Exkurse in das Gebiet
des Markus-Evangeliums
GA 124
16 Januar 1911, Berlin
Sechster Vortrag
[ 1 ] Wenn Sie im Markus-Evangelium von denjenigen Stellen an, die wir das letzte Mal bei Besprechung dieses Evangeliums zu erklären versuchten, weiter lesen, so kommen Sie an eine bedeutungsvolle Stelle, die allerdings ähnlich ist den Ausführungen der andern Evangelien, deren volle Bedeutung aber doch am besten am Markus-Evangelium betrachtet werden kann. Diese Stelle bezieht sich darauf, daß der Christus Jesus, nachdem er die Jordantaufe, die Erlebnisse in der Wüste durchgemacht hatte, dann, wie man sagt, in die Synagoge ging und lehrte.
[ 2 ] Gewöhnlich wird diese Stelle ja so übersetzt: «Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte gewaltiglich und nicht wie die Schriftgelehrten.» Was ist dieser Satz für einen heutigen modernen Menschen — und wenn er noch so bibelgläubig ist — mehr als ein, man möchte sagen, ziemlich abstraktes Wort: «denn er lehrte gewaltiglich und nicht wie die Schriftgelehrten»? Wenn wir nur den griechischen Text nehmen, finden wir für dasjenige Wort, welches in der modernen Sprache einfach übersetzt wird mit «denn er lehrte gewaltiglich» das Wort:
ὴν γαρ διδἁσχῳv αὐτοὐς ώς ἐξουαίχν ἕχων, χαὶ οὐχ ώç οί γραμματῑç
(ēn gar didamaskōn autous hōs exusiān echōn, kai ouch hōs hoi grammateis) «und nicht wie die Schriftgelehrten».
[ 3 ] Wenn wir nun in den Sinn dieser bedeutungsvollen Stelle eindringen wollen, wird uns das wieder ein Stück hineinführen in das, was wir nennen können die Geheimnisse von der Sendung des Christus Jesus. Denn ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, daß die Evangelien, geradeso wie die andern Schriften, die wirklich dem inspirierten Gebiet entstammen, nicht so einfach zu verstehen sind, sondern daß man im Grunde genommen zu ihrem Verständnis alles zusammenhalten muß, was wir im Laufe vieler Jahre jetzt zusammengetragen haben an Vorstellungen, an Ideen über die geistigen Welten. Und nur solche Vorstellungen können uns einführen in das, was gemeint ist, wenn im Evangelium gesagt wird: denn er lehrte die, welche da in den Synagogen saßen, wie ein «Exusiai», wie eine Gewalt, wie eine Offenbarung, und nicht wie diejenigen, die hier mit dem Ausdruck γραμματῑç (grammateis) bezeichnet werden.
[ 4 ] Wenn wir eine solche Stelle verstehen wollen, müssen wir uns an alles erinnern, was wir über die höheren, übersinnlichen Welten im Laufe der Zeiten in uns aufgenommen haben. Da haben wir in uns aufgenommen, daß der Mensch, wie er innerhalb unserer Welt lebt, sozusagen das unterste Glied einer hierarchischen Ordnung ist, daß wir also den Menschen an die unterste Stufenleiter einer hierarchischen Ordnung zu setzen haben. Dann schließt sich an den Menschen die übersinnliche Welt. In dieser finden wir zunächst, was wir nach der christlichen Esoterik die Angeloi oder Engel nennen, die ersten über dem Menschen stehenden übersinnlichen Wesenheiten, die auf sein Leben Einfluß haben; danach kommen die Archangeloi oder Erzengel, dann die Archai oder Geister der Persönlichkeit; darauf folgen die Exusiai, Dynamis und Kyriotetes, und dann haben wir die Throne, Cherubim und Seraphim. Auf diese Weise haben wir eine hierarchische Ordnung von neun übereinanderstehenden Wesensformen über den Menschen hinauf zu verzeichnen. Und nun wollen wir uns einmal klarmachen, wie in unser Leben diese verschiedenen geistigen, übersinnlichen Wesenheiten eingreifen.
[ 5 ] Die Angeloi sind diejenigen Wesenheiten, die zunächst als die Boten der übersinnlichen Welt dem einzelnen Menschen, wie er auf unserer Erde lebt, am allernächsten stehen. Sie sind die Wesenheiten, die immerhin einen Einfluß haben auf das, was wir das Schicksal eines einzelnen individuellen Menschen auf unserem physischen Plan nennen können. Sobald wir dagegen zu den Archangeloi kommen, sprechen wir von geistigen Wesenheiten, die sozusagen schon einen weiteren Kreis von Tätigkeiten umspannen. Da sprechen wir von Wesenheiten, die wir auch bezeichnen können als Volksgeister, die also die Angelegenheiten ganzer Völkerverbände ordnen und lenken. Wenn der heutige moderne Mensch von einem Volksgeist spricht, so meint er — darauf habe ich schon oft aufmerksam gemacht — soundsoviele Tausende von Menschen, welche er rein der Zahl nach als auf einem Territorium lebend anführt. Wenn wir aber geisteswissenschaftlich von einem Volksgeist reden, so meinen wir die Volks-Individualität, und wir sind uns klar, daß wir nicht die Zahl so oder so vieler Menschen im Auge haben, sondern eine wirkliche Individualität, wie wir bei einem einzelnen Menschen von einer Individualität reden. Und wenn wir von der geistigen Leitung einer ganzen Volks-Individualität sprechen, so bezeichnen wir als die geistigen Leiter einer solchen Volks-Individualität die Erzengel, die Archangeloi. Sprechen wir also von diesen höheren Wesenheiten, so sprechen wir als von wirklichen, übersinnlichen Geschöpfen, die ihre Wirkungskreise haben. Bei den Archai oder den Geistern der Persönlichkeit, auch den Urbeginnen, sprechen wir von denjenigen geistigen Wesenheiten, die wieder verschieden sind von den bloßen Volksgeistern. Sprechen wir zum Beispiel von dem französischen, dem englischen, dem deutschen Volksgeist und so weiter, so sprechen wir sozusagen von etwas, was auf verschiedene Erdgebiete verteilt ist. Aber es gibt etwas, was allen Menschen, wenigstens allen westlichen Völkern heute gemeinschaftlich ist und worinnen sich diese Völker verstehen. Das können wir im Gegensatz zu den einzelnen Volksgeistern als den Zeitgeist bezeichnen, und wir müssen sprechen von einem andern Zeitgeist für das Zeitalter der Reformation und von einem andern in unserer Zeit. Über den einzelnen Volksgeistern stehen also diejenigen geistigen Wesenheiten, die wir als Zeitgeister bezeichnen, und im wesentlichen sind diese Leiter der aufeinanderfolgenden Epochen die Archai. Sie sind zu gleicher Zeit Zeitgeister.
