Das Johannes-Evangelium
GA 103
26 Mai 1908, Hamburg
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Es spitzt sich in dem Johannes-Evangelium alles zuletzt darauf zu, daß innerhalb der Menschheitsgeschichte dasjenige geschieht, was wir nennen das «Mysterium von Golgatha». Dieses Mysterium von Golgatha in esoterischer Weise verstehen, heißt zu gleicher Zeit den tiefen Sinn des Johannes-Evangeliums enträtseln. Wenn man ins Auge faßt, was eigentlich im Mittelpunkte des ganzen Mysteriums von Golgatha steht, und dies im Sinne des Okkultismus erläutern will, so muß man denken an den Augenblick der Kreuzigung, als das Blut des Erlösers aus den Wunden rann. Und wir erinnern uns dabei an etwas, was wir schon öfter im Verlaufe dieser Vorträge gesagt haben: daß für den Kenner der geistigen Welten alles, was materiell, stofflich, physisch ist, nur der äußere Ausdruck, die äußere Offenbarung ist für ein Geistiges.
[ 2 ] Und nun lassen wir vor unsere Seele treten das physische Ereignis, den Christus Jesus am Kreuz, das Blut aus den Wunden fließend. Dieses Bild, dessen Inhalt physisches Ereignis ist, was drückt es geistig für denjenigen aus, der das Johannes-Evangelium richtig verstehen kann?
[ 3 ] Dieser physische Vorgang, das Ereignis von Golgatha, ist der Ausdruck, die Offenbarung für einen geistigen Vorgang, der im Mittelpunkte alles Erdengeschehens steht. Wer im Sinne der heutigen materialistischen Weltanschauung dieses Wort auffaßt, wird sich nicht viel dabei vorstellen können. Denn er wird sich nicht denken können, daß dazumal bei diesem einzigartigen Ereignis auf Golgatha etwas geschehen ist, was sich unterscheidet von einem etwa physisch ähnlichen oder gleichen Ereignisse. Es ist ein gewaltiger, großer Unterschied zwischen allen Erdenvorgängen, die vor diesem Ereignisse auf Golgatha liegen, und denen, die nachher kommen.
[ 4 ] Wenn wir uns das einmal in den Einzelheiten in die Seele malen wollen, so müssen wir sagen: Nicht nur der einzelne Mensch oder irgendein anderes Einzelwesen hat physischen Leib, Ätherleib und Astralleib, so wie wir das in den vorhergehenden Vorträgen in mancherlei Beziehung geschildert haben, sondern auch ein Weltenkörper ist nicht nur diese physische Materie, als die er dem Astronomen und anderen physischen Forschern erscheint; auch ein Weltenkörper hat einen Ätherleib und einen astralischen Leib. Unsere Erde hat ihren Ätherleib, ihren astralischen Leib. Würde unsere Erde nicht ihren zu sich gehörigen Ätherleib haben, so würde sie nicht Pflanzen beherbergen können; würde unsere Erde nicht ihren zu sich gehörigen astralischen Leib haben, würde sie nicht Tiere beherbergen können. Wenn man sich den Ätherleib der Erde vorstellen will, so muß man sich dessen Mittelpunkt ebenso im Mittelpunkt der Erde denken, wie der physische Erdenleib seinen Mittelpunkt dort hat. Dieser ganze physische Erdenleib ist eingebettet in den Ätherleib der Erde und diese beiden zusammen wieder in einen astralischen Leib.
[ 5 ] Wenn nun jemand hellseherisch den astralischen Leib der Erde beobachtet hätte im Laufe der Erdentwickelung, im Laufe langer Zeiträume, so würde er gesehen haben, wie tatsächlich dieser astralische Leib und dieser Ätherleib der Erde nicht immer dieselben geblieben sind, daß sie sich veränderten.
[ 6 ] Um uns die Sache recht bildlich vorzustellen, wollen wir uns einmal im Geiste versetzen außerhalb der Erde auf irgendeinen anderen Stern, wollen denken, ein hellseherischer Mensch sehe von einem anderen Stern auf unsere Erde hinab. Ein solcher Mensch würde nicht nur die Erde schweben sehen als einen physischen Planeten, sondern er würde eine Aura sehen, er würde die Erde von einer Lichtaura umgeben sehen, weil er wahrnehmen würde Ätherleib und astralischen Leib der Erde. Würde nun ein solcher hellseherischer Mensch auf diesem fernen Stern lange weilen, so lange, daß er die vorchristlichen Zeiten für die Erde vorübergehen und das Ereignis von Golgatha hätte eintreten schen, so würde sich ihm folgender Anblick darbieten: Die Aura der Erde, Astralleib und Ätherleib bieten einen gewissen Anblick von Farben und Formen vor dem Ereignis von Golgatha; dann aber würde er sehen, wie die ganze Aura ihre Farben ändert von einem bestimmten Zeitpunkte an. Welcher Zeitpunkt ist das? Das ist derselbe Zeitpunkt, wo auf Golgatha das Blut aus den Wunden des Christus Jesus floß. Alle geistigen Verhältnisse der Erde als solche veränderten sich in diesem Augenblicke.
