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The Rudolf Steiner Archive

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The Occult Truths of Old Myths and Legends
GA 92

12 May 1905, Berlin

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13. Dritter Vortrag

Third lecture

[ 1 ] Im vorhergehenden Vortrag haben wir gesehen, wie der große Künstler Wagner zum Mythos zurückgekehrt ist, um große Weltzusammenhänge darzustellen. Im Siegfried-Mythos lebt der ganze Inhalt der nordischen Weltanschauung bis zu der Zeit des Christentums. Diese nordische Weltanschauung hat einen tragischen Zug; sie endet in der Götterdämmerung. Was bedeutet dieser tragische Zug?

[ 1 ] In the previous lecture, we saw how the great artist Wagner returned to myth in order to depict the great connections of the world. The entire content of the Nordic worldview up to the time of Christianity lives on in the Siegfried myth. This Nordic worldview has a tragic aspect; it ends in the twilight of the gods. What does this tragic aspect mean?

[ 2 ] Ich habe gesagt, daß es auch im Norden Mysterien gab; in ihnen wurde den Schülern erklärt, was es bedeutet, daß der nordische Mythos mit der Götterdämmerung abschließt. In diesen Mysterien wird etwas enthüllt von dem, was noch verborgen ist und erst in der kommenden Zeit geschehen soll. Die Priester der nordischen Welt hatten zu verkünden, daß die alte Götterwelt untergehen werde und eine neue aus dem Feuer, in dem die nordische Welt untergeht, durch Christus zu geläuterter Liebe sich erheben werde. Das Alte mußte sterben; daher der tragische Zug nach dem Ende hin. Das ist es, was Wagner in so wunderbarer Weise hindurchleuchten läßt: Diese Vorbereitungsstimmung der nordischen Sagen, die ausklingt in der Götterdämmerung.

[ 2 ] I have said that there were also mysteries in the North; in them, the disciples were taught what it means that the Nordic myth ends with the twilight of the gods. In these mysteries, something is revealed of what is still hidden and will only happen in the coming age. The priests of the Nordic world had to proclaim that the old world of gods would perish and that a new one would rise from the fire in which the Nordic world perishes, purified by Christ into love. The old had to die; hence the tragic movement toward the end. This is what Wagner brings to light in such a wonderful way: this preparatory mood of the Norse legends, which comes to an end in Götterdämmerung.

[ 3 ] Vier Phasen hat diese nordische Weltanschauung. Durch vier Stufen ist die Menschheit gegangen, und dann ist Christus gekommen. Wir leben heute in der fünften Unterrasse der fünften Wurzelrasse, der andere vorangingen: Die Sanskrit-Kultur, dann die persisch-medische und die chaldäisch-babylonisch-ägyptische Kultur; die griechisch-lateinische Kulturepoche war die vierte, und nun haben wir im Norden den teutonisch-germanischen Volksstamm. Da schießt das Christentum als ein neuer Einschlag hinein. Auf dieser Stufe wird sich alles ändern, und das Alte wird untergehen. Dies wird sehr schön dargestellt in der Erzählung von WinfriedBonifatius, der die heilige Eiche fällt. «Eiche» ist gleichbedeutend mit «Druide» in den alten Mysterien. So bedeutet das Zertrümmern der Eiche die Vernichtung der alten nordischen Religion. Diese Überwindung des Druidenkultus haben die nordischen Mysterien vorhergesagt.

[ 3 ] This Norse worldview has four phases. Humanity has gone through four stages, and then Christ came. We live today in the fifth sub-race of the fifth root race, the others preceding it: the Sanskrit culture, then the Persian-Median and Chaldean-Babylonian-Egyptian cultures; the Greek-Latin cultural epoch was the fourth, and now we have the Teutonic-Germanic tribe in the north. Christianity bursts in as a new influence. At this stage, everything will change and the old will perish. This is beautifully illustrated in the story of Winfried Bonifatius, who cuts down the sacred oak tree. “Oak” is synonymous with “druid” in the ancient mysteries. Thus, the destruction of the oak tree signifies the destruction of the ancient Nordic religion. The Nordic mysteries predicted the overcoming of the druid cult.

