Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert
GA 18a
Translated by Steiner Online Library
Rezensionen
1. Berliner Tageblatt. Nr. 179, Sonnabend, den 7. April 1900, 1. Beiblatt.
Rudolf Steiner: Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert. Erster Teil. / Eduard Löwenthal: Die religiöse Bewegung im neunzehnten Jahrhundert.
Rudolf Steiner entledigt sich seiner Aufgabe, das (im weitesten Sinne) philosophische Bild des abgelaufenen Säkulums zu zeichnen, indem er die Welt- und Lebensanschauungen von Goethe und Kant bis zu Darwin und Haeckel darstellt. Kein Zweifel: es ist ein gewaltiges Ringen des rastlosen Menschengeistes, der mit kühner Denkkraft zur Lösung der Rätselfragen des Seins beim Beginn des Jahrhunderts einsetzte und in der Vertiefung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis bei seinem Schluss eine gewisse Befriedigung fand. Steiner scheidet eine erste Periode, die er idealistisch nennt, von einer späteren ab, der realistischen, die durch Beobachtung der Tatsachen dem Welträtsel auf die Spur zu kommen trachtet. Man kann seine mit allen Zeichen deutscher Gründlichkeit - wohlgeschmückte populärwissenschaftliche Arbeit, deren erster Teil vorliegt, loben, auch wenn man in Sachen D. F. Strauss, Friedrich Nietzsche und Ernst Haeckel etwas anders denkt als er. Die drei berühmten Fragen Kants in der Kritik der reinen Vernunft: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? werden in scharfsinnigen und runden historischen Referaten zu beantworten versucht. Durch alles leuchtet das einmütige Bemühen der Besten, Einheit in die Vielheit zu bringen und so die Wahrheit zu ergreifen nach Goethes großem, klarem Wort: «Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst, und zur Außenwelt, so heiß’ ich’s Wahrheit.» Da schreibt ein Herder 1783 in seinen «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit» recht ketzerisch: «Vom Stein zum Kristall, vom Kristall zu den Metallen, von diesen zur Pflanzenschöpfung, von den Pflanzen zum Tier, von diesem zum Menschen sehen wir die Form der Organisation steigen, mit ihr auch die Triebe des Geschöpfes vielartiger werden und sich endlich alle in der Gestalt des Menschen, sofern diese sie fassen konnte, vereinen. Und so können wir annehmen, dass der Mensch ein Mittelgeschöpf unter den Tieren sei, das ist die ausgearbeitete Form, in der sich die Züge aller Gattungen um ihn her im feinsten Inbegriff sammeln.» Schöner jedoch hat’s niemand gesagt, was sie alle eigentlich meinten von Fichte bis zu Haeckel, als es Schiller in den wunderbaren Ausdruck an und über Goethe fasste (23. August 1794): «Von der einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu der mehr verwickelten auf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen.»
Was der zweite Teil von Steiners Arbeit bringen wird, werden wir vermutlich in einem halben Jahre wissen; er wird wohl ebenso gediegen und klar und - einseitig ausfallen wie der erste, und beider Teile geistiges Band wird das vielsagende Bonmot von Arthur Schopenhauer an Wieland sein: «Das Leben ist eine missliche Sache; ich habe mir vorgenommen, das meinige damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.»
Dr. E. Löwenthal bringt mehr auf die Buchseite als R. Steiner, weil er sich knapper fasst, aber freilich auch weniger in die Tiefe gräbt er als jener. Ich möchte so sagen: Steiners philosophisches Buch werden mehr die Genossen vom Fach lesen und eine kleine Zahl von recht gebildeten Freunden geistiger Gymnastik: Löwenthals Darstellung der religiösen Bewegung des Jahrhunderts sollen nur Nichtfachleute lesen, die mit gutem Recht «anregend» nennen, was Kenner um seiner Skizzenhaftigkeit willen wieder mit gutem Recht «oberflächlich» schelten. Störender aber als die andeutende Kürze kann die zuweilen bittere Schärfe wirken, mit der sich der Verfasser gegen alle kirchlichen und religiösen Erscheinungen kehrt, die nicht in der Zone des von Löwenthal vertretenen Cogitantenbundes (der deutschen Freidenker) liegen. Alle berechtigte und nötige Polemik hätte um manchen Grad maßvoller und verständnisvoller sein dürfen. Die Abschnitte über die Lichtfreunde, die freireligiösen Gemeinden, auch die Bemerkungen über den Altkatholizismus, den Protestantenverein und die Reformbewegungen im Judentum enthalten viel Interessantes. Aber die religiöse Bewegung des vergangenen Jahrhunderts darf kein Polemiker schreiben, auch wenn er eine so lange und verdienstliche schriftstellerische Laufbahn hinter sich hat wie der Verfasser des Cogitantentums. Th.K.
2. Norddeutsche Allgemeinen Zeitung. [Aus der Verlagsanzeige; keine näheren Angaben bekannt]
Rudolf Steiner: Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert. Erster Teil.
Vielfach werden wir uns an die vortreffliche Orientierung halten, welche Rudolf Steiner in seinem Buche «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» über diese Epoche gegeben hat.
Professor Dr. Thomas Achelis-Bremen
3. Berichte des Freien Deutschen Hochstiftes, Frankfurt. Neue Folge. Siebenzehnter Band. Jahrgang 1901. Heft 2. Prof. Dr. Max Koch: «Neuere Goetheund Schillerliteratur XXI», S. 140-247, hier S. 207-209.
Rudolf Steiner: Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert. Erster Teil.
Bei Erörterung der «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» gesteht Rudolf Steiner, dass Schiller in seinen «Briefen über ästhetische Erziehung» ausgesprochen habe, wonach sich am Ende des 18. Jahrhunderts die Richtung des menschlichen Handelns bestimmte (S. 15). Die Romantik habe, indem sie die ganze Welt zu einem Reiche des Künstlerischen machen wollte, nur Schillers Satz aus den ästhetischen Briefen, der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spiele, bis zu seinen äußersten Konsequenzen verfolgt (S. 74). Dass die Romantik zugleich eine Gegenströmung zu Fichtes Weltanschauung bilde, scheint mir nicht bloß an sich eine sehr anfechtbare Behauptung Steiners (S. 73); er widerspricht ihr auch selbst, indem er zwei Seiten darauf die Romantiker bezeichnet als die Erben des Fichte’schen Gedankens von der Einzigkeit des Ich. Umso treffender ist Steiners Beobachtung, dass die Romantiker mit ihrem Wunsche, den Menschen so frei wie möglich erscheinen zu lassen, zwar das Bekenntnis Goethes und Schillers, denen wir den innigen Bund zwischen Dichtung und Weltanschauung verdanken, aufgegriffen hätten. Allein Goethe habe durch Erforschung der Gesetzmäßigkeit der Natur, von deren Notwendigkeit auch die höchsten Kunstwerke Zeugnis ablegten, Schiller durch unablässiges philosophisches Denken feste unerschütterliche Grundlagen für ihre Anschauungen geschaffen, während die Romantiker mit einem Satze in das Land der ästhetischen Freiheit sprangen. Seine Überzeugung von dem schroffen Gegensatze in Goethes Erfassen der Erscheinungen und Kants Denken hat Steiner bereits in seinem Buche über «Goethes Weltanschauung» (vgl. [Berichte des Freien Deutschen Hochstiftes, Neue Folge, 1897, «Neuere Goethe- und Schillerliteratur XTV»,] Band XII, [Heft 3/4,] S. 302 f.) verteidigt. Wenn er das erste Kapitel seines neuen Werkes überschreibt, «Das Zeitalter Kants und Goethes», so bekennt er zwar, dass «von Kant und Goethe [Anmerkung, siehe unten] eine Weltanschauungsgeschichte des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang nehmen muss», allein er wiederholt auch, dass die Kantische Auffassung der Welt in allen wesentlichen Dingen den Gegensatz zu der Goethe’schen bilde (S. 35 u. 44). Goethes günstige Urteile über den Königsberger Philosophen dürften uns darüber nicht täuschen. Wohl habe Schiller, der als «durchaus selbstständige Denkerpersönlichkeit sich seinem Anreger Kant gegenüberstellt» (S. 58), in der «zur Schönheit veredelten Tugendhaftigkeit eine Vermittelung zwischen Kants und Goethes Weltanschauung gefunden» (S. 62). Doch sei Schiller selbst seit dem Studium des «Wilhelm Meister» mehr und mehr zu Goethes Vorstellungsart hinübergezogen worden. Eine streng einheitliche Weltanschauung sei Goethe eigen. Weil er den Menschen nicht als ein Wesen neben den andern Naturgeschöpfen ansah, sondern von dem naturgeschichtlichen Zusammenhang des Menschen mit den übrigen Lebewesen ausging, sei ihm die Entdeckung des Zwischenkieferknochens geradezu Bedürfnis (S. 11) gewesen zu einer Zeit, da die zünftige Forschung der naturgemäßen Weltanschauung Herders und Goethes noch durchaus widerstrebte. Da Goethe glaubte, dass die ewigen Naturgesetze im menschlichen Geiste offenbar würden, waren für ihn die Gesetze des Menschengeistes die objektiven der Naturordnung selbst (S. 37), der Mensch ist ein Glied innerhalb dieser Rolle von Notwendigkeiten. Und aus dieser Weltauffassung gehe auch sein Glaube an die Erkenntnisfähigkeit und innere Wahrheit der Phantasie hervor (S. 69).
Die früher verfochtene seltsame Meinung von einer Übereinstimmung zwischen Goethe und Hegel scheint Steiner selbst jetzt aufgegeben zu haben, wenigstens verhält er sich ablehnend gegen den 1841 in K. L. Michelets «Naturphilosophie» gewagten Versuch, Goethe und Hegel zusammenzukoppeln als Bahnbrecher einer spekulativen Physik der Zukunft und Vereiner der Spekulation mit der Erfahrung. Dagegen betont Steiner den Einfluss Goethes auf Schopenhauer in der Zeit vom Herbste 1813 bis zum Mai 1814 und geht dabei auch näher auf Goethes Farbenlehre ein (S. 126). Das unbeschränkte Selbstbewusstsein, das Schopenhauer selbst dem bewunderten und verehrten Meister gegenüber betätigte, als dieser auf Schopenhauers Einwürfe gegen einzelne Punkte der Farbenlehre eingehen mochte, hat auch Robert Saitschick als bezeichnend für Schopenhauers Charakter hervorgehoben (Genie und Charakter. Shakespeare. Lessing. Schopenhauer. Richard Wagner. Berlin 1900. Ernst Hofmann & Comp.).
