Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

Truth and Science
GA 3

VII. Theory of Knowing Final Remarks

We have grounded 78t/n This chapter marks the end of Steiner’s original doctoral dissertation. the theory of knowing (Erkenntnistheorie) on the concept of the act of clear, conscious, logical scientific thinking about perceptions (Wissenschaft) as the significant way to understand all human conceptions (Wissen). Only through clear logical thinking do we procure the relationship between individual concepts and the world. With the help of this sort of scientific thinking, it is possible to come to a world outlook. We reach the basic meaning of conception (positives Wissen) through the individual perceptions. The value of perceptions for reality we experience through the theory of knowing, through epistemology. By sticking strictly to this principle, and not using any individual perceptions in our argument about immediately approaching some object of the cognitive process, we have overcome all one-sided world outlooks. One-sidedness usually arises due to the investigation immediately approaching some object of the cognitive process, instead of addressing the cognitive process itself. After our discussions, dogmatism must drop its "thing-in-itself" and subjective idealism must drop its "I" as a primary principle, because their mutual relationship is determined essentially only by thinking. “Thing-in-itself” and “I” cannot be determined by deriving one from the other, but both must be determined by thinking, according to their character and relationship. Skepticism must abandon its doubts about the knowability of the world, because there is nothing to doubt about what is "given", as it is still untouched by all the predicates given by knowing. But if it wanted to claim that thinking cognition could never approach things, it could only do this through thinking reflection, which would also prove it wrong. Anyone who wants to establish doubt in thinking implicitly admits that thinking has sufficient power to support convictions. Our epistemology, finally, overcomes one-sided empiricism and one-sided rationalism by uniting both at a higher level. In this way, it does justice to both. We do justice to the empiricist by showing that to attain awareness of all the contents of the given, it is sufficient to merely be in direct contact with it. The rationalist also finds his due in our argument, since we declare thinking to be the necessary and only mediator of knowing.

The next thing our world outlook touches on, if we have grounded it on the theory of knowing, is the presentation of A. E. Biedermann.79A. E. Biedermann’s epistemological arguments in his 1884-85 edition Christliche Dogmatik, Vol. 1. A complete discussion of his point of view has been provided by Eduard von Hartmann’s Kritische Wanderungen durch die Philosophie der Gegenwart, Critical Survey of Contemporary Philosophy, p. 200 ff. But Biedermann needs (for the grounding of his standpoint’s declaration) something that in no way belongs in the theory knowing. He operates with the concepts of existence, substance, space, time, etc., without having first examined the cognitive process itself. Instead of stating that initially only the two elements given and thinking are present in the cognitive process, he speaks of modes of existence of reality.

So, he says for example in section 15, "Two basic certainties are contained in the contents of consciousness: 1. There are two types of existence given to us, whose contrasting existence we describe as sensory and spiritual, material and ideal existence." And in section 19, “Whatever has a spatial-temporal existence exists as something material; what the grounds are of all processes involving existence-awareness and subjectivity of life, the existing ideal, is real as an ideal-existence.” Such considerations do not belong in epistemology, but in metaphysics, which can only be justified with the help of epistemology. It must be admitted that Biedermann's claims are in many ways like mine, but my method has absolutely no bearing on his. I therefore find no reason to deal with him directly. Biedermann tries to gain an epistemological point of view with the help of some metaphysical axioms. We seek to arrive at a view of reality by considering the cognitive process.

And I believe that I have shown definitively that all conflicts between world viewpoints arise due to trying to experience objective perceptions (things, the “I”, awareness, etc.) without specifically becoming familiar with what primarily and alone can open an understanding to all other perceptions, namely the essential nature of what it is to experience conceptions (des Wissens) itself.

