Vor dem Tore der Theosophie
GA 95
4 September 1906, Stuttgart
Vierzehnter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gestern die verschiedenen Gebiete charakterisiert, durch die der Schüler der orientalischen und der christlichen Schulung zu höheren Erkenntnissen gelangt; nun will ich Ihnen heute in ähnlicher Weise die Stufen beschreiben, durch welche die rosenkreuzerische Schulung aufsteigt.
[ 2 ] Man darf sich nicht vorstellen, daß diese Rosenkreuzer-Schulung den beiden anderen widerspricht. Sie besteht ungefähr seit dem 14. Jahrhundert, und zwar mußte sie damals eingeführt werden, weil die Menschheit noch eine andere Form der Schulung brauchte. In den Kreisen der Eingeweihten sah man voraus, daß Menschen kommen würden, die durch das sich allmählich entwickelnde Wissen im Glauben beirrt werden würden. Deshalb mußte eine Form geschaffen werden für diejenigen, die in den Zwiespalt von Glauben und Wissen geraten. Im Mittelalter waren die größten Gelehrten auch zugleich die gläubigsten und frömmsten Menschen; aber auch noch lange Zeit später war für die in der Naturwissenschaft Fortgeschrittenen durchaus kein Widerspruch denkbar zwischen Glauben und Wissen. Man sagt, durch das Kopernikanische System sei der Glaube erschüttert worden, aber durchaus unberechtigterweise, hatte doch Kopernikus sein Buch dem Papst gewidmet! Erst in der allerletzten Zeit ist dieser Zwiespalt nach und nach gekommen. Das sahen die Meister der Weisheit voraus, und daher mußte für diejenigen, die durch die Wissenschaft vom Glauben abgebracht worden waren, ein neuer Weg gefunden werden. Für diejenigen Menschen, die sich viel mit der Wissenschaft befassen, ist es nötig, diesen RosenkreuzerWeg zu gehen, um ein Eingeweihter zu werden, denn die Rosenkreuzer-Methode zeigt, daß das höchste Wissen des Weltlichen mit dem höchsten Wissen der übersinnlichen geistigen Wahrheiten durchaus zusammen bestehen kann; und gerade durch die Rosenkreuzer-Methode kann derjenige, der sonst durch eine scheinbare Wissenschaft vom christlichen Glauben abgefallen wäre, diesen erst recht erkennen. Jeder kann durch diese Methode die Wahrheit des Christentums erst recht und mit tieferem Verständnis verstehen. Die Wahrheit ist eine einzige, doch kann man zu ihr auf verschiedenen Wegen gelangen, geradeso wie die verschiedenen Wege am Fuße des Berges auseinandergehen, am Gipfel jedoch alle zusammenlaufen.
[ 3 ] Das Wesen der Rosenkreuzer-Schulung kann bezeichnet werden mit den Worten: wahre Selbsterkenntnis. Dazu muß man zwei Dinge unterscheiden, und man muß sie als Rosenkreuzer-Schüler nicht bloß theoretisch unterscheiden, sondern auch praktisch, das heißt, sie ins praktische Leben einführen. Es gibt zwei Arten von Selbsterkenntnis. Die niedere Selbsterkenntnis, die der Rosenkreuzer-Schüler Selbstbespiegelung nennt, durch sie soll man das niedere Selbst überwinden; und die höhere, durch Selbstentäußerung geborene Selbsterkenntnis.
[ 4 ] Was ist nun niedere Selbsterkenntnis? Das ist die Erkenntnis unseres alltäglichen Selbst, dessen, was wir schon sind, was wir in uns tragen, wie man sagt, ein Hineinschauen in das eigene Seelenleben. Man muß sich aber klarmachen, daß man dadurch nicht zum höheren Selbst kommen kann, denn wenn der Mensch sich selbst anschaut, findet er nur, was er ist; aber gerade darüber soll er ja hinauswachsen, um dieses Selbst des gewöhnlichen Lebens zu überwinden. Aber wie? Die meisten Menschen sind überzeugt, daß ihre Eigenschaften die allerbesten sind, und wer diese nicht auch hat, ist ihnen unsympathisch. Wer über diese Meinung hinaus ist, nicht nur in der Theorie, sondern im Gefühl, der ist schon auf dem Wege zu einer wahren Selbsterkenntnis. Hinaus kommt man über diese Selbstbespiegelung durch eine besondere Methode, die immer angewandt werden kann, wenn man einmal fünf Minuten Zeit findet. Man muß von folgendem Satz ausgehen: Alle Eigenschaften, die du hast, sind einseitig; du mußt erkennen, worin deine Eigenschaften einseitig sind, und mußt sie zu harmonisieren suchen. - Es ist dies ein Satz, der nicht nur in der Theorie, der in der Praxis der geeignetste ist. Wer fleißig ist, muß sich prüfen, ob er es nicht an einer falschen Stelle ist. Flinkheit ist auch einseitig, ich muß sie ergänzen durch eine sorgfältige Bedachtsamkeit. Jede Eigenschaft hat ihren Gegenpol; den muß man sich aneignen und dann die konträren Eigenschaften zu harmonisieren suchen, zum Beispiel: Eile mit Weile, flink sein und doch bedächtig, bedächtig sein und doch nicht träge. Dann fängt man an, über sich hinauszuarbeiten. Das gehört nicht zur Meditation, das muß man sich daneben erringen.