[Anmerkung]: Goethe und Kant erscheinen auch, der eine als Wortführer der Dichter, der andere an der Spitze der Philosophen und Naturforscher in Walter Bernards dramatischem Gedicht «Morgendämmerung» (Berlin 1901, Verlag Aufklärung), einer schwülstigen und gedankenarmen Verherrlichung des großen, d.h. des 19. Jahrhunderts. Schiller ist nur stummer Begleiter Goethes; Letzterem sind die Verse in den Mund gelegt:
Weltseele, komm’ uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.Teilnehmend fuhren gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister.
Zu dem, der Alles schafft und schuf.
4. Deutsche Literaturzeitung. Nr. 20, XXI. Jahrgang, 12. Mai 1900, Sp. 1307-1310.
Rudolf Steiner: Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert. Erster Teil.
Steiner spricht am Schluss der Vorrede die Hoffnung aus, dass seine «scharf ausgeprägte eigene Weltanschauung» ihm «den Blick für die Gedanken Anderer nicht getrübt, sondern geschärft» haben möge. Dass ein Autor persönliche Anschauungen und Werturteile in einer geschichtlichen Darstellung zum Ausdruck bringt, ist ja selbstverständlich, weil unvermeidlich; wird der Leser aber direkt darauf hingewiesen, den Autor über dem Inhalte seines Buches nicht zu vergessen, so wird der Letztere es nicht verübeln können, wenn man den Wirkungen dieser Betonung des eigenen Standpunktes den Problemen des Lebens gegenüber in einer Darstellung nachgeht. St[einer] bekennt sich nun zum Individualismus, dessen Ideengehalt er so formuliert: «Der gegenwärtige Individualismus sieht in der freien Einzelpersönlichkeit einen Typus Mensch, der sich allmählich aus den unfreien Zuständen heraus entwickelt, der die Gesellschaft zu seiner Voraussetzung hat, weil er nur aus ihr entstehen kann. Er untersucht die Gesellschaft und findet, dass sie ihrem Wesen nach das freie Individuum hervorbringt» (S. 15f.). Mit diesen Anschauungen sich auseinanderzusetzen, wird erst nach Erscheinen des zweiten Bandes möglich sein; hier genügen die zitierten Worte, um verständlich zu machen, inwiefern dieselben nicht ohne Einfluss auf die geschichtsphilosophische Ansicht St[einer]s überhaupt, die Auswahl des Stoffes und seine Urteile im Einzelnen geblieben sind. St[einer] schreibt ein Buch über «Welt- und Lebensanschauungen». Aber ihn interessieren nur die Träger derselben, nur die großen Persönlichkeiten, nicht der gemeinsame Untergrund, auf dem sie geworden sind. Andererseits nimmt er an den einzelnen Persönlichkeiten seinem Standpunkt entsprechend verschiedenen Anteil, ihm konträre Lebensanschauungen werden schnell und nebenbei abgetan. Interessiert ihn aber nun einmal eine Persönlichkeit und ihre Lehre in hervorragenderem Maße, so scheint ihn eine gewisse Furcht zu ergreifen, er könne von ihr überwältigt werden. In solchem Falle findet er - mehr oder minder unbewusst - den Ausweg, das seiner eigenen Anschauung in dem betreffenden System Konforme hauptsächlich hervorzuheben, woraus denn wohl die Befriedigung entspringen mag, in den Lehren der Vorgänger eine Bestätigung der eigenen Ansicht zu finden, jene gewissermaßen als Vorläufer betrachten zu können.
Dass ein solcher Standpunkt besonders geeignet wäre, um von ihm aus ein treues Bild des Vergangenen zu geben, ist mindestens zweifelhaft. Dies lässt sich im Einzelnen an vorliegendem Buche zeigen, allgemein aber lässt sich sagen, dass darin eine Verkennung der Aufgabe der Geschichtsschreibung liegt. Wer von dieser eine Verengung seiner Persönlichkeit fürchtet, sollte ihr lieber fern bleiben. Denn in gewisser Weise setzt sie allerdings einen Verzicht voraus: Wer den Gedanken und Lebensäußerungen eines anderen zum Zweck ihrer Darstellung nachgeht, muss diese im Augenblick für bedeutsamer halten als die eigenen. Dieses Eingeständnis muss sich der machen, welcher ein Buch, wie es Steiner schreibt, in Angriff nehmen will. Aber dass mit diesem Verzicht eine Gefahr für die eigene Persönlichkeit notwendig verbunden sei, will mir nicht einleuchten. Schon in der Wahl des Gegenstandes braucht sich niemand Vorschriften machen zu lassen, und dann entsteht in dem wirklich historisch Fühlenden nach ernster Versenkung in die Persönlichkeit und die Lehre eines Mannes das Bewusstsein, nun aus sich heraus denselben gewissermaßen neu zu gestalten, das nicht nur für die überstandene Mühe entschädigt, sondern auch innerlich bereichert und zwischen der Persönlichkeit und ihrem Darsteller innere Bande knüpft, welche weit davon entfernt sind, als Fesselung unter den Willen eines andern empfunden zu werden. Diesen Zustand wartet St[einer] anscheinend nicht ab, ich weiß nicht, ob die Zeit drängte, um das Buch auch wirklich am Ende des Jahrhunderts erscheinen zu lassen, sicherlich kann von einem liebevollen Eingehen auf das Wesen der geschilderten Persönlichkeiten und einem Neugestalten derselben kaum die Rede sein, eher hat man das Gefühl, der Autor möchte möglichst bald mit ihnen fertig werden.
