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Essays on the Threefold Social Order
GA 24

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9. Was «neuer Geist» fordert

9. What the "New Spirit" Demands

[ 1 ] An den unfruchtbaren Diskussionen, die gegenwärtig in vielen Kreisen über die Betriebsräte gepflogen werden, kann man deutlich wahrnehmen, wie wenig nodi Verständnis vorhanden ist für die Forderungen, die der Menschheit aus ihrer geschichtlichen Entwickelung heraus für Gegenwart und nächste Zukunfl erwachsen sind. Von der Einsicht, daß in Demokratie und sozialer Lebensgestaltung zwei im Menschenwesen der neueren Zeit selbst liegende Antriebe sich ausleben wollen, davon ahnen die meisten von denen, die in solchen Diskussionen mitreden, nichts. Beide Antriebe werden so lange beunruhigend und zerstörend im öffentlichen Leben wirken, bis man es zu Einrichtungen bringt, in denen sie sich entfalten können, aber der soziale Antrieb, der im Wirtschaftskreislauf wird leben müssen, kann sich, seinem Wesen nach, nicht demokratisch offenbaren. Ihm kommt es darauf an, daß die Menschen im wirtschaftlichen Produzieren den rechtmäßigen Bedürfnissen ihrer Mitmenschen Rechnung tragen. Eine von diesem Antrieb geforderte Regelung des Wirtschaftskreislaufes muß auf das gebaut sein, was die wirtschaftenden Personen füreinander tun. Diesem Tun aber müssen Verträge zugrunde liegen, die herauswachsen aus den wirtschaftlichen Positionen der wirtschaftenden Menschen. Zum Abschluß dieser Verträge ist, wenn sie sozial wirken sollen, zweierlei nötig. Erstens müssen sie entspringen können aus der freien, auf Einsicht ruhenden Initiative der Einzelmenschen; zweitens müssen diese einzelnen Menschen in einem Wirtschaftskörper leben, in dem die Möglichkeit gegeben ist, durch solche Verträge die Leistung des Einzelnen in der denkbar besten Weise der Gesamtheit zuzuführen. Die erste Forderung kann nur erfüllt werden, wenn sich kein politisch gearteter Verwaltungseinfluß zwischen den wirtschaftenden Menschen und sein Verhältnis zu den Quellen und Interessen des Wirtschaftslebens stellt. Der zweiten Forderung wird Rechnung getragen, wenn Verträge nicht nach den Forderungen des ungeregelten Marktes, sondern nach den Bedingungen geschlossen werden, die sich ergeben, indem sich den Bedürfnissen gemäß Betriebszweige untereinander und mit Konsumgenossenschaften assozijeren, so daß die Warenzirkulation im Sinne dieser Assoziationen verläuft. Durch das Bestehen dieser Assoziationen ist den wirtschaftenden Personen der Weg vorgezeichnet, den sie in jedem einzelnen Falle zur vertraglichen Regelung ihrer Tätigkeit nehmen sollen.

[ 1 ] Judging from the fruitless discussions now going on in many circles over the Works Councils [Betriebsräte], it is plain to see how very little understanding there is of the demands that the historical evolution of humanity has created for the present age and the near future. That democracy and a social form of life represent two impulses struggling to realize themselves within present-day human nature is an insight that has escaped entirely the vast majority of participants in such discussions. Both impulses will continue to cause unrest and destruction in public life until institutions are provided within which they can unfold themselves; but the social impulse that must live in the economic process cannot, because of its essential nature, manifest itself democratically. The aim of this social impulse is that people engaged in economic production should pay attention to the legitimate needs of their fellows. The kind of management that this impulse demands is one that regulates the economic process on the basis of what individuals engaged in it actually do for one another. What they do, however, must be based upon contractual agreements that arise from the economic positions of the individuals concerned. If these contractual agreements are to have a social effect, two things are necessary. First, these agreements must originate as a free initiative of those concerned—an initiative that is based on insight. Second, these individuals must live in an economic body that enables one through such agreements to convey in the best possible way the services of each to the community. The first demand can be fulfilled only when there is no sort of political influence intervening between those working within the economy and their personal relationship to the sources and interests of economic life itself. The second demand will be satisfied when agreements are made not according to the demands of an unregulated market, but rather according to the conditions that result when branches of industry associate with each other and with associations of consumers as dictated by real needs, so that the circulation of goods is managed as these associations see fit. Such associations represent a model for determining how, in each particular case, economic activity should be governed contractually.

