Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

From Akashic Research
The Fifth Gospel
GA 148

6 January 1914, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

From Akashic Research: The Fifth Gospel, tr. SOL
  1. Aus der Akasha-Forschung: Das Fünfte Evangelium, 6th ed.

Das Fünfte Evangelium IV

The Fifth Gospel IV

[ 1 ] Als ein Wichtiges in der Betrachtung des Christus Jesus-Lebens, wie wir sie jetzt angestellt haben nach dem, was ich das Fünfte Evangelium nennen möchte, muß uns alles erscheinen, was geschehen ist nach jenem Gespräche des Jesus von Nazareth mit der Mutter, von dem ich auch hier eine Darstellung gegeben habe. Ich möchte nun, wie das hoffentlich im intimen Kreise einer solchen Arbeitsgruppe, wie die hiesige ist, geschehen kann, zunächst aufmerksam machen auf das, was unmittelbar nach dem Gespräche des Jesus von Nazareth mit der Mutter geschehen ist, was sich also gewissermaßen zwischen diesem Gespräche und der Johannestaufe im Jordan zugetragen hat. Was ich zu erzählen habe, sind Tatsachen, die sich dem intuitiven Schauen ergeben, und die auch ohne weitere Erklärung einfach angeführt werden sollen, so daß sich jeder über sie die Gedanken machen kann, die er will.

[ 1 ] In our examination of the life of Christ Jesus, as we have now undertaken it based on what I would like to call the Fifth Gospel, everything that happened after that conversation between Jesus of Nazareth and his mother—which I have also described here—must appear to us as of great importance. I would now like, as I hope is possible within the intimate circle of a working group such as this one, to first draw attention to what happened immediately after the conversation between Jesus of Nazareth and his mother—that is, what took place, so to speak, between this conversation and the baptism of John in the Jordan. What I have to tell are facts that arise from intuitive insight and that should simply be stated without further explanation, so that everyone can form their own thoughts about them as they wish.

[ 2 ] Wir haben gesehen, daß nach dem Leben, das wir in bezug auf einzelnes geschildert haben, welches der Jesus von Nazareth von seinem zwölften bis zum neunundzwanzigsten, dreißigsten Jahre geführt hat, ein Gespräch zwischen ihm und seiner Mutter stattgefunden hat, jener Mutter, die eigentlich seine Stief- oder Ziehmutter und die leibliche Mutter des salomonischen Jesus war, jenes Gespräch, in dem gewissermaßen so intensiv, so energisch in die Worte des Jesus von Nazareth eingeflossen ist das, was sich ihm als Konsequenz, als die Wirkung seines Erlebens ergeben hat: daß mit seinen Worten in die Seele der Stief- oder Ziehmutter eine ungeheure Kraft hinüberging. Es war eine solche Kraft, welche möglich machte, daß die Seele der leiblichen Mutter des nathanischen Jesus von Nazareth aus der geistigen Welt heruntersteigen konnte, in der sie ungefähr seit dem zwölften Jahre des nathanischen Jesus war, und durchdringen, durchgeistigen konnte die Seele der Stief- oder Ziehmutter, so daß diese fortan weiterlebte, durchdrungen mit der Seele der Mutter des nathanischen Jesus. Für den Jesus von Nazareth selbst aber ergab sich, daß mit seinen Worten gleichsam das Ich des Zarathustra fortgegangen war. Was sich jetzt auf den Weg machte zur Johannestaufe im Jordan, das war im Grunde genommen der nathanische Jesus, der die drei Hüllen in der Weise gestaltet hatte, wie es öfter besprochen worden ist, ohne das Ich des Zarathustra, aber mit den Wirkungen dieses Zarathustra-Ichs, so daß tatsächlich alles, was das Zarathustra-Ich in diese dreifache Hülle hineingießen konnte, in dieser dreifachen Hülle auch war.

[ 2 ] We have seen that, following the life we have described in detail—the life Jesus of Nazareth led from the age of twelve to his twenty-ninth or thirtieth year—a conversation took place between him and his mother, that mother who was actually his step or foster mother and the biological mother of the Solomonic Jesus—that conversation in which what had resulted for him as a consequence, as the effect of his experience, flowed so intensely, so energetically into the words of Jesus of Nazareth: that through his words, an immense power passed into the soul of his step- or foster mother. It was such a power that made it possible for the soul of the biological mother of the Nathanic Jesus of Nazareth to descend from the spiritual world—where she had been since roughly the twelfth year of the Nathanic Jesus’s life—and to permeate and spiritualize the soul of the step- or foster-mother, so that the latter henceforth lived on, permeated by the soul of the mother of the Nathanic Jesus. For Jesus of Nazareth himself, however, it turned out that, as it were, the I of Zarathustra had departed with his words. What now set out on the way to the baptism of John in the Jordan was, in essence, the Nathanic Jesus, who had shaped the three sheaths in the manner often discussed, without the I of Zarathustra, but with the effects of this Zarathustra-I, so that in fact everything the Zarathustra-I could pour into this threefold shell was also present in this threefold shell.

[ 3 ] Sie werden verstehen, daß dieses Wesen, das jetzt als Jesus von Nazareth aus einem, man möchte sagen, unbestimmten kosmischen Drange - für ihn unbestimmten, für den Kosmos sehr bestimmten Drange heraus - zu der Johannestaufe im Jordan ging, nicht in demselben Sinne als Mensch anzusprechen ist wie andere Menschen. Denn das, was dieses Wesen als Ich ausgefüllt hatte seit seinem zwölften Jahre, war das Zarathustra-Ich. Dieses Zarathustra-Ich war jetzt fort. Es lebte nur in den Wirkungen dieses Zarathustra-Ichs weiter.

[ 3 ] You will understand that this being, who now went to the baptism of John in the Jordan—as Jesus of Nazareth—out of what one might call an indeterminate cosmic impulse—an impulse indeterminate to him, yet very definite to the cosmos—cannot be addressed as a human being in the same sense as other human beings. For what had filled this being as the “I” since the age of twelve was the Zarathustra-I. This Zarathustra-I was now gone. It lived on only in the effects of this Zarathustra-I.

[ 4 ] Als nun dieses Wesen Jesus von Nazareth sich auf den Weg machte zu dem Täufer Johannes, da - so erzählt das Fünfte Evangelium - begegnete der Jesus von Nazareth zunächst zwei Essäern. Zwei Essäer waren es, mit denen er oftmals bei den Gelegenheiten, von denen ich gesprochen habe, Gespräche geführt hatte. Aber da das Ich des Zarathustra aus ihm herausgegangen war, so kannte er die beiden Essäer nicht sogleich. Sie aber erkannten ihn, denn es hatte sich natürlich jenes bedeutungsvolle physiognomische Gepräge, welches diese Wesenheit durch das Innewohnen des Zarathustra bekommen hatte, für den äußeren Anblick nicht geändert. Die beiden Essäer sprachen ihn an mit den Worten: Wohin geht dein Weg? - Der Jesus von Nazareth antwortete: Dahin, wohin noch Seelen eurer Art nicht blikken wollen, wo der Schmerz der Menschheit die Strahlen des vergessenen Lichtes fühlen kann!

[ 4 ] When this being, Jesus of Nazareth, set out on his way to John the Baptist, he—as the Fifth Gospel recounts—first encountered two Essenes. They were two Essenes with whom he had often conversed on the occasions I have mentioned. But since the I of Zarathustra had departed from him, he did not recognize the two Essenes at first. They, however, recognized him, for that significant physiognomic character—which this being had acquired through the indwelling of Zarathustra—had, of course, not changed in outward appearance. The two Essenes addressed him with the words: “Where are you going?”—Jesus of Nazareth replied: “To where souls of your kind do not yet wish to look, where the pain of humanity can feel the rays of the forgotten light!”

[ 5 ] Die beiden Essäer verstanden seine Rede nicht. Als sie merkten, daß er sie nicht erkannte, da sprachen sie zu ihm: Jesus von Nazareth, kennst du uns denn nicht? — Er aber antwortete: Ihr seid wie verirrte Lämmer; ich aber werde der Hirte sein müssen, dem ihr entlaufen seid. Wenn ihr mich recht erkennet, werdet ihr mir bald von neuem entlaufen. Es ist so lange her, daß ihr von mir entflohen seid! — Die Essäer wußten nicht, was sie von ihm halten sollten, denn sie wußten nicht, wie es möglich wäre, daß aus einer Menschenseele solche Worte kommen konnten. Und unbestimmt schauten sie ihn an. Er aber sprach weiter: Was seid ihr für Seelen, wo ist eure Welt? Warum umhüllt ihr euch mit täuschenden Hüllen? Warum brennt in eurem Innern ein Feuer, das in meines Vaters Hause nicht entfacht ist? Ihr habt des Versuchers Mal an euch; er hat mit seinem Feuer eure Wolle glänzend und gleißend gemacht. Die Haare dieser Wolle stechen meinen Blick. Ihr verirrten Lämmer, der Versucher hat eure Seelen mit Hochmut durchtränkt; ihr traft ihn auf eurer Flucht.

