Occult Truths of Old Myths and Legends
Griechische und Germanische Mythologie
GA 92
28 Oktober 1904, Berlin
10. Der Trojanische Krieg
[ 1 ] Da heute einige Neuhinzugekommene hier sind, so möchte ich nur kurz andeuten, daß ich im Verlaufe dieser Stunden versucht habe zu zeigen, wie in den verschiedenen Mythen und Sagen esoterischer Gehalt aufgezeichnet ist und daß man nur die Sprache der Mythen und Sagen handhaben zu können braucht, um in ihnen unter Umständen tiefe esoterische Wahrheiten zu finden. Heute möchte ich im besonderen von einer jener Sagen sprechen, die die merkwürdige Eigentümlichkeit zeigen, daß sie einerseits Sagen sind und auf der anderen Seite einen vollständig äußeren Gehalt von dem physischen Plan her haben, also ein ganz bestimmtes physisches Ereignis zum Ausdruck bringen.
[ 2 ] Bevor ich von dieser Sage sprechen werde, will ich noch einer Tatsache Erwähnung tun, die ja die meisten von Ihnen schon kennen, die man sich aber immer wieder einschärfen muß. Das ist die, daß im Verlauf unserer fünften Wurzelrasse, also in der Zeit vom Untergang der Atlantis in der vierten Wurzelrasse bis zur nächsten Wurzelrasse, ein höchst wichtiger Schritt in der ganzen Menschheitsevolution getan wurde, nämlich der, daß aus der Menschheit selbst heraus Führer der Menschheit, die Manus entstehen. Alle die großen Führer, die Manus, welche während der früheren Wurzelrassen die Menschheit weitergebracht haben, welche ihr die großen Impulse gegeben haben, sie haben ihre Entwicklung nicht rein auf der Erde absolviert, sondern zum Teil auf anderen Himmelskörpern zurückgelegt und haben dabei das, was sie der Menschheit an großen Impulsen zu geben hatten, schon von anderen Welten her auf die Erde mitgebracht. Die Manus der lemurischen und auch die der atlantischen Rasse und auch der Stamm-Manu unserer fünften Wurzelrasse sind übermenschliche Individualitäten, die ihre große Schule, durch die sie die Führer der Menschheit werden konnten, auf anderen Planeten durchgemacht haben. Dagegen bildeten sich während unserer fünften Wurzelrasse innerhalb unserer Menschheit selbst so hoch entwickelte Individualitäten heraus, daß sie nunmehr von der sechsten Wurzelrasse ab Führer der Menschheit werden können. Namentlich der Hauptführer der sechsten Wurzelrasse wird ein Mensch sein, wie wir sind, nur eben einer der Vorgeschrittensten, der Vorgeschrittenste geradezu der Menschen. Es wird eine Wesenheit sein, die damals begonnen hat mit der Entwicklung, als in der Mitte der lemurischen Zeit überhaupt die Menschwerdung geschah, die immer Mensch unter Menschen gewesen ist, nur schneller vorschreiten konnte und alle Stufen der menschlichen Entwicklung mitgemacht hat. Das wird der Grundcharakter des Manu der sechsten Wurzelrasse sein. Der Haupt-Manu der sechsten Wurzelrasse und alle, die ihm zur Seite stehen, müssen durch die mannigfaltigsten Initiationen hindurchgehen; sie müssen wiederholt initiiert gewesen sein. Daher hat es in der fünften Wurzelrasse seit ihrer Entstehung immer initiierte Menschen gegeben, Menschen, die sozusagen in der Richtung initiiert waren, daß sie ihren eigenen freiwilligen Weg gehen konnten. Das war während der ganzen lemurischen und auch während der ganzen atlantischen Zeit nicht der Fall. Da standen diejenigen, die der Menschheit weitergeholfen haben, die sie regiert und gelenkt haben, die Staatenlenker und Lenker großer religiöser Gemeinschaften waren, unter dem Einfluß von höheren Wesenheiten. Sie waren während der lemurischen und atlantischen Zeit unmittelbar abhängig von jenen höherentwickelten Wesenheiten, welche ihre Entwicklung auf anderen Planeten durchgemacht hatten. Erst in der fünften Wurzelrasse wird die Menschheit immer mehr freigegeben. Da haben wir Initiierte, die zwar im Zusammenhang stehen mit den höheren Wesenheiten, denen aber nicht so weitgehende Ratschläge gegeben werden, daß sie vollständig ausgearbeitet sind, sondern es wird den Initiierten der fünften Wurzelrasse immer mehr Freiheit gegeben in den Einzelheiten. Im allgemeinen werden den Initiierten zwar Direktiven gegeben, Impulse gegeben, aber doch so, daß sie aus eigener Geistigkeit und Urteilskraft heraus die Dinge ausführen.
