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Exkurse in das Gebiet
des Markus-Evangeliums
GA 124

28 Februar 1911, Berlin

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Wenn wir unserem Ziele gemäß im Verlaufe dieses Winters fortfahren werden, Betrachtungen anzustellen, die anknüpfen können an das Markus-Evangelium, so muß dieses Ziel durchaus in weiterem Sinne ins Auge gefaßt werden, und es wird sich vielleicht erst nach einiger Zeit zeigen, warum die eine oder die andere Betrachtung, die gepflogen werden muß, gerade in diesen Zusammenhang hineingehört. Wir werden daher heute einige Dinge zu besprechen haben, welche scheinbar recht weit ab stehen von unserem gewöhnlichen Thema, die uns aber doch sehr helfen werden bei unsern weiteren Betrachtungen.

[ 2 ] Da möchte ich Sie zunächst darauf aufmerksam machen, daß die Außenstehenden immer wieder eines nicht einsehen werden, solange sie sich nicht einigermaßen intimer mit dem ganzen Wesenskern der geisteswissenschaftlichen Richtung bekanntgemacht haben, nämlich: welche Bedeutung und welchen Wert für diejenigen Menschen, die hellseherisches Vermögen noch nicht haben, eine Forschung hat, die im wesentlichen ihre Quellen, also ihre Ursprünge in dem hat, was wir hellseherische Forschung nennen müssen. Man kann ja einwenden: Wie kann ein Glaube, ein Fürwahrhalten, eine Überzeugung von den spirituellen Wahrheiten bei denjenigen sich bilden, die noch nicht hineinsehen können in die geistigen Welten? - Da muß nun immer wieder auch auf das andere aufmerksam gemacht werden, daß wir zwar, solange das hellseherische Auge nicht geöffnet ist, nicht hineinsehen können in die geistigen Welten, daß aber aus diesen geistigen Welten fortwährend die Folgen, die Offenbarungen dessen herauskommen, was eben in ihnen drinnen ist. Wenn also von der hellseherischen Forschung gesagt wird, der Mensch bestünde aus seinen vier Wesensgliedern — physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich -, dann könnte der der hellseherischen Forschung Fernerstehende ja sagen: Ich sehe nur den physischen Leib; wie kann ich mich, bevor mir durch mein Karma die Möglichkeit gegeben wird, zum Beispiel den Astralleib oder den Ätherleib zu sehen, davon überzeugen, daß es wahr ist, was über diese höheren Glieder der Menschennatur gesagt wird? - Nun, leugnen kann man, wenn man durchaus will, den Astralleib und den Ätherleib. Aber die Folgen jener Vorgänge, die sich im Astralleib und Ätherleib abspielen, kann der Mensch nicht aus dem Leben hinausdekretieren; die zeigen sich im menschlichen Leben. Und ich möchte Ihnen heute, damit Sie nach und nach das Gefüge der menschlichen Wesenheit so einsehen, wie es vielen Ausdrücken in den Evangelien zugrundeliegt, zeigen, wie sich in der Tat die Folgen der Vorgänge zum Beispiel im Astralleib oder im Ätherleib sehr wohl im ganz gewöhnlichen Leben auf dem physischen Plan zeigen.

[ 3 ] Fassen wir dazu zunächst einmal den Unterschied ins Auge zwischen einem Menschen, welcher in gewissem Sinne voller Idealismus ist, der sich hohe Ideale setzt, und einem Menschen, der im allgemeinen abgeneigt ist, sich hohe Ideale zu setzen, der sozusagen nur unter den äußeren Antrieben des Lebens handelt, sagen wir, ißt, wenn er Hunger hat, schläft, wenn er schläfrig ist, dieses oder jenes tut, wenn ihn diese oder jene Leidenschaften oder Instinkte dazu treiben. Dann gibt es natürlich allerlei Zwischenstufen zwischen diesen zwei Menschenarten, zwischen den zuletzt charakterisierten und denjenigen, die also hohe Idealisten sind und immer mit ihren Absichten und Gedanken und der Größe ihrer Ideale über das hinausgehen, was sie im gewöhnlichen Leben erreichen können. Solche Idealisten sind überhaupt in einer eigentümlichen Lage gegenüber dem Leben. Sie müssen sich ja immer von der Richtigkeit des Wortes überzeugen, daß es in dem Leben des physischen Planes niemals möglich ist, etwas zu tun, was unserem höchsten Ideale auf einem entsprechenden Gebiete wirklich gleichkommt. Das ist das Geständnis, das sich die Idealisten immer wieder machen müssen: Hinter meinen Idealen muß ich doch mit meinen Handlungen zurückbleiben. So könnten wir, wenn wir genau sprechen wollen, sagen: Der Idealist hat immer etwas in seinen Idealen, worüber er denkt, woran er seine Empfindungen knüpft, was größer, weiter ist als seine Handlungen. Das kennzeichnet den Idealisten im geisteswissenschaftlichen Sinne, daß seine Gedanken größer, umfassender sind als seine Handlungen. Fassen Sie das genau ins Auge: ein Idealist ist also der, bei dem die Absichten, die Gedanken größer sind als die möglichen Werke auf dem physischen Plan.

[ 4 ] Von dem, welcher in der andern Richtung, die charakterisiert worden ist, lebt, kann man das Entgegengesetzte sagen: daß er nicht so weit denkt, wie er handelt. Wer nur aus Instinkten, Leidenschaften, Trieben, Begierden und so weiter handelt, der hat nicht einen Gedanken, der alles umfaßt, was er in einem gegebenen Augenblick tut, sondern er begeht eine Handlung, ein Werk auf dem physischen Plan, das Dinge, Geschehnisse umfaßt, über die er nicht denkt. Seine Absichten, seine Gedanken sind also weniger weit, sind kleiner als seine Handlungen, seine Werke auf dem physischen Plan.

