Grundelemente der Esoterik
GA 93a
27 September 1905, Berlin
II
[ 1 ] Wir wollen uns heute beschäftigen mit drei wichtigen Vorstellungen, die zusammenhängen mit den Teilen der menschlichen Natur. Sie bilden sozusagen einen Leitfaden durch die ganze Welt. Es sind dies: Tätigkeit oder Bewegung, Weisheit, die auch Wort genannt wird, und drittens Wille. Wenn wir von Tätigkeit sprechen, meinen wir damit eigentlich etwas sehr Allgemeines. Der Esoteriker aber sieht in der Tätigkeit zunächst die Grundlage des ganzen Weltenalls, wie es uns umgibt. Die erste Gestalt des Weltenalls ist für den Esoteriker ein Produkt der Tätigkeit. Für den gewöhnlichen Menschensinn erscheint die Welt als etwas Fertiges; der Esoteriker aber sagt sich, was vorliegt, ist ein Produkt der Tätigkeit. Was scheinbar fertig ist, ist eine Stufe fortschreitender Tätigkeit, ein Durchgangspunkt. Die ganze Welt ist fortwährend in Tätigkeit. Diese Tätigkeit ist eigentlich Karma,
[ 2 ] Wenn man vom Menschen spricht, spricht man von seinem Astralkörper als von Karma, als von Tätigkeit. Eigentlich ist der Astralkörper dasjenige, was dem Menschen am nächsten steht. Was der Mensch erlebt, so daß es entscheidet über sein Wohl und Wehe, über Lust und Leid, das geht von seinem Astralkörper aus. Liebe, Leidenschaft, Freude, Schmerz, Ideal, Pflicht hängen zusammen mit dem Astralkörper. Wenn man von Lust und Leid, Trieben, Wünschen und Begierden spricht, so spricht man vom Astralkörper. Der Mensch erlebt fortwährend den Astralkörper, der Seher aber sieht die Form des Astralkörpers. Dieser Astralkörper ist in einer fortwährenden Umwandlung begriffen. Zuerst ist er undifferenziert, solange der Mensch noch nicht daran gearbeitet hat. Der Mensch arbeitet aber fortwährend daran in unserer Zeit. Wenn er unterscheidet zwischen Erlaubtem und Verbotenem, arbeitet der Mensch von seinem Ich aus hinein. Seit der Mitte der lemurischen Zeit bis zur Mitte der sechsten Wurzelrasse arbeitet der Mensch an seinem Astralkörper.
[ 3 ] Warum arbeitet der Mensch daran? Er arbeitet deshalb an seinem Astralkörper, weil auf dem Gebiet der Tätigkeit jede einzelne Tätigkeit einen Gegenschlag hervorruft. Jeder Schlag ruft einen Gegenschlag hervor. Wenn wir mit der Hand über die Tischplatte fahren, so wird sie heiß. Die Wärme ist der Gegenschlag zu unserer Tätigkeit. So ruft jede Tätigkeit eine andere hervor. Dadurch, daß gewisse Tiere in die finstern Höhlen von Kentucky einwanderten, brauchten sie ihr Augenlicht nicht mehr, sondern nur empfindliche Tastorgane, damit sie sich zurechtfinden konnten. Die Folge war, daß das Blut von den Augen abzog und sie blind wurden. Dies war die Folge ihrer Tätigkeit, des Einwanderns in die Höhlen von Kentucky.
[ 4 ] Der menschliche Astralkörper ist in fortwährender Tätigkeit. Darin besteht sein Leben. Diese Tätigkeit nennt man im engeren Sinne das menschliche Karma. Was ich heute tue, hat seinen Ausdruck im Astralkörper. Wenn ich jemanden schlage, ist das Tätigkeit und ruft einen Gegenschlag hervor. Das ist die ausgleichende Gerechtigkeit: Karma. Tätigkeit ist ein Schlag, der einen Gegenschlag hervorruft. Damit muß dann der Begriff von Ursache und Wirkung verbunden werden. Im Karma ist immer etwas Unausgeglichenes; es fordert immer etwas anderes.