[ 5 ] The two Essenes did not understand what he was saying. When they realized that he did not recognize them, they said to him, “Jesus of Nazareth, do you not know us?” — But he replied: “You are like lost lambs; yet I must be the shepherd from whom you have run away. If you truly recognize me, you will soon run away from me again. It has been so long since you fled from me! — The Essenes did not know what to make of him, for they did not know how it could be possible that such words could come from a human soul. And they looked at him uncertainly. But he continued: What kind of souls are you, where is your world? Why do you cloak yourselves in deceptive veils? Why does a fire burn within you that is not kindled in my Father’s house? You bear the mark of the Tempter; he has made your wool shiny and gleaming with his fire. The hairs of this wool pierce my gaze. You strayed lambs, the Tempter has saturated your souls with pride; you met him on your flight.

[ 6 ] Als Jesus von Nazareth das gesagt hatte, sprach einer der Essäer: Haben wir nicht dem Versucher die Türe gewiesen? Er hat kein Teil mehr an uns. —- Und Jesus von Nazareth sprach: Wohl wieset ihr dem Versucher die Türe, doch er lief hin und kam zu den anderen Menschen. So grinst er euch aus den Seelen der anderen Menschen von allen Seiten an! Glaubt ihr denn, ihr hättet euch dadurch erhöhen können, daß ihr die anderen erniedrigt habt? Ihr kommt euch hoch vor, aber nicht deshalb, weil ihr hochgekommen seid, sondern weil ihr die anderen erniedrigt habt. So sind sie niedriger. Ihr seid geblieben, wo ihr waret. Nur deshalb kommt ihr euch so hoch über den anderen vor. — Da erschraken die Essäer. In diesem Augenblick aber verschwand der Jesus von Nazareth vor ihren Augen. Sie konnten ihn nicht mehr sehen.

[ 6 ] When Jesus of Nazareth had said this, one of the Essenes spoke up: “Have we not shown the Tempter the door? He no longer has any part in us.” —- And Jesus of Nazareth said: “True, you showed the Tempter the door, yet he ran off and went to the other people. So now he grins at you from all sides through the souls of those other people! Do you really believe you could have elevated yourselves by humiliating others? You feel superior, but not because you have risen high, but because you have humiliated others. Thus they are lower. You have remained where you were. That is the only reason you feel so superior to others. — Then the Essenes were startled. But at that very moment, Jesus of Nazareth vanished from their sight. They could no longer see him.

[ 7 ] Nachdem ihre Augen für eine kurze Weile wie getrübt waren, fühlten sie den Drang, in die Ferne zu schauen. Und in der Ferne schauten sie etwas wie eine Fata Morgana. Diese zeigte ihnen, ins Riesenhafte vergrößert, das Antlitz dessen, der eben vor ihnen gestanden. Und dann hörten sie wie aus der Fata Morgana zu ihnen gesprochen die Worte, furchtbar ihre Seelen durchdringend: Eitel ist euer Streben, weil leer ist euer Herz, da ihr euch erfüllt habt mit dem Geiste, der den Stolz in der Hülle der Demut täuschend birgt! Und als sie eine Weile wie betäubt von diesem Gesicht und diesen Worten gestanden hatten, verschwand die Fata Morgana. Aber auch der Jesus von Nazareth stand nicht mehr vor ihnen. Sie blickten sich um. Da war er schon weitergegangen, und fern von ihnen sahen sie ihn. Und die beiden Essäer gingen nach Hause und sagten keinem etwas, was sie gesehen hatten, sondern schwiegen die ganze übrige Zeit bis zu ihrem Tode.

[ 7 ] After their eyes had been clouded for a brief moment, they felt the urge to look into the distance. And in the distance they saw something like a mirage. It showed them, magnified to gigantic proportions, the face of the one who had just been standing before them. And then they heard words spoken to them as if from the mirage, piercing their souls terribly: “Your striving is vain, for your hearts are empty, since you have filled yourselves with the spirit that deceptively conceals pride within the guise of humility!” And after they had stood there for a while, as if stunned by this face and these words, the mirage vanished. But Jesus of Nazareth, too, was no longer standing before them. They looked around. He had already moved on, and they saw him far away from them. And the two Essenes went home and told no one what they had seen, but remained silent for the rest of their lives until their death.

[ 8 ] Ich will diese Tatsachen darstellen und rein für sich geben, wie sie sich aus dem heraus, was wir die Akasha-Chronik nennen, finden lassen, und jeder kann sich dabei denken, was er mag. Es ist dieses gerade jetzt wichtig, weil dieses Fünfte Evangelium vielleicht doch immer mehr ausführlich kommen mag, und weil durch jede theoretische Interpretation das, was es geben will, nur gestört werden könnte.

[ 8 ] I intend to present these facts and state them purely on their own terms, as they can be found in what we call the Akashic Records, and everyone is free to draw their own conclusions. This is particularly important right now because this Fifth Gospel may yet be revealed in greater detail, and because any theoretical interpretation could only serve to distort what it is meant to convey.

[ 9 ] Als nun der Jesus von Nazareth auf diesem Wege zum Jordan hin, auf den er getrieben worden war, eine Weile weiterging, begegnete er einer Persönlichkeit, von der man sagen kann: in ihrer Seele war tiefste Verzweiflung. Ein Verzweifelter kam ihm in den Weg. Und der Jesus von Nazareth sagte: Wozu hat deine Seele dich geführt? Ich habe dich vor Äonen gesehen, da warst du ganz anders. - Da sprach der Verzweifelte: Ich war in hohen Würden; ich bin im Leben hoch gestiegen. Viele, viele Ämter habe ich durchlaufen in der menschlichen Rangordnung, und schnell ging es. Da sagte ich mir oftmals, wenn ich sah, wie die anderen in ihren Würden zurückblieben, und ich hochstieg: Was für ein seltener Mensch bist du doch; deine hohen Tugenden erheben dich über alle anderen Menschen! Ich war im Glück und genoß voll dieses Glück. — So sagte der Verzweifelte, Dann fuhr er fort: Dann kam mir einmal schlafend etwas vor wie ein Traum. Im Traume war es, wie wenn eine Frage an mich gestellt würde, und dann wußte ich gleich, daß ich mich im Traume selber schämte vor dieser Frage. Denn die Frage, die da an mich gestellt wurde, war die: Wer hat dich groß gemacht? —- Und ein Wesen stand vor mir im Traume, das sagte: Ich habe dich erhöht, doch du bist dafür mein! — Und ich schämte mich; denn ich glaubte, nur meinen eigenen Verdiensten und meinen Talenten die Erhöhung zu verdanken. Und jetzt trat mir — ich fühlte, wie ich mich im Traume schämte — ein anderes Wesen entgegen, das sagte, daß ich kein Verdienst hätte an meiner Erhöhung. Da mußte ich im Traume vor Scham die Flucht ergreifen. Ich ließ alle meine Ämter und Würden hinter mir und irre herum, suchend und nicht wissend, was ich suche. — So sprach der Verzweifelte. Und als er noch so sprach, stand das Wesen wieder vor ihm, zwischen ihm und dem Jesus von Nazareth, und deckte mit seiner Gestalt die Gestalt des Jesus von Nazareth zu. Und es hatte der Verzweifelte ein Gefühl, daß dieses Wesen etwas mit dem Luziferwesen zu tun habe. Und während das Wesen noch vor ihm stehenblieb, entschwand der Jesus von Nazareth, und dann verschwand auch das Wesen. Dann sah aber der Verzweifelte bereits in einiger Entfernung, daß Jesus von Nazareth vorübergegangen war, und er zog seines Weges irrend weiter.

[ 9 ] As Jesus of Nazareth continued on this path toward the Jordan—the path to which he had been driven—he encountered a person of whom one could say: his soul was filled with the deepest despair. A man in despair crossed his path. And Jesus of Nazareth said: “Where has your soul led you? I saw you eons ago; you were quite different then.” Then the man in despair said: “I held high offices; I rose high in life. I have held many, many offices in the human hierarchy, and I rose quickly. Often, when I saw how others lagged behind in their positions while I rose higher, I said to myself: What a rare person you are; your noble virtues elevate you above all other people! I was happy and fully enjoyed that happiness. — So said the Desperate One. Then he continued: Then once, while sleeping, something like a dream came to me. In the dream, it was as if a question were being asked of me, and then I knew at once that I myself was ashamed in the dream before this question. For the question that was asked of me there was this: Who has made you great? —- And a being stood before me in the dream, who said: I have exalted you, yet you are mine for it! — And I was ashamed; for I believed I owed my exaltation solely to my own merits and talents. And now—I felt how ashamed I was in the dream—another being approached me, who said that I had no merit in my exaltation. Then, in the dream, I had to flee out of shame. I left all my offices and dignities behind and wander about, searching and not knowing what I seek. — So spoke the Desperate One. And as he was still speaking, the being stood before him again, between him and Jesus of Nazareth, and covered the figure of Jesus of Nazareth with its own form. And the Desperate One had a feeling that this being had something to do with the Lucifer being. And while the being still stood before him, Jesus of Nazareth vanished, and then the being also disappeared. But then the Desperate One saw, already at some distance, that Jesus of Nazareth had passed by, and he wandered on his way.

