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The Rudolf Steiner Archive

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Truth and Sciences
GA 3

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Voredde zur Neuausgabe 1918

[ 1 ] Zwei Wurzelfragen des menschlichen Seelenlebens sind es, nach denen hingeordnet ist alles, was durch dieses Buch besprochen werden soll. Die eine ist, ob es eine Möglichkeit gibt, die menschliche Wesenheit so anzuschauen, daß diese Anschauung sich als Stütze erweist für alles andere, was durch Erleben oder Wissenschaft an den Menschen herankommt, wovon er aber die Empfindung hat, es könne sich nicht selber stützen. Es könne von Zweifel und kritischem Urteil in den Bereich des Ungewissen getrieben werden. Die andere Frage ist die: Darf sich der Mensch als wollendes Wesen die Freiheit zuschreiben, oder ist diese Freiheit eine bloße Illusion, die in ihm entsteht, weil er die Fäden der Notwendigkeit nicht durchschaut, an denen sein Wollen ebenso hängt wie ein Naturgeschehen? Nicht ein künstliches Gedankengespinst ruft diese Frage hervor. Sie tritt ganz naturgemäß in einer bestimmten Verfassung der Seele vor diese hin. Und man kann fühlen, es ginge der Seele etwas ab von dem, was sie sein soll, wenn sie nicht vor die zwei Möglichkeiten: Freiheit oder Notwendigkeit des Wollens, einmal mit einem möglichst großen Frageernst sich gestellt sähe. In dieser Schrift soll gezeigt werden, daß die Seelenerlebnisse, welche der Mensch durch die zweite Frage erfahren muß, davon abhängen, welchen Gesichtspunkt er gegenüber der ersten einzunehmen vermag. Der Versuch wird gemacht, nachzuweisen, daß es eine Anschauung über die menschliche Wesenheit gibt, welche die übrige Erkenntnis stützen kann; und der weitere, darauf hinzudeuten, daß mit dieser Anschauung für die Idee der Freiheit des Willens eine volle Berechtigung gewonnen wird, wenn nur erst das Seelengebiet gefunden ist, auf dem das freie Wollen sich entfalten kann.

[ 2 ] Die Anschauung, von der hier mit Bezug auf diese beiden Fragen die Rede ist, stellt sich als eine solche dar, welche, einmal gewonnen, ein Glied lebendigen Seelenlebens selbst werden kann. Es wird nicht eine theoretische Antwort gegeben, die man, einmal erworben, bloß als vom Gedächtnis bewahrte Überzeugung mit sich trägt. Für die Vorstellungsart, die diesem Buche zugrunde liegt, wäre eine solche Antwort nur eine scheinbare. Nicht eine solch fertige, abgeschlossene Antwort wird gegeben, sondern auf ein Erlebnisgebiet der Seele wird verwiesen, auf dem sich durch die innere Seelentätigkeit selbst in jedem Augenblicke, in dem der Mensch dessen bedarf, die Frage erneut lebendig beantwortet. Wer das Seelengebiet einmal gefunden hat, auf dem sich diese Fragen entwickeln, dem gibt eben die wirkliche Anschauung dieses Gebietes dasjenige, was er für diese beiden Lebensrätsel braucht, um mit dem Errungenen das rätselvolle Leben weiter in die Breiten und in die Tiefen zu wandeln, in die ihn zu wandeln Bedürfnis und Schicksal veranlassen. — Eine Erkenntnis, die durch ihr Eigenleben und durch die Verwandtschaft dieses Eigenlebens mit dem ganzen menschlichen Seelenleben ihre Berechtigung und Geltung erweist, scheint damit aufgezeigt zu sein.

