Bewußtsein — Leben — Form
GA 89
25 October 1904
Vierter Vortrag
[ 1 ] Da alle Evolution in drei Prinzipien verläuft: Bewußtsein, Leben und Form, und jedes Wesen viele Male diese drei Prinzipien durchlaufen muß, müssen wir genau wissen, von welchen Stadien des Bewußtseins, des Lebens oder der Form wir sprechen können. Von diesen können wir über jeweils sieben etwas wissen. Die sieben Stadien des Bewußtseins sind:
1. Der sogenannte Trancezustand des Bewußtseins, auch Tieftrance genannt
2. Der traumlose Schlaf
3. Der Traumschlaf
4. Der Wachzustand oder das Gegenstandsbewußtsein
5. Der psychische Zustand oder das bewußte Bilderbewußtsein
6. Der überpsychische Zustand oder das bewußte Leben
7. Der spirituelle Zustand = selbstbewußtes Allbewußtsein.
[ 2 ] Der erste, der Trancezustand, zeichnet sich dadurch aus, daß er ein Allbewußtsein ist. Hinsichtlich der Weite ist er das allerumfassendste Bewußtsein, andererseits ist er aber beschränkt durch seine Dumpfheit; er ist der dumpfeste Zustand des Bewußtseins. Ein Wesen unserer Erde, das in diesen Trancezustand versetzt wird, würde wahrnehmen die Bewegungen der Planeten, die mineralischen Formen, die Formen von Kristallen und so weiter, aber Pflanzen, Tier und Menschenleben würden für dieses Wesen nicht da sein. Wenn man heute diesen Trancezustand herbeiführt, so ist das Wesen in der Lage, die Dinge im Kosmos zu sehen, aber nicht das Leben der physischen Lebewesen. Wenn heute in pathologischem Zustand Trance eintritt oder wenn man diesen Zustand induziert, fangen die darin Befindlichen an, Weltenketten zu beschreiben und dergleichen, manchmal verworren, manchmal aber produzieren sie merkwürdige, den theosophischen Lehren ganz ähnliche Dinge. Es ist ein weitausgedehntes Allbewußtsein, aber zu dumpf, um wirklich lebendige, empfindende Wesen zu erfassen.
[ 3 ] Der zweite Bewußtseinszustand ist derjenige, den wir den Zustand des traumlosen Schlafes nennen. Die Art, wie der Mensch den Schlafzustand durchmacht, ist im allgemeinen noch so dumpf, daß die meisten darin sich wie bewußtlos empfinden. Es ist ein weniger dumpfes Bewußtsein als das vorhergehende, aber ein engeres. Diejenigen, die diesen Zustand durchmachen, nehmen darin wahr, was im Mineral und Pflanzenreich geschieht, aber das Tierreich und so weiter, die Empfindungs- und Gedankenwelt sind für sie nicht da. Somnambule dieses Grades entwerfen in diesem Zustand außerordentliche Zeichnungen in Arabesken, haben aber nicht die Fähigkeit, Weltensysteme zu entwerfen.
[ 4 ] Der dritte Zustand ist der Traumschlaf, der dem Menschen bekannte Zustand des Träumens. Meistens weiß er nichts davon, was für ein Zusammenhang zwischen seinen Träumen und den Weltenvorgängen besteht. Dieses Traumschlafbewußtsein ist nicht umfassend, aber es spiegelt sich darin ab das Unorganische, das Mineralische sowie das Pflanzliche und das Tierische. Dem Unentwikkelten erscheinen in diesen Träumen vielfach Spiegelbilder seiner eigenen Leidenschaften, seiner Tiernatur.
[ 5 ] Im vierten, dem Wachzustand, dem engsten, aber auch klarsten Bewußtseinszustand, nimmt man wahr das Mineralreich, Pflanzen, Tiere, Menschen, aber nur das Äußere, die Form, nicht das Gesetz, nicht die Empfindung. Das muß der Mensch im Wachzustand sich erst konstruieren nach der äußeren Gebärde.