[ 5 ] Nun sagt Ihnen der Hellseher über diese zweierlei Menschen etwa folgendes. Wenn wir eine Handlung, ein Werk im Leben tun, welches größer, umfassender ist als unsere Gedanken, dann wirft dieses Werk in unsern Astralleib hinein immer ein Spiegelbild. Aber überhaupt alles, was wir im Leben tun, wirft ein Spiegelbild in unsern Astralleib. Wir können gar nichts im Leben tun, ohne daß, wenn wir über die Handlung hinausgekommen sind, in unserem Astralleib ein Bild der Handlung ist. Dieses Bild teilt sich später auch dem Ätherleib mit, und so wie es sich dem Ätherleib mitteilt, bleibt es für die AkashaChronik wahrnehmbar, so daß ein Hellseher sehen kann die Spiegelbilder dessen, was ein Mensch im Laufe seines Lebens für Handlungen begangen hat. So bleiben auch von denjenigen Handlungen, deren Gedanken größer sind als die Ausführung, das heißt, die wir aus Idealismus begehen, Spiegelbilder im Astralleib zurück, die sich wieder auf den Ätherleib fortsetzen. Das ist nun aber der große Unterschied zwischen den Spiegelbildern von Handlungen, die aus Instinkten, Trieben, Leidenschaften und so weiter herrühren, und den Spiegelbildern von Handlungen, die wir aus Idealismus begehen: alle Spiegelbilder erster Art haben etwas für unser ganzes Leben in gewisser Beziehung Zerstörendes. Sie sind diejenigen Bilder und Einschlüsse unseres Astralleibes, die nach und nach so auf unser ganzes menschliches Wesen zurückwirken, daß sie dieses menschliche Wesen eigentlich, man möchte sagen, langsam aufzehren. Und diese Spiegelbilder hängen im wesentlichen auch zusammen mit der langsamen Art, wie sich der Mensch in seinem Leben bis zum Tode - also in seinem Wesen auf dem physischen Plan - aufzehrt; während die Spiegelbilder, die aus dem entspringen, was aus unsern Gedanken hinüber geht über unsere Handlungen, etwas Belebendes haben. Sie sind für den Ätherleib in ganz besonderem Maße anregend, denn sie sind diejenigen, welche fortwährend neue belebende Kräfte in unser ganzes Menschenwesen hineinbringen.

[ 6 ] So haben wir also nach den Aussagen des Hellsehers in der Tat verwüstende, zerstörende Kräfte in unserem Menschenwesen auf dem physischen Plan, und wir haben auch fortdauernd belebende Kräfte in uns. Nun kann man in der Regel die Wirkungen dieser Kräfte im Leben sehr wohl beobachten. Da gehen zum Beispiel Menschen im Leben herum, die sind mürrisch, hypochondrisch, von düsterem Temperament, werden mit ihrem eigenen Seelenleben nicht fertig, und es wirkt dieses eigene Seelenleben wieder zurück auf ihren physischen Organismus. Sie sind ängstliche Naturen geworden, und man kann beobachten, wie die Angst, wenn sie ewig andauert im Leben, den Organismus in seiner Gesundheit bis ins Physische untergräbt. Kurz, es gehen Menschen herum, die in einem späteren Lebensalter melancholisch, von düsterem Temperament sind, auch wohl mit sich selber schwer fertig werden und in der verschiedensten Weise unausgeglichene Naturen sind. Würden wir nun den Ursachen eines solchen Benehmens nachforschen, so würden wir finden, daß solche Menschen wenig Gelegenheit gehabt haben, in früheren Perioden ihres physischen Daseins das durchzumachen, was man nennen kann: ein idealistisches Übergreifen der Gedanken über die Handlungen des Menschen, ein Größersein der Gedanken, als die Handlungen sind.

[ 7 ] Solche Dinge beobachtet man im gewöhnlichen Leben nicht, aber die Wirkungen stellen sich sehr wohl ein. Die Wirkungen sind da, und gar mancher fühlt sehr stark diese Wirkungen, fühlt sie als seine ganze Lebensstimmung, als seine ganze Seelenstimmung und auch in seiner körperlichen Verfassung. So also könnte man leugnen den Astralleib; seine Folgen kann man nicht leugnen, denn die Folgen erlebt man. Und wenn sich im Leben zeigt, was eben jetzt geschildert worden ist, dann sollten die Menschen einsehen, daß es doch nicht so ganz töricht ist, wenn von solchen Dingen gesprochen wird wie über die Beweisführung, daß die Beobachtung übersinnlicher Geschehnisse zwar nur dem Hellseher möglich ist, daß aber die Offenbarung der hellseherisch beobachteten Tatsachen im Leben immer gezeigt werden kann.

[ 8 ] Dagegen sehen wir die Handlungen, die kleiner sind als ihre entsprechenden Gedanken, solche Eindrücke zurücklassen, welche sich im späteren Leben zeigen als Lebensmut, als Lebenssicherheit, als Ausgeglichenheit im Leben. Das setzt sich dann bis ins Innere des physischen Organismus fort, und die Zusammenhänge merkt man erst, wenn man das Leben eine lange Zeit hindurch betrachtet, wenn man nicht nur kurze Abschnitte des Lebens ins Auge faßt. Das ist ja der Fehler vieler wissenschaftlicher Betrachtungen, daß man immer gleich nach dem, was im Laufe der nächsten fünf Jahre geschieht, die Wirkung von diesem oder jenem bestimmt, während sich die Wirkungen vieler Dinge oft erst nach Jahrzehnten zeigen.

