Antike Mysterien und Christentum
GA 87
22 March 1902, Berlin
20. Die Apokalypse
[ 1 ] Wir haben das letzte Mal gesehen, dass der Initiationsprozess ist das Gegenbild der großen Weltlehren von der Entstehung des Kosmos im geistigen Sinn und dass eine strenge Entsprechung stattfindet zwischen kleiner und großer Welt, sodass wir geradezu sehen können, wie die Bilder der Genesis, welche es mit kosmologischen Anschauungen zu tun hat, mit Betrachtungen des Weltalls, wiederkehren in der Geschichte des Erlösers.
[ 2 ] Die Persönlichkeit Christi ist in einer so entschiedenen Weise in den Mittelpunkt zu stellen, dass es nicht nur eine Folge des MessiasBewusstseins Christi selber war, sondern dass es auch war etwas, was in der ganzen Zeit damals lag. Die ganze Zeit hatte das Bedürfnis, eine Persönlichkeit, einen auf den Höhen der geistigen Entwicklung wiedergeborenen Menschen in den Mittelpunkt der ganzen Weltbetrachtung zu stellen, sodass ein tiefgehendes Bedürfnis nicht nur bei denjenigen da war, von denen die Gründung des Christentums ausging, sondern da war in dem Zeitgeist, nicht nur in der Messias-Erwartung des jüdischen Volkes, sondern auch der heidnischen Völker. So war auch der Drang vorhanden, dieser Persönlichkeit gegenüberzustehen, sie zu sehen. Wir sehen, dass der eine oder der andere dafür gehalten werden kann. Das Heidentum hat geradezu ein Gegenbild in Apollonius von Tyana geschaffen. Er ist im Heidentum vielleicht eine so interessante Erscheinung wie Sokrates, Platon und so weiter. Aber er hat noch ein besonderes Interesse dadurch, dass tendenziös eine heidnisch-menschliche Gottheit geschaffen werden sollte, welche dem Christus gegenübergestellt werden sollte. Es besteht aber ein deutlicher Unterschied zwischen der Gedankenwelt, welche sich an Christus, und derjenigen, welche sich an - Apollonius von Tyana knüpft. Apollonius wird angesehen mehr als ein von Gott geliebter Mensch. Im Grunde genommen ist es dieselbe Anschauung, die aus dem jüdischen Bewusstsein herauskam. Ich möchte sagen, von der heidnischen Seite aus gesehen, während mehr die Gottheit betont wird bei Christus, wird bei Apollonius mehr gesagt, dass er ein bis zur Göttlichkeit gekommener Mensch ist, ein von Gott geliebter Mensch, nicht ein Gott.
[ 3 ] Und dieser von Gott geliebte Mensch erscheint uns nur als eine spätere Ausgestaltung des Sokrates, des Platon. [Wie Platon zum Gott der Heilkunde, zu Asklepios, dem Sohn des Apollon, eine besondere Beziehung gehabt hat, so auch Apollonius]: Er war ein Heilkünstler, ein Weiser, und ebenso soll die Prophetie zu seinen Gaben gehört haben. Aus den pythagoreischen Ideen haben sich diese Vorstellungen gebildet. Wie diese im Volke fortleben, in geheimer, mystischer Verbindung nachfolgen, so stellte man sich in Apollonius den wiedergeborenen Platon vor, einen Heiland.