[ 5 ] Das zweite in der menschlichen Natur und im Weltenall ist: Weisheit. Ebenso wie Karma etwas Unausgeglichenes ist, hat Weisheit etwas von Ruhe, Ausgeglichenheit. Darum nennt man sie auch Rhythmus. Alle Weisheit ist der Form nach Rhythmus. Im Astralkörper ist vielleicht viel Sympathie, dann ist viel Grünes in der Aura. Dieses Grün wurde einmal als Gegenfarbe herausgefordert. Dem Grünen entsprach ursprünglich ein Rot, ein selbstsüchtiger Instinkt. Das hat sich durch Tätigkeit, Karma, in Grün verwandelt. In der Weisheit, im Rhythmus ist alles fertig, ausgeglichen. Im Menschen ist alles Rhythmische, Weisheitsvolle im Ätherkörper. Der Ätherkörper ist daher das am Menschen, was die Weisheit repräsentiert. Im Ätherkörper herrscht Ruhe, Rhythmus.
[ 6 ] Der physische Körper repräsentiert eigentlich den Willen. Wille ist im Gegensatz zur bloßen Ruhe das Schöpferische, das hervorbringt. So haben wir folgenden Aufstieg: erstens Karma, Tätigkeit, das Unausgeglichene; zweitens Weisheit, das zur Ruhe Gekommene; drittens Wille, ein so übervolles Dasein, daß es sich hingeben kann. Also Tätigkeit, Weisheit, Wille sind die drei Stufen, in denen alles Dasein verfließt.
[ 7 ] Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus den Menschen, wie er vor uns steht. Zunächst hat der Mensch seinen physischen Körper. Wie der Mensch gegenwärtig ist, hat er auf den physischen Körper gar keinen Einfluß. Was der Mensch physisch ist und tut, ist von außen, von schöpferischen Kräften gemacht. Er kann die Bewegung seiner Gehirnmoleküle nicht selber regeln, er kann den Blutumlauf nicht von sich aus beherrschen. Das soll eben nur sagen, daß der physische Körper ohne den Menschen hergestellt ist und ihm auch erhalten wird von anderen Kräften. Er ist ihm gleichsam nur geliehen worden. Der Mensch wird hineininkarniert in einen physischen Körper, der ihm von anderen Kräften hergestellt worden ist. Auch der Ätherkörper ist in gewisser Beziehung für ihn von anderen Mächten hergestellt. Dagegen ist der Astralkörper teilweise von anderen Mächten, teilweise vom Menschen selbst geformt. So viel wie vom Astralkörper vom Menschen selbst geformt ist, wird zum Karma des Menschen. Was er selbst hineingearbeitet hat, muß eine karmische Wirkung haben. Das ist auch das Unsterbliche, das Nichtvergehende an ihm. Der physische Körper ist durch das Karma anderer Wesen zustande gekommen; aber der Teil des Astralkörpers des Menschen, in den er seit der lemurischen Zeit hineingearbeitet hat, der ist sein Karma. Erst wenn der Mensch den ganzen Astralkörper durchgearbeitet hat, dann ist er auf der Stufe der Freiheit angelangt. Dann ist der ganze Astralkörper von innen heraus umgewandelt. Der Mensch ist dann ganz Ergebnis seiner Tätigkeit, seines Karmas.
[ 8 ] Wenn wir irgendeine Entwickelungsstufe herausgreifen, so hat da der Mensch einen Astralkörper, der zum Teil seine eigene Arbeit ist. Was so seine eigene Arbeit ist, lebt aber im Ätherkörper und im physischen Körper. Im physischen Körper lebt, was der Mensch aus sich gemacht hat, und durch den physischen Körper lebt es in der physischen Welt. Er würde nicht zu Begriffen von der physischen Welt kommen können, wenn er nicht durch seine Organe in ihr arbeitete. Was der Mensch im Astralkörper erlebt, arbeitet er in sich hinein. Bei dem, was er in der physischen Welt beobachtet, sind seine drei Hüllen tätig. Wenn er zum Beispiel eine Rose sieht, sind alle drei Hüllen daran beteiligt. Er sieht zunächst rot. Daran ist der Physische Körper beteiligt. In einer Camera obscura macht die Rose denselben Eindruck. Zweitens wird aber diese Rose vom Menschen aufgefaßt im Ätherkörper als lebendige Vorstellung. Drittens erfreut die Rose den Menschen, und daran ist sein Astralkörper beteiligt. Das sind die drei Stufen menschlicher Beobachtung. Es arbeitet das Innerste des Menschen durch die drei Körper in die äußere Welt. Was der Mensch von der Außenwelt aufnimmt, nimmt er durch diese drei Körper auf.
