Das Johannes-Evangelium
GA 103
18 Mai 1908, Hamburg
Erster Vortrag
[ 1 ] Unsere Vorträge über das Johannes-Evangelium werden ein doppeltes Ziel haben. Das eine wird sein, die geisteswissenschaftlichen Begriffe als solche zu vertiefen und nach mancherlei Richtungen hin zu erweitern; und das andere Ziel ist gerade dies, durch diejenigen Vorstellungen, die uns dabei vor die Seele treten werden, die große Urkunde des Johannes-Evangeliums selbst uns nahezubringen. Das bitte ich festzuhalten, daß die Vorträge nach diesen beiden Richtungen hin gemeint sind. Es soll sich nicht etwa bloß handeln um Auseinandersetzungen über das Johannes-Evangelium, sondern an der Hand desselben wollen wir in tiefe Geheimnisse des Daseins eindringen, und wir wollen durchaus festhalten, wie eigentlich die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise beschaffen sein muß, wenn sie anknüpft an irgendeine der großen historischen Urkunden, die uns durch die verschiedenen Religionen der Welt überliefert worden sind.
[ 2 ] Man könnte nämlich glauben, wenn der Vertreter der Geisteswissenschaft über das Johannes-Evangelium spricht, er wolle das in dem Sinne tun, wie es sonst auch vielfach geschieht: einfach eine solche Urkunde zugrunde legen, um aus ihr diejenigen Wahrheiten, um die es sich handelt, zu schöpfen, und diese Wahrheiten auf die Autorität der religiösen Urkunden hin vorbringen. Das kann aber nimmermehr die Aufgabe geisteswissenschaftlicher Weltenbetrachtung sein. Sie muß eine völlig andere sein. Wenn die Geisteswissenschaft ihre wirkliche Aufgabe gegenüber dem modernen Menschengeist erfüllen will, dann muß sie zeigen, daß der Mensch, wenn er nur seine inneren Kräfte und Fähigkeiten gebrauchen lernt, die Kräfte und Fähigkeiten des geistigen Wahrnehmens, daß er dann, wenn er sie anwendet, eindringen kann in die Geheimnisse des Daseins, in das, was in den geistigen Welten hinter der Sinnenwelt verborgen ist. Daß der. Mensch durch den Gebrauch der inneren Fähigkeiten zu den Geheimnissen des Daseins vordringen kann, daß er zu den schöpferischen Kräften und Wesenheiten des Universums durch seine eigene Erkenntnis gelangen kann, das muß der modernen Menschheit immer mehr zum Bewußtsein kommen.
[ 3 ] Und so müssen wir sagen, daß die Geheimnisse des JohannesEvangeliums unabhängig von jeder Tradition, von jeder historischen Urkunde von dem Menschen gewonnen werden können. Man möchte, um das ganz deutlich zu sagen, einmal in einer extremen Weise das aussprechen. Dann könnte man so sagen: Nehmen wir an, dutch irgendein Ereignis gingen alle religiösen Urkunden dem Menschen verloren und dieser behielte nur die Fähigkeiten, die er gegenwärtig hat, dann müßte er trotzdem — wenn er sich nur die Fähigkeiten, die er hatte, bewahrt - in die Geheimnisse des Daseins eindringen können; er müßte hingelangen können zu den göttlich-geistigen schaffenden Kräften und Wesenheiten, die hinter der physischen Welt verborgen sind. Und die Geisteswissenschaft muß durchaus auf diese, von allen Urkunden unabhängigen Erkenntnisquellen bauen. Dann aber, wenn man also unabhängig forscht, wenn man unabhängig von allen Urkunden die göttlich-geistigen Geheimnisse der Welt erforscht hat, dann geht man an die religiösen Urkunden. Dann erst erkennt man sie in ihrem wahren Werte. Denn dann ist man in einer gewissen Weise frei und unabhängig von ihnen. Man erkennt in ihnen dann, was man zuvor selbständig gefunden hat; wer einen solchen Weg gegenüber den religiösen Urkunden eingeschlagen hat, von dem können Sie sicher sein, daß diese Urkunden niemals an Wert für ihn verlieren, niemals etwas verlieren von der Ehrfurcht und Verehrung, die man ihnen gegenüber haben kann. Durch einen Vergleich mit etwas anderem lassen Sie uns einmal klarmachen, um was es sich dabei handelt.
[ 4 ] Es könnte jemand sagen: Euklid, der alte Geometer, hat uns zuerst jene Geometrie gegeben, die heute ein jedes Schulkind lernt auf einer gewissen Stufe des Schulunterrichts. Aber ist das Lernen der Geometrie durchaus gebunden an dieses Buch von Euklid? Ich frage Sie, wie viele lernen heute die elementare Geometrie, ohne eine Ahnung zu haben von dem ersten Buch, in das Euklid die elementarsten Dinge über Geometrie hineingelegt hat? Sie lernen die Geometrie unabhängig von dem Buche des Euklid, weil sie einer Fähigkeit des Menschengeistes entspringt. Dann, wenn man Geometrie aus sich gelernt hat und hinterher an das große Geometriebuch des Euklid kommt, weiß man dies in der richtigen Weise zu würdigen; denn erst dann findet man das, was man sich zu eigen gemacht hat, und lernt die Form schätzen, in der die entsprechenden Erkenntnisse zum ersten Male aufgetreten sind. So kann man heute die großen Weltentatsachen des Johannes-Evangeliums durch die im Menschen schlummernden Kräfte finden, ohne von dem Johannes-Evangelium etwas zu wissen, wie der Schüler die Geometrie lernt, ohne von dem ersten Geometriebuche des Euklid etwas zu wissen.