[ 6 ] Kommen wir noch höher hinauf zu den Exusiai, so haben wir es im wesentlichen zu tun mit ganz anders gearteten übersinnlichen Mächten. Um uns eine Vorstellung davon zu machen, wie sich die Wesenheiten höherer Hierarchien zunächst von den drei eben charakterisierten, Angeloi, Archangeloi, Archai, unterscheiden, wollen wir daran denken, daß der Angehörige irgendeines Volkes doch im wesentlichen heute in bezug auf die äußere physische Konstitution, sagen wir in bezug auf das, was er ißt und trinkt, dem Angehörigen irgendeines anderen Volkes doch sehr ähnlich ist. Wir können nicht sagen, daß das, was über das Seelisch-Geistige hinausgeht, die Völker voneinander unterscheidet. Aber auch die aufeinanderfolgenden Zeitepochen sind noch so, daß wir sagen können: Die lenkenden geistigen Wesenheiten beziehen sich nur auf das, was das Geistig-Seelische ist. Der Mensch ist aber nicht nur abhängig von dem Geistig-Seelischen. Was Geistig-Seelisches ist, hat im wesentlichen Einfluß auf den menschlichen Astralleib. Aber es gibt im Menschen auch dichtere Wesensglieder. Dieselben unterscheiden sich in bezug auf das, was Archai, Archangeloi und Angeloi zu tun haben, nicht sehr wesentlich voneinander. Aber auf diese dichteren menschlichen Wesensglieder haben schöpferischen Einfluß, in bezug auf sie sind schöpferisch tätig diejenigen Wesenheiten, die mit den Exusiai nach aufwärts anfangen. Sprache, Zeitideen verdanken wir den Zeitgeistern, den Volksgeistern, den Archai, den Archangeloi. Aber in bezug auf die menschliche Wesenheit hat auch Einfluß, was in Licht und Luft lebt, in dem Klima einer bestimmten Gegend. Eine andere Menschheit gedeiht unter dem Äquator, eine andere in den Gegenden, die mehr dem Nordpol zu gelegen sind. Wir wollen allerdings dem Ausspruch, den ein deutscher Philosophie-Professor in einem sehr verbreiteten Buch getan hat, nicht gerade beistimmen: Die wesentlichsten Kulturen mußten sich in der gemäßigten Zone entwickeln; denn alle diejenigen Wesenheiten, welche die wesentlichsten Kulturen hervorgebracht haben, würden am Nordpol erfrieren und am Südpol verbrennen! — Aber wir können doch sagen: In den verschiedenen Klimaten sehen wir, wie verschieden die Ernährung und so weiter auf den Menschen wirkt. Es ist keineswegs gleichgültig für den Volkscharakter, wie die äußeren Verhältnisse sind, ob der Mensch zum Beispiel in Gebirgstälern oder in der weiten Ebene lebt. Da sehen wir, wie die Naturkräfte hereinwirken in die ganze menschliche Konstitution. Und da wir durch die Geisteswissenschaft wissen, daß wir in den Naturkräften nichts anderes zu sehen haben als das Auswirken derjenigen Wesenheiten, die geistiger, übersinnlicher Art sind, so müssen wir sagen: In den Naturmächten wirken geistige, übersinnliche Mächte, die gerade durch die Naturkräfte auf den Menschen hereinwirken. Deshalb können wir uns zwischen Archai und Exusiai eine Trennung in der Art denken, daß wir sagen: Angeloi, Archangeloi und Archai wirken auf den Menschen so, daß sie zu ihrem Wirken noch nicht die Naturkräfte benutzen, sondern sie benutzen nur das, was geistig-seelisch auf den Menschen einwirkt, also Sprache, Zeitideen und so weiter. Ihre Wirksamkeit ergreift nicht die niederen Glieder seiner Organisation, weder den Ätherleib noch den physischen Leib. Dagegen haben wir von den Exusiai nach aufwärts diejenigen Wesenheiten, die auf den Menschen wirken, die aber auch in den Naturkräften draußen wirken, die die Leiter und Lenker sind von Luft und Licht, von den verschiedenen Arten, wie die Ernährungsstoffe verarbeitet werden in den Reichen der Natur. Sie sind es, die diesen Reichen der Natur vorstehen. Was wir haben in Blitz und Donner, in Regen und Sonnenschein, wie in der einen Gegend diese oder jene Sorte von Ernährungsstoffen wächst, kurz die ganze Verteilung und Ordnung der irdischen Verhältnisse, schreiben wir geistigen Wesenheiten zu, die wir unter den Wesenheiten der höheren Hierarchien suchen. Blicken wir also zu den Exusiai auf, so sehen wir ihre Ergebnisse nicht bloß in jenen unsichtbaren Auswirkungen, die zum Beispiel die Offenbarungen des Zeitgeistes sind, sondern wir sehen in den Exusiai dasjenige, was als Licht auf uns wirkt, was aber als Licht auch auf die Pflanzen wirkt.