So anziehend es nun vielleicht auch wäre, im Einzelnen zu zeigen, wie unter dem Einfluss dieser Anschauung das Urteil über einzelne Persönlichkeiten sich verschiebt, so drängt mich die Rücksicht auf den mir zur Verfügung stehenden Raum dazu, den Inhalt des Buches kurz zu skizzieren, wobei sich mancher Hinweis in der bezeichneten Richtung geben lässt. St[einer] zerlegt das Jahrhundert in zwei Teile: «Der vorliegende [Band] behandelt die ersten fünf Jahrzehnte des Jahrhunderts, in denen die Geister bestrebt waren, aus sich selbst heraus die Wahrheit zu holen. Man könnte diesen Zeitabschnitt die idealistische Periode nennen. Der zweite Band wird das Zeitalter der Naturwissenschaft, die realistische Periode, zum Gegenstande haben. Sie trachtet durch Verwertung der bedeutsamen Fortschritte, welche die Beobachtung der Tatsachen in den letzten fünf Jahrzehnten gemacht hat, den Welträtseln nahe zu kommen» (Vorrede). Auf das Recht dieser Auffassung und ihre Durchführung gehe ich noch nicht ein, dies kann erst geschehen, wenn der zweite Band vorliegt. Der erste zerfällt in eine Einleitung und vier Kapitel: Das Zeitalter Kants und Goethes. Die Klassiker der Welt- und Lebensanschauungen. Reaktionäre Weltanschauungen. Die radikalen Weltanschauungen. Das erste (17-76) behandelt nacheinander Kant, Goethe, Fichte, Schiller und die Romantik. Die Einseitigkeit der Kantischen Weltanschauung wird - vielleicht zu einseitig — hervorgehoben und in Gegensatz zu der Goethes gestellt. Was St[einer] über Kant sagt, steht nicht immer auf der Höhe, schon die Ableitung seiner Philosophie aus den Systemen vor ihm ist sehr dürftig und teilweise unrichtig, die Darstellung der ersteren selbst aber leidet an einer merkwürdigen Unbestimmtheit der Formulierungen, wie sie bei genauer Kenntnis eigentlich nicht möglich sein sollte. Was soll es z.B. heißen, wenn wir lesen: «Die selbstlose Hingabe (!) an die Stimme des Geistes hat Kant zur Grundlage der Moral gemacht» (30). Dagegen ist die Darstellung der Goethischen Weltanschauung, wie von einem Kenner wie Steiner nicht anders zu erwarten war, geistreich und anziehend geschrieben, erfreulich wirkt die gerechte Würdigung Fichtes und nicht minder die Schillers. Dass die Romantik dann auf nicht ganz 3 Seiten (73-76) abgemacht wird und wie dies geschieht, ist minder erfreulich. Sie sollte doch nicht so übergangen werden in einem Buch über Lebensanschauungen. Sie ist St[einer] anscheinend etwas konträr, wohl ebenso wie Herder, nach dessen gerechter Würdigung man vergebens sucht. Das zweite Kapitel (77-114) bedeutet einen Höhepunkt der Darstellung, das darin über Schelling Gesagte ist trotz einiger Einseitigkeit vortrefflich und lesenswert, auch wärmer im Ton, während Schleiermacher dann wieder sehr zu kurz kommt. Das Gefühl «schlechthinniger Abhängigkeit» ist wohl dem modernen Individualisten fremd, an dieser Stelle kann man recht deutlich die Gefahr einer solchen Betrachtungsweise erkennen. Weiter erwirbt sich St[einer] ein Verdienst um die Rehabilitierung Hegels, um dann im 3. Kapitel (115-141) seltsamerweise Herbart und Schopenhauer unter dem Titel: «Reaktionäre Weltanschauungen» zu vereinigen. Sonst ist übrigens das darin (bes. 121-3) über Herbart gesagte nicht schlecht, während Schopenhauer gerade als Vertreter einer Weltanschauung entschieden zu kurz kommt, dagegen seine doch nicht originelle Leistung, die Farbenlehre, über Gebühr in den Vordergrund gerückt wird, wozu wohl St[einer]s Beschäftigung mit der Goethischen verführte. Den Schluss dieses Kapitels bildet dann eine summarische Behandlung der Hegelianer(!). Das 4. Kapitel (142-167) stellt die Lehren von Feuerbach, Strauss, Bruno Bauer und Stirner dar, welch Letzterer als der Ersten einer bezeichnet wird, in ihm hat das Denken «eine seiner reifsten Früchte gezeitigt» (158). Diese Ansicht kann ich keineswegs teilen, fühle mich aber nicht berufen, an dieser Stelle sie zu bekämpfen.
