What Significance does
Occult Development have for Man's Sheaths
The physical, etheric, and astral bodies, and the Self?
GA 145
22 March 1913, The Hague
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Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen?
3. Die Evolution der menschlichen Sinne
3. The Evolution of the Human Senses
[ 1 ] Gleichsam überführend von dem physischen Hüllensystem des Menschen zu dem ätherischen System, zu dem Ätherleib, sind jene Veränderungen, welche mit dem Menschen vorgehen bei einer okkulten oder anthroposophischen Entwicklung in bezug auf das Muskelsystem und namentlich in bezug auf die Sinne, auf die Sinnesorgane. In bezug auf das Muskelsystem muß gesagt werden, daß der Mensch nicht nur das Muskelsystem nach und nach beweglicher fühlt, wie das ja in bezug auf die anderen physischen Organe gesagt werden konnte, sondern daß er dieses Muskelsystem fühlt — man möchte sagen —, außer dem, daß es lebendiger wird, noch wie mit einem schwachen inneren Bewußtsein durchdrungen. Es ist, als ob das Bewußtsein sich tatsächlich ausdehnte über das Muskelsystem. Und wenn man, gar nicht einmal irgendwie ungenau, aber etwas paradox sprechen wollte über das entsprechende Erlebnis, so könnte man sagen: Man gelangt allmählich dazu im Laufe der esoterischen Entwicklung, die einzelnen Muskeln und ihr System wie innerlich traumhaft zu empfinden; man trägt sein Muskelsystem immer so mit sich herum, daß man von der Tätigkeit dieses Muskelsystems mitten im Tagwachen zwischendurch schwach träumt. Es ist immerhin sehr interessant, gerade diese Veränderung der physischen Hülle ins Auge zu fassen aus dem Grunde, weil man in dieser Wahrnehmung etwas hat, was einen am besten zunächst in gewisser Beziehung unterrichten kann darüber, daß man einen gewissen Fortschritt gemacht hat.
[ 1 ] The changes that occur in a person during occult or anthroposophical development—particularly with regard to the muscular system and, more specifically, the senses and sensory organs—serve, as it were, as a bridge from the human physical body to the etheric system, to the etheric body. With regard to the muscular system, it must be said that the human being not only feels the muscular system gradually becoming more mobile—as could indeed be said of the other physical organs—but that he feels this muscular system—one might say—not only becoming more alive, but also as if permeated by a faint inner consciousness. It is as if consciousness were actually expanding over the muscular system. And if one were to speak—not at all imprecisely, but somewhat paradoxically—about the corresponding experience, one could say: In the course of esoteric development, one gradually comes to perceive the individual muscles and their system as if in an inner dream; one carries one’s muscular system around with oneself in such a way that one occasionally dreams faintly of the activity of this muscular system in the midst of waking life. It is, after all, very interesting to focus specifically on this change in the physical shell, for the reason that in this perception one has something that can best inform one, in a certain sense, that one has made a certain amount of progress.
[ 2 ] Wenn man beginnt, die einzelnen Muskeln so zu fühlen, daß man zum Beispiel beim Beugen und Strecken derselben ein schwaches Bewußtsein davon hat, was da geschieht, ein schwaches Mitgefühl hat, dann muß man sagen: da drinnen geht etwas vor in den Muskeln. Wenn man träumt von seinen Muskelbewegungen, dann ist dies ein Beweis davon, daß man beginnt, den in den physischen Leib hinein imprägnierten Ätherleib nach und nach zu fühlen; denn das, was man da eigentlich fühlt, sind die Kräfte des Ätherleibes, die in den Muskeln tätig sind. So daß es ein Anfang der Wahrnehmung des Ätherleibes ist, wenn man von seinen einzelnen Muskeln träumt, wenn man gleichsam ein traumhaftes Bewußtsein von sich so hat, wie man in anatomischen Lehrbüchern den Menschen dargestellt findet, wo ihm die Haut abgezogen ist und er nur in seinen Muskeln sich zeigt. Ja, es ist schon gewissermaßen ein solches Die Haut-Ausziehen und Von-seinen-einzelnen-Gliedern-Träumen wie von einer Art Gliederpuppe, zu dem man da aufsteigt, wenn man beginnt, das ätherische Wesen wahrzunehmen.
[ 2 ] When one begins to feel the individual muscles in such a way that, for example, when bending and stretching them, one has a faint awareness of what is happening there, a faint sense of empathy, then one must say: something is going on inside the muscles. When one dreams of one’s muscle movements, this is proof that one is beginning to gradually sense the etheric body impregnated within the physical body; for what one actually feels there are the forces of the etheric body at work in the muscles. So that it is a beginning of the perception of the etheric body when one dreams of one’s individual muscles, when one has, as it were, a dreamlike awareness of oneself just as one finds the human being depicted in anatomical textbooks, where the skin has been stripped away and he is revealed only in his muscles. Yes, it is, in a sense, a kind of “peeling away the skin” and “dreaming of one’s individual limbs” as if of a sort of limb puppet, to which one ascends when one begins to perceive the etheric being.
[ 3 ] Weniger behaglich, aber auch nicht ausbleibend ist die Empfindlichkeit, wenn gleichsam ins Bewußtsein heraufdämmert das Knochensystem. Es ist deshalb weniger behaglich, weil, wenn dieses Knochensystem wahrgenommen wird, man an ihm eigentlich am meisten, am hervorstechendsten sein allmähliches Altwerden empfindet. Deshalb ist es nicht gerade behaglich, zu achten auf die Empfindlichkeit, die gegenüber dem Knochensystem auftritt, was ja der Mensch im Grunde genommen sonst im normalen Leben gar nicht fühlt; aber er beginnt so etwas wie einen Schatten in sich zu fühlen in seinem Knochensystem, wenn er sich ätherisch entwickelt. Und dann bekommt man einen Begriff davon, daß es doch einer gewissen uralten hellseherischen Kraft der Menschen entsprach, daß sie das Gerippe als den symbolischen Ausdruck des Todes darstellten. Sie wußten, daß man in seinem Gerippe das Herannahen des Todes nach und nach fühlen lernt.
[ 3 ] Less pleasant, though by no means absent, is the sensation that arises when, as it were, the skeletal system dawns upon one’s consciousness. It is less pleasant because, when this skeletal system is perceived, it is through it that one most acutely and strikingly senses one’s gradual aging. That is why it is not exactly pleasant to pay attention to the sensitivity that arises in relation to the skeletal system, which, after all, a person does not normally feel at all in everyday life; but one begins to feel something like a shadow within oneself in one’s skeletal system when one develops etherically. And then one begins to grasp that it did indeed correspond to a certain ancient clairvoyant power of humanity that they depicted the skeleton as the symbolic expression of death. They knew that one gradually learns to feel the approach of death in one’s skeleton.
[ 4 ] Aber weitaus bedeutungsvoller als alles dieses ist noch jenes Erlebnis, das man gegenüber seinen Sinnesorganen während der esoterischen oder anthroposophischen Entwicklung hat. Wir wissen ja, daß diese Sinnesorgane eigentlich ausgeschaltet werden müssen, wenn der Mensch eine esoterische Entwicklung durchmacht; sie müssen sozusagen schweigen. Dadurch fühlen sich gleichsam die physischen Sinnesorgane während der esoterischen Entwicklung zur Untätigkeit verurteilt; sie sind ausgeschaltet. Dafür nun, daß sie als physische Sinnesorgane ausgeschaltet sind, tritt ein anderes ein: erstens ein allmähliches Bewußtwerden der einzelnen Sinnesorgane wie besondere Welten, die in einen hineindringen. Man lernt empfinden die Augen, die Ohren, sogar den Wärmesinn, wie hineingebohrt in einen. Aber das, was man da empfinden lernt, ist nicht das physische Sinnesorgan, sondern sind die Ätherkräfte, die Kräfte des Ätherleibes, die organisierend wirken an den Sinnesorganen. So daß man, wenn man ausschaltet die Tätigkeit der Sinne, gleichsam aufgehen sieht die Natur dieser Sinnesorgane wie ebenso viele in einen hineingebohrte ätherische Organisationen. Das ist außerordentlich interessant. In dem Maße, wie man ernsthaft während seiner esoterischen Entwicklung zum Beispiel das Auge ausschaltet, nicht mehr auf das physische Sehen reflektiert, in dem Maße lernt man kennen etwas, was sich in die eigene Organisation so hereinbohrt wie Lichtorganismen; man lernt dann wirklich erkennen, daß das Auge allmählich dadurch entstanden ist, daß die inneren Lichtkräfte an unserem Organismus gearbeitet haben. Denn während man absieht von aller Tätigkeit des physischen Auges, fühlt man das Blickfeld durchzogen von den ätherischen Lichtkräften, die organisierend auf das Auge wirken. Eine eigentümliche Erscheinung ist diese, daß man durch das Auge, wenn man es ausschaltet, die Lichtkräfte kennenlernt. Alle physikalischen Theorien sind nichts gegen jene Kenntnis der inneren Natur des Lichtes und seiner Wirkung, die man erfährt, wenn man eine Weile sich geübt hat, die physische Sehkraft des Auges auszuschalten, und allmählich sich hineinfindet, an der Stelle des physischen Augengebrauches wahrzunehmen die innere Natur der ätherischen Lichtkräfte.
