The Course of My Life
GA 28
Translate the original German text into any language:
Chapter VIII
[ 1 ] In dieser Zeit - um 1888 herum - ward ich auf der einen Seite zur scharfen geistigen Konzentration durch mein inneres Seelenleben gedrängt; auf der andern stellte mich das Leben in einen ausgebreiteten geselligen Verkehr hinein. In meinem Innern ergab sich durch die ausführliche Einleitung, die ich zurn zweiten Bande der von mir herauszugebenden naturwissenschaftlichen Werke Goethes zu schreiben hatte, die Nötigung, meine Anschauung von der geistigen Welt in die Form einer gedanklich durchsichtigen Darstellung zu bringen. Das erforderte eine innere Abgezogenheit von allem, womit ich durch das äußere Leben verbunden war. Ich verdanke dem Umstande viel, daß mir diese Abgezogenheit möglich war. Ich konnte damals in einem Kaffeehause sitzen, um mich herum das lebhafteste Treiben haben, und doch im Innern ganz still sein, die Gedanken darauf gewandt, im Konzept niederzuschreiben, was dann in die erwähnte Einleitung übergegangen ist. So führte ich ein inneres Leben, das in gar keinem Zusammenhange stand mit der Außenwelt, in die meine Interessen doch wieder intensiv verflochten waren.
[ 2 ] Es war das die Zeit, in der sich in dem damaligen Österreich diese Interessen den krisenhaften Erscheinungen zuwenden mußten, die in den öffentlichen Angelegenheiten sich offenbarten. Persönlichkeiten, mit denen ich viel verkehrte, widmeten ihre Arbeit und Kraft den Auseinandersetzungen, die sich zwischen den Nationalitäten Österreichs vollzogen. Andere beschäftigten sich mit der sozialen Frage. Wieder andere standen in Bestrebungen nach einer Verjüngung des künstlerischen Lebens darinnen.
[ 3 ] Wenn ich mit meiner Seele in der geistigen Welt lebte, dann hatte ich oft die Empfindung, daß alle diese Zielsetzungen in ein Unfruchtbares auslaufen mußten, weil sie es doch vermieden, an die geistigen Kräfte des Daseins heranzutreten. Die Besinnung auf diese geistigen Kräfte schien mir das zuerst Notwendige. Ein deutliches Bewußtsein davon aber konnte ich in dem geistigen Leben nicht finden, das mich umgab.
[ 4 ] Es erschien damals Robert Hamerlings satyrisches Epos «Homunculus». In diesem ward der Zeit ein Spiegel vorgehalten, aus dem ihr Materialismus, ihre dem Äußerlichen des Lebens zugewandten Interessen in beabsichtigt karikaturenhaften Bildern erschienen. Der Mann, der nur noch in mechanistisch-materialistischen Vorstellungen und Betätigungen leben kann, geht eine Verbindung ein mit dem Weibe, das sein Wesen nicht in einer wirklichen, sondern in einer phantastischen Welt hat. Die zwei Seiten, in denen sich die Zivilisation verbildet hatte, wollte Hamerling treffen. Auf der einen Seite stand ihm das geistlose Streben, das die Welt als einen Mechanismus dachte und das Leben maschinenmäßig gestalten wollte; auf der andern die seelenlose Phantastik, die gar kein Interesse daran hat, daß ihr geistiges Scheinleben in irgend eine wahrhaftige Beziehung zur Wirklichkeit kommt
[ 5 ] Das Groteske der Bilder, in denen Hamerling malte, stieß viele ab, die seine Verehrer durch seine früheren Werke geworden waren. Auch in dem Hause delle Grazies, in dem man vorher in restloser Bewunderung Hamerlings lebte, wurde man bedenklich, als dieses Epos erschien.
[ 6 ] Auf mich aber machte der «Homunculus» doch einen sehr tiefen Eindruck. Er zeigte, so schien es mir, die Kräfte, die als geistverfinsternd in der modernen Zivilisation walten. Ich fand in ihm eine ernste Mahnung an die Zeit. Aber ich hatte auch Schwierigkeiten, eine Stellung zu Hamerling zu gewinnen. Und das Erscheinen des «Homunculus» vermehrte in meiner Seele zunächst die Schwierigkeiten. Ich sah in Hamerling eine Persönlichkeit, die mir in einer besondern Art selbst eine Offenbarung der Zeit war. Ich blickte zurück auf die Zeit, in der Goethe und die mit ihm Wirkenden den Idealismus auf eine menschenwürdige Höhe gebracht hatten. Ich erkannte die Notwendigkeit, durch das Tor dieses Idealismus in die wirkliche Geistwelt einzudringen. Mir erschien dieser Idealismus als der herrliche Schatten, den nicht die Sinnenwelt hinein in die Seele des Menschen wirft, sondern als derjenige, der aus einer geistigen Welt in das Innere des Menschen fällt, und der eine Aufforderung darstellt, von dem Schatten aus die Welt zu erreichen, die den Schatten wirft.