[ 9 ] Nun bedenken Sie, daß man aber im eigentlichen Sinne sagen muß, daß es nicht nur Menschen gibt, die bloß idealistischer Natur sind, die in ihren Gedanken über das einzelne Erlebte hinausgehen, und solche, die nur mit ihren Gedanken immer zurückbleiben hinter ihren Erlebnissen. Denn wir haben zum Beispiel eine große Anzahl von Erlebnissen, die sich nur mit größter Schwierigkeit in Gedanken fassen lassen. So ist Essen und Trinken etwas, was alltäglich aus Trieb, aus Instinkt begangen wird, und es dauert wirklich recht lange, bis der, welcher eine geistige Entwickelung durchmacht, sozusagen auch diese Dinge einbezieht in das geistige Leben. Gerade die alltäglichen Dinge lassen sich am schwersten in das geistige Leben einbeziehen, denn wir haben Essen und Trinken erst dann einbezogen, wenn wir verfolgen können, warum wir, um dem ganzen Laufe der Welt zu dienen, in rhythmischem Gange die physischen Stoffe zu uns nehmen müssen und welche Beziehung die physischen Stoffe zum geistigen Leben haben; wie der Stoffwechsel nicht bloß etwas Physisches ist, sondern durch seinen Rhythmus auch etwas Geistiges hat.

[ 10 ] Allerdings gibt es einen Weg, um nach und nach diese nicht durch eine äußere stoffliche Notwendigkeit bloß geforderten Dinge zu spiritualisieren. Denn es gibt eben die Möglichkeit, diese Dinge so anzusehen, daß wir uns sagen: Wir essen diese oder jene Frucht, und wir können uns durch unsere spirituellen Erkenntnisse immerhin eine Vorstellung bilden, wie, sagen wir, ein Apfel oder irgendeine andere Frucht zum Ganzen des Universums steht. - Das dauert aber lange. Dann gewöhnen wir uns an, das Essen nicht eine bloß stoffliche Tatsache sein zu lassen, sondern wir gewöhnen uns zu beachten, welchen Anteil zum Beispiel der Geist hat an dem Reifen einer Frucht in den Sonnenstrahlen. Daher vergeistigen wir auch die stofflichsten, alltäglichen Prozesse und gewinnen die Möglichkeit, selbst da mit unsern Gedanken einzudringen; ich kann das hier nur andeuten, wie auch da Gedanken und Ideen hineingebracht werden können. Das ist aber ein weiter Weg, und die wenigsten Menschen können in unserem Zeitalter dazu kommen, über das Essen vollgültig zu denken.

[ 11 ] Wir müssen also sagen, es gibt nicht nur Menschen, die instinktive, und solche, die idealistische Handlungen begehen, sondern bei jedem Menschen teilt sich das Leben so, daß er einen Teil seiner Handlungen in der Weise begeht, daß die Gedanken nicht nachkönnen den Handlungen, und andere, wo die Gedanken und Ideale größeren Umfang haben als die Handlungen. Daher haben wir in uns eine Art von Kräften, die unser Leben abwärts führen; die arbeiten daran, daß unser physischer Organismus nach und nach durch innere Gründe sozusagen dem Tode entgegenreift. Und andere Kräfte haben wir in uns, die unserem Astralleib und Ätherleib belebende Kräfte zuführen, Kräfte, die immerdar wie ein neues Licht in unserem Astralleib und Ätherleib aufleuchten. Diese letzteren sind es, welche wirklich als belebende Kräfte in unserem Ätherleib bleiben. Wenn wir dann nach dem Tode mit unserem geistigen Wesensteil unsere Hüllen verlassen, so haben wir - in den ersten Tagen nach dem Tode - noch den Ätherleib an uns und haben dadurch jenen Rückblick über unser ganzes Leben. Und das beste, was uns nun bleibt wie ein inneres Bildendes, das sind die eben angedeuteten belebenden Kräfte, die dorther stammen, daß unsere Ideen hinübergegangen sind über das Maß unserer Handlungen. Das ist etwas, was so nachwirkt über den Tod hinaus, daß es weitere belebende Kräfte birgt, sogar für die nächstfolgende Inkarnation.

[ 12 ] Daher dürfen wir sagen: Was wir uns so selbst als belebende Kräfte einimpfen, das bleibt im Ätherleibe, ist eine bleibende Jugendkraft. Und wenn wir auch nicht dadurch unser Leben verlängern, so müssen wir doch davon sagen, daß wir unser Leben so gestalten können, daß es länger jugendfrisch bleibt, indem wir viele Handlungen so tun, daß unsere Gedanken das Maß des Handelns übergreifen.

[ 13 ] Fragt sich der Mensch, wodurch er solche Ideale gewinnen kann, welche am besten hinübergreifen über unsere Handlungen, so können wir sagen: Das ist möglich, wenn wir uns einlassen auf die Geisteswissenschaft, die uns in die übersinnlichen Welten hineinführt. - Wenn wir zum Beispiel über die Entwickelung des Menschen in unserem Erdensystem aus der geistigen Wissenschaft heraus hören, dann rütteln solche Mitteilungen Kräfte in unsern höhern Wesensgliedern auf, und wir bekommen dadurch gerade in der heutigen Zeit den konkretesten, sichersten Idealismus. Handelt es sich um die Frage: Wozu dient besonders die Geisteswissenschaft neben allem andern? - so können wir sagen: Sie gießt jugendfrische, befruchtende Kräfte in unsern Astralleib und Ätherleib.