[ 2 ] Für ein in dieser Art gestaltetes Wirtschaftsleben gibt es kein Parlamentarisieren. Es gibt nur das fachkundige und fachtüchtige Stehen in einem Betriebszweige und das Verbundensein der eigenen Position mit andern in der sozial zweckmäßigsten Weise. Was innerhalb eines solchen Wirtschaftskörpers geschieht, das wird nicht durch «Abstimmungen» geregelt, sondern durch die Sprache der Bedürfnisse, die durch ihr eigenes Wesen auf das eingeht, was durch den fachkundigsten und fachtüchtigsten Menschen geleistet und durch föderativen Zusammenschluß an den rechten Ort seines Verbrauches geleitet wird.

[ 2 ] There can be no politicking when the economy is run in this way. There is only the competence and skill of each person in some special branch of industry, and the structuring of these to the best possible social advantage. What is done in an economic body of this kind is decided not by counting votes, but by the voice of real needs: it will necessarily concern itself with finding those most competent to perform certain tasks, and then conveying products to the consumers deemed appropriate by the cooperating associations.

[ 3] Aber wie im natürlichen Organismus das eine Organsystem sich durch seine eigene Tätigkeit auflösen müßte, wenn es nicht durch ein anderes reguliert würde, so muß auch das eine Glied des sozialen Organismus durch andere reguliert werden. Was durch die wirtschaftenden Menschen im Wirtschaftskörper geschieht, müßte im Laufe der Zeit zu den seiner Wesenheit entsprechenden Schädigungen führen, wenn nicht durch die politisch-rechtliche Organisation, - die ebenso sicher auf demokratischer Grundlage ruhen muß, wie dies das Wirtschaftsleben nicht kann - der Entstehung solcher Schädigungen entgegengearbeitet würde. Im demokratischen Rechtsstaate ist das Parlamentarisieren berechtigt. Was da entsteht, das wirkt in der wirtschaftenden Betätigung der Menschen ausgleichend auf die Neigung des Wirtschaftslebens, zu Schädigungen zu führen. Wollte jemand das Wirtschaftsleben selbst in die Verwaltung der Rechtsstruktur einspannen, so benähme er ihm seine Tüchtigkeit und seine Beweglichkeit. Das Recht muß von den wirtschaftenden Menschen von einer außerhalb des Wirtschaftslebens liegenden Stelle empfangen und im Wirtschaftsleben nur angewendet werden.

[ 3] However, just as in a natural organism one single organic system would destroy itself through its specific activity if there were no other systems to keep it in balance, so does one function of the social organism need to be kept in balance by another. Work within the economic sphere would, over time, inevitably lead to comparable damage, unless it were counteracted by the political system of laws—that must rest on a democratic basis, just as the economic life cannot. In the sphere of democratic law-making, politicking is appropriate. What is done there works within economic activity to counteract its innate tendency to cause damage. If one were to harness economic life to the administration of the state, one would deprive it of its efficiency and freedom of movement. Those engaged in economic work must receive the law from somewhere outside of economic life, and only apply it in the economic life itself.

[ 4 ] Die Erörterung über solche Dinge müßte da gepflogen werden, wo man sich mit der Einrichtung von Betriebsräten beschäftigt. Statt dessen herrscht da ein Herumreden von Gesichtspunkten aus, die dem alten Prinzip entsprechen, die politische Gesetzgebung nach den Interessen der wirtschaftenden Gruppen zu gestalten. Daß gegenwärtig eben andere Gruppen nach diesem Prinzip verfahren wollen als früher, das ändert nichts an der Tatsache, daß ein neuer Geist heute da noch fehlt, wo man seiner schon dringend bedürftig ist.

[ 4 ] It is matters such as this that should be taken up by those who are busy planning Works Councils. Instead, there is a great deal of oration on viewpoints consistent with the old principle of shaping political legislation according to economic interests. That presently there happen to be different groups pursuing this same principle does not change the fact that a new spirit is still lacking today in places where it is already so urgently needed.

