Die Apokalypse des Johannes
GA 104
20 Juni 1908, Nürnberg
Dritter Vortrag
[ 1 ] Gestern konnten wir am Ende unserer Betrachtung hinweisen auf das, was spezifisch christliche und was spätere, also etwa christlich-rosenkreuzerische Einweihung zunächst in einem großen bedeutsamen Symbolum gibt. Wir haben auf die Bedeutung dieses Symbolums hingewiesen, dieses Einweihungszeichens, das man auch als den Menschensohn bezeichnet, der die sieben Sterne in seiner rechten Hand hat, der das scharfe zweischneidige Schwert hat in seinem Munde. Wir haben gesehen, daß diese Einweihung den Menschen in einem gewissen höheren Grade sehend macht innerhalb seines Ich und seines astralischen Leibes, außerhalb des physischen und des Ätherleibes. Wir werden alles dies noch genauer besprechen.
[ 2 ] Durch eine jegliche Einweihung aber gelangt der Mensch dazu, das, was man nur mit geistigem Blicke, mit geistigen Augen überschauen kann, was nur für das übersinnliche Wahrnehmen durchsichtig ist, das nun wirklich zu überschauen, zu erkennen. Nun gehört zu dem ersten und wichtigsten, was der im christlichen Sinne Einzuweihende zu erkennen hat, die Entwickelung der Menschheit in unserem Zeitalter, damit ein jeder im höheren Maße die Aufgaben des Menschen einsehen kann. Denn alles, was höhere Erkenntnis, was höhere Vollkommenheit dem Menschen geben soll, hängt mit der Frage zusammen: Was bin ich und wozu bin ich bestimmt in unserem Zeitalter? Die Beantwortung dieser Frage ist es, die zunächst von großer Wichtigkeit ist.
[ 3 ] Jede Einweihungsstufe führt auf einen erhöhten Standpunkt der menschlichen Betrachtung. Schon in der ersten Stunde konnten wir ja darauf hinweisen, wie stufenweise der Mensch hinaufgeht, zuerst in das, was wir die imaginative Welt nennen, wo er im christlichen Sinne die sieben Siegel erkennen lernt, dann bis zu dem, was wir die inspirierte Erkenntnis nennen, wo er die «Posaunen» hört, und endlich zu einer noch höheren Stufe, wo er die wahre Bedeutung und Wesenheit der Geistwesen zu durchschauen vermag, die Stufe der sogenannten Zornesschalen. Jetzt aber müssen wir sozusagen eine bestimmte Einweihungsstufe ins Auge fassen. Wir denken uns den Menschen gerade bis zu jener Stufe der Einweihung gelangt, wo das mit ihm geschehen ist, was am Schluß des letzten Vortrages geschildert wurde. Wir denken uns ihn gerade an der Grenze, wo ihm, zwischen den feinsten Wesenheiten unserer physischen Welt und der nächsthöheren, der astralischen Welt, gestattet ist, wie auf einem Gipfel zu stehen und herunterzuschauen. Was kann der Mensch auf diesem ersten Gipfel der Einweihung erschauen?
[ 4 ] Da sieht er im Geiste alles das, was geschehen ist, seiner inneren Wesenheit nach, seitdem die atlantische Flut die alte Atlantis zerstört hat und der nachatlantische Mensch ins Dasein getreten ist. Da sieht er, wie sich die Kulturkreisläufe einander folgen bis zu dem Zeitpunkt, wo auch unser Zeitalter einen Untergang nehmen wird, um ein neues heraufzuführen. Durch das Wasser der atlantischen Flut ist zugrunde gegangen die alte Atlantis. Durch das, was wir nennen den Krieg aller gegen alle, durch furchtbar verheerende moralische Verwickelungen wird unser Zeitalter seinen Untergang finden. Und dieses große Zeitalter von der atlantischen Flut an bis zum gewaltigen Krieg aller gegen alle, das teilen wir wieder ein in sieben aufeinanderfolgende Haupt-Kulturepochen, in sieben Kulturzeiträume, wie aus dem vorstehenden Schema ersichtlich ist. An dem einen Ende denken wir uns die große atlantische Flut, am entgegengesetzten Ende den großen Weltkrieg, und das teilen wir in sieben Unterzeitalter, in sieben Kulturepochen. Die ganze Epoche, die diese sieben Unterzeitalter enthält, ist wieder der siebente Teil eines längeren Zeitalters, so daß Sie sich vorzustellen haben sieben solche Glieder wie unser Zeitalter zwischen Flut und Krieg, zwei nach vorn, nach dem großen Krieg, und vier nach rückwärts vor der atlantischen Flut. Unser Zeitalter, das nachatlantische, ist also das fünfte große Zeitalter.