[ 4 ] But far more significant than all of this is the experience one has with one’s sense organs during esoteric or anthroposophical development. We know, after all, that these sense organs must actually be shut down when a person undergoes esoteric development; they must, so to speak, fall silent. As a result, the physical sense organs feel, as it were, condemned to inactivity during esoteric development; they are switched off. In place of their being switched off as physical sense organs, something else takes their place: first, a gradual awareness of the individual sense organs as distinct worlds that penetrate into one. One learns to perceive the eyes, the ears, even the sense of warmth, as if they were drilling into one. But what one learns to perceive there is not the physical sense organ, but rather the etheric forces, the forces of the etheric body, which act in an organizing manner upon the sense organs. So that when one switches off the activity of the senses, one sees, as it were, the nature of these sense organs unfold as so many etheric organizations bored into one. This is extraordinarily interesting. To the extent that one seriously, during one’s esoteric development, for example, shuts down the eye and no longer reflects on physical seeing, to that extent one comes to know something that burrows into one’s own organism like light organisms; one then truly comes to recognize that the eye has gradually come into being through the inner light forces working upon our organism. For while one refrains from all activity of the physical eye, one feels the field of vision permeated by the etheric light forces that act in an organizing manner upon the eye. It is a peculiar phenomenon that, by switching off the eye, one comes to know the light forces through it. All physical theories pale in comparison to that knowledge of the inner nature of light and its effects which one experiences when, after practicing for a while to switch off the physical vision of the eye, one gradually learns to perceive the inner nature of the ethereal forces of light in place of the physical use of the eye.
[ 5 ] Der Wärmesinn liegt gleichsam auf einer niedrigeren Stufe. Es ist ja außerordentlich schwer, wirklich auszuschalten die Empfindlichkeit für Wärme und Kälte. Es gelingt einem am besten, wenn man versucht während seiner esoterischen Entwicklung während der Dauer der Meditation nicht von irgendeinem Wärmegefühl gestört zu werden. Da ist es also gut, seine Meditation so zu machen, daß man gerade von jener Temperatur umgeben ist, welche weder als Wärme noch als Kälte empfunden wird, so daß man in keiner Weise irritiert wird, weder durch Wärme- noch durch Kältegefühle. Wenn einem das gelingt, dann kann man — allerdings ist es nur schwierig zu unterscheiden von der gewöhnlichen Temperaturwahrnehmung —, dann kann man sich nach und nach daran gewöhnen, auch die innere Natur des Wärmeäthers kennenzulernen, des den Raum durchstrahlenden Wärmeäthers; dann erst fühlt man sich in seiner eigenen Leiblichkeit wie durchdrungen von der eigentlichen Tätigkeit des Wärmeäthers. Wenn man nicht mehr die empfindungsmäßige Wahrnehmung der Wärme hat, dann lernt man die Natur des Wärmeäthers durch sich selbst kennen.
[ 5 ] The sense of heat, so to speak, operates on a lower level. It is, after all, extremely difficult to truly eliminate sensitivity to heat and cold. One succeeds best if, during one’s esoteric development, one tries not to be disturbed by any sensation of warmth during the course of meditation. It is therefore advisable to conduct one’s meditation in such a way that one is surrounded by a temperature that is perceived as neither warm nor cold, so that one is not irritated in any way, neither by sensations of warmth nor of cold. If one succeeds in this—though it is difficult to distinguish from ordinary temperature perception—then one can gradually become accustomed to getting to know the inner nature of the warmth ether, the warmth ether that radiates through space; only then does one feel, in one’s own physicality, as if permeated by the actual activity of the warmth ether. When one no longer has the sensory perception of warmth, one comes to know the nature of the warmth ether through oneself.
[ 6 ] Durch die Ausschaltung des Geschmackssinnes, natürlich ist ja der Geschmackssinn während der esoterischen Übungen ausgeschaltet, gewiß, aber wenn es einem dann gelingt, an Geschmacksempfindungen sich zu erinnern, dann ist damit ein Mittel gegeben, die Natur eines noch feineren Äthers zu erkennen, als der Lichtäther ist, des sogenannten chemischen Äthers. Es ist das auch nicht ganz leicht, aber man kann es erleben. Ebenso kann man durch die entsprechende Ausschaltung des Geruchssinnes den Lebensäther erkennen.
[ 6 ] By suspending the sense of taste—which, of course, is suspended during esoteric exercises—but if one then succeeds in recalling taste sensations, this provides a means of perceiving the nature of an ether even finer than the light ether, the so-called chemical ether. This is not entirely easy either, but it can be experienced. Similarly, by appropriately suspending the sense of smell, one can perceive the life ether.
[ 7 ] Eigentümlich ergeht es einem mit der Ausschaltung des Gehörs. Da muß man allerdings es dahin bringen, eine solche Abgezogenheit zu erreichen, daß man, wenn auch Hörbares in der Nähe vorgeht, es nicht mehr hört. Man muß also willkürlich von Hörbarem absehen lernen. Dann treten einem entgegen wie hereingebohrt in den Organismus die im Ätherleib befindlichen Kräfte, welche unser Gehörorgan organisierten. Man macht dabei eine merkwürdige Entdeckung. Diese Dinge gehören in der Tat zu den immer höher und höher liegenden Geheimnissen. Daher wird es vielleicht unschwer gesagt werden können, daß nicht gleich alles das durchschaut werden kann, was mit Bezug auf diese Erlebnisse gegenüber solchen Sinnen wie dem Gehörsinn gesagt wird. Man macht nämlich die Entdeckung, daß das Ohr eine solche Organisation hat, daß man genau erkennt: Dieses Ohr, so wie wir es als Mensch an uns tragen in seiner wunderbaren Organisation, könnte gar nicht aus den Kräften heraus gebildet sein, welche als Ätherkräfte die Erde als solche umspielen. Die Lichtkräfte, die Ätherkräfte des Lichtes, die die Erde umspielen, hängen innig zusammen mit der Bildung unserer Augen, wenn auch die Augenanlage schon früher vorhanden war; aber so, wie das Auge gestaltet ist, wie es jetzt am Organismus sitzt, so hängt es innig zusammen mit den Lichtätherkräften der Erde. Ebenso hängt unser Geschmackssinn mit den chemischen Ätherkräften der Erde zusammen, er ist zum großen Teil aus diesen herausgebildet. Unser Geruchssinn hängt mit dem Lebensäther der Erde zusammen; er ist fast ausschließlich organisiert aus dem Lebensäther, der die Erde umspielt. Unser Gehörorgan zeigt aber, wenn es okkultistisch erlebt wird innerhalb einer esoterischen Entwicklung, daß es zum allergeringsten Teil den die Erde umspielenden Ätherkräften sein Dasein verdankt. Man möchte sagen: die letzte Hand haben an unser Gehörorgan die Ätherkräfte angelegt, welche die Erde umspielen; aber dieses Gehörorgan ist so von diesen Ätherkräften, welche die Erde umspielen, behandelt worden, daß sie es eigentlich nicht vollkommener gemacht haben, dieses Gehörorgan, sondern unvollkommener; denn diese die Erde umspielenden Ätherkräfte können auf das Ohr nur dadurch wirken, daß sie in der Luft tätig sind und fortwährend an der Luft einen Widerstand haben.
