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Essays on the Threefold Social Order
GA 24

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18. Wahre Aufklärung als Grundlage sozialen Denkens

18. Real Enlightenment as the Basis of Social Thought

[ 1 ] Die Zahl derjenigen Menschen nimmt stetig zu, die betonen, daß aus der sozialen Wirrnis unserer Zeit nur herauszukommen sei, wenn in das Denken und Empfinden ein Zug nach dem Geistigen komme. Die Enttäuschungen, welche «volkswirtschaftliche» Ideen gebracht haben, die ihre Grundlagen nur in der Erzeugung von materiellen Gütern und deren Verteilung suchten, führen bei vielen zu einem solchen Bekenntnis.

[ 1 ] An ever-increasing number of people are beginning to declare that no way out of the social chaos of our time will be found unless our minds and hearts take a new turn toward the spirit. It is a confession to which many are led by disappointment with the results of a political economy that tried to base its ideas merely on the production and distribution of material wealth.

[ 2 ] Man kann aber auch deutlich sehen, wie wenig fruchtbar in unserer Zeit ein solches Bekenntnis zum Geiste wirkt. Soll es volkswirtschaftliche Anschauungen hervorbringen, so versagt es. Denn mit dem bloßen Hinweis auf den Geist ist es nicht getan. Er drückt zunächst bloß ein Bedürfnis aus. Er ist ratlos, wenn er über die Befriedigung dieses Bedürfnisses sprechen soll. In dieser Tatsache sollte man eine Aufgabe für die Gegenwart erkennen. Man sollte sich fragen: Warum kommen selbst diejenigen, die heute eine Hinwendung zum Geiste für das soziale Leben notwendig halten, nicht darüber hinaus, diese Notwendigkeit zu besprechen? Warum kommen sie nicht dazu, das volkswirtschaftliche Denken wirklich zu durchgeistigen?

[ 2 ] It is also quite clear how few are the fruits of this profession of the spirit in our times. If expected to produce ideas for political economy, this profession is a failure; more is wanted than mere reference to the spirit. This does no more than give expression to a need; when it comes to the satisfaction of the need, it is helpless. One should recognize in this fact one of the problems of the present day and ask oneself, “How is it that even those who today regard this turning toward the spirit as necessary for social life do not get beyond talking about the necessity of it? Why do they never quite manage actually to suffuse our political-economic thought with spirituality?”

[ 3 ] Man wird dieser Frage die Antwort finden, wenn man die Entwickelung des Denkens innerhalb der zivilisierten Menschheit in der neueren Zeit betrachtet. Diejenigen Persönlichkeiten, die sich aus der Zeitbildung heraus zu einer Weltanschauung durchgerungen haben, betrachten es als ein Zeichen ihrer höheren « Geisteskultur », von dem « Unerkennbaren » hinter den Dingen zu reden. Es ist allmählich ein weitverbreiteter Glaube geworden, daß nur ein Befangener noch über das «Wesen der Dinge», über «die unsichtbaren Gründe der sichtbaren Dinge» sprechen könne. Nun läßt sich eine solche Denkergesinnung für eine Weile gegenüber dem Naturerkennen aufrecht erhalten. Die Naturerscheinungen bieten sich dar; und auch der, welcher von einem Nachforschen über ihre Gründe nichts wissen will, kann sie beschreiben und dadurch zu einem gewissen Inhalte seines Denkens kommen.

[ 3 ] The answer to this question will be found by observing the form the evolution of thought has taken in modern times among the civilized portion of humanity. Those representatives of modern civilization who have found their way to a world-conception, consider it a mark of their superior “cultivation” to speak of “the unknowable” behind all things. It has gradually become a widespread belief that only a very unenlightened person still talks about the inherent “essence of things” or “the invisible causes of the visible.” Now this thinking can be maintained for a time regarding the study of nature. The phenomena of nature lie before our eyes, and even those who will not hear of inquiring into their causes can describe them, and so arrive at a certain substantiality of thought.

