst erlebt man eigentlich nicht. Was erlebt man? Man erlebt im Grunde genommen eine Vorstellung des Ich, eine Wahrnehmung des Ich. Würde nämlich das Ich-Erlebnis genau gefaßt werden, so wäre es eigentlich enthalten in einem nach der Unendlichkeit Ausstrahlenden, nach der Allseitigkeit Ausstrahlenden. Wenn das Ich sich nicht selbst würde gegenüberstehen können wie einem Bild im Spiegel von sich selber — wenn dieses Bild auch nur ein punktuelles Erlebnis ist —, so könnte der Mensch das Ich nicht erleben, könnte sich das Ich keine Vorstellung von sich selber machen. Und diese Vorstellung erlebt der Mensch zunächst von dem Ich. Aber diese Vorstellung genügt auch für ihn. Denn gerade diese Vorstellung unterscheidet sich von allen andern Vorstellungen, hat wirklich einen großen Unterschied von allen andern Vorstellungen, nämlich den, daß sie ihrem Original gleich sein muß, nicht anders sein kann als ihr Original. Denn das Ich hat es, wenn es sich vorstellt, nur mit sich selbst zu tun, und die Vorstellung ist nur das Zurücklaufen des Ich-Erlebens in sich selber; es ist gleichsam eine Stauung, wie wenn wir es aufhalten würden, um in sich selber zurückzukehren, und es in dieser Rückkehrung sich selber als ein Spiegelbild gegenüberträte, das gleich ist dem Original. So ist das IchErlebnis.
[ 15 ] Wir dürfen also sagen: Erkennen können wir das Ich-Erlebnis in der Ich-Vorstellung. Aber diese Ich-Vorstellung unterscheidet sich von allen andern Vorstellungen, von allen andern Erlebnissen, die wir haben können, wieder um ein Beträchtliches. Radikal unterscheidet sie sich von allen übrigen Vorstellungen. Zu allen andern Vorstellungen und allen übrigen Erlebnissen brauchen wir so etwas wie ein Organ. Bei einer äußeren Sinnesvorstellung kann es Ihnen von vornherein klar sein, daß wir ein Organ brauchen. Um die Vorstellung einer Farbe zu haben, brauchen wir ein Auge und so weiter. Das tritt klar zutage, daß wir bei einer gewöhnlichen Sinnesvorstellung ein Organ brauchen. Man könnte nun glauben, daß man kein Organ braucht zu dem, was intimer zu unserem eigenen Innern steht. Aber auch da können Sie sich auf einfache Weise davon überzeugen, daß wir Organe brauchen - und Genaueres darüber können Sie noch finden in meinen Vorträgen über Anthroposophie. Hier soll Ihnen nun die Möglichkeit geboten werden, auch noch in einer theosophischen Weise entgegenzunehmen, was dort mehr für die Allgemeinheit geltend gesagt ist.
[ 16 ] Denken Sie, in irgendeiner Periode Ihres Lebens erfassen Sie einen Gedanken, eine Idee, einen Begriff. Sie verstehen etwas, was Ihnen als Begriff entgegentritt. Wodurch können Sie das nur verstehen? Nur durch diejenigen Begriffe, die Sie schon vorher aufgenommen haben. Das sehen Sie daraus, daß der eine Mensch einen neuen Begriff, der an ihn herantritt, in der einen Weise auffaßt, der andere in der andern Weise. Und das kommt daher, daß der eine mehr, der andere weniger in sich trägt an Summen von Begriffen, die er schon aufgenommen hat. Das alte Begriffsmaterial sitzt in uns und stellt sich dem Neuen gegenüber, wie sich das Auge dem Licht gegenüberstellt. Aus unsern eigenen alten Begriffen ist uns eine Art von Begriffsorgan gewoben, und was wir davon nicht in der jetzigen Verkörperung aus Begriffen zusammengewoben haben, das müssen wir suchen in früheren Verkörperungen. Da hat es sich zusammengewoben, und wir bringen entgegen den Begriffen, die neu an uns herantreten, ein Begriffsorgan. Für alle Erlebnisse, die von der Außenwelt kommen, auch wenn sie geistigster Natur sind, müssen wir ein Organ haben. Niemals stehen wir sozusagen geistig nackt den Dingen der Außenwelt, die an uns herantreten, gegenüber, sondern immer sind wir von dem abhängig, was wir geworden sind. Nur in einem einzigen Falle stehen wir unmittelbar der Außenwelt gegenüber, nämlich wenn wir unsere Ich-Wahrnehmung gewinnen. Diese Ich-Wahrnehmung muß daher auch — und das ist ein besonderer Beleg für das, was gesagt worden ist -— immer wieder und wieder gemacht werden, muß immer neu gemacht werden. Jeden Morgen, wenn wir aufstehen, machen wir unsere Ich-Wahrnehmung im Grunde genommen neu. Das Ich ist da, ist auch da, wenn wir schlafen. Aber die Ich-Wahrnehmung muß jeden Morgen wieder neu gemacht werden, kann hier immer wieder gemacht werden. Und wenn wir in der Nacht eine Reise nach dem Mars machen würden, wo sich unsere Umgebung recht sehr anders ausnehmen würde als auf der Erde - alles würde dort anders sein: just die Ich-Wahrnehmung wäre dieselbe. Denn die läßt sich unter allen Verhältnissen in der gleichen Weise machen, weil wir kein äußeres Organ, nicht einmal ein Begriffsorgan dazu brauchen. Was uns da entgegentritt, ist eine unmittelbare Vorstellung des Ich, zwar als Vorstellung, als Wahrnehmung, aber eben in seiner wahren Gestalt. Alles andere liegt uns gleichsam so vor wie ein durch einen Spiegel und durch die Form des Spiegels bedingtes Bild. Die Ich-Wahrnehmung liegt uns vor in ihrer ganzen treuen Gestalt.
[ 17 ] Wenn wir dies bedenken, können wir wirklich in einer gewissen Beziehung sagen: In dem Ich, wenn wir es vorstellen, stecken wir selber drinnen; das ist etwas, was gar nicht außer uns ist. Nun fragen wir uns einmal: Wie unterscheidet sich die einzige Ich-Vorstellung, die Ich-Wahrnehmung von allen übrigen Wahrnehmungen und allem andern, was das Ich sonst erlebt. Sie unterscheidet sich so, daß wir in der Ich-Wahrnehmung, in der Ich-Vorstellung diesen unmittelbaren Abdruck, diesen Siegelabdruck des Ich haben, und in allen andern Vorstellungen und Wahrnehmungen einen solchen unmittelbaren Abdruck der Dinge eben nicht haben. Aber Bilder, die sozusagen in gewisser Beziehung sich doch wieder vergleichen lassen mit der IchWahrnehmung, gewinnen wir aus allem, was um uns herum ist: Alles verwandeln wir durch unser Ich in ein inneres Erlebnis. Denn die Außenwelt muß unsere Vorstellung werden, wenn sie überhaupt für uns eine Bedeutung, einen Wert haben soll. Wir bilden uns also wirklich Bilder von der Außenwelt, die dann im Ich weiterleben, ganz gleichgültig, durch welches Organ wir ein Sinneserlebnis aufnehmen. Wir riechen irgendeinen Stoff; wenn wir vorbeigekommen sind an dem Stoff und nicht mehr eine unmittelbare Berührung mit ihm haben, dann tragen wir doch das Bild dessen in uns weiter, was wir gerochen haben. Ebenso tragen wir das Bild einer Farbe, die wir gesehen haben, weiter in uns. Die Bilder, die aus solchen Erlebnissen stammen, bleiben in unserem Ich. Die bewahrt sich das Ich sozusagen auf. Aber wenn wir diese Bilder mit ihren charakteristischen Merkmalen bezeichnen wollen, so müssen wir sagen: Das gehört zu ihnen, daß sie von außen an uns herangetreten sind. Alle Bilder, die wir mit unserem Ich vereinigen können, sind, solange wir als Menschen innerhalb der Sinneswelt stehen, das im Ich gebliebene Restliche aus Eindrücken der Sinneswelt selber. Nur eines kann uns die Sinneswelt nicht geben: die Ich-Wahrnehmung. Die steigt in uns selber auf. In der Ich-Wahrnehmung haben wir also ein Bild, wenn es auch noch so punktuell, zu einem Punkt zusammengeschrumpft ist, ein Bild, das in uns selber aufsteigt.