[ 4 ] Während die vier ersten Unterrassen im Süden sich entwickelten, haben die nordischen Völkerschaften diese Entwicklung für sich vorbereitet. Auch hier haben wir vier Phasen, auch hier geht die Entwicklung durch vier Stufen; die letzte ist die Götterdämmerung selbst. Es ist eigentümlich, daß in diesen vier Phasen die ganze frühere Entwicklung der Menschen sich wiederholt. Die Menschheit hat verschiedene Zustände durchgemacht. Der nordische Mythos ist eine Art Erinnerung an die ganze Geschichte der Erde; sie lebt in ihm als Anschauung, als mythischer Inhalt. Und in Wagners Dramen leben diese vier Stufen der Entwicklung, weil er seine Dramen aus dem Mythos genommen hat. Ganz richtig hat Wagner eine Tetralogie gebildet. Mit dem Vorspiel stellt sich in den vier Teilen die Entwicklung der Menschen dar; die fünfte Stufe wird das Christentum sein.

[ 4 ] While the first four sub-races developed in the south, the Nordic peoples prepared for this development. Here, too, we have four phases, and here, too, the development goes through four stages; the last is the twilight of the gods itself. It is peculiar that in these four phases, the entire earlier development of humankind is repeated. Humanity has gone through various states. The Nordic myth is a kind of memory of the entire history of the earth; it lives in it as a vision, as mythical content. And these four stages of development live in Wagner's dramas because he took his dramas from the myth. Wagner was quite right to form a tetralogy. The prelude presents the development of humanity in four parts; the fifth stage will be Christianity.

[ 5 ] Was ist das Grundmotiv im «Rheingold»? Und was ist das Grundmotiv unserer jetzigen Wurzelrasse? - Wenn wir zurückgehen zur polarischen Wurzelrasse, finden wir Menschen, die noch nicht Selbstbewußtsein besaßen und noch nicht in verschiedene Geschlechter getrennt waren; ebenso bei den Hyperboräern. Erst in der dritten Wurzelrasse, in der lemurischen Epoche, wird der Mensch eingeschlechtlich. Und erst in der atlantischen Zeit wird das Ich geboren, bei der fünften Unterrasse. Da sagt der Mensch zum ersten Male zu sich selbst «ich». Dieses Ich-Bewußtsein wird im Mythos als Zwerg geschildert, als Alberich, es wird empfunden als aus Nifelheim aufsteigend. Atlantis war das Nifelheim, und mit Recht konnte es ein Nebelheim genannt werden. Noch nicht war unsere Erdatmosphäre von den Wasserdämpfen gereinigt, noch gab es keine Niederschläge durch Regen. Aus diesem Nifelheim mit seinen brodelnden Wassern und schwebenden Nebeln heraus wird das menschliche Ich geboren. Das drückt Wagner großartig aus in dem Es-Dur-Akkord des Orchesters; das Grundmotiv unserer gegenwärtigen Menschheit erschallt aus Nifelheim.

[ 5 ] What is the basic motif in “Rheingold”? And what is the basic motif of our present root race? If we go back to the polar root race, we find people who did not yet possess self-consciousness and were not yet divided into different sexes; the same is true of the Hyperboreans. It is only in the third root race, in the Lemurian epoch, that humans become unisexual. And it is only in the Atlantean period, with the fifth sub-race, that the ego is born. This is when human beings say “I” to themselves for the first time. This ego-consciousness is depicted in mythology as a dwarf, as Alberich, and is perceived as rising up from Nibelheim. Atlantis was Nibelheim, and it could rightly be called a foggy home. Our Earth's atmosphere had not yet been purified by water vapor, and there was no precipitation in the form of rain. Out of this Nibelheim, with its seething waters and floating mists, the human ego is born. Wagner expresses this magnificently in the E-flat major chord of the orchestra; the basic motif of our present humanity resounds from Nibelheim.