[ 7 ] Wir haben gesagt: Dasjenige, was wir den Logos nennen, das ist die Summe der sechs Elohim, die mit der Sonne vereinigt sind, die also die Erde mit ihren Gaben geistig beschenken, während äußerlich das Sonnenlicht auf die Erde niederfällt. So erschien uns das Licht der Sonne als der äußere physische Leib für Geist und Seele der Elohim oder des Logos. In dem Moment, da das Ereignis von Golgatha geschah, hat die Kraft, der Impuls, der früher nur von der Sonne der Erde zuströmen konnte im Lichte, angefangen, sich mit der Erde selbst zu vereinigen; und dadurch, daß der Logos angefangen hat, mit der Erde sich zu vereinigen, dadurch ist die Aura der Erde eine andere geworden.
[ 8 ] Wir wollen das Ereignis von Golgatha noch von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten. Wir haben ja jetzt schon von den verschiedensten Standpunkten aus zurückgeblickt auf das Menschenwerden und auf das Erdenwerden. Wir wissen, daß unsere Erde durchgemacht hat, bevor sie Erde wurde, die drei Verkörperungen des Saturn, der Sonne und des Mondes, so daß also die vorhergehende Verkörperung unserer Erde der alte Mond war. Wenn solch ein Planet das Ziel seiner Entwickelung erreicht hat, geht es ihm ähnlich wie einem Menschen, der in einer Inkarnation sein Lebensziel erreicht hat: der Planet geht über in ein anderes, unsichtbares Dasein, das man das Pralaya-Dasein nennt, und dann verkörpert er sich von neuem. So lag auch ein Zwischenzustand zwischen der ehemaligen Verkörperung unserer Erde, wie es der alte Mond war, und der heutigen Verkörperung. Sozusagen aus einem geistigen, in sich belebten Dasein, das aber äußerlich unsichtbar war, glänzte die Erde in dem ersten Zustand auf, aus dem dann diejenigen Zustände wurden, die wir gestern beschrieben haben. Damals, als unsere Erde also aufglänzte in jener alten Zeit, war sie noch verbunden mit allem, was zu unserem Sonnensystem gehört. Da war sie noch so groß, daß sie hinüberreichte bis zu den fernsten Planeten unseres Sonnensystems. Alles war noch eins, und die einzelnen Planeten zweigten sich erst später ab. Die Erde war verbunden bis zu einem gewissen Zeitpunkte mit unserer heutigen Sonne und mit unserem heutigen Monde. Es gab also eine Zeit, da waren Sonne, Mond und Erde ein Körper, so, wie wenn Sie den heutigen Mond und die heutige Sonne nehmen und mit der Erde zusammenrühren und einen großen Weltkörper daraus machen würden. So war einst unsere Erde; so war sie damals, als Ihr Astralleib und Ich noch in einem wasserdunstartigen Gebilde schwebten, und noch früher. Sonne, Mond und Erde waren vereinigt. Damals waren also die Kräfte, die heute in der Sonne sind, die geistigen und die physischen Kräfte, mit der Erde verbunden.
[ 9 ] Dann kam eine Zeit, da trennte sich die Sonne heraus von der Erde. Aber nicht nur die physische Sonne mit ihrem physischen Lichte, sondern diese physische Sonne, die das physische Menschenauge sieht, trennte sich heraus mit ihren geistig-seelischen Wesenheiten, an deren Spitze die Elohim, die eigentlichen Lichtgeister, die Bewohner der Sonne, stehen; und da blieb zurück dasjenige, was man erhalten würde, wenn man den heutigen Mond mit. der Erde zusammenmischte. Denn eine Zeitlang war die Erde von der Sonne getrennt, aber mit dem Mond noch vereinigt. Erst in der lemurischen Zeit trennte sich der Mond von der Erde, und da entstanden die Beziehungen zwischen den drei Körpern Sonne, Mond und Erde, wie sie heute sind. Diese Beziehungen mußten so entstehen. Es mußten die Elohim zunächst von außen wirken. Einer von ihnen mußte sich dann zum Herrn des Mondes machen und von da zurückstrahlen die gewaltige Kraft der anderen Elohim.