[ 7 ] It is a peculiar experience to shut out one’s hearing. To do so, however, one must achieve such a state of detachment that, even when audible sounds are occurring nearby, one no longer hears them. One must therefore learn to deliberately disregard audible sounds. Then the forces residing in the etheric body—which organized our organ of hearing—come to meet us as if drilling into our organism. In doing so, one makes a remarkable discovery. These things indeed belong to the mysteries that lie ever higher and higher. Therefore, it may perhaps be easy to say that not everything that is said in connection with these experiences regarding senses such as the sense of hearing can be immediately understood. One discovers, in fact, that the ear is organized in such a way that one recognizes clearly: this ear, as we humans possess it in its marvelous organization, could not possibly have been formed from the forces that, as etheric forces, surround the Earth as such. The light forces, the etheric forces of light that surround the Earth, are intimately connected with the formation of our eyes, even though the eye structure was already present earlier; but the way the eye is shaped, the way it is now situated in the organism, is intimately connected with the light-etheric forces of the Earth. Likewise, our sense of taste is connected to the chemical etheric forces of the Earth; it is largely formed from these. Our sense of smell is connected to the life-ether of the Earth; it is almost exclusively organized from the life-ether that surrounds the Earth. Our hearing organ, however, when experienced occultly within an esoteric development, reveals that it owes its existence to the least extent to the etheric forces surrounding the Earth. One might say: the final touch to our hearing organ was given by the etheric forces surrounding the Earth; but this organ of hearing has been treated by these etheric forces surrounding the Earth in such a way that they have not actually made it more perfect, but rather less so; for these etheric forces surrounding the Earth can only act upon the ear by being active in the air and constantly encountering resistance in the air.
[ 8 ] Daher kann man, obzwar das paradox gesprochen ist, sagen: Eine viel feinere Organisation, die da war, ist auf der Erde in unserem Gehörorgan korrumpiert worden. Und dann wird auf dieser Stufe sogar durch eigenes Erlebnis es erklärlich für den sich entwikkelnden Anthroposophen, daß er das Ohr, das ganze Gehörorgan schon mitgebracht hat auf die Erde, als er den Weg von dem alten Mond zur Erde herein machte; ja, daß dieses Gehörorgan auf dem alten Monde viel vollkommener war als auf der Erde. Man lernt es allmählich dem Ohre anfühlen, daß man ihm gegenüber, möchte man sagen — man muß manchmal paradoxe Ausdrücke wählen —, daß man ihm gegenüber melancholisch werden könnte, weil das Ohr zu den Organen gehört, die in ihrer ganzen Einrichtung, in ihrer ganzen Struktur zeugen von vergangenen Vollkommenheiten. Und wer die eben ein wenig angedeuteten Erlebnisse allmählich sich heranzieht, der wird den Okkultisten verstehen, der allerdings aus noch viel tieferen Kräften heraus seine Erkenntnis schöpft, den Okkultisten, der ihm sagt: Auf dem alten Mond hatte das Ohr eine viel größere Bedeutung für den Menschen als heute. Damals war das Ohr dazu da, gleichsam ganz zu leben in der auf dem Mond in einer gewissen Beziehung noch erklingenden Sphärenmusik. Und gegenüber diesen Klängen der auf dem Monde, obzwar schon schwach im Vergleich zu früher, aber doch erklingenden Töne der Sphärenmusik verhielt sich das Ohr so, daß es sie aufnahm. Es war sozusagen auf dem alten Monde vermöge seiner damaligen Vollkommenheit immer in Musik getaucht. Diese Musik, die teilte sich noch auf dem alten Monde der ganzen menschlichen Organisation mit; die Musikwellen durchdrangen auf dem alten Monde noch die menschliche Organisation, und das innere Leben des Menschen war auf dem alten Monde ein Miterleben mit der ganzen musikalischen Umgebung, ein Anpassen an die ganze musikalische Umgebung; das Ohr war ein Kommunikationsapparat, um jene Bewegungen innerlich nachzumachen, welche außen als Sphärenmusik erklangen. Der Mensch fühlte sich auf dem alten Monde noch wie eine Art Instrument, auf welchem der Kosmos mit seinen Kräften spielte, und die Ohren waren in ihrer damaligen Vollkommenheit die Vermittler zwischen den Spielern des Kosmos und dem Instrument des menschlichen Organismus auf dem alten Mond. So wird einem die heutige Einrichtung des Gehörorganes wie zum Wecker einer Erinnerung, und man verbindet einen Sinn damit, daß durch eine Art Korruption des Gehörorgans der Mensch unfähig geworden ist, die Sphärenmusik zu erleben, daß er sich emanzipiert hat und daß er diese Sphärenmusik nur hereinfangen konnte in das, was heutige Musik ist, die sich im Grunde genommen doch nur innerhalb der Luft, die die Erde umspielt, abspielen kann.
[ 8 ] Therefore, although this may sound paradoxical, one can say: A much finer organization that once existed has been corrupted on Earth within our organ of hearing. And then, at this stage, it becomes clear even through personal experience to the developing anthroposophist that he already brought the ear, the entire hearing organ, with him to Earth when he made his way from the ancient Moon to Earth; indeed, that this hearing organ was much more perfect on the ancient Moon than it is on Earth. One gradually learns to feel this in relation to the ear—one might say, if one wishes to use paradoxical expressions—that one could become melancholic in its presence, because the ear belongs to those organs whose entire structure bears witness to past perfections. And whoever gradually draws near to the experiences just briefly hinted at will understand the occultist, who, admittedly, draws his knowledge from even deeper forces, the occultist who tells him: On the ancient Moon, the ear had a much greater significance for human beings than it does today. Back then, the ear existed, as it were, to live entirely within the music of the spheres that still resounded on the Moon in a certain sense. And in response to these sounds—the tones of the music of the spheres that still resounded on the Moon, albeit faintly compared to earlier times—the ear behaved in such a way that it absorbed them. It was, so to speak, always immersed in music on the old Moon by virtue of its perfection at that time. This music was still communicated to the entire human organism on the old Moon; the musical waves still permeated the human organism on the old Moon, and the inner life of the human being on the old Moon was a sharing in the entire musical environment, an attunement to the entire musical environment; the ear was a communicative organ for internally imitating those movements that resounded externally as the music of the spheres. On the old Moon, human beings still felt like a kind of instrument on which the cosmos played with its forces, and the ears, in their perfection at that time, were the mediators between the players of the cosmos and the instrument of the human organism on the old Moon. Thus, the present structure of the hearing organ serves as a kind of reminder, and one associates with it the idea that, through a kind of corruption of the hearing organ, humanity has become incapable of experiencing the music of the spheres, that it has emancipated itself, and that it could only capture this music of the spheres in what is today’s music, which, after all, can only play out within the air that surrounds the Earth.
[ 9 ] Auch anderen Sinnen gegenüber tauchen Erlebnisse auf; aber sie werden allerdings immer undeutlicher, und es würde nicht viel Bedeutung haben, die Erlebnisse in bezug auf andere Sinnesorgane zu verfolgen aus dem einfachen Grunde, weil es schwierig ist, mit den gewöhnlichen menschlichen Begriffen in diese Veränderungen hineinzuleuchten, die sich an ihnen durch die esoterische Entwicklung vollziehen. Was würde es zum Beispiel für eine Bedeutung haben gegenüber dem, was der Mensch heute auf der Erde erfahren kann, wenn von dem Sprachsinn gesprochen würde — ich meine nicht von dem Sinn für das Sprechen. Für diejenigen, die die Vorträge über «Anthroposophie» in Berlin gehört haben, ist es schon bekannt, daß es einen eigenen Sprachsinn gibt. Wie es den Tonsinn gibt, so gibt es einen eigenen Sinn, der nur innerlich ein Organ hat und nicht äußerlich, für die Wahrnehmung des gesprochenen Wortes selber. Dieser Sinn ist noch mehr korrumpiert worden; er ist so korrumpiert worden, daß heute im Grunde genommen nur noch ein letzter Nachklang vorhanden ist von demjenigen, was dieser Sprachsinn zum Beispiel noch auf dem alten Monde war. Auf dem alten Monde diente dasjenige, was heute zum Sprachsinn, zum Verstehen der Worte bei unseren Mitmenschen geworden ist, dazu, sich in die ganze Umgebung bewußt mit imaginativem Bewußtsein hineinzufühlen, um den alten Mond gleichsam zu umkreisen. Welche Bewegungen man machte, wie man sich zurechtfand, das diktierte der Sprachsinn auf dem alten Monde. Man lernt erst allmählich kennen diese Art der Erlebnisse des Sprachsinnes, wenn man sich nach und nach eine Empfindung für den inneren Wert der Vokale und Konsonanten aneignet, wie empfunden wird dieser innere Wert dieser Vokale und Konsonanten bei den mantrischen Sätzen. Aber es ist dies doch nur ein schwacher Nachklang, zu dem sich der Erdenmensch im allgemeinen auf diesem Gebiet erheben kann gegenüber dem, was der Sprachsinn einstmals war.
