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Truth and Sciences
GA 3

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XIV. Individualität und Gattung

[ 1 ] Der Ansicht, daß der Mensch zu einer vollständigen in sich geschlossenen, freien Individualität veranlagt ist, stehen scheinbar die Tatsachen entgegen, daß er als Glied innerhalb eines natürlichen Ganzen auftritt (Rasse, Stamm, Volk, Familie, männliches und weibliches Geschlecht), und daß er innerhalb eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche und so weiter). Er trägt die allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der er angehört, und gibt seinem Handeln einen Inhalt, der durch den Platz, den er innerhalb einer Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.

[ 2 ] Ist dabei überhaupt noch Individualität möglich? Kann man den Menschen selbst als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus einem Ganzen herauswächst, und in ein Ganzes sich eingliedert?

[ 3 ] Das Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und Funktionen nach durch das Ganze bestimmt. Ein Volksstamm ist ein Ganzes, und alle zu ihm gehörigen Menschen tragen die Eigentümlichkeiten an sich, die im Wesen des Stammes bedingt sind. Wie der einzelne beschaffen ist und wie er sich betätigt, ist durch denStammescharakter bedingt. Dadurch erhält die Physiognomie und das Tun des einzelnen etwas Gattungsmäßiges. Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus dem Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen. Diese erklärt es uns, warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.

[ 4 ] Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei. Denn das menschlich Gattungsmäßige ist, vom Menschen richtig erlebt, nichts seine Freiheit Einschränkendes, und soll es auch nicht durch künstliche Veranstaltungen sein. Der Mensch entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen können. Das Gattungsmäßige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Grundlage und gibt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße Form. Wir suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt werden kann. Ist ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir wollen alles, was an ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ.

[ 5 ] Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt. Am hartnäckigsten im Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um das Geschlecht des Menschen handelt. Der Mann sieht im Weibe, das Weib in dem Manne fast immer zuviel von dem allgemeinen Charakter des anderen Geschlechtes und zu wenig von dem Individuellen. Im praktischen Leben schadet das den Männern weniger als den Frauen. Die soziale Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie in vielen Punkten, wo sie es sein sollte, nicht bedingt ist durch die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen Frau, sondern durch die allgemeinen Vorstellungen, die man sich von der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen des Weibes macht. Die Betätigung des Mannes im Leben richtet sich nach dessen individuellen Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll ausschließlich durch den Umstand bedingt sein, daß es eben Weib ist. Das Weib soll der Sklave des Gattungsmäßigen, des Allgemein-Weiblichen sein. Solange von Männern darüber debattiert wird, ob die Frau «ihrer Naturanlage nach» zu diesem oder jenem Beruf tauge, solange kann die sogenannte Frauenfrage aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen. Was die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu beurteilen. Wenn es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe taugen, der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum einen anderen erreichen, Sie müssen es aber selbst entscheiden können, was ihrer Natur gemäß ist. Wer eine Erschütterung unserer sozialen Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als Gattungsmenschen, sondern als Individuen genommen werden, dem muß entgegnet werden, daß soziale Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der Menschheit ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr bedürftig sind. 1Man hat mir auf die obigen Ausführungen gleich beim Erscheinen (1894) dieses Buches eingewendet, innerhalb des Gattungsmäßigen könne sich die Frau schon jetzt 50 individuell ausleben, wie sie nur will, weit freier als der Mann, der schon durch die Schule und dann durch Krieg und Beruf entindividualisiert werde. Ich weiß, daß man diesen Einwand vielleicht heute noch stärker erheben wird. Ich muß die Sätze doch hier stehen lassen und möchte hoffen, daß es auch Leser gibt, die verstehen, wie stark ein solcher Einwand gegen den Freiheitsbegriff, der in dieser Schrift entwickelt wird, verstößt, und die meine obigen Sätze an anderem beurteilen als an der Entindividualisierung des Mannes durch die Schule und den Beruf.