[ 4 ] Von Apollonius wird uns erzählt, dass er weite Reisen gemacht hat, auf denen er weniger seine eigene Weisheit zu bereichern suchte - die ihm ja zur Verfügung war, da er auf höherer Stufe der Reinkarnation stand -, als die verschiedenen Religionen durch ein geistiges Band zu verbinden. Es wird ihm eine kosmopolitische [religionsverbindende Tätigkeit] zugeschrieben. Bei den Indern soll er gewesen sein, bei den persischen Magiern und ägyptischen Priestern. Bei den indischen Weisen wurde er sogleich erkannt als eine vergöttlichte Persönlichkeit. Es wird uns auch erzählt, dass er die ägyptische Religion in ihren verschiedenen Formen kennengelernt hat, dass er aber den ägyptischen Priestern mehr hat sagen können als sie ihm. Er konnte ihnen mitteilen, dass sie ihre religiösen Vorstellungen von Indien haben müssten. Er hat ihnen in dem Indischen ihr Eigenes wiederzeigen können. So sehen wir, wie Apollonius bemüht ist, in den verschiedenen Religionen das Gemeinsame zu sehen, und so erscheint er uns in dieser Zeit als der Träger eines wirklichen theosophischen Strebens. Er stellte sich geradezu die Aufgabe, in allen Religionen das Gemeinsame zu suchen. Daher erscheint uns seine Lehre, wenn wir uns in dieselbe vertiefen, als ein Extrakt aus allen damals bestehenden religiösen Lehren. Er hatte den Extrakt aus allen gesammelt. Es ist auch eine reife Lehre. Es erscheint uns die Reinkarnationsidee befruchtet im alten pythagoreischen Sinn.
[ 5 ] Er spricht von den Volksreligionen als von einem äußeren Symbol dessen, was es wirklich sein soll. Apollonius macht auf eine sehr wichtige Vorstellung aufmerksam, die er nur aus heidnischer Mystik geschöpft haben kann. Er macht darauf aufmerksam, dass man es in den verschiedenen Kultushandlungen, welche mit dem Mysten vollzogen worden sind, nicht nur zu tun hat mit Ereignissen, welche den Weltprozess darstellen, sondern dass man es auch zu tun hat mit der Darstellung von Erscheinungen der Natur in symbolischen Handlungen. Daher erscheint uns bei Apollonius ein höchst wichtiger Begriff, der uns hineinführt in das Verhältnis, welches besteht zwischen dem Christentum und der damaligen Zeit. Er zeigt, dass man alles dasjenige, was man um sich sehen kann, und auch das, was am gestirnten Himmel ist, die Gestirne, als Symbol betrachten kann, dass alles das nichts anderes sei als Symbol für geistige Vorgänge, die den Weltkosmos beherrschen. Diejenigen, welche meinen vorgestrigen Vortrag über Goethes «Faust» gehört haben, werden sich erinnern, dass da etwas Ähnliches gesagt wurde: Alles Äußere, «alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis». Das spricht also Apollonius aus. Es ist aber die gemeinschaftliche Anschauung des ganzen damaligen Zeitalters.
[ 6 ] Ich muss hier aufmerksam machen auf ein Missverständnis, welches darin besteht, dass man glaubt, diese großartige Symbolik zwischen der kleinen und großen Welt, zwischen dem Menschen und den kleinen Weltvorkommnissen und den großen Weltgeheimnissen sei ein Produkt der Phantasie. In unserem neunzehnten Jahrhundert hat sich diese Lehre ausgebildet. Wir sehen in den Volksreligionen das Religion schaffende Märchen, die Religion schaffende Phantasie, welche die Vorgänge [in der Natur] in Luftkreis, Blitz, Donner und so weiter in mannigfacher Weise personifiziert und sich Götter bildet. In den Gesetzen, welche die Sterne befolgen, wird der Ausdruck einer göttlich-geistigen Weltordnung gesehen. Aber es war innerhalb der eigentlichen Priester-Theosophie durchaus die Überzeugung vorhanden, dass, wenn die Sonne bei ihrem Gang über das Himmelsgewölbe verfolgt wird, man nicht nur den Vorgang des Dahineilens über das Himmelsgewölbe zu sehen hat. Dieser Vorgang ist nur ein Symbol für den dahinter sich vollziehenden Vorgang. Das, was die Volksphantasie in exoterischer Weise ursprünglich besessen hat, das wurde später von dem Priester als Symbol gelehrt. Aber der sah in den Gesetzen — wir wissen, dass im assyrischen Reich eine hochentwickelte Astronomie vorhanden war -, der sah in den Gesetzen nicht das trockene naturalistische Gesetz, der sah darin die Sprache der Gottheit, nur ein Symbol für den tieferen geistigen Vorgang.
