Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft
GA 96
7 Mai 1906, Berlin
3. Vergangene und künftige Geist-Erkenntnis
[ 1 ] Am Vorabend des Tages, den wir den «Weißen Lotustag» nennen, erinnern wir uns an die große Persönlichkeit, der wir den Anstoß zur theosophischen Bewegung zu verdanken haben. Vor fünfzehn Jahren am 8. Mai hat Frau Blavatsky den physischen Plan verlassen. Nicht von einem Todestag sprechen wir, sondern von einem zweiten, einem anderen Geburtstag, wenn wir des Tages gedenken, an dem die Individualität, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts so Bedeutungsvolles im physischen Leib für die Menschheit geleistet hat, zu anderen Sphären gerufen worden ist, um von dort aus weiter zu wirken. Dieser Tag soll in uns die Gefühle und Empfindungen erregen, durch die wir uns aufschwingen, jene Art des Wirkens immer mehr zu spüren, zu welcher der Mensch aufgerufen wird, wenn er nicht mehr auf dem physischen Plan weilt. Diese Wirkung kann um so bedeutungsvoller sein, je geeignetere Werkzeuge er auf dem physischen Plan vorfindet. Solche Werkzeuge sollen die Glieder der theosophischen Bewegung werden. Was sie dazu instand setzt, sind solche geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, wie Sie sie das ganze Jahr über in sich aufnehmen.
[ 2 ] Die Individualität, die in einer unvergleichlichen Selbstlosigkeit zuerst die großen Botschaften zu verkünden hatte, an welche die theosophische Bewegung anknüpft, soll uns an diesem Tag jedes Jahr etwas nähertreten. Zwar sind noch nicht viele unter uns, welche eine Ahnung davon haben, was Helena Petrowna Blavatsky der Welt eigentlich bedeutet hat und noch bedeuten wird. Was aber tut das? Im 1. Jahrhundert nach Christus lebte in Rom Tacitus, ein Geschichtsschreiber von unvergleichlicher Bedeutung. Er wußte von der geistigen Bewegung, auf welcher unsere ganze abendländische Kultur begründet wurde, ein Jahrhundert nach deren Entstehung nichts anderes zu sagen, als daß es fern drüben an den Grenzen des Römischen Reiches eine unbedeutende Sekte gebe, die ein gewisser Jesus, ein Nazarener, begründet haben solle.
[ 3 ] Können wir uns dann wundern, wenn heute Gelehrte, Professoren und weite Kreise der Gebildeten von der Mission der Frau Blavatsky nichts wissen oder doch die mißverständlichsten Vorstellungen und Vorurteile haben? Das Große, das in die Welt tritt, muß nach gewissen Gesetzen Widerspruch erregen, Vorurteil und Mißverständnis hervorrufen. Denn das wird sich immer und immer wiederholen, daß das Kleine, Unbeträchtliche, von dem großen Zukunftssicheren nur ganz allmählich und langsam überwunden werden kann. Was durch Helena Petrowna Blavatsky in die Welt gekommen, ist kein Ereignis, das man nach kurzem Zeitraum bemessen kann. Das ist ein Ereignis, dem gegenüber unsere Worte von heute zu schattenhaft geworden sind. Nicht nur das Verstehen der Welt, nicht nur die Auffassung der Dinge, sondern das ganze Fühlen und Empfinden der Menschheit wird in ein neues Stadium treten, wenn sich das verwirklicht, was in der Mission von Frau Blavatsky veranlagt war. Wir wollen uns einmal den Umschwung des Empfindens vor die Seele stellen, der bei einigen heute und bei vielen noch in der Zukunft eintreten wird.
