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The Rudolf Steiner Archive

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Das Johannes-Evangelium
GA 103

20 Mai 1908, Hamburg

Dritter Vortrag

[ 1 ] Gestern haben wir gesehen, welch tiefer Inhalt in den ersten Worten des Johannes-Evangeliums verborgen ist, und wir können unsere Betrachtungen dahin zusammenfassen, daß wir sagen: Wir haben gesehen, daß der Schreiber des Johannes-Evangeliums hindeutet auf das Werden des Vormenschen in urferner Vergangenheit, hindeutet darauf, wie im Sinne der christlichen Esoterik alles zurückgeführt wird auf das Wort oder den Logos, der schöpferisch war schon während der alten Saturnzeit, der dann geworden ist zum Leben, und dann zum Licht, — zum Leben, während unsere Erde ihren Sonnenzustand durchgemacht hat, —- zum Licht, während sie den alten Mondzustand durchgemacht hat. Das, was also unter dem Einfluß göttlich-geistiger Kräfte und Wesenheiten der Mensch geworden ist im Laufe der drei planetarischen Zustände, wurde, als die Erde eben unser heutiger Planet geworden war, durchdrungen von dem menschlichen Ich. So daß man sagen kann: Wie eine Art Same kam von dem alten Monde herüber auf die Erde eine Wesenheit, bestehend aus physischem Leib, hervorgegangen aus dem göttlichen Urworte, aus Äther- oder Lebensleib, hervorgegangen aus dem göttlichen Leben, aus astralischem Leib, hervorgegangen aus dem göttlichen Lichte. Im Innern dieser Wesenheit wurde während des Erdendaseins das Licht des Ich selbst entzündet. Diese dreifache Leiblichkeit: physischer Leib, Ätherleib und Astralleib, wurde fähig, in sich das «Ich bin» zu sprechen, so daß wir in einer gewissen Weise die Entwickelung der Erde nennen können die Entwickelung des «Ich-bin», des Selbstbewußtseins des Menschen. Und dieses «Ich-bin », diese Fähigkeit des vollen Selbstbewußtseins kam im Laufe der Entwickelung der Erdenmenschheit langsam und allmählich erst heraus. Wir müssen uns klar machen, wie die Entwickelung der Erdenmenschheit war, insofern in ihr langsam und allmählich das Ich, das volle Selbstbewußtsein ins Dasein trat.

[ 2 ] Es gab eine Zeit in unserer Erdenentwickelung, wir nennen sie die alte lemurische Zeit; es ist die älteste Zeit, in welcher innerhalb des Erdendaseins der Mensch in der Form auftrat, in welcher er heute überhaupt vorhanden ist. Zum erstenmal trat das in der alten lemurischen Zeit ein, was wir nennen die Verkörperung des Ich, der eigentlichen innersten Wesenheit des Menschen, in den drei Leibern, im astralischen Leib, Ätherleib und physischen Leib. Dann kam die atlantische Zeit, wo der Mensch gewohnt hat zum größten Teil auf dem alten atlantischen Kontinente, einem Ländergebiete, das heute den Boden des atlantischen Ozeans bildet, das untergegangen ist durch die große atlantische Flut, deren Andenken sich in den Sintflut-Sagen fast aller Völker erhalten hat. Der Mensch verkörperte sich dann, seiner innersten Wesenheit nach, in aufeinanderfolgenden Verkörperungen bis in unsere Tage hinein während der nachatlantischen Zeit. Wirklich waren unsere Seelen in einer dreigliedrigen Wesenheit, bestehend aus physischem Leibe, Ätherleibe und astralischem Leibe, wie wir sie kennengelernt haben, zum erstenmal in der lemurischen Zeit verkörpert. Was vorhergegangen ist, soll einer späteren Betrachtung überlassen bleiben. — Weit zurückgehen müssen wir also, wenn wir den Gang der Entwickelung in Betracht ziehen, und es entwickelt sich der Mensch nur langsam und allmählich zu seinem heutigen Dasein. Was nennen wir im Okkultismus in geisteswissenschaftlichem Sinne «unser heutiges Dasein»?

[ 3 ] Unser heutiges Dasein nennen wir einen Bewußtseinszustand, wie ihn der Mensch heute hat vom Morgen, wo er aufwacht, bis zum Abend, wo er einschläft. Da sieht der Mensch durch seine äußeren physischen Sinne die Dinge um sich herum. Vom Abend, wo er einschläft, bis zum Morgen, wo er aufwacht, sieht er die Dinge um sich herum nicht. Warum ist das so? Wir wissen, das ist aus dem Grunde so, weil für die heutigen Entwickelungsverhältnisse während der Tageszeit der eigentliche innere Mensch, also Ich und astralischer Leib, im physischen Leibe und Ätherleibe auf dem physischen Plane, das heißt in der physischen Welt sind. Da kann sich der astralische Leib und das Ich der physischen Sinnesorgane bedienen, in die Welt hinaushören und hinaussehen und die physischen Dinge wahrnehmen. Vom Abend, wo der Mensch einschläft, bis zum Morgen, wo er aufwacht, sind Ich und astralischer Leib außerhalb der physischen Welt, auf dem Astralplan. Da sind sie abgesondert von physischen Augen und physischen Ohren, da können sie nicht wahrnehmen, was um sie herum ist. Dieser Zustand, ein solcher Wechsel im Menschen zwischen Tagwachen und Nachtschlafen, hat sich erst langsam und allmählich entwickelt. Das war noch nicht so, als der Mensch in der alten lemurischen Zeit zum ersten Male eine physische Verkörperung durchgemacht hat. Da war der Mensch nur eine sehr kurze Zeit des Tages — keineswegs so lange wie heute — seinem Ich und Astralleibe nach in seinem physischen Leibe drinnen. Dadurch aber, daß der Mensch längere Zeit außerhalb seines physischen Leibes war, nur kürzere Zeit wachend hineinstieg in den physischen Leib, war das Leben während der lemurischen Zeit überhaupt noch ein ganz anderes. Daß der Mensch während der Nacht ganz bewußtlos ist, wenn er nicht gerade träumt, trat sehr langsam und allmählich ein. Ganz anders war das Bewußtsein bei Tag und Nacht während der lemurischen Zeit noch verteilt. Da hatten die Menschen alle noch ein dumpfes hellseherisches Bewußtsein. Wenn sie in der Nacht außerhalb des physischen Leibes waren in der geistigen Welt, da nahmen sie um sich herum - wenn auch nicht so klar, wie der Mensch heute am Tage die physischen Dinge sieht — die geistige Welt wahr. Wir dürfen dieses Wahrnehmen nicht einfach mit dem heutigen Träumen vergleichen. Der heutige Traum ist nur wie ein letzter ganz verkümmerter Rest dieses alten Hellsehens. Allerdings, solche Bilder nahm der Mensch damals wahr, wie er sie auch heute im Traume wahrnimmt; aber diese Bilder hatten eine sehr wirkliche Bedeutung. Machen wir uns einmal klar, was diese Bilder für eine Bedeutung hatten.

