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The Rudolf Steiner Archive

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Das Johannes-Evangelium
GA 103

30 Mai 1908 a.m., Hamburg

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Uns beschäftigte das ganze Gesetz der nachatlantischen Entwickelung unserer Menschheit, und wir suchten zu verstehen, warum gerade in einem ganz bestimmten Zeitpunkte dieser nachatlantischen Entwickelung die Stiftung des Christentums stattfinden mußte. Wir haben gestern am Schluß des Vortrages erwähnt, daß das Verständnis wichtiger Fragen des Johannes-Evangeliums und des ganzen Christentums davon abhängt, daß wir gerade dieses Entwickelungsgesetz im esoterisch-christlichen Sinne gut ins Auge fassen. Nur dadurch werden wir ein volles Verständnis gewinnen können für die Bedeutung der Worte «Heiliger Geist», «Vater und Mutter Jesu». Vor allen Dingen erinnern wir uns, daß uns klar geworden ist im Laufe der letzten Vorträge, daß die nachatlantische Menschheit, also diejenige Menschheit, zu der wir im engeren Sinne selbst gehören, die sich entwickelt hat nach der atlantischen Flut, in sieben Uhnterabteilungen zerfällt. Es wird von mir absichtlich der Begriff « Unterrassen» vermieden, weil eigentlich der Begriff «Rasse» sich nicht völlig deckt mit dem, um was es sich dabei handelt. Es handelt sich um Kulturentwickelungsperioden, und das, was wir als Rassengesetz in unserer heutigen Menschheit noch erleben, ist eigentlich ein Nachklang der atlantischen Entwickelung. Diejenige Menschheitsentwikkelung, die der atlantischen Flut vorangegangen ist, also die sich zum großen Teil abgespielt hat auf jenem Kontinente, der da war zwischen dem heutigen Europa und dem heutigen Amerika, der alten Atlantis, diese Menschheitsentwickelung teilen wir auch in sieben aufeinanderfolgende Abschnitte. Für diese sieben Abschnitte gilt noch der Ausdruck «Rassen-Entwickelung». Denn diese sieben aufeinanderfolgenden Stufen der Menschheit auf der alten Atlantis waren auch noch körperlich, inner- und außer-körperlich - zum äußeren Körper rechnet man auch die innere Konfiguration des Gehirns, des Blutes und der anderen Säfte — sehr voneinander verschieden, während gar keine Rede davon sein kann, daß etwa die erste Menschheit der nachatlantischen Zeit, die alten Inder, von uns so weit verschieden waren, daß wir noch den Ausdruck «Rasse» darauf anwenden dürften. Man muß ja immer die Kontinuität der Theosophie festhalten, und daher ist es ja oft notwendig, an diesen alten Begriff der Rassen anzuknüpfen. Aber man erweckt doch zu leicht falsche Vorstellungen durch das Wort Rasse, weil man übersieht, daß das Einteilungsmotiv für die Menschheit, das wir heute haben, ein viel innerlicheres ist als das, welches mit dem Ausdruck der Rasse zusammenhängt. Und gar auf das, was unsere Kultur ablösen wird, die Kultur nach der siebenten Unterabteilung, wird überhaupt der Ausdruck Rasse nicht mehr angewendet werden dürfen, weil die Menschheit sich dann gliedern wird nach ganz anderen Grundgesetzen.

[ 2 ] Von diesem Gesichtspunkte aus müssen Sie es nehmen, wenn wir die nachatlantische Zeit einteilen erstens in die alte indische Epoche, zweitens in die altpersische, drittens in die babylonisch-assyrisch-chaldäisch-ägyptische, viertens in die griechisch-lateinische und fünftens in die Epoche, in der wir jetzt leben; die unsrige wird abgelöst werden von einer sechsten und einer siebenten Entwickelungsepoche.

[ 3 ] Wir also stehen jetzt in der fünften nachatlantischen Kulturepoche und sagen uns: Das Christentum ist eingetreten in die Menschheitsentwickelung in seiner vollen Tiefe und Bedeutung in der vierten Epoche. Es hat, soweit die Menschheit der fünften Epoche ergriffen werden konnte, gewirkt, und wir werden prophetisch voraussagen, wie es weiter wirken wird, soweit es aus der spirituellen Wissenschaft möglich ist, vorherzusagen. Wir haben aber schon gestern erwähnt, daß die Mission des Christentums vorbereitet worden ist in der dritten Kulturepoche. Die ägyptische Kultur gehört zu der dritten Kulturepoche, und aus ihrem Schoße heraus leitete das Bekennertum des Alten Testamentes die hebräische Kulturentwickelung so, daß sozusagen herausgeboren wurde aus dem Schoße der dritten Kulturepoche das Christentum, das dann voll zur Welt kam für die vierte Epoche mit dem Christus Jesus. Wir können also sagen: Die Menschheit der nachatlantischen Zeit hat erlebt einen gewissen geistigen Einfluß in der dritten Kulturepoche. Dieser Einfluß hat fortgewirkt in die vierte Epoche hinein; da konzentrierte er sich in dem Christus Jesus, wirkte weiter hinein in die fünfte Kulturepoche, in die unsrige, und wird von der unsrigen hinüberwirken in die sechste Epoche, die der unsrigen nachfolgen wird. Und nun müssen wir genau verstehen, wie diese Wirkungen geschehen sind.