[ 9 ] Allen diesen Dingen, die sich auf die Tätigkeit des Menschen oder Karma beziehen, liegt die Begierde zugrunde. Der Mensch brauchte sich nicht zu betätigen, wenn er keine Begierde hätte. Er hat aber die Begierde, teilzunehmen an der Umwelt. Daher nennen wir seinen Astralkörper auch seinen Begierdenkörper.
[ 10 ] Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Tätigkeit des Menschen und seinen Organen. Für die niedrigsten und höchsten Triebe braucht der Mensch seine Organe. Auch in der Kunst braucht er sie. Wenn der Mensch einmal alles aus der Welt gleichsam herausgesogen hat, braucht er keine Organe mehr. Zwischen Geburt und Tod gewöhnt sich der Mensch, die Welt durch seine Organe anzuschauen. Diese Gewöhnung muß er nach dem Tode langsam abstreifen. Will er auch dann noch seine Organe zum Anschauen der Welt gebrauchen, so befindet er sich in dem Zustand, den man Kamaloka nennt. Es ist ein Zustand, in welchem noch Begierde da ist, durch die Organe zu schauen, die aber nicht mehr da sind. Wenn der Mensch sich nach dem Tode sagen könnte, daß er keine Organe mehr brauchen wolle, so würde es für ihn kein Kamaloka mehr geben. Im Devachan nun wird alles dasjenige von innen angeschaut, ohne Organe, was der Mensch vorher im Leben durch seine Organe ringsherum wahrgenommen hat.
[ 11 ] Karma, die Tätigkeit des Menschen durch den Astralkörper, ist etwas Unausgeglichenes. Indem die Tätigkeit aber nach und nach in einen Zustand des Gleichgewichts kommt, ergibt sich eine Ausgleichung. Wenn man ein Pendel anschlägt, geht es nach und nach ins Gleichgewicht über. Jede unausgeglichene Tätigkeit geht zuletzt über in etwas Ruhendes. Wenige Unregelmäßigkeiten lassen sich beobachten, aber wenn die Unregelmäßigkeiten unendlich zahlreich sind, gleichen sie sich wieder aus. Man kann zum Beispiel durch ein Instrument die Unregelmäßigkeiten beobachten, welche in einer Stadt durch das Fahren der elektrischen Bahnen verursacht werden. In einer kleinen Stadt, wo die Bahnen nicht so viel in Bewegung sind, zeigt das Instrument fortwährend starke Schwankungen, aber in einer großen Stadt, wo die Bewegung viel stärker und häufiger ist, ist das Instrument viel mehr in Ruhe, weil die vielen Unregelmäßigkeiten sich ausgleichen. So ist es auch im Devachan mit einer jeden Unregelmäßigkeit.
[ 12 ] Im Devachan sieht der Mensch in sich hinein. Er beobachtet, was er aufgenommen hat; so lange muß er es beobachten, bis es in einen rhythmischen Zustand gelangt ist.
[ 13 ] Ein Schlag ruft einen Gegenschlag hervor; aber durch viele Vermittlungen kommt erst der Gegenschlag zurück. Die Wirkung dauert aber in der Zwischenzeit fort. Wie Schlag und Gegenschlag zusammenhängen, das wird im Devachan zur Weisheit umgearbeitet. Was der Mensch zur Weisheit umgearbeitet hat, verwandelt sich beim Menschen in Rhythmus, im Gegensatz zur Tätigkeit. Was sich in Rhythmus verwandelt hat, das geht über in den Ätherkörper. Man ist nach dem Devachan weiser und besser geworden, weil man alle Erfahrungen im Devachan verarbeitet hat. Was von dem Astralkörper an Vibrationen in den Ätherkörper hineingearbeitet worden ist, das ist unsterblich. Wenn der Mensch stirbt, bleibt erhalten, was er von dem Astralkörper umgearbeitet hat, und von dem Ätherkörper das kleine Stückchen, das er bearbeitet hat; der übrige Teil des Ätherkörpers löst sich auf im Weltenäther. Soweit der Mensch dieses kleine Stückchen Ätherkörper bearbeitet hat, ist sein Ätherkörper unsterblich. Darum findet er dann bei seinem Wiederkommen dieses Stückchen Ätherkörper wieder. Was er braucht, um dieses Stückchen Ätherkörper zu ergänzen, das bestimmt die Dauer seines Aufenthaltes im Devachan.