[ 5 ] Wenn man, ausgerüstet mit dem Wissen über die höheren Welten, an das Johannes-Evangelium herantritt, sagt man sich: Was liegt denn da vor in der Geistesgeschichte der Menschheit? Die tiefsten Geheimnisse der geistigen Welten sind hineingeheimnißt in ein Buch, sind der Menschheit gegeben in einem Buche. Und da wir vorher wissen, was Wahrheiten über die göttlich-geistigen Welten sind, erkennen wir dann erst die göttlich-geistige Art des Johannes-Evangeliums in dem richtigen Sinne, und das wird überhaupt der richtige Sinn sein, sich solchen Urkunden zu nähern, welche über geistige Dinge handeln.
[ 6 ] Wenn sich solchen Urkunden, welche über geistige Dinge handeln, Leute nähern, welche sehr gut der Sprache nach alles verstehen, was in solchen Urkunden liegt, wie zum Beispiel im Johannes-Evangelium, also bloße Philologen — und selbst die theologischen Forscher einer gewissen Art sind heute eigentlich nur Philologen in bezug auf den Inhalt solcher Bücher -, wie verhält sich der Vertreter der Geisteswissenschaft zu solchen Forschern? Nehmen wir nochmals den Vergleich mit der Geometrie des Euklid. Wer wird denn der richtigere Ausleger sein? Der gut mit Worten in seiner Art übersetzen kann und gar keine Ahnung hat von den geometrischen Erkenntnissen? Es wird etwas Sonderbares herauskommen, wenn ein solcher sich an die Geometrie des Euklid machen wird, wenn er vorher gar nichts von der Geometrie versteht! Lassen Sie aber den Übersetzer selbst einen unbedeutenden Philologen sein, er wird, wenn er Geometrie versteht, das Buch in der richtigen Weise würdigen können. So verhält sich gegenüber vielen anderen Forschern der Vertreter der Geisteswissenschaft zum Johannes-Evangelium. Vielfach wird es gegenwärtig so erklärt, wie die Philologen die Geometrie des Euklid erklären würden. Geisteswissenschaft aber liefert aus sich die Erkenntnisse der geistigen Welten, die im JohannesEvangelium aufgezeichnet sind. So ist der Geisteswissenschafter dem Johannes-Evangelium gegenüber in derselben Lage wie der Geometer dem Euklid gegenüber: er bringt schon mit, was er in dem Johannes-Evangelium finden kann.
[ 7 ] Wir brauchen uns nicht bei dem etwa erhobenen Vorwurf aufzuhalten, daß auf diese Weise manches in die Urkunde hineingesehen werde. Wir werden bald sehen, daß der, welcher den Inhalt versteht, nicht nötig hat, etwas in das Evangelium hineinzulegen, was nicht darin ist. Wer die Art der geisteswissenschaftlichen Auslegung versteht, wird sich bei diesem Vorwurf nicht besonders aufhalten. Wie andere Urkunden nicht an Wert und Verehrung verlieren, wenn man ihren wahren Inhalt erkennt, so ist dies auch mit dem JohannesEvangelium der Fall. Es erscheint dem, der eingedrungen ist in die Geheimnisse der Welt, als eines der allerbedeutungsvollsten Dokumente im menschlichen Geistesleben.
[ 8 ] Wir können uns dann fragen, wenn wir uns genauer auf den Inhalt des Johannes-Evangeliums einlassen: Wie kommt es denn, wenn dem Geistesforscher das Johannes-Evangelium als eine so bedeutungsvolle Urkunde erscheint, daß es gerade von Theologen, die doch zu Erklärern berufen sein sollten, immer mehr und mehr in den Hintergrund gegenüber den anderen Evangelien gedrängt wird? Dies soll als eine Vorfrage berührt werden, bevor wir in das Johannes-Evangelium selbst eintreten.