[ 7 ] Betrachten wir nun das, was den Menschen als Kultur gegeben wird, als dasjenige, was sie zu lernen haben, um weiterzukommen. Da wird einem jeden Menschen in seiner Epoche das gegeben, was diese Epoche selbst erzeugt, aber auch alles, was die früheren Epochen miterzeugt haben in einer gewissen Weise. Nur das kann geschichtlich, historisch aufbewahrt werden, kann Gegenstand des geschichtlichen Lehrens und Lernens werden, was von den untersten Hierarchien herrührt, die bis zum Zeitgeist hinaufgehen. Was dagegen herausströmt aus den Reichen der Natur selber, das kann nicht aufbewahrt werden in Überlieferungen und Traditionen. Diejenigen jedoch, welche in die übersinnlichen Welten eindringen können, sie dringen durch ihr übersinnliches Erkenntnisvermögen auch hinter den Zeitgeist zu noch höheren Offenbarungen. Solche Offenbarungen nehmen sich dann als etwas aus, was jenseits des Zeitgeistes ist, was mehr Gewicht hat als das, was vom Zeitgeist stammt, was in einer ganz eigentümlichen Art auf die Menschen wirkt. Jeder gesunde Mensch sollte wirklich einmal ernstlich Einkehr halten und sich fragen: Was wirkt auf meine Seele mehr: was ich lernen kann aus den Überlieferungen der einzelnen Völker und Zeitgeister, aus der historischen Überlieferung seit den geschichtlichen Zeiten — oder ein herrlicher Sonnenaufgang, das heißt, die Manifestation der Natur selber, der übersinnlichen Welten? -— Denn der Mensch kann sich bewußt werden, daß ein Sonnenaufgang mit all seiner Größe und Gewalt in der Seele unendlich viel mehr auslösen kann als alle Wissenschaft, als alle Gelehrsamkeit und Kunst zu allen Zeiten. Was überhaupt die Natur offenbart, das kann insbesondere der empfinden, der etwa einmal eine Reise gemacht hat durch die Galerien Italiens, der alles gesehen hat, was erhalten ist von Michelangelo, von Leonardo da Vinci, Raffael und so weiter, und mit aller Gewalt hat auf sich wirken lassen, und der dann irgendeinen der Schweizer Berge besteigt und sich ein Naturschauspiel ansieht. Da fragt man sich: Wer ist ein größerer Maler: Raffael, Leonardo da Vinci — oder diejenigen Mächte, welche den Sonnenaufgang malen, den man vom Rigi aus beobachten kann? — Und man wird sich sagen müssen: So sehr wir auch bewundern, was jemals Menschen geleistet haben das, was sich uns darstellt als die geistig-göttliche Offenbarung der geistigen Mächte, das erscheint uns dennoch als das Größere.
[ 8 ] Wenn uns nun aber diejenigen geistigen Führer der Menschheit erscheinen, die wir die Eingeweihten nennen und die nicht aus den Überlieferungen heraus sprechen, sondern auf ursprüngliche Art, dann ist ihre Offenbarung etwas wie die Offenbarung der Natur selbst. Aber was wie ein Sonnenaufgang wirken kann, das kann nimmermehr so wirken, wenn es andere bloß nachsagen. Was wir in der Überlieferung von Moses, von Zarathustra erhalten haben - wenn es Überlieferung ist, wenn es so mitgeteilt ist, wie es die äußere Kultur, die Zeitgeister und Volksgeister aufbewahrt haben, und nun mitgeteilt wird, dann wirkt die Natur dagegen als das Größere. Denn so groß wie die Natur hat es bei den Moses- und Zarathustra-Offenbarungen nur gewirkt, als diese unmittelbar aus dem Erleben der übersinnlichen Welten selber hervorquollen. Das ist das Gewaltige der ursprünglichen Menschheitsoffenbarungen, daß sie herandringen wie das, was die Natur selber zu offenbaren hat. Das aber beginnt erst, wenn wir als unterste Hierarchie in den Naturgewalten ahnen die Exusiai.
[ 9 ] Was erlebten nun die, welche in den Synagogen zusammensaßen, als der Christus Jesus unter sie trat? Sie hatten bisher erlebt, daß gelehrt hatten die «Grammatiker», die, welche kannten, was die Zeitgeister, die Volksgeister und so weiter mitgeteilt hatten. Das war man gewohnt. Jetzt kam einer, der nicht lehrte wie diese, sondern so, daß seine Worte eine Offenbarung waren des Reiches der übersinnlichen Mächte in der Natur selber, oder von Donner oder Blitz. Wenn wir also wissen, wie die Hierarchien nach oben wachsen, dann verstehen wir ein solches Wort des Evangeliums und nehmen es in seiner ganzen Tiefe. Das müssen wir fühlen gegenüber einem solchen Wort des Markus-Evangeliums.
[ 10 ] Allerdings bei denjenigen Werken der Menschen, die so bleiben wie Raffaels, Leonardo da Vincis Werke und so weiter, kann der, welcher ein Gefühl für das Übersinnliche hat, das dahinter steht, auch noch im spätest gebliebenen Werke fühlen, was ursprünglich geoffenbart worden war. Daher können in der Tat die großen Kunstwerke, die großen Geisteswerke wie ein Nachklang der ersten Werke wirken. Und wenn es uns gelingt, das zu sehen, was zum Beispiel Raffael in seine Werke hineinzulegen verstand, wenn es uns gelingt, Zarathustras Werk wieder zu beleben, dann können wir so etwas von dem hören, was in den Exusiai zu uns dringt.
[ 11 ] Aber durch das, was in den Synagogen die Schriftgelehrten mitteilten, das heißt die, welche das aufgenommen hatten, was von Volksgeistern und Zeitgeistern stammte, konnte man nichts hören, was irgendwie anklingen mochte an die Offenbarungen der Natur selber. Daher dürfen wir sagen: Es soll uns in einem solchen Satze angedeutet werden, daß die Menschen in jenen Tagen anfingen zu fühlen und zu empfinden, daß etwas völlig Neues zu ihnen sprach; daß durch diesen Menschen, der da zu ihnen kam, sich etwas offenbarte, was wie eine Naturmacht selber war, wie eine der übersinnlichen Mächte, die hinter den Naturerscheinungen stehen. Die Menschen fingen allmählich an zu ahnen, was eigentlich in den Jesus von Nazareth eingezogen war, was durch die Johannes-Taufe symbolisiert wird. Im Grunde genommen waren sie nicht einmal besonders weit, die da in den Synagogen sagen konnten: Er redet so, daß man empfindet, wie wenn die Exusiai sprechen würden, nicht bloß die Archai, die Zeitgeister, oder die Volksgeister.
[ 12 ] Erst wenn es gelingt, dasjenige, was heute so ganz in Abstraktionen ausgeflossen ist, so ganz dünn geworden ist in den modernen Evangelien-Übersetzungen, wieder vollsaftig und inhaltsvoll zu machen durch das, was wir in der Geisteswissenschaft in uns aufgenommen haben, erst dann werden wir verstehen, wieviel dazu gehört, um wirklich zu durchdringen, was in den Evangelien steht. Es werden Generationen dazu gehören, um nur annähernd alle Tiefen auszuforschen, die unser heutiges Zeitalter schon ahnen kann. Manches wird erst in der Zukunft aus den Evangelien erforscht werden können.