[ 7 ] Ich liebte Hamerling, der in so gewaltigen Bildern den idealistischen Schatten gemalt hatte. Aber es war mir eine tiefe Entbehrung, daß er dabei stehen blieb. Daß sein Blick weniger nach vorwärts auf das Durchbrechen zu einer neuen Form der wirklichen Geistwelt gerichtet war, als nach rückwärts, auf den Schatten einer durch den Materialismus zerschlagenen Geistigkeit. Dennoch zog mich der «Homunculus» an. Zeigte er nicht, wie man in die geistige Welt eindringt, so stellte er doch dar, wohin man kommt, wenn man sich allein in einer geistlosen bewegen will.
[ 8 ] Die Beschäftigung mit dem «Homunculus» fiel für mich in eine Zeit, in der ich dem Wesen des künstlerischen Schaffens und der Schönheit nachsann. Was mir damals durch die Seele zog, hat seinen Niederschlag in der kleinen Schrift «Goethe als Vater einer neuen Ästhetik» gefunden, die einen Vortrag wiedergibt, den ich im Wiener Goethe-Verein gehalten habe. Ich wollte die Ursachen finden, warum der Idealismus einer mutigen Philosophie, die in Fichte und Hegel so eindringlich gesprochen hatte, doch nicht bis zum lebendigen Geiste hat vordringen können. Von den Wegen, die ich ging, um diese Ursachen zu finden, war einer das Nachsinnen über die Irrtümer der bloß idealistischen Philosophie auf ästhetischem Gebiete. Hegel und die, die ähnlich wie er dachten, fanden den Inhalt der Kunst in dem sinnlichen Erscheinen der «Idee». Wenn die «Idee» im sinnlichen Stoffe erscheint, so offenbart sie sich als das Schöne. Dies war ihre Ansicht. Aber die auf diesen Idealismus folgende Zeit wollte ein Wesenhaftes der «Idee» nicht mehr anerkennen. Weil die Idee der idealistischen Weltanschauung, so wie sie im Bewußtsein der Idealisten lebte, nicht auf eine Geistwelt hinwies, konnte sie sich bei den Nachfolgern nicht als etwas behaupten, das Wirklichkeitswert hatte. Und so entstand die «realistische» Ästhetik, die nicht auf das Scheinen der Idee im sinnlichen Bilde beim Kunstwerk hinsah, sondern nur auf das sinnliche Bild, das aus den Bedürfnissen der Menschennatur heraus im Kunstwerk eine unwirkliche Form annimmt. Ich wollte im Kunstwerk als das Wesentliche dasjenige ansehen, was den Sinnen erscheint. Aber mir zeigte sich der Weg, den der wahre Künstler in seinem Schaffen geht, als ein Weg zum wirklichen Geiste. Er geht aus von dem, was sinnlich wahrnehmbar ist; aber er gestaltet dieses um. Bei dieser Umgestaltung läßt er sich nicht von einem bloß subjektiven Drang leiten, sondern er sucht dem sinnlich Erscheinenden eine Form zu geben, die es so zeigt, als ob das Geistige selbst da stehe. Nicht die Erscheinung der Idee in der Sinnenform ist das Schöne, so sagte ich mir, sondern die Darstellung des Sinnlichen in der Form des Geistes. So erblickte ich in dem Dasein der Kunst ein Hereinstellen der Geist-Welt in die sinnliche. Der wahre Künstler bekennt sich mehr oder weniger unbewußt zum Geiste. Und es bedarf nur - so sagte ich mir damals immer wieder - der Umwandlung derjenigen Seelenkräfte, die im Künstler an dem sinnlichen Stoffe wirken, zu einem sinnenfreien, rein geistigen Anschauen, um in die Erkenntnis der geistigen Welt einzudringen.