[ 5 ] Man muß wiederum auf einen noch höheren Gipfel der Einweihung hinaufsteigen, dann übersieht man diese siebenmal sieben Zeitalter. Sie sind zu überschauen, wenn man an der Grenze der astralischen und der geistigen, der devachanischen Welt angelangt ist. Und so geht es stufenweise hinauf. Wir werden sehen, welches die noch höheren Stufen sind.
[ 6 ] Jetzt müssen wir festhalten, daß man zunächst einen Gipfel erreichen kann, auf dem uns, wie von einem Berge aus die weite Ebene, die sieben Kulturzeitalter der nachatlantischen Zeit sichtbar werden. Wir alle kennen sie ja schon, diese Kulturzeitalter. Wir wissen, daß, als die atlantische Flut die alte Atlantis hinweggeschwemmt hatte, als erstes die altindische Kultur aufblühte und daß sie abgelöst wurde von der urpersischen Kultur. Wir wissen, daß die assyrisch-babylonisch-chaldäisch-ägyptisch-jüdische Kultur darauf folgte, auf diese das vierte Kulturzeitalter, das griechisch-lateinische, und darauf das fünfte, das unsrige, in dem wir leben. In dem sechsten, das auf das unsrige folgen wird, wird in einer gewissen Beziehung in der Frucht aufgehen müssen, was wir an geistiger Kultur zu bauen haben. Das siebente Kulturzeitalter spielt sich ab vor dem Krieg aller gegen alle. Da sehen wir diese furchtbare Verwüstung der Kultur herankommen und sehen das kleine Häuflein von Menschen, das verstanden hat, das spirituelle Prinzip in sich aufzunehmen und das sich hinwegretten wird gegenüber der allgemeinen Zertrümmerung durch den Egoismus.
[ 7 ] Wir leben also in dem fünften der Unterzeitalter, wie gesagt. Wie Städte und Dörfer und Wälder vom Gipfel eines Berges aus, so erscheint von dem Gipfel der Einweihung aus die Folge dieser Kulturzeitalter. Ihre Bedeutung sehen wir ein. Sie stellen dar, was sich ausdehnt auf unserem physischen Plan als Menschheitskultur. Deshalb sprechen wir auch von Kulturzeitaltern im Gegensatz zu Rassen. Alles das, was etwa verknüpft ist mit dem Rassenbegriff, ist noch Überbleibsel des Zeitraumes, der dem unseren vorangegangen ist, des atlantischen. Wir leben im Zeitraum der Kulturepochen. Die Atlantis war der Zeitraum, wo sich nach und nach sieben aufeinanderfolgende große Rassen bildeten. Natürlich, die Früchte dieser Rassenbildung ragen herein auch in unser Zeitalter, daher spricht man auch heute noch von Rassen. Das sind aber schon Verwischungen jener scharfen Trennungen in der atlantischen Zeit. Heute hat schon der Kulturbegriff den Rassenbegriff abgelöst. Daher sprechen wir von der alten indischen Kultur, von welcher die Kultur, die uns in den Veden angekündigt wird, nur ein Nachklang ist. Die uralt-heilige indische Kultur ist die erste Morgenröte der nachatlantischen Kultur, sie folgt unmittelbar auf die atlantische Zeit.