[ 10 ] Wir leben heute auf unserer Erde wie auf einer Insel im Weltenraume, die sich herausgegliedert hat aus Sonne und Mond. Aber es wird eine Zeit kommen, da wird unsere Erde sich wieder vereinigen mit der Sonne und eisen Körper mit ihr bilden. Da werden die Menschen dann so weit vergeistigt sein, daß sie die stärkeren Kräfte der Sonne wieder ertragen, in sich aufnehmen und mit sich vereinigen können. Dann werden die Menschen und die Elohim auf eines Schauplatz wohnen.
[ 11 ] Welche Kraft wird dies bewirken?
[ 12 ] Wäre das Ereignis von Golgatha nicht vor sich gegangen, so würde niemals eintreten können, daß Erde und Sonne sich vereinigen. Denn durch das Ereignis von Golgatha, durch das die Kraft der Elohim in der Sonne oder die Kraft des Logos sich mit der Erde verband, wurde der Impuls gegeben, der Logoskraft zu Logoskraft wiederum hintreibt und die beiden - Sonne und Erde — zuletzt wieder zusammenbringen wird, Seit dem Ereignis von Golgatha hat die Erde, geistig betrachtet, die Kraft wieder in sich, die sie mit der Sonne wieder zusammenführen wird. Deshalb sagen wir: In das geistige Dasein der Erde wurde aufgenommen, was ihr vorher von außen zuströmte, die Kraft des Logos, durch das Ereignis von Golgatha. Was lebte vorher in der Erde? Die Kraft, die von der Sonne auf die Erde niederstrahlt. Was lebt seither in der Erde? Der Logos selber, der durch Golgatha der Geist der Erde wurde.
[ 13 ] So wahr in Ihrem Leibe wohnt Ihr Seelisch-Geistiges, so wahr wohnt in dem Erdenleib, in jenem Erdenleib, der aus Steinen, Pflanzen und Tieren besteht und auf dem Sie herumwandeln, das SeelischGeistige der Erde; und dieses Seelisch-Geistige, dieser Erdengeist, das ist der Christus. Der Christus ist der Geist der Erde. Wenn also der Christus spricht zu denen, die seine intimsten Schüler sind, und bei einer Gelegenheit spricht, die zu den intimsten Gelegenheiten zwischen ihm und seinen Schülern zählt, was darf er ihnen da sagen? Welches Geheimnis darf er ihnen da anvertrauen?
[ 14 ] Er darf sagen: Es ist, wie wenn ihr von eurem Leibe in eure Seele blickt. Drinnen ist eure Seele. Und so ist es auch, wenn ihr blickt auf das ganze Erdenrund, Was jetzt zeitweilig im Fleische hier vor euch steht, das ist derselbe Geist, der nicht nur in diesem Fleische zeitweilig ist, sondern der der Geist der ganzen Erde ist, und es immer mehr werden wird. — Er durfte hinweisen auf die Erde als auf seinen wahren Leib: Wenn ihr die Halme seht und das Brot esset, das euch nährt, was eßt ihr in Wahrheit in den Ähren des Feldes? Meinen Leib eßt ihr! Und wenn ihr die Säfte der Pflanzen trinkt, was ist das? Das Blut der Erde ist es, mein Blut! — Das sagte der Christus Jesus zu seinen intimsten Jüngern wörtlich, und wir müssen die Worte nur wirklich buchstäblich nehmen. Da, wo er sie zusammenruft und wo er ihnen die christliche Einweihung, wie wir sie nennen werden, symbolisch darlegt, da spricht er zu ihnen ein merkwürdiges Wort, als er ankündigt, daß einer ihn verraten wird. Er sagt im 18. Vers des 13. Kapitels des Johannes-Evangeliums:
«Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen.»
[ 15 ] Dieses Wort muß wörtlich genommen werden. Der Mensch ißt das Brot der Erde und wandelt mit seinen Füßen hier auf dieser Erde herum. Ist die Erde der Leib des Erdengeistes, das heißt des Christus, dann ist der Mensch derjenige, der mit den Füßen herumwandelt auf dem Erdenleib, der also den Leib dessen, dessen Brot er ißt, mit Füßen tritt.