[ 9 ] Es gliederten sich mir dazumal die wahre Erkenntnis, die Erscheinung des Geistigen in der Kunst und das sittliche Wollen im Menschen zu einem Ganzen zusammen. In der menschlichen Persönlichkeit mußte ich einen Mittelpunkt sehen, in dem diese ganz unmittelbar mit dem ursprünglichsten Wesen der Welt zusammenhängt. Aus diesem Mittelpunkt heraus quillt das Wollen. Und wirkt in dem Mittelpunkt das klare Licht des Geistes, so wird das Wollen frei. Der Mensch handelt dann in Übereinstimmung mit der Geistigkeit der Welt, die nicht aus einer Notwendigkeit, sondern nur in der Verwirklichung des eigenen Wesens schöpferisch wird. In diesem Mittelpunkte des Menschen werden nicht aus dunklen Antrieben heraus, sondern aus «moralischen Intuitionen» Tatenziele geboren, aus Intuitionen, die in sich so durchsichtig sind wie die durchsichtigsten Gedanken. So wollte ich durch das Anschauen des freien Wollens den Geist finden, durch den der Mensch als Individualität in der Welt ist. Durch die Empfindung des wahren Schönen wollte ich den Geist schauen, der durch den Menschen wirkt, wenn er im Sinnlichen sich so betätigt, daß er sein eigenes Wesen nicht bloß geistig als freie Tat darstellt, sondern so, daß dieses sein Geisteswesen hinausfließt in die Welt, die zwar aus dem Geiste ist, aber diesen nicht unmittelbar offenbart. Durch die Anschauung des Wahren wollte ich den Geist erleben, der sich in seinem eigenen Wesen offenbart, dessen geistiger Abglanz die sittliche Tat ist, und zu dem das künstlerische Schaffen durch das Gestalten einer sinnlichen Form hinstrebt.
[ 10 ] Eine «Philosophie der Freiheit», eine Lebensansicht von der geistdurstenden, in Schönheit strebenden Sinneswelt, eine geistige Anschauung der lebendigen Wahrheitswelt schwebte vor meiner Seele.
[ 11 ] Es war auch im Jahre 1888, als ich in das Haus des Wiener evangelischen Pfarrers Alfred Formey eingeführt wurde. Einmal in der Woche versammelte sich dott ein Kreis von Künstlern und Schriftstellern. Alfred Formey war selbst als Dichter aufgetreten. Fritz Lemmermayer charakterisierte ihn aus Freundesherzen heraus so: «Warmherzig, innig in der Naturempfindung, schwärmerisch, trunken fast im Glauben an Gott und Seligkeit, so dichtet Alfred Formey in weichen, brausenden Akkorden. Es ist, als ob sein Schritt nicht die harte Erde berührte, sondern als ob er hoch in den Wolken hindämmerte und träumte.» Und so war Alfred Formey auch als Mensch. Man fühlte sich recht erdentrückt, wenn man in dieses Pfarrhaus kam und zunächst nur der Hausherr und die Hausfrau da waren. Der Pfarrer war von kindlicher Frömmigkeit; aber die Frömmigkeit ging in seinem warmen Gemüte auf die selbstverständlichste Art in lyrische Stimmung über. Man war sogleich von einer Atmosphäre von Herzlichkeit umgeben, wenn Formey nur einige Worte gesprochen hatte. Die Hausfrau hatte den Bühnenberuf mit dem Pfarrhaus vertauscht. Kein Mensch konnte in der liebenswürdigen, die Gäste mit hinreißender Anmut bewirtenden Pfarrerin die frühere Schauspielerin entdecken. Den Pfarrer pflegte sie fast mütterlich; und mütterliche Pflege war fast jedes Wort, das man sie zu ihm sprechen hörte. In den beiden kontrastierte in einer entzückenden Art Anmut der Seele mit einer äußerst stattlichen Erscheinung. In die weltfremde Stimmung dieses Pfarrhauses brachten nun die Gäste «Welt» aus allen geistigen Windrichtungen hinein. Da erschien von Zeit zu Zeit die Witwe Friedrich Hebbels. Ihr Erscheinen bedeutete jedesmal ein Fest. Sie entfaltete im hohen Alter eine Kunst der Deklamation, die das Herz in seliges Entzücken versetzte und den Kunstsinn völlig gefangen nahm. Und wenn Christine Hebbel erzählte, dann war der ganze Raum von Seelenwärme durchdrungen. An diesen Formey-Abenden lernte ich auch die Schauspielerin Wilborn kennen. Eine interessante Persönlichkeit, mit glänzender Stimme als Deklamatorin. Lenaus «Drei Zigeuner» konnte man von ihr immer wieder mit erneuter Freude hören. Es kam bald dazu, daß der Kreis, der sich bei Formey zusammengefunden hatte, sich auch ab und zu bei Frau Wilborn versammelte. Aber wie anders war es da. Weltfreudig, lebenslustig, humorbedürftig wurden da dieselben Menschen, die im Pfarrhause selbst noch ernst blieben, wenn der «Wiener Volksdichter» Friedrich Schlögl seine lustigen Sehnurren vorlas. Der hatte, zum Beispiel, als in Wien die Leichenverbrennung in einem engen Kreise eingeführt wurde, ein «Feuilleton» geschrieben. Da erzählte er, wie ein Mann, der seine Frau in einer etwas «derben» Art liebte, ihr bei jeder Gelegenheit, die ihm nicht paßte, zurief: «Alte, los di verbrenna!» Bei Formey machte man über eine solche Sache Bemerkungen, die eine Art kulturgeschichtlichen Kapitels über Wien waren; bei Wilborn lachte man, daß die Stühle klapperten. Formey sah bei der Wilborn wie ein Weltmann aus; die Wilborn bei Formey wie eine Äbtissin. Man konnte die eingehendsten Studien über die Verwandlung der Menschen bis in den Gesichtsausdruck hinein machen.