[ 7 ] Für Apollonius von Tyana stellte sich die untergeordnete Volkssymbolik nur als eine Stufe dar. Der darin Eingeweihte bekam später ein höheres Gleichnis. David Friedrich Strauß, Darwin und so weiter haben darin gefehlt, dass sie gesagt haben, die Phantasie [des Volkes] habe den durch die Wolken fahrenden Blitz als eine göttliche Tatsache vorgestellt, sie sei dann fortgeschritten von dem und bis zu den Göttern gekommen, zu Gott Zeus und so weiter. Das seien aber nur Vorstellungen der Phantasie, der Volksmythologie. Dadurch haben sie alles Religiöse abgestreift. Die [wissenschaftliche] Wahrheit ist an ihre Stelle getreten. Aber niemals ist diese Sache [so] vertreten worden innerhalb der mystischen Lehren. Wenn auch aufgestiegen wurde von [den Vorstellungen] der Volksreligion zu dem wissenschaftlichen Untersuchen des Ganges der Sterne - hinter den Erscheinungen wurde doch erst das Göttliche gesucht. Nicht das, was der Mensch in sich aufnahm, sollte ein Symbol für den äußeren Vorgang sein, nein, gerade umgekehrt. Die ganze Natur wurde selbst ein Gleichnis. In der Mystik der damaligen Jahrhunderte haben wir es genau mit dem Umgekehrten zu tun, als dasjenige ist, das sich die materialistischen Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts vorstellen. Diese glauben, dass das, was die Alten sich ausgedacht haben, nur ein Gleichnis sei. Nein, gerade umgekehrt ist es. Die wissenschaftlich Vorstellung ist nur ein Gleichnis für das, was dahinter liegt.
[ 8 ] Orientalische Gelehrte wussten, dass das Christentum aus derselben Quelle geschöpft hat wie sie. Sie haben daher das Christentum lange nur als persische Sekte betrachtet.
[ 9 ] Klar und besonders tief aber tritt uns dieser ganze Zusammenhang der theosophischen Lehre von der ganzen Welt als einem Gleichnis für das ewige Göttliche [...] in der Apokalypse entgegen, die nichts anderes ist als eine Interpretation der älteren Mysterien in christlicher Auffassung.
[ 10 ] Zuerst habe ich aber noch etwas vorauszuschicken. Ich sagte, die ganze äußere Natur wurde als ein Gleichnis angesehen, wie das auch bei assyrisch-babylonischen oder persischen Gelehrten der Fall war. Diese hatten eine genaue Vorstellung von den Gesetzen, die am Laufe der Gestirne zu beobachten sind. Weiteren Kreisen wird das auch einleuchtend sein dadurch, dass der Vortrag von Professor Delitzsch über «Babel und Bibel» zu Ihren Ohren gekommen ist. Ich hätte ja auch von asiatischen Vorstellungen ausgehen können, man findet überall dasselbe. Wenn nun die Wissenschaft Dinge ausgräbt, von denen die Theosophie aus anderen Gründen anderes behaupten muss, so werden wir doch eine Bestätigung sehen durch die Ausgrabungen der babylonischen Altertümer. Man findet in leichter und feiner Weise zusammengestellt die Ergebnisse der Ausgrabungen bei diesem Professor Delitzsch. Ich sagte, aus morgenländischen Priesterreligionen ging ein Teil der Anschauungen hervor, welcher die Natur als Gleichnis für das Ewig-Göttliche ansieht. Man kann das verständlich machen, wenn man sich nach den orientalischen Religionen hinüberbewegt. Die Ägypter haben mehr auf große Denkmäler Wert gelegt und im Äußeren es niedergelegt, während die Orientalen mehr im [Theoretischen das] Gleichnis gesucht haben.