[ 6 ] Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung auf freier Selbstbestimmung beruht. Was unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung sein. Die Rassen, Stammes, Volks, und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung leben wollten, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt. Aber alle diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen Inhalt des einzelnen Individuums. Da, wo das Gebiet der Freiheit (des Denkens und Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums nach Gesetzen der Gattung auf. Den begrifflichen Inhalt, den der Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung in Verbindung bringen muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen (vgl. S.88ff.), kann niemand ein für allemal festsetzen und der Menschheit fertig hinterlassen. Das Individuum muß seine Begriffe durch eigene Intuition gewinnen. Wie der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht aus irgendeinem Gattungsbegriffe ableiten. Dafür ist einzig und allein das Individuum maßgebend. Ebensowenig ist aus allgemeinen Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum seinem Wollen vorsetzen will. Wer das einzelne Individuum verstehen will, muß bis in dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben. In diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch ein Problem. Und alle Wissenschaft, die sich mit abstrakten Gedanken und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zuteil wird, wenn uns eine menschliche Individualität ihre Art, die Welt anzuschauen, mitteilt, und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt ihres Wollens gewinnen. Wo wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit demjenigen an einem Menschen zu tun, das frei ist von typischer Denkungsart und gattungsmäßigem Wollen, da müssen wir aufhören, irgendwelche Begriffe aus unserem Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen. Das Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung durch das Denken. Bei allen anderen Objekten muß der Beobachter die Begriffe durch seine Intuition gewinnen; beim Verstehen einer freien Individualität handelt es sich nur darum, deren Begriffe, nach denen sie sich ja selbst bestimmt, rein (ohne Vermischung mit eigenem Begriffsinhalt) herüberzunehmen in unseren Geist. Menschen, die in jede Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer Individualität gelangen. So wie die freie Individualität sich frei macht von den Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß das Erkennen sich frei machen von der Art, wie das Gattungsmäßige verstanden wird

[ 7 ] Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der gekennzeichneten Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in Betracht. Kein Mensch ist vollständig Gattung, keiner ganz Individualität. Aber eine größere oder geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich ab, ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von den ihn beherrschenden Geboten menschlicher Autoritäten.

[ 8 ] Für den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche Freiheit nicht erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb des Natur, und Geistesorganismus. Er lebt in dieser Hinsicht, wie er es andern abguckt, oder wie sie es ihm befehlen. Einen im wahren Sinne ethischen Wert hat nur der Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt. Und was er an moralischen Instinkten durch Vererbung sozialer Instinkte an sich hat, wird ein Ethisches dadurch, daß er es in seine Intuitionen aufnimmt. Aus individuellen ethischen Intuitionen und deren Aufnahme in Menschengemeinschaften entspringt alle sittliche Betätigung der Menschheit. Man kann auch sagen: das sittliche Leben der Menschheit ist die Gesamtsumme der moralischen Phantasieerzeugnisse der freien menschlichen Individuen. Dies ist das Ergebnis des Monismus.

Versions Available:

The Philosophy of Spiritual Activity 1963, tr. Rita Stebbing
  1. The Philosophy of Freedom 1916, tr. Prof. and Mrs. R. F. Alfred Hoernlé
  2. The Philosophy of Spiritual Activity 1949, tr. Hermann Poppelbaum
  3. The Philosophy of Freedom 1964, tr. Michael Wilson
  4. The Philosophy of Spiritual Activity 1986, tr. William Lindeman
  5. The Philosophy of Spiritual Activity, Steiner Online Library
  6. Die Philosophie der Freiheit, Rudolf Steiner Verlag, 16th ed.

XIV. Individuality and Species

[ 1 ] The view that it is inherent in man to develop into an independent, free individuality seems to be contradicted by two facts: that he exists as a member within a natural totality (race, tribe, nation, family, male or female sex) and that he is active within a totality (state, church, etc.). He shows the general characteristics of the community to which he belongs, and he gives his deeds a content that is determined by the place he occupies within a plurality.

[ 2 ] Is individuality possible nevertheless? Can we regard man as a totality in himself when he grows out of a totality and integrates himself into a totality?

[ 3 ] The characteristic features and functions of the individual parts belonging to a whole are determined by the whole. A tribe is such a whole, and all the human beings comprising it have characteristic features which are conditioned by the nature of the tribe itself. How the individual member is constituted and his actions will be determined by the character of the tribe. This is why the physiognomy and activity of the individual will express something generic. If we ask why some particular thing about him is like this or that, we are referred beyond the nature of the individual to the species. The species explains why something about the individual appears as it does.

[ 4 ] But man makes himself free from what is generic. For the generic qualities of the human race, when rightly experienced by the individual do not restrict his freedom, and ought not to be made to restrict it by artificial means. Man develops qualities and activities, the sources of which we can seek only in himself. In this, the generic element serves him only as a medium through which to express his own particular being. The characteristic features that nature has given him he uses as a foundation, giving them the form that corresponds to his own being. We shall look in vain among the laws of the species for the reason for an expression of this being. Here we have to do with something individual which can be explained only through itself. If a person has advanced so far as to loosen himself from the generic, and we still attempt to explain everything about him from the character of the species, then we have no sense for what is individual.