[ 9 ] Experiences also arise in relation to other senses; but they do become increasingly indistinct, and it would not be very meaningful to pursue these experiences in relation to other sense organs for the simple reason that it is difficult to shed light on these changes—which take place in them through esoteric development—using ordinary human concepts. What significance, for example, would it have in relation to what a person can experience on Earth today if we were to speak of the sense of language—I do not mean the sense for speaking. For those who have heard the lectures on “Anthroposophy” in Berlin, it is already known that there is a distinct sense of language. Just as there is a sense of sound, so there is a distinct sense—one that has an organ only within and not without—for the perception of the spoken word itself. This sense has been corrupted even further; it has been corrupted to such an extent that today, in essence, only a final echo remains of what this sense of language was, for example, on the ancient Moon. On the old Moon, what has today become the sense of language—the understanding of words among our fellow human beings—served to consciously empathize with the entire surroundings through imaginative consciousness, so as to circle the old Moon, as it were. The movements one made, the way one found one’s bearings, were dictated by the sense of language on the old Moon. One only gradually comes to know this kind of experience of the sense of language when one gradually acquires a sense of the inner value of the vowels and consonants—as this inner value of the vowels and consonants is perceived in the mantric phrases. But this is, after all, only a faint echo of what the sense of language once was, to which the earthly human being can generally rise in this realm.
[ 10 ] So sehen Sie, meine lieben Freunde, wie der Mensch sich hier allmählich hineinlebt in die Wahrnehmung seines ätherischen Leibes, wie das, was er gleichsam von sich weist in seiner okkulten Entwicklung, die Tätigkeit der physischen Sinne, sich ihm ersetzt auf der anderen Seite, indem es ihn hineinführt in die Wahrnehmung des ätherischen Leibes. Aber es ist eigentümlich: diese Wahrnehmungen vom Ätherleibe, von denen jetzt eben gesprochen worden ist, wir fühlen sie so, wenn wir sie erleben, als ob sie nicht recht zu uns gehörten, als ob sie — wie gesagt — von außen in uns hineingebohrt würden. Wir fühlen den Lichtkörper in uns wie hineingebohrt, wir fühlen etwas wie eine auf der Erde nicht hörbare musikalische Bewegung durch unser Ohr in uns hineingebohrt; den Wärmeäther fühlen wir allerdings nicht wie in uns hineingebohrt, sondern uns durchdringend; und wir lernen fühlen die Tätigkeit des in uns arbeitenden chemischen Äthers für den ausgeschalteten Geschmack und so weiter. Da also sind wir bereits daran, daß der Mensch gegenüber dem Zustand, den man als den normalen bezeichnet, verändert fühlt seinen Ätherleib, in den gleichsam von außen Pfropfen hereingetrieben sind.
[ 10 ] So you see, my dear friends, how the human being gradually becomes attuned to the perception of his etheric body; how that which he, as it were, casts aside in his occult development—the activity of the physical senses—is replaced on the other side by leading him into the perception of the etheric body. But it is peculiar: these perceptions of the etheric body, which have just been discussed, we feel them, when we experience them, as if they did not quite belong to us, as if they were—as I said—drilled into us from the outside. We feel the light body as if bored into us; we feel something like a musical movement inaudible on Earth being bored into us through our ear; we do not, however, feel the warmth ether as if bored into us, but rather as permeating us; and we learn to feel the activity of the chemical ether working within us for the deactivated sense of taste, and so on. So here we are already at the point where, compared to the state one calls normal, the human being feels his etheric body transformed, as if plugs were being driven into it from the outside.
[ 11 ] Nun aber beginnt der Mensch allmählich auch mehr direkt seinen Ätherleib wahrzunehmen. Die auffälligste Veränderung, welche mit dem Ätherleib vor sich geht und die für manchen recht unsympathisch zu vernehmen ist, die nicht erkannt wird als eine Veränderung im Ätherleib, die aber doch eine ist, die besteht darin, daß die esoterische Entwicklung sehr deutlich an sich merken läßt, am eigenen Leib sozusagen merken läßt, wie die Kraft des Gedächtnisses zunächst etwas nachläßt. Das, was man gewöhnlich als Gedächtnis hat, erleidet durch eine esoterische Entwicklung fast immer eine Herabstimmung. Man bekommt zunächst ein schlechteres Gedächtnis. Wer ein schlechteres Gedächtnis nicht haben will, kann eben eine esoterische Entwicklung nicht durchmachen. Namentlich hört auf stark tätig zu sein dasjenige Gedächtnis, das man als mechanisches Gedächtnis bezeichnen kann, das gerade in den Kinder- und Jugendjahren bei Menschen am besten ausgebildet ist und was ja zumeist gemeint ist, wenn vom Gedächtnis die Rede ist. Und gar mancher Esoteriker wird zu klagen haben über die Herabstimmung seines Gedächtnisses. Denn man kann das recht bald bemerken; jedenfalls viel früher, als man die feinen Wahrheiten, die jetzt auseinandergesetzt worden sind, an sich wahrnimmt, bemerkt man diese Herabsetzung des Gedächtnisses. Aber wie man niemals Schaden nehmen kann an seinem physischen Leibe, trotzdem er beweglicher wird, wenn man die richtige anthroposophische Entwicklung einschlägt, so kann man ernstlich doch nicht auf die Dauer Schaden nehmen, auch nicht in bezug auf das Gedächtnis. Man muß nur anstreben, das Richtige zu machen.
[ 11 ] But now the human being is gradually beginning to perceive his etheric body more directly. The most noticeable change taking place in the etheric body—and one that may be quite unpleasant for some to experience, since it is not recognized as a change in the etheric body, though it certainly is one—consists in the fact that esoteric development makes itself very clearly felt, so to speak, in one’s own body, as the power of memory initially wanes somewhat. What one usually calls memory almost always undergoes a downgrade through esoteric development. One’s memory initially becomes weaker. Anyone who does not want to have a poorer memory simply cannot undergo esoteric development. In particular, the aspect of memory that ceases to be strongly active is what can be called mechanical memory—the kind that is most highly developed in people during childhood and adolescence, and which is usually what is meant when people speak of memory. And quite a few esotericists will have cause to complain about the decline of their memory. For one can notice this quite soon; in any case, much earlier than one perceives the subtle truths that have now been expounded, one notices this decline in memory. But just as one can never suffer harm to one’s physical body, even though it becomes more agile when one embarks on the proper anthroposophical development, so too can one seriously not suffer harm in the long run, not even with regard to memory. One must simply strive to do what is right.
[ 12 ] In bezug auf die physische Organisation muß man — während der äußere Leib beweglicher wird, während innerlich seine Organe unabhängiger werden, so daß man sie schwerer in Einklang bringen kann als früher —, muß man sich innerlich stark machen. Das wird getan durch jene sechs Übungen, die Sie im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» geschildert finden. Wer diese in entsprechender Weise macht, wird sehen, daß ihm so viel an innerer Stärke zuwächst, um den beweglicheren physischen Leib in Ordnung zu halten, als er an Kraft verliert durch die esoterische Entwicklung. In bezug nun auf das Gedächtnis müssen wir auch das Richtige tun. Das Gedächtnis, das für das äußere Leben da ist, geht schon einmal verloren; aber wir brauchen gar keinen Schaden zu nehmen, wenn wir darauf achten, für alles das, was uns im Leben angeht, mehr Interesse zu entwickeln, tieferes Interesse, mehr Anteil zu entwickeln, als wir das vorher gewohnt waren. Wir müssen anfangen, uns für die Dinge, die für uns Bedeutung haben, namentlich ein gefühlsmäßiges Interesse anzueignen. Vorher haben wir ein mehr mechanisches Gedächtnis entwickelt, und dieses mechanische Gedächtnis arbeitet auch dann zuweilen recht sicher, wenn man die Dinge, die man sich merken will, nicht besonders liebt; aber das hört auf. Man wird nämlich bemerken, daß man, wenn man eine anthroposophische oder esoterische Entwicklung durchmacht, die Dinge leicht vergißt. Sie fliegen nur so fort, die Dinge, für die man kein gefühlsmäßiges Interesse hat, die man nicht liebgewinnen kann, mit denen man sozusagen nicht seelisch zusammenwächst. Dagegen haftet das um so besser, mit dem man seelisch zusammenwächst. Man muß daher versuchen, geradezu systematisch dieses seelische Zusammenwachsen zu bewirken.
[ 12 ] With regard to physical organization—as the outer body becomes more mobile and its internal organs become more independent, making it harder to bring them into harmony than before—one must strengthen oneself internally. This is achieved through the six exercises described in the second part of my *Esoteric Science*. Those who perform these exercises properly will find that they gain enough inner strength to keep the more mobile physical body in order, even as they lose strength through esoteric development. As for memory, we must also take the right approach. The memory that serves our outer life is bound to be lost; but we need not suffer any harm if we take care to develop more interest in everything that concerns us in life—deeper interest, greater engagement—than we were accustomed to before. We must begin to take an emotional interest in the things that are significant to us. Previously, we developed a more mechanical memory, and this mechanical memory sometimes works quite reliably even when one does not particularly love the things one wants to remember; but that ceases. One will notice, in fact, that when undergoing an anthroposophical or esoteric development, one easily forgets things. They simply fly away—the things in which one has no emotional interest, which one cannot grow to love, with which one does not, so to speak, grow together spiritually. On the other hand, what one grows together with spiritually sticks all the better. One must therefore try to bring about this spiritual growing together in a downright systematic way.