[ 4 ] In den alten Zeiten konnte der Mensch, wenn er während eines kurzen Teils der 24 Stunden, der viel geringer war als heute, im Tagesbewußtsein lebte, die äußeren physischen Körper nur ganz dumpf, wie in einem Nebel eingehüllt, sehen. Daß man die physischen Dinge so sah wie heute, kam erst ganz langsam. Am Tage sah der Mensch damals die ersten Anklänge an die physischen Körper, eingehüllt in Nebel, so wie Sie heute, wenn Sie an einem Nebeltage des Abends durch die Straßen gehen, die Laternen vom Nebel umgeben sehen wie von einer Art von Lichtaura. Das ist ja nur scheinbar, aber so sah der Mensch die physischen Körper zuerst um sich herum auftauchen. Und wenn er in Schlaf kam, versank er nicht in Bewußtlosigkeit, sondern dann tauchten während des Schlafbewußtseins Bilder auf, Bilder in Farben und in Formen. Um den Menschen herum war dann eine Welt, gegen welche die lebendigste Traumwelt von heute nur ein schwacher nebelhafter Nachklang ist. Diese Bilder bedeuteten Seelisches und Geistiges in der Umgebung.

[ 5 ] Wenn also dazumal der Mensch am Beginne seiner Erdenlaufbahn sich einem ihm schädlichen Wesen während der Nachtwanderung näherte, sah er dies nicht so, wie es heute gesehen wird - also nicht einen Löwen, der sich ihm näherte, als eine Löwengestalt —, sondern er sah aufsteigen ein Farben- und Formenbild, und das zeigte ihm instinktiv: Da ist für dich etwas Schädliches, das frißt dich und da mußt du ausweichen. Das waren wirkliche Abbilder des GeistigSeelischen, das um den Menschen herum vorging. Alles GeistigSeelische wurde in der Nacht gesehen, und ganz langsam und allmählich geschah die Entwickelung so, daß der Mensch immer längere Zeit untertauchte in seinen physischen Leib, immer kürzer wurde die Nacht, immer längere Zeit dauerte der Tag. Und je mehr der Mensch sich einwohnte in seinen physischen Leib, desto mehr verschwanden die nächtlichen hellseherischen Bilder, desto mehr tauchte das heutige Tagesbewußtsein auf. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß ein wirkliches echtes Selbstbewußtsein, wie es sich der Mensch während des Erdendaseins erringen soll, nur zu erringen ist durch ein Untertauchen in den physischen Leib. Nicht als ein selbständiges Wesen hat sich der Mensch früher gefühlt, sondern als ein Glied der göttlich-geistigen Wesenheiten, denen er entsprossen ist. Wie die Hand sich fühlt als ein Glied des Organismus, so fühlte sich der Mensch, als er noch ein dumpfes Hellsehen hatte, als einen Teil des göttlich-geistigen Bewußtseins, des göttlichen Ich. Nicht «Ich-bin» hätte der Mensch von sich gesagt, sondern «Gott ist - und ich in ihm».

[ 6 ] Nun aber war, wie wir immer mehr begreifen werden, der Erde, welche in ihrer Entwickelung drei frühere Stufen durchgemacht hatte als Saturn, Sonne und Mond, eine ganz besondere Mission vorbehalten. Glauben Sie nicht, daß man die Planetenzustände so nebeneinander betrachten kann, daß ein Planet dem anderen gleichwertig sei. Von einer bloßen Wiederholung des schon einmal Dagewesenen kann in der göttlichen Schöpfung nicht die Rede sein. Jedes Planetendasein hat eine ganz bestimmte Aufgabe. Unsere Erde hat die Mission, daß die Wesen, die sich auf ihr entwickeln sollen, das Element der Liebe bis zur höchsten Entfaltung auszubilden haben. Liebe soll die Erde ganz und gar durchdringen, wenn die Erde am Ende ihrer Entwickelung angekommen ist. - Machen wir uns klar, was das heißt: Die Erde ist der planetarische Zustand für die Entwickelung der Liebe.