[ 11 ] Wenn wir die Literatur der heidnischen Schriftsteller verfolgen, so sehen wir, wie das Bewusstsein sich immer klarer und klarer ausspricht, dass man es in den Lehren der Astronomie zu tun hat mit einer Sprache für das ewige Götterwort in der Welt. Nur auf einzelne Tatsachen will ich aufmerksam machen, wodurch die ganze Sache einleuchten wird. [Bei dem Schriftsteller Apollonius von Rhodos], dann auch bei Plutarch — obgleich da nur spärlich - findet man genaue Hindeutungen darauf und auf die Sagenwelt - wie die HeraklesSage, die Sage vom Goldenen Vlies - und so weiter, die ich ja früher schon behandelt habe. Aber dass sich diese Sagen auch für die ersten Christen so darstellen, dass in ihnen große Weltwahrheiten sich verhüllten, das sehen wir auch bei ihren Schriftstellern.
[ 12 ] Wir sehen, dass die Sonne bei ihrem jährlichen Lauf, bei ihrer jährlichen Bewegung ein Symbol darstellt für die ewig sich verwandelnde, versinkende und sich wieder erneuernde Welt. Bei der Kürze der Zeit kann ich nur andeuten, worin der Hauptnerv liegt. Die zwölf Arbeiten des Herakles sind nicht ohne Grund auf die zwölf Sternbilder des Tierkreises bezogen worden. Es ist eine Wiederholung dessen, was auch oben am Himmel vorgeht. Das Obere und das Untere entsprechen sich.
[ 13 ] Wenn wir diese Anschauungen verfolgen, so finden wir, dass ein großer Wert darauf gelegt wird, dass mit dem jährlichen Eintreten des Frühlings die Sonne, der Lichtgott verehrt wurde - ganz wie bei der Theosophie, welche in der Sonne das Licht und im Lichte die Wahrheit symbolisiert sieht. Nicht die Sonne selbst wurde verehrt, sondern die Sonne war nur Symbol. Bei der sich verjüngenden Sonne wurde sie als Symbol angesehen für die sich ewig wiedergebärende Natur, für die geistige Wiedergeburt, für den Gott, der sich immer und immer wieder erneuert.
[ 14 ] Was der Ägypter am Himmelsgewölbe gesehen hat, das wird auch in der im Frühling sich wieder erneuernden Sonne gesehen. Und dass die Sonne [im Frühling] im Zeichen des Lammes, des Widders steht, heißt: Die Sonne gewinnt durch das Lamm eine Kraft in der Weltordnung. Dies wird zum Symbol für den Welterlöser. Daher begegnet uns das Lamm, welches die Wiedergeburt der Sonne im Frühling, die Wiedergeburt des neuen Gottes bedeutet. Deshalb wurde auch der Frühlingsanfang als derjenige Punkt bezeichnet, an dem der junge Gott geboren wird. Die Jungfrau zu Sais gebiert den neuen Gott Herakles.
[ 15 ] Da, wo die Sagen nicht vollständig stimmen, können wir nachweisen, wo die Veränderungen hergekommen sind. Dieselben Sagen werden nämlich von heidnischen Schriftstellern in derselben Weise gedeutet, dass nichts anderes darin zu finden ist, als was man auch am Himmel lesen kann. In der Schlange am Himmel sahen die Mysten jener Zeit das Symbol für den Untergang des Gottes in der düsteren Materie. Mit dem Durchgang der Sonne in der Schlange sehen Sie das symbolisch wiedergegeben. Am 21. Dezember, in der Mitte des Winters, wo die Tage länger werden, geht die Sonne in das Sternbild des Schützen. In der Mitte des Winters empfängt die Jungfrau das Kind. Zu Ostern ist eigentlich die Auferstehung, die Erlösung. Da tritt die Sonne in das Sternbild des Lammesl[, des Widders]. Im Sommer haben wir im Gang der Sonne wiedergespiegelt den Löwen. Was sich in den einzelnen Persönlichkeiten vollzieht, das ist zuerst vor sich gegangen am Himmelsgewölbe. In dieser Weise angesehen ist der Lebenslauf der einzelnen Persönlichkeiten ein Geheimnis des ewigen Ganges des Weltenlaufs. Auch in den griechischen Mysterien, auch im Orient und in Persien verwandelt sich um diese Zeit [Zeus] in das Goldene Vlies.
