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The Rudolf Steiner Archive

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Kosmogonie
GA 94

14 Juni 1906, Paris

Achtzehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben im Laufe dieser Vorträge zu wiederholten Malen gesagt, daß das Christentum den entscheidenden Mittelpunkt der menschlichen Entwickelung bildet. Alle Religionen haben ihr Daseinsrecht und waren Teiloffenbarungen des Logos, aber keine hat das Gesicht der Welt so verändert wie das Christentum. Man kann diesen Einfluß zum Beispiel in dem Evangelienwort erfühlen: «Selig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben.» Die nicht gesehen haben, das sind diejenigen, die keine Kenntnis von den Mysterien hatten. Durch das Christentum wurde ein wesentlicher Teil der alten Mysterien öffentlich, so die Hauptgebote der Moral, die Unsterblichkeit der Seele durch die Auferstehung oder Wiedergeburt.

[ 2 ] Vor dem Christentum konnte man die übersinnliche Wahrheit sehen in den Offenbarungen, den Riten, den dramatischen Vorführungen der Mysterien. Nun aber durfte man daran glauben dank der göttlichen Person des Christus. Zu allen Zeiten gab es aber einen Unterschied zwischen der den Eingeweihten bekannten esoterischen Wahrheit und ihrer exoterischen Form, wie sie der großen Masse angepaßt war und durch alle Religionen hindurch zum Ausdruck kommt. Ebenso verhält es sich mit dem Christentum. Was in den Evangelien geschrieben steht, das ist die gute neue Botschaft, verkündet für die Allgemeinheit. Aber es gab eine tiefere Lehre, und diese ist beschlossen in der Apokalypse in der Form von Symbolen.

[ 3 ] Es gibt eine Art, die Apokalypse zu lesen, die man erst zu unserer Zeit öffentlich bekanntgeben kann. Aber man hat sie im Mittelalter in den okkulten Schulen der Rosenkreuzer gepflegt. Man schätzte die historische Seite des Buches gering, das heißt die Art seiner Abfassung, die Frage nach seinem Verfasser, kurz, all das, was heute einzig und allein das Hauptinteresse der Theologen bildet, die in diesem Buch lediglich historische Tatbestände herausfinden wollen. Die heutige kritische Theologie kennt nur die äußere Schale dieses Buches und ignoriert den Kern. Die Rosenkreuzer hielten sich an seine prophetische Seite, seine ewige Wahrheit.

[ 4 ] Der Okkultismus beschäftigt sich allgemein nicht mit der Geschichte eines einzigen Jahrhunderts oder einer einzigen Periode, sondern mit der inneren Geschichte der menschlichen Evolution im Ganzen. Wenn er untertaucht in die ersten Manifestationen unseres Planetensystems, wenn er zurückgeht bis zum pflanzlichen und tierischen Zustand des Menschen, dehnt sein Gesichtskreis sich aus über Millionen von Jahre bis zu einer künftigen vergöttlichten Menschheit. Alsdann wird die Erde selbst Substanz und Form gewechselt haben. Aber wie läßt sich die ferne Zukunft erraten? Ist Prophetie möglich? Sie ist möglich, weil alles, was physisch geschehen soll, bereits im Keim, im Schoß der Urbilder existiert, deren Gedanken den Plan unserer Evolution bilden. Nichts erscheint auf dem physischen Plan, das nicht zuvor in großen Linien auf dem Gebiet des Devachan vorgesehen und vorgeformt war. Nichts geschieht in der Tiefe, was nicht vorher in der Höhe existiert hat. Das ist die Art und Weise, wie sich die Dinge verwirklichen. Sie hängt ab von der Freiheit und der Initiative der Individuen.

[ 5 ] Das esoterische Christentum beruht nicht auf einem vagen und sentimentalen Idealismus, sondern auf einem konkreten Ideal, das aus einer Kenntnis der höheren Welten geschöpft ist. Es ist jene Kenntnis, die der Verfasser der Apokalypse hatte, der große Seher von Patmos, der die Zukunft der Menschheit in christlicher Perspektive aufgezeigt hat.

[ 6 ] Versuchen wir diese Zukunft nach den Gesetzen der Weltentstehung zu betrachten, wie wir sie im Vorhergehenden dargelegt haben. Bei den Rosenkreuzern enthüllte man dem Schüler zuerst einige Schauungen aus der Vergangenheit und einige aus der Zukunft. Dann überantwortete man ihm zur Deutung dieser Schauungen das Buch der Apokalypse. Machen wir es ebenso und betrachten wir, wie der Mensch allmählich das geworden ist, was er ist, und welche Zukunft sich vor ihm öffnet.

