The Key Points of the Social Question
GA 23
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Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift
[ 1 ] Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben. Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf und zeigen, daß zur Lösung dieser Aufgaben Wege gesucht werden müssen, an die bisher nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart unterstützt, findet vielleicht heute schon derjenige Gehör, der, aus den Erfahrungen des Lebens heraus, sich zu der Meinung bekennen muß, daß dieses Nichtdenken an notwendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf der Grundlage einer solchen Meinung stehen die Ausführungen dieser Schrift. Sie möchten von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die von einem großen Teile der Menschheit gegenwärtig gestellt werden, auf den Weg eines zielbewußten sozialen Wollens zu bringen. - Ob dem einen oder dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon sollte bei der Bildung eines solchen Wollens wenig abhängen. Sie sind da, und man muß mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens rechnen. Das mögen diejenigen bedenken, die, aus ihrer persönlichen Lebenslage heraus, etwa finden, daß der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von den proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die ihnen nicht gefällt, weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig auf diese Forderungen als auf etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen rechnen muß. Der Verfasser aber möchte aus der vollen Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens heraus sprechen, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses Lebens möglich ist. Ihm stehen die verhängnisvollen Folgen vor Augen, die entstehen müssen, wenn man Tatsachen, die nun einmal aus dem Leben der neueren Menschheit sich erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet.
[ 2 ] Wenig befriedigt von den Ausführungen des Verfassers werden auch zunächst Persönlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker ansehen, wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, daß in dieser Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von diesen Persönlichkeiten glaubt der Verfasser, daß gerade sie werden gründlich umlernen müssen. Denn ihm erscheint ihre «Lebenspraxis» als dasjenige, was durch die Tatsachen, welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben müssen, unbedingt als ein Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu Verhängnissen geführt hat. Sie werden einsehen müssen, daß es notwendig ist, manches als praktisch anzuerkennen, das ihnen als verbohrter Idealismus erschienen ist. Mögen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser Schrift sei deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem Wirtschafts- und mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit gesprochen ist. Der Verfasser muß aus seiner Lebenserkenntnis heraus meinen, daß zu den begangenen Fehlern ungezählte weitere werden hinzugemacht werden, wenn man sich nicht entschließt, auf das Geistesleben der neueren Menschheit die sachgemäße Aufmerksamkeit zu wenden. - Auch diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die Phrasen hervorbringen, die Menschheit müsse aus der Hingabe an rein materielle Interessen herauskommen und sich «zum Geiste», «zum Idealismus» wenden, werden an dem, was der Verfasser in dieser Schrift sagt, kein rechtes Gefallen finden. Denn er hält nicht viel von dem bloßen Hinweis auf «den Geist», von dem Reden über eine nebelhafte Geisteswelt. Er kann nur die Geistigkeit anerkennen, die der eigene Lebensinhalt des Menschen wird. Dieser erweist sich in der Bewältigung der praktischen Lebensaufgaben ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebensanschauung, welche die seelischen Bedürfnisse befriedigt. Es kommt nicht darauf an, daß man von einer Geistigkeit weiß oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daß dies eine Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese Lebenswirklichkeit nicht als eine bloß für das innere Seelenwesen reservierte Nebenströmung. - So werden die Ausführungen dieser Schrift den «Geistigen» wohl zu ungeistig, den «Praktikern» zu lebensfremd erscheinen. Der Verfasser hat die Ansicht, daß er gerade deshalb dem Leben der Gegenwart werde in seiner Art dienen können, weil er der Lebensfremdheit manches Menschen, der sich heute für einen «Praktiker» hält, nicht zuneigt, und weil er auch demjenigen Reden vom «Geiste», das aus Worten Lebensillusionen schafft, keine Berechtigung zusprechen kann.
[ 3 ] Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die «soziale Frage» in den Ausführungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser glaubt zu erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und Geisteslebens die «wahre Gestalt» dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser Erkenntnis heraus können aber die Impulse kommen für eine gesunde Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung. - In älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung sorgten die sozialen Instinkte dafür, daß diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. In der Gegenwart dieser Entwickelung steht man vor der Notwendigkeit, diese Gliederung durch zielbewußtes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen ältern Zeiten und der Gegenwart liegt für die Länder, die für ein solches Wollen zunächst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken der alten Instinkte und der neueren Bewußtheit vor, das den Anforderungen der gegenwärtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man heute für zielbewußtes soziales Denken hält, leben aber noch die alten Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach gegenüber den fordernden Tatsachen. Gründlicher, als mancher sich vorstellt, muß der Mensch der Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensfähig ist. Wie Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von der neueren Zeit selbst geforderten gesunden sozialen Lebens sich gestalten sollen, das - so meint der Verfasser -kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen entwickelt, das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser glaubt, über eine solche notwendige Gestaltung sagen zu müssen, das möchte er dem Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine Anregung zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, möchte der Verfasser geben. Denn er meint, daß nur ein solches Streben über Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens hinausführen kann. Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den möchte der Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwärtig mit manchen Vorstellungen, die man sich über eine mögliche Entwickelung der sozialen Verhältnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und in Schwarmgeisterei verfällt. Deshalb sieht man das aus der wahren Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser Darstellung deshalb etwas «Abstraktes» sehen, weil ihm «konkret» nur ist, was er zu denken gewohnt ist und «abstrakt» auch das Konkrete dann, wenn er nicht gewöhnt ist, es zu denken.1Der Verfasser hat bewusst vermieden, sich in seinen Ausführungen unbedingt an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebräuchlichen Ausdrücke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein «fachmännisches» Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte zu seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, dass er auch für Menschen sprechen möchte, denen die volks- und sozialwissenschaftliche Literatur ungeläufig ist, sondern vor allem die Ansicht, dass eine neue Zeit das meiste von dem einseitig und unzulänglich sogar schon in der Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als «fachmännisch» sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hätte auch hinweisen sollen ad die sozialen Ideen anderer, die in dem einen oder andern an das hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu bedenken, dass die Ausgangspunkte und die Wege der hier gekennzeichnet. Anschauung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung zu verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung der gegebenen Impulse sind und nicht etwa bloß so oder anders geartete Gedanken. Auch hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV ersehen kann, für die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen versucht, als ähnlich scheinende Gedanken in Bezug auf das eine oder andere noch nicht bemerkt wurden.