[ 14 ] Die Menschen stehen in einer so sehr verschiedenen Weise zu dem, was wir als Geisteswissenschaft bezeichnen, nicht weil sie nicht Hellseher sind als Menschen der Gegenwart, sondern weil sie auch im äußeren Leben nicht beobachten wollen. Sonst würden sie schon sehen, in welch verschiedener Weise sich sogar im Organismus dasjenige äußert, was wir den geistig-seelischen Menschen zunächst nennen. Da könnten die Menschen hören, die draußen in der Welt stehen und sich durchaus als Ungläubige zur Geisteswissenschaft verhalten: Die Geisteswissenschaft sagt, daß der physische Leib des Menschen ausgefüllt ist von irgendwelchen höheren Gliedern. Nehmen wir diese einmal zusammen und nennen sie den seelisch-geistigen Menschen. An diesen seelisch-geistigen Menschen wollen aber die Materialisten der Gegenwart nicht glauben; sie glauben nur an den physischen Menschen und werden dadurch insbesondere in bezug auf den physischen Menschen Materialisten. Unter Materialisten versteht man oftmals nur die theoretischen Materialisten, die nur an die Materie glauben. Aber ich habe es oft und oft betont: Diese theoretischen Materialisten sind nicht die schlimmsten. Denn ein solcher Materialist kann auch der sein, der bloß aus dem Verstande seine Begriffe schöpft, und das sind ohnehin die kurzsichtigsten Begriffe. Daher kann der Materialismus, der bloß auf dem Verstande beruht, nicht so schädlich sein. Wo er aber durch anderes gestärkt wird, kann er recht schlimm werden für das Gesamtleben des Menschen - und besonders, wenn der Mensch mit seinem innersten geistigen Wesenskern an seiner Materie, an seinem Stoffe hängt.

[ 15 ] Und wie hängt gerade in unserem Zeitalter die Menschheit von dem Stoffe ab! Daß es theoretische Materialisten gibt, ist in bezug auf die Gedanken verführerisch und in bezug auf das, was unsere Seelen eigentlich bilden soll, fatal; aber unser äußeres Leben wird besonders dadurch beeinflußt, daß es für die Lebenspraxis so viele Materialisten gibt. Was ist ein Materialist für die Lebenspraxis? Das ist ein Mensch, der von seiner physischen Materie so abhängig ist, daß er den Winter nur einige Monate hindurch in seinem Kontor zubringen kann und den Sommer, wenn er überhaupt das Leben zubringen will, an der Riviera sein muß. Da ist er ganz abhängig von dem stofflichen Wirken, von den stofflichen Kombinationen. Das sind Materialisten für die Lebenspraxis. Materialist wird man dadurch, daß man vom Stofflichen ganz abhängig ist, daß man gezwungen ist, mit seiner Seele nachzulaufen den Bedürfnissen, die das Leben uns zudiktiert. Das ist noch ein ganz anderer Materialist als der, welcher bloß in Gedanken und Ideen einen Materialismus lebt. Ein theoretischer Idealismus kann vielleicht noch zu der Überzeugung führen, daß der theoretische Materialismus falsch ist. Aber den praktischen Materialisten kurieren, unsere Abhängigkeit vom Stofflichen des physischen Leibes kurieren, das kann nur die wirkliche Versenkung in die Geisteswissenschaft.

[ 16 ] Nun könnten die Menschen, wenn sie nur denken wollten — das heißt Gedanken, die nicht nur aus dem Verstande kommen, sondern aus dem Verwandtsein mit der Wirklichkeit -, aus ganz alltäglichen Tatsachen entnehmen, daß ein großer Unterschied besteht, sagen wir, zwischen den einzelnen Gliedern der menschlichen Wesenheit. Ich will Ihnen zunächst einen Unterschied angeben, der zum Beispiel zwischen den Händen und irgendeinem andern Teil, etwa den Schultern des Menschen besteht. Wenn wir den physischen Menschen bloß äußerlich fleischlich untersuchen, so bekommen wir physische Unterschiede, zum Beispiel über den Nervenverlauf und dergleichen. Aber wir müssen doch bedenken, daß wir auf diesen Nervenverlauf einen gewissen Einfluß haben können. Wäre einzig und allein der Nervenverlauf maßgebend für die Seele, so würden wir von den stofflichen Wirkungen abhängig sein, denn Nervenverlauf ist stoffliche Wirkung. Das sind wir nun aber gar nicht, denn wir haben einen Einfluß auf den Nervenverlauf - und in der verschiedensten Art, und zwar deshalb, weil die Art und Weise, wie unser Astralleib und Ätherleib wirken, also der geistig-seelische Teil des Menschen, die allerverschiedenste ist. Wir dürfen nicht einfach sagen: Dein physischer Leib ist ausgefüllt von Astralleib und Ätherleib -, sondern es ist verschieden, je nachdem wir den Teil nehmen, der die Hände ausfüllt, oder den, welchen wir in die Schultern oder dergleichen versetzen. Diese verschiedenen geistigen Teile wirken verschieden; man könnte sich davon leicht überzeugen. Nur muß man sich dann klar sein, daß das, was im Leben geschieht, der Notwendigkeit entspricht, und daß nicht gedankenlos verfolgt werden darf, was im Leben geschieht. Wenn irgendein Luftzug nicht richtig ist, kann der Physiker nachdenken mit seinen Gesetzen, warum sich der Luftzug nach der betreffenden Gegend gerichtet hat. Aber warum denken die Menschen nicht darüber nach, was für eine ungeheure Bedeutung es im Leben hat - es wird sonderbar erscheinen, daß so etwas vorgebracht werden kann, aber gerade an alltäglichen Erscheinungen bewahrheiten sich die Mitteilungen des Hellsehers -, daß sich der Mensch im Leben wirklich öfter die Hände wäscht als irgendeinen andern Teil seines Körpers? Das ist jedenfalls eine Tatsache. Und es ist auch eine Tatsache, daß es Menschen gibt, die sich oft und gern die Hände waschen, und auch wieder solche, die dies weniger gern tun. Eine solche Tatsache, die scheinbar recht trivial ist, hängt wirklich mit den höchsten Erkenntnissen zusammen. Wenn der Hellseher die Hände des Menschen ansieht, sind sie tatsächlich wunderbar verschieden von allen andern Gliedern, selbst vom Gesicht. Aus den Fingern gehen hervor und leuchten weit hinein in den umliegenden Raum strahlende Gebilde des Ätherleibes, die sich bald glimmend, schwach, bald stechend in den Raum hineinerstrecken. Je nachdem der Mensch froh oder betrübt ist, strahlen seine Finger verschieden aus, und anders strahlt der Handrücken aus und anders die innere Handfläche. Und für den, der geistig zu beobachten versteht, ist die Hand, allerdings mit ihrem Ätherteil und ihrem astralischen Teil, ein ganz wunderbares Gebilde. Alles aber in unserer Umgebung, wenn es auch Stoff ist, ist die Offenbarung des Geistes. Stoffliches ist so zum Geistigen zu denken wie Eis zum Wasser; es ist aus dem Geistigen herausgebildet. Wenn Sie wollen, sagen Sie, es ist verdichteter Geist. Treten wir also zu irgendeinem Stoffe in eine Beziehung, so treten wir zu dem Geistigen in dem Stoffe in eine Beziehung. Alle unsere Berührung mit dem Stoffe ist in Wahrheit, soweit es Stoffliches ist, Maya. In Wahrheit ist es der Geist, mit dem wir in irgendeine Beziehung kommen.

