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The Rudolf Steiner Archive

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The Christian Mystery
GA 97

4 December 1906, Cologne

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26. Die drei Aspekte der Welt

26. The Three Aspects of the World

[ 1 ] Wir können in der Welt, die an uns herantritt, in der wir leben, drei Aspekte unterscheiden: erstens, wie sie sich uns von außen zeigt, zweitens, wie wir sie in uns empfinden, und drittens, wie sie selbst im Inneren ist.

[ 1 ] We can distinguish three aspects in the world that approaches us, in which we live: first, how it appears to us from the outside; second, how we perceive it within ourselves; and third, how it is within itself.

[ 2 ] Unsere Sinnesorgane vermitteln uns den Aspekt der Welt, wie sie sich uns von außen zeigt, die Welt der Formen und Gestalten in der unorganischen Natur, der Mineralwelt; in der belebten Natur, der Pflanzenwelt; in der empfindenden Natur, der Tierwelt, und in der denkenden Natur, der Menschenwelt. Von außen tritt sie uns entgegen als die Welt der Wahrnehmungen, und wir nehmen diese Welt der Erscheinung, der Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane auf. Unsere Sinnesorgane sind die Pforten, durch welche die äußere Welt der Gestalten zu uns Zutritt hat. Hätten wir unsere Sinnesorgane nicht, so bliebe die Gestaltenwelt für uns ewig ein Unbekanntes, ein Geheimes, ein Okkultes; sie wäre für uns nicht da. Man könnte uns nur davon erzählen und uns lediglich eine annähernd für uns verständliche Beschreibung derselben geben. Aber solange uns die Sinnesorgane fehlten, könnten wir uns niemals eine ganz zutreffende Vorstellung von der äußeren Welt der Formen und Gestalten machen. Was wir jetzt sehend, hörend, fühlend und tastend, durch Geruch und Geschmack aufnehmen, wäre dann für uns nicht da. Die äußere Welt bliebe dann für uns im Dunkel verborgen, und nur ahnen könnten wir sie und nach den Beschreibungen derer, die sie kennen, uns ein annäherndes, aber niemals ein genaues Bild derselben machen. Immer wäre diese Gestaltenwelt eine okkulte Welt für den Menschen geblieben, hätten sich seine Sinne nicht geöffnet, um sie aufzunehmen. Seine Sinne mußten sich erschließen, damit ihm der Zugang zu dieser äußeren Welt möglich wurde.

[ 2 ] Our sensory organs convey to us the aspect of the world as it appears to us from the outside, the world of forms and shapes in inorganic nature, the mineral world; in animate nature, the plant world; in sentient nature, the animal world; and in thinking nature, the human world. From the outside, it appears to us as the world of perceptions, and we take in this world of appearances, of perception, through our sensory organs. Our sensory organs are the gateways through which the outer world of forms has access to us. If we did not have our sensory organs, the world of forms would remain forever unknown to us, a secret, an occult; it would not exist for us. We could only be told about it and given a description of it that we could approximately understand. But as long as we lacked the sense organs, we could never form a completely accurate idea of the external world of forms and shapes. What we now perceive through seeing, hearing, feeling, touching, smelling, and tasting would then not exist for us. The external world would then remain hidden in darkness for us, and we could only guess at it and, based on the descriptions of those who know it, form an approximate but never an accurate picture of it. This world of forms would always have remained an occult world for human beings if their senses had not opened up to perceive it. His senses had to open up in order for him to gain access to this outer world.

[ 3 ] Das Wahrnehmen der Sinneswelt ist eine Stufe in der Menschheitsentwickelung, die sie früher nicht erreicht hatte. Es gab eine Zeit, wo die Sinnesorgane des Menschen sich noch nicht nach außen aufgetan hatten. Da konnte der Mensch die Gestaltenwelt nicht wahrnehmen; da konnte er nichts draußen wahrnehmen; da lebte er noch ganz in seinem nach der Welt zu abgeschlossenen Inneren. Er lebte ganz ein Innenleben, wie es uns jetzt noch in unseren Empfindungen bekannt ist.

[ 3 ] The perception of the sensory world is a stage in human development that had not been reached before. There was a time when the sensory organs of human beings had not yet opened up to the outside world. Human beings could not perceive the world of forms; they could not perceive anything outside themselves; they still lived entirely in their inner world, closed off from the outside world. They lived entirely an inner life, as we still know it today in our feelings.