[ 4 ] Ich möchte, um uns zu verständigen, ein Bild vor Ihre Seele malen. Gehen wir weit zurück in die Zeiten des Griechentums. Was aus jener Zeit an wunderbaren Bildwerken, an Schöpfungen der Dichtkunst und aus den Wissenschaften geblieben ist, die göttlichen Töne Homers, die tiefdringenden Gedanken Platos, die geistige Lehre des Pythagoras, alles das faßt sich uns zusammen, wenn wir einen Blick hinein tun in das, was wir die griechischen Mysterien nennen. Eine solche Mysterienstätte war Schule und Tempel zugleich. Sie entzog sich den Blicken derer, welche die Wahrheit nicht würdig in ihre Seele aufnehmen konnten, und ließ nur diejenigen ein, die sich vorbereitet hatten, mit heiligen Gefühlen der Wahrheit gegenüberzutreten. Wenn solche in die Stätte, aus der alle Kunst, Dichtung, Wissenschaften hervorgegangen sind, eingelassen wurden, dann durfte der Zuschauer, der noch nicht in die hellseherische Kraft eingeweiht wat, im Bilde sehen — der aber, dem die schlummernden Geisteskräfte schon erweckt waren, sah es in Wirklichkeit —, wie der Gott in die Materie herabstieg, dort sich verkörperte und nunmehr in den Reichen der Natur bis zur Auferstehung ruht. Einem solchen Mysterienschüler wurde klar, daß alle Reiche der Natur, das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, im Grunde den schlummernden Gott in sich enthalten und daß der Mensch berufen ist, in sich selbst die Auferstehung dieses Gottes zu erleben, seine Seele als einen Teil der Gottheit zu empfinden. Überall draußen kann der Mensch etwas wahrnehmen, aus dem er die schlummernde Gottheit auferwecken soll. In der eigenen Seele fühlt er aber selbst den Gottesfunken, fühlt sich selbst als die Gottheit und erlangt die Gewißheit seiner Unsterblichkeit, seines Wirkens und Webens in dem unendlichen All. Nichts ist zu vergleichen mit der Erhabenheit, welche der Mysterienschüler an solchen Stätten empfand. Da war alles zugleich vorhanden: Religion, Kunst, Erkenntnis. An den Gegenständen seiner frommen Verehrung empfand er Religion, an den Werken der Kunst entzündete sich seine heilige Bewunderung, und die Welträtsel selbst enthüllten sich ihm in schönen, zur Frömmigkeit aufrufenden Bildern. Einige der Größten, die dies erlebt hatten, sagten aus: Nur dadurch, daß er eingeweiht witd, hebt sich ein Mensch über die Vergänglichkeit und über das Irdische hinaus zum Ewigen. Eine Wissenschaft und eine Kunst, die eingetaucht waren in das heilige Feuer religiöser Gefühle, stellen etwas dat, was nicht schöner als mit dem Wort «Enthusiasmus», das heißt: In Gott sein —, bezeichnet werden könnte.
[ 5 ] Wenn wir uns dieses Bild vor die Seele gestellt haben und nun den Blick in unsere Zeit schweifen lassen, dann sehen wir nicht nur, daß wir alles getrennt erleben — Schönheit, Weisheit und Frömmigkeit -, sondern unsere abstrakt und verstandesmäßig gewordene Kultur, die das lebendige Feuer von damals verloren hat, erscheint uns wie etwas Schattenhaftes.
[ 6 ] Darum sahen gewisse hervorragende Repräsentanten unseres Geisteslebens, die sich unverstanden und einsam fühlten, in jene großen Zeiten unendlicher Vergangenheit zurück, in denen der Mensch noch den Umgang mit den Geistern und Göttern selbst gepflegt hatte. Das wußten sie, und in der Stille der Nacht sehnte sich mancher zurück in die Mysterien von Eleusis. Sie waren der letzte wunderbare Ausläufer der griechischen Mysterien. Ein tiefer deutscher Denker, einer von denen, die sich in die Rätsel des Daseins versenkt hatten, gibt uns die Stimmung wieder, die ihn überkam, wenn seine Gedanken zurückgingen in die alten Stätten griechischer Weisheit — die Stimmung eines Geisteswanderers. Es war Flegel, jener mächtige Meister des Gedankens, der denkend die Bilder zu erfassen suchte, welche einst die Schüler der Mysterien geschaut hatten. Von ihm stammt die Dichtung.
Eleusis
An HölderlinUm mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschäft’gen Menschen
Nie müde Sorge schläft. Sie geben Freiheit
Und Muße mir. Dank dir, du meine
Befreierin, o Nacht! — Mit weißem Nebelflor
Umzieht der Mond die ungewissen Grenzen
Der fernen Hügel. Freundlich blinkt
Der helle Streif des Sees herüber.
Des "Tags langweil’gen Lärmen fernt Erinnerung,
Als lägen Jahre zwischen ihm und jetzt.