[ 7 ] Wir haben zum Beispiel vom alten atlantischen Kontinent gesprochen und von den Atlantiern, deren Ätherleib weit mehr entwickelt war als der physische Leib und die erst am Ende ihrer Kultur ein erstes Ich-Bewußtsein hatten. Die aufeinanderfolgenden nachatlantischen Kulturen waren:

[ 8 ] Erstens: Die vorvedische Kultur im Süden Asiens, in Indien. Das war der Beginn der arischen Kulturen.

[ 9 ] Zweitens: Die Epoche des Zarathustra, umfassend die Kultur des alten Persien.

[ 10 ] Drittens: Die ägyptische Kultur, die Epoche des Hermes, an die sich anschließen die chaldäischen und semitischen Kulturen. Die ersten Samenkörner des Christentums wurden in dieser Zeitepoche in den Schoß des hebräischen Volkes versenkt.

[ 11 ] Viertens: Die griechisch-lateinische Kulturepoche, welche die Geburt des Christentums erlebt.

[ 12 ] Fünftens: Eine neue Epoche bereitet sich zur Zeit der Völkerwanderung und der Eroberungszüge vor. Das Erbe der griechisch-lateinischen Kultur wird von den Rassen des Nordens übernommen: den Kelten, den Germanen, den Slawen. Es ist die Epoche, in der wir jetzt noch leben. Es ist eine langsame Umbildung des griechisch-lateinischen Kulturerbes durch das kraftvolle Element der neuen Völker, unter dem mächtigen Impuls des Christentums, mit dem sich der Sauerteig des Ostens vermischt hat, der durch die Araber nach Europa gebracht wurde. Das eigentliche Ziel dieser Kulturepoche ist, den Menschen völlig dem physischen Plan anzupassen, indem seine Vernunft, sein praktischer Sinn entwickelt wird und sein Intellekt in die physische Materie untertaucht, um sie zu begreifen und zu beherrschen. Unter dieser harten Arbeit, dieser erstaunlichen Errungenschaft, die heute an ihr Ende gelangt ist, hat der Mensch augenblicklich die höheren Welten vergessen, aus denen er stammt. Indem wir unsere geistige Verfassung beispielsweise mit derjenigen der Chaldäer vergleichen, ist leicht einzusehen, was wir gewonnen, was wir verloren haben. Wenn ein chaldäischer Magier den Himmel betrachtete, der für uns lediglich ein Problem der Himmelsmechanik darstellt, so hatte er dabei eine ganz andere Idee, ein ganz anderes Gefühl, ja man könnte sagen, ein ganz anderes Erlebnis als wir. Da wo der moderne Astronom nichts als eine seelenlose Maschine sieht, empfand der Magier die tiefe Harmonie des Himmels als eines göttlichen, lebendigen Wesens. Betrachtete er Merkur, Venus, den Mond oder die Sonne, so sah er nicht nur das physische Licht dieser Himmelskörper, er nahm ihre Seelen wahr als solche von lebenden Wesen, und er fühlte die eigene Seele in Zusammenhang mit diesen großen Seelen des Firmaments. Er nahm ihre Einflüsse als Anziehung und Abstoßung wahr, gleichsam als ein wunderbares Konzert göttlicher Willensströmungen, und die Symphonie des Kosmos tönte in ihm als harmonischer Widerhall des menschlichen Mikrokosmos zurück. So war die Sphärenmusik eine Realität, die den Menschen mit dem Himmel verband. — Die Überlegenheit des modernen Gelehrten wurzelt in seiner Kenntnis der physischen Welt, der stofflichen Materie. Die Geisteswissenschaft ist herabgestiegen auf den physischen Plan. Den kennen wir gut. Jetzt aber handelt es sich darum, die Kenntnis des Astralplans und der Geisteswelt durch Hellsichtigkeit wiederum zu erlangen.

[ 13 ] Dieser Abstieg in die Materie war notwendig, damit die fünfte Epoche ihre Mission erfüllen könne. Astrales und geistiges Hellsehen mußte verschleiert werden, damit der Intellekt auf dem Felde der Sinneswelt durch genaue, minuziöse, mathematische Beobachtung der physischen Welt sich entwickeln konnte.