[ 3 ] Zu unserer fünften Wurzelrasse gehören sieben Unterrassen. Sie nehmen folgende Stellung in der Entwicklung ein: Die erste Unterrasse ist die Rasse der Spiritualität, des Geistes; es ist jene Rasse, aus welcher die indische Kulturgemeinschaft hervorgegangen ist, die Rishi-Kultur, die Veden-Kultur. Dann haben wir die zweite Unterrasse, die Rasse der Flamme, das ist die persische Kulturgemeinschaft, die in der Zarathustra-Religion ihren Ausdruck findet. Dann haben wir die dritte Unterrasse, die wir die Rasse der Sterne nennen, die Urchaldäer, von der das israelitische Volk einen Hauptzweig bildet. Die vierte Unterrasse ist die Kulturgemeinschaft, aus welcher die Griechen und Römer hervorgegangen sind, die Rasse der Persönlichkeit. Die fünfte Unterrasse ist die Rasse der Welt; es ist diejenige, innerhalb welcher wir selbst stehen, die Kulturgemeinschaft der germanisch-angelsächsischen Völker, die gegenwärtig im Stadium der Entwicklung ist und die den Menschen zur freien Persönlichkeit macht, die Rasse, die die Welt erobert. Sie wird abgelöst werden von der slawischen Unterrasse, einer von Asien nachrückenden Kulturgemeinschaft.
[ 4 ] In meinem letzten Vortrag habe ich Ihnen von den großen Initiierten in den nordischen Gegenden gesprochen. Ich habe da schon darauf hingedeutet, daß symbolische Bezeichnungen existierten für den Initiierten oder für einen, der mit den Initiationen in irgendeiner Beziehung stand, und daß dafür ein symbolischer Ausdruck ist, daß der Initiierte unverwundbar ist. Diese Unverwundbarkeit, die wir bei Siegfried antrafen, ist auch bei Achilles anzutreffen. In der Tat liegt in dem Mythos, in den Achilles hineingeflochten ist, eine tief esoterische Bedeutung verborgen. Sie müssen bedenken, daß das, was ich auseinandergesetzt habe, gradweise im Verlauf der fünften Wurzelrasse vor sich geht. Die Leitung der Menschheit im Beginn der fünften Wurzelrasse hat der Manu so eingerichtet, daß die Lenkung ganz der Priesterschaft unterstand, die ihre Inspirationen unmittelbar von den höheren göttlichen Wesenheiten, von übermenschlichen Wesenheiten bekam. Dieser initiierten Priesterschaft konnte es überlassen werden, die Menschheit selbst einzuteilen. Es wäre unmöglich gewesen, in anderen Kulturgemeinschaften als solchen, die durch Priesterherrscher gelenkt wurden, eine Einteilung der Menschen in Kasten gerecht durchzuführen. Sie finden daher Kasteneinteilungen auch eigentlich nur in den wirklichen Priesterkulturen, im alten Indien und im alten Ägypten, wo initiierte Priester an der Spitze standen, die keinen kamischen Impulsen folgten, sondern höheren Weisungen. Sie verfuhren unpersönlich, kama-frei, und ihnen konnte es überlassen bleiben, jene schwerwiegende Einteilung der Menschen in Kasten vorzunehmen, die in Ägypten und Indien ursprünglich voll berechtigt war. Wenn Sie diese Kasten betrachten, so finden Sie in denselben ausgeprägt den ganzen Plan zur Entwicklung der fünften Wurzelrasse.