[ 14 ] Wenn ein Mensch soweit ist, daß er seinen ganzen Ätherkörper so umgewandelt hat, dann braucht er kein Devachan mehr. Dies ist bei dem ausgebildeten Geheimschüler der Fall, der seinen Ätherkörper so umgewandelt hat, daß der ganze Ätherkörper nach dem Tode verbleibt und nicht durch das Devachan hindurchzugehen braucht. Das nennt man das Verzichtleisten auf Devachan. Man kann einen Menschen am Ätherkörper arbeiten lassen, wenn man sicher ist, daß er nichts Übles mehr in die übrige Welt hineinbringt; er würde sonst seine schlechten Instinkte in die Welt hineinarbeiten. In der Hypnose kann es sein, daß der Hypnotisierte die schlechten Instinkte des Hypnotiseurs in die Welt hineinarbeitet. Beim normalen Menschen verhindert der physische Körper, daß man den Ätherkörper nach allen Richtungen zerren und ziehen kann. Wenn sich der physische Körper aber in Lethargie befindet, kann man in den Ätherkörper hineinarbeiten. Wenn man einen Menschen hypnotisiert und schlechte Instinkte in ihn hineinarbeitet, so bleiben diese auch nach dem Tode vorhanden. Viele Praktiken der schwarzen Magier bestanden darin, daß sie auf diese Weise sich willige Diener schufen. Regel der weißen Magier ist, niemanden in anderem Maße in seinen Ätherleib hineinarbeiten zu lassen, als seine Instinkte schon durch die Katharsis hindurchgegangen sind. Im Ätherkörper herrscht Ruhe und Weisheit. Wenn etwas Schlechtes hineinkommt, kommt dieses Schlechte zur Ruhe und bleibt dadurch.
[ 15 ] Bevor der Mensch als Schüler bis zu dem Punkte geführt wird, daß er willkürlich an seinem Ätherkörper arbeiten kann, muß er wenigstens teilweise in die Lage kommen, das Karma zu beurteilen, Selbsterkenntnis zu erlangen. Darum darf Meditation nicht ohne fortwährende Selbsterkenntnis, Selbstschau vorgenommen werden. Dadurch wird erreicht, daß der Mensch im rechten Augenblick den Hüter der Schwelle sieht: das Karma, das er noch abzutragen hat. Wenn man diese Stufe in normalem Zustande erreicht, bedeutet das nichts anderes als die Erkenntnis des noch vorhandenen Karmas. Fange ich an, in den Ätherkörper hineinzuarbeiten, muß ich mir vorsetzen, das Karma, das noch da ist, auszugleichen. Es kann vorkommen, daß der Hüter der Schwelle auf abnorme Weise auftritt. Das geschieht, wenn der Mensch eine so starke Anziehung hat zu dem einen Leben zwischen Geburt und Tod, daß er wegen des geringen Maßes an innerer Tätigkeit nicht lange genug im Devachan bleiben kann. Wenn der Mensch sich zu sehr gewöhnt hat, nach außen zu schauen, hat er im Inneren nichts zu sehen. Er kommt dann bald ins physische Leben zurück. Seine Begierden bleiben dann vorhanden, das kurze Devachan ist bald vorüber; und wenn er zurückkehrt, ist das Gebilde seiner früheren Begierden noch im Kamaloka vorhanden; er trifft es dann noch an. Er verkörpert sich. Da mischt sich zu seinem neuen Astralkörper der alte hinzu; das ist das vorhergehende Karma, der Hüter der Schwelle. Er hat dann sein früheres Karma fortwährend vor sich, dies wird eine eigentümliche Art von Doppelgänger.
[ 16 ] Viele von den Päpsten der berüchtigten Päpstezeit, wie zum Beispiel Alexander VI., haben solche Doppelgänger in der nächsten Inkarnation gehabt. Es gibt Menschen, und zwar jetzt gar nicht selten, die ihre frühere niedere Natur fortwährend neben sich haben. Das ist eine spezifische Art von Wahnsinn. Das wird immer stärker und heftiger werden, weil das Leben im Materiellen sich immer mehr ausbreitet. Viele Menschen, die jetzt ganz im materiellen Leben aufgehen, werden in der nächsten Inkarnation die abnorme Form des Hüters der Schwelle neben sich haben. Würde nicht der spirituelle Einfluß jetzt sehr stark ausgeübt, so würde eine Art epidemischen Sehens des Hüters der Schwelle eintreten als Folge der materialistischen Kultur. Ein Vorbote ist die Nervosität unseres Jahrhunderts. Sie ist eine Art Aufgehen in der Peripherie. Alle Nervösen von heute werden gehetzt sein durch den Hüter der Schwelle in der nächsten Inkarnation. Sie werden gehetzt werden in eine zu frühe Inkarnation, eine Art kosmischer Frühgeburt. Was wir mit der Theosophie anzustreben haben, ist eine genügend lange Devachanzeit, um solche zu frühe Inkarnationen zu vermeiden.