[ 7 ] So spricht der sinnende Denker, der tief hineinschaut in die Weltenrätsel, der das alles in eigener Brust nur mit Gedanken erfassen kann und nun zurückblickt zu den Mysterien von Eleusis. Er fährt fort:
Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
Und der entfloh’nen Tage Lust. Doch bald weicht sie
Des Wiedersehens süßern Hoffnungen.
Schon malt sich mir der langersehnten, feurigen
Umarmung Szene; dann der Fragen, des geheimern,
Des wechselseitigen Ausspähens Szene,
Was hier an Haltung, Ausdruck, Sinnesart am Freund
Sich seit der Zeit geändert; — der Gewißheit Wonne,
Des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,
Des Bundes, den kein Eid besiegelte:
Der freien Wahrheit nur zu leben,
Frieden mit der Satzung,Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehn !
Nun unterhandelt mit der trägen Wirklichkeit der Wunsch,
Der über Berge, Flüsse leicht mich zu dir trug.
Doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer und mit ihm
Entflieht der süßen Phantasien Traum.Mein’ Aug’ erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,
Zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht!
Und aller Wünsche, aller Hoffnungen
Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab.
Der Sinn verliert sich in dem Anschau’n,
Was mein ich nannte, schwindet.
Ich gebe mich dem Unermeßlichen dahin.
Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es.
Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,
Ihm graut vor dem Unendlichen, und staunend faßt
Er dieses Anschau’ns Tiefe nicht.
Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige,
Vermählt es mit Gestalt. - Willkommen, ihr,
Erhab’ne Geister, hohe Schatten,
Von deren Stirne die Vollendung strahlt!
Erschrecket nicht. Ich fühl’, es ist auch meine Heimat,
Der Glanz, der Ernst, der euch umfließt.
[ 8 ] So ruft dieser Denker nach den Geistern, die in Wahrheit den Schülern von Eleusis erschienen sind. Dann ruft er sie selbst, die Göttin Ceres, die im Mittelpunkte der Mysterien wirkte. Denn Ceres ist nicht nur die Göttin der irdischen Fruchtbarkeit, sondern auch die Befruchterin des geistigen Lebens.
Ha! Sprängen jetzt die Pforten deines Heiligtums,
O Ceres, die du in Eleusis throntest!
Begeist’rungstrunken fühlt’ ich jetzt
Die Schauer deiner Nähe,
Verstände deine Offenbarungen,
Ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähme
Die Hymnen bei der Götter Mahle,
Die hohen Sprüche ihres Rats.Doch deine Hallen sind verstummt, o Göttin!
Geflohen ist der Götter Kreis in den Olymp
Zurück von den entheiligten Altären,
Gefloh’n von der entweihten Menschheit Grab
Der Unschuld Genius, der her sie zauberte.
Die Weisheit deiner Priester schweigt.
Kein Ton der heil’gen Weih’n
Hat sich zu uns gerettet, und vergebens sucht
Der Forscher Neugier mehr, als Liebe
Zur Weisheit. Sie besitzen die Sucher und verachten dich.
Um sie zu meistern, graben sie nach Worten,
In die dein hoher Sinn gepräget wär’.
Vergebens! Etwa Staub und Asche nur erhaschen sie,
Worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.
Doch unter Moder und Entseeltem auch gefielen sich
Die Ewigtoten, die Genügsamen! — Umsonst, es blieb
Kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur.
Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle,
Des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,
Als daß er trock’ne Zeichen ihrer würdigte.
Schon der Gedanke faßt die Seele nicht,
Die, außer Zeit und Raum in Ahnung der Unendlichkeit
Versunken, sich vergißt und wieder zum Bewußtsein nun
Erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,
Spräch’ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armut.
Ihm graut, das Heilige so klein gedacht,
Durch sie so kleingemacht zu haben,daß die Red’ ihm Sünde deucht,
Und daß er bebend sich den Mund verschließt.