[ 9 ] Sie alle wissen, daß in bezug auf das Johannes-Evangelium merkwürdige Anschauungen und Gesinnungen Platz gegriffen haben. In alten Zeiten wurde es verehrt als eine der tiefsten und bedeutungsvollsten Urkunden, welche der Mensch hatte über das Wesen und den Sinn des Wirkens des Christus Jesus auf Erden; und in den älteren Zeiten des Christentums wäre es wohl niemandem eingefallen, dieses Johannes-Evangelium nicht als ein wichtiges geschichtliches Denkmal für die Ereignisse in Palästina aufzufassen. In neueren Zeiten ist es anders geworden, und gerade die, welche glauben, am festesten zu stehen auf dem Boden geschichtlicher Forschung, haben am meisten den Grund unterwühlt, auf dem eine solche Anschauung über das Johannes-Evangelium stand. Seit einer Zeit, die ja schon nach Jahrhunderten zählt, hat man angefangen, aufmerksam zu werden auf die Widersprüche, die sich in den Evangelien finden. Da hat sich besonders unter den Theologen nach mancherlei Schwankungen das folgende herausgestellt. Man hat gesagt: Es kommen viele Widersprüche in den Evangelien vor, und man könne sich keinen klaren Begriff machen, wie es kommt, daß von vier Seiten in den vier Evangelien die Ereignisse in Palästina in verschiedener Weise erzählt werden. Man sagte: Wenn wir die Darstellungen nehmen, die nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes gegeben werden, so haben wir so viele verschiedene Angaben über dieses und jenes, daß man unmöglich glauben kann, daß sie alle mit den historischen Tatsachen übereinstimmen. Das wurde nach und nach die Gesinnung derjenigen, die diese Dinge erforschen wollten.
[ 10 ] Nun hat sich in neuerer Zeit die Anschauung gebildet, daß man in bezug auf die drei ersten Evangelien einen gewissen Einklang über die Darstellung der palästinensischen Ereignisse sich bilden könne, daß das Johannes-Evangelium aber in einer weitgehenden Art abweiche von dem, was die drei ersten Evangelien erzählen, und daß deshalb in bezug auf die historischen "Tatsachen mehr den drei ersten Evangelien geglaubt werden müsse und das JohannesEvangelium weniger geschichtliche Glaubwürdigkeit habe. So ist man allmählich dazu gekommen, zu sagen: Dieses Johannes-Evangelium ist überhaupt nicht in derselben Absicht entstanden wie die drei ersten. Diese Evangelien wollten nur erzählen, was sich zugetragen hat; der Verfasser des Johannes-Evangeliums aber habe diese Absicht gar nicht gehabt, sondern eine ganz andere. Und man hat aus verschiedenen Gründen der Annahme sich hingegeben, daß das Johannes-Evangelium überhaupt verhältnismäßig spät niedergeschrieben worden sei. Wir werden auf diese Dinge noch zu sprechen kommen. Ein großer Teil der Forscher glaubt, daß das JohannesEvangelium erst im dritten oder vierten Jahrzehnt des zweiten christlichen Jahrhunderts niedergeschrieben worden sei, vielleicht auch schon im zweiten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts; und daher sagten sie sich: Also ist das Johannes-Evangelium niedergeschrieben in einer Zeit, wo das Christentum in einer bestimmten Form sich schon ausgebreitet hatte, wo es vielleicht auch schon Gegner hatte. Diese oder jene Gegner waren aufgetreten gegen das Christentum, und diejenigen, die diese Meinung annehmen, sagten sich: In dem Schreiber des Johannes-Evangeliums haben wir einen Menschen vor uns, der insbesondere bestrebt war, eine Lehrschrift zu geben, eine Art Apologie, etwas wie eine Verteidigung des Christentums gegenüber den Strömungen, die sich dagegen erhoben hatten. Nicht aber hätte der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Absicht gehabt, die historischen Tatsachen treu zu schildern, sondern zu sagen, wie er sich zu seinem Christus stelle. — So sehen viele nichts anderes in dem Johannes-Evangelium als eine Art religiös durchströmten Gedichtes, das der Schreiber aus einer religiös-lyrischen Stimmung heraus in bezug auf seinen Christus niedergeschrieben habe, um auch andere zu begeistern und in dieselbe Stimmung zu bringen. Vielleicht wird man nicht überall mit so extremen Worten diese Meinung eingestehen. Wenn Sie aber die Literatur studieren, werden Sie finden, daß dies eine weitverbreitete Meinung ist, die vielen unserer Zeitgenossen sehr zur Seele spricht, ja, es kommt eine solche Meinung der Gesinnung unserer Zeitgenossen geradezu entgegen.
