Antike Mysterien und Christentum
GA 87
23 November 1901, Berlin
6. Das Verhältnis des Seelischen und Geistigen: Zur Körperwelt bei den Pythagoreern
[Sehr verehrte Anwesende!]
[ 1 ] Es obliegt mir heute noch, über das Verhältnis des Seelischen und Geistigen zur Körperwelt bei den Pythagoreern zu sprechen. Ich habe bis jetzt vorzugsweise über die Organisation des Universums bei den Pythagoreern gesprochen und möchte heute noch hinzufügen dasjenige, was wir von den Pythagoreern wissen können über die Vorstellungen von der Seele, vom Geiste und von ihren Beziehungen des Geistigen und Seelischen zur Körperwelt.
[ 2 ] Geschichtlich wissen wir von dem Pythagoreismus auf diesem Gebiete nicht bloß aus spärlichen Nachrichten, die wir von den Pythagoreern haben, sondern wir wissen noch viel Genaueres aus den Platonischen Gesprächen! Ein großer Teil dessen, was Platon verarbeitet hat, stammt aus dem Pythagoreismus. Platon ist bei den Pythagoreern in die Schule gegangen und hat einen großen Teil seiner Lehren aus dem Pythagoreismus gesogen.
[ 3 ] So richtig verstehen aber wird man die Lehren des Pythagoreismus doch nur, wenn man von gewissen Vorstellungen — die man ja zu allen Zeiten gewinnen kann - und von gewissen Verhältnissen des Geistigen [zum] Körperlichen ausgeht und darnach fragt: Wie verhalten sich die Anschauungen der Pythagoreer zu diesen, wie nehmen sie sich diesen gegenüber aus? Die Pythagoreer haben die tiefste Versenkung gehabt in das menschliche Ich! Sie haben eine Anschauung übertragen auf ihre Schüler, die das menschliche Selbst so weit erfasst hat, als es gefasst werden muss, wenn es übergreifen soll auf die materielle Welt.
[ 4 ] Auf einer gewissen Stufe hört das Materielle auf, eine Bedeutung zu haben; auch Raum und Zeit hören auf. Bilder sind mit allen Eigenschaften der sinnlichen Natur behaftet. Wenn wir weiter aufsteigen und uns diese Bilder geistiger und geistiger vorstellen, dann kommen wir immer näher dem Geistigen - nicht insofern, als es räumlich und zeitlich ist, sondern nur insofern, als es ewig ist. Diese Anschauung, dass den Dingen ein Wesen zugrunde liegt, das zu allen Zeiten dasselbe ist, gleichgültig ob wir dieses oder jenes Ding betrachten, haben die Pythagoreer gehabt. Zu dieser Anschauung haben sie sich emporgeschwungen, nicht bloß zu der Anschauung des Begrifflichen, sondern tatsächlich bis zur Anschauung des Einen haben sie sich emporgeschwungen. Sie haben gerade durch die Art und Weise ihrer Ausgestaltung der Zahlenlehre gezeigt, dass sie in der großen Harmonie nichts anderes sahen als die Verkörperungen einer Gottheit im Weltenall.
[ 5 ] Die Pythagoreer waren beeinflusst durch die ägyptischen Anschauungen. Dieses Ägyptische zeigt uns symbolisch die Anschauung, dass der «Nous in allem lebt. Bei den Ägyptern treten Symbole in der Erkenntnis auf, die wir auch bei den Pythagoreern finden. Diese Symbole zu verkennen ist bei den Ägyptern gar nicht möglich. Wenn man glaubt, sie nur oberflächlich betrachten zu können, so wird man finden, dass sie nicht zu verstehen sind. Sie sind nur zu verstehen, wenn man sie in einer tieferen Weise auslegt. Wir werden dies noch näher ins Auge fassen bei der Betrachtung der platonischen Ideenwelt.
[ 6 ] Ich muss darauf aufmerksam machen, um aufgrund derselben mich über den Pythagoreismus und seine Seelenlehre leichter verständlich machen zu können.
[ 7 ] Die Lehre von Osiris habe ich schon angedeutet. Wir treffen in dieser Sage den Osiris, welcher von einer feindlichen Gewalt, die Typhon genannt wird, zerstückelt und im Weltall zerstreut wird; und die Isis, eine weibliche Gottheit, fügt die Trümmer des Osiris wieder zusammen. Diese sind dann der Mensch.
[ 8 ] Außerdem schließt sich hier eine zweite ägyptische Sage an, wonach der jüngere Gott Horus von der Isis nach dem Tode des Osiris geboren wird. Diese Anschauungen weisen nach den Nachrichten, Sagen und Geschichten darauf hin, dass die Ägypter in dieser Sage symbolisch die Anschauung ausgedrückt haben, dass das All ausgeflossen ist in die Erscheinungswelt, in die Welt, die uns entgegentritt. Und der zerstückelte Gott ist der All-Geist, welcher sich für die Ägypter aufgelöst hat in die vier Elemente: Wasser, Feuer, Luft und Erde, sie wieder vereinigt und bindet, und die verschiedenen Zahlenverhältnisse bei der Mischung der Stoffe bewirkt.