[ 18 ] Denken Sie sich nun zu diesem Bild andere dazu: Bilder, die nicht entstanden sind, indem sie durch äußere Sinne angeregt worden sind, sondern die ebenso frei aufsteigen im Ich wie die Ich-Vorstellung selber, die also nach der Art der Ich-Vorstellung selber gebildet werden: dann haben Sie die Art der Bilder, die auftreten in dem, was wir nennen die astralische Welt. Bild-Vorstellungen also, welche auftreten im Ich, ohne daß irgendein Eindruck von außen, von der Sinneswelt auf uns gemacht wird.
[ 19 ] Was unterscheidet denn die Bilder, die wir aus der Sinneswelt haben, von unseren übrigen inneren Erlebnissen? Die Sinnesbilder können wir als Bilder von Erlebnissen erst mit uns herumtragen, wenn wir in Berührung getreten sind mit der Außenwelt; dann sind sie Innenerlebnisse geworden, aber angeregt durch die Außenwelt. Was gibt es für Erlebnisse des Ich, die nicht unmittelbar angeregt sind von der Außenwelt? Als solche haben wir unsere Gefühle, unsere Begierden, Triebe, Instinkte und so weiter. Die sind nicht angeregt von der Außenwelt. Wenn wir auch in dem Sinne nicht in unsern Gefühlen, Trieben und so weiter drinnen stehen, wie es vorhin auseinandergesetzt worden ist, so müssen wir doch sagen: Es drängt sich in den Gefühlen, Trieben, Begierden in unser Inneres ein Element herein. Wodurch unterscheiden sich die Triebe, Begierden und so weiter von den Sinnesbildern, die wir mit uns herumtragen nach den Sinneswahrnehmungen? Sie können herausfühlen, wodurch sie sich unterscheiden. Das Sinnesbild ist etwas, was ruhig in uns bleibt, was wir möglichst treu versuchen mit uns herumzutragen, wenn wir uns mit der Außenwelt auseinandergesetzt haben. Unsere Triebe, Begierden, Instinkte sind etwas, was in uns arbeitet, was also eine Kraft darstellt.
[ 20 ] Wenn nun die Außenwelt nicht beteiligt ist an dem Aufsteigen der astralischen Bilder, so müssen doch Kräfte an diesem Aufsteigen der astralischen Bilder beteiligt sein. Denn was nicht getrieben wird, ist nicht da, kann nicht entstehen. Beim Sinnesbild ist die treibende Kraft der Eindruck der Außenwelt. Beim astralischen Bild ist die treibende Kraft zunächst das, was den Begierden, Trieben, Gefühlen und so weiter zugrundeliegt. Nur ist im gewöhnlichen Menschenleben, wie es heute ist, der Mensch davor geschützt, daß die Begierden und Triebe eine solche Kraft entwickeln, daß durch sie Bilder entstehen, Bilder, welche ebenso erlebt werden wie das Bild des Ich selber. Das ist, man möchte sagen, das bedeutsame Kennzeichen der gegenwärtigen Menschenseele, daß die Triebe und Begierden nicht stark genug wirken, um zum Bildersein dasjenige anzuregen, was ihnen das Ich entgegenstellt. Wenn das Ich sich entgegenstellt den starken Kräften der Außenwelt, wird es angeregt zu Bildern. Lebt es in sich, so hat es beim normalen Menschen nur die eine einzige Gelegenheit, ein aufsteigendes Bild zu empfangen, wenn dieses Bild das Bild des Ich selber ist.