[ 4 ] Erinnern wir uns einmal genau, daß im Laufe der Menschheitsentwikkelung die verschiedenen Grundteile des Menschen ihre Entwickelung erleben. Erinnern wir uns daran, wie es in der letzten atlantischen Zeit war. Wir haben ausgeführt, daß in den physischen Leib hinein sich gesenkt hat der Ätherkopf, daß da der Mensch die erste Anlage empfangen hat, zu sich «Ich-bin» zu sagen. Als die atlantische Flut eintrat, war der physische Leib des Menschen von der Gewalt dieses «Ich-bin» durchdrungen; das heißt, der Mensch war damals so weit, das physische Werkzeug vorbereitet zu haben für das Ich-Bewußtsein oder das Selbstbewußtsein. Damit wir uns ganz genau verstehen: Wenn wir in die Mitte der atlantischen Zeit zurückgingen, würde kein Mensch in der Lage gewesen sein, ein solches Selbstbewußtsein zu entwickeln, um aus sich selbst heraus «Ich bin ein Ich!» oder «Ich bin» auszusprechen. Das konnte nur dadurch eintreten, daß jener Teil des Ätherkopfes, von dem wir gesprochen haben, sich verband mit dem physischen Teile des Kopfes. Damals, bis zum Untergang der Atlantis durch die atlantische Flut, bildete der Mensch das erste aus, was ausgebildet werden mußte, um ein Träger dieses Selbstbewußtseins werden zu können: er bildete die physische Gehirnanlage und die andere Gestaltung des Körpers aus. Also der physische Leib wurde bis zur atlantischen Flut hin reif, ein Ichträger zu sein.

[ 5 ] Wir können also fragen: Welches war denn die Mission des Atlantiertums? Die Mission des Atlantiertums war, dem Menschen das Ich einzuimpfen, einzuprägen; und diese Mission geht dann über die atlantische Flut, die man als Sintflut beschreibt, hinüber in unsere Zeit. Aber in unserer nachatlantischen Kulturepoche muß schon wieder etwas anderes kommen: da muß langsam hineingehen in den Menschen Manas oder das Geistselbst. Mit unserer nachatlantischen Zeit beginnt der Einfluß von Manas oder Geistselbst. Wir wissen also, daß dann, wenn wir in unserer sechsten und siebenten Epoche verschiedene Verkörperungen werden durchgemacht haben, wir von Manas oder Geistselbst bereits werden überschattet sein bis zu einem gewissen Grade. Aber es bedarf einer längeren Vorbereitung für den Menschen, um überhaupt ein geeignetes Werkzeug für dieses Manas oder Geistselbst zu werden. Er hatte dazu - wenn es sich auch um Tausende von Jahren dabei handelt - vorher erst ein Ich-Träger im eigentlichen Sinne zu werden. Er mußte nicht nur seinen physischen Leib zu einem Werkzeug des Ich machen, sondern auch die anderen Glieder seiner Wesenheit. |

[ 6 ] In der ersten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit macht der Mensch zuerst seinen Ätherleib zum Ich-Träger, wie er vorher seinen physischen Leib dazu gemacht hatte. Das war die alte indische Kultur. Sie besteht im wesentlichen darin, daß der Mensch die Fähigkeit erlangt, nicht nur ein physisches Werkzeug zu haben für das Ich, sondern auch einen dazu geeigneten Ätherleib. Daher ist in dieser Tabelle die erste Epoche, die alte indische Kultur, mit « Ätherleib » beschrieben (siehe Seite 181).