[ 10 ] Als Jesus von Nazareth weiterging, traf er einen Aussätzigen. Auf die Frage des Jesus von Nazareth: Wozu hat der Weg deiner Seele dich geführt? Ich habe dich vor Äonen gesehen, doch da warst du anders —, sagte der Aussätzige: Mich haben die Menschen verstoßen, verstoßen wegen meiner Krankheit! Kein Mensch wollte mit mir etwas zu tun haben, und ich wußte nicht, wie ich für die Notdurft meines Lebens sorgen sollte. Da irrte ich in meinem Leide herum und kam einmal in einen Wald. Etwas, was ich in der Ferne sah wie ein leuchtender Baum, zog mich an. Und ich konnte nicht anders, als wie getrieben zu diesem leuchtenden Baume hinzugehen. Da war es, wie wenn aus diesem Lichtschimmer des Baumes etwas herauskäme wie ein Totengerippe. Und ich wußte: der Tod selber stand vor mir. Der Tod sagte: Ich bin du! Ich zehre an dir. - Da fürchtete ich mich. Der Tod aber sprach: Warum fürchtest du dich? Hast du mich nicht immer geliebt? -— Und ich wußte doch, daß ich ihn nie geliebt hatte. Und während er so zu mir sprach: Warum fürchtest du dich? Hast du mich nicht geliebt? — verwandelte er sich in einen schönen Erzengel. Dann verschwand er, und ich verfiel in einen tiefen Schlaf. Erst am Morgen wachte ich wieder auf und fand mich an dem Baume schlafend. Von da ab wurde mein Aussatz immer schlimmer. — Und als er das erzählt hatte, stand das, was er an dem Baume gesehen hatte, zwischen ihm und dem Jesus von Nazareth und verwandelte sich in ein Wesen, von dem er wußte: Ahriman oder etwas Ahrimanisches stand vor ihm. Und während er es noch anschaute, verschwand das Wesen, und auch der Jesus von Nazareth verschwand. Jesus war schon eine Weile weitergegangen. Und der Aussätzige mußte weiterziehen.

[ 10 ] As Jesus of Nazareth continued on his way, he met a leper. When Jesus of Nazareth asked, “Where has the path of your soul led you? I saw you eons ago, yet you were different then,” the leper replied, “People have cast me out—cast me out because of my illness!” No one wanted anything to do with me, and I didn’t know how to provide for my basic needs. So I wandered about in my suffering and once came to a forest. Something I saw in the distance, like a glowing tree, drew me in. And I could do nothing but walk toward that glowing tree as if driven by some force. Then it was as if something emerged from the tree’s glimmer of light, like a skeleton. And I knew: Death itself stood before me. Death said: I am you! I feed on you. — Then I was afraid. But Death spoke: Why are you afraid? Have you not always loved me? — And yet I knew that I had never loved him. And while he spoke to me thus: “Why are you afraid? Have you not loved me?”—he transformed into a beautiful archangel. Then he vanished, and I fell into a deep sleep. It was not until morning that I awoke again and found myself sleeping by the tree. From then on, my leprosy grew ever worse. — And when he had told this, what he had seen by the tree stood between him and Jesus of Nazareth and transformed into a being he knew: Ahriman, or something Ahrimanic, stood before him. And while he was still looking at it, the being vanished, and Jesus of Nazareth vanished as well. Jesus had already gone on ahead a while. And the leper had to move on.

[ 11 ] Nach diesen drei Erlebnissen kam der Jesus von Nazareth zu der Johannestaufe im Jordan. Noch einmal will ich hier erwähnen, daß, als die Johannestaufe sich vollzogen hatte, dasjenige eintrat, was auch in den anderen Evangelien beschrieben ist, und was man als die Versuchung bezeichnet. Diese Versuchung hat sich so vollzogen, daß der Christus Jesus nicht nur dem einen Wesen gegenüberstand, sondern daß die Versuchung gleichsam in drei Etappen verlief.

[ 11 ] After these three experiences, Jesus of Nazareth came to the baptism by John in the Jordan. I would like to mention once again here that, once John’s baptism had taken place, what occurred was also described in the other Gospels and is referred to as the temptation. This temptation unfolded in such a way that Christ Jesus was not confronted by a single being, but rather that the temptation proceeded, as it were, in three stages.

[ 12 ] Zuerst stand der Christus Jesus einem Wesen gegenüber, das ihm jetzt nahe war, weil er es gesehen hatte, als der Verzweifelte an ihn herangetreten war, und das er dadurch gerade als Luzifer empfinden konnte. Das ist ein sehr bedeutsamer Zusammenhang. Und dann fand durch Luzifer jene Versuchung statt, die ja mit den Worten ausgesprochen ist: Ich gebe dir alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit, wenn du mich als deinen Herrn anerkennst! — Die Luziferversuchung wurde abgeschlagen.

[ 12 ] At first, Christ Jesus stood face to face with a being who was now close to him because he had seen him when the desperate man had approached him, and whom he was thus able to perceive as Lucifer. This is a very significant connection. And then, through Lucifer, that temptation took place which is expressed in the words: “I will give you all the kingdoms of the world and their glory if you acknowledge me as your Lord!” — The temptation by Lucifer was rejected.

[ 13 ] Die zweite Attacke bestand darin, daß Luzifer wiederkam, aber mit ihm das Wesen, das zwischen dem Jesus von Nazareth und dem Aussätzigen gestanden hatte, und das er deshalb als Ahriman erfühlte. Und stattfand jetzt die Versuchung, die in den anderen Evangelien in die Worte gekleidet ist: Stürze dich hinab, es wird dir nichts geschehen, wenn du der Sohn Gottes bist. - Auch diese Versuchung, die so stattfand, daß Luzifer durch Ahriman und Ahriman durch Luzifer paralysiert werden konnte, wurde abgeschlagen.

[ 13 ] The second attack consisted of Lucifer returning, but with him came the being who had stood between Jesus of Nazareth and the leper, and whom he therefore sensed as Ahriman. And now the temptation took place, which in the other Gospels is expressed in the words: “Throw yourself down; nothing will happen to you if you are the Son of God.”—This temptation, too, which took place in such a way that Lucifer could be paralyzed by Ahriman and Ahriman by Lucifer, was repelled.

[ 14 ] Nur die dritte Versuchung, die durch Ahriman allein geschah, um den Christus Jesus zu versuchen, daß die Steine zu Brot gemacht werden könnten, nur diese Versuchung wurde dazumal nicht völlig abgeschlagen. Und diese Tatsache, daß Ahriman nicht völlig besiegt wurde, sie führte dann dazu, daß die Dinge den Verlauf nahmen, den sie eben genommen haben. Dadurch konnte dann Ahriman durch den Judas wirken; dadurch konnte es überhaupt geschehen, daß alle späteren Ereignisse eingetreten sind in der Weise, wie wir es noch hören werden. Sie sehen, es hat sich hier eine Akasha-Intuition ergeben über den Moment, den wir als einen unendlich wichtigen in der ganzen Christus Jesus-Entwickelung und damit in der Entwickelung der Erde ansehen müssen. Gleichsam als ob noch einmal vorüberziehen sollte die Art, wie die Erdentwickelung verbunden ist mit dem Iuziferischen und ahrimanischen Element, so traten die Ereignisse auf zwischen dem Gespräch des Jesus von Nazareth mit der Ziehmutter und der Johannestaufe im Jordan. Derjenige, welcher der nathanische Jesus war und in dem durch achtzehn Jahre das Ich des Zarathustra gewirkt hatte, war durch die geschilderten Ereignisse vorbereitet, die Christus-Wesenheit in sich aufzunehmen. Und damit stehen wir an dem Punkt, von dem so außerordentlich wichtig ist, daß er in der richtigen Weise vor unsere Seele tritt, wenn wir die Menschheitsentwickelung der Erde entsprechend verstehen wollen. Darum versuchte ich auch verschiedenes zusammenzutragen, wie es sich aus der okkulten Forschung ergibt, was in diesem Sinne unsere Menschheitsentwickelung auf der Erde begreiflich machen kann.