[ 7 ] Wir sagen in der Geisteswissenschaft, der Erde ging der alte Mond voran. Dieser alte Mond hatte als planetarische Stufe auch eine Mission. Er hatte noch nicht die Aufgabe, die Liebe auszubilden, er sollte der Planet oder der Kosmos der Weisheit sein. Vor unserem Erdenzustand hat unser Planet durchgemacht die Stufe der Weisheit. Eine einfache, man möchte sagen, logische Betrachtung kann Ihnen das veranschaulichen. Sehen Sie sich um in der Natur unter allen ihren Wesenheiten. Nicht mit Ihrem bloßen Verstande sehen Sie sie an, sondern mit Ihren Herzens- und Gemütskräften, und Sie werden überall Weisheit finden, die in der Natur ausgeprägt ist. Diese Weisheit, von der hier gesprochen wird, ist so gemeint, daß sie wie eine Art geistiger Substanz allem zugrunde liegt. Betrachten Sie alles, was Sie wollen, in der Natur. Nehmen Sie zum Beispiel ein Stück Oberschenkelknochen, da werden Sie sehen: Das ist nicht eine massive Masse, sondern eine feine, hin und her gehende Reihe von Balken, die zu einem wunderbaren Gerüst angeordnet sind. Und wer nachforscht, nach welchem Gesetze sie aufgebaut sind, der findet, daß das Gesetz befolgt ist, nach welchem mit dem kleinsten Aufwand von Material die größte Kraft entfaltet wird, um Träger des Oberleibes des Menschen zu sein. Unsere Ingenieurkunst ist noch nicht so weit, ein solches kunstvolles Gerüst auszubauen, wie es die alles durchwaltende Weisheit da aufgebaut hat. Solche Weisheit wird der Mensch erst später haben. Göttliche Weisheit durchsetzt die ganze Natur; menschliche Weisheit kommt erst nach und nach dazu. Im Laufe der Zeit wird menschliche Weisheit innerlich das erreichen, was göttliche Weisheit in die Erde hineingeheimnißt hat.

[ 8 ] Aber in demselben Sinne, wie die Weisheit auf dem Monde vorbereitet worden ist, so daß sie sich jetzt überall auf der Erde findet, wird auf der Erde die Liebe vorbereitet. Könnten Sie hellseherisch zurückblicken auf den alten Mond, so könnten Sie sehen, daß nicht in allen Dingen damals eine solche Weisheit war; manche Dinge würden Sie noch unweise finden. Erst durch die ganze Mondenentwickelung hindurch prägte sich die Weisheit hinein in die Dinge, und als der Mond in seiner Entwickelung fertig war, da war alles so davon durchzogen, daß überall Weisheit darinnen war.

[ 9 ] Die innerliche Weisheit zog in den Menschen erst ein auf der Erde mit dem Ich. Diese innerliche Weisheit muß aber der Mensch erst nach und nach entwickeln. Ebenso wie sich auf dem Monde die Weisheit entwickelt hat, so daß sie jetzt da ist in den Dingen, so entwickelt sich jetzt die Liebe. Zuerst trat sie in der niedrigsten Gestalt, in der sinnlichen, während der lemurischen Zeit ins Dasein. Im Laufe des Erdendaseins wird sie sich aber immer mehr und mehr vergeistigen, bis zuletzt, wenn die Erde am Ende ihrer Entwickelung angelangt sein wird, das ganze Dasein von Liebe durchzogen sein wird wie es heute von Weisheit durchzogen ist - durch das Wirken der Menschen, wenn diese ihre Aufgabe erfüllen werden.

[ 10 ] Und die Erde wird übergehen in einen künftigen planetarischen Zustand. Diesen nennen wir Jupiter. Die Wesen aber, die auf dem Jupiter so herumwandeln werden wie die Menschen auf der Erde, die werden ebenso in allen Wesen die Liebe herausduftend finden, die sie als Mensch selbst hineingelegt haben während des Erdendaseins, wie die Menschen heute die Weisheit in allen Dingen finden. Dann werden die Menschen ebenso die Liebe aus ihrem Innern heraus entwickeln, wie jetzt die Menschen nach und nach die Weisheit herausentwickeln werden. Die große kosmische Liebe wird dann die Dinge durchdringen, die jetzt auf der Erde ihr Dasein beginnt.

[ 11 ] Der materialistische Sinn glaubt nicht an die kosmische Weisheit, sondern nur an die menschliche. Wenn die Menschen mit unbefangenem Sinn hineinsehen würden in den Lauf der Entwickelung, so würden sie sehen, daß alle kosmische Weisheit am Anfange so weit war, wie die menschliche Weisheit erst am Ende der Erde sein wird. In den Zeiten, in denen man mit Benennungen noch genauer war als gegenwärtig, nannte man die im Menschen wirkende subjektive Weisheit Intelligenz, im Gegensatze zur objektiven kosmischen Weisheit. Gar nicht achtet der Mensch darauf, daß dasjenige, was er im Laufe des Erdendaseins erfindet, die göttlich-geistigen Wesenheiten sich bereits während des Mondendaseins erobert und der Erde eingepflanzt haben. Nehmen wir ein Beispiel dafür.

[ 12 ] Wie wird den Kindern in der Schule schon eingetrichtert der große Fortschritt, den die Menschen gemacht haben, dutch die Erfindung des Papiers zum Beispiel. Nun, die Wespen erzeugten das Papier schon viele tausend Jahre vorher; denn das, was die Wespen in ihren Nestern bauen, besteht aus genau derselben Substanz, aus der das menschliche Papier hergestellt wird, und das wird genau auf dieselbe Weise erzeugt, nur durch den Lebensprozeß. Der Wespengeist, die Gruppenseele der Wespen, die ein Teil ist der göttlich-geistigen Substanz, ist die Erfinderin des Papiers schon viel früher gewesen. So tappt der Mensch eigentlich immer hinter der Weltenweisheit nach. Im Prinzip ist alles, was der Mensch im Laufe der Erdenentwickelung erfinden wird, schon in der Natur enthalten. Was aber der Mensch wirklich der Erde geben wird, das ist die Liebe, die sich von der . sinnlichsten zur vergeistigtsten Art entfalten wird. Das ist die Aufgabe der Erdenentwickelung. Die Erde ist der Kosmos der Liebe.