[ 13 ] Man kann folgende Erfahrung machen: Nehmen wir an, irgendeine Persönlichkeit hätte in ihrer Jugend, als sie noch nicht an die Anthroposophie herangekommen war, etwa wenn sie einen Roman gelesen hat, diesen Roman gar nicht vergessen können; sie konnte ihn immer wieder und wiederum erzählen. Nun liest sie später, nachdem sie in die anthroposophische Entwicklung eingetreten ist, einen Roman. Flugs ist er oftmals fort; er kann nicht wiederum erzählt werden. Wenn man aber mit einem Buch, von dem man sich selber diktiert oder diktiert bekommt, daß es einem wertvoll sein soll, die Sache so macht, daß man es einmal durchliest, dann unmittelbar danach versucht, es im Geiste zu repetieren, und man nicht nur repetiert, sondern von hinten nach vorne, die letzten Dinge zuerst und die ersten zuletzt sich wiederholt, wenn man sich die Mühe nimmt, besondere Einzelheiten ein zweites Mal durchzugehen, wenn man so mit der Sache zusammenwächst, wenn man gar noch ein Stück Papier nimmt und sich kurze Gedanken daraus auf schreibt, und wenn man versucht, sich die Frage vorzulegen: Von welcher Seite kannst du dich denn für diesen Gegenstand besonders interessieren? — dann wird man sehen, daß man sich auf diese Weise eine andere Art von Gedächtnis heranerzieht. Das ist nicht dasselbe Gedächtnis. Man merkt genau den Unterschied, wenn man sich seiner bedient. Wenn man sich des mechanischen Gedächtnisses bedient, dann ist es so, daß die Dinge in unsere Seele hineintreten als Erinnerungen; wenn man sich auf diese Weise, wie es jetzt geschildert worden ist, ein Gedächtnis heranerzieht systematisch als Esoteriker oder Anthroposoph, dann ist es so, wie wenn die Dinge, die man durchlebt hat auf diese Weise, stehengeblieben wären in der Zeit. Man lernt gleichsam in der Zeit zurückschauen, und es ist wirklich so, wie wenn man hinausschauen würde auf das Betrachtete; ja man wird bemerken, daß immer mehr und mehr die Dinge bildhaft werden, daß das Gedächtnis immer imaginativer und imaginativer wird. Hat man es so gemacht, wie das eben jetzt geschildert worden ist mit einem Buch, dann braucht man, wenn es notwendig ist, die Sache wiederum vor die Seele hinzustellen, nur irgendwie etwas anzuschlagen, was damit zusammenhängt, dann wird man gleichsam hinschauen auf den Zeitpunkt, wo man mit dem Buch beschäftigt war, man wird sich lesend anschauen. Nicht die Erinnerung kommt: das ganze Bild steigt herauf; man wird dann bemerken können, daß, während man vorher nur in dem Buch gelesen hat, jetzt die Dinge tatsächlich heraufsteigen. Man schaut sie an wie in einer zeitlichen Entfernung; das Gedächtnis wird ein Anschauen von Bildern, die in zeitlicher Entfernung stehen.
[ 13 ] One can observe the following phenomenon: Suppose a person, in their youth, before they had come into contact with anthroposophy—perhaps while reading a novel—could not forget that novel at all; they could recount it over and over again. Now, later on, after they have entered into the anthroposophical path, they read a novel. Often it is quickly forgotten; it cannot be retold. But if one takes a book—one that one has told oneself, or been told, is valuable—and proceeds in such a way that one reads it through once, then immediately afterward attempts to repeat it in one’s mind, and one does not merely repeat it, but goes from back to front, the last things first and the first last, repeating oneself; if one takes the trouble to go through specific details a second time; if one thus grows together with the subject; if one even takes a piece of paper and writes down brief thoughts from it; and if one tries to ask oneself the question: From which aspect can you take a particular interest in this subject? — then one will see that in this way one cultivates a different kind of memory. It is not the same memory. One notices the difference clearly when one makes use of it. When one makes use of mechanical memory, things enter our soul as memories; when one cultivates a memory in this way—as has now been described—systematically as an esotericist or anthroposophist, it is as if the things one has lived through in this manner had remained frozen in time. One learns, as it were, to look back in time, and it is truly as if one were looking out upon what has been observed; indeed, one will notice that things become increasingly pictorial, that memory becomes ever more and more imaginative. If one has done what has just been described with a book, then, when necessary, one need only, to bring the matter before the soul again, to touch upon something related to it; one will then, as it were, look back to the moment when one was engaged with the book; one will see oneself reading. It is not the memory that comes: the entire image rises up; one will then be able to notice that, whereas before one merely read in the book, now the things actually rise up. One looks at them as if from a temporal distance; memory becomes a beholding of images that stand at a temporal distance.
[ 14 ] Dies ist nämlich schon der allererste Anfang, der elementarste allerdings, zum allmählichen Lesenlernen in der Akasha-Chronik: das Gedächtnis ersetzt sich durch ein Lesenlernen in der abgelaufenen Zeit. Und es kann manchmal derjenige, der eine gewisse esoterische Entwicklung durchgemacht hat, sein Gedächtnis fast ganz verloren haben, es schadet ihm nichts, weil er die Dinge rückwärts laufend sieht. Insofern er mit ihnen selbst verbunden war, sieht er sie mit besonderer Deutlichkeit. Ich sage Ihnen da etwas, was derjenige, der außerhalb der Anthroposophie steht, wenn es ihm gesagt wird, durchaus nur auslacht und nur auslachen kann, weil er gar keinen Begriff damit verbinden kann, wenn irgendein Esoteriker zu ihm sagt, er habe kein Gedächtnis mehr, und dann doch ganz gut weiß, was da geschehen ist, weil er es schaut in der Vergangenheit. Da sagt der andere: Du, höre, du hast ja ein ganz vorzügliches Gedächtnis! — weil er keinen Begriff hat, welche Verwandlung da vorgegangen ist. Und dies ist gerade etwas, dem eine Verwandlung im ätherischen Leibe zugrunde liegt.
[ 14 ] This is, in fact, the very first step—albeit the most basic one—toward gradually learning to read the Akashic Records: memory is replaced by learning to read the past. And sometimes, someone who has undergone a certain esoteric development may have lost their memory almost entirely, yet it does them no harm, because they see things running backward. To the extent that they were connected to them, they see them with particular clarity. I will tell you something here that anyone outside of anthroposophy, when told, will simply laugh at and can only laugh at, because they cannot make any sense of it at all when some esotericist tells them they no longer have a memory, yet they know quite well what has happened, because they see it in the past. Then the other person says: “Hey, listen, you have an excellent memory!”—because he has no concept of the transformation that has taken place. And this is precisely something that is based on a transformation in the etheric body.
[ 15 ] Allerdings ist dann in der Regel diese Umwandlung des Gedächtnisses verbunden mit etwas anderem; sie ist verbunden damit, daß auch gewissermaßen eine Art neuer Beurteilung unseres inneren Menschen auftritt. Wir können nämlich nicht diesen rückschauenden Blick uns aneignen, ohne zugleich in einer gewissen Weise einen Standpunkt einzunehmen gegenüber dem, was wir da erlebt haben. So wird derjenige, der in einer späteren Zeit zurückblickt auf etwas, was er so behandelt hat, wie das vorhin von dem Buch gesagt worden ist — wenn er sich selbst so darinnen sieht —, wie selbstverständlich beurteilen müssen, ob das gescheit oder dumm war, daß er sich gerade damit beschäftigt hat. Und stark verbindet sich, als ein anderes Erlebnis, ganz notwendig mit dieser Rückschau eine Art Selbstbeurteilung. Man kann gar nicht anders, als Stellung zu seiner Vergangenheit zu nehmen: Vorwürfe wird man sich in bezug auf das eine machen, man wird froh sein, daß einem das andere gelungen ist; kurz, man wird nicht anders können, als die Vergangenheit beurteilen, die man also rückblickend anschaut. So daß man in der Tat ein schärferer Beurteiler seiner selbst, nämlich seines abgelaufenen Lebens wird. Man fühlt sozusagen den sich in einem regenden Ätherleib — der ja die ganze Vergangenheit in sich hat aus der Rückschau nach dem Tode —, man fühlt diesen Ätherleib wie einen Einschluß in einem selber, wie etwas, das in einem lebt und das den Wert von einem ausmacht. Ja, es geht eine solche Veränderung mit dem Ätherleib vor, daß man oftmals den Drang verspürt zu solcher Selbstrückschau; daß man auf das oder jenes hinblickt, um auf ganz naturgemässe Weise seinen Wert als Mensch beurteilen zu lernen. Während man sonst lebt und ihn nicht wahrnimmt, wird nun der Ätherleib gleichsam wahrgenommen im rückschauenden Blick auf das eigene Leben. Das eigene Leben wird einem allmählich zu schaffen machen, wenn man eine esoterische Entwicklung durchmacht. Dem muß man entgegengehen, daß einem das esoterische Leben gewissermaßen zu schaffen macht, daß man genötigt ist, genauer hinzuschauen auf seine Vorzüge und Fehler, auf seine Irrtümer und Unvollkommenbeiten.