[ 6 ] Machen wir uns klar, was auf Erden geschehen ist in dieser Zeit. Als ein seelisches Wesen kam der Mensch auf die Erde. Aus der Äthererde wurde sein Leib geboren. Noch ist der Mensch nicht Mann oder Weib, noch weiß er nichts von Besitz, nichts von Macht. Als Wasser wird die Seele bezeichnet. Der Besitz, der zugleich Macht ist, wird noch gehütet von den wogenden Mächten der Astralwelt, den Rheintöchtern. Aber es bereitet sich langsam vor, was in der atlantischen Zeit herauskommt: das Ich, der Egoismus. Aber in dem ursprünglichen Seelenwesen war etwas enthalten, worauf der Mensch nun verzichten muß: die Liebe, die noch nicht eine äußere Wesenheit sucht, sondern die in sich selbst ruht. Auf diese in sich selbst ruhende Liebe muß Alberich verzichten. Das kann er durch den Ring, der alles Menschliche verbindet. Solange die Zweigeschlechtlichkeit erhalten war, bedurfte der Mensch des Ringes nicht; erst als er die seelische Liebe aufgab, die Zweigeschlechtlichkeit, mußte der Ring äußerlich das verbinden, was getrennt ist. In der Vereinigung mit einem anderen Sonderwesen muß der Mensch nun die Liebe erreichen. Der Ring ist das Symbol des Zusammenschlusses gesonderter Menschen, die Verbindung der beiden Geschlechter im Physischen. Als Alberich den Ring erobert, muß er die Liebe aufgeben. Nun kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr im Einheitlichen schaffen kann. Früher waren Leib, Seele und Geist eins. Jetzt schafft die Gottheit von außen her den Leib. Die Geschlechter stehen sich feindlich gegenüber; die zwei Riesen Fafner und Fasolt stellen sie dar. Der menschliche Körper ist eingeschlechtlich geworden.

[ 6 ] Let us be clear about what happened on earth during this time. Human beings came to earth as spiritual beings. Their bodies were born from the etheric earth. At this point, human beings were not yet male or female, nor did they know anything about possessions or power. The soul is described as water. Possessions, which are also power, were still guarded by the surging forces of the astral world, the Rhine maidens. But what will emerge in the Atlantean era is slowly preparing itself: the ego, selfishness. However, the original soul being contained something that humans must now renounce: love that does not yet seek an external entity, but rests within itself. Alberich must renounce this love that rests within itself. He can do this through the ring that connects everything human. As long as dual sexuality was preserved, man did not need the ring; only when he gave up soul love, dual sexuality, did the ring have to connect externally what was separated. In union with another special being, man must now attain love. The ring is the symbol of the union of separate human beings, the connection of the two sexes in the physical realm. When Alberich conquers the ring, he must give up love. Now comes the time when man can no longer create in unity. Formerly, body, soul, and spirit were one. Now the deity creates the body from outside. The sexes are hostile to each other; they are represented by the two giants Fafner and Fasolt. The human body has become unisex.

[ 7 ] In den alten Religionen ist der menschliche Körper als Tempel dargestellt worden; an ihm schafft die Gottheit von außen. Den inneren Tempel, unsere Seele, soll der Mensch selbst schaffen, seitdem er ein Ich geworden ist. In der schaffenden Gottheit ist die Liebe noch erhalten; sie schafft noch an dem «äußeren Tempel». Das ist im Mythos in der Stelle enthalten, wo Wotan den Riesen den Ring nehmen will und wo ihm Erda erscheint und ihm davon abrät. Erda ist das hellseherische Gesamtbewußtsein der Menschheit. Der Gott soll den Ring nicht behalten, der das zusammenschließt, was sich auflösen muß, um erst auf höherer Stufe, wenn die Geschlechter sich wiederum neutralisiert haben, sich wieder zu vereinigen. So ist Wotan durch die prophetisch-hellscherische Kraft des Erdenbewußtseins abgehalten, den Ring in seine Gewalt zu bekommen; der Ring bleibt den Riesen. In jedem Menschen ist fortan nur ein Geschlecht enthalten. Der Riese bedeutet die physische Körperlichkeit. Nun erst bauen die Riesen Walhall. Im Streite um den Ring wird Fasolt von Fafner getötet, es ist der Gegensatz zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen. In jedem Menschen wird erst ein Geschlecht ertötet; der Mann tötet das Weib, das Weib den Mann in sich.