Was der Geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises
Gesetz den ärmern Geistern, das nicht kund zu tun,
Was sie in heil’ger Nacht gesehn, gehört, gefühlt,
Daß nicht den Bessern selbst auch ihres Unfugs Lärm
In seiner Andacht stört’, ihr hohler Wörterkram
Ihn auf das Heil’ge selbst erzürnen machte, dieses nicht
So in den Kot getreten würde, daß man dem
Gedächtnis gar es anvertraute, daß es nicht
Zum Spielzeug und zur Ware des Sophisten,
Die er obolenweis verkaufte,
Zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar
Zuar Rute schon des frohen Knaben, und so leer
Am Ende würde, daß es nur im Widerhall
Von fremden Zungen seines Lebens Wurzeln hätte.
Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,
Nicht deine Ehr’ auf Gaß’ und Markt, verwahrten sie
Im innern Heiligtum der Brust.
Drum lebtest du auf ihrem Munde nicht.
Ihr Leben ehrte dich. In ihren Taten lebst du noch.Auch diese Nacht vernahm ich, heil’ge Gottheit, dich.
Dich offenbart oft mir auch deiner Kinder Leben,
Dich ahn’ ich oft als Seele ihrer Taten!
Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben,
Der, einer Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.
[ 9 ] Es war in der neueren Zeit notwendig, daß die Macht des Gedankens auf der einen Seite in einer ideellen, auf der anderen Seite in einer mehr materialistischen Weise zum Ausdruck kam. Auch Hegel verstand man nicht mehr, und er gehört zu den verschollenen Geistern der Menschheit überhaupt. Alles wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem Geiste des Materialismus durchdrungen, und auch heute herrscht in den weitesten Kreisen dieser Geist. Wenn er die Oberhand behalten sollte, so würde er die Menschheit in ihren Kulturerscheinungen vollständig zur Versteinerung führen.
[ 10 ] Eine merkwürdige Gesinnung kam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Herrschaft. Noch im 18. Jahrhundert hatte Lessing gesagt, daß ein Glaube nicht gerade deshalb unsinnig sein muß, weil er im reinen unschuldigen Kindesalter der Menschheit aufgetreten ist. Diesen Glauben, der sich bei allen Völkern als Grundlage der Kultur findet, stellt aber der Materialist als kindhafte, phantastische Vorstellungen hin, und einzig in dem, was das naturwissenschaftliche Denken geschaffen hat, sieht man noch etwas, was dem männlich reif gewordenen Geist entspricht. Das praktische Leben ist ein Drängen und Hasten nach materiellen Gütern zur Befriedigung rein physischer Bedürfnisse geworden, und Dinge, die noch weit schlimmer sind, drohen in der Folge aufzutreten. Die Wissenschaft mit ihrer Devise: Wie wir es dann so herrlich weit gebracht dünkt sich zugleich ungeheuer erhaben über alles, was früher von der Menschheit hervorgebracht worden ist, um den Zusammenhang mit der Welt zu gewinnen: die chaldäischen und babylonischen Priesterweisheiten, die Lehren des Pythagoras und anderer. Von dem großen Plato wird gesagt, man kenne sich in dem verworrenen Zeug nicht aus, das er hinterlassen habe. Den «Timaios» nennt man unverständlich, aber man sucht nicht den Grund, warum man es nicht versteht. Hier mögen wir uns an Lichtenbergs Wort erinnern: Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es hohl klingt, braucht das nicht am Buch zu liegen. — In der Praxis hat der Materialismus auch noch die Heuchelei gezeitigt, die sich vor allem nicht gestehen will, daß allein das rein materielle Streben das Leben beherrscht. Kaum jemals ist so viel von Idealen geredet und so wenig verstanden worden als in dieser Zeit.