[ 9 ] Das ist dann in die griechische Anschauung übergegangen. Wir treffen es dann in der Form, dass Liebe und Hass die Welt zusammenhalten. Das sind die Gedankenpotenzen von Osiris, Isis, Typhon. Osiris lebt nur in den vier Elementen weiter, welche als «Osiris vorgestellt werden. Es ist der Hass, welcher die Elemente zwingt, als Mannigfaltigkeit nebeneinander zu liegen, und die Liebe, welche die Zersplitterung wieder in die Einheit zurückführen will.
[ 10 ] So haben wir auch den Göttergedanken bei den Griechen zur Anschauung gebracht. Das Symbol können wir auch finden, wenn wir einen ägyptischen Obelisken anschauen. Derselbe ist vierseitig und läuft zusammen in einer Spitze. Dies bedeutet die vier Elemente, welche die harmonische Einheit der Welt ausmachen. Der Obelisk ist geziert mit dem Bilde des Käfers, welcher eine Kugel dreht, oder mit dem Bilde eines Widders, der eine Kugel [auf dem Kopf trägt]. Wir wissen, dass die Ägypter sich unter der Kugel jene All-Einheit dachten.
[ 11 ] Nun ist aber bei dieser Vorstellung eines festzuhalten: Nur dann ist der Pythagoreismus vollständig zu verstehen - soweit er Weltanschauung ist —, wenn ihm zugrunde liegt die Vorstellung, dass Osiris tatsächlich sich aufgelöst hat in die vier Elemente, dass er kein Sonderdasein mehr führt. Durch die Auseinanderzerrung der Kräfte ist Osiris in die Elemente gespalten worden, in die in der Außenwelt existierenden Elemente.
[ 12 ] Der Pythagoreer war sich also klar darüber, wenn er auf der Suche war nach Osiris, auf dem Wege, Gott zu erkennen, dass er diesen Gott nicht außerhalb der Welt in einem «Ding an sich» suchen musste, sondern da, wo er einzig zu finden war, in der Welt als solcher. Er war sich klar darüber, dass Gott in der Welt ist. Daher betrachtete der Pythagoreer die Welt nicht als Schöpfung Gottes, sondern als das Dasein Gottes. Wer in der Welt lebt, der lebt in Gott! Der Pythagoreer hat Gott nur innerhalb der Welt gesucht. Daher ist der Pythagoreismus eine Lehre, die sich mit der Welt und ihren Verhältnissen beschäftigt. Es ist interessant, wie sie einigen Zahlenverhältnissen griechische Götternamen beilegten.
[ 13 ] Wir sehen daran also, dass das, was die Griechen als Götterbilder darstellten, die Pythagoreer in den Zahlen darstellten, die für [sie] die Welt zusammenhielten.
[ 14 ] Der Pythagoreismus erscheint als höchste Ausprägung dessen, was in der Welt vorhanden war. So wie die Pythagoreer sich die Welt vorstellten als den Zusammenfluss der vier Elemente, so stellten sie sich auch den Menschen vor. Es war so, dass für die Pythagoreer der Mensch nichts anderes war als der harmonischste Zusammenklang der vier Elemente. Unter «Elementen [stellten sie] sich nicht grobe Stoffe, sondern Potenzen vor! Es war nicht ein stoffliches Zusammenwirken, sondern etwas Ähnliches wie das, was [sie] sich unter der «Harmonie in der Musik [vorstellten]. So war auch das, was in der menschlichen Seele erscheint, am besten ausgedrückt in der Harmonie, welche durch die Leier hervorgebracht wird. Es tritt daher die Seele immer in der Gestalt des Symbols der Leier hervor, welche gleichsam aus den Elementen zusammengesetzt ist.
[ 15 ] In der menschlichen Organik unterschieden sie dreierlei. Sie waren sich klar darüber, dass der Mensch Sehnsucht hat, zu dem wieder zurückzukehren, von dem er ursprünglich stammt. Sie waren sich klar, dass der Mensch nichts anderes war als eine Inkarnation des Osiris, eine Inkarnation der Gottheit, welche in die Welt ausgeflossen ist. Das war es, was sich ihnen in der Anschauung der Welt ergab, und von dem sie überzeugt waren, dass es in jeglichem Menschen dasselbe war, dass es überhaupt in jeglichem Wesen dasselbe war.
[ 16 ] Wer die Anschauung in seinem Bewusstsein entwickeln konnte, der sah die Welt als ein Ganzes - indem er sich sah. Das Universum erweiterte sich innerhalb des Ich zur Selbstheit, und das Ich wurde Universum! Aber der Mensch konnte das nur als Einzelwesen durchmachen. Der Mensch ist nur dadurch Mensch, dass er diesen Drang, diese Hinneigung nach dem Osiris hat, und dass er diese Kraft nur insofern hat, als er mit der ganzen materiellen Welt in einer Kraftverbindung steht. Daher unterschied der Pythagoreer zuerst die eigentliche Osiris-Natur im Menschen und im All, das All-Ich, das als ein Einziges im Weltall vorhanden war, und als ein Zweites einen Teil der Mannigfaltigkeit, den körperlichen Menschen, einen Teil des nur sinnlich-physischen Menschen, welcher entsteht und vergeht und welcher durch die Sinne beobachtet werden kann. Es stellt sich der Mensch dar als Sinnenwesen, für sich selbst und für andere wahrnehmbar, und dann noch als Wesen, welches rein von innen geschaut wird, welches nichts anderes ist als ein Abglanz des Lichtes, welches aus der Gottheit herabgeflossen ist.