[ 11 ] Seit einigen Jahrhunderten hat sich innerhalb der Menschheit, die immer mehr zum Materialismus in ihrer Gesinnung gekommen ist, eine gewisse Abneigung herausgebildet gegen eine solche Auffassung des geschichtlichen Werdens überhaupt, wie sie uns gleich in den ersten Worten des Johannes-Evangeliums entgegentritt. Denken Sie doch nur daran, daß die ersten Worte keine andere Erklärung zulassen, als daß in dem Jesus von Nazareth, der gelebt hat im Anfange unserer Zeitrechnung, verkörpert war eine Wesenheit höchster geistiger Art. Der Schreiber des Johannes-Evangeliums konnte nach seiner ganzen Art nicht anders, indem er von Jesus spricht, als beginnen mit dem, was er das «Wort» oder den « Logos » nennt; und er konnte nicht anders als sagen:
«Dieses Wort war im Urbeginne, und alles ist durch das Wort entstanden.» (1, 2-3)
[ 12 ] oder durch den «Logos». Nehmen wir dieses Wort einmal in seiner vollen Bedeutung, dann müssen wir sagen: Der Schreiber des Johannes-Evangeliums sieht sich gedrängt, den Urbeginn der Welt, das Höchste, wozu sich der Menschengeist erheben kann, als Logos zu bezeichnen und zu sagen: «Alle Dinge sind durch diesen Logos, den Urgrund der Dinge, gemacht!» Und dann setzt er fort und sagt:
«Dieser Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet.» (1,14)
[ 13 ] Das heißt nichts anderes als: Ihr habt ihn gesehen, der unter uns gewohnt hat; ihr werdet ihn nur verstehen, wenn ihr ihn nehmt so, daß in ihm dasselbe Prinzip wohnte, durch das alles, was um euch herum ist an Pflanzen, Tieren und Menschen, gemacht ist. - Will man nicht in verkünstelter Weise interpretieren, so muß man sagen, daß im Sinne dieser Urkunde ein Prinzip allerhöchster Art sich einmal im Fleische verkörpert hat. Vergleichen wir die Anforderung, die mit solcher Vorstellung an des Menschen Herz gestellt wird, mit dem, was heute mancher Theologe sagt. Sie können es gegenwärtig in theologischen Werken lesen und in Vorträgen in mannigfacher Weise hören: Wir appellieren nicht mehr an irgendein übersinnliches Prinzip; uns ist derjenige Jesus am liebsten, den uns die drei ersten Evangelien schildern, denn das ist der «schlichte Mann aus Nazareth», der anderen Menschen ähnlich ist.
[ 14 ] Das ist in gewisser Art ein Ideal geworden für viele Theologen. Die Menschen haben das Bestreben, alles, was geschichtlich geworden ist, möglichst auf gleiche Stufe zu stellen mit allgemein menschlichen Ereignissen. Es stört die Menschen, daß ein so Hoher herausragen soll, wie es der Christus des Johannes-Evangeliums ist. Daher sprechen sie von diesem als von der Apotheose Jesu, des «schlichten Mannes von Nazareth», der ihnen deshalb so gefällt, weil sie sagen können: Wir haben ja auch einen Sokrates und andere große Männer. — Er unterscheidet sich ja von diesen anderen, aber sie haben doch einen gewissen Maßstab an einer gewöhnlichen banalen Menschlichkeit, wenn sie sprechen können vom «schlichten Manne aus Nazareth». Dies Sprechen vom «schlichten Manne aus Nazareth», das Sie heute schon in zahlreichen theologischen Werken, auch in theologisch-akademischen Schriften vorfinden, in dem, was man die «aufgeklärte Theologie» nennt, das hängt zusammen mit dem seit Jahrhunderten herangebildeten materialistischen Sinne der Menschheit; denn diese glaubt, daß es nur Physisch-Sinnliches geben könne oder daß nur dieses eine Bedeutung habe. In denjenigen Zeiten der Menschheitsentwickelung, in welchen der Blick der Menschheit noch hinaufgegangen ist zu dem Übersinnlichen, konnte der Mensch sagen: Außen, in der äußeren Erscheinung mag diese oder jene historische Persönlichkeit sich gewiß vergleichen lassen mit dem schlichten Manne aus Nazareth, aber in dem, was als Geistiges und Unsichtbares in dieser Persönlichkeit war, da ist dieser Jesus von Nazareth ein Einziger! Als man aber den Hinblick und den Einblick in das Übersinnliche und Unsichtbare verloren hatte, verlor man auch den Maßstab für alles, was über den Durchschnitt der Menschheit hinausragte, und das zeigte sich ganz besonders in der religiösen Auffassung des Lebens. Darüber geben Sie sich nur gar keiner Täuschung hin! Der Materialismus ist zuerst eingedrungen in das religiöse Leben. Viel, viel weniger gefährlich für die geistige Entwickelung der Menschheit ist der Materialismus in bezug auf die äußeren naturwissenschaftlichen Tatsachen als in bezug auf die Auffassung der religiösen Geheimnisse.
[ 15 ] Wir werden zu sprechen haben - als ein Beispiel — über die wahre spirituelle Auffassung des Abendmahls, die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut, und wir werden im Laufe dieser Vorträge hören, daß durch diese spirituelle Auffassung das Abendmahl wahrhaftig nicht an Wert und Bedeutung verliert. Aber es wird eben eine spirituelle Auffassung sein, die wir kennenlernen werden. Und die war auch die alte christliche Auffassung, als noch mehr spiritueller Sinn war unter der Menschheit; sie galt noch in der ersten Hälfte des Mittelalters. Da wußten viele die Worte: «Dies ist mein Leib...; dies ist mein Blut!» (Markus 14, 22 und 24), so aufzufassen, wie wir das kennenlernen werden. Aber diese geistige Auffassung ging im Laufe der Jahrhunderte notwendigerweise verloren. Wir werden die Gründe dafür kennenlernen. Da gab es im Mittelalter eine sehr merkwürdige Strömung, die tiefer, als Sie es glauben mögen, eingedrungen ist in die Gemüter der Menschheit, denn wie die Seelen sich nach und nach entwickelt und was sie erlebt haben, können Sie von der heutigen Geschichte sehr wenig erfahren. Um die Mitte des Mittelalters ist eine tiefgehende Strömung vorhanden in den christlichen Gemütern Europas; denn es war von autoritativer Seite aus der ehemalige spirituelle Sinn der Abendmahlsichre ins Materialistische umgedeutet. Die Menschen konnten sich bei den Worten: «Dies ist mein Leib...; dies ist mein Blut», nur vorstellen, daß ein materieller Vorgang, eine materielle Umwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut geschehe. Was früher geistig vorgestellt wurde, fing man an, im grob materiellen Sinne sich vorzustellen. Hier schleicht sich der Materialismus, lange bevor er die Naturwissenschaft ergreift, ein in das religiöse Leben.