[ 21 ] Also es wirken die Triebe, Begierden und so weiter nicht stark genug, um ebenso zu Bildern zu werden wie das einzige Ich-Erlebnis. Wirken sie stark genug, dann müssen sie aber auch eine Eigenschaft annehmen, welche alle äußeren Sinneserlebnisse an sich tragen. Diese Eigenschaft ist von außerordentlicher Wichtigkeit. Alle Sinneserlebnisse tun uns nicht den Gefallen, sich nach uns zu richten. Wenn irgend jemand zum Beispiel gerade in einem Zimmer wohnt, wo man irgendein unangenehmes Geräusch hört, so kann er es nicht durch seine Triebe und Begierden wegschaffen. Es kann nicht jemand, sagen wir, eine gelbe Blume, die er lieber rot hätte, rot machen durch den bloßen Trieb oder die bloße Begierde. Das ist das Charakteristische der Sinneswelt, daß sie ganz unabhängig von uns selber auftritt. Das tun unsere Triebe, Begierden und unsere Leidenschaften ganz gewiß nicht. Die richten sich ganz nach unserem persönlichen Leben. Was muß also für sie eintreten bei jener Steigerung, die sie erfahren sollen zum Bilddasein? Sie müssen so werden, wie die äußere Welt ist, die uns nicht einen Gefallen tut in bezug auf ihren Aufbau und die Ausgestaltung der Sinnesbilder, sondern die uns zwingt, das Sinnesbild, das wir uns machen, so zu gestalten, wie es durch den Eindruck der äußeren Welt ist. So unabhängig wie der Mensch ist bei der Herstellung seiner Sinnesbilder von der äußeren Welt, so unabhängig muß er von sich selber sein, von seinen eigenen persönlichen Sympathien und Antipathien, wenn sich die Bilder der astralischen Welt richtig gestalten sollen. Es muß sozusagen für ihn ganz ohne Ausschlag sein, was er wünscht, begehrt und so weiter. Das letzte Mal habe ich Ihnen gesagt, die Forderung, die hiermit gestellt ist, ließe sich so formulieren: Man muß unegoistisch sein. Man darf sie aber nicht leichter Hand hinnehmen. Es ist nicht so leicht, unegoistisch zu sein.
[ 22 ] Nun muß man aber folgendes bedenken: Wie verschieden ist unser Interesse für das, was uns von außen entgegenscheint, gegenüber dem, was uns von innen entgegentritt? Ungeheuer viel größer ist das Interesse, das der Mensch seinem Innenleben entgegenbringt, als der Welt draußen. Zwar wissen Sie, daß sich für viele Menschen auch die Außenwelt, wenn sie sie ins Bild verwandelt haben, zuweilen nach ihren subjektiven Gefühlen richtet. Denn Sie wissen, daß die Leute oft das Blaue vom Himmel herunter erzählen, selbst wenn sie nicht lügen und das glauben, was sie da erzählen. Da spielen immer Sympathie und Antipathie mit, die täuschen hinweg über das, was wirklich von außen gegeben ist, und lassen es im nachherigen Bilde verändert erscheinen. Aber das sind die Ausnahmefälle, darf man sagen, denn der Mensch käme nicht weit, wenn er sich im alltäglichen Leben selbst etwas vortäuschen würde. Es würde überall etwas nicht stimmen mit dem äußeren Leben; aber es würde ihm nichts helfen, er muß ‚sich die Wahrheit gestehen gegenüber der Außenwelt, die Wirklichkeit korrigiert ihn. So ist es mit den gewöhnlichen Sinneserlebnissen, da ist die äußere Wirklichkeit eben ein guter Regulator. Der fällt aber in dieser Form weg, wenn wir anfangen innere Erlebnisse zu haben. Da kann der Mensch sozusagen die äußere Wirklichkeit nicht so leicht auf sich den korrigierenden Eindruck machen lassen. Da läßt er deshalb sein Interesse walten, läßt seine Sympathie und Antipathie geltend sein.
[ 23 ] So müssen wir uns denn sagen: Das ist die Hauptsache, worauf es ankommt, wenn wir daran denken, ein wenig in die geistige Welt hineinzukommen: daß wir vor allen Dingen lernen, uns selber so gleichgültig gegenüberzustehen, wie wir der Außenwelt gegenüberstehen. In der alten Pythagoräerschule wurde diese Wahrheit in einer strengen Weise formuliert, und zwar gleich für einen wichtigen Fall menschlicher Erkenntnis: für die Unsterblichkeitsfrage. Sehen Sie sich einmal um, wie viele Menschen es gibt, die an der Unsterblichkeitsfrage interessiert sind! Es ist das Gewöhnliche im Leben, daß der Mensch sich sehnt nach Unsterblichkeit, nach einem Leben außerhalb von Geburt und Tod. Das ist aber eine persönliche Interessiertheit, eine persönliche Sehnsucht. Es wird Sie verhältnismäßig wenig interessieren, wenn Sie ein Wasserglas zerbrechen, aber wenn die Menschen ein persönliches Interesse hätten an dem Fortbestehen eines Wasserglases, auch wenn es zerbrochen würde, so wie sie Interesse haben an der Unsterblichkeit der Menschenseele, dann können Sie sicher sein, würden die meisten Menschen auch glauben an die Unsterblichkeit eines Wasserglases.