[ 17 ] Nun musste der Pythagoreer zu der Anschauung kommen, dass diese beiden einander gegenüberstehenden Dinge sich so verhalten wie alle anderen Zweiheiten bei den Pythagoreern, dass also alles auseinandertritt in eine Zweiheit. In allem unterscheiden sie eine Zweiheit, so auch im Menschen. Die verschiedensten Zweiheiten, die die Pythagoreer in der Welt hatten, könnte ich anführen. Überall suchten sie sie auf, überall suchten sie eine Art von Polarität: Das war das «Begrenzte und «Unbegrenzte, das «Gerade und das «Ungerade, das «Gute und das «Böse, das «Quadrav und der «Würfeb, das «Rechteck» und die «Säule und so weiter. So unterschieden sie überall, in jeder geistigen und physischen Identität eine Zweiheit. Nun wird es beim Menschen nicht geistig und körperlich, sondern so, wie ich es geschildert habe. Bleiben wir dabei, wie ich es geschildert habe. Diese Zweiheit braucht eine Verbindung, und diese Verbindung ist der dritte Teil, aus dem die Pythagoreer das menschliche Wesen zusammensetzten. Dieses Dritte ist das, was in der griechischen Weltanschauung und von allen späteren Weltanschauungen «Seele genannt wird. Dieses Dritte ist eine Verbindung der geistigen Allheit, All-Einheit auf der einen Seite mit der Mannigfaltigkeit, der Materialität auf der anderen Seite, sodass wir drei Teile haben: die Geistigkeit, die Materialität und als das Dritte die Seele. Auf der einen Seite ist das Materielle, und auf der anderen Seite ist die höchste Geistigkeit. Das ist es, was mit der anderen, der dritten Seite zusammen die einzigartige menschliche Persönlichkeit ausmacht.
[ 18 ] Die menschliche Persönlichkeit ist also nur dadurch für die Pythagoreer vorhanden, dass der einheitliche Geist mit Hilfe der Seele zusammenhängt mit der Mannigfaltigkeit der Materialität. Der Mensch entdeckt in sich die Seele und hat ein Anrecht auf Geistigkeit, wenn er nach der Sphäre der Geistigkeit seinen Blick richtet, wenn er also auf der einen Seite der materiellen Welt angehört und auf der anderen Seite Bewohner der geistigen Welt ist, mit der er sich verbinden soll. So ist also der Mensch bei den Pythagoreern in drei Potenzen geschieden:
1. in das, was ihn zur Einzelheit macht;
2. in das, an was er sich hingibt;
3. in das, was ihn befreit von der Einzelheit.
[ 19 ] Sie unterscheiden das, was dem einzelnen Menschen angehört, welches hinaufleuchtet nach dem Geistigen, welches aber zu gleicher Zeit auch hinunterleuchtet nach dem Körperlichen. Also das, was der Pythagoreer als das Dritte anerkennt, das vermittelt zwischen dem göttlichen und dem materiellen Prinzip.
[ 20 ] Es ist also nicht nur der Osiris inkarniert, sondern noch etwas, das der Einzelheit näher steht als der Osiris als solcher. Es wird also etwas reinkarniert, das zwischen der Persönlichkeit - zu der die Sinnlichkeit gehört - und der Geistigkeit ist - zu der die Sinnlichkeit nicht mehr gehört -, etwas, das teilnimmt an der Welt und das zu gleicher Zeit Einzelheit und Allheit ist!
[ 21 ] Dieses im Menschen [inkarnierte Etwas] macht dasjenige aus, was die einheitliche Osiris-Natur, die Individualität ist, die hier unten individualisiert zu der Persönlichkeit - was nicht dasselbe ist für die Pythagoreer -, und das durch die Vermittlung der Persönlichkeit mit Osiris eine Einheit ausmacht. Diese Individualität lebt sich nicht ganz aus in der Persönlichkeit, sodass diese etwas in sich finden wird, wenn sie in sich innerlich Umschau hält und ihr Bewusstsein ausmisst, wo sie sich sagen muss: Das gehört nicht dem Stück an, in dem ich inkarniert bin; dieses individualisierte Stück ist es, welches ist der Einzelne.
Daher ist in der menschlichen Natur dreierlei verbunden:
1. die persönliche Einzelheit;
2. die über die Persönlichkeit hinausgreifende geistige Substanzialität;
3. das Licht des Osiris, der Einheit, die im All lebt, und die nur dadurch leben kann, dass zwischen den anderen Gliedern die Individualität dazwischensteht.
[ 22 ] Diese Individualität ist nicht nur verknüpft mit der einzelnen Ausprägung der Persönlichkeit, sondern bedeutet mehr als die einzelne Persönlichkeit. Das, was in der Individualität gefunden werden kann, deckt sich nicht mit dem, was in der einzelnen Persönlichkeit gefunden werden kann.