[ 3 ] So dachte ich über den Inhalt dieses Buches, als ich ihn vor fünfundzwanzig Jahren niederschrieb. Auch heute muß ich solche Sätze niederschreiben, wenn ich die Zielgedanken der Schrift kennzeichnen will. Ich habe mich bei der damaligen Niederschrift darauf beschränkt, nicht mehr zu sagen als dasjenige, was im engsten Sinne mit den gekennzeichneten beiden Wurzelfragen zusammenhängt. Wenn jemand verwundert darüber sein sollte, daß man in diesem Buche noch keinen Hinweis findet auf das Gebiet der geistigen Erfahrungswelt, das in späteren Schriften von mir zur Darstellung gekommen ist, so möge er bedenken, daß ich damals eben nicht eine Schilderung geistiger Forschungsergebnisse geben, sondern erst die Grundlage erbauen wollte, auf der solche Ergebnisse ruhen können. Diese «Philosophie der Freiheit» enthält keine solchen speziellen Ergebnisse, ebensowenig als sie spezielle naturwissenschaftliche Ergebnisse enthält; aber was sie enthält, wird derjenige nach meiner Meinung nicht entbehren können, der Sicherheit für solche Erkenntnisse anstrebt. Was in dem Buche gesagt ist, kann auch für manchen Menschen annehmbar sein, der aus irgend welchen ihm geltenden Gründen mit meinen geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen nichts zu tun haben will. Demjenigen aber, der diese geisteswissenschaftlichen Ergebnisse als etwas betrachten kann, zu dem es ihn hinzieht, dem wird auch wichtig sein können, was hier versucht wurde. Es ist dies: nachzuweisen, wie eine unbefangene Betrachtung, die sich bloß über die beiden gekennzeichneten für alles Erkennen grundlegenden Fragen erstreckt, zu der Anschauung führt, daß der Mensch in einer wahrhaftigen Geistwelt drinnen lebt. In diesem Buche ist erstrebt, eine Erkenntnis des Geistgebietes vor dem Eintritte in die geistige Erfahrung zu rechtfertigen. Und diese Rechtfertigung ist so unternommen, daß man wohl nirgends bei diesen Ausführungen schon auf die später von mir geltend gemachten Erfahrungen hinzuschielen braucht, um, was hier gesagt ist, annehmbar zu finden, wenn man auf die Art dieser Ausführungen selbst eingehen kann oder mag.

[ 4 ] So scheint mir denn dieses Buch auf der einen Seite eine von meinen eigentlich geisteswissenschaftlichen Schriften völlig abgesonderte Stellung einzunehmen; und auf der andern Seite doch auch aufs allerengste mit ihnen verbunden zu sein. Dies alles hat mich veranlaßt, jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren, den Inhalt der Schrift im wesentlichen fast ganz unverändert wieder zu veröffentlichen. Nur längere Zusätze habe ich zu einer ganzen Reihe von Abschnitten gemacht. Die Erfahrungen, die ich über mißverständliche Auffassungen des von mir Gesagten gemacht habe, ließen mir solche ausführliche Erweiterungen nötig erscheinen. Geändert habe ich nur da, wo mir heute das ungeschickt gesagt schien, was ich vor einem Vierteljahrhundert habe sagen wollen. (Aus dem so Geänderten wird wohl nur ein Übelwollender sich veranlaßt finden zu sagen, ich habe meine Grundüberzeugung geändert.)

[ 5 ] Das Buch ist schon seit vielen Jahren ausverkauft. Trotzdem, wie aus dem eben Gesagten hervorgeht, mir scheint, daß heute ebenso noch ausgesprochen werden soll, was ich vor fünfundzwanzig Jahren über die gekennzeichneten Fragen ausgesprochen habe, zögerte ich durch lange Zeit mit der Fertigstellung dieser Neuauflage. Ich fragte mich immer wieder, ob ich nicht müsse an dieser oder jener Stelle mich mit den zahlreichen seit dem Erscheinen der ersten Auflage zutage getretenen philosophischen Anschauungen auseinandersetzen. Dies in der mir wünschenswerten Weise zu tun, verhinderte mich die Inanspruchnahme durch meine rein geisteswissenschaftlichen Forschungen in der letzten Zeit. Allein ich habe mich nun nach möglichst gründlicher Umschau in der philosophischen Arbeit der Gegenwart davon überzeugt, daß, so verlockend eine solche Auseinandersetzung an sich wäre, sie für das, was durch mein Buch gesagt werden soll, nicht in dasselbe aufzunehmen ist. Was von dem in der «Philosophie der Freiheit» eingenommenen Gesichtspunkt aus über neuere philosophische Richtungen mir nötig schien, gesagt zu werden, findet man im zweiten Bande meiner «Rätsel der Philosophie».

April 1918
Rudolf Steiner

Versions Available:

The Philosophy of Spiritual Activity 1986, tr. William Lindeman
  1. The Philosophy of Spiritual Activity 1949, tr. Hermann Poppelbaum
  2. The Philosophy of Spiritual Activity 1963, tr. Rita Stebbing
  3. The Philosophy of Freedom 1964, tr. Michael Wilson
  4. The Philosophy of Spiritual Activity, Steiner Online Library
  5. Die Philosophie der Freiheit, Rudolf Steiner Verlag, 16th ed.