[ 6 ] Hierauf folgen die höheren Zustände des Bewußtseins, bei denen die helle Klarheit des physischen Bewußtseins erhalten bleibt. Der fünfte Zustand, das psychische Bewußtsein, dehnt sich aus, erweitert sich über die astrale Welt. Darin werden Gefühle unmittelbar geschaut. Man sieht zum Beispiel nicht nur das saure Gesicht eines Menschen, sondern unmittelbar das Gefühl. Der sechste Zustand ist das hyperpsychische Bewußtsein. In diesem kann der Mensch zu allem Kamischen hinzu auch noch wahrnehmen alles, was lebt. Er schaut das Prinzip des Wachstums, des Lebens selbst. Der siebente Zustand ist das spirituelle Bewußtsein: Der Mensch nimmt darin alles, was im Kosmos geschieht, in hellem, klarem Bewußtsein wahr.
[ 7 ] Dann haben wir die sieben Evolutionsetappen des Lebens; diese nennen wir:
1. Das erste Elementarreich
2. Das zweite Elementarreich
3. Das dritte Elementarreich
4. Das Mineralreich
5. Das Pflanzenreich
6.Das Tierreich
7. Das Menschenreich.
[ 8 ] Wenn wir diese Stadien charakterisieren wollen in ähnlicher Weise wie vorher die des Bewußtseins, so können wir sagen:
[ 9 ] Das erste Elementarreich ist am allersubjektivsten. Das zweite Elementarreich ist schon weniger subjektiv. Das dritte Elementarreich ist noch weniger subjektiv. Wir können nämlich drei Grade der Subjektivität in den drei Elementarreichen unterscheiden. Da, wo es anfängt objektiv zu werden, das heißt, so wirkt, daß es nicht nur von innen nach außen wirkt, sondern von außen gesehen wird, wird es zum Mineralreich. Bei dem ersten Elementarreich macht das Sein sich nach außen geltend. Bei dem zweiten Elementarreiche macht sich das Leben nach außen geltend. Bei dem dritten Elementarreich drängt sich die Empfindung oder das Bewußtsein nach außen. Bei dem vierten, dem Mineralreich, ist das Sein objektiv geworden (4. Lebensstufe). Das Pflanzenreich: dabei ist das Leben objektiv geworden (5. Lebensstufe). Das Tierreich: dabei sind Empfindung und Bewußtsein objektiv geworden (6. Lebensstufe). Im Menschenreich werden alle drei Grade objektiv (7. Lebensstufe). Bewußtsein und Ich sind dann ganz in die Objektivität getreten.
[ 10 ] Es entwickelt sich also das Leben durch die sieben Reiche hindurch, aber auch die Form geht durch sieben Stadien hindurch. Diese sind:
1. Die arupische Form, die Form in ihrer allerersten Anlage, wo sie noch keine eigentliche Form ist, aber schon nach außen drängt.
2. Die rupische Form, die geistige Form, die zarteste Andeutung einer äußeren Form.
3. Die astrale Form, sie fängt an, äußerlich sichtbar zu werden.
4. Die physische Form.
5. Die plastische Form, die nicht mehr starr ist, sondern von innen heraus sich geltend macht, in der das Leben nach außen drängt in die Form.
6. Die intellektuelle, noch beweglicher gewordene Form, worin der Geist nach außen drängt.
7. Die archetypische, die urbildliche Form. Diese Form beherrscht sich absolut, ist ganz in sich beweglich. Alles drängt nach außen, sie kann alles gestalten, sie ist tätig.