[ 8 ] Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, wie der Mensch lebte in jener Zeit, die jetzt mehr als acht- oder neuntausend Jahre hinter uns liegt. Wenn wir von den realen Zeiträumen sprechen, so gelten diese Zahlen. Diese Kultur, von der wir hier sprechen, stand unmittelbar unter dem Einfluß der atlantischen Flut oder der großen Eiszeitepoche, wie sie in der modernen Wissenschaft genannt wird. Die Atlantis war untergegangen nach und nach, ein Brocken nach dem andern war verschlungen worden von der Flut. Und nun lebte ein Menschengeschlecht auf der Erde, von dem sich ein Teil zu der höchsten Entwickelungsstufe heraufgearbeitet hatte, die zu erreichen war. Das war das uralt indische Volk, ein Menschengeschlecht, das damals drüben im fernen Asien wohnte und mehr in der Erinnerung an alte vergangene Zeiten lebte als in der Gegenwart. Das ist das Große und Gewaltige jener Kultur, von der die schriftlichen Aufzeichnungen wie die Veden und die Bhagavad Gita nur noch Nachklänge sind, daß die Menschen in der Erinnerung an das lebten, was sie in der atlantischen Zeit selber erlebt hatten. Denken Sie an den ersten Vortrag dieses Zyklus. Da wurde gesagt, daß die Menschen in jener Zeit zum großen Teil befähigt waren, ein gewisses dämmerhaftes Hellsehen zu entwickeln. Die Menschen waren nicht beschränkt auf diese physisch-sinnliche Welt. Sie lebten zwischen göttlich-geistigen Wesenheiten. Sie sahen diese göttlich-geistigen Wesenheiten um sich. Darin bestand der Übergang von der atlantischen Zeit zur nachatlantischen, daß der Blick der Menschen von der geistigen, astralisch-ätherischen Welt abgeschlossen und beschränkt wurde auf diese physische Welt. Die erste Kulturepoche zeichnete sich dadurch aus, daß die Menschen Sehnsucht hatten, tiefe Sehnsucht nach dem, was ihre Vorfahren in der alten Atlantis geschaut, wovor sich aber das Tor zugeschlossen hatte. Uralte Weisheit haben unsere Vorfahren mit ihren geistigen Augen, wenn auch dämmerhaft, geschaut. Sie wohnten unter Geistern, gingen mit Göttern und Geistern um. So fühlten sie, diese Menschen der uralt-heiligen indischen Kultur: sie sehnten sich mit allen ihren Fasern darnach, zurückzuschauen, zu sehen das, was die Vorfahren gesehen hatten, wovon uralte Weisheit kündete. Und so erschien das Land, das eben aufgetreten war vor den physischen Blicken der Menschen — die Felsen der Erde, die jetzt erst sichtbar geworden waren, die früher noch geistig geschaut wurden —, all das Äußere erschien ihnen geringer als das, woran sie sich erinnern konnten. Maja, die große Illusion, wurde alles das genannt, was die physischen Augen sehen konnten, die große Täuschung, aus der man heraus wollte. Und die Besten dieses ersten Zeitalters sollten durch jene Einweihungsmethode, von der es einige Überbleibsel im Yoga gibt, hinaufgehoben werden zu der Stufe ihrer Vorfahren. Daraus ging eine religiöse Grundstimmung hervor, die mit den Worten wiedergegeben werden kann: Wertlose eitle Täuschung ist das, was uns hier umgibt im äußeren Sinnenschein. Das Wahre, Echte ist oben in der geistigen Welt, die wir verlassen haben. — Die geistigen Führer des Volkes waren diejenigen, welche sich hinaufversetzen konnten in die Regionen, in denen man früher lebte. Das war die erste Epoche der nachatlantischen Zeit. Und alle Epochen der nachatlantischen Zeit sind dadurch charakterisiert, daß der Mensch immer mehr verstehen lernte die äußere sinnliche Wirklichkeit, immer mehr erkennen lernte: Was uns hier gegeben ist für die äußeren Sinne, ist nicht als bloßer Schein zu behandeln, es ist eine Gabe der geistigen Wesen, und nicht umsonst haben uns die Götter die Sinne gegeben. Das, was hier auf der Erde eine Kultur der materiellen Welt begründet, muß nach und nach eingesehen werden.