[ 14 ] Only the third temptation, which was carried out by Ahriman alone to test Christ Jesus—to see if stones could be turned into bread—only this temptation was not completely resisted at that time. And this fact—that Ahriman was not completely defeated—then led to things taking the course they have just taken. As a result, Ahriman was able to work through Judas; as a result, it was possible at all for all subsequent events to occur in the manner we shall yet hear of. You see, an Akashic intuition has arisen here regarding the moment that we must regard as infinitely important in the entire development of Christ Jesus and thus in the development of the Earth. As if to pass before us once more the way in which the Earth’s development is connected with the Luciferic and Ahrimanic elements, the events unfolded between the conversation of Jesus of Nazareth with the foster mother and the baptism of John in the Jordan. The one who was the Nathanic Jesus, and in whom the I of Zarathustra had been at work for eighteen years, was prepared by the events described to receive the Christ-being within himself. And thus we stand at the point which is so extraordinarily important that it must present itself to our soul in the right way if we are to understand the development of humanity on Earth accordingly. That is why I have also attempted to compile various insights, as they emerge from occult research, which can help us understand the development of humanity on Earth in this sense.

[ 15 ] Es wird sich vielleicht auch einmal die Möglichkeit bieten, hier über die Dinge zu sprechen, die jetzt in dem Leipziger Vortragszyklus besprochen sind, wo ich versuchte, eine Linie zu ziehen von dem Christus-Ereignis zu dem Parzival-Ereignis hin. Heute will ich darüber nur einige Andeutungen machen im Zusammenhange mit den Tatsachen des Fünften Evangeliums, die ich dann bei unserer nächsten Zusammenkunft weiter besprechen möchte. Ich möchte darauf aufmerksam machen, wie durch die verschiedensten Dinge der Menschheitsentwickelung — Dinge, die dieser Menschheitsentwickelung gleichsam eingeprägt sind, damit diese Menschheitsentwickelung ein wenig den Gang der Ereignisse verstehen sollte —, wie der ganze Sinn und Verlauf dieser Menschheitsentwickelung zum Ausdruck kommt, wenn man diese Dinge nur versteht und im richtigen Lichte sieht. Nicht auf das möchte ich eingehen, was ich in Leipzig auseinandergesetzt habe über den Zusammenhang der Parzival-Idee mit der Christus-Entwickelung; aber auf etwas, was dort alle Auseinandersetzungen durchdrungen hat, möchte ich eingehen.

[ 15 ] Perhaps there will also be an opportunity to discuss here the topics currently being addressed in the Leipzig lecture series, where I attempted to draw a line from the Christ event to the Parzival event. Today I would like to make only a few remarks on this in connection with the facts of the Fifth Gospel, which I would then like to discuss further at our next meeting. I would like to draw attention to how, through the most diverse aspects of human development—aspects that are, as it were, imprinted upon this human development so that it might understand the course of events to some extent—how the entire meaning and course of this human development is expressed, provided one understands these aspects and views them in the proper light. I do not wish to go into what I expounded in Leipzig regarding the connection between the Parzival idea and the Christ development; but I would like to address something that permeated all the discussions there.

[ 16 ] Dazu muß ich allerdings darauf aufmerksam machen, daß wir uns erinnern: Wie steht Parzival vor uns, der einige Jahrhunderte, nachdem das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat, gleichsam eine wichtige Stufe bildet für das Fortwirken des Christus-Ereignisses in einer Seele?

[ 16 ] In this regard, however, I must point out that we should remember: How does Parzival stand before us, who, several centuries after the Mystery of Golgotha took place, represents, as it were, an important step in the continuing effect of the Christ event within a soul?

[ 17 ] Parzival ist der Sohn eines abenteuernden Ritters und seiner Mutter Herzeleide. Der Ritter ist schon weggezogen, bevor Parzival geboren wurde. Die Mutter erleidet Schmerzen und Qualen schon vor der Geburt. Sie will ihren Sohn vor alledem bewahren, womit er in Berührung kommen kann etwa durch Rittertugend und dadurch, daß er im Ritterdienste seine Kräfte entfaltet. Sie zieht ihn so auf, daß er nichts von allem erfährt, was in der äußeren Welt vorkommt, was dem Menschen durch die Einflüsse der äußeren Welt gegeben werden kann. In der Einsamkeit der Natur, nur eben diesen Eindrücken der Natur überlassen, soll Parzival heranwachsen. Nichts wissen soll er von dem, was unter den Rittern und den anderen Menschen vorgeht. Es wird auch gesagt, daß er nichts weiß von dem, was in der äußeren Welt über diese oder jene religiösen Vorstellungen gesagt wird. Einzig und allein das erfährt er von der Mutter, daß es einen Gott gibt, daß ein Gott hinter allem steht. Er will Gott dienen. Aber mehr weiß er nicht, als daß er Gott dienen kann. Alles andere wird ihm vorenthalten. Aber der Drang zum Rittertum ist so stark, daß er dazu getrieben wird, die Mutter eines Tages zu verlassen und hinauszuziehen, um das kennenzulernen, wonach es ihn treibt. Und dann wird er nach mancherlei Irrfahrten nach der Burg des Heiligen Grals geführt.

[ 17 ] Parzival is the son of an adventurous knight and his mother, Herzeleide. The knight had already left before Parzival was born. His mother suffers pain and agony even before the birth. She wants to protect her son from everything he might encounter—such as chivalric virtue and the development of his strength through service to knighthood. She raises him in such a way that he learns nothing of what occurs in the outer world, nor of what can be imparted to a person through the influences of the outer world. In the solitude of nature, left to nothing but these impressions of nature, Parzival is to grow up. He is to know nothing of what goes on among the knights and other people. It is also said that he knows nothing of what is said in the outer world about this or that religious concept. The only thing he learns from his mother is that there is a God, that a God stands behind everything. He wants to serve God. But he knows nothing more than that he can serve God. Everything else is kept from him. But the urge toward knighthood is so strong that he is driven to leave his mother one day and set out to discover what it is that drives him. And then, after many wanderings, he is led to the castle of the Holy Grail.

[ 18 ] Was er dort erlebt, ist uns am besten — das heißt am besten entsprechend dem, was wir aus der geisteswissenschaftlichen Urkunde heraus gewinnen können — bei Chrestien de Troyes geschildert, der auch eine Quelle war für Wolfram von Eschenbach. Wir erfahren, daß Parzival einst auf seinen Wanderungen in eine waldige Gegend kam, am Meeresrande, wo zwei Männer fischten. Und auf die Frage, die er ihnen stellte, wiesen sie ihn nach der Burg des Fischerkönigs. Er kam an die Burg, trat ein, und es wurde ihm der Anblick, daß er einen Mann fand, krank und schwach, der auf einem Ruhebette lag. Dieser gab ihm ein Schwert, das Schwert seiner Nichte. Und der Anblick bot sich ihm weiter, daß ein Knappe hereintrat mit einer Lanze, von der Blut heruntertroff, bis zu den Händen des Knappen. Dann trat herein eine Jungfrau mit einer goldenen Schale, aus der ein solches Licht leuchtete, das alle anderen Lichter des Saales überstrahlte. Dann wurde ein Mahl aufgetragen. Bei jedem Gange wurde diese Schale vorübergetragen und in das Nebenzimmer gebracht. Und der dort liegende Vater des Fischerkönigs wurde durch das, was in dieser Schale war, gestärkt.

[ 18 ] What he experiences there is best described—that is, in a way that best corresponds to what we can glean from the spiritual-scientific document—by Chrestien de Troyes, who was also a source for Wolfram von Eschenbach. We learn that Parzival once came upon a wooded area during his travels, by the seashore, where two men were fishing. And when he asked them a question, they directed him to the castle of the Fisher King. He arrived at the castle, entered, and saw a man, sick and weak, lying on a bed of rest. The man gave him a sword, the sword of his niece. And he further saw a squire enter with a lance from which blood dripped down to the squire’s hands. Then a maiden entered with a golden bowl from which shone such a light that it outshone all the other lights in the hall. Then a meal was served. With each course, this bowl was carried past and taken into the adjoining room. And the Fisher King’s father, who lay there, was strengthened by what was in this bowl.

[ 19 ] Das alles war dem Parzival wunderbar vorgekommen, allein er hatte früher auf seinen Wanderungen durch einen Ritter den Rat erhalten, nicht viel zu fragen. Daher fragte er auch jetzt nicht nach dem, was er sah; er wollte erst am nächsten Morgen fragen. Aber als er aufwachte, da war das ganze Schloß leer. Er rief, niemand kam. Er glaubte, die Ritter seien auf die Jagd gezogen und wollte ihnen folgen. Auf dem Schloßhofe fand er sein Pferd gesattelt. Er ritt hinaus, mußte aber schnell über die Zugbrücke reiten; das Pferd hatte einen Sprung machen müssen, weil die Zugbrücke gleich hinter ihm heraufgezogen wurde. Aber nichts fand er von den Rittern.

