Occult Truths of Old Myths and Legends
GA 92
30 September 1904, Berlin
6. Die Mysterien der Druiden und Drotten
[ 1 ] Unsere mittelalterlichen Erzählungen - Parzival, Tafelrunde, Hartmann von Aue - zeigen uns alle, obgleich gewöhnlich nur dem äußeren Sinn nach verstanden, esoterische Gestaltungen mystischer Wahrheiten. Wo ist ihr Ursprung zu suchen? Vor der Verbreitung des Christentums müssen wir den Ursprung suchen. In das Christentum hinein ist organisch gewachsen, was in Irland, Schottland [und in Skandinavien] gelebt hat. Wir werden an einen bestimmten Mittelpunkt geführt, von dem dieses Geistesleben ausgegangen ist. Das geistige Leben [Europas] ging aus von einer Zentralloge in Skandinavien, der Drottenloge, Druidenloge. Druide heißt Eiche. Deshalb spricht man äußerlich davon, daß die alten Deutschen unter Eichen ihre Weisungen empfingen.
[ 2 ] Drotten oder Druiden waren uralte germanische Eingeweihte. In England bestanden [die Druidenlogen] bis zu Zeiten der Königin Elisabeth. Alles, was wir in der Edda lesen und in der uralten germanischen Sagenwelt finden können, geht zurück bis in die Tempel der Drotten oder Druiden. Der Dichter [dieser Sagen] ist immer ein Druidenpriester. Die Sagen stellen nicht bloß irgendein Symbol oder eine Allegorie dar — dies auch, aber noch anderes.
[ 3 ] Nehmen wir ein Beispiel: Wir kennen die Sage Baldurs, wir wissen, daß Baldur die Hoffnung der Götter ist, daß er vom Gotte Loki getötet wird mit dem Mistelzweig; der Gott des Lichtes wird getötet. Diese ganze Erzählung hat einen tiefen Mysteriensinn, den jeder, der eingeweiht wurde, nicht nur lernte, sondern zu erleben hatte.
[ 4 ] Bei der Einweihung in die Mysterien der Druiden und Drotten war der erste Akt benannt das «Aufsuchen des Leichnams Baldurs». Es wurde gedacht, daß Baldur immer lebendig ist. Das Aufsuchen bestand in einer völligen Aufklärung über die Natur des Menschen; Baldur war der Mensch, wie er verlorengegangen ist. Einstmals lebte nicht der Mensch von heute, sondern ein anderer, der nicht differenziert war, nicht hinuntergedrückt bis zum Erleben der Leidenschaften, [der noch] in einer feineren, flüchtigen Materie [lebte] - Baldur, der leuchtende Mensch. Bei wirklichem Verständnis sind die Dinge, die uns als Symbol erscheinen, in höherem Sinne zu nehmen. Dieser Mensch, der nicht untergetaucht ist in das, was wir heute Materie nennen, ist Baldur. Er wohnt in einem jeden von uns. Der Druidenpriester mußte in sich selbst diesen höheren Menschen suchen. Ihm wurde klargemacht, worin diese Differenzierung besteht, von den hohen zu den niederen [Menschheitsstufen]. Das Geheimnis aller Einweihung ist, den höheren Menschen in sich zu gebären. Was der Priester schneller durchmacht, werden die [gewöhnlichen] Menschen in langer Entwicklungsreihe durchmachen. Damit diese Druiden Führer der übrigen Menschen sein konnten, dazu mußten sie diese Einweihung empfangen. Der tiefer gestiegene Mensch muß nun die Materie überwinden und jenen höheren Zustand wieder erreichen. Diese Geburt des höheren Menschen verläuft in allen Mysterien in einer bestimmten gleichen Weise. Den in der Materie untergegangenen Menschen hatte man wieder zu beleben; durch eine Reihe von Erfahrungen mußte man gehen - wirkliche Erfahrungen, die wie kein sinnliches Erlebnis auf diesem Plan [hier] sein können.
[ 5 ] Die Etappen [der Einweihung]: Die erste [Etappe] war, daß man vor den sogenannten Thron der Notwendigkeit geführt wurde. Man stand vor dem Abgrund; man erfuhr wirklich an dem eigenen Leibe, wie es sich in den niederen Naturreichen lebt. Der Mensch ist Mineral und Pflanze, aber erfahren kann [das] der gegenwärtige Mensch heute nicht, [er] kann nicht erleben, was die elementaren Stoffe erleben, und doch rührt das Eherne, Zwingende in der Welt davon her, daß wir auch Mineralien, Pflanzen sind.