[ 7 ] Wollen wir jetzt die weitere Entwickelung dieser Kulturepochen ins Auge fassen in bezug auf den Menschen, so müssen wir nicht nur oberflächlich das Seelische als astralischen Leib annehmen, sondern genauer zu Werke gehen und diejenige Gliederung des Menschen zugrunde legen, die Sie in meiner «’Theosophie» finden. Da wissen Sie, daß wir nicht bloß unterscheiden im allgemeinen die sieben Glieder des Menschen, sondern daß der mittlere Teil des Menschen wieder zerfällt in den Empfindungsleib, in die Empfindungsseele, die Verstandesseele und die Bewußtseinsseele; und dann haben wir das Geistselbst, den Lebensgeist und den Geistesmenschen. Man unterscheidet ja gewöhnlich nur sieben Glieder; das vierte, das wir unter dem Worte «Ich» zusammenfassen, müssen wir weiter gliedern, weil es in der menschlichen Entwickelung so gegliedert ist.

[ 8 ] Das, was nun während der altpersischen Kulturepoche ausgebildet wird, ist der eigentliche Astralleib oder der Empfindungsleib; er ist der Träger der eigentlichen Betätigungskräfte des Menschen, daher besteht der Übergang vom Indertum zum Persertum darin, daß zum Bearbeiten der Materie übergegangen wird. Das Regen der Hände und was damit verbunden ist, das Übergehen zur Arbeit, das ist es, was diese Kulturepoche charakterisiert. Das alte Indertum war in einem viel höheren Grade, als man sich denkt, dazu geneigt, nicht die Hände zu regen, sondern in Kontemplation sich zu erheben über das Materielle zu den höheren Welten. Man mußte sich tief in sich hineinversenken, wenn man sich zurückerinnern wollte an den früheren Zustand. Daher besteht zum Beispiel die indische Yoga-Einweihung im allgemeinen darin, daß der Ätherleib eine besondere Pflege und Ausbildung erfährt.

[ 9 ] Nun schreiten wir weiter. Die Kultur des alten Persertums besteht darin, daß das Ich in den Empfindungsleib gesenkt wird. Die Kultur der Assyrer, Babylonier, Chaldäer, Ägypter besteht darin, daß das Ich hinaufsteigt bis in die Empfindungsseele. Was ist Empfindungsseele? Was vorzüglich bei dem empfindenden Menschen sich nach außen richtet, wodurch der wahrnehmende Mensch sich betätigt mit den Augen und den anderen Sinnen und wahrnimmt draußen in der Natur den waltenden Geist. Daher wird in dieser Zeit das Auge gerichtet auf die im Raume ausgebreiteten materiellen Dinge, auf die Sterne und ihren Gang. Da wirkt auf die Empfindungsseele das, was äußerlich im Raume ausgebreitet ist. Wenig ist in der ägyptisch-chaldäischassyrisch-babylonischen Zeit von dem im Menschen schon vorhanden, was man innerliche Persönlichkeits- und Verstandeskultur nennen könnte. Das stellt sich auch der heutige Mensch nicht mehr richtig vor, wie eigentlich die ägyptische Weisheit dieser Epoche beschaflen war. Diese Weisheit war eigentlich gar nicht ein Denken, ein Spekulieren, wie das später gekommen ist; sondern wenn der Mensch den Blick hinausrichtete, empfing er das Gesetz, das er draußen mit den Sinnen ablas. Ein Ablesen der Gesetze war es, keine Begriflswissenschaft, eine Anschauungswissenschaft, eine Empfindungswissenschaft.

[ 10 ] Wenn unsere Gelehrten nachdenken würden - es ist ja ein harter Satz -, so würden sie mit Fingern sozusagen auf das, was jetzt eben ausgesprochen worden ist, hingewiesen werden, allerdings mit geistigen Fingern. Denn wenn nicht nachgedacht worden ist mit den eigentlichen inneren Verstandeskräften, so heißt das nicht mehr und nicht weniger, als daß es damals eine eigentliche Begriffswissenschaft, eine logische Wissenschaft nicht gegeben haben kann. Die hat es auch nicht gegeben! Die Geschichte weist Ihnen nach, daß der eigentliche Begründer der Logik Aristoteles ist. Hätte es früher eine Logik, eine Begriffswissenschaft gegeben - diese in ein Buch zu btingen, das würden diese Menschen schon imstande gewesen sein.

[ 11 ] Eine Logik, das, was Nachdenken im Ich selber ist, wo man im Ich Begriffe verbindet und trennt, wo man also logisch urteilt, nicht abliest von den Dingen, das tritt erst in der vierten Kulturepoche ein. Daher nennen wir diese vierte Epoche die Epoche der Verstandesseele.