[ 19 ] All of this had seemed wondrous to Parzival, but he had once been advised by a knight during his travels not to ask too many questions. So he did not ask about what he saw; he intended to wait until the next morning. But when he awoke, the entire castle was empty. He called out, but no one came. He thought the knights had gone hunting and wanted to follow them. In the castle courtyard, he found his horse saddled. He rode out, but had to cross the drawbridge quickly; the horse had to make a leap because the drawbridge was being raised right behind him. But he found no trace of the knights.

[ 20 ] Aber es ist uns ja bekannt, worauf es ankommt: daß Parzival nicht gefragt hat. Trotzdem das Wunderbarste vor seine Seele getreten ist, hat er zu fragen versäumt. Und er muß es immer wieder hören, daß es mit dem, was zu seiner Sendung gehört, etwas zu tun hat, daß er hätte fragen müssen, daß gewissermaßen seine Mission zusammengehangen hat mit dem Fragen nach dem Wunderbaren, das ihm entgegengetreten ist. Er hat nicht gefragt! Erkennen ließ man ihn, daß er eine Art Unheil dadurch herbeigeführt hat, daß er nicht gefragt hat.

[ 20 ] But we know, of course, what matters: that Parzival did not ask. Even though the most wondrous thing appeared before his soul, he failed to ask. And he must hear again and again that it has something to do with his mission, that he should have asked, that his mission was, in a sense, connected to asking about the wondrous thing that had appeared before him. He did not ask! He was made to realize that by not asking, he had brought about a kind of calamity.

[ 21 ] Wie steht hier Parzival vor uns? So steht er vor uns, daß wir uns sagen: In ihm haben wir eine Persönlichkeit, die abseits erzogen worden ist von der Kultur der äußeren Welt, die nichts hat wissen sollen von der Kultur der äußeren Welt, die zu den Wundern des Heiligen Grals hat geführt werden sollen, damit sie nach diesen Wundern fragt, aber fragt mit jungfräulicher, nicht durch die übrige Kultur beeinflußter Seele. Warum sollte sie so fragen? Ich habe öfters darauf hingewiesen, daß das, was durch den Einfluß des Christus-Impulses gewirkt worden war, als eine Tat gewirkt worden war, daß die Menschen nicht gleich haben verstehen können, was gewirkt worden ist. So haben wir auf der einen Seite das, was dadurch, daß der Christus in die Erdenaura eingeflossen ist, fortlaufend gewirkt worden war, was auch die Menschen darüber gedacht und gestritten und ersonnen haben in den mannigfaltigen theologischen Dogmen. Denn der Christus-Impuls hat weitergewirkt! Und die Gestaltung des Abendlandes geschah durch den Einfluß dieses Christus-Impulses, der gleichsam in den Untergründen auf die Menschenseelen und in den Untergründen des ganzen geschichtlichen Werdens wirkte. Hätte er nur dutch das wirken können, was die Menschen verstanden haben und worüber sie gezankt haben, so hätte er wenig in der Menschheitsentwickelung wirken können. Jetzt sehen wir zur Parzival-Zeit einen wichtigen Moment herbeikommen, wo der Christus-Impuls wieder um eine Stufe weiter wirken soll.

[ 21 ] How does Parzival stand before us here? He stands before us in such a way that we say to ourselves: In him we have a personality who has been raised apart from the culture of the outer world, who was not meant to know anything of the culture of the outer world, who was meant to be led to the wonders of the Holy Grail so that he might ask about these wonders, but ask with a virgin soul, uninfluenced by the rest of the culture. Why should he ask in this way? I have often pointed out that what was brought about through the influence of the Christ impulse was brought about as an act, that people could not immediately understand what had been brought about. Thus, on the one hand, we have what was continually brought about by the fact that the Christ flowed into the Earth’s aura—what people also thought about, argued over, and conceived in the manifold theological dogmas. For the Christ impulse continued to work! And the shaping of the West took place through the influence of this Christ impulse, which worked, as it were, in the depths of human souls and in the depths of the entire historical process. Had it been able to work only through what people understood and quarreled about, it would have been able to do little in the development of humanity. Now, in the Parzival era, we see an important moment approaching when the Christ impulse is to take its work a step further.

[ 22 ] Daher soll Parzival nicht einer von denjenigen sein, die gewissermaßen gelernt haben, was einst auf Golgatha hingeopfert worden ist, was nachher die Apostelväter, die Kirchenlehrer und die anderen verschiedenen theologischen Strömungen gelehrt haben. Er sollte nicht wissen, wie sich die Ritter mit ihren Tugenden in den Dienst des Christus gestellt haben. Er sollte einzig und allein mit dem ChristusImpuls in den Untergründen seiner Seele in Zusammenhang kommen, in den er nach Maßgabe seiner Zeit hat kommen können. Getrübt hätte es diesen Zusammenhang nur, wenn er das aufgenommen hätte, was die Menschen über den Christus gelehrt oder gelernt hatten. Nicht was die Menschen taten oder sagten, sondern was die Seele erlebt, wenn sie nur dem hingegeben ist, was übersinnlich geschah im Fortwirken des Christus-Impulses. So sollte es bei Parzival sein. Äußere Lehre gehört immer auch der sinnlichen Welt an. Aber der Christus-Impuls hat übersinnlich gewirkt und sollte übersinnlich in die Seele des Parzival hineinwirken. Zu nichts anderem sollte seine Seele getrieben werden, als zu fragen dort, wo ihm die Bedeutsamkeit des Christus-Impulses entgegentreten konnte: am Heiligen Gral. Fragen sollte er! Fragen sollte er, nicht angestiftet durch das, was die Ritter glaubten in dem Christus verehren zu müssen, oder durch das, was die Theologen glaubten in dem Christus verehren zu müssen; sondern einzig und allein durch die jungfräuliche, aber im Sinne ihrer Zeitepoche lebende Seele sollte er angeregt werden, zu fragen, was der Heilige Gral enthüllen könnte, und was eben das ChristusEreignis sein konnte. Er sollte fragen! Halten wir dieses Wort fest.

[ 22 ] Therefore, Parzival is not to be one of those who have, so to speak, learned what was once sacrificed on Golgotha, or what was subsequently taught by the Apostolic Fathers, the Church Fathers, and the various other theological schools of thought. He was not to know how the knights had placed themselves in the service of Christ through their virtues. He was to come into contact solely with the Christ impulse in the depths of his soul, to which he was able to attain in accordance with the times. This connection would have been clouded only if he had taken in what people had taught or learned about Christ. Not what people did or said, but what the soul experiences when it is devoted solely to what occurred supersensually in the continuing effect of the Christ impulse. This is how it was to be with Parzival. Outward teaching always belongs to the sensory world as well. But the Christ impulse has worked supersensibly and was to work supersensibly into the soul of Parzival. His soul was to be driven to nothing else but to ask where the significance of the Christ impulse could meet him: at the Holy Grail. He was to ask! He should ask, not prompted by what the knights believed they had to venerate in Christ, or by what the theologians believed they had to venerate in Christ; but solely and exclusively through the virgin soul, yet one living in the spirit of its own age, he should be inspired to ask what the Holy Grail might reveal, and what the Christ event itself might be. He should ask! Let us hold fast to this word.

[ 23 ] Ein anderer sollte nicht fragen. Er ist ja bekannt genug, der nicht fragen sollte: der Jüngling zu Sais sollte nicht fragen. Denn sein Verhängnis war es, daß er fragen mußte, daß er tat, was er nicht tun sollte, daß er haben wollte, daß das Bild der Isis enthüllt werden sollte. Der Parzival der vor dem Mysterium von Golgatha liegenden Zeit, das ist der Jüngling zu Sais. Aber in jener Zeit wurde ihm gesagt: Hüte dich, daß deiner Seele unvorbereitet enthüllt werden sollte, was hinter dem Schleier ist! - Der Jüngling zu Sais nach dem Mysterium von Golgatha ist Parzival. Und er sollte nicht besonders vorbereitet werden, er soll mit jungfräulicher Seele zum Heiligen Gral hingeführt werden. Er versäumt das Wichtigste, da er das nicht tut, was dem Jüngling zu Sais verwehrt war, da er nicht fragt, nicht sucht nach der Enthüllung des Geheimnisses für seine Seele. So ändern sich die Zeiten im Laufe der Menschheitsentwickelung!

[ 23 ] Another should not ask. He is well known enough, the one who should not ask: the youth of Sais should not ask. For it was his doom that he had to ask, that he did what he should not have done, that he wanted the image of Isis to be unveiled. The Parzival of the time preceding the Mystery of Golgotha—that is the youth of Sais. But in that time he was told: Beware lest what lies behind the veil be unveiled to your unprepared soul!—The youth of Sais after the Mystery of Golgotha is Parzival. And he was not to be specially prepared; he was to be led to the Holy Grail with a virgin soul. He misses the most important thing, for he does not do what was forbidden to the youth of Sais, since he does not ask, does not seek the unveiling of the mystery for his soul. Thus do times change in the course of human development!