[ 16 ] Wir sehen also, dass uns der Durchgang der Sonne durch den Widder als Auferstehungsfest gegeben ist. Bei [Nonnos] wird ein Verhältnis von Zeus zu seinem Sohne Dionysos erwähnt. Der soll aufsteigen zu seinem Vater und sich zur Rechten seines Vaters setzen. Hier haben Sie die heidnische Fassung des christlichen Glaubensbekenntnisses. Christentum bedeutet die neue Form der Lehren des Heidentums. Bei einer großen Zahl von Christen ist es nachzuweisen, dass sie sich von heidnischer Mystik haben befruchten lassen. Diese Vorstellungen treten immer wieder auf im Christentum. Es gibt eine Hindeutung darauf selbst im Christentum, dass vereinzelte Geister des Heidentums sich zum Christentum gewandt haben und dann einen symbolischen Ausdruck dafür gesucht haben, dass diese das Christentum erst recht haben verstehen können. Der Ausdruck findet sich nämlich im Evangelium, dass Magier den Sternen folgen, um den Christus zu finden. Sie haben in den Sternen gelesen, und dem, was sie in den Sternen gelesen haben, brauchten sie nur zu folgen. Nachdem sie [dem Stern] gefolgt sind, sehen sie, was dem Christentum gegeben ist. Das Christentum ist da in einem einzelnen Menschen dargestellt. Daher sagte der indische Gelehrte: «Wir haben es im Christentum mit nichts anderem zu tun als mit einer persischen Sekte.»
[ 17 ] Wenn man den Sonnenmythos nimmt und versucht, ihn ins Persönliche zu übersetzen als Lebensgang einer einzelnen Persönlichkeit, dann kann man nichts anderes sagen, als dass die Christen auf eine vermenschlichte Weise die Wahrheit suchten, welche früher am Himmelsgewölbe gesucht wurde.
[ 18 ] Dass zur Osterzeit die Sonne durch das Sternbild des Lammes, des Widders hindurchgeht, ist [für die damalige Zeit] ganz natürlich. Zu anderen, früheren Zeiten traten an die Stelle des Lammes der Stier, die Zwillinge, der Krebs und so weiter. Das hängt damit zusammen, dass sich diese Vorstellungen in einer Zeit ausgebildet haben, wo die Lage der Sternbilder eine andere war [als heute]. Sie verschieben sich immer. Unsere astronomischen Angaben stimmen auch heute nicht mehr. Wir können also sagen, dass tatsächlich dieses Christentum herausgeboren ist aus den alten Mysterien und Religionen. Es ist dies keine Erniedrigung, sondern es wird nur gezeigt, dass es eine zeitgeschichtliche Notwendigkeit war.
[ 19 ] Ich habe gezeigt, wie die einzelnen Lehren im Morgenlande bereits vorgebildet sind. Was uns aber besonders interessiert, ist das Hereinspielen derselben in die Apokalypse. Wenn man den Grundgedanken nicht so fasst, ist sie nicht zu verstehen. Es ist nicht zu verstehen, dass die Vorstellungswelt, die Summe der [religiösen] Gefühle schon vorhanden war und wieder auftritt in neuer Gestalt im Christentum. Der Verfasser [der Apokalypse] war sich dessen bewusst. Er wollte nichts anderes wiedergeben als die alten mystischen Geheimnisse. Er sagt, dass alles, was er da aus der Sternenwelt gelesen hat, das hat sich jetzt im Lebensgang einer einzelnen Persönlichkeit als unmittelbares Erlebnis abgespielt. Was ihr früher nur als kosmisch-geschichtlich sich abspielen saht, das ist zum Leben eines einzelnen Menschen geworden. Das ist der Grundgedanke der Apokalypse. Wir sehen, wie die alten Priestervorstellungen uns entgegentreten in den ganzen Beschreibungen: die sieben Posaunen, die sieben Siegel und so weiter. In alledem sehen wir nichts anderes als die Ausprägung uralter, längst vorhandener Mysterieninhalte, und das, was uns in der Apokalypse dargestellt wird, ist nichts anderes, als dass diese Sache im Christentum ihre Erfüllung gefunden hat. An einer Stelle will ich zeigen, wie uns daselbst vorgeführt wird diese alte Lehre und wie dann damit in Zusammenhang gebracht wird die neue Lehre, wie die neue Lehre sich aus der alten herausentwickelt. Die früheren Kapitel werde ich später behandeln. Zuerst die ganze Stelle aus der Mitte heraus.