[ 7 ] In the old religions, the human body was represented as a temple; the deity creates in it from outside. Since becoming an “I,” man himself must create the inner temple, our soul. In the creative divinity, love is still preserved; it still creates the “outer temple.” This is contained in the myth where Wotan wants to take the ring from the giants and Erda appears and advises him against it. Erda is the clairvoyant collective consciousness of humanity. The god should not keep the ring, which binds together what must be dissolved in order to reunite at a higher level, when the sexes have neutralized each other again. Thus, Wotan is prevented by the prophetic and clairvoyant power of the earth consciousness from gaining possession of the ring; the ring remains with the giants. From then on, each human being contains only one gender. The giant represents physical corporeality. Only now do the giants build Valhalla. In the battle for the ring, Fasolt is killed by Fafner, representing the conflict between the masculine and the feminine. In each human being, one gender is killed first; the man kills the woman within himself, and the woman kills the man within herself.

[ 8 ] Nun aber muß erst aus dem umfassenden Erdenbewußtsein das höhere Bewußtsein geboren werden. Das geschieht durch die Verbindung Wotans mit Erda, und es entsteht Brünhilde. In ihr ist noch etwas vorhanden von der göttlichen Allweisheit des Weltbewußtseins. Dieses Bewußtsein tritt aber zunächst zurück. Dagegen erzeugt Wotan mit einem Erdenweibe Siegmund und Sieglinde. Das ist die seelische Zweigeschlechtlichkeit, die männliche und die weibliche Seele. Jede kann unmöglich für sich allein weiterleben. Die weibliche Seele, Sieglinde, verfällt dem Raub durch Hunding; die Seele muß sich ergeben an das physische Gehirn. Nun beginnen die Irrwege Siegmunds, der im Leibe eingeschlossenen Seele; sie ist nicht mächtig genug, an das Göttliche heranzutreten, das verloren ging. Die Götter können Siegmund nicht schützen; das Schwert zerschellt am Speere des Wotan.

[ 8 ] But now the higher consciousness must first be born out of the comprehensive earthly consciousness. This happens through Wotan's union with Erda, and Brünhilde is created. In her there is still something of the divine omniscience of world consciousness. However, this consciousness initially recedes. In contrast, Wotan creates Siegmund and Sieglinde with an earthly woman. This is the spiritual duality of the sexes, the male and female souls. Neither can possibly live on alone. The female soul, Sieglinde, falls prey to Hunding; the soul must surrender to the physical brain. Now begin the wanderings of Siegmund, the soul imprisoned in the body; it is not powerful enough to approach the divine that has been lost. The gods cannot protect Siegmund; the sword is shattered by Wotan's spear.

[ 9 ] Da muß Wotan die Leitung abgeben an das ganz im Sinnlichen wirkende menschliche Selbst, an Hagen, den Sohn Alberichs, an das Prinzip des niederen Selbst. Gegen das Bündnis des männlichen mit dem weiblichen Seelischen verschwören sich alle Mächte. Wotan selbst muß Fricka beistehen. Fricka stellt die männlichweibliche Seele auf höherer Stufe dar; sie drängt Wotan, die Verbindung zwischen männlicher und weiblicher Seele auf irdischer Stufe zu lösen. Es bleibt im Leben das männliche und das weibliche Seelische zusammengefügt; auf der Erde aber spielt das Blut, spielt die Sinnlichkeit hinein. Tief ist das angezeigt in dem Zug der Geschwisterliebe. Das ist das Unerlaubte, was hineinspielt, und wenn das herrschend bleibt, müssen Siegmund und Sieglinde, muß das Physische untergehen. Sieglinde soll durch das allumfassende Bewußtsein, Brünhilde, vernichtet werden; alle Erdenentwicklung wäre gehemmt. Brünhilde steht ihr aber bei und gibt ihr das Roß Grane, das den Menschen durch die Erdenereignisse trägt. Brünhilde zieht sich in die Verbannung zurück, Waberlohe umgibt ihren Felsen. Jetzt ist das hellseherische Bewußtsein umgeben von dem Feuer, durch das der Mensch erst hindurch muß, um gereinigt zu werden, wenn er wieder hin will zu dem allumfassenden Bewußtsein.