[ 11 ] In diese Zeit hinein fällt die Mission von Helena Petrowna Blavatsky. Man darf wohl sagen, ohne damit die Bedeutung ihrer Persönlichkeit irgendwie herabzusetzen, daß ihrer Seele eine Arbeit auferlegt wurde, die für diese Seele eigentlich zu groß war. Wenn man das Rätsel lösen will, warum gerade diese Frau dazu berufen war, die Botschaft der Theosophie der Welt zu bringen, so kommt man zu dem Ergebnis: Sie bot die einzige Möglichkeit, wodurch sich die führenden Geister den Menschen des Abendlandes verständlich machen konnten. Die Persönlichkeiten, die offizielle Stellungen bekleideten, hatten auch nicht das allergeringste Verständnis für das, was von geistigen Tatsachen für die Menschheit notwendig war. Selbst der Begriff des Geistes war verlorengegangen, und wenn man von Geist sprach, so bedeutete das nur noch ein leeres Wort. Diese merkwürdige Frau mit den sonderbaren psychisch-spirituellen Anlagen von Jugend an war berufen, der Welt eine Botschaft zu bringen, die kein Gelehrter zu bringen imstande war. Von frühester Zeit an sah sie die Welt als etwas anderes an, als es die Bildung des 19. Jahrhunderts vorschrieb. Sie konnte in allem, was uns umgibt, geistige Wesenheiten wahrnehmen, die für sie ebenso wirklich waren wie etwas, was handgreiflich ist. Und von früher Jugend an war ihr eines eigen: die große Verehrung eines erhabenen Geistes. Ohne diese große Verehrung dringt kein Menschenwesen jemals zur Erkenntnis. Mag jemand einen noch so scharfen Verstand oder eindringende Vernunft besitzen, oder gar dämmerhafte Hellseherkräfte entwickelt haben - zu echter, wahrer Erkenntnis dringt man nicht vor ohne das, was man die große Verehrung nennt. Denn die wahre Erkenntnis können uns nur diejenigen Wesen geben, welche in ihrer Entwickelung der Menschheit weit vorangeeilt sind. Jeder gibt zu, daß die einzelnen Menschen verschieden weit entwickelt sind. In unserer materialistischen Zeit gesteht man das vielleicht nicht so gerne ein, doch gewisse Unterschiede lassen sich nicht abstreiten. Aber der Meinung sind wohl die meisten, daß ihre Erkenntnis schon die höchste sei. Daß es noch höhere Wesenheiten, über Goethe und Franz von Assisi hinaus, gibt, das wird man nicht so schnell zugeben. Dennoch ist das die Grundbedingung für wirkliche Erkenntnis. Keiner erreicht sie, der nicht diese große Verehrung hat, welche der nivellierenden Anschauung unserer Zeit ganz abhanden gekommen ist.
[ 12 ] Diese große Verehrung bedingt für den Menschen eine wichtige Tatsache. Wir alle kommen von geistigen Welten her, aus einem ursprünglichen Leben im Geiste. Der eigentlich göttliche Teil unserer Seele stammt von einem göttlichen Urgrunde ab. Einmal gab es für einen jeden von uns einen Zeitpunkt, wo überhaupt erst das Hinausschauen von der seelischen in die Sinneswelt in uns erweckt worden ist. In uralten Zeiten hatten alle Menschen ein dumpfes, aber hellseherisches Bewußtsein. Aus der Seele stiegen ihnen Bilder auf, die auf eine sie umgebende Wirklichkeit hinwiesen. Erst später nahm das Sinnesbewußtsein, wie wir es heute haben, einen Anfang. Zu einem jeden von uns trat in einem bestimmten Moment der Entwickelung — wie es für die Eva sinnbildlich in der Geschichte vom Paradies geschildert wird — die Schlange der Erkenntnis und sagte in einer weit zurückliegenden Verkörperung die Worte: Deine Augen werden aufgetan werden, du wirst das Gute und das Böse in der sichtbaren Außenwelt erkennen. — Die Schlange war immer das Sinnbild für die großen geistigen Lehrer. Ein jeder hatte einen solchen fortgeschrittenen Lehrer, er war einmal mit einem solchen zusammen, der ihm die Worte entgegentönen ließ: Du wirst einmal die sinnliche Umwelt erkennen.
[ 13 ] Einem solchen Lehrer begegnet der Mensch, welcher die große Verehrung hat, noch einmal im Leben, wenn ihm die geistigen Sinne geöffnet werden. Man nennt das im Okkultismus das «Wiederfinden des Guru», des großen Lehrers, den jeder suchen muß und den er nur finden kann, wenn er die große Verehrung hat und zugleich weiß, daß es etwas gibt, was über die Menschheit des Durchschnitts hinausgeht.
[ 14 ] Diese große Verehrung und das Bewußtsein von der Existenz der großen Lehrer lebte in Frau Blavatsky, und deshalb war sie berufen, der Menschheit etwas von diesen großen Lehrern zu überliefern. Der Guru waltet im Verborgenen und nur der vermag ihn zu erkennen, der selbst den Weg zu ihm gefunden hat. So hat Helena Petrowna Blavatsky die richtige Empfindung mitgebracht, um der Menschheit der Gegenwart etwas ganz Neues zu geben.