[ 5 ] Es liegen die Verhältnisse heute so, daß erst dann eine Gesundung des öffentlichen Lebens eintreten kann, wenn von einer genügend großen Anzahl von Menschen die wahren sozialen, politisch-rechtlichen und geistigen Forderungen der Gegenwart durchschaut werden. Von Menschen, die den guten Willen und die Kraft haben, anderen das auf diesem Felde notwendige Verständnis zu vermitteln. Aber die Dinge stehen auch so, daß die noch vorhandenen Hemmnisse für diese Gesundung verschwinden werden in dem Maße, als sich die hier charakterisierte Einsicht verbreitet. Denn es ist nur ein politisch-sozialer Aberglaube, daß diese Hemmnisse objektiver, außerhalb der menschlichen Einsicht liegender Wesenheit sind. Das behaupten nur diejenigen, die niemals begreifen, welches das wirkliche Verhältnis von Idee und Praxis ist. Solche Menschen sagen: die Idealisten haben ja wohl gute oder gutgemeinte Ideen; aber, «sowie die Dinge einmal liegen, lassen sich diese Ideen nicht verwirklichen». Nein, so ist es nicht, sondern so, daß für die Verwirklichung gewisser Ideen in der Gegenwart das einzigeHindernis diejenigen Menschen bilden, welche den eben gekennzeichneten Glauben und dazu die Macht haben, im Sinne dieses Glaubens hemmend zu wirken. Und eine solche Macht haben auch diejenigen, mit denen die Volksmassen aus früheren Parteigruppierungen heraus als mit ihren «Führern» zusammengeschlossen sind, und denen sie gehorsam folgen. Daher ist eine Grundbedingung der Gesundung die Auflösung dieser Parteigruppierungen und die Hebung des Verständnisses für Ideenbildungen, die aus der praktischen Einsicht selbst herauswachsen ohne allen Zusammenhang mit Partei- und Gruppenmeinungen von ehemals. Es ist eine brennende Frage der Gegenwart, daß Mittel und Wege gefunden werden, an die Stelle der Parteimeinungen diese unabhängigen Ideenbildungen zu setzen, die Kristallisationskerne abgeben können für den Zusammenschluß von Menschen von allen Parteiseiten her. Von solchen Menschen, die in der Lage sind, zu erkennen, daß die bestehenden Parteien sich überlebt haben, und daß die sozialen Zustände der Gegenwart ein vollgültiger Beweis für diese Überlebtheit sind.

[ 5 ] Today's circumstances are such that there can be no return to health in public life until a sufficiently large number of people recognize the real social, political and spiritual demands of the times, and have the good will and energy to pass on this vital understanding to others. To the extent that this understanding is spread, the remaining obstacles to social health would disappear. For it is merely a political superstition that these obstacles have any objective existence beyond the reach of human insight; it is an assertion made only by people who can never understand the actual relationship between theory and praxis. They are the people who say, “These idealists have quite excellent, well-meant ideas. However, as matters now stand, these ideas cannot be put in practice.” This is not at all the case; the only obstacle to the practical realization of certain ideas at present are those who hold this belief and have the power to use it as an obstacle. And such power is possessed also by those who have gathered around them the masses of the people from former party groups; the masses obediently follow them, their “leaders.” Therefore, one of the fundamental conditions for a return to social health is the disbanding of these old party groupings, and a heightened understanding for the kinds of ideas that grow out of real practical insight in-dependent of any connection with old parties and groups. An immediate and burning question is how to find ways and means to replace the old party creeds with this independent judgement so that they can become a nucleus around which people of all party affiliations can gather—people who are able to see that the existing parties have had their day and that the present social conditions are sufficient proof that their day is over.

[ 6 ] Es ist begreiflich, daß den Menschen, denen diese Erkenntnis nottut, sie nicht leicht wird. Den Massen nicht, weil deren Angehörige nicht Zeit und Muße und oftmals nicht die Vorschulung haben, die erforderlich sind. Den Führern nicht, weil ihre Vorurteile und ihre Macht in dem wurzeln, was sie bisher vertreten haben. Daß dieses beides besteht, macht die Verpflichtung nur um so dringlicher, über die Parteitraditionen der Gegenwart hinaus, nicht innerhalb derselben, den wahren Fortschritt der Menschheit zu suchen. Es genügt heute nicht, bloß zu wissen, was an die Stelle des Bisherigen an Einrichtungen treten soll; es ist notwendig, daran zu arbeiten, die neuen Ideenbildungen in eine solche Richtung zu bringen, daß sie die Auflösung des alten Parteiwesens so schnell als möglich bewirken und zum Streben der Menschen nach neuen Zielen führen. Wer dazu nicht den Mut hat, der kann nichts beitragen zur Gesundung des sozialen Lebens; und wer den Aberglauben hat, solches Streben sei eine Utopie, der baut auf einen Boden, der im Einsinken ist.

[ 6 ] It is understandable that those who need to recognize this do not find it easy. The rank and file do not find it easy because they do not have the time or the leisure (and very often not the training) this recognition requires. It is not easy for the leaders because both their prejudices and their power are bound up with all they have stood for until now. This situation obliges us all the more urgently to look beyond the party traditions of the day and seek the real progress of humanity outside, not within them. Today it is not enough merely to know what should take the place of existing institutions. What is necessary is to elaborate this new way of thinking in a way that will lead as quickly as possible to the disbanding of the old party system and will guide people's efforts toward new goals. Whoever lacks the courage to do this can contribute nothing toward a new and healthy social order. Whoever is deluded by the belief that such efforts are utopian, builds on sinking ground.