[ 12 ] Und wir selbst sind in einer Epoche - ungefähr trat die Menschheit ein in diese Epoche um die Mitte des Mittelalters, vom 10., 11., 12. Jahrhundert angefangen -, wir selbst sind in der Epoche des Eintretens des Ich in die Bewußtseinsseele. So spät ist das erst gekommen. In die Bewußtseinsseele trat das Ich ein erst ungefähr um die Mitte des Mittelalters. Auch das ließe sich sehr leicht historisch belegen, und man könnte in alle Winkel hineinleuchten, wenn man Zeit hätte, auf manches hinzudeuten, was dabei in Frage kommt. Damals impfte sich dem Menschen ein ganz bestimmter Begriff ein von individueller Freiheit, von individueller Ich-Tüchtigkeit. Wenn Sie noch die erste Zeit des Mittelalters betrachten, würden Sie durchaus noch überall finden, daß der Mensch in einer gewissen Weise gilt durch das, wie er in die Gesellschaft hineingestellt ist. Man erbt vom Vater und den Angehörigen Stand und Rang und Würde, und vermöge dieser unpersönlichen Dinge, die nicht mit dem Ich bewußt verknüpft sind, handelt und arbeitet man in der Welt. Erst später, als der Handel sich ausdehnte und die Erfindungen, die neuzeitlichen Entdeckungen kamen, beginnt das Ich-Bewußtsein sich auszudehnen, und wir können sehen, daß überall in der europäischen Welt die äußeren Abbilder dieser Bewußtseinsseele in einer ganz bestimmten Art von Städteverfassungen, Städtekonstitutionen und dergleichen auftreten. Aus der Geschichte Hamburgs zum Beispiel könnte man leicht nachweisen, wie sich historisch diese Dinge entwickelt haben. Das, was man «freie Stadt» im Mittelalter nannte, das ist der äußere Abdruck dieses Hinhauchens der ichbewußten Seele durch die Menschheit. Und wenn wir jetzt einmal den Blick in die Zukunft schweifen lassen, so sagen wir: Jetzt sind wir eben daran, dieses Persönlichkeitsbewußtsein in der Bewußtseinsseele auszubilden. Alle Forderungen der neueren Zeit sind nichts anderes, als daß unbewußt die Menschen die Forderungen der Bewußtseinsseele herausbringen.

[ 13 ] Wenn wir aber den Blick weiter schweifen lassen, erblicken wir im Geiste noch etwas anderes. Da steigt dann der Mensch auf in der nächsten Kulturepoche zu Manas oder dem Geeistselbst. Das wird eine Zeit sein, in welcher die Menschen in weit höherem Grade als heute eine gemeinsame Weisheit haben werden, sozusagen in gemeinsame Weisheit eingetaucht sein werden. Es wird beginnen etwas davon, daß man empfinden wird, daß das Ureigenste des Menschen zu gleicher Zeit das Allgemeingültigste ist. Das, was man im heutigen Sinne als individuelles Gut des Menschen auffaßt, ist noch nicht ein individuelles Gut auf einer hohen Stufe. Heute ist mit der Individualität, mit der Persönlichkeit des Menschen noch im hohen Grade verknüpft, daß die Menschen sich streiten, daß die Menschen verschiedene Meinungen haben und behaupten: Wenn man nicht verschiedener Meinung sein dürfte, würde man ja kein selbständiger Mensch sein. Gerade weil sie selbständige Menschen sein wollen, müssen sie zu verschiedenen Meinungen kommen. Aber das ist ein untergeordneter Standpunkt der Anschauung. Am friedlichsten und harmonischsten werden die Menschen sein, wenn der einzelne Mensch am individuellsten sein wird. Solange die Menschen noch nicht vom Geistselbst vollständig überschattet sind, gibt es Meinungen, die voneinander verschieden sind. Diese Meinungen sind noch nicht im wahren Innersten des Menschen empfunden.

[ 14 ] Heute gibt es nur einige Vorläufer für die im wahren Innern empfundenen Dinge. Das sind die mathematischen und geometrischen Wahrheiten. Über die kann man nicht abstimmen. Wenn eine Million Menschen Ihnen sagen würde, daß 2x 2= 5 ist, und Sie schen es selbst im eigenen Innern ein, daß es 4 ist, so wissen Sie es, und Sie wissen auch, daß die anderen im Irrtum sein müssen — geradeso, wie wenn jemand behauptete, daß die drei Winkel eines Dreiecks nicht zusammen 180 Grad betragen.