[ 16 ] Eine unendliche Vertiefung der Abendmahlsidee wird uns im Sinne des Johannes-Evangeliums zuteil, wenn wir also wissen vom Christus, dem Erdengeist, und von dem Brot, das dem Leib der Erde entnommen ist. Christus weist darauf hin und sagt: «Dies ist mein Leib.» (Markus 14, 22) Wie das Muskelfleisch des Menschen zum Leib der menschlichen Seele gehört, so gehört das Brot zum Leibe der Erde, das heißt zum Leibe des Christus. Und die Säfte, die durch die Pflanzen ziehen, durch die Weinrebe pulsieren, sie sind dem Blute gleich, das durch den Menschenleib pulst. Und der Christus darf hinweisen darauf und sagen: «Dies ist mein Blut!» (Markus 14, 24). Nur wer nicht verstehen oder keine Anlage haben will zum Verstehen, der kann glauben, daß durch diese wahrhaftige Erklärung das Abendmahl etwas verlöre von der Heiligkeit, die mit dem Abendmahl verbunden ist. Wer aber verstehen will, wird sich sagen: Nichts verliert es hierdurch an Heiligkeit, aber der ganze Erdenplanet wird durch diese Auslegung geheiligt! Und welche gewaltigen Gefühle sind es, die durch unsere Seele ziehen können, wenn wir soin dem Abendmahl das größte Mysterium der Erde erblicken können: die Verbindung des Ereignisses von Golgatha mit der ganzen Evolution der Erde; wenn wir so lernen im Abendmahl zu fühlen, daß das Herausfließen des Blutes aus den Wunden des Erlösers nicht bloß eine menschliche, sondern eine kosmische Bedeutung hat, daß es nämlich der Erde die Kraft gibt, ihre Evolution weiterzubringen.
[ 17 ] So soll derjenige, der diesen tieferen Sinn des Johannes-Evangeliums versteht, fühlen, wie er nicht nur durch seinen physischen Leib mit dem physischen Leibe der Erde verbunden ist, sondern wie er als geistig-seelisches Wesen verbunden ist mit dem geistig-seelischen Wesen der Erde, das der Christus selber ist; wie der Christus als der Geist der Erde diese als seinen Leib durchflutet.
[ 18 ] Wenn wir dies empfinden, dann können wir sagen: Was leuchtete denn dem Schreiber des Johannes-Evangeliums auf in dem Moment, wo er die tiefen Geheimnisse schauen konnte, die mit dem Christus Jesus verbunden waren? Da sah er, welche Kraft, welche Impulse alle in dem Christus Jesus waren, und wie diese Impulse alle innerhalb der Menschheit wirken müssen, wenn die Menschheit sie nur aufnimmt.
[ 19 ] Wir müssen uns, um das klar zu durchschauen, noch einmal vor die Seele stellen, wie eigentlich die Entwickelung der Menschheit geschieht. Dieser Mensch besteht ja aus physischem Leibe, Ätherleibe, astralischem Leibe und Ich. Wie geschieht seine Entwickelung? Dadurch, daß der Mensch von seinem Ich aus nach und nach die drei anderen Glieder durcharbeitet, durchläutert, durchkraftet. Das Ich ist berufen dazu, den astralischen Leib nach und nach zu läutern, zu reinigen, auf eine höhere Stufe zu heben. Wenn der ganze astralische Leib durchläutert, durchkraftet sein wird mit der eigenen Kraft des Ich, wird er sein das Geistselbst oder Manas. Wenn der Äther- oder Lebensleib ganz und gar durchgearbeitet, durchkraftet sein wird mit der Kraft des Ich, wird er sein die Buddhi oder der Lebensgeist. Wenn der physische Leib ganz und gar überwunden, besiegt sein wird vom Ich, wird er sein Atma oder der Geistesmensch. Und dann wird der Mensch das Ziel erreicht haben, das ihm zunächst bevorsteht. Aber das wird erst in einer fernen Zukunfterreicht. Außerdem ist das, was so geschildert wird, daß der Mensch, der aus den vier Gliedern: physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib und Ich, besteht und von seinem Ich aus die drei andern Glieder umarbeitet zum Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen, so gemeint, daß dabei das Ich vollbewußt arbeitet. Das ist aber bei dem heutigen Menschen zum großen Teil noch gar nicht der Fall. Vollbewußt fängt der heutige Mensch im Grunde genommen erst ein wenig an, sein Manas hineinzuarbeiten in seinen astralischen Leib. Dabei ist der Mensch jetzt. Aber unbewußt, durch die Hilfe höherer Wesenheiten, hat der Mensch schon während der Erdentwickelung seine drei niederen Glieder bearbeitet. Er hat in alten Zeiten unbewußt bearbeitet seinen astralischen Leib, und es ist der astralische Leib dadurch durchsetzt mit der Empfindungsseele. Unbewußt hat das Ich hineingearbeitet in den Ätherleib, und dieser unbewußt umgeformte Ätherleib ist dasjenige, was Sie in einem systematischen Zusarmmenhange in der «’Theosophie» geschildert finden als Verstandesscele; und was unbewußt das Ich am physischen Leib gearbeitet hat, ist das, was Sie dort genannt finden Bewußtseinsseele. Die Bewußtseinsscele also ist entstanden damals gegen das Ende der atlantischen Zeit, als der Ätherleib, der früher in bezug auf seinen Kopfteil noch außerhalb des physischen Leibes war, sich allmählich ganz hineinzog in den physischen Leib. Dadurch lernte der Mensch «Ich» auszusprechen. So lebte sich der Mensch allmählich hinüber mit seinen Gliedern in die nachatlantische Zeit.