[ 9 ] Wotan must then relinquish control to the human self, which acts entirely in the realm of the sensual, to Hagen, Alberich's son, to the principle of the lower self. All powers conspire against the alliance of the male and female souls. Wotan himself must assist Fricka. Fricka represents the male-female soul on a higher level; she urges Wotan to dissolve the connection between the male and female souls on the earthly level. In life, the male and female souls remain united; but on earth, blood and sensuality play a role. This is deeply indicated in the sibling love. This is the illicit element that comes into play, and if it remains dominant, Siegmund and Sieglinde, the physical, must perish. Sieglinde is to be destroyed by the all-encompassing consciousness, Brünhilde; all earthly development would be hindered. But Brünhilde stands by her and gives her the horse Grane, which carries man through earthly events. Brünhilde retreats into exile, Waberlohe surrounds her rock. Now the clairvoyant consciousness is surrounded by the fire through which man must first pass in order to be purified if he wants to return to the all-encompassing consciousness.

[ 10 ] Sieglinde aber, das Seelisch-Weibliche, gebiert Siegfried, das menschliche Bewußtsein, das wieder hinauf soll zum Höheren. Er wächst auf in der Verborgenheit bei Mime. Er muß die niedere Natur, den Lindwurm überwinden, um sich die Macht zu erringen. Er überwindet auch Mime. Wer ist Mime? Mime kann etwas verleihen, was unsichtbar macht, die Tarnkappe, etwas von einer Macht, die für die gewöhnlichen Menschen nicht sichtbar ist. Die Tarnkappe ist das Symbol des Magiers - und zwar sowohl des weißen wie des schwarzen Magiers -, der sichtbar unter uns wandelt, aber als solcher unsichtbar ist. Mime ist der Magier, der aus irdischen, schwarzen Kräften heraus die Tarnkappe geben kann. Er will Siegfried zum schwarzen Magier machen, aber Siegfried will nicht. Er hat den Lindwurm getötet, einen Tropfen des Blutes, des Symbols der Leidenschaften in sich aufgenommen und ist dadurch in den Stand gesetzt, die Sprache der Vögel, des Sinnlich-Irdischen, zu verstehen. Er kann den Weg des höheren Eingeweihten gehen; der Weg zu Brünhilde, dem Allbewußtsein, wird ihm gezeigt.

[ 10 ] Sieglinde, however, the soulful feminine, gives birth to Siegfried, the human consciousness that must rise again to the higher realm. He grows up in seclusion with Mime. He must overcome his lower nature, the Lindworm, in order to gain power. He also overcomes Mime. Who is Mime? Mime can bestow something that makes one invisible, the magic helmet, something of a power that is invisible to ordinary people. The magic helmet is the symbol of the magician—both the white and the black magician—who walks visibly among us but is invisible as such. Mime is the magician who can give the magic helmet from earthly, black powers. He wants to make Siegfried a black magician, but Siegfried does not want this. He has killed the Lindworm, taken a drop of its blood, the symbol of passion, into himself, and is thus enabled to understand the language of birds, of the sensual and earthly. He can follow the path of the higher initiate; the path to Brünhilde, to universal consciousness, is shown to him.

[ 11 ] Bis jetzt haben wir drei Phasen der nordischen Entwicklung: Erst den Zwerg, dann den Riesen, und nun den Menschen. Die Walküre bedeutete die zweite Phase. Und in Siegfried haben wir erst die Geburt des Menschen selbst. Eingeschlossen in die Körperlichkeit muß er erst wieder den Weg zurückfinden zur reinen Weisheit. In der Götterdämmerung, in dem vierten Teile, ist ausgedrückt, daß in der nordischen Welt der Mensch noch nicht reif war, daß er die vollständige Einweihung noch nicht erlangt hatte. Siegfried ist noch verwundbar an einer einzigen Stelle, an derselben, wo Christus das Kreuz getragen hat. Siegfried konnte das Kreuz noch nicht auf sich nehmen. Es ist dies ein tiefer Ausdruck dafür, was dem nordischen Volke noch fehlte: daß ihm dieses Christentum noch eine Notwendigkeit war. Siegfried kann sich nicht mit Brünhilde vereinigen; er ist die menschliche Seele, aus dem Erdenweib gezeugt, aus der Vereinigung Siegmunds und Sieglindes. Brünhilde ist die jungfräulich Gebliebene, das höhere Bewußtsein.