[ 12 ] Bei Formey verkehrte auch Emilie Mataja, die unter dem Namen Emil Marriot ihre von eindringlicher Lebensbeobachtung getragenen Romane schrieb. Eine faszinierende Persönlichkeit, die in ihrer Lebensart die Härten des Menschendaseins anschaulich, genial, oft aufreizend offenbarte. Eine Künstlerin, die das Leben darzustellen versteht, wo es seine Rätsel in den Alltag hineinwirft, wo es seine Schicksalstragik zermalmend über Menschen hinwirft.
[ 13 ] Da waren auch öfters die vier Damen des österreichischen Damenquartetts Tschempas zu hören; da rezitierte Fritz Lemmermayer melodramatisch zu Alfred Stroß' feurigem Klavierspiel wiederholt Hebbels «Heideknaben».
[ 14 ] Ich liebte dieses Pfarrhaus, in dem man soviel Wärme finden konnte. Es war da edelstes Menschentum wirksam.
[ 15 ] In derselben Zeit fand es sich, daß ich mich in eingehender Art mit den öffentlichen Angelegenheiten Österreichs beschäftigen mußte. Denn mir wurde 1888 für kurze Zeit die Redaktion der «Deutschen Wochenschrift» übertragen. Diese Zeitschrift war von dem Historiker Heinrich Friedjung begründet worden. Meine kurze Redaktion fiel in die Zeit, in der die Auseinandersetzung der Völker Österreichs einen besonders heftigen Charakter angenommen hatte. Es wurde mir nicht leicht, jede Woche einen Artikel über die öffentlichen Vorgänge zu schreiben. Denn im Grunde stand ich aller parteimäßigen Lebensauffassung so fern als nur möglich. Mich interessierte der Entwickelungsgang der Kultur im Menschheitsfortschritt. Und ich mußte den sich daraus ergebenden Gesichtspunkt so einnehmen, daß unter seiner vollen Wahrung meine Artikel doch nicht als die eines «weltfremden Idealisten» erschienen. Dazu kam, daß ich in der damals in Österreich besonders durch den Minister Gautsch eingeleiteten «Unterrichtsreform» eine Schädigung der Kulturinteressen sah. Auf diesem Gebiete wurden meine Bemerkungen einmal sogar Schröer, der immerhin für parteiliche Betrachtung viel Sympathie hatte, bedenklich. Ich lobte die sachgemäßen Einrichtungen, die der katholisch-klerikale Minister Leo Thun schon in den fünfziger Jahren für die österreichischen Gymnasien getroffen hatte, gegenüber den unpädagogischen Maßnahmen von Gautsch. Als Schröer meinen Artikel gelesen hatte, sagte er: Wollen Sie denn wieder eine klerikale Unterrichtspolitik in Österreich?