[ 20 ] Unsere Zeit ist dazu berufen, daß das Manas oder Geistselbst nach und nach eingearbeitet wird in das, was früher unbewußt schon aufgenommen ist. Der Mensch muß sozusagen in sich mit all den Kräften, die er dadurch erlangt hat, daß er heute physischen Leib, Ätherleib, astralischen Leib, Empfindungsseele, Verstandesseele, Bewußtseinsseele hat, mit all den Kräften, die ihm diese Glieder geben können, Manas ausbilden, aber dazu, wenn auch ganz spärlich, noch die Anlage zum Lebensgeist oder Buddhi. Damit ist unserer nachatlantischen Zeit die bedeutungsvolle Aufgabe gestellt, daran zu arbeiten, daß der Mensch bewußt diese höheren Glieder seines Wesens in sich entwickelt: Manas oder Geistselbst, Buddhi oder den Lebensgeist und Atma oder den Geistesmenschen, wenn das letzte Ziel auch erst in ferner Zukunft erreicht wird. Der Mensch muß heute schon nach und nach in sich die Kräfte entwickeln, seinen höheren Menschen aus dem niederen Menschen zu entwickeln,
[ 21 ] Nun wollen wir uns einmal fragen: Was ist denn dadurch im Menschen vorhanden, daß der Mensch heute noch nicht diese höheren Glieder entwickelt hat, und was wird zum Unterschiede davon in Zukunft vorhanden sein? Wie wird sich der Zukunftsmensch von dem heutigen Menschen unterscheiden?
[ 22 ] Wenn einstmals der volle höhere Mensch entwickelt sein wird, dann wird der ganze astralische Leib so durchläutert sein, daß er zu gleicher Zeit Manas oder Geistselbst geworden sein wird; der Ätherleib wird so gereinigt sein, daß er zugleich Lebensgeist oder Buddhi sein wird; und der physische Leib wird so weit umgewandelt sein, daß er, ebenso wahr wie er physischer Leib ist, zugleich Geistesmensch oder Atma sein wird. Die größte Kraft wird dazu gehören, den niedersten Leib zu überwinden, und daher wird die Überwindung und Umwandlung des physischen Leibes den höchsten Sieg für den Menschen bedeuten. Wenn die Menschen das ganz vollbringen, wird dieser physische Mensch der Geistesmensch oder Atma sein. Heute lebt alles das im Menschen nur der Anlage nach; einstmals wird es aber im Menschen voll leben. Und das Hinblicken auf die ChristusPersönlichkeit, auf die Christus-Impulse, das Sichdurchkraften, Sichstärkenlassen durch den Christus-Impuls, das zieht im Menschen das heran, wodurch er diese Umwandlung vollziehen kann.
[ 23 ] Wenn der Mensch heute diese Umwandlung noch nicht vollzogen hat, was folgt für ihn daraus? Die Geisteswissenschaft spricht das sehr einfach aus: Dadurch, daß der astralische Leib noch nicht durchläutert, noch nicht zum Geistselbst umgestaltet ist, dadurch ist möglich Selbstsucht oder Egoismus; dadurch, daß der Ätherleib noch nicht vom Ich durchkraftet ist, ist möglich Lüge und Irrtum; und dadurch, daß der physische Leib noch nicht vom Ich durchkraftet ist, dadurch ist möglich Krankheit und Tod. Nicht mehr wird es geben Selbstsucht im einst vollentwickelten Geistselbst; nicht wird es geben Krankheit und Tod, sondern lediglich Heil und Gesundheit im vollentwickelten Geistesmenschen, das heißt im vollentwickelten physischen Leibe. Was heißt denn also: Der Mensch nimmt die Christus-Impulse auf? Er lernt verstehen, welche Kraft in dem Christus ist, er nimmt die Kräfte in sich auf, die ihn dazu bringen, Herr zu sein selbst seinem physischen Leibe gegenüber.