[ 11 ] Wenn wir nun die Evolution irgendeiner Wesenheit betrachten wollen, müssen wir uns klar sein, daß sie durch alle diese Stadien des Bewußstseins, des Lebens und der Form gehen muß, und zwar in folgender Weise:
[ 12 ] Jedes Wesen muß die sieben Stadien des Bewußtseins durchmachen, und eine jede Etappe dieses Bewußtseinszustandes in ihren verschiedenen Ausgestaltungen wird in den theosophischen Lehrbüchern ein planetarisches System genannt. Ein Wesen macht ein planetarisches System durch, heißt: Es metamorphosiert sich in diesen sieben Bewußtseinszuständen. Jetzt macht der Mensch den Zustand des wachen Bewußtseins durch; dieses nennen wir Erdenzustand. Vorher hat der Mensch den Zustand des Traumbewußtseins durchgemacht. Damals lebte er in der Etappe der lunarischen Entwicklung. Man sagt: Der Mensch hat in seiner Entwicklung den Mond absolviert.
[ 13 ] In jedem Bewußtseinszustand muß der Mensch durch alle Reiche, das heißt durch alle Zustände des Lebens hindurchgehen. So ging er auf dem Monde durch das erste, zweite, dritte Elementarreich sowie durch die anderen vier Reiche traumbewußt. Dann mußte er auf der Erde die sieben Lebensstadien durchmachen. Gegenwärtig ist der Mensch auf dem planetarischen System der Erde, also im Wachzustand, im mittleren Lebensstadium, dem Mineralreich. Der Form nach ist der Mensch jetzt physisch (vierter Globus oder vierter Formzustand); dem Leben nach mineralisch (vierte Runde); dem Bewußtsein nach wach (viertes planetarisches System). Der Durchgang eines Wesens durch eines der Lebensreiche wird eine Runde genannt. Zu jedem planetarischen System gehören sieben Runden. Der Mensch ist auf der Erde in der vierten Runde. In dieser wird die mineralische Entwicklung zur Vollendung geführt, in der fünften Runde die pflanzliche, in der sechsten Runde die tierische, das Tierbewußtsein, in der siebenten Runde die menschliche, das Menschenbewußtsein. Jedes Wesen muß in jedem dieser sieben Reiche alle sieben Formen durchmachen, er nimmt jede Form an. Es wird erst arupisch, dann rupisch, dann astral, dann physisch, dann plastisch, dann intellektuell und schließlich urbildlich. Diese sieben Formmetamorphosen nannte man im Anfang der theosophischen Lehr-Entwicklung die sieben Globen:
Die arupische Metamorphose den ersten Globus,
die rupische Metamorphose den zweiten Globus,
die astrale Metamorphose den dritten Globus,
die physische Metamorphose den vierten Globus,
die plastische Metamorphose den fünften Globus,
die intellektuelle Metamorphose den sechsten Globus,
die urbildliche Metamorphose den siebenten Globus.
[ 14 ] Diese sieben Globen sind nicht wirklich getrennte Globen; der objektive Vorgang ist nicht so, daß man einen Globus verläßt und auf einen anderen kommt, vielmehr bilden die Globen zusammen eine Kugel, in der sich diese verschiedenen Formzustände gegenseitig durchdringen und auf der dasselbe Wesen sieben Metamorphosen durchläuft. Diese Entwicklung der Formzustände nennt man in der älteren esoterischen Sprache Phasenzustände. Das hängt zusammen mit etwas, was sich durch folgenden Gedankengang beschreiben läßt.
[ 15 ] Wir denken uns ein physisch sehendes Wesen und stellen uns vor, daß alle diese Zustände immerwährend in der Welt vorhanden sind. Während der Mensch auf seiner Stufe steht, stehen andere Wesenheiten in anderen Entwicklungsstadien. Man nennt das in der esoterischen Sprache: Hier beginnt eine höhere Form des Raumes. Diese Region nennt der Esoteriker die Region der Durchlässigkeit. Schon im Astralen können zwei Wesen einander durchdringen. Man muß in sich eine Empfindung von der Region der Durchlässigkeit entwickeln, von der Durchdringung unserer Welt durch eine andere. Wenn wir den Blick in die Welt hinaus richten, können wir physisch nur einen Teil des Kosmos sehen, einen Ausschnitt aus dem Ganzen. Ein Himmelskörper ist sichtbar, heißt: er befindet sich im vierten Zustand der Form, in der Phase der physischen Form, und unter den Stadien des Lebens befindet er sich im Mineralreich.