Man wird vielleicht sagen: das Steiner’sche Buch sei ja nach alledem eine Geschichte der Philosophie im 19. Jahrhundert. Ich finde auch, dass ein solcher Titel etwa mit dem Zusatze «vom Standpunkte des modernen Individualismus» den Inhalt des Buches eher treffen würde.
Berlin. Paul Menzer.
5. Deutsche Literatur Zeitung. Nr. 32; XXI. Jahrgang, 10. August 1901, Sp. 1995-1996.
Rudolf Steiner: Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert. Zweiter Teil.
Während der erste Band des vorliegenden Werkes (vgl. DLZ. Jahrg. 1900, Sp. 1307 ff.) in prinzipieller Hinsicht zwar Widerspruch erregte, aber doch durch einige gut gelungene Partien eine gewisse Entschädigung bot, lassen sich solche Vorzüge für den zweiten nicht geltend machen. Ich verzichte deshalb darauf, ihn eingehender zu besprechen, und hebe nur hervor, dass die Willkür in der Auswahl der behandelten Stoffe womöglich noch gewachsen ist. Wer in einem Buch des bezeichneten Inhalts die soziale Frage nur nebenher behandelt, der Darstellung einer so wenig wirksamen Philosophie wie E. Dührings 7 Seiten, Nietzsche aber knapp 4 Seiten widmet und endlich für Bismarck nicht ein Wort übrighat, kann nicht den Anspruch erheben, geschichtlich treu geschildert zu haben.
Ich fasse mein Urteil dahin zusammen, dass das Buch einen durchaus kompilatorischen Charakter an sich trägt und so recht als ein Produkt der unseligen Jahrhundertwende-Literatur bezeichnet werden kann.
Berlin. Paul Menzer.
6. Der Türmer. Monatsschrift für Gemüt und Geist. Herausgeber: Jeannot Emil Freiherr von Grotthutz. Vierter Jahrgang. Band I. (Oktober 1901 bis März 1902), 8. 312.
Rudolf Steiner: Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert. Erster und zweiter Teil.
Der Verfasser, dessen eigene Anschauungen mit denen Ernst Haeckels (teilweise auch mit denen Nietzsches) in Einklang stehen, würde, wie er in der Vorrede zum ersten Bande seines Werkes sagt, sich glücklich schätzen, wenn Kundige fänden, dass seine «scharf ausgeprägte eigene Weltanschauung» ihm den Blick für die Gedanken anderer nicht getrübt, sondern geschärft habe. Dass dem so ist, kann nur sehr bedingt anerkannt werden. Bei der Besprechung einiger Philosophen, und zwar meist der älteren, spekulativen (Fichte, Schelling, Hegel, auch F. A. Lange u.a.) bekundet Steiner, dass er in das Wesen ihres Gedankenbaues wirklich eingedrungen ist; ob er aber für eine Reihe neuerer Erscheinungen, wie sie sich im Neukantianismus, Phänomenalismus, überhaupt im NeuIdealismus verschiedener Färbungen darstellen, volles Verständnis und die richtige Würdigung hat, sei zum mindesten dahingestellt. Sicher ist, dass die Strömungen in der Philosophie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Steiner ziemlich einseitig zum Ausdrucke gebracht werden; manch Wichtiges ging dabei verloren oder kam nicht zur Geltung, z.B. die von W. Wundt eingeschlagene Richtung des Philosophierens. Im Einzelnen enthält das Buch eine Reihe treffender Bemerkungen, wie es auch nicht selten alte Dinge in neues Licht rückt. So kann es, mit Vorsicht gelesen, manche Anregung gewähren. Was z.B. Steiner gegen den absoluten Agnostizismus (die Ansicht, dass uns das Wesen der Dinge stets unbekannt bleiben muss) sagt, können wir nur unterschreiben. «Dass man in sich die Kraft und Tragweite des Denkens erlebt, ist die Grundvoraussetzung für alle Weltanschauung. Und erlebt man in sich die Kraft des Denkens, so hat man zu ihm auch das Vertrauen, mit dem alle Erkenntnis beginnt.»
Dr. Rudolf Eisler.
7. Der Freidenker. Organ des deutschen Freidenkerbundes. 9. Jahrgang, Nr. 24, 15. Dezember 1901, Berlin-Charlottenburg, S. 185-187.
Ein Jahrhundert deutscher Philosophie. Von Julius Frisch (Wien).