[ 9 ] Was der alte Inder noch als Maja angesprochen hat, wovor er geflohen ist, wovon er sich zurücksehnte, das sprachen diejenigen, die der zweiten Epoche angehörten, als ihr Arbeitsfeld an, als etwas, was sie zu bearbeiten hatten. Und so haben wir jetzt die uralt-persische Epoche, die etwa fünftausend Jahre zurückliegt, jene Kulturepoche, in welcher den Menschen das Land um sie herum zwar zunächst wie feindlich erschien, aber nicht mehr wie früher als Illusion, die man zu fliehen habe, sondern als ein Arbeitsfeld, dem man den eigenen Geist einzuprägen hat. Vom Bösen, von einer dem Guten gegnerischen Macht ist diese Erde beherrscht in ihrer materiellen Beschaffenheit, von dem Gotte Ahriman. Er beherrscht sie, aber der gute Gott Ormuzd hilft den Menschen — in seinen Dienst stellen sich die Menschen. Wenn sie seinen Willen ausführen, dann verwandeln sie diese Welt in einen Acker der oberen geistigen Welt, dann prägen sie der sinnlich-wirklichen Welt das ein, was sie selbst im Geist erkennen. Ein Arbeitsfeld war für die zweite Epoche die physisch-reale, die sinnlich-reale Welt. Für den Inder war die sinnliche Welt noch Täuschung, Maja. Für den Perser war sie zwar von bösen Dämonen beherrscht, aber doch eine solche Welt, aus der der Mensch auszutreiben hatte die bösen und der er einzugliedern hatte die guten geistigen Wesenheiten, die Diener des Lichtgottes Ormuzd.
[ 10 ] Und in der dritten Epoche kommt der Mensch noch näher der äußeren sinnlichen Wirklichkeit. Da ist sie ihm nicht mehr eine bloß feindliche Macht, die er zu überwinden hat. Der Inder hat hinaufgeschaut zu den Sternen und sich gesagt: Ach, alles was da ist, was ich mit äußeren Augen sehen kann, ist doch nur Maja, Täuschung. — Die chaldäischen Priester sahen den Lauf, die Stellungen der Sterne und sagten sich: Indem ich die Stellungen der Sterne sehe und ihren Lauf verfolge, wird mir das zu einer Schrift, aus der ich den Willen der göttlich-geistigen Wesen erkenne. Ich erkenne das, was die Götter wollen, in dem, was sie getan haben. — Nicht mehr Maja war ihnen die physisch-sinnliche Welt, sondern wie die Schrift des Menschen der Ausdruck seines Willens ist, so war ihnen das, was in den Sternen am Himmel steht, was in den Kräften der Natur lebt, eine Götterschrift. Und mit Liebe begannen sie zu entziffern die Schrift der Natur. So entsteht jene wunderbare Sternenkunde, die die Menschen heute kaum mehr kennen. Denn was man heute als Astrologie kennt, ist durch ein Mißverstehen der Tatsachen entstanden. Tiefe Weisheit in der Sternenschrift ist es, was dem alten Chaldäerpriester als Astrologie geoffenbart wurde, als die Geheimnisse dessen, was er mit Augen sah. Das betrachtete er als Offenbarung eines Inneren, Durchgeistigten. Und was wurde die Erde für den Ägypter? Wir brauchen nur auf die Erfindung der Geometrie hinzudeuten, wo der Mensch lernte die Erde einzuteilen nach den Gesetzen des Raumes, nach den Regeln der Geometrie. Da wurden die Gesetze in der Maja erforscht. In der uralt persischen Kultur hat man die Erde umgeackert, jetzt lernte man sie einteilen nach den Gesetzen des Raumes. Die Gesetze beginnt man zu erforschen und man tut noch mehr. Man sagt sich: Nicht umsonst haben die Götter in den Sternen uns eine Schrift hinterlassen, nicht umsonst haben die Götter uns ihren Willen kundgegeben in den Naturgesetzen. Wenn der Mensch durch sein eigenes Arbeiten das Heil bewirken will, dann muß er in den Einrichtungen, die er hier macht, eine Nachbildung schaffen dessen, was er aus den Sternen erforschen kann. — Oh, könnten Sie zurücksehen in die Arbeitskammern der ägyptischen Eingeweihten! Das war ein anderes Arbeiten als heute auf dem