[ 20 ] Das 11. Kapitel: Messung des Tempels Gottes. Zwei Zeugen getötet und wieder lebendig. [Lücke in der Mitschrift] Die siebente Posaune.
[ 21 ] «1. Und es ward mir ein Rohr gegeben, einem Stecken gleich, und er sprach: Stehe auf und miss den Tempel Gottes und den Altar und die darin anbeten. 2. Aber den Vorhof außerhalb des Tempels wirf hinaus und miss ihn nicht. Denn er ist den Heiden gegeben, und die heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate. 3. Und ich will meinen zwei Zeugen geben, dass sie sollen weissagen tausendzweihundertsechzig Tage, angetan mit Säcken. 4. Diese sind die zwei Ölbäume und die Fackeln, stehend vor dem Herrn der Erde. 5. Und so jemand sie will schädigen, so geht Feuer aus ihrem Munde und verzehrt ihre Feinde; und so jemand sie will schädigen, der muss also getötet werden. 6. Diese haben Macht, den Himmel zu verschließen, dass es nicht regne in den Tagen ihrer Weissagung, und haben Macht über das Wasser, es zu wandeln in Blut, und zu schlagen die Erde mit allerlei Plage, sooft sie wollen. 7. Und wenn sie ihr Zeugnis geendet haben, so wird das Tier, das aus dem Abgrund aufsteigt, mit ihnen einen Streit halten und wird sie überwinden und wird sie töten. 8. Und ihre Leichname werden liegen auf der Gasse der großen Stadt, die da heißt geistlich Sodom und Ägyptem, da auch ihr Herr gekreuzigt ist. 9. Und es werden etliche von den Völkern und Geschlechtern und Sprachen ihre Leichname sehen drei Tage und einen halben und werden ihre Leichname nicht lassen in Gräber legen. 10. Und die auf Erden wohnen, werden sich freuen über sie und wohlleben und Geschenke untereinander senden; denn diese zwei Propheten quälten die auf Erden wohnten.» - Das Wiedergeborenwerden ist nichts anderes als das Wiedergeborenwerden im Initiationsprozess. - 11. «Und nach drei Tagen und einem halben fuhr in sie der Geist des Lebens von Gott, und sie traten auf ihre Füße; und eine große Furcht fiel über die, so sie sahen. 12. Und sie hörten eine große Stimme vom Himmel zu ihnen sagen: Steiget herauf! Und sie stiegen auf in den Himmel in einer Wolke, und es sahen sie ihre Feinde. 13. Und zu derselben Stunde ward ein großes Erdbeben und der zehnte Teil der Stadt fiel; und wurden getötet in dem Erdbeben siebentausend Namen der Menschen, und die andern erschraken und gaben Ehre dem Gott des Himmels. 14. Das andere Wehe ist dahin; siehe, das dritte Wehe kommt schnell. 15. Und der siebente Engel posaunte; und es wurden große Stimmen im Himmel, die sprachen: Es sind die Reiche der Welt unsers Herrn und seines Christus geworden, under wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit»
[ 22 ] Es soll hier geschildert werden, dass, während früher nur der einzelne Mensch zugelassen war, jetzt durch Christus allen Menschen die Frohe Botschaft gebracht werden soll.