[ 5 ] Dieses Harmonisieren besteht namentlich im Aufmerken auf kleine Züge. Wer zum Beispiel die Eigenschaft hat, andere nicht ausreden zu lassen, der muß sorgfältig darauf achten und einmal sechs Wochen sich vornehmen: Jetzt schweigst du überhaupt dem andern gegenüber, so lange es möglich ist. - Dann gewöhne man sich, nicht zu laut und nicht zu leise zu sprechen. Solche Dinge, die der Mensch gewöhnlich gar nicht bedenkt, gehören zu dieser intimen Selbstentwickelung des Innern, und auf je unbedeutendere Eigenschaften man eingeht, desto besser ist es. Wenn man es gar dazu bringt, sich nicht nur bestimmte moralische, intellektuelle oder Gefühlseigenschaften anzueignen, sondern irgendeine äußere Gewohnheit abzugewöhnen, so ist das insbesondere wirksam. Es handelt sich weniger um eine Erforschung des Inneren im gewöhnlichen Sinne als vielmehr um eine Vervollkommnung der Eigenschaften, die man noch nicht genügend ausgebildet hat, und um eine Ergänzung des Vorhandenen durch eine entgegengesetzte Eigenschaft. Selbsterkenntnis gehört zu den allerschwersten Dingen für den Menschen, und gerade diejenigen, die sich am besten zu kennen glauben, täuschen sich am leichtesten. Sie denken zu viel an ihr eigenes Selbst. Das fortwährende Hinstarren auf sich selbst und das fortwährende Hinsagen des Wortes «Ich»: Ich denke, ich glaube, ich halte das für richtig - das sollte man sich schon in der Redeweise abgewöhnen. Vor allen Dingen muß man sich die Idee abgewöhnen, als wenn auf die eigene Meinung mehr ankäme als auf die Meinung anderer Menschen. Nehmen wir zum Beispiel an, es ist einer ein sehr gescheiter Mensch. Wenn er nun seine Gescheitheit in einer Gesellschaft von Menschen anbringt, die auf einer viel tieferen Stufe stehen, so ist sie sehr deplaciert: Er bringt sie ja nur um seinetwillen an. Er sollte aber aus dem Geiste der anderen heraus wirken. Insbesondere Agitatoren verletzen diese Regel sehr leicht.
[ 6 ] Dazu muß ferner das kommen, was man im okkulten Sinne Geduld nennt. Die meisten, die etwas erreichen wollen, können nicht warten, weil sie glauben, sie seien schon reif, alles zu empfangen. Diese Geduld fließt aus einer strengen Selbsterziehung. Auch das hängt mit der Selbsterkenntnis zusammen.
[ 7 ] Die höhere Selbsterkenntnis beginnt erst dann, wenn wir anfangen zu sagen: In dem, was unser alltägliches Ich ist, liegt gar nicht unser höheres Selbst. In der ganzen Welt draußen ist es, oben bei den Sternen, bei der Sonne und dem Mond, im Stein, im Tier: Überall ist dasselbe Wesen, das in uns ist. - Wenn einer sagt: Ich will mein höheres Selbst pflegen und mich zurückziehen, ich will nichts wissen von allem Materiellen, dann verkennt er vollständig, daß gerade das Selbst überall draußen ist und daß sein eigenes höheres Selbst nur ein kleiner Teil ist von diesem großen Selbst draußen. Gewisse «geistige» Heilweisen machen diesen Fehler, der sehr verhängnisvoll werden kann; sie bringen dem Kranken die Vorstellung bei, es gäbe nichts Materielles, und so gäbe es auch keine Krankheiten. Das beruht auf einer falschen Selbsterkenntnis und ist, wie schon bemerkt, sehr gefährlich. Während sich eine solche Heilweise mit einem christlichen Namen bezeichnet, ist sie eigentlich antichristlich.
[ 8 ] Das Christentum ist eine Anschauung, die in allem eine Offenbarung des Göttlichen sieht. In jedem Materiellen haben wir eine Illusion, wenn wir es nicht als einen Ausdruck des Göttlichen ansehen. Verleugnen wir die Außenwelt, so verleugnen wir das Göttliche; negieren wir die Materie, in der sich Gott offenbart hat, dann negieren wir Gott. Es handelt sich nicht darum, in sich hineinzuschauen, sondern wir müssen das große Selbst zu erkennen suchen, das in uns hineinleuchtet. Das niedere Selbst sagt: Ich stehe da und friere. - Das höhere Selbst dagegen sagt: Ich bin auch die Kälte, denn ich lebe als das einige Selbst in der Kälte und mache mich selbst kalt. - Das niedere Selbst sagt: Ich bin da, ich bin im Auge, das die Sonne sieht. — Das höhere Selbst dagegen sagt: Ich bin in der Sonne und sehe im Sonnenstrahl in deine Augen hinein.
[ 9 ] Wirklich herausgehen aus sich selbst heißt Selbstentäußerung. Daher geht die Rosenkreuzer-Schulung darauf aus, das niedere Selbst herauszubringen aus dem Menschen. In der theosophischen Bewegung ist anfangs der allerschlimmste Fehler gemacht worden dadurch, daß man sagte: Man muß absehen vom Äußeren und in sich hineinschauen. — Das ist eine große Illusion. Man findet nur sein niederes Selbst, das vierte Prinzip, das niedere Ich, das sich einbildet, ein Göttliches zu sein, das aber gar kein Göttliches ist. Man muß aus sich heraus, um das Göttliche zu erkennen. «Erkenne dich selbst» heißt zugleich «überwinde dich selbst».
[ 10 ] Die Gebiete, um die es sich bei der Rosenkreuzer-Schulung handelt, sind folgende, und sie müssen Hand in Hand gehen mit der Ausbildung der bereits erwähnten sechs Eigenschaften: Gedankenkontrolle, Initiative des Handelns, Gelassenheit, Unbefangenheit oder Positivität, Glaube, inneres Gleichgewicht.