[ 13 ] Was ist denn aber, so fragen wir, notwendig zur Liebe? Was gehört denn dazu, daß ein Wesen ein anderes lieben kann? Dazu ist nötig, daß dieses Wesen sein volles Selbstbewußtsein habe, ganz selbständig sei. Kein Wesen kann ein anderes im vollen Sinne lieben, wenn diese Liebe nicht eine freie Gabe ist gegenüber dem anderen Wesen. Meine Hand liebt nicht meinen Organismus. Nur ein Wesen, das selbständig ist, das losgeschnürt ist von dem anderen Wesen, kann dieses lieben. Dazu mußte der Mensch zu einem Ich-Wesen werden. Das Ich mußte der dreifachen menschlichen Leiblichkeit eingepflanzt werden, damit die Erde ihre Mission der Liebe durch den Menschen ausführen kann. Deshalb werden Sie verstehen, daß in der christlichen Esoterik gesagt wird: Ebenso, wie andere Kräfte, zuletzt die Weisheit während des Mondendaseins, von den Göttern heruntergeströmt sind, strömt die Liebe während des Erdendaseins in dieses ein; und der Träger der Liebe kann nur das selbständige Ich sein, das sich nach und nach im Laufe der Erdenentwickelung herausbildet. Aber der Mensch muß zu allem ganz langsam vorbereitet werden, auch zu der gegenwärtigen Art seines Bewußtseins. Setzen wir den Fall, gleich in der alten lemurischen Zeit würde der Mensch untergetaucht sein in seinen physischen Leib, er hätte damals schon die volle äußere Wirklichkeit gesehen. Er hätte sich dann in diesem schnellen Tempo die Liebe nicht einpflanzen können! Er mußte nach und nach erst zu seiner Erdenmission herangeführt werden. Ohne daß er schon sein volles Selbstbewußtsein hatte, ohne daß er schon so weit war, im hellen Tagesbewußtsein die Gegenstände um sich herum wahrzunehmen, wurde ihm in seinem dämmerhaften Bewußtsein unbewußt der erste Unterricht der Liebe gegeben. So sehen wir, daß während der ganzen Zeiten, während der Mensch noch ein altes, traumhaftes Hellseherbewußtsein hatte, während die Seele also lange Zeit außerhalb des Leibes war, dem Menschen in einem dämmerhaften, noch nicht selbstbewußten Zustande die Liebe eingepflanzt wird. Stellen wir ihn uns einmal so recht vor die Seele, diesen Menschen der alten Zeit, der noch nicht auf der Höhe des vollen Selbstbewußtseins angelangt ist.

[ 14 ] Der Mensch schläft des Abends ein; aber kein schroffer Übergang vom Wachen zum Schlafen findet statt. Bilder tauchen auf, lebendige Traumbilder, die aber einen lebendigen Bezug haben zu der geistigen Welt. Das heißt, der Mensch lebte sich während des Einschlafens in die geistige Welt ein. Da träufelte ihm in das dämmerhafte Bewußtsein der göttliche Geist die ersten Keime alles Liebeswirkens ein. Was sich durch die Liebe im Laufe der Erdenentwickelung offenbaren soll, das strömt zuerst während der Nacht in den Menschen ein. Der Gott, der die eigentliche Erdenmission auf die Erde bringt, offenbart sich zuerst zu nächtlicher Zeit dem dumpfen, alten hellseherischen Bewußtsein, bevor er sich dem hellen Tagesbewußtsein offenbaren kann. Dann, langsam und allmählich, werden die Zeiten, in denen der Mensch in dem dumpfen hellseherischen Zustande ist, kürzer, das Tagesbewußtsein immer länger, die aurischen Säume um die Gegenstände werden immer unbedeutender, die Gegenstände bekommen immer festere Grenzen. Vorher hat der Mensch die Sonne, den Mond mit einem mächtigen Hof gesehen, alles wie in einer Nebelmasse liegend. Langsam erst reinigt sich der ganze Anblick, und es treten feste Grenzen an den Dingen auf. In diesen Zustand ist der Mensch allmählich gekommen. Was da der Mensch äußerlich sieht, während die Sonne die Erde bescheint und ihm durch das sichtbare Licht das ganze Erdendasein, Mineralien, Pflanzen und Tiere offenbart, das empfindet der Mensch als die Offenbarungen des Göttlichen in dem Äußeren.

[ 15 ] Was ist denn im Sinne der christlichen Esoterik das, was im hellen Tagesbewußtsein sichtbar wird, woraus sich die Erde im weiten Umfange zusammensetzt? Es ist eine Offenbarung der göttlichen Kräfte, eine äußere materielle Offenbarung des innerlich Geistigen! Wenn Sie den Blick hinaus auf die Sonne richten oder auf das, was Sie auf der Erde finden: Es ist eine Offenbarung des Göttlich-Geistigen. Dieses Göttlich-Geistige in der heutigen Gestalt, wie es allem zugrunde liegt, was dem hellen Tagesbewußtsein erscheint, die unsichtbare Welt hinter dieser ganzen sichtbaren Tageswelt, das nennt die christliche Esoterik den «Logos» oder das «Wort». Denn wie der Mensch zuletzt das Wort in sich selber aussprechen kann, so ist zuerst alles, das Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich, aus dem Logos entstanden. Alles ist eine Verkörperung dieses Logos. Und so, wie Ihre Seele unsichtbar in Ihrem Innern waltet und sich äußerlich einen Leib schafft, so schafft sich in der Welt ein jedes Seelische den ihm passenden äußeren Leib und offenbart sich durch irgendein Physisches.