[ 4 ] In diesem Innenleben finden wir jetzt noch den zweiten Aspekt der Welt. Durch das Wahrnehmen der äußeren Gestaltenwelt mit unseren Sinnesorganen entstehen in unserem Inneren Empfindungen. Wie wir mit unseren Sinnesorganen die Außenwelt wahrnehmen, so empfinden wir mit unserer Seele die Eindrücke, die uns diese Außenwelt macht. Dadurch wird diese Außenwelt in unserer Seele zu unserer eigenen Innenwelt. In dem Maße, wie unsere Seele und ihre Organe entwickelt sind, wird uns diese eigene Innenwelt zum Bewußtsein kommen. Je höher der Mensch in der Entwickelung steht, desto stärker empfindet er diese Außenwelt auch als Innenwelt in der Seele; je mehr er seine Seelenorgane ausgebildet hat, desto mannigfaltiger gestaltet sich seine Innenwelt, desto reicher sind die Bilder derselben, die in seinem Inneren aufsteigen, desto geordneter und harmonischer durchziehen sie sein Inneres. Um die Außenwelt ganz zu seiner eigenen zu machen, muß der Mensch eine starke, harmonisch ausgestaltete und gegliederte Seele haben, einen ausgebildeten Seelenorganismus. Je vielseitiger der Mensch sein Seelenleben ausgebildet hat, desto mannigfaltiger wird dort die Außenwelt in abwechslungsvollen Bildern auftauchen. Je harmonischer seine Seele ist, desto schöner wird sich die Außenwelt in seiner Seele abspiegeln. In unserer Seele taucht dann die Außenwelt unter und ersteht dort zu einem schönen, harmonischen, lebensvollen, abwechslungsreichen Ganzen.

[ 4 ] In this inner life we still find the second aspect of the world. Perceiving the external world of forms with our sensory organs gives rise to feelings within us. Just as we perceive the external world with our sensory organs, so we feel with our soul the impressions that this external world makes on us. In this way, the external world becomes our own inner world in our soul. To the extent that our soul and its organs are developed, we become aware of this inner world of our own. The higher a person is in their development, the more strongly they perceive this external world as an inner world in their soul; the more they have developed their soul organs, the more diverse their inner world becomes, the richer the images of it that arise within them, and the more orderly and harmonious they permeate their inner being. In order to make the outer world completely his own, man must have a strong, harmoniously developed and structured soul, a developed soul organism. The more versatile a person has developed their soul life, the more diverse the outer world will appear there in varied images. The more harmonious their soul is, the more beautifully the outer world will be reflected in their soul. The outside world then submerges into our soul and emerges there as a beautiful, harmonious, lively, varied whole.

[ 5 ] Während der Mensch im Wachbewußtsein sein Hauptaugenmerk auf die Außenwelt richtet und sie zunächst nur chaotisch als Empfindungen in sich auftauchen spürt, muß er lernen, diese chaotischen Empfindungsvorgänge zu ordnen und zu regeln, sie in bewußte Beziehung zur Außenwelt zu bringen und daraus ein harmonisches Ganzes zu gestalten. Er muß die Innenwelt seiner Seele unter seine Herrschaft bringen lernen. Erst dann wird sie wirklich seine eigene und eigenste Welt, in der er bewußt und nach eigenem Willen leben kann. Im Traumleben taucht der Mensch in seine Innenwelt unter. Da ist er der Sinnenwelt entrückt und ist preisgegeben dem chaotischen Wirbel seiner Empfindungswelt, die in Bildern in ihm auftaucht. In dem Maße, wie sich seine Empfindungen ordnen, werden auch seine Traumbilder geregelt und bedeutungsvoll.

[ 5 ] While in waking consciousness the human being focuses his attention primarily on the outer world and initially feels it emerging chaotically as sensations within himself, he must learn to order and regulate these chaotic processes of sensation, to bring them into conscious relation to the outer world and to form a harmonious whole out of them. He must learn to bring the inner world of his soul under his control. Only then does it truly become their own, most personal world, in which they can live consciously and according to their own will. In their dream life, people immerse themselves in their inner world. There they are removed from the sensory world and are exposed to the chaotic whirlwind of their world of sensations, which appears in images within them. As his feelings become more orderly, his dream images also become more orderly and meaningful.

[ 6 ] Was nun in ihm zur Innenwelt geworden ist in seiner Seele, das ist der Aspekt der Umwelt, wie er sie empfindet. Dieser steht gegenüber dem Aspekt der Wahrnehmungen, unter dem sich die Umwelt seinen Sinnen zeigt.

[ 6 ] What has now become his inner world in his soul is the aspect of the environment as he perceives it. This stands in contrast to the aspect of perceptions, under which the environment reveals itself to his senses.

[ 7 ] Nun besteht die Welt aber noch unter einem andern Aspekt, unter dem Aspekt, wie sie wirklich ist. Es ist der eigentliche Aspekt des wahren Seins der Welt, wie sie in ihrem Inneren ist. Zu diesem Aspekt gelangt der Mensch, wenn er den eingeschlagenen Weg weiter verfolgt. Wenn aus klaren Sinneswahrnehmungen in ihm Empfindungen entstanden sind in seinem Inneren, wenn er diese Empfindungen in harmonische Ordnung und in schönen Rhythmus gebracht hat, dann tragen ihn diese Empfindungen wieder hinaus in die Welt. Sie schlagen eine Brücke von seiner Seele zur Welt, und während die Welt sich in ihn hineinergießt durch seine Sinne, so ergießt sich nun seine Seele in die Welt hinein durch das Denken über die Welt. Seine Empfindungen gießt er hinein in den Gedanken, und sein Gedanke dringt ein in die Umwelt. So ist die Kette geschlossen zwischen Welt und Mensch und zwischen Mensch und Welt.