[ 5 ] Dieser Plan ist der, daß nach und nach die Führung, die Lenkung dieser fünften Wurzelrasse übergeht von der Priestergesinnung auf die Weltgesinnung, vom Priester auf den König. Ein weltlicher König, der nicht Priester war, wäre in der ersten Zeit der fünften Wurzelrasse noch ganz unmöglich gewesen. Während der atlantischen Zeit, als die Menschen ihre Impulse noch nicht durch den denkenden Verstand erhielten, sondern aus anderen Kräften, und auch noch im Beginn der fünften Wurzelrasse, mußte die Lenkung der Menschheit jeder weltlichen Macht entzogen und denen überlassen werden, welche göttliche Inspirationen empfingen. Daher finden Sie in der indischen und ägyptischen Kultur die reine Priesterherrschaft. Der Priester ist der Regent, er ist derjenige, von dem alles ausgeht. Der Priester gehört der höchsten Kaste an. Die Krieger, die eine rein weltliche Beschäftigung haben, gehören der zweiten Kaste an. Dann geht es herunter zu denen, die sich mit dem Ackerbau befassen.
[ 6 ] Nach und nach sollten diese Kasten stufenweise zur Selbständigkeit kommen. In dem, was sich in der Zeitlichkeit entwickelt, haben wir niemals das gegeben, was äußerlich im Raume wirklich vorhanden ist. Das bitte ich zu beachten. Wenn ein räumliches Verhältnis zeitlich werden soll, so geschieht das im Verhältnis von vier zu sieben, in der Weise, daß die Vierheit zur Siebenheit sich erweitert. Die vier im Raum nebeneinanderstehenden Kasten kommen im Verlaufe der fünften Wurzelrasse zeitlich so zur Geltung, daß wir die sieben Unterrassen nach und nach zur Selbständigkeit sich entwickeln sehen. Das Verhältnis von vier zu sieben beruht auf einem ganz bestimmten Gesetz. Heute will ich dazu nur sagen, daß die sieben Unterrassen sich so entwickeln, daß wir es in der ersten Unterrasse im wesentlichen zu tun haben mit der ausschließlichen Lenkung durch Priester, in der zweiten Unterrasse mit der Lenkung durch Priesterkönige und durch Magier. Zarathustra, der eigentliche Magier, ist der Ratgeber des Priesterkönigs. Während der dritten Unterrasse kann die Herrschaft auf die weltlichen Könige übergehen, die noch immer den Ratschlägen der Priester folgen. Erst während der vierten Unterrasse haben wir es mit weltlichen Königen zu tun, die nicht mehr in irgendeiner Beziehung zur priesterlichen Gewalt stehen. Die ersten weltlichen Könige treten zunächst im griechischen Volke auf, und als die griechische Herrschaft befestigt wird, geschieht das durch weltliche Könige.
[ 7 ] Die Ausbreitung des Griechentums wird äußerlich - sagenhaft — dargestellt in der Sage vom Trojanischen Krieg. Diese Sage vom Trojanischen Krieg ist nichts anderes als die mythische Darstellung einer esoterischen Wahrheit, nämlich des Aufblühens der vierten Unterrasse der fünften Wurzelrasse und der Ablösung der Priesterherrschaft in ihrem letzten Stadium durch die rein weltliche Herrschaft. Das wird gleich im Beginn der trojanischen Sage in einer außerordentlich feinen Weise angedeutet.
[ 8 ] Sie wissen wohl, daß in der Esoterik überall die Materie dargestellt wird durch das Symbol des Wassers. Wasser ist das esoterische Symbol für die Materie. Ich brauche Sie nur auf ein Beispiel aus der Theologie hinzuweisen: In dem Nicaenischen Glaubensbekenntnis, da, wo es heißt «...gelitten unter Pontius Pilatus», da müßte es eigentlich heißen «gelitten in Póntos Pyletós», das bedeutet «in dem zusammengedrückten Wasser». Der Gottessohn ist herabgestiegen, um zu leiden in der auf dem physischen Plan vorhandenen Materie. Im Credo, das wir im christlichen Bekenntnis haben, ist aus «póntos», das Meer, latinisiert «Pontius» geworden, und aus «Pyletós» wurde «Pilatus».