[ 23 ] Es wird der Anhänger des Pythagoreismus, wenn er Umschau hält, um dies zu erklären, im Bewusstsein nicht stehen bleiben dürfen bei der Persönlichkeit, sondern er wird übergreifen müssen zu anderen Individualitäten. Er wird innerhalb seiner einzelnen Persönlichkeit nicht alles das finden können, was als Wesen in der Persönlichkeit lebt. Er wird finden: Der Mensch ist aus sich selbst nicht erklärbar. Nur dann, wenn er gegenüber der Einzelheit, der Persönlichkeit - gleichgültig wie metaphysisch aufgefasst - annimmt, dass die Individualität bleiben kann, sich inkarnieren kann in anderen Einzelheiten, sodass für die Individualität eine Reihe von Entwicklungsstufen, eine Reihe solcher Persönlichkeiten in Betracht kommt, wird er die Erklärung finden. Und hier haben Sie auch die Form, welche bei den Pythagoreern der [Reinkarnationsgedanke] erhalten hat.
[ 24 ] In der zweiten Potenz haben die Pythagoreer die Seele als eine einzelne Persönlichkeit übergreifend erkannt, und sie haben erkannt, dass mehr hineingeht als das einzelne Gefäß, die einzelne Persönlichkeit, sodass wir daher von einer Vorexistenz dessen, was als Individualität sich auslebt in der Einzelpersönlichkeit, sprechen dürfen.
[ 25 ] Diese Lehre hat auch Platon ausgeführt in seinen Gesprächen. Er hat darin Sokrates zum Lehrer gemacht, und wir dürfen uns vorstellen, dass Platon deshalb seine Lehren in Gesprächsform gebracht und Sokrates zum Lehrer gemacht hat, um zu zeigen, wie allmählich ein Schüler nach und nach zum Höchsten hinaufgeführt werden kann.
[ 26 ] Wenn wir den Werdegang eines Pythagoreers uns vorstellen wollen, so können wir das Gespräch über den Werdegang der Seele, «Phaidon», zur Hand nehmen. Der «Phaidon» ist nicht als ein exoterisches Gespräch, sondern als ein Symbolum für den pythagoreischen Unterricht aufzufassen. Das beweist klar eine Stelle im Eingang.
[ 27 ] Über den geschichtlichen Sokrates sind wir wenig unterrichtet, und das, was falsch ist im äußerlichen, handgreiflichen Sinne, das können wir füglich weglassen. Wir dürfen daher, wenn Platon ein besonderes Gewicht auf äußere Tatsachen legt und solche mitteilt, wie dies gerade beim «Phaidon» der Fall ist, wo er uns erzählt, dass die Reichung des Schierlingsbechers verzögert wird, weil ein gewisses Schiff nach Delos fährt, wir müssen daher in dieser Mitteilung etwas Besonderes sehen. Wir können aus der Geschichte sehen, dass man in Griechenland gezwungen ist, eine Zeit lang dem König Minos sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen zu schicken. Von dieser Plage wurde man befreit durch Theseus dadurch, dass er den Minotaurus erlegte. Als Dank dafür sandten die Griechen zu gewissen Zeiten ein Schiff nach Delos zur Darbringung von Opfergaben [für Apollon]. Während dieser Zeit durfte niemand hingerichtet werden. Die Verurteilung des Sokrates fiel gerade in diese Zeit, und es musste daher gewartet werden. Diese Tatsache wurde uns am Anfange des «Phaidon» erzählt. Sie steht nicht zufällig am Anfang. Das hat eine bestimmte Bedeutung. Es ist gerade wie bei den Ägyptern. Wenn wir da eine Sphinx stehen sehen, so bedeutet das, dass wir uns nicht darauf beschränken dürfen, uns mit der einfachen Beschreibung zufriedenzugeben, sondern dass wir hinter derselben tiefere Wahrheiten suchen sollen.
[ 28 ] Eine solche Andeutung ist auch diese Erzählung am Anfang des Platonischen «Phaidon». Sie weist stets darauf hin, dass wir darunter etwas zu suchen haben. Die Theseus-Sage ist ein Symbol dafür, dass, nachdem Theseus von gewissen Leidenschaften, von gewissen Zusammenhängen mit der Materialität befreit war, also eine gewisse Entwicklung durchgemacht hatte, diese Opfergabe, die die anderen der Sinnlichkeit zu bringen hatten, nicht mehr zu bringen brauchte. Erst nachdem er diese Opfer nicht mehr zu bringen brauchte, hat er eine gewisse Stufe der Entwicklung erreicht. Dieses drückt sich in der Überwindung des Minotaurus aus. Das ist symbolisch.
[ 29 ] Wir haben es also hier mit der Darstellung des pythagoreischen Unterrichtes zu tun. Dass Sokrates den Tod den Tatsachen gemäß überwand, soll ein Symbol dafür sein, was und wie der Pythagorcer überwinden muss in der Stufenfolge seines Unterrichtes. So sehen wir auch, dass der Pythagoreer die Seele als etwas über die Einzelheit Hinausgreifendes auffasst und dass er dadurch die Schüler hinüberführt zu einer geistigen Auffassung der Welt.