[ 17 ] Die Art und Weise nun, wie wir mit dem Geiste im Wasser in Beziehung kommen, wenn wir unsere Hände waschen, ist so, daß man sagen muß, wenn man feinsinnig das Leben zu beobachten versteht, daß es einen großen Einfluß hat auf die Gesamtstimmung des Menschen, wie oft er sich die Hände wäscht. Es gibt Naturen, die eine gewisse Vorliebe dafür haben, sich die Hände zu waschen; die können gar nicht anders, wenn irgendein Schmutz an den Händen sein könnte, als ihn wegzuwaschen. Das sind diejenigen Naturen, die in einer ganz bestimmten Weise eine gewisse Beziehung haben -— oder bekommen — namentlich zu ihrer Umgebung. Die beschränkt sich dann nicht bloß auf das Stoffliche, sondern es ist, wie wenn feine Kräfte im Stoffe anfingen auf den Menschen zu wirken, wenn er so die geschilderte Beziehung zwischen seinen Händen und dem Element des Wassers herstellt. Solche Menschen werden uns schon im Leben zeigen, daß sie in einer gewissen Weise — und zwar im gesunden Sinne - sensiblere, sensitive Naturen werden, feiner beobachten zum Beispiel, wenn ein Mensch mit brutalem Sinn oder mit gutem Gemüt in ihrer Nähe steht, während Menschen, welche Schmutz an ihren Händen dulden, tatsächlich auch im Leben gröbere Naturen sind und in der Tat zeigen, daß sie zwischen sich und den intimeren Beziehungen in ihrer Umgebung etwas wie Wände aufrichten. Es ist das so, und Sie können es selbst, wenn Sie wollen, ethnographisch beobachten. Gehen Sie durch die Länder und versuchen Sie die Menschen zu beobachten. Es gibt die Möglichkeit zu sagen, es werden da oder dort mehr die Hände gewaschen. Untersuchen Sie, wie die Beziehungen zwischen den Menschen sind, wie ganz anders Freund zum Freunde, Bekannter zum Bekannten steht in Gegenden, wo die Hände mehr gewaschen werden, als in Gegenden, wo die Menschen eine Mauer aufrichten dadurch, daß sie weniger oft die Hände waschen.

[ 18 ] Diese Dinge gelten wie ein Naturgesetz. Andere Verhältnisse können das wieder kaschieren. Wenn wir einen Stein durch die Luft werfen, so bildet die Wurflinie eine Parabel. Wird der Stein aber von einem Windstoß erfaßt, dann ist die Parabel nicht da. Das zeigt also, daß man die Methodik kennen muß, um gewisse Verhältnisse richtig zu beobachten. - Aber woher kommt das? Das kommt davon her, daß sich dem hellseherischen Bewußtsein zeigt, wie das Geistig-Seelische fein die Hände durchdringt. Das ist sogar in solchem Maße der Fall, daß insbesondere eine Beziehung des Wassers zu den Händen hergestellt wird. Für das menschliche Antlitz ist das schon weniger der Fall, und am wenigsten für die andern Teile der menschlichen Körperoberfläche. Das ist nun aber nicht so zu verstehen, daß es etwa eine Opposition gegen alles Baden und Waschen darstellen sollte, sondern es soll mehr ein Licht werfen auf die entsprechenden Verhältnisse.

[ 19 ] Es ist dies ein Beweis dafür, daß sozusagen das Geistig-Seelische des Menschen zu seinen verschiedenen Gliedern in einem ganz verschiedenen Verhältnisse steht, daß es sich sozusagen in den verschiedenen Gliedern in verschiedener Weise ausprägt. Sie werden kaum erleben, daß irgend jemand an seinem Astralleibe dadurch Schaden leidet, daß er sich zu oft die Hände wäscht. Das muß man nur in seiner ganzen Tragweite ins Auge fassen. Das rührt davon her, daß es richtig ist, daß die Beziehung, die hervorgerufen wird zwischen dem Menschen und der Umgebung, namentlich zwischen dem Astralleib des Menschen und der Umgebung, in einer gesunden Weise beeinflußt wird durch das Verhältnis der Hände zum Wasser. Deshalb wird auch auf diesem Felde eine Übertreibung nicht leicht möglich sein. Wenn man nun aber materialistisch denkt und in seinen Gedanken ganz an der Materie klebt, so wird man sagen: Was den Händen gut ist, das ist dem ganzen übrigen Körper billig - und macht dann nicht den Unterschied, der in dieser Feinheit besteht. Und die Folge ist das, was sattsam zutage tritt: daß für gewisse Dinge der menschliche Leib in gleicher Art behandelt wird. So wird zum Beispiel als eine ganz besondere Kurmethode empfohlen, schon den Kindern immer wieder und wieder sogenannte kalte Abreibungen und kalte Abwaschungen in größtem Maße zu machen. Glücklicherweise sehen auch heute die Mediziner schon ein - durch die Folgen auf das Nervensystem -, daß diese Methoden ins Unsinnige getrieben worden sind. Denn — weil das besondere Verhältnis des Astralleibes zu den Händen besteht — was für die Hände gar nicht genug sein kann, das kann bald zu einem schädlichen Experiment ausarten, wo der Körper zum Astralleib in einem andern Verhältnis steht. Wo daher eine gesunde Empfindsamkeit zu der Umgebung hervorgerufen wird durch das Händewaschen, da wird durch die übertriebene Kur von kalten Waschungen und so weiter eine ungesunde Überempfindlichkeit und dergleichen hervorgerufen, die oft besonders, wenn eine solche Kur im Kindesalter betrieben wird für das ganze Leben bleibt. Deshalb kommt es überall darauf an, die Grenzen zu kennen, und die werden nur erkannt werden, wenn die Menschen sich zu der Annahme herbeilassen, daß in dem physischen Leibe eingegliedert sind die höheren Wesensglieder. Dann wird auch anerkannt werden, daß physisch mehr innerlich gelegene Teile — was wir also als Werkzeuge in unserem physischen Leibe haben - in ganz verschiedener Weise versorgt werden von der geistig-seelischen Wesenheit. So wird man anerkennen müssen, daß alles, was zum Charakter der Drüsen gehört, in einem besonderen Maße Werkzeug des Ätherleibes ist, daß aber alles, was zum Nervensystem gehört, zum Beispiel das Gehirn, in einer intimen Beziehung zum Astralleibe steht.