[ 4 ] In volkswirtschaftlichen Dingen muß aber eine solche Denkergesinnung versagen. Denn da werden die Erscheinungen zuletzt von Menschen hervorgebracht; es gehen die Forderungen von den Menschengemütern aus. In den Menschen aber lebt gerade dasjenige als Wesenheit, wofür man sich die Einsicht vermauert, wenn man sich gewöhnt, der Natur gegenüber von einem solchen «Unerkennbaren» zu sprechen, wie es bei vielen Bekennern neuerer Lebensanschauungen zu finden ist. So ist es gekommen, daß die jüngste Vergangenheit Denkgewohnheiten in die Gegenwart herein entwickelt hat, die in volkswirtschaftlichen Dingen völlig versagen. Man kann das Gefrieren des Wassers, die Entwickelung des Embryos betrachten und dabei von dem «Unerkennbaren» in der Welt «vornehm» sprechen und die Zeitgenossen ermahnen, sich nicht in Phantasien über dieses «Unerkennbare» zu verlieren. Aber man kann nicht mit einem Denken, das an solcher Seelenverfassung sich schult, volkswirtschaftliche Aufgaben bewältigen. Diese erfordern ein Eingehen auf das volleMenschenleben. Und in diesem waltet das Geistig-Seelische, auch wenn es nur in der Forderung nach der Befriedigung materieller Bedürfnisse sich offenbart.

[ 4 ] In matters of political economy, however, such a mode of thinking is bound to break down. For here the phenomena proceed ultimately from human beings; demands arise from human wants and preferences. Within us there lives as substance that to which people shut their eyes when they accustom themselves to talk about “the unknowable” (as do many disciples of the newer schools of thought). So it has come about that the age just passed has continued to evolve its habits of thought into the present—habits of thought which break down completely in matters of political economy. One can observe the freezing of water or the development of the embryo, and talk in a very “distinguished” manner of “the unknowable” in the world, cautioning one's contemporaries not to be led into fantastic speculations about this unknowable realm. But one cannot master economic matters with a way of thinking based on such a disposition, for economic affairs require that one should enter into the fullness of human life. Here one finds spirit and soul at work, even though they are revealed only in the demand for the satisfaction of material needs.

[ 5 ] Man wird erst eine Volkswirtschaftswissenschaft haben, wie die Gegenwart sie braucht, wenn man auf den Geist und die Seele nicht bloß «hinweisen» wird, sondern wenn man die Bestrebungen, zu einer wirklichen Geist-Erkenntnis zu kommen, nicht mehr als «unwissenschaftlich» und eines aufgeklärten Menschen unwürdig brandmarken wird. Denn über die Seele des Menschen wird man nur urteilen können, wenn man ihren Zusammenhang mit dem durchschaut, was man in der Naturerkenntnis meiden möchte.

[ 5 ] We shall not develop the science of political economy that modern times require until people cease to be content with merely “referring” to the spirit and the soul, and cease to stigmatize all endeavors to arrive at an actual knowledge of the spirit as “unscientific” and unworthy of any enlightened person. The human soul will remain beyond their understanding until they recognize its connection with what they desire to avoid in their study of nature.

[ 6 ] Menschen, die heute aus ihren Anschauungen heraus von übersinnlichen Dingen sprechen und die den Glauben äußern, daß nur durch solche dem Übersinnlichen Zugewandte Erkenntnis der herrschende Materialismus überwunden werden könne, wird erwidert: der Materialismus sei «wissenschaftlich» überwunden. Es gäbe genügend Auseinandersetzungen, die, auf dem Boden « echter » Wissenschaft erwachsen, beweisen, daß der Materialismus zur Erklärung des natürlichen Geschehens nicht ausreicht. Demgegenüber muß gesagt werden: Solche Auseinandersetzungen mögen theoretisch interessant sein; den Materialismus können sie aber nicht überwinden. Der wird nur überwunden, wenn man nicht bloß theoretisch beweist, daß es in den Tatsachen der Welt mehr gibt, als was die Sinne sehen; der wird nur überwunden, wenn in die Betrachtung des Weltgeschehens lebendiger Geist einzieht. Nur dieser in der menschlichen Anschauung waltende Geist kann die Zusammenhänge auch überschauen, die im materiellen Leben der menschlichen Gemeinschaften wirksam sind. Man kann lange beweisen, daß das «Leben» nicht ein bloßer chemischerVorgang sei; man wird damit dem Materialismus nicht wehe tun. Man wird ihn erst dann wirksam bekämpfen, wenn man auch den Mut hat, nicht nur zu sagen, es müsse Geist in den Weltanschauungen wirken, sondern diesen Geist wirklich zum Inhalte seines Bewußtseins macht.

[ 6 ] If one speaks today from one's own perception of the supersensible, and argues that the only way to overcome the prevailing materialism is through research into the supersensible, one is met with the reply that materialism has been overcome “scientifically.” There have, it is claimed, been ample discussions on the subject which prove, on “genuinely” scientific grounds, that materialism is insufficient to explain the processes of nature. To this assertion it must be replied that such discussions may be very interesting theoretically, but they cannot overcome materialism. Materialism will be overcome only when it is not merely proven theoretically that there are more facts in the world than are perceived by our senses, but when living spirit inspires our study of the world and its processes. Only this spirit, directing human vision, can survey the many mingling currents at work in the material life of human communities. One can go on forever proving that “life” is not merely a chemical process; materialism will in no way suffer. One will combat materialism effectively only when one has the courage not only to say, “Our views of the world must be suffused with spirit,” but really to make this spirit the focus of their consciousness.