[ 30 ] Die Hinaufführung zur geistigen Individualität stellt uns der «Phaidon» dar. Eingeleitet wird dies durch die Sage von Theseus, der sich herausfand aus dem Labyrinth. Das Labyrinth stellt uns dar den Weg, den die einzelne Persönlichkeit durchzumachen hat, um wieder zum Lichte des Osiris zu finden. Hier treffen wir also auf die Seelenlehre des Pythagoreismus. Wir dürfen annehmen, dass wir hier die Seelenlehre des Pythagoreismus in einer Gestalt gegeben haben, wie [Platon] glaubte, sie gewissen eingeweihten Schülern schon mitteilen zu können.
[ 31 ] Das Wesen wird entwickelt und zunächst gezeigt durch allerlei Erwägungen, dass das Wesen der Seele etwas ist, was über das Materielle hinausgeht, was mit dem Materiellen als solchem nichts mehr zu tun hat.
[ 32 ] Auf die verschiedenste Weise wird dieses Seelenproblem im «Phaidon» gelöst. Zunächst wird ausgegangen von der Sinnenwelt, die im ewigen Werden ist. Jegliches Wesen entwickelt sich aus dem, was es nicht ist. So auch geht der Tod aus dem Leben und das Leben aus dem Tod hervor, sodass wir es mit dem Wechsel von Tod und Leben zu tun haben. Das ist aber nur die unterste Stufe.
[ 33 ] Nun tritt hier im Gespräche ein Pythagoreer auf, welcher sein Bild von der Leier vorbringt mit ihren Saiten. [...]. Sokrates findet, dass wir [es] nicht mit der Harmonie vergleichen können. Die Saiten sind zuerst da. Die Harmonie liegt aber nicht in den Saiten als solchen, sondern im Zusammenklang der Saiten, in etwas, was aus den Saiten erst hervorgeht. Und nun erhebt sich Sokrates bis zu einer Geistigkeit, die nicht mehr an Körperlichkeit gebunden ist. Sokrates führt hinauf: Ich habe mich umgesehen in allen Wissenschaften, bei allen Philosophen. Wenn ich sage: Ich habe gesehen, oder: Ich gehe, so fragt man überall: Warum? Und als Antwort hört man: Ich habe, weil ..., ich gehe, weil ... Überall werden mir nur die Ursachen gesagt. Das hat mich niemals befriedigt. Das Ding ist lange nicht erklärt, wenn wir diese Ursache kennen.
[ 34 ] Nun gebraucht Sokrates einen feinen Vergleich, mit dem er klarmachen will, dass mit der Angabe der Ursache ein Ding noch nicht erklärt ist. Er sagt: Ich sitze hier im Kerker. Die Athener haben mich dazu verurteilt. Ich erwarte den Tod, weil ich nicht entfliehen wollte.
[ 35 ] Was würde da also der Naturforscher sagen? Er würde alle die Ursachen angeben. Wie aber, wenn Sokrates geflohen wäre? Dann würde [der Naturforscher] ebenso die Ursachen da finden können; überall kann man Ursachen angeben, Ursachen sammeln. Sie sind wahr, aber es ist damit nichts erklärt. Wäre er geflohen, so wären auch Ursachen da. Sitze ich hier, so sind auch die Ursachen da. Es muss also etwas da sein, was übergreift über das rein natürliche Dasein. Das ist das, was nicht identisch ist mit dem, was mit den natürlichen Ursachen gefasst werden kann, nichts gemein hat mit dem Natürlichen, sondern mit der Welt, die über den natürlichen Tatsachen steht; was sich zwar ausprägt in der Welt der Ursachen, was aber über der Welt der Ursachen steht.
[ 36 ] So sucht er begreiflich zu machen in Worten das, was sich ihm in der Welt der Ursächlichkeit inkarniert und innerhalb der Welt der Ursächlichkeit sich ausprägt.
[ 37 ] Nun müssen wir fragen: Diese Anschauungsweise in der griechischen Welt - die Ursächlichkeit verkettet die natürliche Welt, in der das Seelische nicht aufgeht -, wie ist sie in der Naturwissenschaft der Griechen zu begründen gewesen? Mir erscheint es wichtig, ob eine solche Sache vor unserer heutigen Erkenntnis bestehen kann. Wir müssen darauf aufmerksam machen, dass die Naturwissenschaft sich zu einer Geistigkeit durchringt, um eine Weltanschauung aus sich selbst heraus zu gebären. Dass die Geistigkeit nicht erschöpft werden kann in der Welt der Ursachen, das kann schon durch die Naturwissenschaft bewiesen werden. Es kann bewiesen werden, dass die Körperlichkeit, in der wir jetzt leben, eingeschlossen ist in ganz [bestimmte Grenzen], dass es ein begrenztes Ding ist, und dass das schon eine gewisse Bedeutung hat.