[ 9 ] Wenn Thales erklärt, alles sei aus dem Wasser entstanden, so meint er damit in Wahrheit die allumfassende physische Materie. Wir haben es da zu tun mit dem Wasser als physische Materie. Diese physische Materie soll das Maßgebende werden bei denjenigen, die jetzt die Lenkung der Menschheit übernehmen: die weltlichen Könige. Vorher gab es nur Könige, die mit dem Göttlichen in Zusammenhang standen. Peleus ist der König, der herrschen soll auf dem physischen Plan, aus dem physischen Plan selbst die Kraft ziehend. Das wurde in den Mysterien als Mythe dem Volke dadurch dargestellt, daß erzählt wurde: Peleus vermählte sich mit der Meergöttin Thetis. Wir haben es da zu tun mit der Ehe der Menschheitsführung mit der Materie des physischen Planes. Thetis ist die Göttin des Wassers, des Meeres. Und derjenige, der dieser Ehe entsprießt, ist Achilleus. Achilleus ist der erste Initiierte von dieser Art. Er ist daher unverwundbar, bis auf die Ferse. Alle Initiierten der vierten Unterrasse sind noch verwundbar an irgendeiner Stelle. Erst am Ende der fünften Unterrasse wird es so weit fortgeschrittene Initiierte geben, daß sie gar nicht mehr verwundbar sind. Achilleus ist in den Styx getaucht, daß heißt er ist allem Irdischen abgestorben und auf einen höheren Plan entrückt.
[ 10 ] Da haben Sie einen wichtigen Abschnitt in der Menschheitsentwicklung. In der Mitte der vierten Unterrasse steigt zuerst das spirituelle Leben herab, da haben wir erst Initiierte des physischen Planes. Damit tritt etwas ganz Besonderes auf. Die früheren Weltenlenker waren kama-frei, sie waren ohne Begierden, sie mußten alles Kamische durch die verschiedenen vorhergehenden Initiationsstufen bis zur spirituellen Initiation abstreifen. Solange es Priester im alten Sinne gab, solange konnte unmöglich etwas von Kama in die Weltenlenkung einfließen. Kama aber bewirkt Sonderheit, Kama macht es möglich, daß die Menschen sich gegeneinander wenden. Früher gab es auch Kampf und Streit, aber die Menschen waren noch nicht so weit, um Gutes und Böses einander gegenüberzustellen. Streit und Krieg unter den damaligen Menschen darf man nicht mit unseren heutigen Maßstäben messen, man muß sie mit demselben Maße messen wie heute die Tierwelt. Man konnte nicht sagen, daß etwas gut oder böse sei, ebensowenig wie ein Löwe oder ein Tiger gut oder böse ist. Das wirkliche Böse fing erst an, als Manas sich mit Kama verband, so daß der Mensch durch Kama dirigiert wurde, und das führte dazu, daß die Menschen mit Bewußtsein gegeneinander kämpften.
[ 11 ] Das ist in der Sage dadurch angedeutet, daß bei der Verehelichung des Peleus mit der Meergöttin Thetis alle Götter anwesend sind, aber eine Göttin fehlt. Es fehlt Eris, die Göttin der Zwietracht, weil die Menschheit noch vor dem Stadium war, wo Kama sich mit Manas verband und die Sonderung entstand, durch die die Menschen sich in Gegensatz zueinander stellten. Nun aber erscheint die Göttin Eris; sie wirft einen Apfel unter die Gäste, welcher die Aufschrift trägt «der Schönsten», um Zwietracht herbeizuführen. Damit ist Veranlassung gegeben zu dem erst innerhalb der fünften Wurzelrasse auftretenden, unter voller menschlicher Verantwortung stehenden Krieg. Erst von diesem Zeitpunkt an kann man von einem bewußten Wüten der Menschen gegeneinander sprechen.