[ 16 ] Wo ist denn nun der physische Leib des Logos, von dem das Johannes-Evangelium spricht und den wir uns heute immer mehr zum Bewußtsein bringen wollen? Wo ist der physische Leib des Logos? Am reinsten erscheint dieser äußere physische Leib des Logos zunächst im äußeren Sonnenlicht. Das Sonnenlicht ist nicht bloß materielles Licht. Für die geistige Anschauung ist es ebenso das Kleid des Logos, wie Ihr äußerer physischer Leib das Kleid für Ihre Seele ist. Wenn Sie ebenso zu einem Menschen stehen, wie heute die Mehrzahl der Menschen zur Sonne steht, so können Sie nicht den anderen Menschen kennenlernen; da würden Sie sich zu jedem Menschen, der eine fühlende, denkende, wollende Seele hat, so stellen, daß Sie nicht ein Seelisch-Geistiges bei ihm voraussetzen, sondern bloß einen physischen Leib abtasten und glauben, daß der dann auch aus Papiermaché sein könnte. Wenn Sie aber durchdringen wollen zu dem Geistigen im Sonnenlicht, dann müssen Sie es so betrachten, wie wenn Sie von der leiblichen Seite eines Menschen aus das Innere kennenlernen. Wie Ihr Leib sich zu Ihrer Seele verhält, so verhält sich das Sonnenlicht zu dem Logos. In dem Sonnenlichte strömt ein Geistiges der Erde zu. Dieses Geistige ist, wenn wit nicht nur den Sonnenleib, sondern auch den Sonnengeist zu fassen vermögen, dieser Geist ist die Liebe, die herunterströmt auf die Erde. Nicht allein weckt das physische Sonnenlicht die Pflanzen, so daß diese verkümmern müßten, wenn das physische Sonnenlicht nicht auf sie wirkte, sondern mit dem physischen Sonnenlichte strömt die warme Liebe der Gottheit auf die Erde; und die Menschen sind dazu da, die warme Liebe der. Gottheit in sich aufzunehmen, zu entwickeln und zu erwidern. Das können sie aber nur dadurch, daß sie selbstbewußte Ich-Wesen werden. Nur dann können sie die Liebe erwidern.

[ 17 ] Als die Menschen anfingen in der ersten Zeit, zuerst nur kurze Zeit in ihrem Tagesleben zu verweilen, da konnten sie nichts vernehmen von dem Lichte, das zugleich die Liebe entzündete. Das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis konnte noch nichts begreifen von dem Lichte. Und wäre dem Menschen dieses Licht, das zugleich die Liebe des Logos ist, nicht anders geoffenbart worden als nur durch die kurzen Tagesstunden, der Mensch hätte dieses Licht der Liebe nicht begriffen. Aber in dem dumpfen hellseherischen Traumbewußtsein jener alten Zeit strömte doch die Liebe in den Menschen ein. Und jetzt blicken wir hinter das Dasein auf ein großes Mysterium der Welt, unserer Erde, auf ein wichtiges Mysterium.

[ 18 ] Fassen wir es einmal, daß sozusagen die Lenkung der Welt für unsere Erde so war, daß eine Zeit hindurch auf unbewußte Art dem Menschen die Liebe einströmte durch ein dämmerhaftes Hellseherbewußtsein und ihn innerlich vorbereitete zur Aufnahme der Liebe im vollen hellen Tagesbewußtsein. - Wir haben gesehen, daß unsere Erde allmählich der Kosmos geworden ist, der die Mission der Liebe durchzuführen hat. Die Erde wird beschienen von der heutigen Sonne. Wie der Mensch die Erde bewohnt und die Liebe nach und nach sich aneignet, so bewohnen die Sonne andere, höhere Wesen, weil die Sonne auf einer höheren Stufe des Daseins angekommen ist. Der Mensch ist Erdenbewohner, und Erdenbewohner sein, bedeutet ein Wesen sein, das sich die Liebe aneignet während der Erdenzeit. Ein Sonnenbewohner in unserer Zeit bedeutet ein Wesen, welches die Liebe entzünden kann, welches die Liebe einströmen lassen kann. Nicht würden die Erdenbewohner die Liebe entwickeln, sie nicht aufnehmen können, wenn nicht die Sonnenbewohner ihnen die reife Weisheit schicken würden mit den Lichtstrahlen. Indem das Licht der Sonne auf die Erde herunterströmt, entwickelt sich auf der Erde die Liebe. Das ist eine ganz reale Wahrheit. Die Wesenheiten, die so hoch stehen, daß sie die Liebe ausströmen können, haben die Sonne zu ihrem Schauplatze gemacht.

[ 19 ] Es waren da, als der Mond fertig war mit seiner Entwickelung, sieben solcher Hauptwesenheiten, die so weit waren, daß sie Liebe ausströmen konnten. Hier berühren wir ein tiefes Mysterium, das die Geheimwissenschaft enthüllt. - Da ist im Beginne der Erdenentwickelung der kindliche Mensch, der die Liebe aufnehmen sollte und bereit war zur Aufnahme des Ich, und auf der anderen Seite die Sonne, die sich abspaltete und zu einem höheren Dasein aufstieg. Auf dieser Sonne konnten sich entwickeln sieben Hauptlichtgeister, die zu gleicher Zeit die gebenden Geister der Liebe waren. Nur sechs von ihnen nahmen auf der Sonne Wohnung; und das, was uns im Lichte der Sonne physisch zuströmt, enthält in sich die geistigen Liebeskräfte dieser sechs Lichtgeister oder der sechs Elohim, wie wir sie in der Bibel finden. Einer spaltete sich ab und ging einen anderen Weg zum Heile des Menschen, er wählte sich nicht die Sonne, sondern den Mond zu seinem Aufenthalte. Und dieser eine der Lichtgeister, der freiwillig auf das Sonnendasein verzichtete und sich den Mond wählte, ist kein anderer als derjenige, den das Alte Testament «Jahve» oder «Jehova» nennt. Dieser eine, der sich den Mond zum Aufenthalt wählte, ist derjenige, der vom Monde aus die reife Weisheit auf die Erde strömte und dadurch die Liebe vorbereitete.

[ 20 ] Jetzt schauen Sie einmal auf dieses Mysterium, das hinter den Dingen ist. Die Nacht gehört dem Monde, und sie gehörte in einem viel größeren Maße dem Monde in jener alten Zeit, als der Mensch noch nicht von der Sonne die Kraft der Liebe empfangen konnte, als er noch nicht im direkten Lichte diese Kraft der Liebe empfangen konnte. Da empfing er die reflektierte Kraft der reifen Weisheit vom Mondenlichte. Sie strömte ihm zu von dem Mondenlicht während der Zeit des Nachtbewußtseins. Jahve nennt man daher den Regierer der Nacht, der den Menschen vorbereitete auf die Liebe, die später während des vollen Tagbewußtseins entstehen sollte. So schauen wir zurück auf die alte Menschheitszeit, wo geistig der Vorgang stattfand, der durch die Himmelskörper nur symbolisiert wird, wo Sie die Sonne auf der einen Seite, den Mond auf der anderen Seite haben.