Gebiete der Wissenschaft. Da waren die Eingeweihten die Wissenschafter. Sie erforschten den Gang der Sterne und erkannten die Regelmäßigkeit in dem Stand und Lauf der Sterne und in der Einwirkung ihrer Stellungen auf das, was unten auf der Erde sich vollzog. Sie sagten sich: Wenn diese oder jene Konstellation am Himmel ist, so muß unten dieses oder jenes vor sich gehen im Staatsleben, und wenn eine andere Konstellation kommt, muß auch etwas anderes geschehen. Nach einem Jahrhundert werden gewisse Konstellationen da sein, sagten sie, und dann muß ein dem Entsprechendes vor sich gehen. — Und für Jahrtausende hinaus wurde vorausbestimmt, was zu tun ist. So entstand das, was man als die Sibyllinischen Bücher bezeichnet. Was darinnensteht, ist kein Wahn. Nach sorgfältigen Beobachtungen haben die Eingeweihten niedergeschrieben, was für Jahrtausende hinaus zu geschehen hat, und ihre Nachfolger wußten: Das ist einzuhalten. Und sie taten nichts, was nicht in diesen Büchern für die Jahrtausende hinaus nach dem Lauf der Sterne vorgezeichnet war. Sagen wir, es habe sich darum gehandelt, irgendein Gesetz zu machen. Da hat man nicht abgestimmt wie bei uns, da holte man Rat bei den heiligen Büchern, in denen aufgeschrieben war, was hier auf der Erde geschehen muß, damit es ein Spiegel dessen sei, was in den Sternen geschrieben ist, und was in den Büchern stand, das führte man aus. Der ägyptische Priester wußte, als er diese Bücher schrieb: Meine Nachfolger werden ausführen, was darinnensteht. — Von der Notwendigkeit der Gesetzmäßigkeit waren sie überzeugt.
[ 11 ] Die vierte Kulturepoche hat sich aus dieser dritten herausentwickelt. Es haben sich nur spärliche Reste dieser prophetisch wirkenden Kunst der Ägypter bewahrt. Einen solchen Rest können Sie noch sehen. Man hat nämlich, wenn man diese prophetisch wirkende Kunst im alten Ägypterland hat üben wollen, den nächsten Zeitraum in sieben Teile eingeteilt und gesagt: Der erste muß dies enthalten, der zweite das, der dritte jenes und so weiter. — Danach verfolgten die Nachkommen, was zu geschehen hat. Aber das war eben das Hauptcharakteristikum der dritten Kulturepoche. Die vierte zeigte nur noch schwache Nachklänge davon. Sie können nun diese schwachen Nachklänge noch erkennen, wenn Ihnen der Ursprung der alten römischen Kultur erzählt wird. Äneas, Sohn des Anchises aus Troja, einer Stätte der dritten Epoche, wandert aus und kommt zuletzt nach Alba Longa. In diesem Namen ist angedeutet eine Stätte uralter heiliger Priesterkultur: Alba Longa oder die lange Alba, die Stadt einer Priesterkultur, von der die Kultur Roms ausgehen sollte. Im Meßkleid der katholischen Priester haben wir noch einen Nachklang davon erhalten. Da wurde vorausgezeichnet noch in alter Priesterweise eine siebengliedrige Kulturepoche. Oh, diese sieben römischen Königszeiten waren vorausgezeichnet! Und die Geschichtsschreiber des neunzehnten Jahrhunderts haben wieder einmal sich einen bösen Streich spielen laslen im Hinblick auf diese sieben Königszeiten. Sie sind darauf gekommen, daß in dem profanen materiellen Sinn es mit diesen römischen Königen nichts ist; aber was dahintersteckt, daß hier eine nach der heiligen Siebenzahl prophetisch vorausgegliederte Kultur der Sibyllinischen Bücher nachgezeichnet ist, darauf konnten sie nicht kommen.
[ 12 ] Hier ist nicht der Ort, uns einzulassen auf die einzelnen Könige. Sie würden an den einzelnen Königen sehen können, an Romulaus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius und so weiter, wie sie genau dem entsprechen, was die aufeinanderfolgenden Kulturepochen nach den sieben Prinzipien sind, die sich uns auf so verschiedenen Gebieten zeigen.