An der Neige des vergangenen Jahrhunderts hat’s, zumal in deutschen Landen, an Männern nicht gefehlt, die es sich zur Aufgabe machten, über 100 Jahre menschlichen Schaffens auf irgendeinem Gebiete einen zusammenfassenden kritischen Rückblick zu werfen. Es ist hier nicht am Platze, die bedeutenden Werke dieser Art zu nennen; ihre stattliche Anzahl lässt den Gedanken aufkommen, dass solche Rückschau auf einen an Mühen und Erfolg reichen Zeitabschnitt einem Bedürfnis der Kulturmenschheit entspricht. Und in der Tat ist es in unserer Zeit der raschen, aller Zeitmaße vergangener Jahrhunderte spottenden Fortschritte ein Gebot der Notwendigkeit geworden, bisweilen auf das Geleistete zurückzublicken und das Wertvolle, bleibenden Gewinn Bergende herauszuheben. Andererseits kommt solche Rückschau, die notwendigerweise einen enzyklopädischen Charakter trägt, dem Bedürfnis der Gebildeten auch deshalb entgegen, weil es heute bei der jeglichen Zweig menschlicher Tätigkeit und Forschung beherrschenden Arbeitsteilung nachgerade unmöglich geworden ist, sein Wissen aus umfangreichen Fachschriften zu schöpfen. Man ist auf Werke angewiesen, die den betreffenden Gegenstand in gedrängter, klarer, das Wesenhafte berücksichtigender Weise behandeln.
Diese Umstände jedoch geben den Männern der Wissenschaft ein mächtiges Mittel in die Hand, um weite Kreise der Gebildeten durch einseitige, von Partei- und anderen Interessen beeinflusste Darstellungen zu täuschen; das Unheil, das solche dunklen Ehrenmänner der Forschung in den Köpfen der Bildung Suchenden, die dem angesehenen Namen oder Titel blindlings trauten, angerichtet haben, ist wahrlich nicht gering zu veranschlagen.
Namentlich auf dem Gebiete der Philosophie, wo «sich mit Worten trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten lässt», ist in populären Schriften viel gesündigt worden. Den Zionwächtern und Ordnungsschülern jedweder Façon und ihrem gelehrten Klüngel, dem leider so mancher Hochschullehrer angehört, ist viel aufs Kerbholz zu schreiben. Deren Bestreben geht oft dahin, in gemeinfasslichen Schriften unsre großen revolutionären Denker entweder als unartige Kinder der alles umfassenden Gottesgelehrtheit, die zu guter Letzt reumütig in den Schoß ihrer Mutter zurückkehrten, oder als hirnverbrannte, blutrünstige Umstürzler darzustellen, die am besten im Narrenhaus oder aufs Schafott gehörten (z.B. Stirner bei Treitschke).
Umso freudiger muss es daher begrüßt werden, wenn Dr. Rudolf Steiner, ein als moderner Denker und Kämpfer bekannter Schriftsteller, es unternommen hat, dem deutschen Publikum eine objektive Darstellung der geistigen Kämpfe um die Weltanschauung, die in Deutschland im XIX. Jahrhundert ausgefochten wurde, zu geben. (Dr. Rudolf Steiner: Die Welt- und Lebensanschauungen des 19. Jahrhunderts. 2 Bände. Berlin 1899, 1900. Das Werk ist Ernst Haeckel gewidmet.)
Ich will im Folgenden den Inhalt dieser bedeutenden Publikation kurz wiederzugeben versuchen. Das Werk zerfällt in zwei Hauptteile. Der erste behandelt die erste Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Steiner zeigt uns, wie mächtig der große Denker Kant und unsere Dichter Goethe und Schiller die Lebens- und Weltauffassung dieses Zeitabschnittes beeinflusst haben. Namentlich wissen wir dem Verfasser Dank dafür, dass er neben der Dichter-Persönlichkeit der beiden Klassiker die Denker und Weltweiser Goethe und Schiller behandelt und ihr Verhältnis zur kantischen Philosophie darstellt. Hierbei greift der Verfasser, der sich der Wichtigkeit einer genetischen Darstellung stets bewusst ist, auf die Vorgänger Kants, namentlich auf Spinoza, der ja Goethe so mächtig beeinflusst hat, zurück.
Im zweiten Kapitel werden die Klassiker des deutschen philosophischen Idealismus Schelling, Fichte und Hegel einer eingehenden, zum Teil ganz neuartigen Würdigung unterzogen. Steiner lässt das philosophische Dreigestirn, von dessen Einfluss auf das Geistesleben in Deutschland wir Kinder eines empirischen Zeitalters uns schwerlich eine Vorstellung machen können, an unserm geistigen Auge vorüberziehen. Wir werden Zeugen des mit allen Waffen der Dialektik und des Tiefsinnes geführten Kampfes um eine Verstand und Gemüt befriedigende Weltanschauung. Die Schriften dieser drei Denker sind heute nahezu vergessen. Umso höher schätzen wir Steiner, da sein Urteil über die drei Philosophen aus ihren Werken selbst geschöpft ist und uns aus erster Quelle über den wesentlichen Inhalt ihrer Systeme unterrichtet. Der Sturm des Empirismus, der in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts hereinbrach, hat wenig von der klassischen Philosophie zurückgelassen. Selbst von Männern wie Lange, dem Verfasser der «Geschichte des Materialismus» sind z.B. über Hegel unrichtige Urteile in Umlauf gesetzt worden, die es unbegreiflich erscheinen lassen, dass Generationen des deutschen gebildeten Publikums das Heil der Philosophie bei Hegel gesucht haben. Wenn wir der Darstellung Steiners folgen, so begreifen wir, dass Schelling, Fichte und Hegel mit Rücksicht auf den Stand der Naturforschung ihrer Zeit, mit Rücksicht auf alle anderen Zeitumstände nicht anders philosophieren konnten. Und es wäre für den Kulturphilosophen und Soziologen interessant, hier den geheimen Zusammenhängen des Milieus, der politischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Zustände nachzugehen und so die klassische Kathederphilosophie zu erklären. Das wäre ein Stück echt moderner Kulturgeschichtsschreibung. Aber auch sonst sind für den modernen Denker Schelling, Fichte und Hegel von Interesse. Sind doch ihre mächtigen Gedankengebäude noch keineswegs ganz in Schutt zerfallen und drängen doch mancherorts Männer, deren metaphysisches Bedürfnis mit dem «Unerkennbaren» Spencers oder dem «Ignorabimus» Du Bois-Reymonds nicht befriedigt werden kann, nach einer Wiederbelebung der deutschen klassischen Philosophie und ihrer Versöhnung mit den Ergebnissen zeitgenössischer Forschung.