[ 11 ] So far, we have three phases of Nordic development: first the dwarf, then the giant, and now man. The Valkyrie represented the second phase. And in Siegfried, we have the birth of man himself. Enclosed in physicality, he must first find his way back to pure wisdom. In Götterdämmerung, the fourth part, it is expressed that in the Nordic world, man was not yet mature, that he had not yet attained complete initiation. Siegfried is still vulnerable in one place, the same place where Christ carried the cross. Siegfried could not yet take up the cross. This is a profound expression of what the Nordic people still lacked: that Christianity was still a necessity for them. Siegfried cannot unite with Brünnhilde; he is the human soul, begotten from the earth woman, from the union of Siegmund and Sieglinde. Brünnhilde is the one who has remained a virgin, the higher consciousness.

[ 12 ] In der letzten Phase muß das höhere Wissen erlangt werden. Weil der Mensch noch nicht die Fähigkeit erlangt hat, sich mit der jungfräulichen Weisheit zu vereinigen, hat er den Trieb nach höherem Wissen als Verlangen. Dies muß überwunden werden. Und daß er sich in irdischer Begehrlichkeit mit Brünhilde vereinigen will, führt zum Austausch der Güter; sie gibt das Roß, er den Ring.

[ 12 ] In the final phase, higher knowledge must be attained. Because man has not yet attained the ability to unite with virgin wisdom, he has a desire for higher knowledge. This must be overcome. And his desire to unite with Brünhilde in earthly lust leads to an exchange of goods; she gives him the horse, he gives her the ring.

[ 13 ] Bevor der Mensch sich mit dem höheren Selbst vereinigen kann, hat auch der Ring, der äußere Zwang, noch nicht seine Macht verloren. Der Mensch taucht unter in das niedere Bewußtsein, er ist mit Blindheit geschlagen. Siegfried vergißt Brünhilde, er verbindet sich mit Gudrun, dem niederen Bewußtsein. Er will sogar für den Nicht-Würdigen, den anderen, für Gunther, um Brünhilde werben. Das heißt, in der letzten Phase, vor Eintritt des Christentums, verfällt der Mensch noch einmal dem nicht reinen Pfad, den dunklen Mächten. Die unrechtmäßige Verbindung Brünhildes mit Gunther ist die Ursache zu Siegfrieds Verderben. Er muß den Tod finden durch die niederen Mächte, in deren Gewalt er sich verstrickt hat.

[ 13 ] Before man can unite with the higher self, the ring, the external compulsion, has not yet lost its power. Man sinks into the lower consciousness; he is struck blind. Siegfried forgets Brünhilde and unites himself with Gudrun, the lower consciousness. He even wants to woo Brünhilde for the unworthy, the other, for Gunther. This means that in the final phase, before the advent of Christianity, man once again falls into the impure path, into the dark forces. Brünhilde's unlawful union with Gunther is the cause of Siegfried's downfall. He must meet his death at the hands of the lower powers in whose power he has become entangled.

[ 14 ] Es naht die letzte Phase. Noch einmal treten die drei Nornen auf. Es ist die Phase, wo das allumfassende Bewußtsein verlorengeht:

[ 14 ] The final phase is approaching. Once again, the three Norns appear. It is the phase where all-encompassing consciousness is lost:

Zu End’, ewiges Wissen!
Der Welt melden
Weise nichts mehr: —
Hinab zur Mutter, hinab!

To the end, eternal knowledge!
Tell the world
Nothing more: —
Down to the mother, down!

[ 15 ] Die höhere Weisheit, die früher den Göttersöhnen gegeben war, geht auf der Erde verloren; sie geht zurück zum Ewigen. Die Menschheit ist auf sich selbst angewiesen.