[ 38 ] Ich will Ihnen zeigen, wie die Naturwissenschaft heute schon zeigen kann, dass die Körperlichkeit eine Grenze hat, dass das Geistige über diese Körperlichkeit hinausragen muss, dass es in dieser Körperlichkeit nur inkarniert ist, sodass also die Körperlichkeit etwas ist, was den Geist nicht umspannen kann. Das scheint mir etwas zu sein, was allerdings betont werden muss. Die moderne Weltanschauung hat dazu geführt, die Welt nicht mehr so anzusehen, als ob sie ein zufälliges Gefüge von Dingen wäre, sie hat dazu geführt, in den einzelnen Kräften der Welt Umformungen der Urkraft zu sehen. Wir sagen nicht mehr: In der Elektrizität, in der Wärme, im Magnetismus, im Druck und so weiter ist mechanische Arbeit vorhanden, sondern wir fassen alles dies auf als Formen einer einzigen Urkraft. Wir sagen uns heute, wenn wir eine mechanische Kraft anwenden, zum Beispiel einen Druck auf den Tisch ausüben, so wird die Stelle des Tisches erwärmt. Diese Wärme ist durch Druck entstanden. Wir haben heute die Auffassung, dass die Kraft, die die Lokomotive vorwärtsdrängt, nichts anderes ist als die Kraft des Dampfes, und diese wieder nichts anderes als die Kraft der Kohlen und so weiter. Wir haben also da eine stetige Verwandlung. Wenn wir ein Zimmer heizen, so heizen wir mit dem, was vor einer Unzahl von Jahren als chemische Kräfte sich aufgespeichert hat. Die Pflanzen haben sich in dichtere Materie verwandelt, dann in die chemischen Kräfte der Kohlen. Die verwandeln sich wieder in Wärme. Dasjenige, womit wir heute unser Zimrner heizen, ist also das, was vor Millionen von Jahren von der Sonne gekommen ist. Wir haben es also schon in der Physik mit einer fortwährenden Verwandlung der Kräfte zu tun. Was genau stimmt, ist der Zusammenhang von Wärme- und mechanischer Arbeitskraft. Die Wärme wird in mechanische Arbeitskraft umgewandelt, um etwas vorwärtszubringen. Das, was im Dampfkessel vorgeht, ist genau dasselbe, was den Zug vorwärtsbewegt. Die Wärme verwandelt sich in mechanische Arbeit. Dies geschieht dadurch, dass die Wärme verloren geht, dass sie nicht mehr vorhanden ist. Diese Wärme, die umgewandelt worden ist, ist verschwunden, hat sich in etwas anderes verwandelt. Diesen Prozess sehen wir überall im Weltenall.
[ 39 ] Vor fünfzig Jahren hat man noch gesagt: Die Sonnenwärme verwandelt sich in chemische Kraft, chemische Kraft in mechanische Arbeit und so weiter. So können wir uns vorstellen, dass sich das eine in das andere verwandelt, dass sich der Kreislauf der Kräfte bildet. Dadurch entsteht eine Ewigkeit der materiellen Welt. Die Kräfte verwandeln sich zu einem ewigen Kreislauf. Heute müssen wir zugeben, dass diese materielle Welt keinen solchen Kreislauf des Stoffes zulässt, sondern begrenzt ist. Wir müssen zugeben, dass das, was vorliegt, sich aus sich selbst erklärt. Wenn wir die Wärme des Dampfes verwandeln in das, was den Zug vorwärts bewegt - es geht nämlich immer Wärme verloren, und es ist unmöglich, die ganze Wärme in mechanische Kraft zu verwandeln -, so erleidet die Wärme einen Verlust. Es liegt dies nicht daran, dass die Maschinen unvollkommen sind; es kann die restlose Verwandlung nicht geschehen, immer würde ein bestimmter Rest von Wärme zurückbleiben. Überall, wo etwas geschieht durch Verwandlung der Wärme in mechanische Kraft, bleibt ein mechanischer Rest zurück.
[ 40 ] Denken wir uns das fortgesetzt und denken wir uns alle Arbeit dadurch verrichtet, immer würde etwas zurückbleiben. Die Folge davon würde sein, dass einmal alle mögliche Wärme verwandelt sein [würde], dass schließlich ein Zustand eintreten [würde], wo es nicht mehr möglich [wäre], aus den Dingen irgendeine Menge von Wärme zu entwickeln. Die verfügbare Wärme [strebte] ein Minimum an. [Würde] dieser Zustand erreicht, dann [würde] es nicht mehr möglich sein, dass in dieser Welt irgendetwas [geschehen könnte]. Es [würde] nicht mehr möglich sein, dass irgendwelche Arbeit aus irgendeiner Wärmequelle [hervorginge]. Das Leben [würde] erloschen sein. Diese ganze Inkarnation der Erde [wäre] in sich abgeschlossen.
[ 41 ] Wir sehen also, dass das Geistige nicht erschöpft wird von der Reinkarnation, sondern dass das Geistige übergreift in die [zugehörige materielle] Welt, dass das Geistige das ist, was einen neuen Ausdruck sich wird suchen müssen oder in sich wird zurückkehren müssen.
[ 42 ] Diese materielle Welt kann aber doch nur dadurch sein, dass sie vom Geiste durchdrungen wird. In dem Augenblicke, wo diese materielle Welt erschöpft wird, ist der Geist nicht mehr dasjenige, was die Welt beherrschen kann. Sie hat dann ihre Bedeutung verloren, sie ist dann aus dem Sein in das Nichtsein getreten. Der Geist hat sich dann von alledem gereinigt.