[ 16 ] Ein Wesen, das durch die verschiedenen Formen hindurchgeht, wird nach und nach sichtbar, von der arupischen Form abwärts und verschwindet wieder nach und nach bis zur urbildlichen Form. Deshalb nennen wir diese Formzustände auch Phasen. Die Erde hat den arupischen, rupischen und astralen Zustand durchgemacht, ehe sie physisch sichtbar wurde. Sie wird nach dem physischen noch den plastischen, den intellektuellen und den urbildlichen Zustand durchmachen.
[ 17 ] Auf dem physischen Plan besteht eine okkulte Beziehung zwischen diesen Phasen der Form und den Phasen des Mondes. Man nennt daher das Hindurchgehen eines Wesens durch die sieben Formphasen vom arupischen Zustand zum archetypischen einen Weltenmonat. Das Durchgehen durch alle Bewußtseinszustände nennt man ein Weltenjahr. Zwischen dem Weltentag (Formzyklus) und dem Weltenjahr (Bewußtseinszyklus) liegt der Weltenmonat (Lebenszustände), der länger ist als der Weltentag und kürzer als das Weltenjahr.
[ 18 ] In der esoterischen Sprache heißt das Bewußtsein: die Sonne; die Form: der Mond; das Leben für uns jetzt: die Erde. Ein Bewußtseinszustand dauert am längsten, dann ein Lebenszustand weniger lang und ein Formzustand am kürzesten. Jeder Lebenszustand muß durch alle sieben Formzustände hindurchgehen. Vom Arupa- bis zum archetypischen Zustand geht er hindurch zunächst im ersten Elementarreich, dann im zweiten und dritten Elementarreich und so weiter. Dadurch macht er sieben mal sieben aufeinanderfolgende Metamorphosen des Lebens durch - das sind die sieben Runden, die durch je sieben Metamorphosen der Form hindurchgehen, die sieben mal sieben Metamorphosen oder 49, die jedes Wesen durchzumachen hat: 49 auf der Erde, 49 auf dem Monde, so je 49 auf sieben planetarischen Systemen, also sieben mal 49 = 343 (die Quersumme ist 10). Diese 343 Zustände heißen ein Weltenjahr. Jetzt sind wir im vierten planetarischen System (dem vierten Bewußtseinszustand, dem Wachbewußtsein). Auf der Erde sind wir, und zwar gehen wir durch das vierte Reich des Lebens, die vierte Runde, das Mineralreich hindurch. Das Mineralreich ist auf dem vierten Globus, das heißt in der vierten Formphase, der physischen, angelangt, und es wird in dieser Runde zur Vollendung kommen, daher auch der physische Körper des Menschen in seinen mineralischen Bestandteilen in dieser Runde zur Vollkommenbheit gelangt. Erst nach Vollendung aller 343 Zustände wird der Mensch das, was wir einen «Gott» nennen, aber doch nicht der höchste Gott, sondern das, was wir den dritten Logos nennen, das ist in Wahrheit der Logos der Form, der durch die 343 Metamorphosen hindurchgegangen sein wird. Er stellt die Form im höchsten Stadium dar. Diese verschiedenen Gestaltungen des Bewußtseins sind auf dem höheren Plan wiederum Form. Als Einheit gedacht sind also diese 343 Formen der dritte Logos. Der zweite Logos wird das Leben im höchsten Stadium darstellen und der erste Logos das Bewußtsein im höchsten Stadium. Die Stadien der Form werden den Esoterikern durch Farben und Zeichen dargestellt, die Stadien des Lebens durch Töne, das Leben erklingt. Für die Stadien des Bewußtseins sind in der physischen Welt zu charakterisierende Zeichen nicht vorhanden.