[ 14 ] Aber wir müssen die Naturwissenschaft durch die Geisteswissenschaft ergänzen. Hier ein Beispiel: Man stellt gewöhnlich die Himmelskarte des Ptolemäus derjenigen des Kopernikus gegenüber, wobei man die erstgenannte für irrtümlich erklärt. Das ist falsch. Beide sind gleicherweise wahr. Nur bezieht sich die Karte des Ptolemäus auf den Astralplan, und auf diesem Plan ist die Erde im Mittelpunkt der Planeten, und die Sonne ist selbst ein Planet. Die Karte des Kopernikus bezieht sich auf den physischen Plan, da steht die Sonne im Zentrum. Alle Wahrheiten sind relativ, je nach Zeit und Ort. Das System des Ptolemäus wird in einer folgenden Epoche rehabilitiert werden.

[ 15 ] Nach unserer fünften Epoche wird eine andere kommen, die sechste, die sich zu der unsrigen verhält wie die spirituell gesinnte Seele zur rational eingestellten Seele. Diese Epoche wird die Genialität, die Hellsichtigkeit, den schöpferischen Geist zur Entwickelung bringen. Wie wird das Christentum in dieser sechsten Epoche aussehen? Für den alten Priester der vorchristlichen Zeit bestand eine Harmonie von Wissenschaft und Glauben. Wissenschaft und Religion waren ein und dieselbe Sache. Indem der Priester das Firmament betrachtete, wußte und fühlte er, daß die Seele ein Wassertropfen war, der vom himmlischen Ozean herabgefallen und durch die unermeßlichen Lebensströmungen, die den Raum durchziehen, auf die Erde herabgeführt worden war. Heute, wo der Blick sich auf den physischen Plan gesenkt hat, bedarf der Glaube einer Freistatt, einer Religion. Daher kommt die Trennung von Wissenschaft und Glauben. Die gläubige Verehrung der Person des Christus, des Menschengottes auf der Erde, ist für eine gewisse Zeit an die Stelle der Geheimwissenschaft und der Mysterien getreten. Aber in der sechsten Epoche werden die beiden Strömungen sich vereinigen. Die mechanische Wissenschaft des physischen Planes wird sich zur Höhe spiritueller Schöpferkraft emporheben. Das wird dann die Gnosis oder geistige Erkenntnis sein. Dieser sechsten, von der unsrigen radikal verschiedenen Epoche, werden große, umwälzende Katastrophen vorausgehen. Denn diese Epoche wird ebenso spirituell sein, wie die unsrige materialistisch war, aber diese Umbildung kann nur durch physische Umwälzungen vonstatten gehen. Wiederum wird alles, was sich im Verlaufe der sechsten Epoche gestalten wird, die Möglichkeit einer siebenten Epoche herbeiführen, die das Ende dieser nachatlantischen Kulturen bilden und völlig andere Lebensbedingungen als die unseren kennen wird. Diese siebente Epoche wird enden mit einer Revolution der Elemente, ähnlich derjenigen, die dem atlantischen Kontinent ein Ende setzte, und der Zustand, der dann in Erscheinung tritt, wird ein Zustand sein, dessen Spiritualität durch die zwei letzten nachatlantischen Perioden vorbereitet sein wird.

[ 16 ] Insgesamt umfassen diese arischen Kulturen also sieben große Epochen. Wir sehen langsam die Gesetze der Entwickelung sich entfalten. Der Mensch trägt immer zuerst in sich, was er in der Folgezeit um sich herum sieht. Alles, was gegenwärtig um uns existiert, ist in einer vorhergehenden Evolution von uns ausgegangen, damals, als unser Wesen noch verbunden war mit der Erde, dem Monde und der Sonne. Dieses kosmische Wesen, von dem miteinander der gegenwärtige Mensch samt allen Naturreichen entsprungen ist, wird in der Kabbala Adam Kadmon genannt. In diesem Menschentypus waren alle die vielfältigen Ausgestaltungen vom Menschen enthalten, die gegenwärtig die Völker und die Rassen repräsentieren.