[ 16 ] Und ein anderes Beispiel ist nicht minder bedeutsam. Glauben Sie nicht, daß in irgendeiner der maßgebenden Erklärungen der «Schöpfungsgeschichte» im Mittelalter die sechs Schöpfungstage so genommen worden sind als Tage, wie sie heute sind, als Tage von vierundzwanzig Stunden. Keinem der maßgebenden theologischen Lehrer wäre das auch nur eingefallen; denn sie haben verstanden, was in den Urkunden steht. Sie haben noch gewußt, einen Sinn zu verbinden mit den Worten der Bibel. Hat es denn einen Sinn überhaupt gegenüber der Schöpfungsurkunde, von vierundzwanzigstündigen Schöpfungstagen zu sprechen in unserer heutigen Art? Was heißt denn ein Tag? Ein Tag heißt das, was durch das Umdrehungsverhältnis der Erde gegenüber der Sonne bewirkt wird. Von Tagen im heutigen Sinne können Sie nur reden, wenn die Verhältnisse zwischen Sonne und Erde und ihre Bewegung so vorgestellt werden, wie sie heute sind. Daß aber Sonne und Erde in solchen Verhältnissen zueinander gestanden haben, wird in der Genesis erst vom vierten Zeitraum, vom vierten «Tage» der Schöpfung erzählt. «Tage » können daher überhaupt erst am vierten Tage der Schöpfungsgeschichte anfangen. Vorher wäre es sinnlos, sich Tage vorzustellen, wie sie heute sind. Da erst überhaupt am vierten «Tag» die Einrichtung kommt, wodurch Tag und Nacht möglich werden, konnte vorher nicht von Tagen im heutigen Sinne die Rede sein! Wieder kam die Zeit herauf, wo die Menschen nicht mehr wußten, daß damit die geistige Bedeutung von Tag und Nacht gemeint sei, wo man sich nur denken konnte, daß solche Zeit, die man sich in physischen Tagen vorzustellen hat, möglich ist. So wurde für einen materialistisch denkenden Menschen, selbst für einen Theologen, ein Tag, wie er heute ist, auch der Schöpfungs-«Tag», weil er nur jenen kennt.
[ 17 ] Ein älterer Theologe redete anders über solche Dinge. Ein solcher sagte sich vor allem, daß in den alten religiösen Urkunden nichts Unnötiges an wichtigen Stellen steht. Als ein Beispiel dafür wollen wir eine Stelle betrachten. Man nehme einmal im 2.Kapitel des ersten Buches Mose den 21. Vers; da heißt es:
«Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er entschlief.»
[ 18 ] Auf diese Stelle legten die alten Erklärer einen ganz besonderen Wert. Diejenigen, die sich schon ein wenig befaßt haben mit der Entwickelung der geistigen Kräfte und Fähigkeiten des Menschen, werden wissen, daß es verschiedene Arten von Bewußtseinszuständen gibt, daß dasjenige, was wir heute bei dem Durchschnittsmenschen «Schlaf» nennen, nur ein vorübergehender Bewußtseinszustand ist, der sich künftig — wie heute schon bei den Eingeweihten - umwandeln wird in einen Bewußtseinszustand, wo der Mensch leibbefreit hineinsieht in die geistige Welt. Deshalb sagte der Erklärer: Gott ließ Adam in einen tiefen Schlaf fallen, und da konnte er wahrnehmen, was er mit den physischen Sinneswerkzeugen nicht wahrnehmen konnte. Das ist gemeint als ein hellseherischer Schlaf, und was erzählt wird, ist das, was man erfährt in einem höheren Bewußtseinszustand; daher fällt Adam «in einen Schlaf». Dies war eine alte Erklärung; und man sagte, es würde auch nicht erwähnt werden in einer religiösen Urkunde, «Gott ließ einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen», wenn er auch schon früher in einen Schlaf verfallen wäre. Darauf werden wir hingewiesen, daß es der erste Schlaf ist, und daß der Mensch früher in Bewußtseinszuständen war, wo er noch geistige Dinge ständig wahrnehmen konnte. Das ist es, was den Leuten erzählt wurde.