[ 5 ] It is impossible to understand a human being completely if one's judgment is based on a concept of the species. The tendency to judge according to species is most persistent where the differences of sex are concerned. Man sees in woman, and woman in man, nearly always too much of the general character of the other sex, and too little of the individual. In practical life this harms men less than women. The social position of women is often so unworthy because in many respects it is not determined, as it should be, by the individual qualities Or the particular woman herself, but by general representations of what is considered the natural task and needs of woman. Man's activity in life comes about through the individual's capacities and inclinations, whereas woman's tends to be determined exclusively by the fact that she is a woman. Woman is supposed to be the slave of her species, of womanhood in general. As long as men continue to debate whether according to her “natural disposition” woman is suited to this or that profession, the so-called woman's question cannot advance beyond the most elementary stage. What woman is capable of in terms of her own nature, woman must be left to judge for herself. If it is true that women are useful only in those occupations they occupy at present, then they will hardly have it in themselves to attain anything else. But they must be allowed to decide for themselves what is in accordance with their nature. The reply to him who fears an upheaval of our social conditions as a result of accepting woman, not as an example of her species but as an individual, would be that social conditions, in which the status of one-half of humanity is below the dignity of man, are indeed in great need of improvement. [Immediately upon the publication of this book (1894) I met with the objections to the above arguments that, already now, within the character of her sex, a woman is able to shape her life as individually as she likes, and far more freely than a man who is already de-individualized, first by school, and later by war and profession. I am aware that this objection will be urged today, perhaps even more strongly. Nonetheless, I feel bound to let my sentences stand, and must hope that there are readers who also recognize how utterly such an objection goes against the concept of freedom developed in this book and will judge my sentences above by another standard than that of man's loss of individuality through school and profession.]

[ 6 ] One judging human beings according to their generic qualities stops short just at the very frontier beyond which they begin to be beings whose activity depends on free self-assessment. What lies below this frontier can naturally be the object of scientific study. Thus the characteristics of race, tribe, nation and sex are subjects of special sciences. Only men who wanted to live simply as examples of the species could possibly fit the general picture of man these scientific studies produce. All these sciences are unable to reach the particular content of the individual. Where the sphere of freedom (in thinking and doing) begins, there the possibility of determining the individual according to the laws of the species ceases. The conceptual content which man, through thinking, must bring into connection with perception in order to take hold of full reality (cp. p. 29 ff.), no one can fix once for all and hand over to mankind ready-made. The individual must gain his concepts through his own intuition. How the individual has to think, cannot be deduced from any concept of a species; this depends singly and solely on the individual himself. Just as little is it possible from general human qualities to decide what concrete aims an individual will set himself. One wishing to understand a particular individual must broaden his understanding to encompass the essential nature of the other, and not stop short at those qualities which are typical. In this sense every single human being is a problem. And every science which deals with abstract thoughts and concepts of species is only a preparation for that insight which becomes ours when a human individuality shares with us his way of looking at the world, and that other insight which we obtain from the content of his will. Whenever we feel: here we have to do with that in a man which is free from the typical way of thinking and free from a will based on the species, there we must cease to make use of any concepts that apply to our own I if we want to understand him. Cognition consists in combining the concept with the perception by means of thinking. In the case of all other objects the observer must gain his concepts through his own intuition; when it is a case of understanding a free individuality, the essential thing is to receive into our own I those concepts by which the free individuality determines himself, in their pure form (without mixing them with our own conceptual content). People who immediately mingle their own concepts with every judgment of another, can never reach an understanding of an individuality. Just as a free individuality frees himself from the characteristics of the species, so our cognition must become free from the means by which all that belongs to species is understood.

[ 7 ] Only to the degree that a man has made himself free from the characteristics of the species in the way indicated, can he be considered to be a free spirit within a human community. No man is all species, none is all individuality. But every human being gradually frees a greater or lesser part of his being from the animal-like life of the species, as well as from the commands of human authorities ruling him.

[ 8 ] With that part of his being for which a man is unable to achieve such freedom, he is a member of the natural and spiritual organism of the world in general. In this respect he does what he sees others do, or as they command. Only that part of his activity which springs from his intuitions has ethical value in the true sense. And those moral instincts that he has in him through the inheritance of social instincts become something ethical through his taking them over into his intuitions. All moral activity of mankind has its source in individual ethical intuitions and their acceptance by human communities. One could also say: The moral life of mankind is the sum-total of the products of the moral imagination of free human individuals. This is the conclusion of monism.