[ 21 ] Während der Nacht, zu gewissen Zeiten, sendet uns der Mond die reflektierte Sonnenkraft zu. Es ist dasselbe Licht, das uns auch von der Sonne zukommt. So strahlte zurück in den alten Zeiten Jahve oder Jehova die Kraft der reifen Weisheit, die Kraft der sechs Elohim, und diese Kraft strömte er während der Zeit des Nachtschlafens in die Menschen ein und bereitete sie vor, so daß sie fähig wurden, auch später die Kraft der Liebe nach und nach während des tagwachen Bewußtseins zu bekommen.

[ 22 ] Die Zeichnung soll in symbolischer Weise andeuten den tagwachen Menschen, wo physischer Leib und Ätherleib abhängig sind vom Göttlichen, und das Ich und der Astralleib auf dem physischen Plane im physischen Leibe und Ätherleibe sind; da wird von außen das ganze System des Menschen beschienen von der Sonne. Von der Nacht wissen Sie jetzt, daß sie eine viel längere war und viel wirkungsvoller für den Menschen uralter Vorzeit. Da sind Astralleib und Ich aus physischem Leib und Ätherleib heraus; da ist das Ich ganz in der astralischen Welt, und der astralische Leib wird von außen hineingesenkt in den physischen Leib so, daß er aber seiner ganzen Wesenheit nach doch in das Geistig-Göttliche eingebettet ist. Da kann die Sonne nicht direkt auf den menschlichen Astralleib scheinen und in ihm die Kraft der Liebe entzünden. Da wirkt der Mond, der das Sonnenlicht reflektiert, durch Jahve oder Jehova. Der Mond ist das Symbolum für Jahve oder Jehova, und die Sonne ist nichts anderes als das Symbolum für den Logos, der die Summe der anderen sechs Elohim ist. Nur symbolisch soll diese Zeichnung, die Sie studieren mögen, über die Sie meditieren mögen, das andeuten. Und wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie finden, welch tiefe Mysterienwahrheiten darin dargestellt sind: daß lange Zeit hindurch dem nächtlichen Bewußtsein durch Jahve die Kraft der Liebe dem Menschen eingepflanzt wurde auf unbewußte Art. So wurde der Mensch vorbereitet, damit er nach und nach selbst den Logos, die Kraft seiner Liebe empfangen konnte. Wie war das möglich? Wie konnte denn das geschehen? — Jetzt kommen wir zu der anderen Seite des Mysteriums.

[ 23 ] Wir haben uns gesagt, daß der Mensch zur selbstbewußten Liebe auf der Erde berufen war. Er mußte also einen Führer, einen Lehrer während des hellen Tagesbewußtseins haben, der ihm so gegenübertrat, daß er ihn wahrnehmen konnte. Nur während der Nacht, im dämmerhaften Bewußtsein konnte ihm die Liebe eingepflanzt werden. Nach und nach aber mußte etwas eintreten, etwas mit voller Tatsächlichkeit eintreten, was dem Menschen möglich machte, außen, physisch das Wesen der Liebe selber zu sehen. Wodurch konnte das eintreten? Das konnte nur dadurch eintreten, daß das Wesen der göttlichen Liebe, des Logos, ein Wesen auf der Erde wurde - ein fleischliches Wesen auf der Erde, wie es der Mensch auf der Erde durch seine Sinne wahrnehmen konnte. Weil der Mensch zur Wahrnehmung durch seine äußeren Sinne sich entwickelte, mußte der Gott, der Logos, selbst ein Sinneswesen werden. Er mußte in einem fleischlichen Leibe auftreten. Das geschah durch den Christus Jesus, und die historische Erscheinung des Christus Jesus bedeutet nichts anderes, als daß die Kräfte der sechs Elohim oder des Logos sich verkörpert haben in dem Jesus von Nazareth im Anfange unserer Zeitrechnung, — in ihm real da waren in der Welt der Sichtbarkeit. Darauf kommt es an. Das, was in der Sonne an innerer Kraft liegt, die Kraft der Logosliebe, nahm physische Menschengestalt an in dem Leibe des Jesus von Nazareth. Denn so wie ein anderer äußerer Gegenstand, wie ein anderes Wesen, so mußte dem Menschen auf der Erde für sein Sinnesbewußtsein der Gott in leibhaftiger Gestalt entgegentreten. Was ist daher diese Wesenheit, die uns im Beginne unserer Zeitrechnung als der Christus Jesus entgegentrat? Sie ist nichts anderes als die Verkörperung des Logos, der sechs anderen Elohim, denen vorbereitend der eine, der Jahve-Gott vorangegangen ist. Und diese eine Gestalt des Jesus von Nazareth, in welcher der Christus oder der Logos inkarniert war, bringt daher das, was früher immer nur von der Sonne auf die Erde herniederströmte, was nur im Sonnenlichte enthalten ist, sie bringt es in das Menschenleben, in die Menschheitsgeschichte selbst hinein: «Der Logos ward Fleisch». Das ist das, worauf das Johannes-Evangelium den größten Wert legt.