[ 20 ] Die Menschen werden nie verstehen können, warum gewisse Erscheinungen nun einmal vorhanden sind, wenn sie solche Dinge nicht ins Auge fassen. Erstens irren ja die Materialisten darin, daß sie bei allem nur das Werkzeug ins Auge fassen. Denn alles, was wir erleben, erleben wir im Seelischen, und daß wir ein Bewußtsein davon haben, das hängt davon ab, daß wir im physischen Leibe die Dinge reflektiert erhalten müssen, so daß für das, was da im Seelischen vor sich geht, unser physischer Leib überall nur ein Werkzeug ist. Darüber ist sich der Geisteswissenschafter gewiß klar. Aber in verschiedener Art ist dieser physische Leib ein Werkzeug. Das tritt oft ganz merkwürdig zutage. Ich brauche nur auf eines hinzuweisen: auf die ganz eigenartige Bedeutung unserer Schilddrüse. Sie wissen, die Schilddrüse wurde als ein bedeutungsloses Organ angesehen und bei Erkrankungen entfernt, und in solchen Fällen verfielen die betreffenden Menschen in Idiotie. Wenn aber nur ein Teil der Schilddrüse bleibt, ist diese Gefahr im wesentlichen beseitigt. Das zeigt, daß das Sekret der Schilddrüse notwendig ist, um gewisse Dinge im Seelenleben zu entfalten. Nun besteht das sehr Eigentümliche: Wenn man das Sekret der Schilddrüse des Schafes solchen Menschen eingibt, welche die Schilddrüse verloren haben, dann stellt sich heraus, daß die Idiotie wieder gebessert wird; und wenn man es ihnen wieder entzieht, werden sie wieder idiotisch.

[ 21 ] Daraus könnte der Materialist für sich sehr vieles finden. Aber der Geisteswissenschafter wird eine solche Sache im richtigen Sinne zu beurteilen verstehen. Wir sehen ja die eigentümliche Tatsache, daß wir es tatsächlich mit einem Organ zu tun haben, dessen Produkt wir direkt unserem Organismus zuführen können, und dann wirkt es. Das ist nur bei allen denjenigen Organen der Fall, die zu unserem Ätherleibe eine intime Beziehung haben, so daß wir sagen können: So etwas wie bei der Schilddrüse ist nur möglich, wo eine bestimmte Beziehung zum Ätherleibe vorhanden ist. Wo eine ähnliche Beziehung zum Astralleibe besteht, ist das gleiche nicht möglich. Ich habe mehr oder weniger schwach begabte Menschen kennengelernt, die Schafsgehirne gegessen haben und nicht gescheit geworden sind. Das zeigt, daß da wieder ein großer Unterschied vorhanden ist zwischen den einzelnen Organen. Dieser Unterschied ist ein so beträchtlicher nur aus dem Grunde, weil die eine Gruppe von Organen zum Ätherleibe, die andere zum Astralleibe eine innere Beziehung hat. Daraus ergibt sich für die geistige Betrachtung noch etwas ganz Besonderes.

[ 22 ] Es scheint doch sehr merkwürdig zu sein, daß der Mensch sozusagen dumm wird, wenn ihm seine Schilddrüse fehlt, und daß er wieder gescheit wird, wenn man ihm Schilddrüsensekret eingibt. Das scheint sonderbar zu sein, weil es doch nicht einzusehen ist, daß sein Gehirn dadurch beeinträchtigt wird. Hier haben Sie aber wieder einen der Punkte, wo die äußere Menschenbeobachtung notwendigerweise hingeführt werden sollte zur geisteswissenschaftlichen Betrachtungsweise. Denn die Geisteswissenschaft zeigt, daß der Mensch gar nicht dumm wird, wenn ihm die Schilddrüse entfernt wird. Aber, werden Sie sagen, die Tatsachen zeigen es doch, daß der Mensch dumm wird! — In Wirklichkeit jedoch werden die Menschen nicht aus dem Grunde idiotisch, weil sie nicht denken können, sondern weil ihnen die Möglichkeit fehlt, ein Werkzeug zu haben in bezug auf Aufmerksamkeit für die Umgebung. Sie werden nicht Idioten, weil ihnen etwa Verstand fehlte, sondern weil sie stumpf werden für ihre Umgebung. Und Stumpfwerden ist etwas anderes als Den-Verstand-Verlieren. Den Verstand braucht man nicht verloren zu haben, wenn man ihn nicht entfaltet, weil man keine Aufmerksamkeit entwickelt. Wenn Sie über ein Ding nicht nachdenken, können Sie sich nicht darüber äußern; Sie müssen erst nachdenken, wenn Sie sich zu einem Dinge stellen wollen. Die Anteilnahme, das lebendige Interesse an den Dingen wird untergraben, wenn die Schilddrüse entfernt wird. Die Menschen werden teilnahmslos gemacht, und zwar so stark, daß sie ihren Verstand nicht anwenden.