[ 15 ] The higher wisdom that was once given to the sons of the gods is lost on earth; it returns to the eternal. Humanity is left to its own devices.

[ 16 ] Das Musikdrama «Tristan und Isolde» ist für den, der tiefer schaut, für Wagner noch einmal ein Immer-klarer-Werden des Problems der Zweiheit der Geschlechter. Das Männliche und das Weibliche hat nur Bedeutung für den physischen Plan. In Tristan lebt die Sehnsucht, nicht mehr getrennt zu sein, den Ausgleich zu finden, ein Bewußtsein zu haben, das nicht mehr männlich oder weiblich ist. Diese Sehnsucht wogt und wallt in dem Drama: Nicht mehr Ich-Tristan zu sein, sondern Isolde in sich aufgenommen zu haben; nicht mehr Ich-Isolde zu sein, sondern Isolde und Tristan zu sein. Verloren ist den beiden das Bewußtsein dieser Trennung. So klingt es aus in den Schlußworten dieser Dichtung, das Erlöstsein von dem Sondersein:

[ 16 ] For those who look deeper, the music drama “Tristan and Isolde” is once again a clarification of the problem of the duality of the sexes for Wagner. The masculine and the feminine only have meaning on the physical plane. In Tristan, there is a longing to no longer be separated, to find balance, to have a consciousness that is no longer masculine or feminine. This longing surges and swells throughout the drama: no longer to be Tristan, but to have taken Isolde into himself; no longer to be Isolde, but to be Isolde and Tristan. The two have lost all awareness of this separation. This is how it sounds in the final words of this poem, the redemption from being special:

In des Wonnemeeres
wogendem Schwall,
in der Duftwellen
tönendem Schall,
in des Weltatems
wehendem All
ertrinken
versinken —
unbewußt —
höchste Lust! —

In the sea of bliss
in the waves of fragrance
in the resounding sound
in the breath of the world
in the blowing universe
to drown
to sink
unconsciously
supreme bliss!

[ 17 ] Jedes Wort ist herausgeprägt aus einem tieferen Wissen. Die astrale Welt ist dieses wogende Wonnemeer, die in duftenden Tönen erschallende Welt ist Devachan. Das Lebensprinzip ist der Welt-Atem, in ihm muß sich alles ausgleichen. Nicht mehr getrennt im Bewußtsein: im Undifferenzierten ertrinken, versinken, unbewußt, das ist höchste Lust. - Höchste Lust für das Irdische ist es in der Tat, zu überwinden das Sinnliche aus dem Geistigen heraus. Die Lust, die zur Vernichtung des Irdischen strebt, adelt; sie ist die Überwindung dessen, was sie selbst in sich hat. Das ist das Problem, das Wagner zu lösen versuchte in «Tristan und Isolde».

[ 17 ] Every word is imprinted with a deeper knowledge. The astral world is this surging sea of bliss, the world resounding with fragrant tones is Devachan. The principle of life is the breath of the world, in which everything must find balance. No longer separated in consciousness: to drown, to sink, unconscious, in the undifferentiated, that is the highest pleasure. The highest pleasure for the earthly is indeed to overcome the sensual from the spiritual. The pleasure that strives for the destruction of the earthly ennobles; it is the overcoming of what it has within itself. This is the problem that Wagner tried to solve in Tristan and Isolde.

[ 18 ] Alle diese Gedanken, sie lebten etwa nicht bewußt, nicht abstrakt in Wagner, sie leben aber in den Mythen, und Wagner zog sie aus den Mythen. Es braucht der einzelne Künstler nicht diese Gedanken abstrakt in sich zu haben. So wie die Pflanze nach Gesetzen wächst, ohne diese Gesetze zu kennen, so leben im Mythos die Weltenkräfte als Symbolbild göttlicher, ewiger Wahrheit.

[ 18 ] All these thoughts did not live consciously or abstractly in Wagner, but they live in myths, and Wagner drew them from myths. The individual artist does not need to have these thoughts abstractly within himself. Just as plants grow according to laws without knowing these laws, so the forces of the world live in myths as symbolic images of divine, eternal truth.