[ 24 ] Und es mußte der Schreiber des Johannes-Evangeliums gerade auf diese Tatsache den größten Wert legen. Denn wahr ist es: Nachdem einige der eingeweihten Christus-Schüler verstanden hatten, um was es sich handelt, da traten auch andere auf, die das nicht im vollen Maße verstehen konnten, — die zwar voll verstanden, daß allem Materiellen, allem, was uns stofflich entgegentritt, ein SeelischGeistiges zugrunde liegt; was sie aber nicht begreifen konnten, war, daß sich in einem einzelnen Menschen für die physisch-sinnliche Welt physisch sichtbar der Logos selbst einmal verfleischlichte. Das konnten sie nicht verstehen. Dadurch unterscheidet sich das, was uns in den ersten christlichen Jahrhunderten als die «Gnosis » entgegentritt, von dem wahren esoterischen Christentum. Der Schreiber des Johannes-Evangeliums hat mit kräftigen Worten darauf hingewiesen: Nein, nicht sollt ihr ansehen den Christus als übersinnliches, unsichtbar bleibendes Wesen, das allem Stofflichen zugrunde liegt, sondern ihr sollt Wert darauf legen, daß das Wort Fleisch geworden ist, daß es unter uns gewohnet hat! Das ist der feine Unterschied zwischen dem esoterischen Christentum und der ursprünglichen Gnosis. Die Gnosis kennt den Christus ebenso wie das esoterische Christentum, aber nur als eine geistige Wesenheit, und sieht höchstens in dem Jesus von Nazareth einen mehr oder weniger an diese geistige Wesenheit gebundenen menschlichen Verkünder. Sie will festhalten an dem unsichtbar bleibenden Christus. Dagegen ist das esoterische Christentum immer im Sinne des Johannes-Evangeliums gewesen, das auf dem festen Boden des Wortes stand:

«Und der Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet.» (1,14)

[ 25 ] Und derjenige, der da in der sichtbaren Welt war, ist eine wirkliche Verkörperung der sechs anderen Elohim, des Logos!

[ 26 ] Damit also ist die Erdenmission, das, was aus der Erde werden sollte durch das Ereignis von Palästina, erst richtig in die Erde eingetreten. Vorher war alles Vorbereitung. Als was mußte sich also der Christus, der in dem Leibe des Jesus von Nazareth wohnte, vorzugsweise bezeichnen?

[ 27 ] Er mußte sich vorzugsweise bezeichnen als den großen Bringer und den Verlebendiger des selbstbewußten freien menschlichen Wesens. Fassen wir diese lebendige Christus-Lehre einmal in kurze, paradigmatische Sätze. Dann müssen wir sagen: Die Erde ist dazu da, dem Menschen das volle Selbstbewußtsein, das «Ich-bin» zu geben. Vorher war alles nur Vorbereitung zu diesem Selbstbewußtsein, zum «Ich-bin»; und der Christus ist derjenige, der den Impuls gibt, daß die Menschen alle - jeder als einzelnes Wesen — empfinden können das «Ich-bin». Jetzt erst ist der mächtige Impuls gegeben, der die Menschen auf der Erde mit einem gewaltigen Ruck nach vorwärts bringt. Wir können das verfolgen beim Vergleich des Christentums mit der alttestamentlichen Lehre. In der alttestamentlichen Lehre fühlte der Mensch noch nicht vollständig das «Ich-bin» in seiner eigenen Persönlichkeit. Er hatte noch einen Rest dessen, was geblieben war von der alten Zeit des träumerischen Bewußtseins, wo der Mensch sich nicht als ein Selbst fühlte, sondern als Glied der göttlichen Wesenheit, wie das Tier heute noch ein Glied der Gruppenseele ist. Von der Gruppenseele sind die Menschen ausgegangen, und zum individuellen selbständigen Dasein, das in jedem Einzelmenschen das «Ich-bin» fühlt, sind sie fortgeschritten. Und der Christus ist die Kraft, die die Menschen zu diesem freien «Ich-bin»-Bewußtsein gebracht hat. Überschauen wir das einmal in seiner vollen innerlichen Bedeutung.

[ 28 ] Der Bekenner des Alten Testaments fühlte sich noch nicht so abgeschlossen in seiner einzelnen Persönlichkeit wie der Bekenner des Neuen Testaments. Der Bekenner des Alten Testaments sagte noch nicht in seiner Persönlichkeit: Ich bin ein Ich. Er fühlte sich in dem ganzen alten jüdischen Volke und fühlte das «Gruppen-Volks-Ich». Versetzen wir uns einmal lebendig in das Bewußtsein eines solchen alttestamentlichen Bekenners. So, wie der wirkliche Christ das «Ich bin» fühlt und allmählich immer mehr fühlen lernen wird, so fühlte der Bekenner des Alten Testaments nicht das «Ich-bin». Er fühlte sich als ein Glied des ganzen Volkes und schaute hinauf zu der Gruppenseele, und wenn er das aussprechen wollte, sagte er: Mein Bewußtsein reicht hinauf bis zum Vater des ganzen Volkes, bis zu Abraham; wir - ich und Vater Abraham - sind eins. Ein gemeinsames Ich umfaßt uns alle; und da erst fühle ich mich geborgen in der geistigen Substantialität der Welt, wenn ich in der ganzen Volkssubstanz mich ruhen fühle. - So sah der Bekenner des Alten Testaments hinauf bis zum Vater Abraham und sagte: Ich und der Vater Abraham sind eins. In meinen Adern fließt dasselbe Blut wie in Abrahams Adern. — Und den Vater Abraham fühlte er wie die Wurzel, aus der jeder einzelne Abrahamite als ein Glied hervorging.

[ 29 ] Da kam der Christus Jesus und sagte zu seinen nächsten intimsten Eingeweihten: Bisher haben die Menschen bloß geurteilt nach dem Fleisch, nach der Blutsverwandtschaft; die war für sie das Bewußtsein, daß sie in einem höheren, unsichtbaren Zusammenhange ruhten. Ihr aber sollt an einen viel geistigeren Zusammenhang glauben, an den, der weiter geht als die Blutsverwandtschaft. Ihr sollt an einen geistigen Vatergrund glauben, in dem das Ich wurzelt, der geistiger ist als jener Grund, der das jüdische Volk als Gruppenseele verbindet. Ihr sollt glauben an dasjenige, was in mir und in jedem Menschen ruht, und das ist nicht nur eins mit Abraham, das ist eins mit dem göttlichen Weltengrunde! Daher betonte der Christus Jesus im Sinne des Johannes-Evangeliums:

«Bevor der Vater Abraham war, war das «Ich-bin» !» (8, 58)

[ 30 ] Nicht nur bis zu dem Vater-Prinzip, das bis zu Abraham reicht, geht mein Ur-Ich hinauf, sondern mit dem, was den ganzen Kosmos durchpulst, ist das Ich eins; bis zu dem geht meine Geistigkeit hinauf.