[ 23 ] Da haben Sie den feinen Unterschied zwischen der Anwendung eines Werkzeuges für den Verstand, wie es Gehirnpartien sind, und einem Werkzeuge, das es mit einer Drüse zu tun hat, wie es die Schilddrüse ist. So können wir hineinleuchten in die Art, wie unser physischer Leib Werkzeug ist, und wir werden dadurch auch, wenn wir aufmerksam sind, unterscheiden können zwischen den verschiedenen Partien des menschlichen Wesens.

[ 24 ] Auch in bezug auf das Ich können wir sagen, daß es sich in der verschiedensten Art in seinem Verhältnisse zur Umwelt zeigt. Da kommen für das Ich Dinge in Betracht, die ich auch von anderen Gesichtspunkten aus schon darstellte: daß der Mensch mit seinem Ich gleichsam mehr in sich selber hineingeht, daß er versucht, sich selbst gewahr zu werden - oder aber er gibt sich mehr an die Außenwelt hin, versucht mehr, seinen Zusammenhang mit der Außenwelt zu gewinnen. Wir werden in einem gewissen Sinne unseres Ich bewußt, wenn wir unsern Blick in uns hineinversenken, wenn wir Veranlassung haben, darüber nachzudenken, was uns das Leben gibt, was es uns vorenthält und so weiter. Da werden wir unser Ich gewahr. Oder wir werden es gewahr, wenn wir mit der Außenwelt in Beziehung kommen, zum Beispiel wenn wir uns an einem Stein stoßen. Oder wenn wir eine Rechnung nicht lösen können, werden wir unseres Ich gewahr als eines gegenüber den Verhältnissen der Außenwelt ohnmächtigen und so weiter. Kurz, an uns selbst und auch an der Außenwelt können wir unseres Ich gewahr werden. Ganz besonders wird der Mensch seines Ich gewahr, wenn jene magische Beziehung zu den Menschen oder der Umgebung eintritt, die wir als Mitgefühl oder Mitleid bezeichnen. Da zeigt sich so recht, daß eine magische Wirkung von Seele zu Seele geht, von Geist zu Geist. Denn wir fühlen irgend etwas, was draußen in der Welt geschieht, was dort gefühlt, gedacht wird, in uns selber noch einmal, erleben etwas Geistig-Seelisches, was draußen geschieht, in uns selber mit. Da vertiefen wir uns in der Tat in unser Inneres. Denn Mitleid, Mitfühlen ist ein inneres Seelenerlebnis. Und wenn unser Ich diesen Erlebnissen nicht ganz gewachsen ist und nötig hat, sich in sich zu verstärken, so kommt das zum Ausdruck in der Trauer bloß seelisch, in der Träne selbst physisch. Denn die Trauer ist das Seelenerlebnis, durch welches das Ich sich stärker fühlt gegenüber einem äußeren Erlebnis, als es sich fühlen würde bei Teilnahmslosigkeit. Trauer ist immer eine innere Erhöhung der Tätigkeit des Ich. Trauer erhöht den Inhalt, die Intensität des Ich, und die Träne ist nur der Ausdruck dafür, daß das Ich in der Tat in diesem Augenblicke Anstrengung macht, mehr in sich zu erleben als bei Teilnahmslosigkeit.

[ 25 ] Daher müssen wir die mit den Weltgeheimnissen tief zusammenhängende dichterische Phantasie auch schon des jungen Goethe bewundern, der des Faust Schwäche in bezug auf sein Ich zuerst soweit kommen läßt, daß Faust sein Ich zunächst physisch auslöschen will, bis zum Selbstmord getrieben wird. Dann klingen die Osterglocken herein, und bei ihren Tönen fängt das Ich an, sich stärker zu fühlen, und das gerade besonders dadurch, daß das Zeichen in Fausts Seele aufsteigt, welches sonst das Zeichen der Trauer ist: «Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!» Das heißt, das was zur Erde gehört, hat sich verstärkt, indem die Tränen in die Augen schießen. Da sehen wir das innere Wachsen der Intensität des Ich in der Träne zum Ausdruck kommen.

[ 26 ] In dem, was wir als Heiterkeit oder als Lachen kennen, haben wir wieder etwas, was mit der Stärke oder Schwäche unseres Ich in bezug auf sein Verhältnis zur Außenwelt zusammenhängt. Heiterkeit oder Lachen bedeuten, daß unser Ich sich in bezug auf Erkennen und Begreifen der Dinge und Geschehnisse stärker fühlt. Im Lachen zieht sich unser Ich so zusammen, macht seine Intensität so stark, daß es sich leicht hinergießt über die Umgebung. Das kommt in der Heiterkeit, in der Art, wie wir uns belustigen, zum Ausdruck. Damit hängt zusammen, daß Traurigsein im Grunde genommen etwas ist, was der Mensch so erleben soll - oder wenigstens der gesunde Mensch will es so erleben -, daß der Anlaß zu dieser Traurigkeit Wirklichkeit ist. Was in der Wirklichkeit auf uns so wirkt, daß wir mit unserem Anteil uns versucht fühlen müssen, unser Ich zu erhöhen in seiner inneren Tätigkeit, das kann uns eben zur Trauer stimmen. Wenn aber Trauer sich anlehnen soll an etwas, was nicht wirklich ist, sondern was zum Beispiel bloße Darstellung im künstlerischen Sinne von etwas sein will, was nur traurig machen soll, dann fühlt eben der Mensch, der gesund denkt, daß er noch etwas anderes nötig hat, um in solchem Falle einer Ganzheit gegenüberzustehen. Er fühlt, daß zu dem, was ihn traurig stimmt, hinzukommen muß gewissermaßen die Ahnung davon, daß gesiegt werden kann über das, was zur Trauer stimmt, durch das, was das Elend besiegt. Das soll heute nur angedeutet werden, um bei anderer Gelegenheit weiter ausgebildet zu werden. Die gesunde Seele fühlt in sich den Drang, sich zu erheben, sich auszufüllen dem bloßen Elend gegenüber. In bezug auf die bloße Nachahmung des Elendes gehört schon eine nicht ganz gesunde Natur dazu, wenn nicht in dieser Nachahmung eine Aussicht ist, daß ein Sieg über das Elend möglich ist. Daher verlangen wir vom Drama, daß ein Ausblick auf den Sieg der ins Elend verfallenen Persönlichkeit da ist. Das kann nicht eine Ästhetik beliebig dekretieren oder so anordnen, daß nur die trivialen Elemente des Lebens dargestellt werden; sondern hier wird sich zeigen, daß der Mensch, der sich seiner gesunden Natur ganz hingibt, in der Tat sozusagen nicht fertig wird mit seinem Ich, wenn er nur dem nachgeahmten Elend gegenübersteht. Da bedarf es der ganzen Wucht der Wirklichkeit, daß unser Ich sich aufrafft zum Mitleid.