[ 15 ] Daß die Eroberung eines solchen Neuen mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist, ermißt der, der ein wenig hineingesehen hat in die Stätten, wo die Wahrheit vertreten wird. Dann kommt für den Menschen, der selbst etwas vom Suchen der Wahrheit versteht, die Zeit, da er gegenüber den großen Persönlichkeiten das Kritisieren verlernt. Er schaut nicht mehr auf ihre Alltäglichkeiten hin. Nur die Menschen, die keine Ahnung von der Stellung großer Persönlichkeiten in der Welt haben, klammern sich an diese Alltäglichkeiten. Wer aber die Zusammenhänge durchschaut, ist dankbar dafür, was diese Persönlichkeiten gebracht haben. Dies ist auch der einzig mögliche Standpunkt gegenüber einer Persönlichkeit, wie es Frau Blavatsky war. «Bewundert viel und viel gescholten», trat auch diese Helena unter die Menschen, und es ist wohl kaum über irgend jemanden so Unsinniges und Törichtes gesagt und geschrieben worden wie über Helena Petrowna Blavatsky — außerdem selbstverständlich über alle diejenigen, die von gleicher Größe wie sie waren. Gelehrte haben die sonderbare Behauptung getan: Sie hat ein großes Werk geschrieben — die «Geheimlehre», in der die Dzyanstrophen stehen. Von ihnen wird gesagt, daß sie uralte Überlieferungen darstellten. Die Gegner behaupten jedoch, Frau Blavatsky habe diese Strophen erfunden und der Welt weisgemacht, das seien uralte Überlieferungen. Bis zu solcher Torheit versteigt sich wirklich nur Gelehrsamkeit. Denn nehmen wir nur für einen Augenblick an, Helena Petrowna Blavatsky hätte wirklich diese Strophen erfunden, und vertiefen wir uns einmal darin. Wenn wir uns nur eine Weile, vielleicht zwei bis drei Jahre, damit beschäftigen, dann finden wir, daß uns alle Gelehrsamkeit und alle Entdeckungen zwar noch interessieren; aber gegenüber den großen Offenbarungen, die in diesen Dzyanstrophen enthalten sind, erscheint tatsächlich alles, was die moderne Wissenschaft in der Gegenwart geleistet hat, als das Allertrivialste. Glauben Sie nicht, daß dann eigentlich die Verehrung für Helena Petrowna Blavatsky noch mehr wachsen könnte? Allerdings demjenigen, der eine kleine Spanne von zwei bis drei Jahren verwendet, um in den tiefen Sinn dieser Strophen einzudringen, wird es gleichgültig sein, ob diese Strophen vor Tausenden von Jahren geschrieben oder im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von Helena Petrowna Blavatsky verfaßt worden sind. Wenn man nachdenkt, muß man sich sogar sagen, daß das Wunder im zweiten Fall nur noch größer wäre. Um so törichter findet man dann den Einwand der Kritiker, die nur zeigen, daß sie von dem ganzen kein Sterbenswörtchen verstanden haben. Da haben Sie etwas von den großen Hindernissen, die sich Helena Petrowna Blavatsky entgegentürmten. Dann reden die Menschen davon, sie habe diesen oder jenen Fehler gehabt. Eine Empfindung für ihre wirkliche Bedeutung wird in solchen Menschen kaum leben können.
[ 16 ] Nun hat Frau Blavatsky der Menschheit Erscheinungen der okkulten Welten mitgeteilt. Wer diesen Gang in die okkulten Welten kennt, wie ihn Helena Petrowna Blavatsky beschritten hat, weiß auch, welche Gefahren damit verknüpft sind. Wenn man bedenkt, wie leicht schon die Leidenschaften durch die Sinnenwelt erregt werden können, und welche Abgründe der erlebt, der in die okkulten Welten so hineinsehen mußte, wie es nötig war, um ein Buch wie die «Geheimlehre» zu schreiben, der fragt nicht mehr nach den Äußerlichkeiten, die sich an diese bedeutsame Persönlichkeit und ihre Umgebung knüpfen. Am Widerstand der Welt ist selbst diese starke Natur fast zerschellt. Gerade weil ihr so viel Unverständnis und falsche Autorität gegenüberstanden, können wir angesichts der Empfänglichkeit und Sensibilität ihrer okkulten Kräfte verstehen, daß sie als eine in gewisser Weise gebrochene Persönlichkeit an ihrem Lebensabend anlangte. Aber was sie der Welt gebracht hat, soll in der Menschheit leben und Zukunft haben.