[ 12 ] Alles weitere im Mythos ist eine Ausgestaltung dessen, was hier begonnen hat. Die Schönste der Göttinnen soll den Apfel der Eris bekommen. Die drei Göttinnen Hera, Pallas Athene und Aphrodite streiten um den Apfel. Die drei Göttinnen bedeuten verschiedene Stufen des Seelenlebens auf den höheren, spirituellen Planen. Jetzt aber soll nicht mehr auf dem spirituellen Plan, sondern auf dem physischen Plan entschieden werden. Deshalb wird Paris gerufen, der entscheiden soll vom physischen Plan aus. Hier liegt die eigentliche Crux, wo man es handgreiflich hat, worauf es ankommt. Was muß uns entgegentreten, wenn vom physischen Plane aus die Entscheidungen herbeigeführt werden?
[ 13 ] Als Manas zuerst auf dem physischen Plan auftrat, vermischte es sich mit Kama. Vorher waren die Menschen zwar auch kamisch, aber das hatte noch nicht die Bedeutung von gut und böse. Jetzt aber verbindet Manas sich mit Kama, und daher werden die Menschen sich der Taten bewußt. Manas zieht in das ein, was der Mensch seiner niederen Natur nach ist. Die kamische Entwicklung hatte er sich schon auf dem alten Monde erworben. Das derbste Kamische ist von der Erde abgefallen mit dem Austritt des Mondes und begleitet nun im Monde die Erde als Trabant. Der Mond ist in der Esoterik das Leitmotiv, das Merkzeichen der niederen Natur, für das, was uns hinunterzieht, für das, wohin wir kommen können, wenn wir selbst der niederen Natur verfallen.
[ 14 ] Es muß also das Verhängnisvolle in der Verbindung von Manas mit Kama während der vierten Unterrasse darin bestehen, daß sich der Mensch, welcher Entscheidungen zu treffen hat, mit dem Kamischen, mit dem Mondprinzip, mit der Selene verbindet. Aus Selene ist der Name Helena entstanden. In der Verbindung des Paris mit der Helena haben wir die Ehe von Manas mit Kama in der vierten Unterrasse symbolisch ausgedrückt. An sich gerissen hat der auf dem physischen Plane befindliche Mensch das Mondprinzip. Überall können Sie das finden, wenn in der Esoterik vom «Mond» gesprochen wird. Damit, daß unmittelbar auf dem physischen Plan in bewußter Art die ganze Verbindung geschaffen ist vom Manasprinzip mit dem Kamaprinzip, daraus entspringt der Krieg. Der Trojanische Krieg ist zugleich Symbol und Tatsache. Er hat wirklich stattgefunden; die wichtigsten Ereignisse des Trojanischen Krieges spielten sich auf dem physischen Plan ab. Sie haben aber auch symbolische Bedeutung. Die Sage vom Trojanischen Krieg hat einen mystischen Inhalt, aber die Tatsachen sind auch äußerlich auf dem physischen Plan abgelaufen.