[ 24 ] Stellen Sie sich einmal vor, ein Mensch könnte vollständig den Christus-Impuls in sich aufnehmen, auf einen Menschen könnte vollständig der Christus-Impuls übergehen, der Christus selbst stünde einem Menschen unmittelbar gegenüber, und der Christus-Impuls ginge unmittelbar auf diesen Menschen über. Was heißt das? - Wenn der Mensch blind wäre, würde er durch den unmittelbaren Einfluß dieses Christus-Impulses sehend werden können, weil das letzte Ziel der Entwickelung die Besiegung der Kräfte von Krankheit und Tod ist. Wenn der Autor des Johannes-Evangeliums spricht von der Heilung des Blindgeborenen, dann redet er aus solchen Mysterientiefen heraus, dann zeigt er an einem Beispiel, daß die Christus-Kraft eine gesundende Kraft ist, wenn sie in ihrer vollen Stärke auftritt. Wo ist sie denn, diese Kraft? Im Christus-Leibe, in der Erde. Diese Erde muß nur in Wahrheit durchsetzt sein mit dem Wesen des Christus-Geistes oder des Logos.
[ 25 ] Sehen wir einmal, ob der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Sache so verstanden erzählt. Wie erzählt er es? Der Blinde ist da, Christus nimmt Erde, speichelt sie ein und legt sie ihm auf — den mit seinem Geist durchsetzten Leib legt er dem Blinden auf. Mit dieser Schilderung (9, 6) zeigt der Schreiber des Johannes-Evangeliums ein Mysterium, das er genau kennt. Und nun müssen wir — mit Außerachtlassung aller Vorurteile - einmal genauer von diesem einen der großen Zeichen des Christus Jesus sprechen, damit wir die Natur einer solchen Sache genau kennenlernen und uns nicht darum kümmern, daß unsere ganz gescheiten Zeitgenossen das, was jetzt gesagt wird, für Wahnsinn, für Toorheit halten. Sondern wir dürfen das einmal sagen, daß es große, gewaltige Geheimnisse in der Welt gibt, die heute dem Menschen noch nicht anstehen. Die heutigen Menschen, wären sie auch noch so entwickelt, sie sind nicht stark genug, die großen Mysterien auch zu tun. Wissen kann man von ihnen, einsehen kann man sie, wenn man sie geistig erleben kann; aber sie umsetzen ins Physische, dazu ist unser so tief in die Materie heruntergestiegener Mensch nicht fähig.
[ 26 ] Alles Leben ist eigentlich aus Entgegengesetztem, aus Extremen bestehend. Leben und Tod sind solche Extreme. Für die Empfindung und für die Gesinnung des Okkultisten ergibt sich etwas sehr Eigenartiges, wenn er zum Beispiel nebeneinander sieht einen Leichnam und einen lebendigen Menschen. Wenn man einen lebendigen, wachenden Menschen vor sich hat, da weiß man: da wohnt Seele und Geist darinnen. Aber bei diesem wachenden Menschen sind sie dem Bewußtsein nach sozusagen ausgeschaltet aus der ganzen Verbindung mit der geistigen Welt, sie schauen nicht hinein in die geistige Welt. Haben wir den Leichnam vor uns, dann empfinden wir, daß der Geist und die Seele, die zu diesem Leichnam gehört haben, jetzt auf dem Wege dazu sind, überzugehen in die geistigen Welten, daß ihnen dort aufleuchtet das Bewußtsein, das Licht der geistigen Welt. Und so wird der Leichnam zum Symbolum dessen, was in den geistigen Welten geschieht. Aber auch im Physischen sind die Abbilder dessen, was im Geistigen geschieht, da, nur in einer merkwürdigen Weise. Wenn ein Mensch wieder zur Geburt heruntersteigt, dann muß ihm ein leiblicher Teil auferbaut werden. Da muß sozusagen Materie zusammenschießen, daß ein Leib ihm gebaut werde. Und für einen Hellseher stellt sich