[ 16 ] Für mich war diese kurze Redaktionstätigkeit doch von großer Bedeutung. Sie lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Stil, mit dem man damals in Österreich die öffentlichen Angelegenheiten behandelte. Mir war dieser Stil tief unsympathisch. Ich wollte auch in die Besprechungen über diese Angelegenheiten etwas hineinbringen, das einen die großen geistigen und menschheitlichen Ziele in sich schließenden Zug hatte. Diesen vermißte ich in der damaligen Tagesschriftstellerei. Wie dieser Zug zur Wirksamkeit zu bringen sei, das war damals meine tägliche Sorge. Und Sorge mußte es sein, denn ich hatte nicht die Kraft, die eine reiche Lebenserfahrung auf diesem Gebiete hätte geben können. Ich war im Grunde ganz unvorbereitet in diese Redaktionstätigkeit hineingekommen. Ich glaubte zu sehen, wohin auf den verschiedensten Gebieten zu steuern war; aber ich hatte die Formulierungen nicht in den Gliedern, die den Lesern der Zeitungen einleuchtend sein konnten. So war denn das Zustandekommen jeder Wochennusnmer für mich ein schweres Ringen.
[ 17 ] Und so fühlte ich mich denn wie von einer großen Last befreit, als diese Tätigkeit dadurch ein Ende fand, daß der damalige Besitzer der Wochenschrift mit dem Begründer derselben in einen Streit über den Kaufschilling verwickelt wurde.
[ 18 ] Doch brachte mich diese Tätigkeit in eine ziemlich enge Beziehung zu Persönlichkeiten, deren Tätigkeit auf die mannigfaltigsten Zweige des öffentlichen Lebens gerichtet war. Ich lernte Viktor Adler kennen, der damals der unbestrittene Führer der Sozialisten in Österreich war. In dem schmächtigen, anspruchslosen Mann steckte ein energischer Wille. Wenn er am Kaffeetisch sprach, hatte ich stets das Gefühl: der Inhalt dessen, was er sagte, sei unbedeutend, alltäglich, aber so spricht ein Wille, der durch nichts zu beugen ist. Ich lernte Pernerstorfer kennen, der sich in der Umwandlung vom deutschnationalen zum sozialistischen Parteigänger befand. Eine starke Persönlichkeit von umfassendem Wissen. Ein scharfer Kritiker der Schäden des öffentlichen Lebens. Er gab damals eine Monatsschrift «Deutsche Worte» heraus. Die war mir eine anregende Lektüre. In der Gesellschaft dieser Persönlichkeiten traf ich andere, die wissenschaftlich oder parteigemäß den Sozialismus zur Geltung bringen wollten. Durch sie wurde ich veranlaßt, mich mit Karl Marx, Friedrich Engels, Rodbertus und anderen sozial-ökonomischen Schriftstellern zu befassen. Ich konnte zu alledem ein inneres Verhältnis nicht gewinnen. Es war mir persönlich schmerzlich, davon sprechen zu hören, daß die materiell-ökonomischen Kräfte in der Geschichte der Menschheit die eigentliche Entwickelung tragen und das Geistige nur ein ideeller Überbau dieses «wahrhaft realen» Unterbaues sein sollte. Ich kannte die Wirklichkeit des Geistigen. Es waren die Behauptungen der theoretisierenden Sozialisten für mich das Augen-Verschließen vor der wahren Wirklichkeit.
[ 19 ] Und dabei ward mir doch klar, daß die «soziale Frage» selbst eine unbegrenzte Bedeutung habe. Es erschien mir aber als die Tragik der Zeit, daß sie behandelt wurde von Persönlichkeiten, die ganz von dem Materialismus der zeitgenössischen Zivilisation ergriffen waren. Ich hielt dafür, daß gerade diese Frage nur von einer geistgemäßen Weltauffassung richtig gestellt werden könne.
[ 20 ] So war ich denn als Siebenundzwanzigjähriger voller «Fragen» und «Rätsel» in bezug auf das äußere Leben der Menschheit, während sich mir das Wesen der Seele und deren Beziehung zur geistigen Welt in einer in sich geschlossenen Anschauung in immer bestimmteren Formen vor das Innere gestellt hatte. Ich konnte zunächst nur aus dieser Anschauung heraus geistig arbeiten. Und diese Arbeit nahm immer mehr die Richtung, die dann einige Jahre später mich zur Abfassung meiner «Philosophie der Freiheit» geführt hat.
Versions Available:
The Story of My Life 1928, tr. H. Collison
Chapter VIII
[ 1 ] During this time – about 1888 – I felt within me, on the one hand, the impulse to intense spiritual concentration; on the other hand, my life brought me into intercourse with a wide circle of acquaintances. Because of the interpretive introduction which I had to prepare for the second volume of Goethe's scientific writings, I felt an inner necessity to state my view of the spiritual world in a form of thought transparently clear. This required an inward withdrawal from all that bound me to the outer life. It was due in large measure to a certain circumstance that such a withdrawal was possible. I could at that time sit in a coffee-house, with the greatest excitement all around me, and yet be absolutely tranquil within, my thoughts concentrated upon the task of writing down in a rough draft that which later composed the introduction I have mentioned. In this way I led an inner life which had no relation whatever to the outer world, although my interests were still intimately bound up with that world.