Preface to the Revised Edition, 1918

[ 1 ] Everything to be discussed in this book is oriented toward two root questions of human soul life. One question is whether a possibility exists of viewing the being of man in such a way that this view proves to be a support for everything else which, through experience and science, approaches him but which he feels cannot support itself and can be driven by doubt and critical judgment into the realm of uncertainty. The other question is this: Is man, as a being who wants and wills, justified in considering himself to be free, or is this inner freedom a mere illusion that arises in him because he does not see the threads of necessity upon which his willing depends just as much as any happening in nature? No artificial spinning out of thoughts calls forth this question. It comes before the soul quite naturally in a particular disposition of the soul. And one can feel that the soul would lack something of what it should be if it never once saw itself placed, with a greatest possible earnestness in questioning, before the two possibilities: freedom or necessity of the will. It is to be shown in this book that the soul-experiences which the human being has to undergo through the second question depend upon which point of view he is able to take with regard to the first. The attempt is made to show that there is a view of the being of man which can support his other knowledge; and furthermore, to indicate with this view a full justification is won for the idea of the freedom of the will, if only the soul region is first found in which free willing can unfold itself.

[ 2 ] The view under discussion here with respect to both these questions presents itself as one which, once gained, can itself become a part of active soul life. A theoretical answer is not given which, once acquired, merely carries with it a conviction preserved by memory. For the way of picturing things which underlies this book, such an answer would be only a seeming one. No such fixed and final answer is given, but rather a region of experience of the soul is indicated, in which, through the inner activity of the soul itself, the question is answered anew in a living way at any moment that the human being needs it. For someone who has once found the region of the soul in which these questions evolve, the real view of this region gives just what he needs for both these riddles of life; then, with what he has achieved, he can travel on into the distances and depths of this enigmatical life as his need and destiny move him.—With this, a knowledge seems to be indicated which, through its own life and through the relatedness of its own life to the whole human soul life, proves its justification and worth.

[ 3 ] This is how I thought about the content of this book as I wrote it down twenty-five years ago. Today also I must write such sentences when I want to characterize the thoughts toward which this book aims. I limited myself as I wrote at that time, not to say more than what is connected in the closest sense to the two root questions characterized above. If someone should be surprised about the fact that he does not yet find in this book any allusion to the region of the world of spiritual experience that is described by me in later books, I would ask him to bear in mind that at the time I did not want, in fact, to give a description of the results of spiritual research, but wanted rather first to build the foundation upon which such results can rest. The Philosophy of Spiritual Activity contains no such specialized results; but what it does contain is indispensable, in my opinion, to anyone who is striving for certainty in such knowledge. What is said in the book can also be acceptable to those who, for one or another reason, which is valid for them, want to have nothing to do with the results of my spiritual-scientific research. But what is attempted here can also be of importance for a person who can regard these spiritual-scientific results as something to which he is drawn. It is this: to show how an unbiased consideration, extending solely to these two questions which lay the foundation for all knowing activity, leads to the view that the human being lives in the midst of a true spiritual world. What is striven for in this book is to justify a knowledge of the spiritual realm before entry into spiritual experience. And this justification is undertaken in such a way that one needs nowhere at all in these expositions to cast a sidelong glance at the experiences put forward by me later, in order to find what is said here acceptable, if one can or wants to enter into the nature of these expositions themselves.

[ 4 ] So this book seems to me on the one hand then to occupy a position completely separate from my actual spiritual-scientific writings, and yet on the other hand to be most closely bound up with them also. All this has moved me now, after twenty-five years, to republish the content of the book in a virtually unchanged form. I have only made some additions to a number of chapters. The experiences I have had with people's misconceptions about what I had written made such detailed amplifications seem necessary to me. I have made only changes where what I wanted to say a quarter of a century ago seems to me today to be awkwardly expressed. (Only someone with ill will could possibly be moved by these changes to say that I have changed my basic conviction.)

[ 5 ] The book has been out of print for many years already. Although it seems to me, as is apparent from what has just been said, that what I expressed twenty-five years ago about the two questions should still be expressed in the same way today, I hesitated for a long to time to prepare this new edition. I asked myself again and again whether, in this or that passage, I did not have to come to terms with the numerous philosophical views that have come to light since the appearance of the first edition. The demands of my purely spiritual-scientific research lately have prevented me from doing this in the way I would want. But now, after the most thorough possible survey of current philosophical work, I have convinced myself that, as tempting as such a task would be in itself, it is not something to be taken up on the context of what is meant to be said through my book. What seemed to me necessary to be said about more recent philosophical directions from the point of view taken in The Philosophy of Spiritual Activity, may be found in the second volume of my Riddles of Philosophy.