[ 15 ] Nun bitte ich, noch eines aufzufassen. Wenn die fünfte Wurzelrasse ihr Ende erreicht haben wird und die sechste Wurzelrasse im Aufgang sein wird, wird sich auf dem Gebiete des bewußten Verstandes ein Einfluß herausgebildet haben, der jetzt während der fünften Unterrasse noch sehr zurücktritt, der sich aber bereits herausbildet. Es ist etwas, was vom Musikalischen ausgeht. Die Bedeutung der Musik wird in der fünften Unterrasse immer mehr und mehr zum Ausdruck kommen. Die Musik wird nicht bloß Kunst sein, sondern Ausdrucksmittel werden für ganz andere Dinge als rein Künstlerische. Hier liegt etwas, was hindeutet auf den Einfluß eines ganz bestimmten Prinzipes auf den physischen Plan. Es werden auf dem Gebiete der Musik oder des Musik-Ähnlichen die bedeutsamsten Impulse von den Initiierten der fünften Wurzelrasse gegeben werden. Was einfließen muß in die fünfte Wurzelrasse, und zwar auf dem Gebiete des bewußten Verstandeslebens, das ist das, was man das Kundalinifeuer nennt. Das ist eine Kraft, die jetzt noch im Menschen schlummert, aber immer mehr und mehr Bedeutung gewinnen wird. Heute hat sie schon einen großen Einfluß, eine große Bedeutung in dem, was durch den Sinn des Gehöres wahrgenommen wird. Während der weiteren Entwicklung in der sechsten Unterrasse der fünften Wurzelrasse wird dieses Kundalinifeuer großen Einfluß gewinnen auf das, was im menschlichen Herzen lebt. Das menschliche Herz wird wirklich jenes Kundalinifeuer in sich haben. Der Mensch wird dann durchdrungen sein von einer besonderen Kraft, die in seinem Herzen leben wird, so daß er in der sechsten Wurzelrasse nicht mehr unterscheiden wird sein eigenes Wohl von dem Wohle der Gesamtheit. Der Mensch wird von dem Kundalinilicht so durchdrungen sein, daß er das Prinzip der Liebe als seine ureigenste Natur haben wird.
[ 16 ] In der siebenten Unterrasse wird zwar die ganze große Menschheit in einem wahren Chaos sein, denn die Wurzelrasse wird dann nahe dem Untergange sein. Aber ein kleiner Teil der Menschen der siebenten Unterrasse werden die wahren Söhne des Kundalinifeuers sein. Sie werden durchdrungen sein mit allen Kräften des Kundalinifeuers; sie werden den Stoff abgeben zur nächsten Wurzelrasse, für diejenigen, welche die Weiterentwicklung der Menschheit lenken. So steuert die fünfte Wurzelrasse zu jenen Höhen, wo das göttliche Feuer, das Kundalinifeuer, mit heiligem Pathos das göttliche Prinzip im Innern der Menschen anfachen wird, so daß nicht mehr der Mensch vom Menschen getrennt sein wird, sondern, soweit der denkende Verstand reicht, eine Brüderlichkeit herbeigeführt sein wird. Dieses Feuer wird dereinst in den Menschen leben. Und in denjenigen Menschen, welche im Verlaufe der fünften Wurzelrasse initiiert werden, lebt schon eine Andeutung dieses göttlichen Feuers, in dem die Kraft der Brüderlichkeit ist und das die Abgesondertheit der Menschen aufheben wird. Aber es arbeitet sich erst durch, es kommt erst in den Anfängen heraus, es ist noch verhüllt, verschleiert durch das, was die sondernden Leidenschaften der Menschen, die trennenden Gewalten des Kama sind. Und da, wo es als Vorverkünder einer kommenden Zeit im Einzelnen auftritt, nimmt es eine andere Gestalt, einen ganz anderen Charakter an. Auf dem Plane der Täuschung ist das göttliche Feuer der göttliche Zorn. Erst dann, wenn die Brüderlichkeit die ganze Menschheit durchfluten wird, ist es die göttliche Liebe. Solange es aber im Einzelnen als Eifer sich geltend macht, ist es der göttliche Zorn, und er macht sich gerade dadurch als starke Gewalt im Einzelnen geltend, weil die übrige Menschheit noch nicht reif ist.
[ 17 ] Dies drückt auch der initiierte Dichter - Homer heißt der «blinde» Dichter, weil er innerlich schaut - in seiner Dichtung aus: «Singe, o Muse, vom Zorn mir, des Peleiden Achilleus». Das ist der göttliche Zorn, von dem der Dichter hier gleich am Anfange der Ilias spricht. In der Ilias wird das Ausleben des Kundalinifeuers auf dem physischen Plan dargestellt. Im Streit zwischen Agamemnon und Achilles flammt der Zorn als göttlicher Zorn auf. In der Sage vom Trojanischen Krieg wird dargestellt, wie der alte Priesterkönigstaat abgelöst wird durch weltliche Königsherrschaft. Denn Troja ist ein Staat, in dem der König unter dem Einfluß der alten Priesterherrschaft steht. Er wird abgelöst von dem Prinzip der weltlichen Klugheit. Das wird sehr schön dargestellt, wie es die weltliche Klugheit ist, die siegt. Odysseus, der listenreiche, siegt. Er ist der Initiierte der fünften Unterrasse, der seine Initiation durch seine Wanderungen empfing. Die Spiritualität der alten Priester wird abgelöst von der Intellektualität. Das wird auch ausgedrückt durch das Bild der Umklammerung des Laokoon durch die Schlangen. Die Schlangen, das Symbol der weltlichen Klugheit, umgarnen den Priester Laokoon, den Repräsentanten der alten Spiritualität.