[ 15 ] Das ist Manas-Kultur, wenn immer mehr empfunden werden die Quellen der Wahrheit in dem stark gewordenen Individuellen, Persönlichen des Menschen und wenn zu gleicher Zeit das, was empfunden wird als höhere Wahrheit, auch von Mensch zu Mensch übereinstimmt wie die mathematischen Wahrheiten. In diesen stimmen die Menschen heute schon überein, weil das die trivialsten Wahrheiten sind. In bezug auf die anderen Wahrheiten streiten sich die Menschen, nicht weil es über dieselbe Sache zwei verschiedene richtige Meinungen geben kann, sondern weil die Menschen noch nicht so weit gekommen sind, das alles zu erkennen und niederzukämpfen, was an persönlicher Sympathie oder Antipathie sie trennt. Würde bei den einfachen mathematischen Wahrheiten noch die eigene Meinung in Betracht kommen, so würden viele Hausfrauen vielleicht dafür stimmen, daß 2x 2=5 ist und nicht 4. Für den, der tiefer in die Natur der Dinge hineinsieht, ist es eben unmöglich, über die höhere Natur der Dinge zu streiten, es gibt nur die Möglichkeit, sich dazu hinaufzuentwickeln. Dann trifft die Wahrheit, die in der einen Seele gefunden ist, genau zusammen mit der Wahrheit in der anderen Seele; dann streitet man nicht mehr. Und das ist die Gewähr des wahren Friedens und der wahren Brüderlichkeit, weil es nur eize Wahrheit gibt, und diese Wahrheit hat wirklich etwas zu tun mit der geistigen Sonne. Denken Sie einmal, wie die einzelnen Pflanzen ordentlich wachsen; jede Pflanze wächst der Sonne zu, und es ist nur eine einzige Sonne. So wird, wenn im Verlauf der sechsten Kulturepoche das Geistselbst in die Menschen einziehen wird, tatsächlich eine geistige Sonne da sein, der sich alle Menschen zuneigen und in der sie übereinstimmen werden. Das ist die große Perspektive, die uns in Aussicht steht für die sechste Epoche. Und in der siebenten Epoche wird der Lebensgeist oder die Buddhi in einer gewissen Weise einziehen in unsere Entwickelung.

[ 16 ] Das sind ferne Zukünfte, in die wir nur erahnend einen Blick hineinwerfen können. Jetzt aber sind wir uns darüber klar: Es wird eine sehr wichtige Kulturepoche sein, diese sechste; denn sie wird durch gemeinsame Weisheit Frieden und Brüderlichkeit bringen. Friede und Brüderlichkeit dadurch, daß sich dann nicht bloß für einzelne auserlesene Menschen, sondern für den in normaler Entwickelung stehenden Teil der Menschen hineinsenkt das höhere Selbst, zunächst in seiner niederen Form, als Geistselbst oder Manas. Eine Verbindung des menschlichen Ich, wie es sich so allmählich herangebildet hat, mit dem höheren Ich, mit dem einenden Ich wird dann stattfinden. Wir können das eine geistige Ehe nennen - und so nannte man auch immer in der christlichen Esoterik die Verbindung des menschlichen Ich mit dem Manas oder dem Geistselbst. Aber die Dinge hängen in der Welt tief zusammen, und der Mensch kann nicht von sich aus sozusagen die Hand ausstrecken und dieses Manas oder Geistselbst herbeiziehen; sondern noch eine viel höhere Entwickelungsstufe wird er erreichen müssen, damit er sich in bezug auf diese Dinge selber helfen könne.

[ 17 ] Damit überhaupt das geschehen könne, daß der Mensch sich in der nachatlantischen Zeit vereinige mit dem höheren Ich, mußte der Menschheitsentwickelung Hilfe kommen. Wenn irgend etwas erreicht werden soll, muß es vorbereitet werden. Wenn ein Kind mit dem fünfzehnten Jahre etwas werden soll, muß man ja auch schon vom sechsten, siebenten Jahre darauf hinarbeiten. Überall muß eine Entwickelung ihre Impulse vorbereiten. Was mit der Menschheit im sechsten Zeitraum geschehen soll, mußte langsam vorbereitet werden. Es mußte von außen die Gewalt und die Kraft kommen zu dem, was dann im sechsten Zeitraum mit der Menschheit geschehen soll.

[ 18 ] Die erste Vorbereitung war eine noch ganz von außen aus dem Geistigen heraus wirkende, eine solche, die noch nicht heruniergestiegen war in die physische Welt. Das wird uns angedeutet durch die große Mission des hebräischen Volkes. Als Moses, der in die ägyptischen Mysterien Eingeweihte, von der geistigen Weltenleitung jenen Auftrag bekam, den wir charakterisieren konnten mit den Worten: «Sage ihnen als meinen Namen, wenn du ihnen meine Gesetze sagst, ich bin der «Ich-bin»» (2. Mose 3, 14), da war ihm mit diesen Worten aufgetragen: Bereite sie vor, indem du auf den gestaltlosen, unsichtbaren Gott hindeutest. Weise darauf hin, daß - während der Vater-Gott noch in dem Blute wirkt - für diejenigen, die es verstehen können, vorbereitet wird das «Ich-bin», das dann bis in den physischen Plan hinuntersteigen soll! - Das wurde sozusagen innerhalb der dritten Kulturepoche veranlagt. Und aus dem hebräischen Volke sehen wir die Mission entströmen, den Gott der Menschheit zu übermitteln, der dann tiefer heruntersteigt, der im Fleische erscheint. Vorher ist er verkündigt worden, nachher ist er für das äußere Auge im Fleische erschienen. Damit ist im rechten Sinne zum Ausdruck gekommen, was durch Moses vorbereitet worden war.