[ 6 ] Die nächste Stufe führte den Menschen vor alles das, was im Tierreich lebt. Alles, was an Leidenschaften, Begierden lebt, mußte man durcheinanderwogen und -wirbeln sehen. Der Mensch mußte das anschauen, weil die Einweihung den Zweck hat, hinter die Kulissen des Weltendaseins zu schauen. Der Mensch weiß nicht, daß durch seine physische Hülle nur verdeckt wird, was durch den astralen Raum wirbelt. Der Schleier der Maja ist eine wirkliche Hülle, und wer eingeweiht wird, muß dahintersehen - die Hüllen fallen, klar [schauen] wird der Mensch. Das ist ein besonderer Moment: der Priester wurde gewahr, daß sie, [die Hüllen], eingedämmt hatten Triebe, die, wenn sie losgelassen würden, furchtbar wären.
[ 7 ] Die dritte Stufe führte zur Anschauung der großen Natur. Das ist eine Stufe, die der Mensch ohne Vorbereitung noch sehr schwer begreiflich findet. Daß da gewaltige okkulte Mächte ruhen und in diesen Naturkräften sich die Weltenleidenschaften ausdrücken, das ist etwas, was den Menschen aufmerksam macht, daß es Kräfte gibt, die er nicht einmal so erlebt wie sein eigenes Leid.
[ 8 ] Die nächste Prüfung nennt man die «Übergabe der Schlange» durch den Hierophanten. Die Wirkungen, die davon ausgehen, erklärt uns die Tantalus-Sage. Die Gunst, [wie Tantalus] im Rate der Götter zu sitzen, kann mißbraucht werden. Es bedeutet eine Wirklichkeit, die den Menschen gewiß über sich selbst hinaushebt, aber an Gefahren bindet, die nicht übertrieben sind im Tantalidenfluch. In der Regel sagt der Mensch, er vermag nichts gegen die Naturgesetze. Diese sind [schaffende] Gedanken. Mit demjenigen Gedanken, der nur ein schattenhafter Gehirngedanke ist, kann man nichts machen; mit dem schaffenden Gedanken, der die Weltendinge baut und konstruiert, dem produktiven, fruchtbaren, haben wir anstelle des passiven denjenigen, der durchsetzt ist mit spiritueller, geistiger Kraft. Eine Raupe, ausgeblasen, ist [bloß die] Hülle der Raupe; vom [produktiven] Gedanken durchsetzt, ist sie die lebendige Raupe. In den Hüllengedanken wird wirkende, schaffende Kraft gegossen, so daß der Priester imstande ist, nicht nur die Welt anzuschauen, sondern als Magier in ihr zu wirken. Die Gefahr ist, Mißbrauch zu treiben. Auf dieser Stufe erhält der Okkultist eine gewisse Macht, durch die er selbst höhere Wesenheiten zu täuschen in der Lage ist. Er muß Wahrheiten nicht nur nachsprechen, sondern erfahren; entscheiden, ob etwas wahr oder falsch ist. Das heißt: die Übergabe der Schlange durch den Hierophanten.
[ 9 ] Im Geistigen gibt es ebenso ein Rückgrat [wie im Physischen], wo es sich entscheidet, ob man ein geistiges Gehirn bekommt. Diesen Prozeß macht der Mensch durch auf der [dritten] Stufe der Einweihung, [dem «Gang in das Labyrinth»]. Er wird hinausgehoben aus Kama und versehen mit dem geistigen Rückgrat, um in die Wirbel des geistigen Gehirns gehoben zu werden. Die Windungen des Labyrinths sind auf dem geistigen Plan dasselbe, was die Windungen des Gehirns [auf dem physischen Plan] sind. Der Mensch erhält Einlaß in das Labyrinth, in die Windungen innerhalb der höheren Plane.