[ 27 ] Fühlen Sie es einmal in Ihrer Seele, ob es nicht ganz anders ist in bezug auf das Komische, das in unserer Umgebung wirkt? Es ist in gewisser Beziehung ein Unmensch, der über wirkliche Torheit lachen kann. Über Torheit, die uns in der Realität entgegentritt, können wir nicht lachen. Dagegen ist es ungeheuer gesund, über die Torheit, die dargestellt wird, zu lachen. Und es war ein gesundes Volksheilmittel, als man in Burlesken und komödienhaften Darstellungen den Leuten vorführte, wie die Torheit des menschlichen Handelns sich selbst ad absurdum führt. Wenn unser Ich veranlaßt wird, sich im Lachen zu erheben über das, was man in dem Zusammenhange als Torheit erkennt, dann stärkt es sich gerade an dem Anblick der uns künstlerisch vorgeführten Torheit, und es gibt kein gesunderes Lachen als das, welches hervorgerufen wird durch die künstlerisch dargestellte Torheit, während es unmenschlich ist, über das, was einem Mitmenschen passiert, oder über einen wirklichen Toren zu lachen. Daher gehört verschiedene Gesetzmäßigkeit dazu, wenn diese Dinge als Darstellung richtig wirken sollen.

[ 28 ] Wenn wir im Mitleid unser Ich stärker machen sollen, dann müssen wir sagen, das können wir insbesondere dann, wenn uns die mitleiderregende Tatsache in der Wirklichkeit entgegentritt. Dagegen fordern wir von der abgebildeten Wirklichkeit des Elends als gesunde Menschen, daß wir in ihr die Möglichkeit des Sieges über das Elend fühlen. Und beim sterbenden Helden der Tragödie, wo wir zwar den Tod in der Kunst vor Augen haben, fühlen wir, daß in diesem Tode der Sieg des Geistes über die Leiblichkeit symbolisiert wird. Umgekehrt ist die Sache, wenn wir das Ich in ein Verhältnis bringen zur Außenwelt. Da fühlen wir, daß wir gegenüber der Wirklichkeit eigentlich nicht in der rechten Weise zur Heiterkeit oder zum Lachen kommen können, sondern daß wir zum Lachen vorzugsweise durch das kommen, was sich von der Wirklichkeit mehr oder weniger entfernt, was mit der Wirklichkeit mehr oder weniger nichts zu tun hat. Wenn einem Menschen ein Malheur passiert, durch das er nicht besonders geschädigt wird und das mit der Wirklichkeit des Lebens weniger in Zusammenhang steht, dann können wir schon über sein Malheur lachen. Je mehr aber das, was wir erleben, mit der Wirklichkeit in Beziehung steht, desto weniger können wir, wenn sich unser Verständnis darüber erhebt, lachen.

[ 29 ] Daraus sehen wir, daß unser Ich einen verschiedenen Bezug zur Wirklichkeit hat. Diese Verschiedenheit der Tatsachen zeigt uns aber, daß überall ein Zusammenhang auch mit dem Größten vorhanden ist. Wir haben in mancherlei Vorträgen kennengelernt, wie es in der alten Einweihung zwei verschiedene Wege gab, um zum Geistigen zu gelangen: der eine Weg die Versenkung in das eigene Innere, in den Mikrokosmos, der andere das Hinausleben in den Makrokosmos, in die große Welt. Alles nun, was im großen sich auslebt, zeigt sich auch schon in den kleinsten Dingen. Die Art und Weise, wie der Mensch in das eigene Innere hinuntersteigt im alltäglichen Leben, zeigt sich uns in der Trauer; und die Art und Weise, wie der Mensch sich ausleben kann in der Außenwelt, zeigt sich in der Tüchtigkeit, mit der er den Zusammenhang solcher Vorgänge begreifen kann, die ihm im Leben unzusammenhängend entgegentreten. Darin zeigt sich dann das Überlegene des Ich. Und wir haben gehört, daß das Ich, das sich nicht verliert, nur geleitet werden kann durch die Initiation, die in die Außenwelt führt. Sonst verliert es sich und kann, statt in die Außenwelt, nur in ein ihm so erscheinendes Nichts hineinführen.

[ 30 ] Es hängt das Kleinste mit dem Größten zusammen. Deshalb dürfen wir in der Geisteswissenschaft, wo wir uns so oft in die höchsten Sphären erheben, uns schon einmal in die Sphären begeben, die zum Alltäglichsten gehören. Das nächste Mal wollen wir das heute Charakterisierte benützen, wenn wir uns wieder mit höheren Sphären beschäftigen.