[ 13 ] Was insbesondere der Schreiber des Markus-Evangeliums darstellen wollte, war im Grunde genommen eine weitere Ausführung dessen, was derjenige lehren durfte, welcher als einer der Allerersten durch unmittelbares übersinnliches Erkennen selber die Natur und Wesenheit des Christus begriffen hat -— nämlich was Paulus lehren konnte. Nun hat man zu verstehen, was eigentlich Paulus alles lernte, was er alles in sich aufnahm durch die Offenbarung von Damaskus. Wenn dieses Ereignis uns auch in der Bibel als eine ganz plötzliche Erleuchtung geschildert wird, so weiß doch der, welcher eine solche Tatsache der Erleuchtung in ihrer wahren Wirklichkeit kennt, wie sie sich jederzeit vollziehen kann für den, der in die Gebiete der geistigen Welt hinaufsteigen will, und wie ein solcher durch alles, was er erlebt, ein ganz anderer Mensch wird. Bei Paulus wird es in der Tat hinlänglich geschildert, wie er ein ganz anderer Mensch durch die Offenbarung von Damaskus geworden ist.
[ 14 ] Nun wissen Sie auch schon aus einer sehr wenig tiefgehenden Darstellung der Evangelien und der Paulus-Briefe, daß Paulus in dem Christus-Ereignis, in dem Ereignis von Golgatha den Mittelpunkt unserer ganzen Menschheitsentwickelung sieht, daß er dieses Ereignis unmittelbar anknüpft an jenes Ereignis, das in der Bibel ausgedrückt wird als erstes Menschwerden mit Adam, so daß Paulus etwa sagen will: Was wir als den geistigen Menschen zu bezeichnen haben, als den eigentlichen, wirklichen Menschen, von dem in Maya auch nur eine Maya vorhanden ist, der ist zur Illusion und zu alledem, was er im Fleische in den aufeinanderfolgenden Inkarnationen werden mußte, einmal, wie wir sagen, in der alten lemurischen Zeit herabgestiegen, wurde also ein Mensch, wie er sich darstellte durch die lemurische und atlantische Zeit und die nachatlantische Zeit bis zum Christus-Ereignis. Dann kam das Ereignis von Golgatha.
[ 15 ] So stand die Sache für Paulus nach seiner Vision bei Damaskus fest. In dem Ereignis von Golgatha war etwas gegeben, was zunächst ganz gleichbedeutend ist mit dem Heruntersteigen des Menschen in das Fleisch. Denn es war damit der Impuls gegeben, nach und nach diejenigen Formen des irdischen Daseins zu überwinden, die der Mensch dazumal durch Adam angetreten hatte. Daher nennt Paulus den Menschen, der in dem Christus erschienen ist, den neuen Adam, den jeder Mensch durch die Verbindung mit dem Christus anziehen kann.
[ 16 ] So haben wir wirklich zu sehen den allmählichen Abstieg des Menschen in die Materie hinein — ob man es nun als Adam bezeichnet oder sonstwie —- von dem lemurischen Menschen bis zum vorchristlichen Menschen, und dann wieder die Kraft und den Impuls aufwärts, so daß der Mensch mit allen Erdenerfahrungen, mit allem, was ihm auf der Erde werden kann, zu dem ursprünglichen geistigen Zustand zurückkommen kann, in welchem er sich befand, bevor er heruntergestiegen war. Man darf nun, wenn man den eigentlichen Sinn der Entwickelung nicht mißverstehen will, nicht etwa fragen: Hätte man denn dem Menschen nicht den Herunterstieg ersparen können? Warum mußte sich der Mensch inkarnieren und durch die verschiedenen Inkarnationen durchgehen, um dann wieder heraufzusteigen und dasselbe zu haben, was er vorher gehabt hat? - Das könnte nur einem völligen Mißverstehen des eigentlichen Geistes der Entwickelung entspringen. Denn der Mensch nimmt alles an Früchten und Erfahrungen mit aus der Erdenentwickelung und ist bereichert mit dem Inhalt der Inkarnationen. Das ist ein Inhalt, den er vorher nicht gehabt hat.
[ 17 ] Denken Sie sich hypothetisch den Menschen heruntersteigend durch die erste Inkarnation: da lernt er; er lernt durch die zweite Inkarnation, und so fort durch alle Inkarnationen. Die verlaufen so, daß sie zuerst heruntersteigend, absteigend sind: der Mensch verstrickt sich immer mehr und mehr in die physische Welt. Dann beginnt er wieder aufzusteigen und kann so weit aufsteigen, als er den Christus-Impuls aufnimmt. Er wird einst wieder hinaufkommen in die geistige Welt, hat dann aber mitgenommen, was er auf der Erde gewinnen konnte.
[ 18 ] So sieht Paulus in dem Christus wirklich den Mittelpunkt der ganzen Erdenentwickelung des Menschen, was dem Menschen den Impuls gibt, hinaufzusteigen in die übersinnliche Welt, bereichert mit allen Erdenerfahrungen.
[ 19 ] Wie sieht nun Paulus von diesem Gesichtspunkte aus das Golgatha-Opfer an, die eigentliche Kreuzigung? - Es ist etwas schwierig, diese Tatsache des Golgatha-Opfers, diese wesentlichste Tatsache der Menschheitsentwickelung genau vor moderne Begriffe zu bringen im Sinne des Paulus. Denn dieser Sinn ist auch der des Schreibers des Markus-Evangeliums. Da müssen wir uns einmal mit dem Gedanken bekanntmachen, daß in dem Menschen, wie er auch heute vor uns steht, ein Mikrokosmos, eine kleine Welt vorhanden ist, und wir müssen schon einmal alles studieren, was da in Betracht kommt.