[ 19 ] Fassen wir diesen Zeitpunkt einmal recht ins Auge: die geistige Verkündigung durch Moses und den Abschluß dieser Verkündigung, das Erscheinen des verkündeten Messias in dem Christus. Von dieser Zeitepoche an, die wir als einen ersten Abschnitt in der Geschichte des Christentums bezeichnen könnten, wird in die Menschheitsentwickelung hinein der reale Impuls gelegt zur Einheit und Brüderlichkeit, die da kommen soll im sechsten Zeitraum. Es ist, wie wenn eine Kraft in etwas hinabversenkt wird, die dann weiter wirkt, damit die Frucht nach und nach herauskommt. So wirkte diese Kraft weiter bis in unsere Zeit hinein, bis in die Zeit, die wir schildern mußten als eine solche, in welcher die Menschheit mit ihren intellektuellen und geistigen Kräften ganz hinuntergestiegen ist in die Materie. Man könnte nun fragen: Warum mußte denn das Christentum gerade zur Welt kommen als unmittelbarer Vorläufer der tiefsten materiellen Epoche?

[ 20 ] Denken Sie einmal, die Menschheit wäre ohne das Christentum eingetreten in diese tiefste materielle Epoche. Es wäre dann für sie unmöglich gewesen, den Impuls nach aufwärts wiederzufinden. Denken Sie sich den Impuls, der der Menschheit durch den Christus eingepflanzt worden ist, fort, und die ganze Menschheit müßte in die Dekadenz fallen, müßte mit der Materie sich auf ewig verbinden; sie würde, wie es im Okkultismus heißt, «von der Schwere der Materie erfaßt» und aus ihrer Entwickelung hinausgeworfen werden. So müssen wir uns vorstellen, daß die Menschheit in der nachatlantischen Kulturepoche einen Ruck hinuntergeht in die Materie. Und es kam in die Menschheit, bevor die niederste Stufe erreicht wurde, der andere Impuls, der wieder hinauf in die entgegengesetzte Richtung stößt. Das war der Christus-Impuls. Hätte der Christus-Impuls früher gewirkt, so wäre die Menschheit überhaupt nicht zur materiellen Entwickelung gekommen. Wäre er hineingefallen in die alte indische Kulturepoche, würde die Menschheit gewiß durchdrungen worden sein von dem spirituellen Element des Christentums, aber die Menschheit würde nie so tief hinuntergestiegen sein, daß sie alles das, was wir heute äußere physische Kultur nennen, hätte hervorbringen können.

[ 21 ] Es mag sonderbar erscheinen, wenn man sagt, ohne das Christentum gäbe es keine Eisenbahnen, Dampfschiffe usw., aber für den, der die Dinge im Zusammenhang erkennt, ist es so. Niemals würden aus der alten indischen Kulturepoche diese Kulturmittel hervorgegangen sein. Es gibt einen geheimen Zusammenhang zwischen dem Christentum und alle dem, was heute der sogenannte Stolz der Menschheit ist. Dadurch, daß das Christentum bis zum rechten Zeitpunkt wartete, hat es möglich gemacht die äußere Kultur; und dadurch, daß es zur rechten Zeit eingetreten ist, hat es möglich gemacht, daß diejenigen, die sich mit dem Christus-Prinzip verbinden, wieder sich erheben können aus der Materie.