[ 24 ] Wir wissen es ja — zunächst müssen wir solche Dinge abstrakt andeuten, wir werden darüber aber noch ausführlicher sprechen können -, daß es sich handelt um das, was sich in der Isis enthüllen sollte. Wir stellen uns vor das Bild der alten Isis mit dem Horusknaben, das Geheimnis des Zusammenhanges zwischen Isis und Horus, dem Sohne der Isis und des Osiris. Aber das ist abstrakt gesprochen. Dahinter liegt natürlich ein großes Geheimnis. Der Jüngling zu Sais war nicht reif, um dieses Geheimnis zu erfahren. Als Parzival, nachdem er auf der Gralsburg nach den Wundern des Heiligen Grals zu fragen versäumt hatte, fortreitet, da gehört zu den ersten, die ihm begegnen, ein Weib, eine Braut, die da trauert um ihren eben gestorbenen Bräutigam, den sie im Schoße hält: Richtig das Bild der trauernden Mutter mit dem Sohne, das später so oftmals als Pietà-Motiv gedient hat! Das ist die erste Hinweisung darauf, was Parzival erfahren hätte, wenn er nach den Wundern des Heiligen Grals gefragt hätte. Er hätte in der neuen Form jenen Zusammenhang erfahren, der besteht zwischen Isis und Horus, zwischen der Mutter und dem Menschensohne. Und er hätte fragen sollen!

[ 24 ] We know, of course—though we must first hint at such things in abstract terms, we will be able to discuss them in greater detail later—that this concerns what was to be revealed in Isis. We picture the image of the ancient Isis with the boy Horus, the mystery of the connection between Isis and Horus, the son of Isis and Osiris. But that is speaking in abstract terms. Behind it, of course, lies a great mystery. The youth at Sais was not ready to learn this mystery. When Parzival, having failed to ask about the wonders of the Holy Grail at the Grail Castle, rides on, among the first to meet him is a woman, a bride, mourning her newly deceased bridegroom, whom she holds in her lap: Truly the image of the grieving mother with her son, which later so often served as a Pietà motif! This is the first hint of what Parzival would have learned had he asked about the wonders of the Holy Grail. He would have experienced, in a new form, the connection that exists between Isis and Horus, between the mother and the Son of Man. And he should have asked!

[ 25 ] Daran sehen wir, wie tief uns solche Hinweise andeuten, was für ein Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit geschieht: Was nicht geschehen darf in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha — nach dem Mysterium von Golgatha soll es geschehen, denn die Menschheit ist eben in der Zwischenzeit vorwärts geschritten. Die Seele der Menschheit ist gewissermaßen eine andere geworden.

[ 25 ] Here we see how profoundly such indications reveal the progress taking place in the development of humanity: What was not permitted in the time before the Mystery of Golgotha—after the Mystery of Golgotha it is to take place, for humanity has, in the meantime, moved forward. The soul of humanity has, in a sense, become something different.

[ 26 ] Wie gesagt, über alle diese Dinge wollen wir später weiter sprechen; ich will sie hier nur andeuten. Aber alle diese Dinge haben doch für uns nur den entsprechenden Wert, wenn wir sie für uns fruchtbar machen, recht fruchtbar machen. Und was uns aus dem für uns wirklich durch das Bild des Jünglings zu Sais bereicherten ParzivalGeheimnis fließen kann, das ist, daß wir im rechten Sinne, wie es unserer Zeit auch entspricht, fragen lernen. Denn in diesem Fragenlernen liegt die aufsteigende Strömung der Menschheitsentwickelung.

[ 26 ] As I said, we will discuss all these things further later; I merely wish to touch on them here. But all these things have value for us only if we make them fruitful for ourselves—truly fruitful. And what can flow to us from the mystery of Parzival—which is truly enriched for us by the image of the young man at Sais—is that we learn to ask questions in the right sense, in a way that also corresponds to our time. For in this learning to ask questions lies the upward current of human development.

[ 27 ] Wir haben notwendigerweise nach dem Mysterium von Golgatha zwei Strömungen der Menschheitsentwickelung: die eine, die den Impuls des Christus in sich trägt und in die spirituellen Höhen allmählich aufwärts führt; die andere, welche gleichsam ein Fortgehen des Niederstieges ist und in das materielle Leben, in den Materialismus hineinführt. In der Gegenwart gehen diese beiden Strömungen so durcheinander, daß allerdings weitaus der größte Teil unserer Kultur von der materialistischen Strömung durchsetzt ist; so daß der Mensch heute vorurteilslos und unbefangen auf alles hinblicken muß, was uns die Geisteswissenschaft über den Christus-Impuls sagen kann, und was damit zusammenhängt, damit er einsehen kann, daß die Seele zu der notwendig immer materialistischer werdenden Außenwelt jenen inneren Fortgang im Sinne der Spiritualität braucht. Dazu aber müssen wir gerade von solchen Dingen etwas lernen, wie das erwähnte ist: Wir müssen lernen zu fragen.

[ 27 ] Following the Mystery of Golgotha, we necessarily have two currents in human development: one that carries the Christ impulse within itself and gradually leads upward toward the spiritual heights; the other, which is, as it were, a continuation of the descent and leads into material life, into materialism. At present, these two currents are so intertwined that the vast majority of our culture is indeed permeated by the materialistic current; so that today, human beings must look without prejudice or bias at everything that spiritual science can tell us about the Christ impulse and what is connected with it, so that they may realize that the soul needs that inner progression in the sense of spirituality to counterbalance the external world, which is necessarily becoming ever more materialistic. To this end, however, we must learn something precisely from such things as those mentioned: We must learn to ask questions.

[ 28 ] In der spirituellen Strömung müssen wir lernen zu fragen. In der materialistischen Strömung führt aber die Menschen alles ab vom Fragen. Wir wollen diese zwei Dinge nur nebeneinander hinstellen, um zu zeigen, wie die eine und wie die andere Strömung ist. In der einen haben wir diejenigen Menschen, die im Materialismus drinnenstehen. Das können durchaus solche sein, die an diesen oder jenen spirituellen Dogmen festhalten, die mit Worten, mit 'Theorien die spirituelle Welt anerkennen. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß wir mit dem Ganzen unserer Seele in die spirituelle Strömung hineinkommen. Von den Menschen, die in der materialistischen Strömung drinnenstehen, kann man sagen: sie sind keine «Frager». Sie sind wirklich keine Frager, denn sie wissen schon alles. Das ist das Charakteristikon der materialistischen Kultur, daß diese Menschen alles wissen, daß sie nicht fragen wollen. Sogar die jüngsten Menschen wissen heute alles und fragen nicht. Man hält das für Freiheit und für eine Erhöhung des persönlichen Wertes, wenn man überall ein eigenes Urteil fällen kann. Man merkt nur nicht, wie dieses persönliche Urteil reift. Wir wachsen herein in die Welt. Mit den ersten Worten der Kindheit nehmen wir dieses oder jenes auf. Dann wachsen wir heran, nehmen mehr und mehr auf, merken nicht, wie wir die Dinge aufnehmen. Wir sind durch unser Karma so und so geartet. Dadurch gefällt uns dieses oder jenes mehr oder weniger gut. Wir wachsen heran und erreichen mit unserem Urteil das für manche Kritiker schon durchaus respektable Alter von fünfundzwanzig Jahren, und wir fühlen uns reif in unserem Urteil, weil wir glauben, daß es aus unserer eigenen Seele kommt. Wer aber in die Seelen hineinblicken kann, der weiß, daß dahinter nichts steckt als das auf die eigene Seele konzentrierte äußere Leben, in das wir gerade hineingestellt sind. Wir können damit auch in Konflikt kommen, wenn wir glauben, dies oder jenes bringe uns unser eigenes Urteil bei. Indem wir glauben, unabhängig zu sein, werden wir nur um so sklavischer abhängig von unserem eigenen Inneren. Wir urteilen, aber wir verlernen vollständig, zu fragen.

[ 28 ] In the spiritual tradition, we must learn to ask questions. In the materialistic tradition, however, people are led away from asking questions. We simply want to set these two things side by side to show what each tradition is like. In one, we have those people who are steeped in materialism. These may well be people who adhere to this or that spiritual dogma, who acknowledge the spiritual world through words and “theories.” But that is not what matters; what matters is that we enter the spiritual current with the entirety of our soul. Of the people who are immersed in the materialistic current, one can say: they are not “questioners.” They are truly not questioners, for they already know everything. This is the hallmark of materialistic culture: that these people know everything, that they do not want to ask. Even the youngest people today know everything and do not ask. People regard it as freedom and an elevation of personal worth when one can form one’s own judgment about everything. But we simply do not notice how this personal judgment matures. We grow into the world. With the first words of childhood, we take in this or that. Then we grow up, take in more and more, without realizing how we absorb things. We are shaped in this or that way by our karma. As a result, we like this or that to a greater or lesser extent. We grow up and, with our judgment, reach the age of twenty-five—an age that some critics already consider quite respectable—and we feel mature in our judgment because we believe it comes from our own soul. But anyone who can look into souls knows that behind this lies nothing but the external life focused on one’s own soul, into which we have just been placed. We can also come into conflict with this when we believe that this or that is taught to us by our own judgment. By believing ourselves to be independent, we become all the more slavishly dependent on our own inner selves. We judge, but we completely forget how to ask.

