Exkurse in das Gebiet
des Markus-Evangeliums
GA 124
2 Februar 1910, Koblenz
Dreizehnter Vortrag
[ 1 ] In welcher Art müssen wir an die Theosophie herantreten, wenn wir ihre tiefsten Wahrheiten verstehen wollen?
[ 2 ] Zur Beantwortung dieser Frage wollen wir unsern Ausgangspunkt bei einem Ausspruch im Markus-Evangelium nehmen: «Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der da bereite deinen Weg vor dir. — Es ist die Stimme eines Predigers in der Wüste.» — Im Urtext heißt es: Es ist eine Stimme des Rufers in der Einsamkeit.
[ 3 ] Wenn ein unbefangener Mensch diese Worte liest und sie erklären sollte, so weiß er zunächst nicht viel damit anzufangen. Er betrachtet sie mehr oder weniger als eine Phrase oder höchstens als eine Allegorie. Denn was soll ein Prediger in einer Wüste verkündigen? Der geht doch gewöhnlich nicht in eine Wüste, sondern dorthin, wo viele Menschen sind.
[ 4 ] Beleuchten wir nun einmal diese Stelle mit den Ergebnissen der Geistesforschung, so wird uns die ganze Tiefe der Weisheit offenbar, die in jedem Wort der Heiligen Schrift niedergelegt ist. Wir werden erfahren, daß jedes Wort im Urtext an seiner richtigen Stelle steht und auch nur dann verstanden werden kann.
[ 5 ] Was soll nun gesagt werden mit den Worten: «Ich sende meinen Engel vor dir her, der da bereite deinen Weg vor dir»? — Wir wissen, daß hier die Bibel auf Johannes den Täufer weist. Nun müssen wir aber, um zu erklären, weshalb da der Ausdruck Engel steht, noch einmal zurückgehen in die früheren Entwickelungszustände unserer Erde und sehen, welche Wesenheiten ihren Anteil daran genommen haben. Wir wissen ja, daß es auf unserer physischen Erde auch eine hierarchische Gliederung auf verschiedenen Entwickelungsstufen gibt, wovon die unterste Stufe das Mineralreich ist; dann kommt die Pflanzenwelt, dann die Tierwelt und als oberste Stufe der Mensch. Höher hinauf über den Menschen ragt die Hierarchie der Engel oder Angeloi, der Erzengel oder Archangeloi, der Archai oder Geister der Persönlichkeit, der Exusiai oder Geister der Form oder Gewalten; weiter hinauf die der Mächte oder Dynamis, der Herrschaften; dann die der Throne, Cherubim, Seraphim.
[ 6 ] Auch alle diese Hierarchien sind in einer steten Entwickelung begriffen. So nun, wie wir unsere Menschheits-Entwickelungsstufe auf unserer Erde durchmachen, so hat die Hierarchie der Engel, die gleich über uns steht, ihre Menschheitsstufe während des unserer Erde vorangehenden planetarischen Zustandes, während des Mondenzustandes, durchgemacht, wenn auch in anderer Form, als wir sie heute durchmachen. Sie sind uns also eine Stufe voraus. Und wie wir auf Erden die Führer und Leiter unserer Kinder sind, so haben die Engel das Amt, unsere Menschheit zu leiten und zu führen. Da die irdischen Formen ihnen nun keine Gelegenheit bieten, sich darin inkarnieren zu können, so müssen sie, um uns helfen zu können, ihre Weisheit einfließen lassen in die Leiber der höchst entwickelten, reiinsten Menschen, damit durch ihren Mund der Menschheit göttliche Wahrheiten verkündigt werden. In solch einem Fall können wir sagen: Sie hüllen sich in Maya.