[ 19 ] Heute handelt es sich nun darum, zu zeigen, daß es einmal ganz spirituelle Erklärungen der biblischen Urkunden gegeben hat, und daß der materialistische Sinn, als er heraufkam, das hineingelegt hat, was heute in der Bibel von den aufgeklärten Leuten bekämpft wird. Das hat erst der materialistische Sinn gemacht, was er nun selbst bekämpft. So sehen Sie, wie in der Tat der materialistische Sinn in der Menschheit heraufgezogen ist und wie dadurch das wahre, echte, wirkliche Verständnis für die religiösen Urkunden verlorengegangen ist. Wenn die Geisteswissenschaft ihre Aufgabe erfüllen und dem Menschen zeigen wird, welche Geheimnisse hinter dem physischen Dasein liegen, dann wird man schon erkennen, wie diese Geheimnisse in den religiösen Urkunden geschildert werden. Der äußere triviale Materialismus, den heute die Menschen für so gefährlich halten, ist nur die letzte Phase des Materialismus, den ich Ihnen geschildert habe. Erst wurde die Bibel materialistisch interpretiert. Hätte nie ein Mensch die Bibel materialistisch erklärt, so hätte auch nie in der äußeren Wissenschaft ein Haeckel die Natur materialistisch erklärt; und was im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert als Grund gelegt worden ist in religiöser Beziehung, das ging als Frucht im neunzehnten Jahrhundert auf in der Naturwissenschaft; und das hat dazu geführt, daß es unmöglich ist, dem Johannes-Evangelium gegenüber zu einem Verständnis zu kommen, wenn man nicht in die geistigen Urgründe eindringt. Man kann den Wert des Johannes-Evangeliums nur dann unterschätzen, wenn man es nicht versteht. Und weil diejenigen, die es nicht mehr verstanden haben, angekränkelt waren von einer materialistischen Gesinnung, erschien es ihnen eben in dem vorhin geschilderten Lichte.
[ 20 ] Ein ganz einfacher Vergleich wird erklären, in welcher Art das Johannes-Evangelium von den drei andern abweicht.
[ 21 ] Denken Sie sich einen Berg. Auf dem Berge und am Bergabhange stehen auf gewissen Höhen verschiedene Menschen, und diese verschiedenen Menschen - sagen wir drei — zeichnen nun ab, was sie unten sehen. Jeder wird es nach der Stelle, wo er steht, verschieden zeichnen; aber gewiß ist jedes von diesen drei Bildern doch wahr für den Standpunkt, um den es sich handelt. Und derjenige, der nun oben auf dem Gipfel steht und das zeichnet, was unten ist, wird wieder einen andern Anblick gewinnen und schildern. So ist der Anblick der drei Evangelisten, der Synoptiker Matthäus, Markus, Lukas, gegenüber dem des Johannes, der nur von einer andern Stelle aus die Sache beschreibt. Und was haben gelehrte Erklärer nicht alles herbeigetragen, um dieses Johannes-Evangelium begreiflich zu machen! Manchmal muß man sich wirklich wundern, was alles von den exakten Forschern gesagt wird, was so leicht zu durchschauen wäre, wenn nicht unsere Zeit eine Zeit des denkbar größten Autoritätsglaubens wäre. Der Glaube an die unfehlbare Wissenschaft ist heute auf dem höchsten Punkt angekommen!
[ 22 ] So ist denn gleich der Eingang des Johannes-Evangeliums etwas sehr Schwieriges für den materialistisch angehauchten Theologen geworden. Die Lehre von dem Logos oder Wort hat den Leuten große Schwierigkeiten gemacht. Sie sagen sich: Wir möchten doch so gern, daß alles einfach, schlicht und naiv ist, und da kommt dann das Johannes-Evangelium und spricht von so hohen philosophischen Dingen, von dem Logos, dem Leben, dem Lichte! - Der Philologe ist gewöhnt, immer zu fragen, woher das stammt. Mit neueren Werken macht man es nicht anders. Lesen Sie die Werke über den Goetheschen «Faust». Überall finden Sie nachgewiesen, woher dieses oder jenes Motiv stammt; da werden durch Jahrhunderte zum Beispiel alle Bücher aufgestöbert, um zu sehen, woher Goethe das Wort vom «Wurm» hat, das er gebraucht. Und so fragt man auch: Woher hat Johannes den Begriff des «Logos»? Die anderen Evangelisten, die zu dem einfachen, schlichten Menschenverstand gesprochen haben, drücken sich nicht so philosophisch aus. Nun sagte man weiter, der Schreiber des Johannes-Evangeliums wäre eben ein Mensch mit griechischer Bildung gewesen, und dann wies man darauf hin, daß die Griechen in Philo von Alexandrien einen Schriftsteller haben, der auch von dem Logos spricht. Also dachte man sich, daß in gebildeten griechischen Kreisen, wenn man von etwas Hohem sprechen wollte, man von dem Logos sprach, und daher hat der Johannes das aufgenommen. Und so nahm man das wieder für einen Beweis, daß der Schreiber des Johannes-Evangeliums nicht auf derselben Überlieferung gefußt hat, auf der die Schreiber der andern Evangelien fußten, sondern — so sagte man — er hat sich beeinflussen lassen von der griechischen Bildung und dementsprechend die Tatsachen umgeprägt. Und gerade die Anfangsworte des Johannes-Evangeliums
Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.»