[ 11 ] Die Schulung selbst besteht in folgendem:
[ 12 ] 1. Studium. Ohne Studium kommt der jetzige Europäer nicht dazu, selbst zu erkennen. Er muß versuchen, erst die Gedanken der ganzen Menschheit in sich hervorzubringen. Er muß mit dem Weltensystem denken lernen. Er muß sich sagen: Wenn andere das gedacht haben, so muß es doch menschlich sein, und ich will einmal probieren, wie es sich damit leben läßt. - Man braucht darauf ja nicht wie auf ein Dogma zu schwören, aber man muß es kennenlernen durch Studium. Der Schüler muß die Entwickelung der Sonnen und Planeten, der Erde und der Menschheit kennenlernen. Diese Gedanken, die uns für das Studium überliefert werden, reinigen unseren Geist. An den strengen Gedankenlinien ranken wir uns hinauf dazu, selbst streng logische Gedanken zu bilden. Dieses Studium reinigt auch wiederum unsere Gedanken, so daß wir streng logisch denken lernen. Wenn wir zum Beispiel ein sehr schweres Buch studieren, so kommt es weniger darauf an, den Inhalt zu begreifen, als darauf, daß wir auf die Gedankenbahnen des Verfassers eingehen und mitdenken lernen. Deshalb darf man auch kein Buch zu schwer finden; das hieße bloß, man ist zu bequem zu denken. Die besten Bücher sind gerade diejenigen, die man immer und immer wieder studieren muß, die man nicht gleich versteht, die man Satz für Satz durchdenken muß. Beim Studium kommt es nicht so sehr auf das Was als auf das Wie an. Durch die großen Wahrheiten, wie zum Beispiel die Planetengesetze, schaffen wir uns große Denklinien an, und das ist das Wesentliche an der Sache. Auch darin steckt viel Egoismus, wenn jemand sagt: Ich will mehr moralische Lehren haben und keine über Planetensysteme. — Richtige Weisheit bewirkt ein moralisches Leben.
[ 13 ] 2. Das zweite ist die Imagination, das Erwerben von imaginativer Erkenntnis. Was ist sie und wie erlangt man sie? Auf folgende Weise gelangt man dazu: Man geht durch die Welt und beobachtet sie streng nach dem Goetheschen Grundsatz «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis». Denn Goethe war ein Rosenkreuzer, und er kann uns in das seelische Leben einführen. Jedes Ding muß in mehrfacher Beziehung ein Gleichnis werden. Nehmen wir an, ich gehe an einer Herbstzeitlose vorbei: Sie ist durch Form und Farbe für mich ein Sinnbild der Trauer. Eine andere Blume, der Windling, ist ein Sinnbild der Hilfsbedürftigkeit, eine rote Blume, die kühn ihre Blätter in die Höhe richtet, kann mir ein Zeichen sein für Munterkeit und so weiter. Ein Tier mit bunten Farben kann ein Gleichnis sein für die Koketterie. Oft liegen in den Namen schon die Gleichnisse ausgedrückt, zum Beispiel Trauerweide, Vergißmeinnicht und so weiter. Je mehr man in dieser Weise nachdenkt, daß die äußeren Dinge Sinnbilder werden für das Moralische, desto leichter kann man zu dieser imaginativen Erkenntnis aufsteigen. Auch bei den Menschen findet man solche Gleichnisse. So kann man zum Beispiel an dem Gang eines Menschen sein Temperament studieren. Beobachten Sie nur einmal den schleppenden, langsamen Schritt des Melancholikers, den festen, bestimmten Schritt des Cholerikers, den leichten, mehr auf den Fußspitzen ruhenden Schritt des Sanguinikers.
[ 14 ] Hat man das eine Weile getrieben, dann geht man über zu den Übungen für die eigentliche Imagination. Man hält sich zum Beispiel eine natürliche Pflanze vor, sieht sie recht an, vertieft sich ganz hinein in sie, holt das Innere seiner Seele heraus und legt es sozusagen in die Pflanze hinein, wie es in meinen Aufsätzen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist. Das bringt die Imagination herauf. Dadurch gelangt man zum astralen Schauen. Man. bemerkt dann tatsächlich nach einiger Zeit, wie eine kleine Flamme aus der Pflanze hervorgeht; es ist die astrale Bedeutung dessen, was wächst. Ein anderes Beispiel: Man legt ein Samenkorn vor sich hin und sieht dann die ganze Pflanze, wie sie in der Wirklichkeit erst später sein wird, in Gedanken vor sich erscheinen. Das sind äbungen für die Imagination, auf die die Rosenkreuzer viel Aufmerksamkeit verwenden.
[ 15 ] 3. Das dritte ist das, was man nennt das Lernen der okkulten Schrift. Es gibt nämlich eine okkulte Schrift, durch die man tiefer hineindringen kann in die Dinge. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, damit Sie sehen, was ich eigentlich meine: Mit dem Untergang der alten Atlantis hat eine neue, die altindische Kultur begonnen. Das Zeichen eines solchen Entwickelungsstadiums, wo eine Kulturepoche aufhört und eine andere anfängt, ist der Wirbel. Solche Wirbel gibt es auch in der Natur, Sternennebel, der Orionnebel zum Beispiel und so weiter. Auch da geht eine Welt zugrunde, und eine neue tritt hervor. Beim Aufgang der altindischen Kultur stand die Sonne im Krebs, in der Zeit der persischen Kultur stand die Sonne in den Zwillingen, während der ägyptischen Kultur im Stier, während der griechisch-lateinischen Kultur im Widder. Da nun das astronomische Zeichen des Krebses ist, war dieses auch das Zeichen für den Aufgang der altindischen Kultur.
[ 16 ] Ein weiteres Beispiel ist der Buchstabe M. Jeder Buchstabe führt auf einen okkulten Ursprung zurück. So ist M das Zeichen der Weisheit. Es ist entstanden aus der Bildung der Oberlippe und ist zugleich das Symbol für die Meereswellen; daher wird die Weisheit durch das Wasser symbolisiert. Diese Zeichen sind stets Anklänge an sinnvolle Dinge. Zahlreiche solche Zeichen werden in der Rosenkreuzer-Schulung gelehrt.
[ 17 ] 4. Rhythmisierung des Lebens. Vom chaotischen zum rhythmischen Leben übergehen. Die Kinder haben den Vorteil, in die Schule zu gehen; beim Erwachsenen fehlt leider oft der Stundenplan. Man muß versuchen, gewisse Stunden des Tages für die Meditation festzulegen. Die Rhythmisierung des Atems spielt keine so große Rolle wie bei den Orientalen, aber sie gehört auch zur Schulung, und der Rosenkreuzer weiß, daß schon durch das Meditieren die Verbesserung der Atemluft eintritt.