[ 2 ] It was at this time that these interests were forced to turn to the critical phenomena then appearing in the external situation of things. Persons with whom I was in frequent relation were devoting their strength and their labour to the arrangements which were then coming to completion between the nationalities in Austria. Others were occupied with the social question. Still others were in the midst of a struggle for the rejuvenation of the artistic life of the nation. [ 3 ] When I was living inwardly in the spiritual world, I often had the feeling that the struggles toward all these objectives must play themselves out fruitlessly because they refused to enter into the spiritual forces of existence. The sense of these spiritual forces seemed to me the thing needed first of all. But I could find no clear consciousness of this in that sort of spiritual life which surrounded me.
[ 4 ] Just then Robert Hamerling's satiric epic Homunculus was published. In this a mirror was held before the times in which were reflected purposely caricatured images of its materialism, its interests centred on the outer life. A man who can live only in mechanistic, materialistic conceptions marries a woman whose nature lies, not in a real world, but in a world of fantasy. Hamerling desired to represent the two aspects in which civilization has become warped. On one side he perceived the utterly unspiritual struggle which conceives the world as a mechanism, and would shape human life mechanically; on the other side the soulless fantasy which cares not at all whether its make-believe spiritual life comes into any relation whatever to reality.
[ 5 ] The grotesque pictures drawn by Hamerling repelled many who had esteemed him for his earlier works. Even in delle Grazie's home, where Hamerling had enjoyed unmeasured admiration, there was a certain reserve after the appearance of this epic. [ 6 ] Upon me, however, the Homunculus made a deep impression. It showed, so I thought, those spiritually darkening forces which are dominant in modern civilization. I found in it a first warning to the time. But I had difficulty in establishing a relationship to Hamerling. And the appearance of the Homunculus at first increased this difficulty in my own mind.
In Hamerling I saw a person who was himself a special revelation of the times. I looked back to the period when Goethe and those who worked with him had brought idealism to a height worthy of humanity. I recognized the need to pass through the gateway of this idealism into the world of real spirit. To me this idealism seemed the noble shadow, not cast into man's soul by the sense-world, but falling into his inner being from a spiritual world, and creating the obligation to go forward from this shadow to the world which has cast it.
[ 7 ] I loved Hamerling who had painted these idealistic reflections in such mighty pictures. But it gave me deep distress to have him remain at that stage – that his look was directed backward to the reflections of a spirituality destroyed by materialism rather than forward to the spiritual world now breaking through in a new form. [ 8 ] Yet the Homunculus strongly attracted me. Though it did not show how man enters into the spiritual world, still it indicated the pass to which men come when they restrict themselves to the unspiritual. My interest in the Homunculus happened at a time when I was thinking over the problem of the nature of artistic creation and of beauty. What was then passing through my mind is recorded in the pamphlet Goethe als Vater einer neuen Aesthetik1Goethe as the Founder of a New Science of Aesthetics. which reproduces a paper that I had read at the Goethe Society in Vienna. I desired to discover the reasons why the idealism of a bold philosophy, such as had spoken so impressively in Fichte and Hegel, had nevertheless failed to penetrate to the living spirit. One of the ways by which I sought to discover these causes was my reflection over the errors of a merely idealistic philosophy in the sphere of aesthetics. Hegel and those who thought in his way found the content of art in the appearance of the “idea” in the sense-world. When the “idea” appears in the stuff of the senses, it is manifest as the beautiful. This was their opinion. But the succeeding period refused to recognize any reality in the “idea.” Since the idea of the idealistic world-conception, as this lived in the consciousness of the idealists, did not point to a world of spirit, it could therefore not maintain itself with the successors of these idealists as something possessing reality. Thus arose the “realistic” aesthetics, which saw in the work of art, not the appearance of the idea in a sense-form, but only the sense-image which, because of the needs of human nature, takes on in the work of art an unreal form.