[ 15 ] However, this transformation of memory is usually connected to something else; it is connected to the fact that, in a sense, a kind of new assessment of our inner self also takes place. For we cannot adopt this retrospective perspective without at the same time taking a certain stance toward what we have experienced. Thus, the person who later looks back on something he has treated in the manner described earlier regarding the book—if he sees himself in it—will naturally have to judge whether it was wise or foolish of him to have engaged in that particular activity. And a kind of self-assessment is inevitably and strongly linked to this retrospective view as a distinct experience. One cannot help but take a stance toward one’s past: one will reproach oneself regarding one thing, one will be glad that one succeeded in another; in short, one will be unable to do anything other than judge the past that one thus views in retrospect. So that one indeed becomes a sharper judge of oneself, namely of one’s past life. One feels, so to speak, the etheric body stirring within oneself—which, after all, contains the entire past when viewed in retrospect after death—one feels this etheric body as an inclusion within oneself, as something that lives within one and constitutes one’s very essence. Indeed, such a transformation takes place with the etheric body that one often feels the urge to engage in such self-reflection; that one looks back on this or that in order to learn, in a wholly natural way, to assess one’s value as a human being. Whereas one usually lives without perceiving it, the etheric body is now, as it were, perceived in the retrospective view of one’s own life. One’s own life will gradually become a burden when undergoing esoteric development. One must face the fact that the esoteric life, so to speak, becomes a burden, that one is compelled to look more closely at one’s merits and faults, at one’s errors and imperfections.
[ 16 ] Aber etwas Tieferes, das an den Ätherleib gebunden ist, wird sozusagen wahrnehmbar, etwas, was früher auch wahrnehmbar ist, aber nicht bis zu solcher Stärke. Das ist das Temperament. Und auf der Veränderung des Ätherleibes beruht bei dem sich ernst entwickelnden Esoteriker die größere Empfindsamkeit, die größere Sensitivität gegenüber dem eigenen Temperament. Nehmen wir, um gleich einen besonderen Fall herauszuheben, an dem das besonders anschaulich werden kann, den Melancholiker. Wenn der Melancholiker, der kein Esoteriker geworden ist, der nicht an die Anthroposophie herangekommen ist, der so durch die Welt geht, daß ihn manches mürrisch macht in der Welt, daß manches seine allzu abfällige Kritik herausfordert, den überhaupt die Dinge so berühren, daß sie seine Sympathie und Antipathie stärker hervorrufen als es zum Beispiel beim Phlegmatiker der Fall ist, wenn ein solcher Melancholiker mit all seinen Eigenschaften von jenem Grade an, wo er ein «zuwiderer» Mensch ist, mürrisch, abweisend die ganze Welt, verachtend und hassend, bis zu dem Grade, wo er nur etwas sensitiver ist gegenüber den Wahrnehmungen der Welt — es gibt ja alle Zwischenstufen und Nuancen —, nun, wenn solch ein Melancholiker eintritt in eine esoterische Entwicklung, dann wird ihm da das Temperament im wesentlichen zur Grundlage, den Ätherleib zu empfinden. Es wird ihm das System seiner die Melancholie bewirkenden Kräfte empfindlich, deutlich in sich selber wahrnehmbar, und während er früher bloß seine Unzufriedenheit gegen die äußeren Eindrücke der Welt gerichtet hat, beginnt er jetzt diese Unzufriedenheit gegen sich selbst zu kehren.
[ 16 ] But something deeper, which is connected to the etheric body, becomes perceptible, so to speak—something that was perceptible before as well, but not to such a degree. This is the temperament. And in the seriously developing esotericist, the greater sensitivity, the greater receptivity to one’s own temperament, is based on the transformation of the etheric body. Let us take, to highlight a specific case where this can become particularly vivid, the melancholic. When the melancholic—who has not become an esotericist, who has not come into contact with anthroposophy, who goes through the world in such a way that many things in the world make him morose, that many things provoke his overly disparaging criticism, that things affect him so deeply that they evoke his sympathy and antipathy more strongly than is the case, for example, with the phlegmatic—when such a melancholic, with all his characteristics, from that point onward where he is a “too repulsive” person, grumpy, dismissive of the whole world, contemptuous and hateful, to the extent that he is only slightly more sensitive to the perceptions of the world—there are, of course, all intermediate stages and nuances—well, when such a melancholic enters into an esoteric development, then his temperament essentially becomes the foundation for perceiving the etheric body. The system of forces causing his melancholy becomes sensitive to him, clearly perceptible within himself, and whereas he previously directed his dissatisfaction merely against the external impressions of the world, he now begins to turn this dissatisfaction against himself.
[ 17 ] Es ist sehr notwendig, daß bei einer esoterischen Entwicklung die Selbsterkenntnis sorgfältig geübt wird und daß dem esoterisch sich Entwickelnden nahegelegt wird, daß er diese Selbsterkenntnis übt, die es ihm möglich macht, eine solche Veränderung als Melancholiker ruhig und gelassen hinzunehmen. Wie ihm früher vielfach die Welt zuwider war, wird er sich selber zuwider, fängt er an sich selber zu kritisieren, so daß man sieht, wie ihm an ihm selber alles nicht recht ist. Man kann diese Dinge nur richtig beurteilen, meine lieben Freunde, wenn man das, was man Temperament nennt, in der richtigen Art am Menschen sieht. Ein Melancholiker ist ja nur dadurch ein Melancholiker, daß bei ihm das melancholische Temperament vorschlägt; denn im Grunde genommen hat jeder Mensch alle vier Temperamente in seiner Seele. Ein Melancholiker ist in gewissen Dingen auch wiederum phlegmatisch, in anderen sanguinisch, wieder in anderen cholerisch; es schlägt nur sozusagen vor dem phlegmatischen und sanguinischen und cholerischen Temperament das melancholische besonders vor. Und ein Phlegmatiker ist nicht derjenige, der etwa alle anderen 'Temperamente nicht hätte und nur das Phlegmatische, sondern bei ihm schlägt das phlegmatische Temperament vor und die anderen Temperamente halten sich mehr im Hinter- und Untergrunde seiner Seele. Und so ist es auch bei den anderen Temperamenten.
[ 17 ] It is essential that, in the course of esoteric development, self-knowledge be carefully cultivated, and that the esoteric seeker be encouraged to practice this self-knowledge, which enables him to accept such a change—becoming melancholic—with calm and composure. Just as the world was often repugnant to them in the past, they will come to find themselves repugnant; they will begin to criticize themselves, so that one can see how nothing about themselves is right to them. One can only judge these things correctly, my dear friends, if one perceives what is called temperament in the right way in human beings. A melancholic is, after all, only a melancholic because the melancholic temperament predominates in him; for, fundamentally speaking, every human being possesses all four temperaments in his soul. A melancholic is, in certain respects, also phlegmatic, in others sanguine, and in still others choleric; it is just that, so to speak, the melancholic temperament stands out more prominently than the phlegmatic, sanguine, and choleric ones. And a phlegmatic person is not someone who lacks all other temperaments and possesses only the phlegmatic one, but rather the phlegmatic temperament predominates in them, while the other temperaments remain more in the background and underlying depths of their soul. And so it is with the other temperaments as well.
[ 18 ] Wie nun die Veränderung des Ätherleibes bei dem ausgesprochenen Melancholiker so auftritt, daß er sozusagen sich gegen sich selber mit seiner Melancholie kehrt, so treten auch Veränderungen, neue Empfindungen gegenüber den anderen Temperamentseigenschaften hervor. Aber es kann durch eine weise Selbsterkenntnis dahin gebracht werden bei der esoterischen Entwicklung, daß man die Schäden ausbessert, die etwa angerichtet werden durch das hervorstechende Temperament; daß man in einem höheren Grade zu empfinden beginnt: es können diese Schäden ausgebessert werden dadurch, daß man auch mit den anderen Temperamenten Veränderungen bewirkt; solche Veränderungen, die gleichsam die Waage halten der hauptsächlichsten Veränderung mit dem hervorstechendsten Temperament. Da muß man nur erkennen, wie die Veränderungen gegenüber den anderen Temperamenten auftreten.