[ 18 ] 5. Das Entsprechen von Mikrokosmos und Makrokosmos. Es ist das der Zusammenhang zwischen der großen und der kleinen Welt oder zwischen dem Menschen und der Welt draußen. Sie wissen, daß der Mensch allmählich entstanden ist, seine einzelnen Wesensglieder haben sich im Laufe der Evolution gebildet. Auf der alten Sonne hat der Mensch noch keinen Astralleib gehabt. Deshalb konnten gewisse Organe noch nicht entstehen. Ein solches Organ ist zum Beispiel die Leber. Bei einem Wesen, das nur einen Ätherleib hat, gibt es keine Leber, auch nicht in der Anlage. Zwar ist die Leber nicht ohne den Ätherkörper möglich, sie wird aber erst vom Astralleib geschaffen. Ebenso kann niemals ein Wesen warmes Blut haben, das nicht zu der Zeit entstanden ist, wo sich das Ich ausbildete.
[ 19 ] Zwar haben die höheren Tiere auch warmes Blut, aber diese haben sich vom Menschen abgespalten, als er das Ich ausbildete. So gehört jedes Organ des menschlichen Leibes, auch das kleinste, zu einem seiner Wesensglieder. Die Leber entspricht dem Astralleib, das Blut dem Ich. Und wenn der Mensch nun seine Aufmerksamkeit objektiv auf sich selbst richtet, wie auf eine Sache, wenn er sich zum Beispiel auf den Punkt an der Nasenwurzel konzentriert und damit ein bestimmtes Wort verbindet, das der okkulte Lehrer ihm gibt, so wird er zu dem, was diesem Punkte entspricht, hingeführt, und er lernt es kennen. So wird der Mensch, der sich auf diesen Punkt unter bestimmter Anleitung konzentriert, die Natur des Ich kennenlernen. Eine andere, sehr viel spätere Übung richtet sich auf das Innere des Auges; dadurch lernt man die innere Natur des Lichtes und der Sonne kennen. Die Natur des Astralen lernt man dadurch kennen, daß man sich mit bestimmten Worten auf die Leber konzentriert.
[ 20 ] Das ist die richtige Selbstentwickelung, wenn man durch jedes Organ, auf das man seine Aufmerksamkeit richtet, aus sich herausgeführt wird. Diese Methode ist besonders in neuerer Zeit wirksam geworden, weil die Menschheit so materiell geworden ist. So kommt man durch das Materielle zum Verursacher des Materiellen, zu den schöpferischen Kräften, die diese Organe gebildet haben.
[ 21 ] 6. Das Verweilen oder Sichversenken in den Makrokosmos. Das ist dasselbe, was als Dhyanam beschrieben wurde, die geistige Kontemplation. Sie geschieht folgendermaßen: Man versenkt sich in das Organ der Kontemplation, zum Beispiel in das Innere des Auges. Wenn man sich darauf eine Weile konzentriert hat, läßt man die Vorstellung des äußeren Organs fallen, so daß man nur noch an das denkt, worauf das Auge hingewiesen hat: auf das Licht. Dadurch kommt man zum Schöpfer des Organs und hinaus in den Makrokosmos. Dann fühlt man, wie der Körper immer größer wird, so groß wie die ganze Erde, ja, er wächst sogar über die Erde hinaus, und alle Dinge sind in ihm. Der Mensch lebt dann in allen Dingen darinnen.
[ 22 ] 7. Der siebente Zustand entspricht dem orientalischen Samadhi; man nennt ihn in der Rosenkreuzer-Schulung Gottseligkeit. Man läßt die letzte Vorstellung fallen, aber man behält die Kraft des Denkens. Der Inhalt des Denkens hört auf, aber die Tätigkeit des Denkens bleibt. Dadurch ruht man in der göttlich-geistigen Welt.
[ 23 ] Diese Stufen der Rosenkreuzer-Schulung sind mehr innere Stufen und erfordern eine subtile Pflege des höheren Seelenlebens. In unserem materiellen Zeitalter ist die weitverbreitete Oberflächlichkeit ein starkes Hindernis für die nötige Verinnerlichung des gesamten Seelenlebens; sie muß überwunden werden. Diese Schulung ist auf den Europäer zugeschnitten, sie erfordert eine gewisse seelische Energie, sie ist aber nicht schwer. Jeder kann sie ausführen, der nur ernstlich will. Doch gilt auch hier der Goethesche Satz: «Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.»
[ 24 ] Meine lieben Freunde! So sind wir nun auf die verschiedenen Methoden der Schulung eingegangen; und nun will ich damit die Vorträge schließen, daß ich Ihnen noch einen Einblick gebe in den Zusammenhang zwischen dem Menschen und der ganzen Erde, damit Sie sehen, wie der Mensch zusammenhängt mit alle dem, was sonst auf der Erde vor sich geht.
[ 25 ] Ich habe Ihnen die Entwickelung des Menschen geschildert, wie er ein immer höheres Wesen werden kann. Die Menschheit als Ganzes wird ja alles das im Verlaufe der Entwickelung erreichen, was jeder einzelne durch eine okkulte Schulung für sich erreichen kann. Was geht nun mit der Erde vor, während sich so Mensch und Menschheit entwickeln? Denn für den Okkultisten ist die Erde nicht dasjenige, was sie für den gewöhnlichen Geologen oder Naturforscher ist, der darin gleichsam nur einen großen leblosen Ball sieht, der innen nicht viel anders ausschaut als außen, höchstens daß die Stoffe im Innern flüssig sind. Es ist ziemlich unverständlich, wie dieser tote Ball allerlei Wesen hervorbringen soll.
[ 26 ] Wir wissen, daß unsere Erde ganz bestimmte Erscheinungen zeigt, die in das Schicksal vieler Wesen tief hineinspielen; doch das wird von der heutigen Naturwissenschaft als außer Zusammenhang mit diesem Schicksal stehend betrachtet. So wird zum Beispiel durch Erdbeben und Vulkanausbrüche in das Schicksal von Hunderten und Tausenden eingegriffen. Hat des Menschen Wille darauf einen Einfluß oder ist es Zufall? Gibt es tote Gesetze, die blind wüten, oder ist ein Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und dem Willen des Menschen? Wie steht es mit dem Menschen, der bei einem Erdbeben zugrunde geht? Was sagt der Okkultist über das Innere der Erde?