[ 17 ] Die Stimmung, die ich aus den Worten eines der größten Söhne der neueren Zeit heraus vor Ihre Seelen hinmalen wollte, diese Stimmung der Sehnsucht muß sich immer mehr verbreiten. Sie wird Befriedigung finden können an dem, was Frau Blavatsky der Welt bringen sollte und was immer mehr und mehr ausgestaltet werden soll. Gerade dann ehren wir diese Persönlichkeit am meisten, wenn wir sie als Anregerin betrachten. Herrschen wollte sie nur als treue Schülerin der großen geistigen Gewalten, die hinter ihr standen, und nur der wirkt im Sinne der theosophischen Strömung, der im Sinne dieser geistigen Gewalten wirkt. Das Geistesleben, das schattenhaft geworden ist, wird wieder Leben gewinnen, wenn immer mehr das verstanden wird, was Helena Petrowna Blavatsky mit solchem Mut, solcher Energie und Kühnheit in die Welt bringen wollte. Und es ist möglich, ein tieferes Verständnis für das zu gewinnen, was ein solcher Lotustag sein kann, wenn wir hinwegschen über allen historischen Klatsch und uns bemühen, auf das Wesentliche zu sehen.
[ 18 ] Das ist das richtige Verständnis der theosophischen Bewegung, wenn wir uns zum Bewußtsein bringen, daß der lebendige Geist von Helena Petrowna Blavatsky durch uns fortwirken soll zum Heil und Fortschritt der Menschheit. Dann werden wir nicht nur in träger Sentimentalität sagen, daß dieser Geist unsterblich ist und einen neuen Geburtstag feiert, sondern wir werden selbst dazu beitragen, daß er lebt und wirken wird da, wo er wirken soll. Denn das ist wohl der einzige persönliche Wunsch der Gründerin gewesen, daß die Glieder der theosophischen Bewegung zum lebendigen Ausdrucksmittel für den Geist werden, den sie in selbstloser Art ganz in den Dienst dieser geistigen Bewegung gestellt hat, und je mehr die Mitglieder diesen Geist der Selbstlosigkeit verstehen und je mehr sie begreifen lernen, daß es eine Pflicht zur Erkenntnis gibt, desto mehr verwirklichen sie den Geist von Helena Petrowna Blavatsky. Man hört immer die Menschen sagen: «Die Hauptsache ist Liebe und Mitleid». Gewiß sind Liebe und Mitleid die Hauptsache, aber nur die Erkenntnis kann Liebe und Mitleid fruchtbar machen. Es gibt eine Bequemlichkeit, und sie ist gar nicht selten, auch unter denen, die glauben, daß sie nach dem Geiste streben. «Liebe» zu sagen, das kann man in einer Sekunde lernen. — Erkenntnis zum Heil und Segen der Menschheit zu erwerben, dazu gehört eine Ewigkeit. Und dieses Bewußtsein in uns aufnehmen, daß die Erkenntnis die Grundlage alles wirklichen geistigen Wirkens ist, das muß immer mehr der Sinn der theosophischen Bewegung werden. Deshalb kommt es darauf an, der Begründerin unserer Bewegung in rastloser Erkenntnis nachzustreben — Stück für Stück, ohne sich durch eine Bequemlichkeit beirren zu lassen, die nicht lernen will, sondern alles in einem Tage erfassen möchte. Das kann gerade an den Werken und dem Wirken von Helena Petrowna Blavatsky studiert werden, und deshalb ist alles Reden eitel, das aus einer müßigen Bequemlichkeit hervorgeht. Das aber, was wir lernen sollen, indem wir es betreiben als eine Fortsetzung dessen, was sie selbst auf dem physischen Plan begonnen hat, das ist das Streben nach geisteswissenschaftlicher Erkenntnis.