[ 23 ] beweisen, daß der philonische «Logos»-Begriff in den Geist des Schreibers des Johannes-Evangeliums eingedrungen ist und die Darstellung beeinflußt hat! |
[ 24 ] Solchen Leuten möchte man nur einmal den Anfang des Evangeliums des Lukas dagegenhalten:
«Sintemalen sich viele unterwunden haben, Rede zu führen von den Ereignissen, so unter uns geschehen sind,
wie uns das überliefert haben diejenigen, die von Anfang selbst Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind,
deshalb habe ich es für gut befunden, nachdem ich das alles, wie es von Anfang war, mit Fleiß erforscht, dir zu erzählen, mein guter Theophilus.» (Lukas i, 1-3)
[ 25 ] Hier steht am Anfange gerade, daß das, was er erzählen will, Überlieferung ist derjenigen, die «Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind». Es ist sonderbar, daß Johannes das aus der griechischen Bildung haben soll und daß Lukas, der doch nach dieser Ansicht zu den schlichten Männern gehörte, ebenfalls von dem «Logos » spricht! Solche Dinge sollten selbst die autoritätsgläubigen Menschen darauf aufmerksam machen, daß es wirklich nicht eigentlich exakte Gründe sind, die zu solchen Resultaten führen, sondern Vorurteile; die materialistische Brille ist es, die diese Anschauung über das Johannes-Evangelium heraufgebracht hat, daß es in der eben charakterisierten Weise neben die anderen Evangelien hinzustellen sei, was wir leicht daraus entnehmen können, daß auch im Lukas-Evangelium die Rede davon ist. Was von denen gesagt wird, die da Augenzeugen und Diener des Logos gewesen sind, das bedeutet, daß von dem Logos in den alten Zeiten gesprochen wurde als von etwas, was die Leute kannten und mit dem sie vertraut waren. Und das ist es, was wir uns jetzt besonders vor die Seele führen müssen, damit wir tiefer eindringen können in die ersten paradigmatischen Sätze des Johannes-Evangeliums.
[ 26 ] Wovon spricht derjenige, der damals das Wort «Logos» oder das Wort «Wort» gebrauchte in unserm Sinne? Wovon spricht er?
[ 27 ] Nicht durch theoretisches Erklären und abstraktes begriffliches Auseinandersetzen kommen Sie zu dieser Vorstellung des Logos, sondern Sie müssen sich durch das Gemüt in das ganze Empfindungsleben aller derjenigen hineinversetzen, die so von dem Logos gesprochen haben. Auch diese Leute haben die Dinge um sich herum gesehen. Aber es genügt nicht, daß der Mensch bloß das ansieht, was um ihn herum ist, sondern es kommt darauf an, wie sich daran die Empfindungen seines Herzens und seines Gemütes knüpfen, wie er dies oder jenes für höher oder niedriger hält, je nachdem, was er in ihnen sieht. Sie alle richten Ihre Blicke auf die Sie umgebenden Naturreiche, auf Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen. Sie nennen den Menschen das vollkommenste, das Mineral das unvollkommenste Geschöpf. Innerhalb der betreffenden Naturreiche unterscheidet man wieder höher und niedriger stehende Wesen. Zu den verschiedenen Zeiten empfanden die Menschen das ganz verschieden.
[ 28 ] Diejenigen, die im Sinne des Johannes-Evangeliums sprachen, empfanden vor allem eines als etwas ganz Bedeutsames: Man sah herunter auf das niedere Tierreich und ließ den Blick schweifen hinauf bis zu dem Menschen - und verfolgte etwas ganz Bestimmtes in dieser Entwickelungsrichtung. Da sagte ein solcher Bekenner der Logoslehre: Eines ist es, was uns am tiefsten den Vorzug der höheren Wesen vor den niederen darstellt: die Fähigkeit, das, was im Innern lebt, nach außen durch das Wort tönen zu lassen, den Gedanken der Umwelt im Wort mitzuteilen. Es würde ein solcher Bekenner der Logoslehre gesagt haben: Sieh dir an das niedere Tier! Es ist stumm, es drückt nicht aus seinen Schmerz oder seine Lust. - Nehmen Sie die niederen Tiere: sie zirpen oder geben andere Töne von sich usw.; aber es ist das das äußere Schaben und Reiben der physischen Organe, die da tönen, wie ein Hummer es auch kann. Je höher wir. hinaufkommen, desto mehr entwickelt sich die Fähigkeit, daß sich das Innere im Ton manifestiert und das, was die Seele erlebt, im Ton mitteilt. Und deshalb, sagte man, steht der Mensch über den anderen Wesen so hoch, weil er nicht nur imstande ist, mit Worten zu bezeichnen, was seine Lust oder sein Schmerz ist, sondern weil er das, was über das Persönliche hinausgeht, was geistig, unpersönlich ist, in Worte zu fassen, in Gedanken auszudrücken vermag.