[ 43 ] Das ist kein Ergebnis einer philosophischen Erwägung, auch kein Ergebnis einer metaphysischen Erwägung, sondern lediglich das, was jeder Physiker auch zugeben muss. Es ist dasselbe, was die Griechen sagen, dass das Eine sich in der Welt auslebt, sie durchlebt, und dass die Welt als solche ihr Ende findet und dann wieder, wie wir gesehen haben, das Unbegrenzte sein wird und als das All-Eine in sich gereinigt dasteht. Das ist der große Weltprozess, der sich abspielt in dem, was der Pythagoreer als das Sich-Übergreifende sieht. Dieses Übergreifende sah er auf der unteren Stufe in der Individualität.
[ 44 ] Das ist die Methode, bei der der Pythagoreer sagt: Finde ich etwas in der Persönlichkeit, das übergreift ins Geistige, so muss ich annehmen, dass mit der Einzelpersönlichkeit die Individualität so wenig erschöpft ist, als in der einzelnen Welt die Osiris-Einheit erschöpft ist. - In der pythagoreischen Welt ist nicht die Einheit erschöpft, sondern sie lebt sich in den Welten aus, die begrenzt, abgeschlossen sind. In der pythagoreischen Auffassung lebt sich die Individualität aus so, dass sie nur innerhalb des fortlaufenden individuellen Daseins ihre Inkarnation sucht.
[ 45 ] So haben wir in der pythagoreischen Weltanschauung eine streng geschlossene Kette von Vorstellungen, die uns hinaufleitet von der irdischen Stufe bis zur höchsten geistigen Einheit. Aber wir haben im Pythagoreismus streng festgehalten die Lehre von der Individualität, welche über die Einzelpersönlichkeit hinausgreift. Daraus floss für die Pythagoreer die Anschauung, dass die einzelne Persönlichkeit, wenn sie sich erhebt zu der Anschauung der Individualität, sich nicht mehr bloß verantwortlich fühlen kann für dasjenige, was sie als Einzelpersönlichkeit tut, für das, was in ihr auftritt, insofern sie ein Einzelwesen in der sinnlichen Mannigfaltigkeit ist, sondern dass sie sich auch verantwortlich fühlen muss insofern, als sie mitwirken und mitarbeiten muss an dem, was hinausgeht über die einzelne Persönlichkeit in die Individualität. Der gewöhnliche Mensch fühlt sich nicht verantwortlich für das, was über die Persönlichkeit hinausgeht.
[ 46 ] Das ist ungefähr das, was man über die pythagoreische Seelenlehre sagen kann. Wir dürfen also sagen, dass die Pythagoreer bis zu der Anschauung vorgedrungen sind, dass sie dem Menschen eine viel höhere Verantwortlichkeit auferlegten, nämlich die, welche er als Individualität trägt, und die sich nicht in der einzelnen Persönlichkeit erschöpft. Das ist der Reinkarnations-Gedanke von innen angesehen.
Fragenbeantwortung:
Frage: Sind die Anschauungen der Pythagoreer von der Atlantis herübergekommen?
[ 47 ] Antwort Rudolf Steiners: Der Gedanke liegt sehr nahe. Eine rein äußere Tatsache kann dies zeigen, denn es ist nicht anders zu erklären, dass der Chinese genau dieselben Anschauungen hat über die Zahlenmysterien wie der Pythagoreer. Da wir also hier so getrennte Weltanschauungsgebiete haben, räumlich, zwischen denen von Volk zu Volk keine äußere Vermittlung stattgefunden hat, so müssen es Anschauungen sein, die von einer gemeinsamen Quelle ausgegangen sind. Diese Übereinstimmung ist frappierend. Viele fühlten sich als Glied der großen Weltenharmonie, als das Auftreten der Einheit, Zweiheit und Vielheit. Alles das finden wir in der pythagoreischen und in der chinesischen Lehre; das ist der Beweis dafür.
[ 48 ] Und nun ist das Merkwürdige, dass wir zwischendarinnen ein weites Gebiet haben, welches da trennend wirkt, das Gebiet des «Parsismu®, welcher diese Anschauungen nicht hat. Dieser kennt zwar die großen Weltenperioden, eine Art von Götterdämmerung. Der Parsismus kennt aber gar nicht das Wesen der Individualität innerhalb dieser großen Entwicklung. Es ist das etwas sehr Merkwürdiges.
[ 49 ] Bei den Drusen tritt diese Lehre ja auch auf, aber wie aus einer anderen Quelle.
[ 50 ] Der Pythagoreismus ist im Abendlande nie ausgestorben: In fünfundzwanzig Jahren wird die ganze Physik pythagoreisch sein. Durch die Sache selbst wird dies erfolgen. Wie bei den Pythagoreern [die Sache] sich ausgeprägt [hat], so [prägt] sie sich wieder aus.
[ 51 ] Die alten Kulturen von Peru und Mexiko sind wieder neu aufgefunden. Der Untergang der Atlantis ist eine naturwissenschaftliche Tatsache. Das ist nichts Theosophisches oder Mystisches. Der Rest davon ist das schwimmende Tangmeer. Ein richtiger Rest davon scheint auch der Pithecanthropus zu sein. Es ist dies ein Wesen, das so zwischen Mensch und Affe steht. Ein Einzelner, Verirrter, der nach Java gekommen ist.