«Ich und der Vater sind eins!» (10, 30)

[ 31 ] Das ist das wichtige Wort, das man fühlen muß; dann wird man den Ruck fühlen, der die Menschen ergriff und die Menschheitsentwickelung weiter brachte durch jenen Impuls, den das Erscheinen des Christus Jesus gab. Der Christus Jesus war der große Beleber des «Ich-bin ».

[ 32 ] Und nunmehr versuchen wir ein wenig darauf hinzuhorchen, was seine intimsten Bingeweihten sagten, wie sie das ausdrückten, was sich ihnen da offenbarte. Sie sagten: Bisher hat keine einzelne fleischliche Menschlichkeit existiert, der man diesen Namen des «Ich-bin » so beilegen durfte, als der, der als der erste die ganze Bedeutung des «Ich-bin» in die Welt gebracht hat. Und daher nannten sie das «Ich-bin» den Namen des Christus Jesus. Das war der Name, in dem sich die intimsten Eingeweihten verbunden fühlten, in dem Namen, den sie also verstanden, den Namen «Ich-bin ».

[ 33 ] So müssen Sie sich in die wichtigsten Kapitel des Johannes-Evangeliums vertiefen. Wenn Sie also jenes Kapitel nehmen, wo das Wort steht: «Ich bin das Licht der Welt!», da müssen Sie das wörtlich nehmen, ganz wörtlich. Das «Ich-bin», das da zum ersten Male im Fleische auftrat, was ist es? Dasselbe, was im Sonnenlichte als Logoskraft der Erde zuströmt. Überall haben Sie in dem ganzen 8. Kapitel, vom 12. Vers angefangen, das gewöhnlich überschrieben ist «Jesus, das Licht der Welt», die Umschreibung dieser tiefen Wahrheit von der Bedeutung des «Ich-bin». Lesen Sie das Kapitel so, daß Sie überall das «Ich» oder das «Ich-bin» betonen und wissen, daß das «Ich-bin » der Name war, auf den sich die Eingeweihten verbunden fühlten. Dann verstehen Sie es, dann erscheint Ihnen dies Kapitel so, daß Sie es etwa in der Art lesen müßten:

«Da redete Jesus zu seinen Jüngern und sprach: Was «Ich-bin » zu sich sagen kann, das ist die Kraft des Lichtes der Welt; und wer mir nachfolgt, der wird bei hellem lichtem Tagesbewußtsein dasjenige sehen, was diejenigen nicht sehen, die in der Finsternis wandeln.»

[ 34 ] Diese aber, die dem alten Glauben anhingen, daß nur auf eine nächtliche Art das Licht der Liebe dem Menschen eingepflanzt werden kann, die da die Pharisäer genannt wurden, die antworteten: «Du berufst dich auf dein «Ich-bin », wir aber berufen uns auf den Vater Abraham. Da fühlen wir die Kraft, die uns berechtigt, als selbstbewußte Wesen aufzutreten; da fühlen wir uns stark, wenn wir einsinken in den gemeinsamen Ichgrund, der bis zum Vater Abraham hinaufführt.»

«Jesus sprach: Wenn man in dem Sinne vom «Ich» redet, wie ich rede, da ist das Zeugnis wahr; denn ich weiß, daß dieses «Ich» von dem Vater, von dem gemeinsamen Urgrund der Welt kommt, und wohin es wieder geht.» (8, 14)

[ 35 ] Und nun der wichtige Satz, Kap. 8, Vers i5, den Sie wörtlich in folgender Weise übersetzen müssen:

«Ihr beurteilt alles nach dem Fleische. Ich aber beurteile nicht das Nichtige, das im Fleische ist.
Und wenn ich urteile, so ist mein Urteil ein wahres. Denn dann ist das Ich nicht allein für sich, sondern das Ich ist vereint mit dem Vater, von dem das Ich herstammt.» (8, 15-16)

[ 36 ] Das ist der Sinn dieser Stelle. So sehen Sie überall den Hinweis auf den gemeinsamen Vater. Und wir werden den Vaterbegriff noch genauer uns vor die Seele führen können. - So sehen Sie, wie das Wort: «Ehe denn der Vater Abraham war, war das «Ich-bin»» die Quintessenz der christlichen Lehrworte lebendig in sich enthält.

[ 37 ] Wir haben uns heute vertieft in die Worte des Johannes-Evangeliums, mehr, als wir es hätten tun können, wenn ich sie in äußerer Weise interpretiert hätte. Wir haben diese Worte aus der Geistesweisheit hergeleitet, insofern wir auf einige wichtige Worte des Johannes-Evangeliums angespielt haben, die gerade das Wesentliche des Christentums bezeichnen. Wir werden sehen, wie uns gerade dadurch, daß wir erst solche Kern- und Urworte des Evangeliums verstehen, Licht und Klarheit in das ganze Johannes-Evangelium hineinkommen wird.

[ 38 ] Nehmen Sie das alles als etwas, was als Lehre in der christlichen esoterischen Schule gelehrt worden ist, die der Schreiber des JohannesEvangeliums auf die Art, wie wir das besprechen werden, aufgeschrieben hat, um sie der Nachwelt zu überliefern für diejenigen, die da wirklich eindringen wollen in dessen Sinn.

[ 39 ] Wie man das wirklich noch tiefer tun kann, davon in dem nächsten Vortrag.