[ 29 ] Fragen lernen wir nur, wenn wir jenes Gleichmaß der Seele in uns auszubilden vermögen, das sich Ehrfurcht und Ehrerbietung bewahren kann vor den heiligen Gebieten des Lebens, wenn wir imstande sind, in unserer Seele so etwas zu haben, das immer den Drang hat, sich auch durch das eigene Urteil nicht zu engagieren gegenüber dem, was aus den heiligen Gebieten des Lebens an uns herandtingen soll. Fragen lernen wir nur, wenn wir uns versetzen können in eine erwartungsvolle Stimmung, so daß durch dieses oder jenes Ereignis sich uns dieses oder jenes im Leben offenbaren mag, wenn wit warten können, wenn wir eine gewisse Scheu tragen, das eigene Urteil anzuwenden gegenüber dem gerade, was mit Heiligkeit aus den heiligen Gebieten des Daseins herausströmen soll, wenn wir nicht urteilen, sondern fragen, und nicht nur etwa Menschen fragen, die uns etwas sagen können, sondern vor allem die geistige Welt fragen, der wir nicht unser Urteilen entgegenhalten, sondern unsere Frage, unsere Frage schon in der Stimmung, in der Gesinnung.

[ 29 ] We learn to ask questions only when we are able to cultivate within ourselves that equanimity of soul which can maintain reverence and respect for the sacred realms of life; when we are capable of having within our soul something that always feels the urge not to commit itself—even through our own judgment—to what is meant to come to us from the sacred realms of life. We learn to ask questions only when we can put ourselves in a mood of anticipation, so that through this or that event, this or that may be revealed to us in life; when we can wait; when we have a certain reluctance to apply our own judgment to precisely what is meant to flow forth with holiness from the sacred realms of existence; when we do not judge, but ask, and not merely ask people who can tell us something, but above all ask the spiritual world, to which we do not oppose our judgment, but our question—our question already in the mood, in the attitude.

[ 30 ] Versuchen Sie sich durch Meditation so recht klar zu werden, welcher Unterschied besteht zwischen dem Entgegenhalten von Urteilen und dem Entgegenhalten von Fragen gegenüber den geistigen Gebieten des Lebens. Das muß man innerlich erfahren, daß ein radikaler Unterschied zwischen den beiden besteht. Mit diesem Unterschiede hängt etwas zusammen, das durch unsere ganze Zeit geht und das wir in unserer spirituellen Geistesströmung ganz besonders wohl beachten sollen. Denn diese spirituelle Geistesströmung wird nur gedeihen können, wenn wir den Unterschied zwischen Fragen und Urteilen verstehen lernen. Gewiß müssen wir urteilen in bezug auf die äußeren Verhältnisse des Lebens. Daher habe ich auch nicht gesagt, wir sollen überall unser Urteilen einschränken; sondern über das, was die tieferen Geheimnisse der Welt sind, sollen wir die erwartungsvolle Fragestimmung kennenlernen. Fortgehen wird unsere spirituelle Bewegung durch alles, wodurch diese Fragestimmung in einem größeren Teile der Menschheit anerkannt und gefördert wird; gehemmt wird unsere spirituelle Bewegung durch alles, was an leichtfertigem Urteilen sich dieser Strömung entgegensetzt. Und wenn wir in rechten Feieraugenblicken unseres Lebens uns zu überlegen versuchen, was wir aus einer solchen Darstellung gewinnen können, wie die von dem nach der Gralsburg gehenden Parzival, der fragen soll, dann gewinnen wir gerade in dieser Parzival-Gestalt ein Vorbild für unsere spirituelle Bewegung. Und damit im Zusammenhange können wir dann manches andere begreifen.

[ 30 ] Try, through meditation, to gain a clear understanding of the difference between offering judgments and offering questions regarding the spiritual realms of life. One must experience this inwardly to realize that there is a radical difference between the two. This difference is connected to something that runs through our entire era and that we should pay particular attention to in our spiritual movement. For this spiritual movement can only flourish if we learn to understand the difference between questions and judgments. Certainly, we must judge with regard to the external circumstances of life. That is why I have not said that we should restrict our judgments everywhere; rather, regarding what the deeper mysteries of the world are, we should become acquainted with the expectant mood of questioning. Our spiritual movement will be advanced by everything through which this mood of questioning is recognized and fostered in a larger portion of humanity; our spiritual movement will be hindered by everything that, through frivolous judgment, opposes this current. And when, in moments of true celebration in our lives, we try to consider what we can gain from a depiction such as that of Parzival journeying toward the Grail Castle, who is to ask, then we find in this very figure of Parzival a model for our spiritual movement. And in connection with this, we can then understand many other things.

[ 31 ] Wenn wir noch einmal zurücksehen auf die Zeit der Menschheitsentwickelung vor dem Mysterium von Golgatha, so müssen wir sagen: Damals hatte die Menschenseele ein altes Erbgut aus der Zeit, da sie aus den geistigen Höhen herunterstieg zu irdischen Inkarnationen. Dieses Erbgut bewahrte sie sich von Inkarnation zu Inkarnation weiter. Daher gab es in jenen Zeiten ein altes Hellsehen, das nach und nach abflutete, immer schwächer und schwächer wurde. Je weiter die Inkarnationen vorschritten, desto schwächer wurde das abflutende alte Hellsehen. Woran war das alte Hellsehen gebunden? Es war gebunden an das, woran auch das äußere Wahrnehmen mit Augen und Ohren gebunden ist, an das, was eben der Mensch in der äußeren Welt ist. Bei den Menschen vor dem Mysterium von Golgatha war es so, daß sie wie Kinder heranwuchsen: sie lernten gehen, sprechen, und sie lernten selbstverständlich, solange die elementaren Kräfte im Sinne des alten Hellsehens noch da waren, auch hellsehen. Sie lernten es wie etwas, was sich ergab im Umgange mit der Menschheit, so wie es sich ergab im Umgange mit der Menschheit, daß man durch die Organisation des Kehlkopfes das Sprechen lernte. Man blieb aber nicht beim Sprechenlernen stehen, sondern schritt vor zu dem elementaren Hellsehen. Dieses elementare Hellsehen war gebunden an die gewöhnliche menschliche Organisation so, wie die menschliche Organisation drinnenstand in der physischen Welt; es mußte also notwendigerweise das Hellsehen auch den Charakter der menschlichen Organisation annehmen. Ein Mensch, der ein Wüstling war, konnte nicht eine reine Natur in sein Hellsehen hineinschieben; ein reiner Mensch konnte seine reine Natur auch in sein Hellsehen hineinschieben. Das ist ganz natürlich, denn es war das Hellsehen an die unmittelbare menschliche Organisation gebunden.

[ 31 ] If we look back once more at the period of human development prior to the Mystery of Golgotha, we must say: At that time, the human soul possessed an ancient genetic heritage from the era when it descended from the spiritual heights into earthly incarnations. It preserved this heritage from incarnation to incarnation. Therefore, in those times there was an ancient clairvoyance that gradually ebbed away, becoming weaker and weaker. The further the incarnations progressed, the weaker the ebbing ancient clairvoyance became. To what was this ancient clairvoyance bound? It was bound to that to which external perception through eyes and ears is also bound, to that which is precisely what the human being is in the external world. For people before the Mystery of Golgotha, it was the case that they grew up like children: they learned to walk, to speak, and—as long as the elemental forces in the sense of the old clairvoyance were still present—they naturally learned to see clearly as well. They learned it as something that arose in their interaction with humanity, just as it arose in their interaction with humanity that one learned to speak through the organization of the larynx. But they did not stop at learning to speak; rather, they progressed to elementary clairvoyance. This elementary clairvoyance was bound to the ordinary human constitution just as the human constitution was situated within the physical world; therefore, clairvoyance necessarily had to take on the character of the human constitution as well. A person who was a debauchee could not bring a pure nature into their clairvoyance; a pure person could bring their pure nature into their clairvoyance as well. This is quite natural, for clairvoyance was bound to the immediate human constitution.