[ 7 ] Die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus wendet sich an Menschen, die diesen Mut haben. Dieser Mut sucht vorzudringen von den Äußerlichkeiten des Lebens zu dessen innerer Wesenheit. Er erfaßt die Notwendigkeit der Pflege des freien, unabhängigen Geisteslebens, weil er einsieht, daß ein gefesseltes Geistesleben es höchstens bis zum «Hinweis» auf den Geist, nicht aber zu einein Leben im Geiste bringen kann. Er erfaßt auch die Notwendigkeit eines selbständigen Rechtslebens, weil er sich die Einsicht erringt, daß das Rechtsbewußtsein in Gebieten der Menschenseele wurzelt, die nur in einem Menschenzusammenhange wirksam sein können, der in Unabhängigkeit vom Geist- und Wirtschaftsleben sich entfaltet. Solche Einsicht kann nur erlangt werden durch die Erkenntnis des Seelischen im Menschen. Eine Lebensanschauung, die sich heranerzogen hat an der Meinung vom «Unerkennbaren» in dem Sinne vieler heutiger Gedankenrichtungen, wird zu dem Irrtum neigen, man könne eine soziale Struktur der Menschengeselischaften finden, die nur aus den materiellen Tatsachen des Wirtschaftslebens sich gestaltet.

[ 7 ] The idea of the threefold social order addresses itself to people who have this courage. Courage of this kind does not stop short at the externalities of life, but seeks to penetrate its inner being. It grasps the necessity of the cultivation of a free, independent spiritual-cultural life because it perceives that a spiritual-cultural life in bondage can, at most, “refer” to the spirit, but it cannot live in the spirit. It also grasps the necessity of a self-subsistent legal life, because it has learned that our sense of right and justice has its roots in regions of the human soul that must remain independent of both the spiritual-cultural and the economic spheres. One perceives this only by recognizing the human soul. World-views inculcated by the theory of the unknowable (this is the line of much modern thought) will always tend to the fallacy that one can devise a social framework determined solely by the material facts of economic life.

[ 8 ] Der Mut, von dem hier die Rede ist, kann nicht vor der Meinung haltmachen, die Menschen seien nicht «reif» für eine solch gründliche Umwandlung ihres Denkens und Empfindens. Sie werden nur so lange «unreif» sein, als ihnen die Einsicht in das Geistige als Vorurteil «wissenschaftlich» dargelegt wird. Nicht die Unreife ist in der gegenwärtigen Wirrnis das Wirksame, sondern der Glaube, daß Geist-Erkenntnis das Zeichen eines unaufgeklärten Menschen sei. Alle Gestaltungsversuche im sozialen Leben, die aus dieser ungeistigen «Aufklärung» hervorgehen, müssen scheitern, weil sie im Gestalten den Geist ausschalten; dieser aber in dem Augenblicke seine Ansprüche im Unbewußten geltend macht, in dem der Mensch ihn aus seinem Bewußtsein verbannt. Nur wenn der Mensch nicht gegen den Geist wirkt, kann das Geistige die menschlichen Handlungen fördern. Mit dem Geiste aber wirkt nur derjenige, der ihn in sein Bewußtsein aufnimmt. Überwindung derjenigen falschen «Aufklärerei», die aus einer mißverstandenen Natureinsicht hervorgegangen ist und die in der neuesten Zeit zu einem weltlichen Evangelium weiter Menschenmassen geworden ist, wird allein die Grundlage geben können für ein soziales Wissen, das fruchtbar auf das wirkliche Leben einwirken kann.

[ 8 ] This courage will not be daunted by the theory that men are not mature enough for such a radical change of thought and feeling. Their “immaturity” will last only as long as science expounds to them that recognition of the spirit is an unwarranted assumption. Immaturity is not causing the present chaos; the chaos is caused by the belief that recognition of the spirit is a mark of unenlightenment. All attempts at shaping social life that proceed from this spiritless enlightenment are doomed to failure because they exclude the spirit. The moment one banishes the spirit from one's conscious mind, it asserts its claims in the unconscious regions. The spiritual forces can further human aims only when we do not work against the spirit. Only those who take the spirit into their conscious mind work with the spirit. There must he an overcoming of the false enlightenment that has arisen from a mistaken view of nature, and has become a sort of lay-gospel among widespread masses of people. Only then will the ground be prepared for a genuine social science that can have a fruitful influence upon real life.