[ 18 ] Just as the change in the etheric body of the pronounced melancholic occurs in such a way that he, so to speak, turns his melancholy against himself, so too do changes and new sensations emerge in relation to the other temperamental qualities. But through wise self-knowledge in the course of esoteric development, one can reach a point where one repairs the damage that may have been caused by the dominant temperament; where one begins to perceive to a greater degree that this damage can be repaired by bringing about changes in the other temperaments as well; such changes that, as it were, balance out the primary change associated with the most prominent temperament. One need only recognize how these changes manifest in relation to the other temperaments.
[ 19 ] Nehmen wir an, daß ein Phlegmatiker ein Esoteriker wird — er wird schwer dazu zu bringen sein; aber nehmen wir an, er sei dazu zu bringen, ein recht guter Esoteriker zu werden. Es ist durchaus nicht unmöglich, das zu erreichen, weil der Phlegmatiker zuweilen, wenn er starke Eindrücke empfängt, machtlos ist gegenüber gewissen Eindrücken; so daß manchmal gerade das phlegmatische Temperament, wenn es nicht vom Materialismus zu weit angefressen ist, gar keine ganz üble Vorbedingung für eine esoterische Entwicklung ist; es muß nur edler sozusagen zutage treten als in dem grotesken Sinn, in dem man oftmals einzig und allein das phlegmatische Temperament sieht. Wenn ein solcher Phlegmatiker Esoteriker wird, dann verändert sich das phlegmatische Temperament in einer eigentümlichen Weise. Der Phlegmatiker hat dann sehr stark die Neigung, recht gut sich selber zu beobachten, und es macht ihm sozusagen am wenigsten Leid, sich so recht selber zu beobachten, und deshalb ist das phlegmatische Temperament eine nicht schlechte Vorbedingung für eine esoterische Entwicklung, wenn sie eintreten kann, weil er dann zu einer gewissen ruhigen Selbstbeobachtung ganz geeignet ist. Es regt ihn nicht, wie den Melancholiker, alles auf, was er an sich selber wahrnimmt; und dadurch, wenn er dann Selbstbeobachtungen macht, gehen diese sogar in der Regel tiefer als die Selbstbeobachtungen des Melancholikers, der überall durch das Wüten gegen sich selber zurückgehalten wird. Wenn daher der Phlegmatiker eine Seelenentwicklung hat, dann ist er sozusagen der beste Schüler für die ernsthafte anthroposophische Entwicklung.
[ 19 ] Let us suppose that a phlegmatic person becomes an esotericist—it will be difficult to persuade him to do so; but let us suppose that he can be persuaded to become a quite good esotericist. It is by no means impossible to achieve this, because the phlegmatic person is sometimes, when receiving strong impressions, powerless against certain impressions; so that sometimes the phlegmatic temperament, if it has not been too deeply eroded by materialism, is not at all a bad prerequisite for esoteric development; it must simply come to the fore in a more noble way, so to speak, than in the grotesque sense in which one often sees the phlegmatic temperament alone. When such a phlegmatic person becomes an esotericist, the phlegmatic temperament changes in a peculiar way. The phlegmatic person then has a very strong tendency to observe themselves quite well, and it causes them, so to speak, the least distress to observe themselves in this way; and therefore the phlegmatic temperament is not a bad prerequisite for esoteric development, if it can take place, because they are then quite suited to a certain calm self-observation. Unlike the melancholic, he is not agitated by everything he perceives in himself; and as a result, when he engages in self-observation, it generally goes even deeper than the self-observation of the melancholic, who is held back everywhere by his rage against himself. Therefore, when the phlegmatic person undergoes spiritual development, he is, so to speak, the best student for serious anthroposophical development.
[ 20 ] Nun hat jeder Mensch eben alle Temperamente in sich, und — wie gesagt — beim Melancholiker schlägt nur das melancholische Temperament vor. Es ist zum Beispiel auch das phlegmatische Temperament in ihm. Man kann immer an dem Melancholiker Seiten finden, wo er sich als Phlegmatiker gegenüber diesen oder jenen Dingen zeigt. Man muß nun versuchen, wenn der Melancholiker Esoteriker wird und man ihn irgendwie leiten kann, man muß versuchen — während er auf der einen Seite ganz gewiß anfangen wird, scharf mit sich selber zu Werke zu gehen, so daß immer Selbstvorwürfe kommen — seinen Sinn hinzulenken auf die Dinge, gegenüber denen er vorher phlegmatisch gewesen war. Man muß versuchen sein Interesse zu erregen gegenüber Dingen, für die er sich früher nicht interessiert hat. Wenn einem das gelingt, dann paralysiert man gewissermaßen die Schäden, die durch die Melancholie hervorgerufen werden.
[ 20 ] Now, every person possesses all the temperaments within themselves, and—as I said—in the melancholic, only the melancholic temperament predominates. For example, the phlegmatic temperament is also present within them. One can always find aspects of the melancholic where they reveal themselves as a phlegmatic in relation to this or that matter. One must now try, when the melancholic person becomes an esotericist and one can guide them in some way, one must try—while on the one hand they will certainly begin to be very hard on themselves, so that self-reproach constantly arises—to direct their attention toward the things toward which they had previously been phlegmatic. One must try to arouse his interest in things he was not interested in before. If one succeeds in this, then one effectively neutralizes the damage caused by melancholy.
[ 21 ] Ein eigenartiger Esoteriker wird der Sanguiniker, der ja dadurch im äußeren Leben charakterisiert ist, daß er leicht von Eindruck zu Eindruck eilt und nicht gerne an einem Eindruck festhalten will. Der verändert sich nämlich ganz eigentümlich durch die Umwandlung seines Ätherleibes; der wird in dem Augenblicke, wo er es versuchen will oder wo ein anderer versucht, ihm Esoterik beizubringen, der wird ein Phlegmatiker gegenüber seinem eigenen Innern; so daß der Sanguiniker unter Umständen das wenigst gute Material ist zunächst in bezug auf sein Temperament für die esoterische Entwicklung. Wenn der Sanguiniker zur Esoterik oder zum anthroposophischen Leben kommt — und er kommt sehr häufig dazu, denn er interessiert sich ja für alles mögliche, so auch einmal, wenn auch nicht intensiv, für Anthroposophie oder Esoterik, es hält nur nicht lange vor —, dann muß er zu einer Art Selbstbeobachtung kommen; aber er nimmt das alles mit großer Gleichgültigkeit auf, er schaut nicht gerne in sich selber hinein. Dies oder jenes an ihm interessiert ihn schon, aber es geht nicht besonders tief. Er entdeckt allerlei interessante Eigenschaften an sich, er aber ist dann gleich damit zufrieden; und er spricht ganz gern von dieser interessanten Eigenschaft, hat aber die ganze Sache bald wieder vergessen, auch das, was er an sich selber beobachtet hat. Und unter denjenigen, die der Esoterik nahetreten aus einem Augenblicksinteresse heraus und die ihr bald wieder entlaufen, sind vorzugsweise sanguinische Naturen.
[ 21 ] The sanguine person becomes a peculiar kind of esotericist, characterized in their outer life by the fact that they easily rush from one impression to the next and are reluctant to hold on to any single impression. For he undergoes a very peculiar transformation through the metamorphosis of his etheric body; the moment he attempts to do so, or when someone else attempts to teach him esotericism, he becomes a phlegmatic toward his own inner self; so that, under certain circumstances, the sanguine type is initially the least suitable material for esoteric development, given his temperament. When the sanguine person comes to esotericism or to the anthroposophical life—and he comes to it very often, for he is interested in all sorts of things, including, at times, though not intensely, in anthroposophy or esotericism; it just doesn’t last long—then he must come to a kind of self-observation; but he takes it all in with great indifference; he does not like to look within himself. This or that aspect of himself does interest him, but it doesn’t go particularly deep. He discovers all sorts of interesting qualities in himself, but he is immediately satisfied with them; and he quite likes to talk about this interesting quality, but soon forgets the whole thing again, including what he has observed in himself. And among those who approach esotericism out of a momentary interest and who soon turn away from it again, there are predominantly sanguine natures.
[ 22 ] Wir werden morgen versuchen, das, was ich heute in Worten ausführe, auch ein wenig durch die Zeichnung des Ätherleibes auf die Tafel uns klarzumachen; wir werden dann die Veränderungen des Ätherleibes durch die anthroposophische oder esoterische Entwicklung dazu zeichnen.