[ 20 ] Wie der Mensch heute vor uns steht, wie er sich entwickelt zwischen Geburt und Tod in der einen Inkarnation, zeigt er uns zwei sehr voneinander verschiedene Entwickelungsglieder. Man unterscheidet sie nur gewöhnlich nicht, aber sie sind sehr, sehr voneinander zu unterscheiden. Ich habe - weil tatsächlich mehr, als man gewöhnlich denkt, unser ganzes geisteswissenschaftliches Streben systematisch aufgebaut ist — bereits verschiedentlich auf diese zwei voneinander grundverschiedenen Glieder des Menschen aufmerksam gemacht. Das eine kann man sehen in der Zeit der menschlichen Entwickelung, die zwischen der Geburt und dem Zeitpunkte liegt, bis zu dem sich der heutige moderne Mensch zurückerinnert in dem einzelnen individuellen Leben. Wenn Sie Ihre Erinnerungen zurückverfolgen, kommen Sie bis zu einem gewissen Punkt; weiter erinnern Sie sich nicht. Obwohl Sie auch vorher da waren und sich vielleicht von Ihren Eltern oder Geschwistern haben erzählen lassen, was Sie vorher getrieben haben, und daher auch manches davon wissen, so erinnern Sie sich doch nicht über einen gewissen Punkt zurück. Es reißt die normale Erinnerung mit einem gewissen Zeitpunkt ab. Der liegt im günstigsten Falle so um das dritte Lebensjahr herum. Vorher ist nun der Mensch ungemein regsam und eindrucksfähig. Was lernt man nicht alles in dieser Zeit, im ersten, zweiten, dritten Lebensjahr! Aber wie die Dinge Eindruck gemacht haben, dessen erinnert sich der heutige moderne Mensch ganz und gar nicht. — Dann beginnt die Zeit, durch welche sich der Faden der Ich-Erinnerung einfach glatt hindurchzieht.
[ 21 ] Diese zwei Entwickelungsglieder sollte man sehr wohl beachten, denn sie sind außerordentlich wichtig, wenn man den gesamten Menschen ins Auge fassen will. Man muß nun genau und ohne die Vorurteile der heutigen Wissenschaft die menschliche Entwickelung verfolgen. Die Tatsachen der Wissenschaft belegen und beweisen ja, was ich zu sagen habe; aber die Vorurteile der Wissenschaft darf man dabei nicht zu Rate ziehen, sonst könnte man Wege einschlagen, die von der Wahrheit sehr weit abirren. Wenn man also genau die Entwickelung des Menschen verfolgt, wird man sich sagen können: Wie der Mensch als Gesellschaftswesen, als eine soziale Individualität lebt, so kann er nur leben nach dem Zustande, der durch das bedingt ist, was er aufnimmt in jenen Faden der Erinnerung, der etwa vom dritten Jahre ab - im günstigsten Falle - fließt. Darinnen liegt alles, wovon man sich sagen kann: Es ist die Direktion des menschlichen bewußten Lebens; alle die Dinge, welche wir bewußterweise aufnehmen als Gesetze, nach denen wir uns richten als nachahmenswerten Impulsen und so weiter, alles das liegt darin. Was davor liegt, nehmen wir in einer gewissen Weise unbewußt auf für das Ich-Bewußtsein. Das reiht sich nicht ein dem Faden dessen, was wirklich unserem vollen ichbewußten Leben angehört. Es liegen also gewisse Jahre vor unserem ich-bewußten Leben, in denen die Umwelt in ganz anderer Weise auf uns wirkt als eben später.
[ 22 ] Der Unterschied ist ein ganz radikaler. Wenn wir das Kind vor dieser Zeit betrachten könnten, würde sich sofort zeigen, daß es vor dem Zeitpunkt, bis zu dem sich später der Mensch zurückerinnert, sich viel mehr in dem allgemeinen makrokosmischen geistigen Leben drinnen fühlt. Es sondert sich noch nicht heraus, isoliert sich noch nicht, rechnet sich vielmehr zu der ganzen Umgebung zugehörig, spricht sich sogar so an, wie die andern es ansprechen. Denn es sagt nicht «ich will», sondern «Karlchen will», und später erst lernt es sich als ein Ich ansprechen - woran neuere Kinderpsychologen herummäkeln, was aber nicht gegen die Wahrheit spricht, sondern nur gegen die Einsicht der betreffenden Psychologen. Das Kind fühlt sich in den ersten Jahren noch in der Umgebung, fühlt sich als ein Glied der ganzen Umgebung. Sich herauszuisolieren aus der Umgebung als selbständiges Wesen, damit beginnt der Mensch erst in dem Zeitpunkt, bis zu dem er sich dann später zurückerinnerrt.
[ 23 ] So werden wir also sagen können: Was der Mensch als Gesetze aufnehmen kann und was den Inhalt seines Bewußtseins bilden kann, das gehört dem zweiten Gliede seiner Entwickelung an von diesem charakterisierten Zeitpunkt ab. Dem ersten Entwickelungsgliede gehört ein ganz anderes Verhältnis zur Umwelt an, so daß man viel mehr darinnensteht und zusammenhängt mit der Umwelt - eine unmittelbare Korrespondenz mit ihr hat. Was eigentlich gesagt werden soll, das können Sie nur gut durchdenken, wenn Sie sich hypothetisch einmal vorstellen, daß dem Menschen jenes Bewußtsein, das im ersten Kindesalter diesen unmittelbaren Zusammenhang mit der Umwelt gibt, erhalten bliebe für die späteren Jahre. Da würde das menschliche Leben ganz anders verlaufen. Dann würde sich der Mensch nicht so isoliert fühlen, sondern er würde in späteren Jahren sich als ein Glied des gesamten Makrokosmos fühlen, er würde sich darinnen fühlen in der großen Welt. Das geht ihm verloren. Er hat keinen Zusammenhang später mit der großen Welt, glaubt sich isoliert dastehend. Wenn er ein Mensch des gewöhnlichen Lebens ist, kommt ihm diese Isolation nur abstrakt zum Bewußtsein. Da kommt sie ihm namentlich zum Bewußtsein, wenn er immer mehr die Egoismen ausbildet, wenn er immer mehr sich sozusagen in seiner Haut abschließen will. Wenig Geschulte glauben - was eigentlich ein vollständiger Unsinn ist -, daß man als Mensch nur in der Haut lebt. Denn in dem Augenblick, wo man ausgeatmet hat, ist doch die ganze eingeatmete Luft draußen, so daß wir also schon durch Ein- und Ausatmen fortwährend mit der ganzen Umwelt in Korrespondenz stehen. Es ist eine absolute Maya, wie sich der Mensch sich selbst als ein Wesen vorstellt. Aber sein Bewußtsein ist schon so geartet, daß er in dieser Maya leben muß. Er kann gar nicht anders. Denn Karma zu erleben, dazu sind die Menschen wirklich weder sehr geneigt noch auch ganz besonders reif in unserer Zeit. Wenn heute zum Beispiel jemandem die Fenster eingeschlagen werden, so empfindet er das, weil er sich als ein isoliertes Wesen fühlt, als einen ihm persönlich zugefügten Schaden und ärgert sich. Wenn er aber an Karma glauben würde, dann würde er sich zugehörig fühlen zu dem ganzen Makrokosmos und würde wissen, daß es ja richtig ist, daß wir eigentlich diejenigen sind, welche die Fenster eingeschlagen haben. Denn wir sind in Wahrheit dem ganzen Kosmos einverwoben. Es ist ein völliges Unding zu glauben, daß wir in unserer Haut eingeschlossen sind. Aber dieses Gefühl des Verbundenseins mit dem Makrokosmos hat nur noch das Kind in den ersten Jahren. Der Mensch verliert es von dem Zeitpunkt ab, bis zu dem er sich später zurückerinnerrt.