[ 52 ] Der Ursprung des Menschengeschlechts kann nur deshalb an der Stelle liegen, weil da einzig und allein die Möglichkeit gegeben war, innerhalb gewisser primitiver Kulturverhältnisse zu leben. Unter anderen Verhältnissen würde die zarte Menschlichkeit nicht den Kampf mit der Natur aufgenommen haben. In unserer Gegend war ja Tropenklima vor verhältnismäßig gar nicht so langer Zeit.
[ 53 ] Die Pythagoreer haben in Pythagoras eine göttliche Inkarnation des Osiris gesehen. Pythagoras wurde aufgelöst in den pythagoreischen Geist; Pythagoras ist immer unter uns. Um das äußerlich geltend zu machen, durfte der Name nicht einmal ausgesprochen werden. Der ältere Stifter war Apollon selber. Apollon war der «erste Pythagoras, Pythagoras war der «zweite Apollon.
[ 54 ] Wenn man Pythagoreer wurde, lernte man zunächst Geschichte auch in Form von Dramen, auch in Symbolen. Die Orgien waren das; diese sind dasjenige, wodurch der Mensch vorbereitet wird, allmählich das Geistige als solches verstehen zu können, indem es im Äußeren symbolisch vorgestellt wird. Das war der äußere BacchusDienst, der Dionysos-Dienst. Der wurde dann in den inneren Dienst verwandelt, wurde verwandelt in den Apollon-Dienst. Apollon ist der innere Bacchus, Bacchus der äußere Apollon. Ein oberflächlicher Niederschlag davon hat sich fortgepflanzt. Man sagt, die ganze griechische Weltanschauung setzt sich zusammen aus dem «dionysischen» und dem «apollinischen» Prinzip.
[ 55 ] In Richard Wagners Schule und auch bei Nietzsche in der «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» finden Sie die Angabe. Die Griechen leiten alle Kultur davon her. Jetzt ist das schon ein journalistisches Schlagwort. Nietzsche konnte nicht die griechische Weltanschauung verfolgen; dafür hatte er nicht das Organ.
[ 56 ] Die «Mannigfaltigkeib ist eine pythagoreische Vorstellung und ist in Übereinstimmung mit den Elementen der Ägypter. Deshalb [gibt es] gerade die körperliche Mannigfaltigkeit, weil es eine zerschlagene, zerstörte Einheit ist. Die Seele ist die Summe der Strahlen, welche von der Allheit zu den Einzelheiten hinführt. Sie könnten vielleicht sagen: [sie] sei nichts Wirkliches. Aber geistig wirklich ist [sie] doch, weil [sie] übergreifen muss. [Sie] muss auch teilhaben an beiden. Sie ist vielfältig nach der Seite der Mannigfaltigkeit, eine nach der Seite der Einheit.
[ 57 ] Der Mythos macht dies ganz klar: Das Leben, das sich bemüht, wieder zurückzukommen, ist die Seele; es ist die Sehnsucht, die wesenhaft ist. Es ist eine Arbeit, um zur Einheit wieder zurückzukehren. Jede Individualität ist nichts anderes als eine solche Rückkehr. Wenn wir die Welt im äußeren Bewusstsein in einem erfassen könnten, dann wäre alles gelöst. Sie wäre dann eins in Raum und Zeit. So leben wir nach unten und nach oben und nach beiden Seiten. In der fortwährenden Überwindung der Räumlichkeit und der Zeitlichkeit drückt sich die Entwicklung der Individualität aus. Das ganze Universum ist in dieser Entwicklung. Die Individualität ist das All-Eine, weil nur das All-Eine existiert. Aber sie hat es noch nicht in sich verwirklicht. Sie hat es noch nicht herausgebracht.
[ 58 ] Man kann es sich so vorstellen wie beim Samenkorn: Das Samenkorn ist die Pflanze. Und so gehört zu jeder Individualität die ganze Welt. Zu allem, was geschieht, gehört die ganze Welt. Wenn das Samenkorn keinen Regen und kein Licht hat, so fehlt ihm eben etwas, was dazugehört. In jeder Pflanze steckt nach vorn und nach hinten eine unendliche Reihe von Pflanzen.
Frage nach der ‘All-Einheit’.
[ 59 ] Antwort: Die Pflanze in der All-Einheit ist eine in sich abgeschlossene Individualität. Denken Sie sich die Temperatur der Welt um fünfzig Grad höher, und es gibt keine Pflanzen mehr. Pflanze und Samenkorn sind Einzelwesen, dann aber haben wir auch noch die Individualität und die einzelnen Ströme der Individualität neben der Menge der Einzelwesen.
Frage: Ist die Individualität das, was auf die Allgemeinheit wirkt?
[ 60 ] Antwort: Eine einzelne Persönlichkeit ist zwischen Geburt und Tod eingeschlossen. Nun gibt es aber im Leben des Einzelnen sehr viel, was wir gar nicht erklären können. Wir können zwar den Menschen erziehen. Aber da ist schon etwas da. Wir haben es da nicht mit der allgemeinen Welt-Wesenheit zu tun, sondern mit einer fertigen Wesenheit, wenn der Mensch geboren wird. Das schieben nun die Pythagoreer zurück auf ein Leben, das früher einmal da gewesen sein muss. Es widerstrebt mir zu sagen, dass dies die indische Lehre von der Seelen-Wanderung oder der Seelen-Wandlung ist. Goethe nennt die Individualität ‘Entelechio’.