dieses Zusammenschießen von Materie so dar, daß in der geistigen Welt gleichsam das dortige Bewußtsein stirbt. Dort stirbt es — hier lebt es auf. Im Zusammenschießen der Materie zu einem physischen Menschenleibe sieht man in einer gewissen Weise ersterben ein geistiges Bewußtsein. Und wahrhaftig, im Verwesen oder Verbrennen des physischen Leibes, wenn sich die Teile auseinanderbewegen, sich auflösen, da zeigt sich zu gleicher Zeit im Geistigen das Entgegengesetzte, da zeigt sich das Entstehen eines geistigen Bewußtseins. Physische Auflösung ist geistige Geburt. Deshalb sind auch alle Zersetzungsprozesse, alle Auflösungsprozesse für den Okkultisten noch etwas ganz anderes. Ein Kirchhof, wo sich physische Leiber auflösen, der ist geistig gesehen — abgesehen von den Menschen, es ist jetzt gemeint, was geistig vorgeht im Kirchhof selber — ein merkwürdiger Prozeß: ein fortwährendes Aufleuchten und Aufglänzen von geistigen Geburten. — Nehmen wir nun einmal an, ein Mensch gäbe sich physisch - niemandem wird das natürlich angeraten, denn die heutigen Körper vertragen das auf keinen Fall -, nehmen wir an, ein Mensch gäbe sich in eine gewisse Schulung, er würde seinen physischen Leib dadurch trainieren, daß er während einer gewissen vorgeschriebenen Zeit Verwesungsluft atmet mit dem Bewußtsein, den geistigen Vorgang in sich aufzunehmen, der eben geschildert worden ist. Wenn er dies tut in der entsprechenden Weise, dann kann er allerdings in nächsten Inkarnationen - es ist nicht in einer Inkarnation zu machen — mit jener Kraft verkörpert werden, die belebende und gesundende Impulse gibt. Totenluft einatmen, das gehört zur Schulung, um seinen Speichel nach und nach zu der Kraft zu bringen, daß er mit der gewöhnlichen Erde zusammen das gibt, was der Christus dem Blinden in die Augen gerieben hat.
[ 27 ] Dieses Mysterium, durch das man den Tod konsumiert, den T'od iBt oder atmet, wodurch man die Kraft erhält, gesund zu machen, das ist das Geheimnis, auf das der Schreiber des Johannes-Evangeliums deutet, indem er uns solche Zeichen zeigt wie die Heilung des Blindgeborenen. Und man möchte viel lieber, statt daß die Leute fort und fort deklamieren, ob man eine solche Sache so oder so nehmen müsse, daß sie lernen könnten, daß es so etwas wörtlich gibt, wie es geschildert ist in der Heilung des Blinden, und daß sie die Achtung gewinnen könnten vor einer solchen Persönlichkeit, wie es der Schreiber des Johannes-Evangeliums ist, so daß sie sich sagen: Es war eine solche Persönlichkeit, die in diese Mysterien wohl eingeweiht war, und wir müssen versuchen, uns das Verständnis dieser Mysterien anzueignen. |
[ 28 ] Es war allerdings notwendig, daß ich vorher darauf aufmerksam machte, daß man sich dabei in einen anthroposophischen Zweige befindet, in dem über manche Vorurteile hinweggesehen wird, wenn ein solches wirkliches Mysterium erzählt wird, wie das Einspeicheln der Erde zum Heilmittel, und dabei gesagt wird, daß auch ein solches Ereignis eine buchstäbliche Bedeutung hat.
[ 29 ] Nun aber versuchen wir zu begreifen, wie eng wir zusammenwachsen dadurch, daß wir so etwas wissen, mit der Idee, die uns heute beschäftigt: daß der Christus der Geist der Erde ist und die Erde sein Leib. Wir sahen den Christus die Erde durchgeistigen an einem Beispiel und sahen ihn ein Stück von sich selbst hingeben, um das auszuführen, um was es sich da handelt.