[ 23 ] Das 12. Kapitel: Das Weib mit der Sonne bekleidet und der Drache. Streit Michaels mit demselben: «1. Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: ein Weib, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. 2. Und sie war schwanger und schrie in Kindesnöten und hatte große Qual zur Geburt. 3. Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen. 4. Und sein Schwanz zog den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor das Weib, die gebären sollte, auf dass, wenn sie geboren hätte, er ihr Kind fräße. 5. Und sie gebar einen Sohn, ein Knäblein, der alle Heiden sollte weiden mit eisernem Stabe. Und ihr Kind ward entrückt zu Gott und seinem Stuhl. 6. Und das Weib entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hat, bereitet von Gott, dass sie daselbst ernährt würde tausendzweihundertundsechzig Tage. 7. Und es erhob sich ein Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen; und der Drache stritt und seine Engel. 8. Und siegten nicht, auch ward ihre Stätte nicht mehr gefunden im Himmel. 9. Und es ward ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verführt, und ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen. 10. Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unsers Gottes geworden und die Macht seines Christus, weil der Verkläger unserer Brüder verworfen ist, der sie verklagte Tag und Nacht vor Gott. 11. Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis an den Tod. 12. Darum freuet euch ihr Himmel und die darin wohnen! Weh denen, die auf Erden wohnen und auf dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat. 13. Und da der Drache sah, dass er verworfen war auf die Erde, verfolgte er das Weib, die das Knäblein geboren hatte. 14. Und es wurden dem Weibe zwei Flügel gegeben wie eines großen Adlers, dass sie in die Wüste flöge an ihren Ort, da sie ernährt würde eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit vor dem Angesicht der Schlange. 15. Und die Schlange schoss nach dem Weibe aus ihrem Munde ein Wasser wie einen Strom, dass der sie ersäufe. 16. Aber die Erde half dem Weibe und tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Munde schoss. 17. Und der Drache ward zornig über das Weib und ging hin, zu streiten mit den Übrigen von ihrem Samen, die da Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu Christi.»
[ 24 ] Der Strom aus dem Munde der Schlange symbolisiert nichts anderes als das Element, durch das der Mensch zurückzugehen hat, um zu Gott zurückzufinden.
[ 25 ] Das 13. Kapitel: Siebenköpfiges Tier aus dem Meer. «1. Und ich trat an den Sand des Meeres und sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. 2. Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Pardel und seine Füße wie Bärenfüße und sein Mund wie eines Löwen Mund. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Stuhl und große Macht. 3. Und ich sah seiner Häupter eines, als wäre es tödlich wund; und seine tödliche Wunde ward heil. Und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tieres, 4. und sie beteten den Drachen an, der dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich, und wer kann mit ihm kriegen? 5. Und es ward ihm gegeben ein Mund, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ward ihm gegeben, dass es mit ihm währte zweiundvierzig Monate lang. 6. Und es tat seinen Mund auf zur Lästerung gegen Gott und zu lästern seinen Namen und seine Hütte und die im Himmel wohnen. 7. Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu überwinden; und ihm ward gegeben Macht über alle Geschlechter und Sprachen und Heiden. 8. Und alle, die auf Erden wohnen, beten es an, deren Namen nicht geschrieben sind in dem Lebensbuch des Lammes, das erwürgt ist, von Anfang der Welt. 9. So jemand Ohren hat, der höre! 10. So jemand in das Gefängnis führt, der wird in das Gefängnis gehen; so jemand mit dem Schwert tötet, der muss mit dem Schwert getötet werden. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen.»
[ 26 ] Zweihörniges Tier aus der Erde.
[ 27 ] «11. Und ich sah ein anderes Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei Hörner gleichwie ein Lamm und redete wie ein Drache. 12. Und es übt alle Macht des ersten Tieres vor ihm; und es macht, dass die Erde und die darauf wohnen, anbeten das erste Tier, dessen tödliche Wunde heil geworden ist. 13. Und tut große Zeichen, dass es auch macht Feuer vom Himmel fallen vor den Menschen; 14. Und verführt, die auf Erden wohnen, um der Zeichen willen, die ihm gegeben sind zu tun vor dem Tier; und sagt denen, die auf Erden wohnen, dass sie ein Bild machen sollen dem Tier, das die Wunde vom Schwert hatte und lebendig geworden war. 15. Und es ward ihm gegeben, dass es dem Bilde des Tiers den Geist gab, dass des Tiers Bild redete und machte, dass alle, welche nicht des Tiers Bild anbeteten, getötet würden. 16. Und es macht, dass die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Knechte - allesamt sich ein Malzeichen geben an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn, 17. dass niemand kaufen oder verkaufen kann, er habe denn das Malzeichen, nämlich den Namen des Tiers oder die Zahl seines Namens. 18. Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.»