[ 24 ] Deshalb formulierte man die angegebene Forderung in der Pythagoräerschule in der folgenden Weise: Reif, um die Wahrheit von der Unsterblichkeit zu erkennen, ist nur der, welcher es auch ertragen könnte, wenn das Gegenteil wahr wäre, der es auch ertragen könnte, wenn die Frage nach der Unsterblichkeit mit Nein beantwortet würde. Wenn man selber in der geistigen Welt etwas ausmachen will über die Unsterblichkeit, so sagten die Lehrer der alten Pythagoräerschulen, dann darf man sich nicht sehnen nach der Unsterblichkeit, denn solange man sich sehnt, ist das, was man sagt, nicht objektiv. Und alle maßgebenden Urteile über das Leben jenseits von Geburt und Tod können nur von denen kommen, die sich ruhig ins Grab legen könnten, wenn es auch keine Unsterblichkeit gäbe. Das wurde den Schülern der alten Pythagoräerschulen deshalb gesagt, weil ihnen klargemacht werden sollte, wie schwierig es ist, sich für irgendeine Wahrheit reif zu machen.
[ 25 ] Für eine Wahrheit reif sein, um sie von sich selbst aus zu behaupten, dazu gehört eine ganz bestimmte Vorbereitung, die darinnen bestehen muß, ganz uninteressiert für die betreffende Wahrheit zu sein. Nun kann man gerade in bezug auf die Unsterblichkeit sagen: Das ist ganz und gar unmöglich, daß es viele Menschen gibt, die uninteressiert wären an der Unsterblichkeit; viele Menschen können es gar nicht sein! — Die nicht uninteressiert sind, das sind dann die, zu denen gesprochen wird über die Wiederverkörperung und das Ewige des Menschendaseins — trotzdem sie nicht uninteressiert sind. Die Wahrheit aufnehmen und sie gebrauchen, um etwas zu haben für ihr Leben, das können alle, auch jene, welche sie nicht selber zu behaupten haben. Das ist kein Grund, die Wahrheit nicht aufzunehmen, weil man sich nicht reif fühlt. Im Gegenteil, vollkommen genügend ist es für das, was man zum Leben braucht, wenn man die Wahrheit empfängt und das Leben in ihren Dienst stellt.
[ 26 ] Was aber ist das notwendige Gegenbild des Aufnehmens von Wahrheiten? Man kann sie ruhig aufnehmen, auch wenn man nicht reif ist. Das notwendige Gegenbild aber dazu besteht darin: in demselben Maße, in dem man lechzt nach Wahrheit, um die Ruhe und Befriedigung, um die Sicherheit im Leben zu haben, in demselben Maße sich reif zu machen für die Wahrheit, und daß man zu gleicher Zeit sorgfältig ist in dem eigenen Feststellen höherer Wahrheiten, solcher Wahrheiten, die nur in der geistigen Welt ausgemacht werden können.