Nachdem Steiner noch der deutschen Romantik und ihrer Hauptvertreter gedacht hat, behandelt er im 3. Kapitel die Weltanschauung Herbarts und Schopenhauers. Herbart hielt sich bekanntermaßen für einen Thronerben Kants. Die Art und Weise, wie der Ausbau der Kant’schen Philosophie durch Herbart geschildert wird, ist interessant. Auch wird jeder, der sich mit Problemen der Kunstphilosophie befasst, die Tragweite der Herbart’schen Philosophie der Ästhetik kennen, die wiederum von Zimmerman, dem vor wenigen Jahren verstorbenen Wiener Hochschullehrer, entwickelt wurde. Geradezu glänzend ist die knappe und klare Schilderung der Schopenhauer’schen Philosophie und ihres Einflusses auf die moderne Kultur. Nach einer Besprechung der minder bedeutenden Philosophen der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts (Trahndorjf, Günther, Baader, Immanuel Hermann Fichte u.a.m.) leitet uns Steiner in das Revolutionszeitalter hinüber. Es war dem deutschen Volke der Gedanke aufgedämmert, dass mit dem «reinen Denken» die großen Fragen der Welt und der Zeit praktisch nicht gelöst werden könnten.
Arnold Ruge und Theodor Echtermayer, in deren «Hallischen Jahrbüchern» die Kämpfe der Weltanschauungen ausgefochten wurden, gingen bald zu einer selbstständigen Fortbildung der Hegel’schen Ideen weiter und führten zu den Gesichtspunkten des philosophischen Radikalismus hinüber. Und bald weihte sich ihre Zeitschrift auch dem «Kampf gegen die politische Unfreiheit, gegen Feudal- und Landguttheorie». «Sie entfernten sich» wie Steiner sagt, «somit vom Geiste Hegels, der nicht Geschichte machen, sondern Geschichte begreifen wollte.»
Im nächsten Abschnitt folgt nun eine eingehende Würdigung des großen Denkers Feuerbach, des missratenen Sprösslings des deutschen Idealismus, der den religiösen Dogmatismus vom Throne stürzte und über den psychologischen Ursprung der Religionen ganz neues Licht verbreitete. Auch der geniale David Friedrich Strauß, ursprünglich Theologe, dann Hegelianer, nachmals Materialist reinsten Wassers, wird erschöpfend behandelt. Es folgt sodann in organischem Anschluss eine Besprechung der Gedankenwelt Max Stirners. Es kann hier auf die Fülle von neuen Ideen, die uns Steiner über Stirner vermittelt, des Näheren nicht eingegangen werden, nur so viel sei bemerkt, dass der von den Bildungsphilistern als «Vater des modernen Anarchismus» verschriene deutsche Schulmeister nach Auffassung Steiners einer der bedeutendsten pädagogischen Denker gewesen ist, die das deutsche Volk hervorgebracht hat. Stirner ist der letzte Ausläufer derjenigen Richtung des philosophischen Radikalismus, die vermeinte, ohne die Erfahrungswissenschaften Fragen der Daseins- und der Lebensführung lösen zu können. Steiner weist mit Recht auf die treffliche Charakteristik Stirners von John Henry Mackay hin (Max Stirner, Sein Leben und seine Werke. Berlin 1898. Schuster & Löffler).
Mit diesem Kapitel schließt der I. Band des Werkes, nachdem Steiner noch des Umstandes gedacht hat, dass Lamarcks geniale Anschauung über die Entwickelung der Lebewesen, die 1809 von ihm zuerst vertreten wurde, in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts völlig unberücksichtigt geblieben war. Die weltbewegenden naturwissenschaftlichen Entdeckungen des XIX. Jahrhunderts gehören seiner zweiten Hälfte an, deren Weltanschauungskämpfe im II. Bande behandelt werden. Der II. Band, der uns mitten in die Kämpfe der Gegenwart führt, beansprucht das volle Interesse jedes modernen Gebildeten. Wir werden zuerst in den «Kampf um den Geist» eingeführt. Die tapferen Materialisten Moleschott, Vogt und Ludwig Büchner einerseits, und ihre spiritualistischen Gegner Rudolf Wagner und Czolbe andrerseits befehden einander mit allen Waffen, die das Wissen der Fünfzigerjahre bot. Es verdient hier die gerechte Würdigung, die Steiner Büchner, einem Begründer des Deutschen Freidenkerbundes angedeihen lässt, hervorgehoben zu werden. Büchner war von seinen Gegnern als dilettantischer Popularisator hingestellt worden; wir erkennen aber jetzt nach seinem Tode, dass er einer der bedeutendsten Aufklärer des deutschen Volkes war.