[ 10 ] Dann mußte er Verschwiegenheit schwören; ein blankes Schwert lag vor ihm, und den stärksten Eid mußte er schwören. Das hieß, daß der Mensch nunmehr schweigen würde über seine Erlebnisse gegenüber dem, der nicht eingeweiht war wie er. Diese eigentlichen Geheimnisse können unmöglich ohne weiteres mitgeteilt werden. Er, [der Eingeweihte], hatte aber die Möglichkeit, die Sagen so zu gestalten, daß sie der Ausdruck des Ewigen sind. Konnte man in dieser Weise sich aussprechen, hatte man natürlich über seine Mitmenschen eine große Gewalt. Wer eine solche Sage formt, prägt etwas in den menschlichen Geist ein. Was man [gewöhnlich] so spricht, wird wieder vergessen, und nur das allerwenigste überdauert den Tod. Ewige Wahrheiten überdauern am längsten den Tod. Vom niederen Wissenschaftlichen überdauert sehr wenig den Tod. Das Ewige, ja, [das überdauert], und es erscheint wieder in einer neuen Inkarnation. Der Druidenpriester sprach aus einem höheren Plan heraus. Waren seine Erzählungen der Ausdruck höherer Wahrheiten, wenn auch einfach, so drangen sie tief in die Seelen hinein. Er hatte einfache Menschen vor sich, aber die Wahrheiten drangen in die Seelen hinein, und sie hatten etwas einverleibt, was wieder in neuen Inkarnationen geboren wird. Damals haben die Menschen Märchen-Wahrheiten erlebt. So haben wir heute einen präparierten Geistkörper, und wenn wir heute höhere Wahrheiten begreifen, so ist es, weil wir präpariert sind. So hat diese Zeit, die im Jahre 61 aufhörte, das Geistesleben Europas vorbereitet, den Boden abgegeben, auf dem sich das Christentum hat aufbauen können. Die Lehren [der Druiden] haben sich erhalten, und wer sucht, findet noch den Zugang zu dem, was in diesen Logen gelehrt wurde.
[ 11 ] Nachdem er, [der Druidenpriester], seinen Schwur auf das Schwert abgelegt hatte, mußte er ein bestimmtes Getränk trinken, und zwar aus einem Menschenschädel. Dies hatte die Bedeutung, daß der Mensch hinausgewachsen war über das Menschliche. Dieses Gefühl mußte der Druidenpriester gegenüber dem niederen Leibe haben. Was in dem Leibe lebte, mußte er so objektiv, so kalt empfinden, daß er ihn nur als ein Gefäß betrachtete. Dann wurde er eingeweiht in die höheren Geheimnisse und wie er wieder hinaufstieg in die höheren Welten, [begegnete er dem lebendigen] Baldur. Er wurde in einen Riesenpalast geführt, der überdeckt war mit funkelnden Schwertern. Ein Mann trat ihm entgegen, der sieben Blumen hinaufwarf - [die sieben Planeten]. [Der Einzuweihende erblickte drei Sitze; auf ihnen thronten]: Himmelsraum, Cherubim, Demiurg. So wurde er ein wirklicher Sonnenpriester.
[ 12 ] Viele lesen die Edda und wissen nicht, daß sie eine Erzählung ist von dem, was sich in den alten Drottenmysterien wirklich ereignet hat. Eine ungeheure Macht lag in den Händen der alten Drottenpriester, eine Macht über Leben und Tod. Es ist eine Wahrheit, daß alles im Laufe der Zeiten korrumpiert wird. Das Druidentum war einst das Höchste, Heiligste. In den Zeiten, als das Christentum sich ausbreitete, war vieles ausgeartet, und es gab viele schwarze Magier, so daß das Christentum wie eine Erlösung war.
[ 13 ] Allein das Studium dieser alten Wahrheiten veranschaulicht fast den ganzen Okkultismus. Kein Stein wurde in dem Druidentempel so auf den anderen gelegt wie heute, sondern genau nach astronomischen Maßen; Türen waren nach Himmelsmaß gebaut. Menschheitsbauer waren die Druidenpriester. Ein schwaches Abbild davon hat sich in den Anschauungen der Freimaurer erhalten. Lernt man die astrale Materie durchschauen, sieht man die Sonne um Mitternacht: 1. Einweihung.
[ 14 ] Übergabe der Schlange: 2. Einweihung.
[ 15 ] Der Gang in das Labyrinth: 3. Einweihung.