VII. Erkenntnistheoretische Schlussbetrachtung

Wir haben die Erkenntnistheorie begründet als die Wissenschaft von der Bedeutung alles menschlichen Wissens. Durch sie erst verschaffen wir uns Aufklärung über das Verhältnis des Inhaltes der einzelnen Wissenschaften zur Welt. Sie macht es uns möglich, mit Hilfe der Wissenschaften zur Weltanschauung zu kommen. Positives Wissen erwerben wir durch die einzelnen Erkenntnisse; den Wert des Wissens für die Wirklichkeit erfahren wir durch die Erkenntnistheorie. Dadurch, daß wir streng an diesem Grundsatze festgehalten haben und keinerlei Einzelwissen in unseren Auseinandersetzungen verwertet haben, dadurch haben wir alle einseitigen Weltanschauungen überwunden. Die Einseitigkeit entspringt gewöhnlich daher, daß die Untersuchung, statt sich an den Erkenntnisprozeß selbst zu machen, sogleich an irgendwelche Objekte dieses Prozesses herantritt. Nach unseren Auseinandersetzungen muß der Dogmatismus sein «Ding an sich», der subjektive Idealismus sein «Ich» als Urprinzip fallen lassen, denn diese sind ihrem gegenseitigen Verhältnis nach wesentlich erst im Denken bestimmt. «Ding an sich» und «Ich» sind nicht so zu bestimmen, daß man das eine von dem anderen ableitet, sondern beide müssen vom Denken aus nach ihrem Charakter und Verhältnis bestimmt werden. Der Skeptizismus muß von seinem Zweifel an der Erkennbarkeit der Welt ablassen, denn an dem «Gegebenen» ist nichts zu bezweifeln, weil es von allen durch das Erkennen erteilten Prädikaten noch unberührt ist. Wollte er aber behaupten, daß das denkende Erkennen nie an die Dinge herankommen könne, so könnte er das nur durch denkende Überlegung selbst tun, womit er sich aber auch selbst widerlegt. Denn wer durch Denken den Zweifel begründen will, der gibt implizite zu, daß dem Denken eine für das Stützen einer Überzeugung hinreichende Kraft zukommt. Unsere Erkenntnistheorie, endlich, überwindet den einseitigen Empirismus und den einseitigen Rationalismus, indem sie beide auf einer höheren Stufe vereinigt. Auf diese Weise wird sie beiden gerecht. Dem Empiriker werden wir gerecht, indem wir zeigen, daß alle inhaltlichen Erkenntnisse über das Gegebene nur in unmittelbarer Berührung mit diesem selbst erlangt werden können. Auch der Rationalist findet bei unseren Auseinandersetzungen seine Rechnung, da wir das Denken für den notwendigen und einzigen Vermittler des Erkennens erklären.

Am nächsten berührt sich unsere Weltanschauung, wie wir sie erkenntnistheoretisch begründet haben, mit der von A. E. Biedermann vertretenen. 46Christliche Dogmatik. Die erkenntnistheoretischen Untersuchungen im 1. Band. Eine erschöpfende Auseinandersetzung über diesen Standpunkt hat Eduard von Hartmann geliefert, siehe «Kritische Wanderungen durch die Philosophie der Gegenwart» S.200 ff. Aber Biedermann braucht zur Begründung seines Standpunktes Feststellungen, die durchaus nicht in die Erkenntnistheorie gehören. So operiert er mit den Begriffen: Sein, Substanz, Raum, Zeit usw., ohne vorher den Erkenntnisprozeß für sich untersucht zu haben. Statt festzustellen, daß im Erkenntnisprozeß zunächst nur die beiden Elemente Gegebenes und Denken vorhanden sind, spricht er von Seinsweisen der Wirklichkeit.

So sagt er z. B. § 15: «In allem Bewußtseinsinhalt sind zwei Grundtatsachen enthalten: 1. es ist uns darin zweierlei Sein gegeben, welchen Seinsgegensatz wir als sinnliches und geistiges, dingliches und ideelles Sein bezeichnen.» Und §19: «Was räumlich-zeitliches Dasein hat, existiert als etwas Materielles; was Grund alles Daseinsprozesses und Subjekt des Lebens ist, das existiert ideell, ist real als ein Ideell-Seiendes.» Solche Erwägungen gehören nicht in die Erkenntnistheorie, sondern in die Metaphysik, die erst mit Hilfe der Erkenntnistheorie begründet werden kann. Zugegeben werden muß, daß Biedermanns Behauptungen den unseren vielfach ähnlich sind; unsere Methode aber berührt sich mit der seinigen durchaus nicht. Daher fanden wir auch nirgends Veranlassung, uns direkt mit ihm auseinanderzusetzen. Biedermann sucht mit Hilfe einiger metaphysischer Axiome einen erkenntnistheoretischen Standpunkt zu gewinnen. Wir suchen durch Betrachtung des Erkenntnisprozesses zu einer Ansicht über die Wirklichkeit zu kommen.

Und wir glauben in der Tat gezeigt zu haben, daß aller Streit der Weltanschauungen daher kommt, daß man ein Wissen über ein Objektives (Ding, Ich, Bewußtsein usw.) zu erwerben trachtet, ohne vorher dasjenige genau zu kennen, was allein erst über alles andere Wissen Aufschluß geben kann: die Natur des Wissens selbst.