[ 22 ] Da aber das Christentum als etwas Unverstandenes aufgenommen worden ist, ist es arg vermaterialisiert worden. Es ist so weit mißverstanden worden, daß es selbst materialistisch aufgefaßt worden ist. Und so ist es in gewisser Weise sogar eine arg verzerrte, materialistische Gestalt, die das Christentum angenommen hat im Verlaufe der Zeit, die wir eben ins Auge faßten bis zu uns hinauf und die wir als einen zweiten Abschnitt bezeichnen können. Statt zum Beispiel die höhere spirituelle Idee des Abendmahls zu begreifen, wurde das Abendmahl vermaterialisiert, wurde als grobe Substanzverwandlung vorgestellt. Und so könnten wir Hunderte und aber Hunderte von Beispielen dafür anführen, daß das Christentum als spirituelle Erscheinung nicht verstanden worden ist. Jetzt sind wir ungefähr an dem Zeitpunkte angekommen, wo diese zweite Epoche abläuft, wo notwendigerweise die Menschheit an das spirituelle Christentum anknüpfen muß, an das, was das Christentum wirklich sein soll, um den wahren geistigen Inhalt aus ihm herauszuholen. Und das wird geschehen durch die anthroposophische Vertiefung des Christentums. Indem wir Anthroposophie auf das Christentum anwenden, folgen wir der welthistorischen Notwendigkeit, die dritte christliche Zeitepoche vorzubereiten, die entgegenlebt dem Einströmen des Manas im sechsten Zeitraum. Das wird sozusagen das dritte Kapitel sein. — Das erste Kapitel ist die Zeit der Vorverkündigung des Christentums bis zum Erscheinen des Christus Jesus und ein wenig darüber hinaus. Das zweite Kapitel ist das tiefste Heruntertauchen des menschlichen Geistes in die Materie und die Vermaterialisierung selbst des Christentums. Und das dritte Kapitel soll sein die geistige Erfassung des Christentums durch anthroposophische Vertiefung.

[ 23 ] Es hängt mit der ganzen materialistischen Entwickelung zusammen, daß eine solche Urkunde wie das Johannes-Evangelium bis zu unserer Zeit nicht verstanden worden ist. Eine materialistische Kultur, wie sie sich nach und nach herausgebildet hat, konnte das JohannesEvangelium nicht voll verstehen. Die spirituelle Kultur, die mit der anthroposophischen Bewegung beginnen muß, wird gerade dieses Dokument in seiner wahren spirituellen Gestalt verstehen und das vorbereiten, was hinüberleiten soll in die sechste Kulturepoche.

[ 24 ] Für denjenigen, der eine christliche Einweihung oder eine rosenkreuzerische Einweihung erlangt - übrigens auch für den, der überhaupt die Einweihung erlangt -, stellt sich eine ganz besondere Erscheinung heraus. Für ihn erlangen die Dinge, die da vorgehen, eine doppelte Bedeutung: die eine, welche sich außen abspielt in der physischen Welt, die andere, durch welche die Dinge, die sich in der physischen Welt abspielen, Fingerzeige sind für große, umfassende geistige Geschehnisse. Und so werden Sie mich verstehen, wenn ich jetzt versuche, ein wenig den Eindruck zu schildern, den bei einer bestimmten Gelegenheit derjenige hatte, der das Johannes-Evangelium geschrieben hat.

[ 25 ] Es gab ein besonderes Ereignis im Verlaufe des Lebens des Christus Jesus, und dieses Ereignis geschah auf dem physischen Plane. Derjenige, der im Sinne des Johannes-Evangeliums schildert, schildert es aber als Eingeweihter. Daher stellt für ihn das Ereignis zu gleicher Zeit dar die Wahrnehmungen und Erlebnisse während des Einweihungsaktes. Denken Sie sich nun den letzten Schluß des Einweihungsaktes.

[ 26 ] Dreieinhalb Epochen, die in alten Zeiten, wie wir schon erwähnt hatten, durch dreieinhalb Tage dargestellt waren, war der Einzuweihende in einem lethargischen Schlaf. An jedem Tage erlebte der Einzuweihende etwas anderes in bezug auf die geistigen Welten. Am ersten Tage hatte er bestimmte Erlebnisse, die sich ihm als Geschehnisse in der geistigen Welt darstellten, am zweiten Tage andere und am dritten Tage wieder andere. Nun hat sich demjenigen, von dem hier die Rede ist in der betreffenden Stelle, gezeigt, was sich geistig immer zeigt für das hellseherische Vermögen: die Zukunft der Menschheit. Wissen wir die Impulse der Zukunft, so können wir sie der Gegenwart einimpfen und dadurch die Gegenwart der Zukunft entgegenführen.