[ 7 ] But now the world also exists under another aspect, under the aspect of how it really is. It is the actual aspect of the true being of the world, as it is in its innermost being. Man reaches this aspect when he continues to follow the path he has taken. When clear sensory perceptions have given rise to feelings within him, when he has brought these feelings into harmonious order and beautiful rhythm, then these feelings carry him back out into the world. They build a bridge from his soul to the world, and while the world pours into him through his senses, his soul now pours into the world through his thinking about the world. He pours his feelings into his thoughts, and his thoughts penetrate the environment. Thus the chain is closed between the world and man and between man and the world.

[ 8 ] Die Welt ist draußen, die Empfindung im Inneren des Menschen; der Gedanke ist in beiden. Im Denken vereinigt sich der Mensch ganz mit der Welt. Denn das Weltendenken und sein Denken sind ein Ganzes. So wurzelt die Menschheit mit ihren Wahrnehmungen im sinnlichen Dasein. So wächst sie, indem sie aus der Sinnenwelt Eindrücke empfängt und diese sich in der Seele zu Empfindungen, zu Bildern ordnen, sich rhythmisieren und im seelischen Leben sich umwandeln. So erblüht sie, indem sie aus diesen Bildern und den Wahrnehmungen herausliest, herausempfindet, heraushört den Weltgedanken, der in jedem denkenden Menschen neue Blüten treibt.

[ 8 ] The world is outside, feelings are inside man; thoughts are in both. In thinking, man unites completely with the world. For the world's thinking and his thinking are one. Thus, humanity is rooted in sensory existence with its perceptions. It grows by receiving impressions from the sensory world and arranging them in the soul into feelings and images, giving them rhythm and transforming them in the life of the soul. Thus it blossoms by reading, feeling, and hearing out of these images and perceptions the world thought that blossoms anew in every thinking human being.

[ 9 ] Die Menschen wurzeln alle in dem einen Boden der physischen Sinnen- und Gestaltenwelt. Es ist dieselbe Welt für alle, derselbe Boden, aus dem alle herauswachsen. Und jede einzelne Menschenindividualität saugt heraus aus dem gemeinsamen Boden Kräfte zu ihrer besonderen Entfaltung. Viele und verschieden geartete Stamme sind die einzelnen Menschenindividualitäten, die aus dem einen Boden hervorwachsen und, jede in ihrem Seelenleben, die aus dem einen Boden aufgenommenen Kräfte in ihrer besonderen Eigenart verarbeiten. Aber droben zur Blüte gelangend, in der Welt des Gedankens, bilden alle ein großes Ganzes, ein wunderbares wogendes Blütenmeer, jede Blüte eine Widerspiegelung des großen einen Weltendenkens, und eine die andere ergänzend, sich einfügend als Glied in die ganze Kette, als Juwel in eine Krone von Juwelen, als Welle in ein Gedankenweltenmeer.

[ 9 ] All human beings are rooted in the one soil of the physical world of senses and forms. It is the same world for all, the same soil from which all grow. And each individual human personality draws forces from this common soil for its own particular development. The individual human personalities are many and varied stems growing out of the one soil, each processing in its own soul life the forces absorbed from the one soil in its own particular way. But reaching their blossoming point above, in the world of thought, they all form a great whole, a wonderful, undulating sea of blossoms, each blossom a reflection of the great one world thought, and one complementing the other, fitting into the whole chain as a link, as a jewel in a crown of jewels, as a wave in a sea of thought worlds.

[ 10 ] Unten ein Ganzes: die physische Welt. Oben ein Ganzes: die Geisteswelt. Dazwischen Umwandlung des Unteren in das Obere in vielen Individualitäten: die Seelenwelt.

[ 10 ] Below, a whole: the physical world. Above, a whole: the spiritual world. In between, the transformation of the lower into the higher in many individualities: the world of souls.

[ 11 ] Ein Spiegelbild der Geisteswelt ist die physische Welt draußen in ihrer Einheitlichkeit. Ein Spiegelbild der Geisteswelt ist die Seelenwelt des Menschen in ihrer Mannigfaltigkeit. Die ganze große Welt draußen wird in jeder Menschenseele eine besondere kleine Welt, und wird, aus allen Menschenseelen im Gedanken heraustretend, wieder ein großes Ganzes. So geht der Weg vom Kosmos durch den Mikrokosmos hindurch, um als neuer, vervollkommneter Kosmos aus den gesamten Mikrokosmen hervorzugehen.

[ 11 ] The physical world outside, in its uniformity, is a reflection of the spiritual world. A reflection of the spiritual world is the soul world of human beings in its diversity. The whole great world outside becomes a special little world in every human soul, and, emerging from all human souls in thought, becomes a great whole again. Thus the path leads from the cosmos through the microcosm, in order to emerge as a new, perfected cosmos from the entire microcosms.