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Theosophie
GA 9

Vorwort zur Englischen Ausgabe, 1922

Dieses Buch ist durch mich von Auflage zu Auflage einer sorgfältigen Durcharbeitung unterzogen worden. Der sachliche Inhalt der ersten Auflage ist zwar unverändert geblieben; aber ich habe in einzelnen Teilen versucht, die Ausdrucksweise immer bestimmter dem Inhalt der geistigen Anschauung anzupassen. Insbesondere ist das versucht worden für das Kapitel von den wiederholten Erdenleben und dem Schicksal (Karma).

Darstellungen der übersinnlichen Welt müssen anders gehalten sein als solche der sinnlichen. Sie wenden sich in andrer Art an den Leser. Sie fordern diesen auf, mit dem Autor im Gedanken viel stärker mitzuarbeiten, indem gelesen wird. Der Autor bedarf dieser Mitarbeit in einem viel höheren Grade als der Darsteller von Gebieten der sinnlichen Welt. Vielleicht werden manche Beurteiler tadeln, daß ich dieser Anforderung an die Charakteristik der übersinnlichen Welt in ganz besonderem Maße versucht habe zu gehorchen. Aber die geistige Welt hat nicht solche bestimmte Konturen wie die physische; und wer durch seine Darstellung den Schein erweckt, als ob dieses der Fall wäre, der beschreibt etwas Unrichtiges. Es muß der Stil in der Charakteristik der beweglichen, fließenden geistigen Tatsachenwelt nachfolgen.

Innere Wahrheit für Schilderungen der geistigen Welt kann nur das haben, welches auch in beweglichen, fließenden Vorstellungen sich ausspricht. Der besondere Charakter der geistigen Welt muß sich auch auf diese Vorstellungen übertragen. Wenn man den Maßstab anlegt, den man von der Charakteristik der sinnlichen Welt gewöhnt ist, wird man sich schwer in diese andere Art, zu beschreiben, hineinfinden.

Die übersinnliche Welt muß von dem Menschen in innerer Seelenarbeit erreicht werden. Sie hätte keinen Wert, wenn sie vor dem Bewußtsein fertig ausgebreitet läge. Sie würde sich dann von der sinnlichen nicht unterscheiden. Es muß ihrer Erkenntnis die Sehnsucht vorangehen, dasjenige zu finden, was tiefer im Dasein verborgen ist als die Kräfte der sinnlich-wahrnehmbaren Welt. Diese Sehnsucht gehört zu den vorbereitenden Erlebnissen für die Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Wie eine Blüte nicht ohne die Wurzel sein kann, so hat die übersinnliche Erkenntnis kein wahres Leben ohne diese Sehnsucht.

Aber ein Irrtum wäre es, zu glauben, daß aus dieser Sehnsucht die Vorstellungen der übersinnlichen Welt wie eine Illusion entstehen. Wie die Lunge nicht die Luft hervorbringt, nach welcher sie Sehnsucht hat, so bringt die menschliche Seele aus ihrer Sehnsucht nicht die Vorstellungen der übersinnlichen Welt hervor. Aber sie hat diese Sehnsucht, weil sie nach der übersinnlichen Welt hin organisiert ist wie die Lunge nach der Luft.

Es kann Menschen geben, die sagen, diese übersinnliche Welt kann nur eine Bedeutung haben für diejenigen, die schon die Fähigkeit haben, sie wahrzunehmen. Doch dieses ist nicht so. Man braucht kein Maler zu sein, um die Schönheit eines Bildes zu empfinden. Aber man kann es nur malen, wenn man Maler ist. Ebensowenig braucht man ein Forscher im übersinnlichen zu sein, um die Wahrheit der übersinnlichen Ergebnisse zu beurteilen. Ein Forscher muß man nur sein, um sie aufzufinden. Dies ist im Prinzip richtig; doch wird in dem letzten Kapitel dieses Buches — und in andern meiner Bücher ganz ausführlich — die Methode angegeben, durch die man zum forscher werden kann und dadurch auch in die Lage versetzt wird, das Erforschte nachzuprüfen.

Rudolf Steiner