I desired to see as the reality in a work of art the same thing which appears to the senses. But the way which the true artist takes in his creative work appeared to me as a way leading to real spirit. He begins with that which is perceptible to the senses, but he transforms this. In this transformation he is not guided by a merely subjective impulse, but he seeks to give to the sensibly apparent a form which reveals it as if the spirit itself were there present. Not the appearance of the idea in the sense-form is the beautiful, so I said to myself, but the representation of the sensible in the form of the spirit. Thus I saw in the existence of art the entrance of the world of spirit within the world of sense. The true artist yields himself more or less consciously to the spirit. And it is only necessary – so I then said to myself over and over again – to metamorphose the powers of the soul, which in the case of the artist work upon matter, to a pure spiritual perception free of the senses in order to penetrate into a knowledge of the spiritual world.
[ 9 ] At that time, true knowledge, the manifestation of the spiritual in art, and the moral will in man became in my thought the members which unite to form a single whole. I could not but recognize in the human personality a central point at which these are bound in the most immediate unity with the primal being of the world. It is from this central point that the will takes its rise. If the clear light of the spirit shines at this central point, then the will is free. Man is then acting in harmony with the spiritual nature of the world, which creates, not by reason of necessity, but in the evolution of its own nature. At this central point in man the motives of action arise, not out of obscure impulses, but from intuitions which are just as transparent in character as the most transparent thought. In this way I desired by means of a conception of the freedom of the will to find that spirit through which man exists as an individual in the world. By means of an experience of true beauty I desired to find the spirit which works in man when he so labours through the sensible as to express his own being, not merely spiritually as a free spirit, but in such a way that this spiritual being of his flows forth into the world, which is indeed of the spirit but does not directly manifest it. Through a perception of the true I desired to experience the spirit which manifests itself in its own being, whose spiritual reflection is moral conduct, and toward which creative art strives in the shaping of sensible form.
[ 10 ] A “philosophy of freedom,” a living vision of the sense world thirsting for the spirit and striving toward it through beauty, a spiritual vision of the living world of truth hovered before my mind.
[ 11 ] This was in the year 1888, just at the time when I was introduced into the home of the Protestant pastor, Alfred Formey, in Vienna. Once a week a group of artists and writers used to gather there. Alfred Formey himself had come out as a poet. Fritz Lemmermayer, speaking out of a friendly heart, described him thus: “Warm-hearted, intimate in his feeling for nature, enthusiastic, almost drunk with faith in God and blessedness, so does Alfred Formey write verse in mellow resounding harmonies. It is as if his tread did not rest upon the hard earth, but as if he mused and dreamed high in the clouds.” Such was Alfred Formey also as a man. One felt quite borne away from the earth, when one entered the rectory, and found at first only the host and hostess. The pastor was of a childlike piety; but this piety passed over in its warm disposition in the most obvious way into a lyric mood. One was, as it were, surrounded by an atmosphere of good-heartedness as soon as Formey had spoken a few words. The lady of the house had exchanged the theatre for the rectory. No one would, ever have discovered the former actress in the lovable wife of the pastor entertaining her guests with such delightful charm. Into the mood of this rectory, so other-worldly, the guests now brought “the world” from all directions of the spiritual compass. There from time to time appeared the widow of Friedrich Hebbel. Her appearance was always the signal for a festival. In high old age she developed a sort of art of declamation which took possession of one's heart with an inner fascination, and completely captivated one's artistic sensibilities. And when Christine Hebbel told a story, the whole room was permeated with the warmth of the soul. At these Formey evenings I became acquainted also with the actress Wilborn. An interesting person with a brilliant voice in declamation. Lenau's Drei Zigeuner2Three Gipsies. which one could hear from her lips with constantly renewed pleasure. It soon came about that the group which had assembled at the home of Formey would from time to time gather also at that of Frau Wilborn. But how different it was there! Fond of the world, lovers of life, thirsty for humour – such were then the same persons who at the rectory remained serious even when the “Vienna People's Poet,” Friederich Schlögel, read aloud his boisterous drolleries. He had, for instance, written a “skit” when the practice of cremation had been introduced among a small circle of the Viennese. In this he told how a husband who had loved his wife in a somewhat “coarse” manner had always shouted to her whenever anything did not please him: “Old woman, off to the crematorium.” At Formey's such things would call forth remarks which formed a sort of episode in cultural history throughout Vienna; at Wilborn's people laughed till the chairs rattled. At Wilborn's Formey looked like a man of the world; Wilborn at Formey's like an abbess. One could pursue the most penetrating reflections upon the metamorphosis of human beings even to the point of the facial expression.