[ 24 ] Das war nicht immer so. In älteren Zeiten, die gar noch nicht so weit hinter uns zurückliegen, hatte der Mensch in der Tat bis zu einem gewissen Grade jenes Bewußtsein der ersten Kinderjahre hereinragen in seine spätere Zeit. Das war in den Zeiten des alten Hellsehens. Damit aber ist verbunden gewesen eine ganz andere Art des Denkens, sogar des Aussprechens der Tatsachen. Das ist eine Angelegenheit der Menschheitsentwickelung, die sich wohl der Geisteswissenschafter einmal ganz klarmachen müßte.
[ 25 ] Wenn heute ein Mensch in der Welt geboren wird, also unter uns auftritt, was ist er dann? — Für den heutigen Menschen ist er im wesentlichen der Sohn seines Vaters, der Sohn seiner Mutter zunächst. Und wenn er im bürgerlichen Leben nicht den Geburtsschein oder Taufschein hat, auf denen Vater und Mutter stehen, wonach man den Menschen identifizieren kann, so weiß man überhaupt nichts über den betreffenden Menschen und streitet ihm unter Umständen seine Existenz ab. Es ist also ein Mensch für das heutige Bewußtsein der Menschheit der physische Sohn seines Vaters, der physische Sohn seiner Mutter.
[ 26 ] So dachten die Menschen eines noch gar nicht weit zurückliegenden Zeitalters nicht. Aber weil die Wissenschafter und Forscher der Gegenwart nicht wissen, daß die Menschen früher anders dachten und in ihren Worten und Bezeichnungen ganz anderes darinnen hatten, kommen sie auch zu ganz anderen Auslegungen der alten Mitteilungen. Da wird uns zum Beispiel berichtet von einem griechischen Sänger, Orpheus. Ich erwähne ihn deshalb, weil er in einer gewissen Weise dem Zeitalter angehört, das dem christlichen unmittelbar voranging. Orpheus war der, welcher die griechischen Mysterien eingerichtet hat. Der griechische Zeitraum ist der vierte innerhalb unserer nachatlantischen Kultur, so daß gleichsam durch die Kultur des Orpheus vorbereitet wurde, was der Menschheit später durch das Christus-Ereignis gegeben worden ist. Für Griechenland ist also Orpheus dieser große Vorbereiter. Was würde nun ein moderner Mensch sagen, wenn ihm solch ein Mensch entgegentreten würde, wie Orpheus es war? Er würde sagen: Es ist der Sohn dieses Vaters und der Sohn jener Mutter -, ja die moderne Wissenschaft wird vielleicht sogar nach den vererbten Merkmalen forschen. Es gibt heute schon ein dickes Buch, das die sämtlichen vererbten Merkmale aus den Goetheschen Familien zeigt und so Goethe summieren möchte aus den vererbten Merkmalen. So hat man zur Zeit des Orpheus nicht gedacht, hat nicht als das Wesentliche den äußeren fleischlichen Menschen und dessen Eigenschaften angesehen, sondern man hat als das Wesentliche in Orpheus dasjenige angesehen, wodurch er der Inaugurator, der eigentliche Führer der vorchristlichen griechischen Kultur hat werden können, und man war sich klar, daß das, was als physisches Gehirn, als Nervensystem in ihm lebte, nicht das Wesentliche ist. Als wesentlich betrachtete man vielmehr, daß er in sich trug ein Element - in dem, was er erlebte —, das unmittelbar aus den übersinnlichen Welten herstammte und das sich dann durch ihn auf dem Schauplatz, der durch seine Persönlichkeit gegeben war, traf mit einem sinnlich-physischen Element. Der Grieche sah in der Persönlichkeit des Orpheus nicht das Fleischliche, das abstammt von Vater und Mutter, vielleicht auch von Großvater und Großmutter; das war ihm ziemlich unwesentlich, das war ihm nur der äußere Ausdruck, die Schale. Das Wesentliche war ihm, was abstammte von einem Übersinnlichen und zusammentraf mit einem Sinnlichen auf dem physischen Plan. Daher sagte sich der Grieche: Wenn ich den Orpheus vor mir habe, kommt das kaum in Betracht, daß er von einem Vater und einer Mutter abstammt; aber das kommt in Betracht, daß sein Seelenhaftes, wodurch er etwas geworden ist, abstammt von einem Übersinnlichen, das nie mit dem physischen Plan etwas zu tun gehabt hat, und daß auf dieses Übersinnliche in seiner Persönlichkeit durch das, was die Menschen schon damals waren, ein Sinnlich-Physisches einwirken und sich mit diesem Übersinnlichen verbinden konnte. Und weil die Griechen in Orpheus als Wesentliches ein rein übersinnliches Element sahen, deshalb sagten sie von ihm: er stammt ab von einer Muse. Er war der Sohn einer Muse, Kalliope; er war nicht etwa bloß der Sohn einer fleischlichen Mutter, sondern eines übersinnlichen Elementes, das nie einen Zusammenhang hatte mit dem Sinnlichen.