[ 19 ] Wagners Siegfried ist noch verstrickt in das Irdische, er muß darin zugrundegehen. Brunhilde erkennt den Zusammenhang, und sie versteht, um was es sich handelt. So tritt sie den Ring den Rheintöchtern ab, an das Element, das nicht hineingedrungen ist in das Spiel dieser Welt. Die ganze Menschheitsentwicklung geht zurück zur ursprünglichen, jungfräulichen Materie.

[ 19 ] Wagner's Siegfried is still entangled in the earthly realm, and he must perish there. Brunhilde recognizes the connection and understands what is at stake. So she gives the ring to the Rhine maidens, to the element that has not penetrated the game of this world. The entire development of humanity goes back to the original, virgin matter.

[ 20 ] Eine neue Weltanschauung tritt an die Stelle der älteren, nordischen Weltanschauung, die nicht mehr appelliert an das Äußerliche, Sinnliche, sondern nur an das jungfräulich Gebliebene, an die Seele. Brunhilde, die noch mitverstrickt ist in das Äußere, Sinnliche durch ihre Vereinigung mit Siegfried, reitet in das Feuer hinein. Dort herausgeboren wird die Liebe. Es ist dies ein Gedanke, der zunächst noch tragisch ist für den Norden; denn das, was man zu begreifen imstande war, geht zugrunde. Herausgeboren aus dem Feuermeer, der ursprünglichen, jungfräulichen Materie, wird vom Geiste die Liebe. «Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria virgine.» Aus demselben Element, aus dem vorher der Egoismus, die sinnliche Liebe geboren ist, wird jetzt ein neues Gefühl geboren, das erhaben ist über alles, was verstrickt ist in dem physischen Plan. Die Weisheit geht zurück, um aus dem Teile des Elementes, das sich die jungfräuliche Keuschheit bewahrt hat, die Liebe erstehen zu lassen. Das ist der Christus, das christliche Prinzip. Die selbstlose Liebe im Gegensatz zur selbstischen Liebe, das ist die große Evolution, die erkauft wird mit der geheimnisvollen Involution des Todes, dem Untergange des Physischen. Streng haben wir gegenübergestellt die Gegensätze von Leben und Tod.

[ 20 ] A new worldview replaces the older, Nordic worldview, which no longer appeals to the external, sensual, but only to what has remained virgin, to the soul. Brunhilde, who is still entangled in the external, sensual through her union with Siegfried, rides into the fire. There, love is born. This is a thought that is initially tragic for the North, for that which was capable of being understood is destroyed. Born out of the sea of fire, the original, virgin matter, love becomes spirit. “Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria virgine.” From the same element from which egoism and sensual love were previously born, a new feeling is now born that is exalted above everything that is entangled in the physical plane. Wisdom returns to bring forth love from the part of the element that has preserved its virgin purity. This is Christ, the Christian principle. Selfless love, in contrast to selfish love, is the great evolution that is purchased with the mysterious involution of death, the demise of the physical. We have strictly contrasted the opposites of life and death.

[ 21 ] Das Holz ist das verdorrte Leben, und an diesem Holze hängt das neue, das ewige Leben, aus dem das neue Zeitalter jetzt geboren wird. Ein neues, geistiges Leben geht aus der Götterdämmerung hervor. Wie Richard Wagner sich sehnte, nachdem er durch die vier Phasen des nordischen Lebens hindurchgegangen war, dieses christliche Prinzip in seiner Tiefe darzustellen, das hat er uns dargetan in seinem Parsifal - er bedeutet die fünfte Phase. Weil Wagner das durchlebt hat, was das Tragische war in der nordischen Entwicklung, war ihm die Glorifikation des Christentums ein Bedürfnis.

[ 21 ] The wood is withered life, and on this wood hangs the new, eternal life from which the new age is now being born. A new, spiritual life emerges from the twilight of the gods. As Richard Wagner longed to do after passing through the four phases of Nordic life, he showed us the depth of this Christian principle in his Parsifal, which represents the fifth phase. Because Wagner had lived through the tragedy of Nordic development, the glorification of Christianity was a necessity for him.