[ 27 ] Die Geheimwissenschaft aller Zeiten sagt über das Innere der Erde das Folgende: Wir haben uns die Erde zu denken bestehend aus einer Reihe von Schichten, die aber nicht genau voneinander abgegrenzt sind wie bei einer Zwiebel, sondern sanft ineinander übergehen. Die oberste Schicht, die mineralische Masse, verhält sich zum Innern wie die Schale zum ganzen Ei. Diese oberste Schicht nennt man die mineralische Erde. Unterhalb derselben zeigt sich etwas, was sich mit keiner Substanz der Erde vergleichen läßt, man nennt es die flüssige Erde. Es ist aber nicht eigentlich eine Flüssigkeit gemeint, denn unsere Flüssigkeiten sind ja auch mineralisch; diese Schicht hat besondere Eigenschaften. Diese Substanz beginnt nämlich hier geistige Eigenschaften zu haben, darin bestehend, daß sie, als Substanz mit etwas Lebendem zusammengebracht, dieses Leben sofort heraustreiben und vernichten würde. Der Okkultist kann diese Schicht durch eine reine Konzentrationsarbeit untersuchen.
[ 28 ] 3. Die Luft-Erde: Das ist eine die Empfindung vernichtende Substanz; wird sie zum Beispiel mit einem Schmerz zusammengebracht, so verwandelt sie ihn in Lust, und umgekehrt. Es wird sozusagen die Empfindung in der Art, wie sie besteht, ausgelöscht, so wie die zweite Schicht das Leben auslöscht.
[ 29 ] 4. Die Wasser- oder Form-Erde: Diese Schicht besteht aus Kräften, die aus jedem Ding materiell das machen, was im Devachan geistig geschieht. Dort haben wir die Negativbilder zu den physischen Dingen. Hier würde zum Beispiel ein Würfel vernichtet werden, sein Negativ aber entstehen. Die Form wird sozusagen in das Gegenteil verwandelt, alle Eigenschaften begeben sich in die Umgebung. Der Raum selbst, den der Würfel einnahm, ist leer.
[ 30 ] 5. Die Frucht-Erde: Diese Substanz ist voll von strotzender Wachstumsenergie. Jedes Teilchen derselben wächst sofort weiter wie ein Schwamm, wird immer größer und kann nur zusammengehalten werden von den oberen Schichten. Sie dient den Formen der vorhergehenden Schicht als dahinterstehendes Leben.
[ 31 ] 6. Die Feuer-Erde: Diese Substanz hat als solche Empfindung und Wille. Sie empfindet Schmerz; sie würde schreien, wenn sie getreten würde. Sie besteht sozusagen ganz und gar aus Leidenschaften.
[ 32 ] 7. Der Erdenspiegel, Erdreflektor: Diese Schicht hat ihren Namen daher, daß ihre Substanz, wenn man sich darauf konzentriert, alle Eigenschaften der Erde ins Gegenteil verwandelt. Wenn man alles Darüberliegende nicht sehen will, sondern direkt im Geist auf diese Schicht heruntersieht und sich dann zum Beispiel etwas Grünes vorlegt, so erscheint das Grüne rot; jede Farbe erscheint in ihrer Komplementärfarbe. Es entsteht eine polarische Spiegelung, eine Widerspiegelung ins Gegenteil. Das Traurige würde von dieser Substanz in Freude verwandelt.
[ 33 ] 8. Der Zersplitterer: Konzentriert man sich mit entwickelter okkulter Kraft darauf, so zeigt sich einem etwas ganz Merkwürdiges. Es erscheint dort zum Beispiel eine Pflanze zahllos vervielfältigt, ebenso alles andere. Aber das Wesentliche ist, daß diese Schicht auch die moralischen Eigenschaften zersplittert. Sie ist schuld durch die Kraft, die sie auf die Oberfläche der Erde ausstrahlt, daß es überhaupt auf der Erde Streit und Disharmonie gibt. Die Menschen müssen zusammenwirken in Harmonie, um die zersplitternde Kraft dieser Schicht zu überwinden. Dazu wurde diese Kraft in die Erde hineingelegt, damit die Menschen die Harmonie selbst entwickeln können. Alles Böse wird substantiell hier vorbereitet und organisiert. Streitsüchtige Menschen sind so organisiert, daß diese Schicht einen besonderen Einfluß auf sie hat. Alle, die aus dem Okkultismus heraus geschrieben haben, wußten das. Dante beschreibt diese Schicht in seiner «Göttlichen Komödie» als Kains-Schlucht. Der Streit zwischen den beiden Brüdern Kain und Abel kommt von daher. Diese Schicht hat substantiell das Böse in die Welt gebracht.
[ 34 ] 9. Der Erdkern: Das ist substantiell dasjenige, durch dessen Einfluß auf der Welt schwarze Magie entsteht. Von hier geht die Kraft des geistig Bösen aus.
[ 35 ] Aus dem Obigen können wir entnehmen, daß der Mensch einen Bezug hat zu all diesen Schichten, denn sie strahlen fortwährend ihre Kraft aus. Die Menschen stehen unter dem Einfluß dieser Schichten und müssen fortwährend die Kräfte derselben überwinden. Wenn einmal die Menschen auf der Erde selbst Leben ausstrahlen werden, wenn sie Lebenförderndes ausatmen werden, dann überwinden sie die Feuer-Erde. Wenn sie den Schmerz geistig überwinden durch Gelassenheit, dann überwinden sie die Luft-Erde, und so weiter. Wenn die Eintracht siegt, wird der Zersplitterer besiegt. Wenn die weiße Magie siegt, gibt es kein Böses mehr in der Welt. So bedeutet also die Evolution des Menschen eine Umgestaltung des Erdinnern. Im Anfang war der Erdkörper so, daß er alles hemmte, was sich entwickelte. Zuletzt wird die ganze Erde, durch die Kraft der Menschheit umgewandelt, eine vergeistigte Erde sein. Der Mensch teilt so sein Wesen der Erde mit.
