Grundelemente der Esoterik
GA 93a
Vorbemerkung des Herausgebers
[ 1 ] Rudolf Steiner schildert in seiner Autobiographie «Mein Lebensgang», wie er um die Jahrhundertwende aufgefordert wurde, vor einem damals sehr kleinen theosophischen Kreis in Berlin theosophische Vorträge zu halten. Er erklärte sich dazu bereit, betonte aber, nur über dasjenige sprechen zu können, was in ihm selbst als Geisteswissenschaft lebt. Seine erste Vortragsreihe vom Winter 1900/01 erschien auf Wunsch des Kreises zusammengefaßt als Buch «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zu modernen Weltanschauungen». Da die darin enthaltenen Ergebnisse seiner eigenen Geist-Erkenntnis auch in der allgemeinen Theosophischen Gesellschaft akzeptiert wurden, gab es «keinen Grund mehr, vor dem theosophischen Publikum, das damals das einzige war, das restlos auf Geist-Erkenntnis einging, nicht in meiner Art diese GeistErkenntnis vorzubringen. Ich verschrieb mich keiner Sektendogmatik; ich blieb ein Mensch, der aussprach, was er glaubte aussprechen zu können ganz nach dem, was er selbst als Geistwelt erlebte.»
[ 2 ] Im nächsten Winter - 1901/02 - erfolgte eine zweite Vortragsreihe, die zu der im Sommer 1902 erschienenen Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» zusammengefaßt wurde. Unmittelbar darauf wurde mit Rudolf Steiner als Generalsekretär die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegründet. Hier «konnte ich nun vor einer sich immer vergrößernden Zuhörerschaft meine anthroposophische Tätigkeit entfalten. Niemand blieb im Unklaren darüber, daß ich in der Theosophischen Gesellschaft nur die Ergebnisse meines eigenen forschenden Schauens vorbringen werde.»
[ 3 ] Das war der Beginn einer immer intensiver werdenden geisteswissenschaftlichen Vortragstätigkeit. Im Juni 1903 erschien die erste Nummer des von ihm begründeten und herausgegebenen «Luzifer» (später «LuciferGnosis»), «Zeitschrift für Seelenleben und Geisteskultur - Theosophie» und im Frühjahr 1904 das grundlegende Werk «Theosophie - Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung». Gleichzeitig erfolgte im «Luzifer» die Darstellung des Schulungsweges mit den Aufsätzen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und die Darstellung einer geisteswissenschaftlichen Kosmologie mit den Aufsätzen «Aus der Akasha-Chronik».
[ 4 ] So wurde die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft von Rudolf Steiner und seiner engsten Mitarbeiterin Marie von Sivers, spätere Marie Steiner, nach und nach zu einer weitreichenden mitteleuropäischen geisteswissenschaftlichen Bewegung aufgebaut. Sie war von Anfang an die von Rudolf Steiner vertretene anthroposophische Abteilung, die sich später auf Grund interner Schwierigkeiten zur Anthroposophischen Gesellschaft verselbständigte.
[ 5 ] Zu der Zeit, da Rudolf Steiner den hier erstmals in Buchform erscheinenden Lehrgang über «Grundelemente der Esoterik» gab, befand sie sich noch im Anfangsstadium ihrer Entwickelung. Daher gebraucht Rudolf Steiner auch noch durchgehend die Ausdrücke «Theosophie» und «theosophisch» und für die Bezeichnung der planetarischen Entwickelung, der Wesensglieder des Menschen und so weiter noch die in der theosophischen Literatur übliche theosophisch-indische Terminologie, an welche die Zuhörer damals gewöhnt waren. Über den Wert dieser Terminologie spricht er sich besonders im 15. Vortrag dieses Kurses aus. In seinen damaligen Aufsätzen und seinem Werk «Theosophie» verwendete er jedoch schon Ausdrücke, von denen er 1903 in der Zeitschrift «Luzifer» sagte, daß er sie «aus gewissen Gründen einer okkulten Sprache entlehne, die in den Bezeichnungen von der in den verbreiteten theosophischen Schriften etwas abweiche, in der Sache aber natürlich mit ihnen völlig übereinstimme». Später ersetzte er auch in seinen Vorträgen die indisch-theosophischen Ausdrücke immer mehr durch solche, die unserer europäischen Kultur angemessen sind. Die für diesen Kursus notwendigen Worterklärungen durch die heute geläufigen Ausdrücke finden sich am Schlusse des Bandes.
[ 6 ] Die in den Vorträgen außerdem häufig auftretenden Bezugnahmen auf die Schriften von H. P. Blavatsky sind daraus zu erklären, daß sich die damaligen Zuhörer intensiv mit diesem Lehrgut der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft beschäftigten und sich auf Grund der schwerverständlichen Darstellungen oft mit Fragen an Rudolf Steiner wandten. So erläutert er immer wieder Angaben Blavatskys aus deren Hauptwerk «Die Geheimlehre», vor allem dem dritten Band, den Abhandlungen über «Esoterik».
[ 7 ] Der ganze Kursus war eigentlich eine interne mündliche Unterweisung, also weder öffentlich noch für den allgemeinen Mitgliederkreis bestimmt, sondern nur für wenige aktive Mitglieder, die persönlich hierzu eingeladen waren. Sie sollten dadurch eine gewisse Grundlage für ihre eigene Zweigarbeit erhalten. Aus diesem Grunde gibt es auch keine vollständige stenographische Nachschrift, sondern nur Notizen, die sich einige Zuhörer für ihren persönlichen Gebrauch gemacht haben. Diese Hörernotizen haben einen stark aphoristischen Charakter, der zu berücksichtigen ist, wenn manche Gedankengänge infolge der gekürzten Zusammenziehung oder auch infolge von Lücken nicht immer ganz klar zu erfassen sind. Wenn heute diese Notizen trotzdem in die Gesamtausgabe eingereiht erscheinen, so deshalb, weil sie im ganzen gesehen sicher zuverlässig sind, und auch, weil durch sie wertvolle Aspekte geisteswissenschaftlicher Menschen- und Weltbetrachtung festgehalten wurden, die sich in dieser Form in den späteren Vorträgen Rudolf Steiners nicht mehr finden. Zur Verdeutlichung und Ergänzung mancher Punkte, insbesondere kosmologischer Natur, sollte man die ungefähr gleichzeitig geschriebenen Werke «Aus der AkashaChronik» und «Theosophie» heranziehen.
H. W.