[ 32 ] Eine notwendige Folge davon war, daß ein gewisses Geheimnis — das Geheimnis des Zusammenhanges zwischen der geistigen Welt und der physischen Erdenwelt -, das vor dem Herabstieg des Christus Jesus bestand, nichtfür diese gewöhnliche menschheitlicheOrganisation enthüllt werden durfte. Es mußte die menschheitliche Organisation erst umgestaltet, erst reif gemacht werden. Der Jüngling von Sais durfte nicht ohne weiteres, von außen kommend, das Bild der Isis sehen.

[ 32 ] A necessary consequence of this was that a certain mystery—the mystery of the connection between the spiritual world and the physical world of the Earth—which existed before the descent of Christ Jesus, could not be revealed to this ordinary human organization. Humanity first had to be transformed, first had to be made ready. The youth of Sais was not permitted to simply come from outside and see the image of Isis.

[ 33 ] Mit dem vierten nachatlantischen Zeitraume, in welchen das Mysterium von Golgatha hineinfiel, war das alte Hellsehen verschwunden. Eine neue Organisation der Menschenseele trat auf, eine Organisation der Menschenseele, die überhaupt abgeschlossen bleiben muß von der geistigen Welt, wenn sie nicht fragt, wenn sie nicht den Trieb hat, der in der Frage liegt. Dieselben schädlichen Kräfte, die in alten Zeiten an die Menschenseele herangetreten sind, können nicht an sie herantreten, wenn man gerade nach dem Geheimnis fragt, das das Geheimnis des Heiligen Grales ist. Denn in diesem Geheimnisse birgt sich das, was seit dem Mysterium von Golgatha in die Aura der Erde jetzt ausgeflossen ist. Was früher nicht in sie ausgeflossen war, was jetzt als das Geheimnis des Grales in die Erdenaura ausgeflossen ist, bliebe einem doch immer verschlossen, wenn man nicht fragt. Man muß fragen, was aber nichts anderes heißt als: man muß den Trieb haben, dasjenige, was ohnedies in der Seele lebt, wirklich zu entfalten.

[ 33 ] With the fourth post-Atlantean epoch, into which the Mystery of Golgotha fell, the old clairvoyance had disappeared. A new organization of the human soul emerged, an organization of the human soul that must remain completely closed off from the spiritual world unless it asks questions, unless it possesses the impulse that lies in the act of questioning. The same harmful forces that approached the human soul in ancient times cannot approach it when one specifically asks about the mystery that is the mystery of the Holy Grail. For within this mystery lies that which has now flowed into the Earth’s aura since the Mystery of Golgotha. What had not flowed into it before, what has now flowed into the Earth’s aura as the mystery of the Grail, would remain forever closed to one if one did not ask. One must ask, which means nothing other than: one must have the impulse to truly unfold that which lives in the soul anyway.

[ 34 ] Vor dem Mysterium von Golgatha war es nicht in der Seele, denn der Christus war nicht in der Erdenaura. Vor dem Mysterium von Golgatha würde jemand ohne weiteres, wenn er nur das Bild der Isis im rechten Sinne geschaut und ihr Geheimnis ergründet hätte, durch das, was in ihm noch an alten hellseherischen Kräften vorhanden war, seine ganze Menschennatur da hineingelegt haben, und er würde es dann so erkannt haben.

[ 34 ] Before the Mystery of Golgotha, it was not present in the soul, for Christ was not in the Earth’s aura. Before the Mystery of Golgotha, anyone who had merely viewed the image of Isis in the right sense and fathomed her mystery would, through whatever remnants of ancient clairvoyant powers still existed within him, have projected his entire human nature into it, and he would then have recognized it as such.

[ 35 ] In der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha wird eine Seele, die zum Fragen kommt, im rechten Sinne zum Fragen kommen, und sie wird auch im rechten Sinne das neue Isis-Mysterium empfinden können. Daher ist es so, daß es heute ankommt auf das richtige Fragen, das heißt auf das richtige Sich-Stellen zu dem, was als spirituelle Weltanschauung verkündet werden kann. Kommt ein Mensch bloß aus der Stimmung des Urteilens, dann kann er alle Bücher und alle Zyklen und alles lesen — er erfährt gar nichts, denn ihm fehlt die Parzival-Stimmung. Kommt jemand mit der Fragestimmung, dann wird er noch etwas ganz anderes erfahren, als was bloß in den Worten liegt. Er wird die Worte fruchtbar mit den Quellkräften in seiner eigenen Seele erleben. Daß uns das, was uns spirituell verkündet ist, zu einem solchen inneren Erleben werde, das ist es, worauf es ankommt.

[ 35 ] In the time following the Mystery of Golgotha, a soul that comes to ask questions will do so in the true sense, and it will also be able to perceive the new Isis Mystery in the true sense. That is why, today, what matters is asking the right questions—that is, adopting the right attitude toward what can be proclaimed as a spiritual worldview. If a person approaches this merely with a judgmental attitude, then they can read all the books and study all the cycles—they will gain nothing, for they lack the Parzival spirit. If someone approaches with a questioning attitude, then they will experience something quite different from what lies merely in the words. They will experience the words fruitfully in connection with the source forces within their own soul. That what is spiritually proclaimed to us may become such an inner experience—that is what matters.

[ 36 ] Daran werden wir insbesondere erinnert, wenn solche Dinge an uns herantreten wie die bedeutsamen Ereignisse zwischen dem Gespräche des Jesus von Nazareth mit der Mutter und der Johannestaufe im Jordan. Denn diese Dinge werden uns auch nur etwas sein können, wenn wir nach ihnen fragen, wenn wir das lebendige Bedürfnis haben, zu erkennen, was gewirkt hat an jenem wichtigen Scheidepunkte, wo die Zeit vor dem Mysterium von Golgatha sich trennt von der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha. Es ist am besten, gerade diese Dinge auf seine Seele wirken zu lassen. Es ist im Grunde genommen alles, was sie unserer Seele sagen sollen, schon in der Erzählung enthalten. Wir brauchen nicht viel in sie hineinzuinterpretieren.

[ 36 ] We are reminded of this in particular when we are confronted with events such as those that took place between Jesus of Nazareth’s conversation with his mother and John’s baptism in the Jordan. For these things can only mean anything to us if we seek them out, if we have a living need to recognize what took place at that crucial turning point where the time before the Mystery of Golgotha separates from the time after the Mystery of Golgotha. It is best to allow precisely these things to work upon one’s soul. Essentially, everything they are meant to say to our soul is already contained within the narrative. We need not read much into them.

[ 37 ] Gerade bei Gelegenheit dieses Abschnittes des Fünften Evangeliums wollte ich diese allgemeine Bemerkung machen und darauf hinweisen, wie es für unsere Zeit in gewissem Sinne wiederum wichtig wird, Parzival-Stimmung zu verstehen. Man wird sie verstehen müssen. Sie ist ja aufgetaucht bei Richard Wagner, der sie musikalisch-dramatisch zu verkörpern suchte. Nicht will ich mich einlassen in den großen Streit, der in der äußeren Welt heute wegen des «Parsifal» entbrannt ist. Geisteswissenschaft ist nicht dazu da, um Partei zu ergreifen. Daher möge es ihr ferneliegen, sich hier einzumischen in den Streit zwischen denjenigen, die Wagners «Parsifal», zunächst das bedeutsamste Dokument für die heutige Welt über die neue ParzivalStimmung, in Bayreuth behalten möchten, Schutz für ihn haben möchten, und denjenigen, die ihn übergeben wollen dem Reiche Klingsors. Es tritt ja im Grunde genommen das letztere schon ein. Aber auf das andere möchte ich hinweisen: daß in dem Fortwirken des Christus-Impulses gleichsam da, wo noch nicht die Urteilskraft, wo noch nicht das Oberbewußtsein der Menschen hindringt, wohinein aber immer mehr und mehr dieses Oberbewußtsein durch die spirituelle Weltanschauung deuten soll, daß da auch immer die ParzivalStimmung sein muß, und noch manches andere, wovon wir dann im Verlaufe dieses Winters noch sprechen wollen.

[ 37 ] It is precisely in connection with this section of the Fifth Gospel that I wanted to make this general remark and point out how, in a certain sense, it is once again becoming important for our time to understand the Parzival spirit. One will have to understand it. It did, after all, emerge with Richard Wagner, who sought to embody it musically and dramatically. I do not wish to get involved in the great controversy that has flared up in the outer world today over “Parsifal.” Spiritual science is not there to take sides. Therefore, let it be far from its purpose to interfere here in the dispute between those who wish to keep Wagner’s “Parsifal”—first and foremost the most significant document for the modern world regarding the new Parzival mood—in Bayreuth, and wish to protect it, and those who wish to hand it over to the realm of Klingsor. After all, the latter is already coming to pass. But I would like to point out the following: that in the continuing effect of the Christ impulse—where, as it were, the power of judgment and the higher consciousness of human beings do not yet stand in the way, but where this higher consciousness is increasingly to be interpreted through the spiritual worldview—there must always be the Parzival mood, and many other things as well, which we shall discuss further in the course of this winter.