[ 12 ] To Formey's came also Emilie Mataja, who, under the name of Emil Marriot, wrote her romances marked by penetrating observation of life: a fascinating personality, who in the manner of her life revealed the cruelties of human existence clearly, with genius, and often charmingly. An artist who knew how to represent life when it mingles its riddles with everyday affairs, where it hurls the tragedy of fate ruinously among men.
[ 13 ] We often had the opportunity to hear also the four women artists of the Austrian Tschamper quartette; there Fritz Lemmermayer melodramatically recited Hebbel's Heideknabe, to a fiery piano accompaniment by Alfred Stross.
[ 14 ] I loved this rectory, where one could find so much warmth. There the noblest humanity was actively manifest.
[ 15 ] At the same period I realized that I must busy myself in a more serious manner with the situation of public affairs in Austria. For during a brief period in 1888 I was entrusted with the editorship of the Deutsche Wochenschrift.3The German Weekly. This journal had been founded by the historian, Heinrich Friedjung. My brief editorial experience came during a time when the interrelationships between the races in Austria had reached a specially tense condition. It was not easy for me to write each week an article on public affairs; for at bottom I was at the farthest possible remove from all partisan conceptions of life. What interested me was the evolution of culture in the progress of humanity. And I had so to handle the point of view resulting from this fact that the complete justification of this view should not cause my article to seem the product of a person alien to the world. Besides, it happened that the “educational reform” then being introduced into Austria, especially by Minister Gautsch, seemed to me injurious to the interests of culture. In this field my comments seemed questionable to Schröer, who always felt a strong sympathy for partisan points of view. I praised the very suitable plans which the Catholic clerical Minister, Leo Thun, had brought about in the Austrian Gymnasium as early as the fifties, as opposed to the measures of Gautsch. When Schröer had read my article, he said, “Do you wish, then, to have again a clerical educational policy for Austria?”
[ 16 ] This editorial activity, though brief, was for me very important. It turned my attention to the style in which public affairs were then discussed in Austria. To me this style was intensely antipathetic. Even in discussing such situations I desired to bring in something which should be marked by its comprehensive relation to the great spiritual and human objectives. This I missed in the style of the daily paper in those days. How to bring this characteristic into play was then my daily care. And it had to be a care, for at that time I did not possess the power which a rich life experience in this field would have given me. At bottom I was quite unprepared for this editorial work. I thought I could see whither we ought to steer in the most varied departments of life; but I had not the formulae so systematized as to be enlightening to newspaper readers. So the preparation of each week's issue was a difficult struggle for me.
[ 17 ] Thus I felt as if I had been relieved of a great burden when this activity came to an end through the fact that the owner of the paper got into a controversy with the founder over the question of the price at which the property had been sold.
[ 18 ] Yet this work brought me into a rather close relationship with persons whose activities had to do with the most diverse phases of public life. I became acquainted with Victor Adler, who was then the undisputed leader of the Socialists in Austria. In this slender, unassuming man, there resided an energetic will. When he talked over a cup of coffee I always had the feeling: “The content of what he says is unimportant, commonplace, but his way of speaking marks a will which can never be bent.” I became acquainted with Pernerstorffer, who was then changing over from the German National to the Socialist camp. A strong personality possessed of comprehensive knowledge. A keen critic of misconduct in public life. He was then editing a monthly, Deutsche Worte. I found this stimulating reading. In company with these persons I met with others who either for scientific or for partisan reasons were advocates of Socialism. Through these I was led to take up Karl Marx, Friedrich Engels, Rodbertus, and other writers on social economics. To none of these could I gain any inner relationship. It was a personal distress to me to hear men say that the material economic forces in human history carried forward man's real evolution, and that the spiritual was only an ideal superstructure over this sub-structure of the “truly real.” I knew the reality of the spiritual. The assertions of the theorizing Socialists meant to me the closing of men's eyes to true reality.
[ 19 ] In this connection, however, it became clear to me that the “social question” itself had an immeasurable importance. But it seemed to me the tragedy of the times that this question was treated by persons who were wholly possessed by the materialism of contemporary civilization. It was my conviction that just this question was one which could be rightly put only from the point of view of a spiritual world-conception.
[ 20 ] Thus as a young man of twenty-seven years I was filled with “questions” and “riddles” concerning the outer life of humanity, while the nature of the soul and its relationships to the spiritual world had taken on, in a self-contained conception, a more and more definite form within me. At first I could work only in a spiritual way from this perception And this work took on more and more the direction which some years later led me to the conception of my Philosophy of Spiritual Activity.