[ 4 ] Daß stramm in Parteiprogramme eingespannte Köpfe mit den Aufstellungen des Verfassers zunächst unzufrieden sein werden, weiß er. Doch er glaubt, viele Parteimenschen werden recht bald zu der Überzeugung gelangen, daß die Tatsachen der Entwickelung schon weit über die Parteiprogramme hinausgewachsen sind, und daß ein von solchen Programmen unabhängiges Urteil über die nächsten Ziele des sozialen Wollens vor allem notwendig ist.
Anfang April 1919
Rudolf Steiner
Versions Available:
The Threefold Social Order 1972, tr. Frederick C. Heckel
Foreword As to the Purpose of This Book
[ 1 ] We are confronted by demands for social reconstruction. These pose grave problems with far-reaching implications. This book is written with the conviction that their solution must be looked for along lines not yet considered. Its aim is to show what has to be done in order that social demands coming from a large part of mankind may be turned in the direction of conscious social purpose.
Welcome or unwelcome, the facts of social life are present and must be reckoned with. Those who may object to the author's way of discussing proletarian demands should bear this in mind. He wants to present life as it really is. He is aware of the fatal consequences that will result if people refuse to look at the facts. These facts have arisen out of the life of modern mankind.
[ 2 ] The so-called experts may not be pleased by this approach, which they may feel is not practical. It is their approach, however, that has led to the situation from which mankind is suffering today. They may condemn this book at the start because its opening pages deal less with the economic life than with the spiritual-cultural life of modern mankind. Yet it is the author's conviction, based on experience, that unless people pay close attention to the spiritual-cultural life of today they will continue to add fresh mistakes to the old ones.
On the other hand, what is said here will not altogether please those people who keep repeating that man must rise above absorption in purely material interests, that he must turn to “ideals,” to the things of the “spirit.” The author recognizes only that spirituality which forms the substance of man's own life. It shows its power just as much in mastering the problems of practical life as it does in constructing a philosophy that is able to satisfy the needs of man's soul.
The important point is not the knowledge (or supposed knowledge) of a spiritual life, but rather that the spiritual life enables man to grasp realities. The author's point of view may be of special use since he avoids any aloofness from life.
[ 3 ] The social question discussed in this book concerns economic life, the rights of men, and the spiritual-cultural life. The author endeavors to show how the true form of the social question emerges as an outcome of the requirements of these three aspects of social life.
Only through a perception of this can the impulses come that make it possible to give these three branches of social life a shape that can lead to health within the social order. In earlier stages of mankind's evolution there were social instincts holding these three branches together in a way adapted to the human nature of that period. At present man is faced with the necessity of working out this combination of functions through conscious social will and purpose.
In those countries where the question of a social purpose is most pressing we find an overlapping and interplay of old instincts and new consciousness. The results of this are quite inadequate for the needs of modern mankind. A great deal of social thinking today is neither clear-sighted nor conscious, because the old instincts are still at work. They weaken men's capacity for understanding and dealing with urgent facts.
In the author's opinion it is necessary to recognize this fully before it is possible to apprehend the forms that the industrial economy, the rights of man and the spiritual-cultural life must take to conform to the demands of the modern age. The following pages indicate the lines that these new forms must inevitably follow. It is a path leading to social ends in keeping with the actual realities and urgent needs of life. The author believes that only through effort in this direction can our social will and purpose surmount mere utopianism and wordy sentiment.
If anyone still thinks this book has a somewhat Utopian character he should consider the pictures people draw in their own minds of the kind of society they seek, and how far from life such pictures are. That is the very reason why these people, when they meet with something drawn from reality and experience, look at it as Utopian. To many, nothing is “concrete” that is outside their own customary line of thought. So the concrete itself is an abstraction to them if it is something about which they are not accustomed to think.1April, 1919. The author has, in the pages which follow, deliberately avoided confining himself to the terms in common use in standard treatises on political economy. He knows quite well the places which a technical economist will pick out as being amateurish. But he has chosen his mode of expression partly because he wishes to address himself also to people who are not familiar with the literature of sociology and economics. But he has done this chiefly because, in his opinion, most of what is peculiarly technical in such writings will be shown by a new age to be incomplete and defective, even in the very form of its expression.
It may also be thought that some reference should have been made to other persons whose social ideas bear an incidental resemblance to the author's own. But it must be remembered that in the whole conception presented here, one which the author believes he owes to long years of practical experience, the essential point is not whether a particular thought has taken this or that form. The starting point is the important thing, and the road one takes in giving practical realization to the impulses that underlie this conception. As may be seen from Chapter IV, the author was already doing what he could to implement these ideas in actual practice at a time when ideas that seem somewhat similar had not as yet attracted any attention. Therefore, they will think this book is abstract.
[ 4 ] With people whose minds are harnessed to a party program the author's views will also, at first, find no favor. He is well aware of this. But he believes that it will not be long before many party men come to the conclusion that the actual facts of evolution have gone far beyond the programs of their parties. They will see the urgent necessity of freeing themselves from all such party programs and forming an independent opinion.