[ 13 ] So hatte man allmählich in der dritten Epoche die Maja zu durchdringen vermocht mit dem Menschengeist. Vollendet wurde das in der vierten Kulturepoche. Sehen Sie sich die griechisch-lateinische Kultur an, wo in den wunderbaren Kunstwerken der Mensch in der äußeren materiellen Welt ein völliges Abbild seiner selbst schafft, wo er im Drama seine menschlichen Schicksale entstehen läßt wie bei Aischylos. Sehen Sie sich dagegen an, wie man in der ägyptischen Kultur noch den Götterwillen erforscht. Jene Eroberung der Materie, wie wir sie in der griechischen Zeit sehen, bedeutet noch eine Stufe mehr, auf der der Mensch das materielle Dasein liebgewinnt, und vollends ist der Mensch in der römischen Zeit auf den physischen Plan herausgetreten. Wer das versteht, der weiß auch, daß wir darin das völlige Heraustreten des Persönlichkeitsprinzips zu erblicken haben. Daher trat in Rom zuerst das auf, was wir den Rechtsbegriff nennen, wo wir den Menschen zuerst als Bürger vor uns haben. Nur eine verworrene Wissenschaft kann die Jurisprudenz zurückführen auf allerlei vorhergehende Zeiten. Was man vorher unter Recht verstand, war etwas anderes. Viel richtiger schildert das Alte Testament in den Zehn Geboten das alte Gesetz. Was da der Gott befahl, das gehörte zu dem, was die Rechtsbegriffe enthielt. Es ist ein Unding in unserer Zeit, daß man die Rechtsbegriffe zurückführen will bis Hammurabi und so weiter. In Rom zuerst wird das eigentliche Recht, wird der eigentliche Begriff des Menschen als Bürger zur Geltung gebracht. In Griechenland noch war der Bürger Mitglied des Stadt-Staates. Der Athener, der Spartaner war als Bürger viel mehr denn als Einzelmensch. Er fühlte sich als Glied des Stadt-Staates. In Rom erst wurde der einzelne Mensch der Bürger, da konnte er es erst werden. Das ließe sich in allen Einzelheiten nachweisen. Das, was wir heute ein Testament nennen, gab es in dieser Bedeutung nicht vor der alten Römerzeit. Das Testament in seiner heutigen Bedeutung entstand damals erst, weil da erst der einzelne Mensch maßgebend sein sollte in seinem egoistischen Willen, um diesen Willen auf seine Nachkommen übergehen zu lassen. Vorher waren andere Impulse als der persönliche Wille da, die das Ganze zusammenhielten. So ließe sich an vielen Beispielen nachweisen, wie der Mensch heraustrat auf den physischen Plan. |
[ 14 ] Wir leben jetzt im fünften, in jenem Zeitraum, wo die Kultur noch tiefer als bis zum Menschen heruntergestiegen ist. Wir leben in der Zeit, wo der Mensch der Sklave ist der äußeren Verhältnisse, des Milieus. In Griechenland wurde der Geist dazu verwendet, um die Materie zu vergeistigen, und die vergeistigte Materie tritt uns entgegen in einer Apollo-Gestalt, einer Zeus-Gestalt, in den Dramen eines Sophokles und so weiter. Da ist der Mensch hinausgestiegen auf den physischen Plan, aber noch nicht hinuntergestiegen unter den Menschen. Auch in Rom noch ist das der Fall. Das tiefe Heruntersteigen unter die Sphäre des Menschlichen ist jetzt erst geschehen. In unserer Zeit ist der Geist der Sklave der Materie geworden. Unendlich viel Geist ist verwendet worden in unserem Zeitraum, um den äußeren Plan in seinen Naturkräften zu durchdringen, um diesen äußeren physischen Plan sozusagen zu einer möglichst bequemen Stätte für den Menschen zu machen. Vergleichen wir einmal die alten Zeiten mit unserer Zeit. In diesen alten Zeiten sah der Mensch die große Sternenschrift der Götter, aber mit welch primitiven Mitteln wurden die Kulturerrungenschaften jener Zeit, die Pyramiden, die Sphinxe hergestellt! Wie nährte sich der Mensch! Und was hat er sich alles an äußeren Kulturmitteln bis heute erobert! Welche Kraft des Geistes