[ 36 ] Nun kann der Fall eintreten, daß die substantielle Leidenschaft der Feuer-Erde rebellisch wird. Durch die Leidenschaften der Menschen angeregt, dringt sie durch die Frucht-Erde hindurch, zwängt sich dann durch die Kanäle in die oberen Schichten und fließt sogar in die feste Erde hinein, erschüttert diese und bewirkt ein Erdbeben. Stößt diese Leidenschaft der Feuerschicht innere Erdensubstanz aus, dann entsteht ein Vulkan. Das hat sehr viel zu tun mit dem Menschen. In der lemurischen Rasse war die obere Schicht noch sehr weich, und die Feuerschicht lag noch weit oben. Nun besteht eine Verwandtschaft zwischen der menschlichen Leidenschaft und der Leidenschaftssubstanz dieser Schicht. Wenn der Mensch also sehr böse ist, so verstärkt er diese Leidenschaft. Das geschah am Ende der lemurischen Zeit. Da machte der Lemurier durch seine Leidenschaft die Feuer-Erde rebellischer und richtete den ganzen lemurischen Kontinent auf diese Weise zugrunde. Nirgendwo anders kann er die wahre Ursache zu diesem Untergang finden als in dem, was er selbst aus der Erde heraufgezogen hat. Heute sind die Schichten dichter und fester geworden, aber noch immer stehen die menschlichen Leidenschaften mit der Leidenschaftsschicht der inneren Erde im Zusammenhang; immer noch bewirkt eine Ansammlung böser Leidenschaften und Kräfte Erdbeben und Vulkanausbrüche.
[ 37 ] Wie der Mensch mit seinem Schicksal und Willen zusammenhängt mit dem, was da geschieht, das können wir an zwei Beispielen, die wirklich okkult untersucht worden sind, ersehen. Man hat nämlich gefunden, daß Menschen, die bei einem Erdbeben zugrunde gingen, in der nächsten Inkarnation spirituelle, geistgläubige Menschen geworden sind. Sie waren so weit gewesen, daß es nur noch dieses einen Schlages bedurfte, um ihnen die Vergänglichkeit des Irdischen zu zeigen. Das wirkte im Devachan so sehr nach, daß sie als Frucht für das nächste Leben lernten, daß das Materielle das Hinfällige, der Geist aber das Überwindende ist. Nicht alle haben das eingesehen, doch viele leben heute auf diese Weise als Menschen, die irgendwelchen spirituellen, theosophischen Bewegungen angehören.
[ 38 ] Bei dem anderen Beispiel wurden die Menschen untersucht, deren Geburt mit einem Erdbeben oder mit einem Vulkanausbruch zusammenfiel. Man fand dabei heraus, daß alle diese Menschen merkwürdigerweise ganz materialistisch gesinnte Menschen geworden sind. Das Erdbeben oder der Vulkanausbruch war nicht die Ursache, sondern es waren die vielen materualistisch gesinnten Seelen, die, reif zur Geburt, sich durch ihren astralen Willen in die physische Welt hineinarbeiteten und die Kräfte der Feuerschicht entfesselten, welche dann bei ihrer Geburt die Erde erschütterten.
[ 39 ] So hängt der Wille des Menschen mit dem, was auf der Erde vorgeht, zusammen. Der Mensch verwandelt mit sich zugleich seinen Wohnplatz. Mit seiner eigenen Vergeistigung vergeistigt er die Erde. Er wird dereinst, auf einem nächsten Planeten, diese Erde durch seine eigene Schaffenskraft veredelt haben. In jedem Augenblick, wo wir denken und fühlen, arbeiten wir mit an dem großen Gebäude der Erde. Die Führer der Menschheit schauen hinein in solche Zusammenhänge und suchen der Menschheit solche Kräfte zuzuführen, welche im Sinne der Entwickelung wirken. Eine der letzten dieser Bewegungen ist die theosophische. Sie soll harmonisierend und ausgleichend wirken bis in die tiefsten Untergründe der menschlichen Seele hinein. Wer noch immer seine Meinung über die Liebe stellt, das Rechthabenwollen über den Frieden, der hat die theosophische Idee noch nicht ganz begriffen. Die Gesinnung der Liebe muß bis in die Meinung hinein wirken. Wer in einer okkulten Entwickelung begriffen ist, der lernt das naturnotwendig, sonst kommt er nicht weiter. Er verzichtet überhaupt auf eine eigene Meinung und will nur ein Werkzeug sein der objektiven Wahrheit, die von den Geistern kommt und die Welt durchströmt als die eine große Wahrheit, und je mehr man sich selbst entäußert und das Sprachrohr wird für die eine große Wahrheit und seine eigene Meinung nicht mehr in Betracht zieht, desto mehr übt man die wahre theosophische Gesinnung. Das ist heute außerordentlich schwer. Aber die theosophische Lehre ist selbst eine Friedensstifterin. Wenn wir zusammenkommen, um in der Lehre zu leben, so stiftet sie Frieden. Wenn wir aber hineinbringen, was draußen ist, dann bringt man Zwietracht hinein, und das müßte eigentlich eine Unmöglichkeit sein.
[ 40 ] So muß die theosophische Weltanschauung übergehen in ein Gefühl, in etwas, was ich nennen möchte eine geistige Luft, in der die Theosophie lebt. Sie müssen den Willen haben zum Verständnis, dann schwebt die Theosophie wie ein einheitlicher Geist über den Versammlungen, und dann wirkt sie auch hinaus in die Welt.
Fragenbeantwortung
[ 41 ] In früherer Zeit war der Ätherleib des Menschen noch außerhalb seines physischen Leibes, ebenso natürlich das Ich-Bewußtsein. Die Seele arbeitete von außen am physischen Leibe. Ebenso ist es noch mit dem Ätherleib des heutigen Pferdes.
Woher kommen die Namen der Tierkreissternbilder?