[ 27 ] Wäre er nun bloß der Sohn der Muse Kalliope gewesen, so hätte er nur zum Vorschein bringen können, was Kundgebung der übersinnlichen Welt war. Aber er war vermöge seines Zeitalters auch berufen, das zum Ausdruck zu bringen, was dem physischen Zeitalter dienen sollte. Daher war er nicht nur Sprachrohr für die Muse, für Kalliope, wie in früheren Zeiten die Rishis nur die Sprachrohre für die übersinnlichen Mächte waren, sondern er lebte das Übersinnliche so aus, daß Einfluß auf sein Ausleben die physische Welt hatte. Daher stammt er ab von seinem Vater Öagros, der ein thrakischer Flußgott war. Was Orpheus verkündete, war so auf der andern Seite verbunden und angepaßt dem Klima Griechenlands, dem, was da gab die äußere Natur Griechenlands, dem thrakischen Flußgott Öagros.
[ 28 ] Das zeigt uns also, wie das Wesentliche in Orpheus in dem gesehen wurde, was in seiner Seele lebte. Danach bezeichnete man früher die Menschen. Man bezeichnete sie nicht so, wie später, wo man sagte: Der ist der Sohn dieses oder jenes, oder: Er stammt aus dieser oder jener Stadt ab -; sondern man bezeichnete die Menschen nach ihrer geistigen Wertigkeit. An Orpheus ist es nun außerordentlich interessant zu sehen, wie intim das ganze Schicksal eines solchen Menschen empfunden wurde, der so auf der einen Seite von einer Muse abstammte, auf der andern Seite von einem thrakischen Flußgott. Ein solcher Mensch hatte nicht wie die alten Propheten bloß das Übersinnliche, sondern schon das Sinnliche aufgenommen. Er war schon ausgesetzt all den Einflüssen, welche die physisch-sinnliche Welt auf uns ausübt.
[ 29 ] Nun wissen wir, daß der Mensch aus verschiedenen Wesensgliedern besteht: aus dem untersten, dem physischen Leib, dann dem Ätherleib - von dem wir gesagt haben, daß er das andere Geschlecht in sich birgt -— und dann dem Astralleib und dem Ich. Ein solcher Mensch wie Orpheus sieht auf der einen Seite noch, weil er von einer Muse abstammt - Sie wissen jetzt, was das bedeutet -, in die geistige Welt hinein. Aber auf der andern Seite werden seine Fähigkeiten, in der geistigen Welt zu leben, untergraben, gerade durch das Leben auf dem physischen Plan, durch die Abstammung von dem Vater, von dem thrakischen Flußgott. Dadurch wird sein rein geistiges Leben untergraben. Bei allen früheren Führern der Menschheit in der zweiten und dritten nachatlantischen Kulturperiode, bei denen bloß vorhanden war ein Sprechen der übersinnlichen Welten durch sie, war es so, daß sie gewissermaßen ihren eigenen Ätherleib als etwas vom physischen Leib Getrenntes wahrnehmen konnten. Wenn in den Kulturen des alten Hellsehens, auch bei den Kelten noch, der Mensch etwas wahrnehmen sollte, was er seinen Mitmenschen zu offenbaren hatte, dann wurde ihm das dadurch geoffenbart, daß sein Ätherleib selber aus ihm heraustrat. Dieser Ätherleib war dann Träger derjenigen Kräfte, die sich zu ihm niedersenkten. Wenn nun die Verkünder Männer waren und also ihre Ätherleiber weiblich waren, so nahmen sie dasjenige, was ihnen etwas aus den geistigen Welten vermittelte, in weiblicher Gestalt wahr.
[ 30 ] Nun sollte dargestellt werden, daß Orpheus da, wo er rein mit den geistigen Mächten in Beziehung stand, weil er schon der Sohn des thrakischen Flußgottes war, der Möglichkeit ausgesetzt war, nicht halten zu können, was sich ihm durch seinen eigenen Ätherleib offenbarte. Und je mehr er sich einlebte in die physische Welt und zum Ausdruck brachte, was er war als Sohn des Landes, desto mehr kam ihm sein hellseherisches Vermögen abhanden. Das wird darin dargestellt, daß ihm entrissen wird durch den Biß einer Natter — das heißt durch das, was als Menschliches aus ihm kommt Eurydike, seine Offenbarerin, seine Seelenbraut, und entführt wird in die Unterwelt. Er sollte sie nur wiedererhalten durch eine Initiation, die er dann durchzumachen hatte. Überall, wo von einem Gang in die Unterwelt gesprochen wird, ist eine Initiation gemeint. So sollte er sich durch eine Initiation die Gattin wiedererringen. Aber er war schon zu stark verwoben mit der physischen Welt. Zwar erlangte er in der Tat die Fähigkeit, herunterzudringen in die Unterwelt, aber als er wieder heraufkam, als er wieder der Tagessonne ansichtig wurde, da entschwand ihm Eurydike. Warum? Weil er, als er die Tagessonne erblickte, etwas tat, was er nicht tun durfte: sich umschauen, zurückschauen. Das heißt, er übertrat ein Gebot, das ihm vom Gott der Unterwelt streng auferlegt worden war. Was ist das für ein Gebot? Daß der physische Mensch, wie er heute auf dem physischen Plane lebt, nicht zurückblicken darf hinter jenen charakterisierten Zeitpunkt, wo die makrokosmischen Kindheitserlebnisse liegen, und die, wenn sie hereindringen würden in das spätere Bewußtsein, das alte Hellsehen geben würden. Du darfst nicht, sagt der Gott der Unterwelt, Verlangen danach tragen, wirklich die Geheimnisse der Kindheit zu durchschauen, dich daran zu erinnern, wo die Schwelle aufgerichtet ist. - Da er das tut, verliert er die Fähigkeit des Hellsehens.
[ 31 ] So wird etwas außerordentlich Feines und Intimes an Orpheus durch diesen Verlust der Eurydike dargestellt. Dann ist nur eine Folge davon, daß der Mensch ein Opfer der physischen Welt wird. Er ist mit einer Wesenheit, die noch im Übersinnlichen wesenhaft wurzelte, hineingelangt in das, was er werden mußte auf dem physischen Plan. Dadurch dringen alle Kräfte des physischen Planes auf ihn ein, und er verliert Eurydike, seine eigene unschuldige Seele, die dem modernen Menschen verlustig gehen muß; sie verliert er. Und diejenigen Kräfte, in die er dann versetzt wird, zerfleischen ihn. Das ist dann eine Art Opfer des Orpheus.