[ 27 ] Denken Sie sich den Seher der damaligen Zeit. Er erlebte die geistige Bedeutung des ersten der geschilderten Kapitel, von da an, wo der Ruf ertönt: «Sage deinem Volk: Ich bin der «Ich-bin»», bis zur Herabkunft des Messias. Als zweites Kapitel erlebte er den Herunterstieg des Christus in die Materie. Und als drittes Kapitel erlebte er, wie allmählich die Menschheit vorbereitet wird, zu empfangen den Geist oder das Geistselbst, Manas, im sechsten Zeitraum. Und er erlebte das in einem astralen Vorgesicht. Er erlebte die Hochzeit zwischen der Menschheit und dem Geist. Das ist ein wichtiges Erlebnis, das aber die Menschheit nur dadurch äußerlich zur Ausprägung bringen kann, daß der Christus in die Zeit, in die Geschichte eingetreten ist. Vorher hat die Menschheit nicht gelebt in einer solchen Brüderlichkeit, die durch den im Innern aufgegangenen Geist herbeigeführt wird, wo Friede ist zwischen Mensch und Mensch. Vorher gab es nur die Liebe, die materiell vorbereitet war durch die Blutsverwandtschaft. Diese Liebe entwickelt sich nach und nach zur geistigen Liebe, und diese geistige Liebe senkt sich herunter. Als Schlußerfolg des dritten Kapitels der Einweihung sagen wir daher: Die Menschheit feiert ihre Ehe mit dem Geistselbst oder Manas. Das kann erst eintreten, wenn die Zeit dafür gekommen ist, wenn die Zeit reif geworden ist für das volle Verwirklichen des Impulses des Christus. Solange sie nicht gekommen ist, so lange gilt noch das Verhältnis, das sich auf die Blutsverwandtschaft begründet, so lange ist die Liebe nicht geistig. Überall, wo in den alten Urkunden von Zahlen gesprochen wird, ist von dem Geheimnis der Zahl die Rede. Und wenn wir lesen: «Am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa» (2, 1), so weiß jeder Eingeweihte, daß mit diesem «dritten Tage» etwas Besonderes gemeint ist. Was liegt da vor? Der Schreiber des Johannes-Evangeliums weist hier darauf hin, daß es sich nicht nur um ein wirkliches Erlebnis handelt, sondern zu gleicher Zeit noch um eine große, gewaltige Prophetie. Diese Hochzeit drückt aus die große Menschheitshochzeit, die sich in der Einweihung zeigte am dritten Tage. Am ersten Tage zeigte sich, was sich in der ersten Epoche abspielt beim Herübergehen von der dritten in die vierte Kulturepoche, am zweiten Tage, was sich abspielt beim Herübergehen von der vierten zur fünften Kulturepoche, und am dritten Tage das, was geschieht, wenn die Menschheit von der fünften zur sechsten Kulturepoche hinübergehen wird. Das sind die drei Tage der Einweihung. Und es mußte der ChristusImpuls warten bis zum dritten Zeitpunkt. Vorher ist der Zeitpunkt nicht da, wo er wirken kann.

[ 28 ] Im Johannes-Evangelium wird hingedeutet auf eine besondere Beziehung von «mir und dir», von «uns beiden». Dies ist es nämlich, was dort steht, nicht das absurde: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen ?» Als die Mutter den Christus auffordert, daß er das Zeichen tue, sagt er: «Meine Zeit ist noch nicht gekommen » (2, 4), um auf Hochzeiten zu wirken, das heißt um die Menschen zusammenzuführen. Die Zeit wird erst kommen. Jetzt wirkt noch nach und wird fortwirken dasjenige, was auf Blutsbande begründet ist; daher der Hinweis auf Beziehungen zwischen Mutter und Sohn bei der Hochzeit.

[ 29 ] Wenn wir so diese Urkunde betrachten, hebt sich uns alles real Äußerliche ab von einem bedeutsamen spirituellen Hintergrund. Wir schauen in eine abgrundartige Tiefe des geistigen Lebens hinein, wenn wir durchschauen, was ein solcher Eingeweihter, wie der Schreiber des Johannes-Evangeliums, der Menschheit geschenkt hat und was er ihr nur dadurch schenken konnte, daß der Christus seinen Impuls der Menschheitsentwickelung eingeimpft hat.

[ 30 ] So haben wir gesehen, daß nicht durch eine hohle Allegorie oder Symbolik, sondern aus der astralen Wirklichkeit heraus, die der Eingeweihte erlebt, diese Dinge erklärt werden müssen. Nicht nur um eine symbolische Auslegung kann es sich hier handeln, sondern um eine Erzählung dessen, was der Eingeweihte erlebt. Wenn das nicht so hingestellt wird, erlebt man es wohl mit Recht, daß diejenigen, die da draußen stehen, sagen, die Geisteswissenschaft bringe gar nichts weiter als allegorische Auslegungen! Wenn wir nun an dieser Stelle die geisteswissenschaftliche Auslegung, so wie wir es jetzt verstanden haben, anwenden, dann lernen wir, wie durch drei Weltentage hindurch - von der dritten in die vierte, von der vierten in die fünfte und von der fünften in die sechste Kulturepoche — der Christus-Impuls innerhalb der Menschheit wirkt. Und wir sehen diese Entwickelung im Sinne des Johannes-Evangeliums so an, daß wir sagen: Der Impuls des Christus war ein so großer, daß ihn die Menschheit heute nur zum geringsten Teile verstanden hat und daß er erst in einer späteren Zeit ganz verstanden werden wird.