[ 17 ] Was der Mensch heute als sein Seeleninneres besitzt, seine Gedanken, seine Gefühle, wird sich ebenfalls nach außen offenbaren und wird seine Umwelt werden. Die Zukunft ruht in der Brust des Menschen. An ihm liegt es, die Wahl zu treffen, eine Zukunft zum Guten oder zum Schlechten daraus zu machen. Ebenso wie es wahr ist, daß der Mensch einst dasjenige, was heute die Tierwelt bildet, hinter sich gelassen hat, wird dasjenige, was heute an Schlechtem in ihm ist, eine Art degenerierter Menschheit bilden. Wir können gegenwärtig noch mehr oder weniger das Gute oder Böse, das in uns ist, verbergen. Ein Tag wird kommen, wo wir es nicht mehr können, wo dieses Gute oder dieses Böse unauslöschlich auf unserer Stirne geschrieben sein wird, auf unserem Leib und sogar auf dem Angesicht der Erde. Dann wird sich die Menschheit in zwei Rassen spalten. Wie wir heute Felsen oder Tieren begegnen, werden wir alsdann Wesen von reiner Bosheit und Häßlichkeit begegnen. In unseren Tagen liest nur der Hellseher die Güte oder die moralische Häßlichkeit in den Wesen. Wenn aber die Gesichtszüge des Menschen Ausdruck seines Karma sein werden, werden die Menschen sich von selbst teilen, je nach der Strömung, der sie offensichtlich angehören: je nachdem in ihnen die niedere Natur besiegt sein oder ob sie über den Geist triumphieren wird. Diese Unterscheidung beginnt allmählich schon wirksam zu werden.

[ 18 ] Sofern man aus der Vergangenheit die Zukunft begreifen und daran arbeiten will, um das Ideal dieser Zukunft zu verwirklichen, sieht man also die Linien sich abzeichnen. Eine neue Rasse wird sich bilden, die das Bindeglied sein wird zwischen den gegenwärtigen Menschen und den vergeistigten Menschen der Zukunft. Man muß aber unterscheiden zwischen der Entwickelung der Rassen und derjenigen der Seelen. Es ist der Freiheit einer jeden Seele anheimgestellt, sich zu dieser äußeren Form einer Rasse hinzuentwickeln, deren Charakter dem Guten entspricht, das sie verkörpert. Nur aus der Freiheit des Willens und durch die Anstrengung der seelischen Individualität wird man dieser Rasse angehören. Die Zugehörigkeit zu einer Rasse wird für eine Seele nicht mehr zwangsläufig sein, sondern das Ergebnis ihrer Entwickelung.

[ 19 ] Der Sinn der manichäischen Lehre ist, daß die Seelen sich von jetzt an dazu vorbereiten sollen, das Böse, das in der sechsten Epoche in voller Stärke in Erscheinung treten wird, in Gutes zu verwandeln. In der Tat wird es nötig sein, daß die menschlichen Seelen stark genug sein werden, um das Böse, das zutage kommen wird, durch eine spirituelle Alchimie vom Guten abzuwenden.

[ 20 ] Wenn dann die Entwickelung unseres Erdplaneten die vorhergehenden Phasen seiner Entwickelung im umgekehrten Sinne durchlaufen wird, wird sich zuerst eine Vereinigung der Erde mit dem Mond vollziehen, alsdann eine Verbindung, Wiedervereinigung dieses gemischten Weltkörpers mit der Sonne. Die Wiedervereinigung mit dem Mond wird dann mit dem Höhepunkt des Bösen auf der Erde zusammenfallen. Im Gegensatz dazu wird die Vereinigung des Erdkörpers mit der Sonne den Anbruch der Glückseligkeit, die Herrschaft der Auserwählten bezeichnen.

[ 21 ] Der Mensch wird das Zeichen der sieben großen irdischen Phasen an sich tragen. Das Buch mit den sieben Siegeln, von dem die Apokalypse spricht, wird geöffnet sein. Das Weib, mit der Sonne bekleidet, das den Mond unter den Füßen hat, bezieht sich auf die Zeit, wo die Erde aufs neue mit der Sonne und dem Monde vereinigt sein wird. Die Posaunen des Jüngsten Gerichts werden ertönen, denn die Erde wird im devachanischen Zustand angelangt sein, wo nicht mehr das Licht, sondern der Ton herrschen wird. Das Ende der Erdenentwickelung wird im Zeichen des Christus-Prinzips stehen, das die ganze Menschheit durchdringen wird. Dem Christus ähnlich geworden, werden die Menschen sich um ihn versammeln wie die Scharen um das Lamm, und als Frucht dieser Entwickelung wird das Neue Jerusalem erstehen, das die Krönung der Welt darstellt.