[ 42 ] Das gesamte Tierreich war einstmals im Menschen darinnen, das heißt der Mensch stand auf einer Stufe zwischen dem heutigen Tierreich und Menschenreich. Um sich weiter entwickeln zu können, mußte er die Teile aus sich ausscheiden, die seine Entwickelung nicht mitmachen konnten. Er schied damals das aus, was dann heute unser Tierreich bildet. Ursprünglich also waren die Tiere weit weniger vom Menschen unterschieden als jetzt. Sie degenerierten dann allmählich. Nun ging das Ausscheiden des Tierreiches aber nicht plötzlich vor sich, sondern ganz allmählich. Erst die Fische, dann Reptilien und Amphibien, dann Vögel und Säugetiere. Und bei diesen Gruppen gab es ja auch wieder nur ein allmähliches Ausscheiden. So wurden die Raubtiere zum Beispiel früher ausgeschieden als die Affen. Als nun die Löwen ausgeschieden wurden, da nannte man das Sternbild, in dem die Sonne stand, Löwe, und als der Mensch die Stiernatur ausschied, nannte man das Sternbild Stier. Die Namen der vier apokalyptischen Tiere in der Offenbarung des Johannes deuten auf dasselbe hin. Sie heißen Adler, Löwe, Stier, Mensch. Aber damit sind noch nicht die Namen aller Tierkreisbilder erklärt.
[ 43 ] Der Mond früherer Zeit - bevor sich die Erde ausschied - bestand aus weicher Pflanzenmasse, wie lebendiges Moor oder Spinatmasse, durchzogen von einem holzartigen Gerüst, das heute sich zu Felsen verhärtet hat. In dieser weichen Masse lebten die Mondpflanzen, eigentlich Pflanzentiere, zwischen den heutigen Tieren und Pflanzen stehend. Sie lebten also in Pflanzenmasse. Bei der Ausscheidung der Erde, wo sich die vier Naturreiche, Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen bildeten, machten einige die volle Umwandlung zur heutigen Pflanze nicht mit. So entstanden die Schmarotzerpflanzen.
«Eh’ vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muß das Verwunden sie verlernen.» (Aus «Licht auf den Weg» von Mabel Collins.)
[ 44 ] Wenn wir einen Liebesgedanken aussenden, so bildet er eine wunderschöne Gedankenform, aussehend wie eine Blume, die sich sanft öffnet und den, dem der Liebesgedanke gilt, ganz umfaßt. Denkt man einen Haßgedanken, so bildet er einespitze,eckigeForm, oben geschlossen, um zu verwunden. Dasjenige, was wir als «Meister» bezeichnen, ist die göttliche Stimme, die in uns spricht. Sie spricht immer, aber wir lassen sie nicht immer heraus. Der Liebesgedanke ist offen, da kann die Stimme des Meisters hindurchtönen. Aber die geschlossene Gedankenform des Hasses läßt die göttliche Gedankenform keinen Ausweg finden, so daß sie ungehört bleiben muß.
Eine Lüge ist ein Mord im Astralen.
[ 45 ] Nehmen wir an, ich denke folgenden Gedanken: Ich bin einem Menschen begegnet. Eine ganz bestimmte Gedankenform wird dadurch erzeugt. Nun sage ich dasselbe zu einem andern: Ich bin einem Menschen begegnet. — Wiederum wird dieselbe Gedankenform erzeugt. Die beiden Gedankenformen begegnen sich und verstärken einander. Lüge ich aber und sage: Ich bin dem Menschen nicht begegnet - so wird eine Gedankenform erzeugt, die der ersteren entgegengesetzt ist. Die beiden Gedankenformen prallen zusammen und zerstören einander. Die Explosion erfolgt im Astral leib des Lügners.
Wodurch schützt man seinen Astralleib vor schlechten Einflüssen?
[ 46 ] Am besten dadurch, daß man selbst rein und wahr ist. Als besonderes Schutzmittel kann man sich aber auch durch energische Willenskonzentration eine astrale Hülle, einen blauen Einebel bilden. Man sagt sich fest und eindringlich: Alle meine guten Eigenschaften sollen mich umgeben wie ein Panzer!
Warum hatten die ersten Christen neben dem Symbol des Lammes auch das des Fisches?
[ 47 ] Bei den Fischen, speziell beim Amphioxus, fängt das Rückenmark an, sich zu bilden. Der Mensch stand einmal in diesem R nfänge Stadium, er hatte die Fischnatur des noch in sich, war ganz Seele und arbeitete von außen an seinem Leibe. Dann schied er die Fische aus. Aus dem Rückenmark bildete sich später das Gehirn. - Dies hat Goethe schon gewußt. Dr. Steiner fand dies als kleine Notiz mit Bleistift in ein Notizbuch eingetragen, als er im Goethe-Archiv in Wei mar arbeitete. - Dadurch wird der Mensch ein Selbst. Aber veredelt wird dies Selbst durch das Christentum, und daher ist der Fisch das Symbol der Christen. Dasselbe sagt die Sage von Jonas. Jonas - der Mensch - ist erst außerhalb des Fisches, das heißt als Seele von außen arbeitend. Dann wird er ein Selbst und schlüpft in den Fisch den physischen Leib — hinein. Bei der Einweihung verläßt der Mensch den physischen Körper wieder.
Sieht man nach dem Tode physische Gegenstände?
[ 48 ] Nach dem Tode sieht man nichts Physisches, aber das entsprechende Astrale, astrale Kraftgegenbilder, und devachanische. Das Mineralische fehlt; es erscheint als Hohlraum, wie ein photographisches Negativ. Eine Uhr sieht man im Devachan, da eine menschliche Absicht dabei ist. So sieht man dort jedes Menschenwerk.
| Atma | umgestalteter physischer Leib | |
| Budhi | umgestalteter Ätherleib | |
| Manas | ||
| Kama Manas | Ich | |
| Kama | Astralleib | |
| Prana | Ätherleib | |
| Physischer Leib |
[ 49 ] Die allgemeine Lebensflut heißt Prana. Sie rinnt wie Wasser; ist sie aber geformt, wie man Wasser in ein Gefäß gießt, in den physischen Leib gegossen, so spricht man von Ätherleib. Ebenso heißt die allgemeine Astralmaterie Kama, das heißt Wunschmaterie. Zu einem Leibe geformt, sagt man Astralleib. Das Ich ist das Zentrum der Person. Kama ragt hinein und ebenso Manas. Das Ich ist also aus Kama und Manas zusammengemischt. Das Kama soll ganz umgewandelt und veredelt werden, so daß Manas daraus wird. Wird der Ätherleib veredelt, so entsteht Budhi, und Atma entsteht durch Verwandlung des physischen Leibes.