[ 30 ] Und jetzt nehmen wir einmal etwas anderes. Nehmen wir zu alledem, was wir heute gesagt haben, das hinzu, daß der Christus sagt: Das tiefste Geheimnis meines Wesens ist das «Ich-bin»; und die wahre und ewige Gewalt des «Ich-bin» oder des Ich, die die Kraft hat, die anderen Leiber zu durchdringen, muß einfließen in den Menschen. Sie ist im Erdengeist darinnen. — Halten wir uns das einmal vor, und nehmen wir es ganz ernst, vollständig ernst, daß dadurch, daß der Christus den wahren Besitz des Ich für jeden Menschen vermitteln will, er den Gott in jedem Menschen wecken, den Herrn und König in jedem Menschen nach und nach entzünden will. Was zeigt sich uns dann? Dann stellt sich uns nichts Geringeres dar, als daß der Christus im eminentesten Sinne die Karma-Idee, das Karmagesetz zum Ausdruck bringt. Denn wird man einmal die Karma-Idee vollständig verstehen, dann wird man sie in diesem christlichen Sinne verstehen. Sie bedeutet nichts Geringeres, als daß kein Mensch sich aufwerfe zum Richter über das Innerste eines anderen Menschen. Wer die KarmaIdee noch nicht in diesem Sinne erfaßt hat, hat sie nicht in ihrer Tiefe erfaßt. Solange ein Mensch über den anderen richtet, so lange stellt ein Mensch den anderen unter den Zwang des eigenen Ich. Wenn aber einer wirklich an das «Ich-bin» im christlichen Sinne glaubt, richtet er nicht; dann sagt er: Ich weiß, daß das Karma der große Ausgleicher ist. Was du auch getan hast, ich richte nicht! -— Nehmen wir einmal an, man brächte einen Sünder vor einen, der das ChristusWort in Wahrheit versteht. Was wird der diesem Sünder gegenüber’ für ein Benehmen haben? Nehmen wir an, alle, die da Christen sein wollen, würden diesen Menschen einer schweren Sünde anklagen. Der wirkliche Christ würde sagen: Was ihr auch vorbringt, ob er es getan hat oder nicht, respektiert muß werden das «Ich-bin», dem Karma muß es überlassen werden, dem großen Gesetz, das das Gesetz des Christus-Geistes selber ist. Dem Christus selber muß es überlassen bleiben. - Karma vollzieht sich im Laufe der Erdentwickelung; wir können es dieser Entwickelung selber überlassen, welche Strafe Karma über den Menschen verhängt. Man würde sich vielleicht zur Erde wenden und zu den Anklägern sagen: Kümmert euch um euch selbst! Der Erde obliegt es, die Strafe zum Ausdruck zu bringen. Schreiben wir es also in die Erde ein, wo es ja ohnehin als Karma eingeschrieben ist!
«Jesus aber ging auf den Ölberg.
Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm; und er setzte sich und lehrte sie.
Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten ein Weib zu ihm, im Ehebruch ergriffen, und stellten sie ins Mittel dar,
Und sprachen zu ihm: Meister, dieses Weib ist ergriffen auf frischer Tat im Ehebruch.
Moses aber hat uns im Gesetz geboten, solche zu steinigen; was sagest du?
Das sprachen sie aber, ihn zu versuchen, auf daß sie eine Sache wider ihn hätten. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Und als sie anhielten, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und bückte sich wieder nieder und schrieb auf die Erde.
Da sie aber das hörten, gingen sie hinaus, von ihrem Gewissen überführt, einer nach dem andern, von den Ältesten an bis zu den Geringsten; und Jesus ward gelassen allein, und das Weib im Mittel stehend.
Jesus aber richtete sich auf; und da er niemand sah denn das Weib, sprach er zu ihr: Weib, wo sind sie, deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt?» (8, 1-10)
[ 31 ] Er spricht das, um alles Von-außen-Richten abzulenken und hinzuwei sen auf das innere Karma.
«Sie aber sprach: Herr, niemand.» (8, 11)
[ 32 ] Sie ist ihrem Karma überlassen. Da ist es das einzige, nicht weiter an die Strafe zu denken, die im Karma sich erfüllt, sondern sich zu bessern:
«Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr!» (8, 11)
[ 33 ] So sehen wir, wie mit der tiefsten Idee des Christus, mit der Bedeutung seiner Wesenheit für die Erde, die Karma-Idee zusammenhängt: Habt ihr meine Wesenheit begriffen, dann habt ihr auch den begriffen, dessen Wesen ich ausdrücke, und daß das «Ich-bin» den Ausgleich herbeiführt. — Selbständigkeit und innere Geschlossenheit, das ist es, was der Christus als Impuls den Menschen gegeben hat.
[ 34 ] Die Menschen sind heute noch nicht sehr weit gelangt, das wahre, innere Christentum zu begreifen. Aber wenn die Menschen verstehen lernen, was in einer solchen Schrift liegt, wie es das Johannes-Evangelium ist, werden sie die in ihr liegenden Impulse nach und nach aufnehmen. Dann wird sich in einer fernen Zukunft das christliche Ideal erfüllen.
[ 35 ] So sehen wir, wie in der nachatlantischen Zeit in die Erde hineinfließt der erste Impuls, um den höheren Menschen zu entwickeln.
[ 36 ] Morgen werden wir die Entwickelung des Menschen im Zusammenhange mit dem Christus-Prinzip gerade in dieser nachatlantischen Zeit kennenlernen, um davon ausgehend zu zeigen, was Christus in der Zukunft sein wird.