[ 18 ] Wenn Sie dies alles verfolgen, sehen Sie, daß auch in der trojanischen Sage nichts anderes festgehalten ist als ein welthistorischer Zusammenhang. In den Mysterien wurden solche Vorgänge dargestellt. In den älteren Mysterien, die den eleusinischen vorangegangen sind, wurde unter anderen gerade dieser wichtige Moment des Aufganges der vierten Unterrasse der fünften Wurzelrasse dargestellt. Der Trojanische Krieg, der ja tatsächlich stattgefunden hat, wurde in den Mysterien schon dargestellt, bevor er stattgefunden hat. Für denjenigen, der nicht bewandert ist in der Theosophie, ist das ja phantastisch. Es ist aber Mysterienprinzip, neben der Vergangenheit auch Vorgänge der Zukunft darzustellen. Und weil sie Vorgänge der Zukunft vorausnehmen, deshalb mußten sie auch geheimgehalten werden. Nicht um die Neugier der Menschen zu befriedigen, waren die Mysterien da, sondern diejenigen Menschen sollten daran teilnehmen, die berufen waren, mitumgestaltend an der Zukunft zu wirken. Sie sollten sich dort die Impulse für ihre Aufgabe holen. Das ist der Sinn der Mysterien.
[ 19 ] Wenn daher jemand ein Mysterium verraten würde, so würde das bedeuten, daß er dasjenige, was in der Zukunft geschehen soll, den Leuten öffentlich sagen würde. Dadurch müßte er unbedingt bei seinen Mitmenschen Verwirrung anrichten. Nur einzelne Vorgeschrittene bekommen dazu die Impulse. Sie haben die Aufgabe, die Menschen langsam dahin zu bringen, wohin sie einst kommen sollen. Nur die wenigen reifen Menschen, die ihren Mitmenschen vielleicht fünfhundert Jahre voraus sind, sind in der Lage, diese Geheimnisse zu ertragen und im Sinne der Mysterien zu wirken. Nehmen Sie einmal an, andere würden davon hören, dann würden sie das gleich herbeiführen wollen, wofür die Menschen noch nicht reif sind. Jedes Mysterium wird unter wesentlich veränderten Verhältnissen einmal öffentliches Gemeingut. Alles wird zu einer bestimmten Zeit offenbar werden. Der Geheimnischarakter liegt nur darin, daß zunächst wenige Einzelne die Zukunft vorzubereiten haben; sie müssen die Lenker werden, um die anderen Menschen zu führen.
[ 20 ] Es gibt heute noch Geheimnisse, die erst in der sechsten Wurzelrasse enthüllt werden können, wenn ganz andere Verhältnisse der Brüderlichkeit herrschen werden, die jetzt noch nicht realisiert sind. Diejenigen, die etwas von diesen Tatsachen wußten, hatten natürlich eine furchtbare Angst, daß durch Unvorsichtigkeit etwas von den Mysterien verraten werden könnte. Es war früher so, daß auf Verrat der Mysterien die höchsten Strafen standen; in alten Zeiten war es die Todesstrafe. Nicht die eingeweihten Priester haben die Todesstrafe verhängt, sondern diejenigen, welche von außen her etwas wußten und nicht eingeweiht waren. Die Furcht vor dem Verrat der Mysterien führte das tragische Ende so mancher Großen herbei. Einem solchen Urteile fiel auch Sokrates zum Opfer, obgleich mit Unrecht.