| Die Mental-Ebene | ||
| Arupa | VII | Kausalleib |
| VI | Kausalleib | |
| V | Kausalleib | |
| Akasha Chronicle | ||
| Rupa | IV | Ätherkreis |
| III | Luftkreis | |
| II | Meeresgebiet, wie das Blut im Menschenleib | |
| I | Kontinentalgebiet |
[ 50 ] Das Kontinentalgebiet enthält alles Physische, das Meeresgebiet alles Leben, der Luftkreis alle Empfindungen und der Ätherkreis alle Gedanken. An der Grenze des Ätherkreises ist die Akasha-Chronik. Sie enthält alles, was je gedacht ist. Jenseits der Akasha-Chronik liegt alles noch nicht Gedachte, Arupa. Alles neu Gedachte, alle Erfindungen und so weiter kommen aus der Aruparegion. Wer Kama Manas entwickelt hat, kommt nach dem Tode bis in den Ätherkreis, zu selbständigen Gedanken. Das Ich gestaltet den Astralleib, so daß Manas daraus wird. Alles Manas, was noch nicht ins Astrale gezogen wurde, ist Arupa.
Lebensverneinung und Lebensbejahung.
[ 51 ] Schopenhauer sagt, der vernunftlose Wille erbaue die Welt. Ihn müsse drum die Vernunft vernichten, damit die Welt zugrunde gehe. Dadurch werde der Mensch erlöst. Schelling, Hegel und Fichte vertreten eine andere Richtung, die sich ausdrücken läßt in den Worten: «Von Gott - zu Gott!» Betrachten wir die Lebensverneinung und Lebensbejahung in einem Gleichnis: Ich zeige jemandem ein Stück magnetisches Eisen und sage ihm, daß in dem Eisen eine unsichtbare Kraft steckt, die Magnetismus heißt. Er antwortet: Ich will nichts von dieser Kraft wissen, ich bejahe das Eisen. - Ganz ähnlich so macht es der, welcher gegenüber den Dingen in der Welt sagt, er bejahe die Welt. Gewiß, er bejaht die Welt, aber er verneint die unsichtbaren Kräfte darin. Nur der bejaht in Wahrheit das Leben, der die geistigen Wesenheiten sucht. Das halbe Leben verneint der andere. Manche Theosophen sagen: Ich kümmere mich nicht um die Welt, ich will nur mein höheres Selbst entwickeln. — In Wahrheit suchen diese nur den niederen Menschen. Der höhere Mensch ist überall draußen. Wenn ich die ganze Welt in mir fühle, dann habe ich mich, mein höheres Selbst gefunden. Mein Selbst ist außer mir. Welt-Erkenntnis ist Selbst-Erkenntnis!
Welche Wirkung hat die Suggestion?
[ 52 ] Die Suggestion wirkt auf das Ich. Die höheren Körper werden aus dem physischen Leibe herausgehoben und der Ich-Leib folgt dann ohne physisches Gehirn dem Hypnotiseur unbewußt. Das physische Gehirn, die Kontrolle der Handlungen, wird gelöst. Beim Eingeweihten ist es anders. Er behält die Kontrolle und das Bewußtsein auch ohne physisches Gehirn und kann deswegen nicht hypnotisiert werden.
Die «Pistis-Sophia».
[ 53 ] Dieses Buch ist in koptischer Sprache verfaßt und enthält viel von den Reden Christi bei der Einweihung seiner Jünger, viele innere Auslegungen der Gleichnisse. Am bedeutsamsten ist das 13. Kapitel. Die αίμαρμένη (Haimarmene) ist Devachan. Die ganze übersinnliche Welt wird eingeteilt in zwölf Äonen. Dies sind die sieben Abteilungen des Astralplanes und die fünf untersten Abteilungen des Devachan. Vom Devachan aus können abgeirrte Geister gereinigt werden. Der Lichtreiniger vor Christus ist Melchisedek. Er ist gemeint, wenn vom ἐπίσκοπος (Episkopos) des Lichts die Rede ist.
[ 54 ] Unter ἄρχοντες (Archontes) sind die bösen Mächte zu verstehen.
Frage nicht notiert.
[ 55 ] Kampf und Diskussion ist nicht das Gebiet der Theosophie. Wir sollen nicht mit Streiten unnütz Zeit vergeuden, sondern nur zu denen reden, die Herz und Sinn für die Theosophie haben.
Warum sagt Christus: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» - wo doch schon vor ihm große Religionsstifter den Weg wiesen?
[ 56 ] Man muß sich zunächst in die Sprechweise der damaligen Zeit versetzen. Damals hörte man mit dem äußeren Wort auch zugleich den geistigen Inhalt des Wortes. Dann bedenke man folgendes: Christus war die Verkörperung der zweiten Person Gottes. Kein Religionsstifter vor ihm hatte die ganze Fülle des Logos in sich verkörpert. Was aber an Göttlichem sich in seinen Vorgängern verkörperte, das war schon ein Teil des Logos, also Christus selbst. Er begreift also alles vor ihm mit ein in die Worte: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Dann kann man diese Worte auch noch in anderem Sinne wörtlich nehmen. Die Religionsstifter vor Christus zeigten den Weg und lehrten die Wahrheit, aber sie lebten nicht das Gottes-Mysterium der Menschheit vor. Sie konnten darum sagen: Ich bin der Weg und die Wahrheit. - Christus allein kann sagen: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. - Nun heißt Elias «Weg» und Moses «Wahrheit». Bei der Verklärung erscheint Christus und mit ihm Elias und Moses. Die Verklärung sagt also: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. — Das Eingehen Buddhas in Nirvana, sein Tod, ist dasselbe wie die Verklärung Christi. Wo Buddha also seine Wirksamkeit beendet, da beginnt eigentlich erst Christi Wirken, sein Leben.