[ 22 ] Tomorrow we will try to clarify what I am explaining in words today by sketching the etheric body on the blackboard; we will then draw the changes in the etheric body resulting from anthroposophical or esoteric development.
[ 23 ] Noch anders ist es mit dem cholerischen Temperament. Beim Choleriker wird es fast gar nicht oder doch nur in den allerseltensten Fällen gelingen, ihn zum Esoteriker zu machen; er wird sich gerade dadurch auszeichnen, wenn das cholerische Temperament besonders bei ihm ausgesprochen ist als Persönlichkeit, daß er alle Esoterik von sich weist; nichts wissen will von ihr. Es kann aber doch sein, daß durch die karmischen Lebensverhältnisse gerade der Choleriker auch einmal an die Esoterik herangebracht wird; dann wird er es schwer haben, Veränderungen gerade in seinem Ätherleibe zu bewirken; denn dieser Ätherleib erweist sich beim Choleriker als besonders dicht, schwer beeinflußbar. Beim Melancholiker ist der Ätherleib so, man möchte sagen — verzeihen Sie den trivialen Vergleich, aber es wird anschaulich werden durch ihn, was ich sagen will —, beim Melancholiker ist der Ätherleib so wie ein Gummiball, aus dem man die Luft herausgeblasen hat: wenn man eine Vertiefung hineinbohrt, so bleibt sie lange. Beim Choleriker ist der Ätherleib so wie ein Gummiball, der ganz mit Luft vollgepreßt ist; wenn man eine Vertiefung hineinmachen will, so hält er nicht nur nicht die Vertiefung, sondern er drängt einen noch ganz gehörig zurück. Also wenig nachgiebig, knorrig ist der Ätherleib des Cholerikers.
[ 23 ] The situation is quite different with the choleric temperament. In the case of the choleric person, it will be almost impossible—or at least only in the rarest of cases—to turn him into an esotericist; he will be characterized precisely by the fact that, when the choleric temperament is particularly pronounced in him as a personality, he rejects all esotericism and wants nothing to do with it. It may, however, be the case that, due to karmic circumstances, the choleric person may at some point be brought into contact with esotericism; in that case, he will find it difficult to bring about changes in his etheric body; for this etheric body proves to be particularly dense and difficult to influence in the choleric person. In the melancholic, the etheric body is—one might say—forgive the trivial comparison, but it will make what I mean clear—in the melancholic, the etheric body is like a rubber ball from which the air has been blown out: if you make a dent in it, it remains for a long time. In the choleric person, the etheric body is like a rubber ball that is completely filled with air; if one tries to make an indentation in it, not only does it not retain the indentation, but it pushes one back quite forcefully. Thus, the etheric body of the choleric person is unyielding and gnarled.
[ 24 ] Daher hat es der Choleriker selber sehr schwer mit der Umwandlung des Ätherleibes. Er kann nicht an sich selber heran. Daher stößt er auch die esoterische Entwicklung, die ja gerade ihn umwandeln soll, von vornherein zurück; er kann sich selber sozusagen nicht beikommen. Wenn aber der Ernst des Lebens oder irgendwelche Dinge an den Choleriker herantreten oder wenn man gerade ein solches Temperament hat, daß man einen leisen melancholischen Klang hat im Temperament und doch wieder Choleriker in sich ist, dann kann es gerade durch die melancholische Nuance herbeigeführt werden, daß der Choleriker seine cholerische Note in seinem menschlichen Organismus so zur Entwicklung bringt, daß er jetzt mit aller mächtigen Kraft arbeitet an seinem Widerstand bietenden Ätherleib. Und wenn es ihm dann gelingt, an seinem Ätherleib doch Veränderungen hervorzurufen, dann erzeugt er in sich dadurch eine ganz besondere Eigenschaft: er wird fähiger als andere Leute, durch seine esoterische Entwicklung ordentlich sachgemäß und tief äußere Tatsachen in ihrem ursächlichen oder geschichtlichen Zusammenhang darzustellen. Und wer empfinden kann gute Geschichtsschreibung — sie wird ja in der Regel nicht von Esoterikern gerade gemacht —, aber wer gute Geschichtsschreibung, die wirklich die Tatsachen sprechen läßt, empfinden kann, der wird immerhin schon den Anfang finden, den unbewußten, instinktiven Anfang von dem, was der Esoteriker, der Cholerisches in sich hat, gerade als Geschichtsschreiber oder als Erzähler oder als Schilderer leisten könnte. Menschen wie zum Beispiel Tacitus waren im Anfang einer solchen instinktiven esoterischen Entwicklung. Daher diese wunderbare, unvergleichliche Darstellung des Tacitus. Und derjenige, der als Esoteriker den Tacitus liest, weiß, daß diese eigentümliche Art von Geschichtsschreibung herrührt von einer ganz besonderen Hineinarbeitung eines cholerischen Temperamentes in den Ätherleib. Ganz besonders aber tritt das dann hervor, wenn wir Darsteller haben, die eine esoterische Entwicklung durchgemacht haben. Wenn es auch die äußere Welt nicht glaubt, so ist das doch der Fall bei Homer. Homers plastische grandiose Darstellung verdankt er dem cholerischen Temperament, das in seinen Ätherleib hineingearbeitet hat. Und so könnte noch manches auf diesem Gebiete gezeigt werden, was schon im äußeren Leben gleichsam beweisend oder wenigstens belegend darstellt, daß der Choleriker, ganz besonders wenn er eine esoterische Entwicklung durchmacht, sich geeignet macht, die Welt in ihrer Wirklichkeit, in ihren ursächlichen Zusammenhängen innerlich darzustellen. Wenn der Choleriker eine esoterische Entwicklung durchmacht, dann sind diese seine Darstellungen so, daß sie — man möchte sagen — schon in ihrer äußeren Struktur den Charakter der Wahrheit und Wahrhaftigkeit tragen.
[ 24 ] For this reason, the choleric person finds it very difficult to transform the etheric body. He cannot reach within himself. Consequently, he rejects esoteric development—which is precisely intended to transform him—from the outset; he cannot, so to speak, get a hold of himself. But when the seriousness of life or certain circumstances confront the choleric person, or when one has a temperament that carries a subtle melancholic undertone yet is fundamentally choleric at heart, then it is precisely through this melancholic nuance that the choleric person can develop their choleric trait within their human organism in such a way that they now work with all their mighty strength on their resistant etheric body. And when he then succeeds in bringing about changes in his etheric body, he thereby develops a very special quality within himself: through his esoteric development, he becomes more capable than other people of properly and accurately presenting external facts in their causal or historical context. And whoever can appreciate good historiography—which, as a rule, is not exactly produced by esotericists— but whoever can appreciate good historiography, which truly lets the facts speak for themselves, will at least find the beginning, the unconscious, instinctive beginning of what the esotericist, who has choleric tendencies within them, could achieve precisely as a historian, narrator, or chronicler. People such as Tacitus, for example, were at the beginning of such an instinctive esoteric development. Hence Tacitus’s wonderful, incomparable portrayal. And the esotericist who reads Tacitus knows that this peculiar style of historiography stems from a very special integration of a choleric temperament into the etheric body. But this becomes particularly evident when we have artists who have undergone an esoteric development. Even if the outer world does not believe it, this is nevertheless the case with Homer. Homer owes his vivid, grandiose depiction to the choleric temperament that has worked its way into his etheric body. And so much more could be shown in this area that already in outer life serves, as it were, as proof or at least evidence that the choleric person, especially when undergoing an esoteric development, becomes capable of inwardly representing the world in its reality, in its causal connections. When the choleric individual undergoes esoteric development, his representations are such that—one might say—even in their external structure they bear the character of truth and truthfulness.
[ 25 ] So sehen wir, daß in den Veränderungen des Ätherleibes ganz besonders zum Ausdruck kommt sozusagen das menschliche Leben, das wahrnehmbarer wird in seiner bisherigen Gestaltung in dieser Inkarnation, mehr als das sonst der Fall ist. In der esoterischen Entwicklung wahrnehmbar werden ferner stärker die Temperamente, und die Berücksichtigung der Temperamente bei der wahren Selbsterkenntnis ist von einer ganz besonderen Bedeutung. Von diesen Dingen wollen wir dann morgen weiter sprechen.
[ 25 ] Thus we see that the changes in the etheric body particularly reflect, so to speak, human life, which becomes more perceptible in its current form in this incarnation than is usually the case. Furthermore, in esoteric development, the temperaments become more perceptible, and taking the temperaments into account in true self-knowledge is of very special significance. We will speak further about these things tomorrow.