[ 27 ] Daraus ergibt sich aber ein wichtiger Grundsatz für unser spirituelles Leben. Man nehme empfänglich alles hin, was man braucht, wende es im Leben an; aber man sei so mißtrauisch wie möglich gegenüber dem eigenen Feststellen von Wahrheiten, zunächst für die eigenen astralischen Erlebnisse. Das begründet, daß man sich vor allen Dingen vor einem hüte: diese astralischen Erlebnisse da irgendwie anzuwenden, wo man auf einem Punkt steht, an dem man gar nicht uninteressiert sein kann, nämlich wo man an dem Punkt steht, wo das eigene Leben in Betracht kommt. Nehmen wir einmal an, es sei jemand durch seine astralische Entwickelung dazu reif, irgend etwas auszumachen, was morgen sein Schicksal ist, was er morgen erlebt. Das ist ein persönliches Erlebnis. Da hüte er sich davor, in dem Buche seines persönlichen Lebens nachzuforschen; denn da kann er gar nicht uninteressiert sein. Es könnten zum Beispiel die Menschen leicht sagen: Warum eigentlich erforschen die Hellseher nicht den Zeitpunkt ihres eigenen Todes ganz genau? - Aus dem Grunde tun sie es nicht, weil sie daran nie ganz uninteressiert sein können und alles fernhalten müssen, was sich auf die eigene Person bezieht. Alles, was sich nicht auf die eigene Person bezieht, und nur das, von dem man sicher sein kann, daß es sich nicht auf die eigene Person bezieht, ist so in den geistigen Welten zu erforschen, daß in den Ergebnissen objektive Gültigkeit liegt. Es geht gar nicht, objektiv Gültiges auszusprechen, wo man persönlich interessiert ist. Wer sich daher darauf beschränken will, das objektiv Gültige hinzustellen, das, was gilt ohne sein eigenes Interesse, der kann gar nicht aus Forschungen, aus Eindrükken einer höheren Welt über irgend etwas sprechen, was ihn selbst betrifft. Er müßte, wenn es solche Dinge gibt, die ihn selbst betreffen, ganz sicher sein, daß er diese Dinge nicht durch seine Interessen herbeigeführt hat. Das aber zu erforschen, ob man irgend etwas, was einen selbst betrifft, durch die eigenen Interessen etwa herbeigeführt habe, das ist bei solchen Dingen außerordentlich schwer.
[ 28 ] So sehen Sie, daß es für den Anfang alles Strebens in die geistige Welt hinein einen Grundsatz geben muß: Man versuche nichts für maßßgebend zu halten, was sich auf die eigene Persönlichkeit bezieht. Man schließe die eigene Persönlichkeit ganz aus. Und dann brauche ich nur noch hinzuzufügen, daß dieses Ausschließen der eigenen Persönlichkeit eben außerordentlich schwierig ist und daß man oft glaubt, diese eigene Persönlichkeit ausgeschlossen zu haben - und es durchaus noch nicht getan hat! Deshalb sind auch die meisten der astralischen Bilder, die für diesen oder jenen Menschen herbeigeführt sind, nichts weiter als eine Art von Widerspiegelung ihrer eigenen Wünsche und eigenen Leidenschaften. Solange man stark genug ist im Geistigen selber, um sich zu sagen: Du mußt mißtrauisch sein gegen deine eigenen geistigen Erlebnisse! - so lange schaden diese geistigen Erlebnisse absolut nichts. Von dem Augenblicke erst, wo man diese Stärke nicht besitzt, wo man seine Erlebnisse für maßgeblich erklärt für sein Leben, fängt man an, unorientiert zu sein. Das ist dann gerade so, wie wenn man in einem Zimmer glauben wollte dort hinauszukommen, wo keine Tür ist, und mit dem Kopf gegen die Wand rennen wollte. Daher muß man sich immer den Grundsatz vorhalten: Mit der Prüfung dessen, was man selbst übersinnlich erlebt, im höchsten Grade vorsichtig zu sein. Und es herrscht diese Vorsicht dann eigentlich vollauf, wenn man solchen eigenen Erlebnissen keinen anderen Wert beimißt als einen Erkenntniswert, als einen Aufklärungswert, wenn man sich nicht in seinem persönlichen Leben nach ihnen richtet, sondern sich von ihnen nur aufklären läßt. Wenn man schon mit diesem Gefühl herangeht: Du willst nur aufgeklärt sein! - dann ist es gut, denn dann steht man so, daß man in dem Augenblick, wo eine entgegengesetzte Vorstellung eintreten kann, sie auch korrigiert.
[ 29 ] Alles, was ich heute gesagt habe, wird ja nur einen Teil bilden von mancherlei Betrachtungen, die wir in diesem Winter anstellen werden. Aber ich wollte damit etwas sagen, was Sie vorbereiten kann, um in eine Betrachtung des menschlichen Seelenlebens einzutreten, die uns in der Woche nach der Generalversammlung beschäftigen wird: die Betrachtungen über Psychosophie.