[ 29 ] Und man sagte nun unter diesen Bekennern der Logoslehre: Es gab eine Zeit, bevor der Mensch in seiner heutigen Gestalt da war, in der es ihm möglich ist, sein innerstes Erlebnis in Worten nach außen ertönen zu lassen. Es gab vorher eine andere Zeit. Es hat lange Zeit gebraucht, daß sich unsere Erde bis zu der heutigen Gestalt hindurchentwickelte. - Wir werden hören, wie diese Erde geworden ist. — Wenn wir aber die früheren Zustände prüfen, finden wir den Menschen in seiner heutigen Gestalt noch nicht und auch keine Wesen, die von innen heraus ertönen lassen können, was sie erleben. Mit stummen Wesen beginnt unsere Welt, und nach und nach erst zeigen sich Wesen und erscheinen auf unserem Wohnplatz, die die innersten Erlebnisse nach außen tönen lassen können, die des Wortes mächtig sind. Aber das, was vorm Menschen heraus am spätesten erscheint — sagten sich die Bekenner der Logoslehre -, das war in der Welt selbst am frühesten da. Wir denken uns, der Mensch war in seiner heutigen Gestalt in früheren Erdzuständen noch nicht da; aber in unvollkommener, stummer Gestalt war er da und hat nach und nach sich bis zum logos- oder wortbegabten Wesen heraufentwickelt. DaB er das konnte, rührt davon her, daß das, was bei ihm zuletzt erscheint, das schöpferische Prinzip, in einer höhern Wirklichkeit von Anfang an da war. Was sich losringt aus der Seele, das war das göttliche schöpferische Prinzip im Anfang. Das Wort, das aus der Seele tönt, der Logos, war im Anfang da, und der Logos hat die Entwickelung so gelenkt, daß zuletzt ein Wesen entstand, in dem er auch erscheinen konnte. Was zuletzt in der Zeit und im Raume erscheint, war im Geiste zuerst da.
[ 30 ] Wenn Sie einen Vergleich nehmen wollen, um sich das klarzumachen, so können Sie ungefähr sagen: Hier habe ich diese Blume vor mir. Diese Blumenkrone, diese Blumenglocke, was war sie vor einiger Zeit? Es war ein kleines Samenkorn. Darinnen war der Möglichkeit nach diese weiße Blumenglocke. Wäre sie nicht der Möglichkeit nach darinnen gewesen, diese Blumenglocke hätte nicht entstehen können. Und woher kommt das Samenkorn? Es kommt wieder von einer solchen Blumenglocke her. Dem Samenkorn geht die Blüte voran; und so, wie die Blüte der Frucht vorangeht, so hat sich das Samenkorn, aus dem diese Blüte entstanden ist, herausentwickelt aus einer gleichen Pflanze. So betrachtete der Bekenner der Logoslehre den Menschen und sagte sich: Gehen wir zurück in der Entwickelung, so finden wir in früheren Zuständen den noch stummen Menschen, der nicht des Wortes fähig war; aber wie der Same von der Blüte herkommt, so kommt der stumme Menschensame von dem sprechenden, wortbegabten Gotte im Urbeginn her. Wie das Maiglöckchen den Samen und der Same wieder das Maiglöckchen erzeugt, so erzeugt das göttliche Schöpferwort den stummen Menschensamen; und als das göttliche Schöpferwort hineinschlüpft in den stummen Menschensamen, um darin wieder aufzugehen, tönt aus dem Menschensamen das ursprüngliche göttliche Schöpferwort hervor. Gehen wir zurück in der Menschheitsentwickelung, so treffen wir ein unvollkommenes Wesen, und die Entwickelung hat den Sinn, daß zuletzt als Blüte der Logos oder das Wort, das das Innere der Seele enthüllt, erscheint. Es erscheint im Anfange der stumme Mensch als Samen des logosbegabten Menschen, und dieser geht hervor aus dem logosbegabten Gotte. Es entspringt der Mensch aus dem nicht wortbegabten, stummen Menschen, aber zuletzt ist 772 Urbeginn der Logos oder das Wort. — So dringt derjenige, der die Logoslehre im alten Sinne erkennt, vor zu dem göttlichen Schöpferwort, das der Urbeginn des Daseins ist, worauf der Schreiber des Johannes-Evangeliums im Anfange hinweist. Hören wir, was er im Anfange sagt:
«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.»
[ 31 ] Heute, will er sagen, wo ist heute das Wort? Heute ist auch das Wort da, und das Wort ist beim Menschen! und ein Menschliches ist das Wort! Und so knüpft der Schreiber des Johannes-Evangeliums den Menschen an den Gott an, und wir hören in der Tat eine für jedes Menschenherz leicht begreifliche Lehre ertönen im Beginne dieses Johannes-Evangeliums.
[ 32 ] Ich wollte Ihnen heute in diesem einleitenden Vortrag mit allgemeineren Worten einmal mehr vom Empfindungs- und Gefühlsstandpunkt aus schildern, wie ursprünglich ein Bekenner der Logoslehre solche Worte des Johannes-Evangeliums empfunden hat. Und nachdem wir uns so in die Stimmung hineinversetzt haben, wie sie war, als zuerst diese Worte gehört wurden, werden wir um so besser die Möglichkeit haben, in den tiefen Sinn, der diesem Johannes-Evangelium zugrunde liegt, einzudringen.
[ 33 ] Wir werden weiter sehen, wie das, was wir Geisteswissenschaft nennen, wahrhafte Wiedergabe ist des Johannes-Evangeliums, und wie die Geisteswissenschaft uns in die Lage versetzt, dieses JohannesEvangelium um so gründlicher zu verstehen.