[ 7 ] Wir können uns dies noch deutlicher machen, wenn wir uns bis in das graue Altertum zurückversetzen und uns die sieben indischen Rishis vor den Geist stellen. Würden wir ihre äußere Gestalt betrachten, so würden wir nichts anderes vor uns sehen als schlichte, einfache Männer, ja, als Bauern vielleicht, aber in sich bergend ihren inneren Wesenskern. Hellseherisch würden wir sie aber erblicken in einer großen strahlenden Aura; aus ihrem Innern heraus würden Wärmeflammen sich ergießen in ihre Umgebung. Damit aber die größte kosmische Weisheit in ihren Wesenskern eindringen konnte, mußten alle sieben zusammen beieinander sein. Gleich der Skala von sieben Tönen eines Instrumentes, wurden sie berührt von der Göttlichkeit. Und die Sprache, die sie redeten — für uns würden es unverstehbare Laute sein.
[ 8 ] Wie war denn in dieser uralten Zeit die Sprache? Wir können uns heute kaum einen Begriff davon bilden, denn unsere heutige Sprache ist im Gegensatz zu jener eine aus Begriffen philiströs zusammengesetzte, von Logik durchzogene. Zur Zeit der Rishis war der Klang dasjenige, was, wenn er ertönte, Bilder aufsteigen ließ vor dem inneren Auge. Woher stammt denn eigentlich die Sprache? Aus welchem Urgrund kam sie? Die alten Weisen hatten sie heruntergeholt aus den Sternen. Der Tierkreis war für sie die Zeichenschrift am Himmel, die Schrift der Gottheit. Der Tierkreis vergegenwärtigte die Konsonanten, die Planeten die Vokale, und je nachdem sie ihre Bahn veränderten innerhalb des Tierkreises, lasen die Weisen den verschiedenen Sinn der himmlischen Weisheit.
[ 9 ] So waren also die Körper der Rishis auch Maya, welche den inneren göttlichen Wesenskern verhüllte.
[ 10 ] Wenden wir nun dieses Licht, das die Geisteswissenschaft uns gewährt, auf unsere Bibelworte an, so vergeht jede Banalität, welche die Materialisten so gerne in dieselben hineinlegen wollen. Wir verstehen jetzt in des Wortes wahrster Bedeutung, was es heißt: Und Gott sandte einen Engel voraus, um ihm, der da kommen sollte, den Weg zu bereiten. - Mit dem Engel ist wirklich eine höher entwickelte Wesenheit gemeint aus der ersten über uns stehenden Hierarchie der Engel oder Angeloi, ein Wesen, das seinen Geist in die Maya des menschlichen Körpers gesenkt hatte; in diesem Falle also in den Körper Johannes’ des Täufers, welcher die Inkarnatiion des Elias war. Man muß die Bibelworte nur richtig beleuchten und sie dann wörtlich nehmen, wenn wir sie richtig verstehen wollen.
[ 11 ] Und weiter heißt es in den Bibelworten: Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste. — Es ist ein Rufer in der Einsamkeit.
[ 12 ] Hiermit wissen die Theologen ebenfalls nichts anzufangen. Ja, was heißt denn, Rufer in der Wüste oder Einsamkeit zu sein?
[ 13 ] Wir wissen, daß Johannes mit Wasser taufte. Und zwar bestand die Wassertaufe darin, daß bei der Einweihung der ganze Mensch untergetaucht wurde in den Jordan.
[ 14 ] Weshalb geschah dieses? Es geschah darum, daß der Ätherleib eines geistig entwickelten Menschen sich für einen Moment loslösen sollte vom physischen Leibe; denn dann erlebte der Mensch dasselbe, was ein Sterbender erlebt beim Loslösen seines Ätherkörpers. Er sieht dann nämlich in allen Einzelheiten seine jetzige Inkarnation bis zu seiner Geburt, gleichsam als ein Panorama, sich vor seinen Blicken aufrollen, und er fühlt und weiß, daß er außerhalb seines fleischlichen Körpers ein geistiges Wesen ist.