[ 32 ] Was ist es also, was Orpheus zuerst erlebt, weil er herauflebt von dem dritten in den vierten nachatlantischen Kulturzeitraum? Er erlebt dasjenige zuerst, was die erste Bewußtseinsstufe der Kindheit abstreift, den Zusammenhang mit dem Makrokosmos. Der ist nicht da, tritt nicht ins bewußte Leben hinüber. Und so wie der Mensch seiner eigentlichen Wesenheit nach ist, wird er aufgezehrt, getötet von dem Leben des physischen Planes, das eigentlich erst mit dem genannten Zeitraum beginnt. — Fassen Sie jetzt diesen Menschen ins Auge, der sozusagen der Mensch des physischen Planes ist, der sich im heutigen normalen Bewußtsein zurückerinnert bis zu einem bestimmten Zeitpunkt; vor diesem liegen drei Jahre der Kindheit. Dieser Mensch mit dem Faden der Erinnerung ist so verstrickt mit dem physischen Plan, daß es Orpheus seiner eigentlichen Wesenheit nach nicht in ihm aushalten kann, sondern zerrissen wird. Das ist der eigentliche Menschengeist der heutigen Zeit, derjenige Menschengeist, der uns zeigt, wie der Mensch am tiefsten mit der Materie verstrickt sein kann. Das ist der Geist, der im Sinne des paulinischen Christentums der Menschensohn genannt wird. Das müssen Sie sich einmal als einen Begriff aneignen: der Menschensohn, der sich im Menschen findet von dem Zeitpunkt ab, bis zu dem sich der Mensch heute zurückerinnert, mit alledem, was sich der Mensch von der Kultur aneignen kann. Fassen Sie diesen Menschen ins Auge, und denken Sie sich nun alles, was der Mensch sein könnte durch den Zusammenhang mit dem Makrokosmos, wenn hinzukäme, was in den ersten Kindheitsjahren hereindringt vom Makrokosmos. In den ersten Kindheitsjahren kann es nichts anderes sein als eine Grundlage, weil das entwickelte menschliche Ich noch nicht da ist. Wenn es aber in das entwickelte menschliche Ich hereinfiele, dann würde geschehen, was zuerst geschehen ist in dem Augenblick, als dem Jesus von Nazareth der Geist von oben herunterkam durch die Jordan-Taufe: Die drei unschuldigen Kindheits-Entwickelungsstadien mischten sich mit dem übrigen Menschentum zusammen. Das ist das Nächste. Und was war die Folge davon? Die Folge war, daß dieses unschuldige Kindheitsleben, als es sich entwickeln wollte auf der physischen Erde, sich nur drei Jahre entwickeln konnte - wie es sich überall nur drei Jahre entwickelt — und dann auf Golgatha sein Ende fand, das heißt, sich nicht vermischen konnte mit dem, was der Mensch wird in dem Zeitpunkt, bis zu dem er sich dann normalerweise zurückerinnert.
[ 33 ] Wenn Sie dies durchdenken: was es bedeuten würde, wenn sich herein mischte in einen Menschen all der Zusammenhang mit dem Makrokosmos, der dumpf und dämmerhaft in den ersten Kindheitsjahren aufkommt, der aber, weil das Kind noch nicht das Ich-Bewußtsein hat, noch nicht wirklich leuchten kann; und wenn Sie weiter denken, wie, wenn er aufdämmerte im späteren Bewußtsein, etwas sich bilden würde, etwas hereinfiele in uns, was nicht aus dem Menschen in uns stammt, sondern aus der ganzen Weltentiefe, aus der wir herausgeboren werden - dann haben Sie die Interpretation der Worte, die da gesprochen worden sind in bezug auf das, was dargestellt ist in dem Herunterkommen der Taube: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn; heute habe ich ihn gezeuget!» Das heißt, es ist hier der Christus in dem Jesus von Nazareth inkarniert worden, «gezeuget» worden, der Christus, der in der Tat geboren wurde in den Jesus von Nazareth in dem Augenblick der Johannes-Taufe und der auf der Höhe jenes Bewußtseins stand, das sonst die Menschen nur in den ersten Kindheitsjahren haben, aber mit allem kosmischen Zusammengehörigkeitsgefühl, welches das Kind haben müßte, wenn es wissen würde, was es fühlt in den ersten drei Jahren. Dann würden allerdings auch jene Worte eine ganz andere Bedeutung bekommen: «Ich und der Vater» - der kosmische Vater — «sind eins.»
[ 34 ] Wenn Sie dies auf Ihre Seele wirken lassen, dann werden Sie ein wenig von dem nachfühlen, was sozusagen als ein erstes Grundelement in der Offenbarung von Damaskus für Paulus eingetreten ist, und was in dem schönen Worte zum Ausdruck kommt: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt ihr nicht in die Reiche der Himmel kommen!» Dieses Wort hat eine vielfache Bedeutung, aber auch diese. Paulus sagte: «Nicht ich, sondern der Christus in mir!» das heißt die Wesenheit, die ein solches makrokosmisches Bewußtsein hat, wie es das Kind haben würde, wenn es das Bewußtsein der ersten drei Jahre durchdringen könnte mit dem Bewußtsein der späteren Zeit. Beim heutigen normalen Menschen sind diese beiden Arten getrennt, müssen getrennt sein; denn sie würden sich sonst nicht vertragen können. Sie haben sich auch nicht im Christus Jesus vertragen. Denn nach jenen drei Jahren mußte notwendigerweise der Tod eintreten, und zwar unter den Verhältnissen, wie sie sich in Palästina abgespielt haben. Nicht zufällig haben sie sich so dargestellt, sondern durch das Ineinanderleben dieser zwei Faktoren: des Gottessohnes, der der Mensch ist von dem Zeitpunkt der Geburt bis zur Entwickelung des Ich-Bewußtseins, und des Menschensohnes, der der Mensch ist nach dem Zeitpunkt der Erringung des Ich-Bewußtseins. Durch das Zusammenleben des Menschensohnes und des Gottessohnes wurden hervorgerufen die Ereignisse, die dann zu den Ereignissen von Palästina geführt haben.