[ 28 ] Das Geheimnis der Mysterien wurde verallgemeinert, wurde allen Menschen gebracht. Dies ist deutlich ersichtlich an dem Symbol in der Apokalypse von den vier Tieren und von den drei Mächten, welche über den Tieren stehen, sodass uns da sieben Mächte entgegentreten. Dann wird uns gesagt, dass zehn Könige, die Könige des neuen Reichs diese sieben alten Mächte überwinden. Nun müssen wir sehen, was dies alles bedeuten soll.
[ 29 ] Zuerst möchte ich es so entwickeln, wie es in den alten Mysterien aufgeführt worden ist. Dann werden Sie es selbst erkennen. Die Apokalypse sieht die Welt und den Menschen aufgebaut aus sieben Prinzipien. Die vier unteren oder niederen Prinzipien oder Mächte sind dargestellt in den vier Tieren. Diese müssen überwunden werden. Durch diese Überwindung des Niederen bauen sich die drei oberen auf. Nachdem dies uns hingestellt ist, wird uns gezeigt, wie die gesamte siebengliedrige Natur der Welt und des Menschen im Feuer versengt wird, dass der göttliche Blitz einschlägt und dass das ganze Materielle, in welches die siebengliedrige Natur eingetaucht ist, noch einmal überwunden wird. Als achte Stufe geht dann das eigentliche Materielle, das Böse wirklich zugrunde. Es wird uns dann gezeigt, dass zu den drei geistigen Elementen als Überwinder das vierte physische Element auftritt; das vierte physische Element wird von den drei geistigen Elementen ergriffen und dann auch die drei unteren. Das vierte Element ist der Mensch selbst. Adler, [Stier], Löwe und Mensch. Der Mensch stellt nichts anderes dar als KamaRupa. Der Vierte, der Mensch, verbindet die drei unteren physischen Elemente und die drei oberen und gebiert aus den drei physischen Elementen noch drei neue heraus. Die physischen Elemente werden geistig gleichsam wiedergeboren. Wir haben also zehn Elemente an Stelle der sieben. Das will die Apokalypse darstellen mit den zehn Königen.
[ 30 ] Das sind durchaus alte mystische Lehren, nichts anderes als das, was heidnische Vorstellungen auch schon kannten. Aus der Verwandlung und dem Siege der zehn Könige können wir sehen, dass sie nichts anderes darstellen sollen als den Sieg des Geistigen über das Materielle, den Sieg der Mysterien-Lehre.
[ 31 ] Bei der Eröffnung der ersten sechs Siegel sah Johannes vier Pferde, ein weißes Pferd, ein rotes Pferd, ein schwarzes Pferd und ein fahles Pferd. Tod und Hölle folgte ihnen. «Und da es das fünfte Siegel auftat, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die erwürget waren um des Wortes Gottes willen und um des Zeugnisses willen, das sie hatten.» Diese Tötung symbolisiert das im Geiste Wiedergeborenwerden und das Töten der niederen Natur. Der Mensch muss das Buch verschlingen, er muss eins werden mit dem Buche. Dasselbe wird auch angedeutet bei einem christlichen Mystiker, bei Angelus Silesius. Er hat gesagt: [«Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen, so geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.»] - Damit schließt er seinen «Cherubinischen Wandersmann».
[ 32 ] Die alten Mysterien sind eine Vorbereitung für das Christentum gewesen. Durch das Lamm sind sie wiedergeboren worden. Diejenigen, welche nicht voll begreifen können, dass sie weiterzuschreiten haben, dass sie tatsächlich in Christus den körperlichen Tod und die geistige Wiederauferstehung zu suchen haben, die sind noch nicht reif. Es sind diejenigen, welche ermahnt werden sollen.
[ 33 ] Die Apokalypse ist eines der wichtigsten Bücher des Neuen Testamentes. Sie darf und kann nicht anders verstanden werden, als dass wir in ihr eine Verschmelzung der christlichen Mysterien-Wahrheiten mit den alten Mysterien sehen. Sie enthält die aus dem Christlichen herausgeborenen alten Mysterien.