[ 15 ] Kam er nun, nach diesem Erlebnis bei der Taufe, wieder herauf in seinen physischen Leib, so hatte er eine Erfahrung gehabt, die ihn innerlich von allen andern Menschen unterschied: Er fühlte sich sozusagen alleinstehend mit diesem erweiterten Wissen, abgesondert von der übrigen Menschheit, die ihn nicht mehr begriff. Er fühlte sich vereinsamt, gleichsam in einer Wüste, allein in der Einsamkeit. Und in seiner tiefsten inneren Abgeschlossenheit vernahm er die Stimme eines Rufers: seines Engels.
[ 16 ] Dieser führende Engel sollte sich hier in die Person Johannes des Täufers kleiden. Solches war der Sinn der Stimme in der Wüste im Bibelwort.
[ 17 ] Weiter lesen wir im Markus-Evangelium die Stelle, wo der Christus in den Schulen die höchste Weisheit verkündet, und wo es heißt: «Und sie entsetzten sich über seine Lehre, denn er lehrte gewaltiglich und nicht wie die Schriftgelehrten.»
[ 18 ] Was heißt es: gewaltiglich reden? Wer sprach aus seiner Leiblichkeit heraus? So wie die Engel und die Erzengel Leiter der einzelnen Menschen und die Erzengel besonders Führer des ganzen Volkes sind, so sind wieder andere höhere Wesenheiten Lenker und Leiter der Naturkräfte, der Naturgewalten. Aus diesen Naturkräften heraus schöpfen auch die Genien der Kunst. Wir finden sie hineinstrahlend in Leonardo, in Michelangelo, in Raffael: Sie schöpften aus der göttlichen Natur heraus.
[ 19 ] Und wollen wir uns vergegenwärtigen, wo wir diese Naturgewalten zu suchen haben, so versetzen wir uns für einen Augenblick in Gedanken auf Bergeshöhen, sagen wir auf irgendeines der Schweizer Gebirge. Wenn wir dann das große Glück haben, dort einen Sonnenaufgang erleben zu dürfen, so werden wir überwältigt werden von dem Zauber und der Erhabenheit dieses Naturereignisses, wir werden uns durchschauert fühlen von den gewaltigen Kräften, die uns da entgegenstrahlen und die uns Gottes Allmacht verkünden. Wenn wir sehen, wie aus dem Dämmergrau des anbrechenden Tages die ersten zarten Farbentöne der aufgehenden Sonne heraufsteigen, wie sie die Spitzen der Schneeberge in Purpurglut tauchen, und unser Auge allmählich geblendet wird durch das immer glanzvoller und glanzvoller werdende Schauspiel, wie dann die Strahlen immer mehr Farbentöne hervorzaubern, die gleichsam von allen Seiten herzu strömen und immer umfangreicher werden, bis die Sonne endlich in ihrer ganzen lodernden Pracht, lebenweckend, wärmespendend ihre Strahlen bis in die tiefsten Täler niedersendet, dann erblicken wir in diesem majestätischen Naturereignis nichts anderes als geistige Kräfte, die hier zusammenfließen. Und diese Kräfte sind diejenigen Wesenheiten, die wir in den Hierarchien kennengelernt haben als Exusiai oder Gewalten oder Geister der Form. Im Urtext heißt es: Er lehrte wie die Exusiai. Christus hatte die Gewalten zur Verfügung, er sprach durch sie, in der Form der Gewalten. Durch Johannes sprachen die Engel, die eine Stufe über der Menschheit stehen; durch Christus sprachen die Kräfte der Gewalten, die so, wie es geschildert wurde, in den Naturereignissen sprechen. Also diese Kräfte waren es, die den Leib des Christus durchglühten, die ließen ihn predigen «gewaltiglich».
[ 20 ] Johannes der Täufer hatte die höchste Einweihung erhalten, welche geschah im Zeichen des Wassermanns. Wenn man die alten Zeichen des Tierkreises sieht, so erblicken wir im Zeichen des Wassermanns eine Figur, die sich niederbeugt mit einer gewissen Haltung der Arme. Sie bezieht sich auf die biblischen Worte: Es kommt einer nach mir, dem ich nicht genugsam bin, daß ich mich vor ihm bücke, um die Riemen seiner Schuhe zu lösen.