[ 17 ] Von diesem Gesichtspunkte aus ist der Eintritt Christi in die Weltgeschichte zu betrachten. Vorher wurde jeder, der zu einem Leben in Christo kommen wollte, dahin gebracht, daß er ins Mysterium eintreten mußte. Der physische Leib wurde dort lethargisch gemacht, und nur von der reinen Priesterschaft wurde dem Astralleib zugefügt, was noch an seiner Reinigung fehlte. Das war die Einweihung.
[ 18 ] Dadurch aber, daß Christus in die Welt kam, geschah es, daß der, der sich zu ihm hingezogen fühlte, von ihm einen Ersatz [für diese alte Art der Einweihung] bekommen kann. Es ist immer möglich, daß man durch die Verbindung mit Christus seinen Astralkörper so weit gereinigt erhält, daß man ihn ohne Schaden für die Welt in seinen Ätherkörper hineinarbeiten kann. Wenn man das bedenkt, bekommt das Wort von dem stellvertretenden Sühnetod eine ganz andere Bedeutung. Es ist dies gemeint unter dem Sühnetod Christi. Den Tod in den Mysterien hatte zuvor jeder erleiden müssen, der die Reinigung erlangen wollte. Nun hat ihn der Eine erlitten für alle, so daß durch die welthistorische Einweihung Ersatz geschaffen ist für die alte Einweihung. Durch das Christentum ist vieles Gemeinschaftliche geschaffen worden, was früher nicht gemeinschaftlich war. Die wirksame Kraft drückt sich dadurch aus, daß durch Innenschau, durch wahre Mystik, die Gemeinschaft mit Christus möglich ist. Das wurde auch in die Sprache hineingelegt. Der erste christliche Eingeweihte Europas, Ulfilas, hat es in die deutsche Sprache selbst hineingelegt, daß der Mensch in der Sprache das «Ich» fand. Andere Sprachen drücken diese Beziehung zum Ich durch eine besondere Form des Zeitwortes aus, zum Beispiel im Lateinischen «amo», aber die deutsche Sprache setzt das Ich hinzu. «Ich» ist: J.Ch. = Jesus Christus. Das ist mit Absicht in die deutsche Sprache hineingelegt, es ist nicht Zufall. Es sind die Eingeweihten, welche die Sprache geschaffen haben. So wie man im Sanskrit das AUM für die Trinität hat, haben wir für das Innere des Menschen das Zeichen «ICH». Dadurch war ein Mittelpunkt geschaffen worden, durch den die Leidenschaften der Welt sich in Rhythmus verwandeln können. Sie müssen sich durch das Ich rhythmisieren. Dieser Mittelpunkt ist wörtlich der Christus.
[ 19 ] Alle westlichen Nationen haben die Tätigkeit, die Leidenschaften entwickelt. Ein Impuls vom Osten muß kommen, um in dieselben Ruhe hineinzubringen. Ein Vorbote davon ist schon Tolstojs Buch über «Das Nichtstun». In der Tätigkeit des Westens finden wir vielfach ein Chaos. Das vermehrt sich immer noch. Die Spiritualität des Ostens soll in das Chaos des Westens einen Mittelpunkt bringen. Was lange Zeit hindurch geübt wird als Karma, das geht in Weisheit über. Weisheit ist die Tochter von Karma. Alles Karma findet seinen Ausgleich in Weisheit. Ein Weiser, der auf einer bestimmten Stufe angekommen ist, heißt ein Sonnenheld, weil sein Inneres rhythmisch geworden ist. Sein Leben ist ein Abbild der Sonne, die in rhythmischen Bahnen den Himmel durchwandert.
[ 20 ] Das Wort «AUM» ist der Atem. Der Atem verhält sich zum Wort, wie der Heilige Geist zu Christus, wie das Atma zu dem Ich.