Steiner macht uns dann mit den hauptsächlichsten naturwissenschaftlichen Entdeckungen bekannt, deren philosophische Tragweite er abmisst. Gustav Theodor Fechner, der phantasiereiche Denker und Begründer der Psychophysik wird besprochen, die Stellung Lotzes gewürdigt. Die Materialisten hatten die Meinung der Mehrheit der Denkenden für sich gewonnen; aber ihre Lehre hatte ein Gebrechen: Das Entstehen und Werden der Organismen konnte nicht erklärt werden. Da trat Darwin auf, dessen Abstammungs- und Entwickelungslehre mit einem Schlage den Neu-Materialismus, der in seiner Fortbildung und Vertiefung den Namen Monismus bekam, auf feste Füße stellte. Dem Einflusse des Darwinismus auf die Weltanschauung ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Ernst Haeckel, der glänzendste Vertreter des Monismus, zu dem auch Steiner sich bekennt, wird eingehend behandelt. Unstreitig ist dieses Kapitel das interessanteste des ganzen Werkes, weil es uns in die unmittelbare Gegenwart trägt, die über Haeckel trotz manchen Versuches von theologischer, schulphilosophischer oder gar spiritistischer Seite nicht hinausgekommen ist. Aus dem überaus reichen Inhalt der folgenden Abschnitte «Die Welt als Illusion», «Die Weltanschauungen des Tatsachen-Fanatismus» und «Idealistische Weltanschauungen» seien die Besprechungen Heimholtz’, Du Bois-Reymonds, F. A. Langes, Mills, Spencers, Comtes, Dührings und unserer Zeitgenossen Windelband, Volkelt, Otto Liebmann u.a.m. hervorgehoben.
Ed. v. Hartmann, der pessimistische Nachzügler des Klassizismus, Mainländer, der Philosoph der Erlösung, sowie der als Philosoph noch viel zu wenig gewürdigte Robert Hamerling finden eingehende Behandlung. Zu kurz ist meines Erachtens Wundt weggekommen. Im Kapitel «Der moderne Mensch» wird am österreichischen Philosophen Carneri der ethische Wert des Monismus gezeigt. Diese Auseinandersetzungen werden namentlich jene beruhigen, die meinen, echte Sittlichkeit könne bloß auf dem Boden religiösen Glaubens gedeihen, nicht aber auf dem der Naturforschung, die sich von jedwedem Dogma losgelöst hat. In demselben Kapitel findet auch Nietzsche, der ja seine Anschauungen über Lebensführung auch aufgrund der Entwickelungs-Idee ausgebildet hat, einen Platz. Als Gegenfüßler Nietzsches nennt Steiner Marx. Mit einem Ausblicke auf die Zukunft der Philosophie, welche, wenn man nicht mit Marx der Idee allen Anteil an der geschichtlichen Entwickelung abspricht, auch ein gutes Stück Zukunft des Menschengeschlechtes ist, schließt Steiner sein Werk, nachdem er noch auf seine eigene «Philosophie der Befreiung» hingewiesen hat.
Da Steiner die Entwickelung der deutschen Philosophie im XIX. Jahrhundert schildern wollte, so darf es nicht Wunder nehmen, wenn von fremden Denkern nur diejenigen in Betracht kommen, deren Einfluss auf das deutsche Geistesleben von Wichtigkeit war oder ist. Andererseits sind deutsche Denker, die sich bloß mit einzelnen Zweigen der Philosophie befasst haben, oberflächlich oder gar nicht behandelt worden. Immerhin ist das Fehlen von Deutschen wie Richard Wagner und Du Prel sowie des Russen Tolstoi auffallend. Steiner erwähnt dies sogar im Vorwort zum zweiten Bande, ohne den Mangel jedoch zu begründen. Wenn auch der Spiritismus Du Prels und das anachoretische Urchristentum Tolstois für eine auf dem Entwickelungsgedanken fußende Kulturtätigkeit unbrauchbar sind, so ist doch ihr symptomatischer Wert nicht zu verkennen. Desgleichen hätte der Neu-Buddhismus (Theosophie), der eine eigene Phraseologie, eine Art «mystisches Rotwelsch» ausgebildet hat, einen Platz finden können. Eine Psychologie des modernen Geisterglaubens von einem so geistreichen Manne wie Steiner wäre uns sicherlich willkommen gewesen.
Die Sprache des Werkes ist leicht fasslich. Keine schulphilosophischen, ellenlangen Perioden stören dem Leser den Genuss. Die Darstellung ist in jeder Beziehung meisterhaft und originell. Stets bemüht sich Steiner objektiv zu bleiben; er selbst steht, wie bereits erwähnt, auf dem Standpunkte Haeckels, was aber nicht ausschließt, dass er den entschiedensten Gegnern Recht werden lässt. Möge sich das Werk, das wie wenige dieser Art geeignet ist, den Sinn weiterer Kreise für die höchsten Fragen des Daseins zu wecken, recht viele aufmerksame Leser erwerben!