gehörte dazu, um die Dampfmaschine zu ersinnen und herzustellen, um die Eisenbahn, den Telegraphen, das Telephon und so weiter auszudenken! Ungeheure Kräfte des geistigen Lebens mußten verwendet werden, um diese rein materiellen Kulturmittel zu erfinden und herzustellen. Und wozu werden sie verwendet? Ist es für das spirituelle Leben im wesentlichen ein Unterschied, ob in einer Urkultur ein Mensch zwischen zwei Steinen das Getreide zerrieb, wozu natürlich sehr geringe geistige Kräfte verbraucht wurden, oder ob wir imstande sind, nach Amerika zu telegraphieren, um von dorther große Getreidemengen zu bekommen und sie durch wunderbar ausgedachte Mühlen zu Mehl zu zerreiben? Einfach für den Magen ist der ganze Apparat in Bewegung gesetzt. Machen wir uns klar, welche Unsummen geistiger Lebenskräfte hineingesteckt werden in die bloß materielle Kultur. Von der spirituellen Kultur wird noch sehr wenig durch die äußeren Kulturmittel befördert. Der Telegraph wird in, sagen wir, anthroposophischen Angelegenheiten sehr selten verwendet. Wenn Sie einen statistischen Vergleich aufstellen würden zwischen dem, was für die materielle Kultur verwendet wird, und dem, was dem spirituellen Leben zugute kommt, dann würden Sie begreifen, daß der Geist unter das Menschliche hinuntergetaucht ist, ein Sklave geworden ist des materiellen Lebens. So haben wir im entschiedensten Sinne einen absteigenden Kulturweg bis in unsere Zeit, in die fünfte Kulturepoche hinein, und immer tiefer und tiefer würde es hinuntergehen. Deshalb muß vor dem völligen Hinuntergleiten in die Materie die Menschheit durch einen neuen Impuls bewahrt werden. So tief ist vorher noch niemals das Wesen des Menschen hinuntergestiegen in die Materie. Ein starker, der stärkste der Erdenimpulse mußte kommen. Das war die Erscheinung des Christus Jesus, die den Anstoß gab zu neuem spirituellem Leben. Was wir im geistigen Leben während des Abstieges an aufwärtssteigenden Kräften haben, das verdanken wir jenem gewaltigen Impulse, der durch Christus Jesus kam. Innerhalb dieses Abstieges in die Materie waren immer spirituelle Impulse vorhanden. Da entfaltete sich, zuerst langsam, dann mehr und mehr das christliche Leben, das heute erst im Anfang ist, das aber in der Zukunft zu einer ungeheuren Glorie emporsteigen wird, weil die Menschheit erst in der Zukunft die Evangelien begreifen wird. Wenn man sie aber vollständig verstehen wird, dann wird man sehen, welche Unsumme spirituellen Lebens in diesen Evangelien vorhanden ist. Je mehr sich das Evangelium in seiner wahren Gestalt ausbreiten wird, um so mehr wird die Menschheit wiederum die Möglichkeit haben, trotz aller materiellen Kultur ein spirituelles Leben zu entfalten, hinaufzusteigen wiederum in die geistigen Welten.
[ 15 ] Was sich nun also von Zeitraum zu Zeitraum in der nachatlantischen Kultur entwickelt, das stellt sich der Apokalyptiker so vor, daß es sich ausdrückt in kleineren Gemeinschaften, und so werden ihm diese kleineren Gemeinschaften, die auf der äußeren Erde im Raum verteilt sind, zu Repräsentanten dieser Kulturepochen. Wenn er spricht von der Gemeinde oder Kirche zu Ephesus, so meint er: Ich nehme an, daß zu Ephesus eine solche Gemeinde lebte, die in gewisser Beziehung wohl das Christentum angenommen hat. Aber weil sich alles nach und nach entwickelt, so bleibt immer von jeder Kulturepoche etwas zurück. In Ephesus haben wir zwar eine Eingeweihtenschule, aber wir haben die christliche Lehre da so gefärbt, daß man noch überall die altindische Kultur erkennen kann. — Er will uns zeigen die erste Epoche in der nachatlantischen Zeit. Diese erste Epoche in der nachatlantischen Zeit ist also repräsentiert in der ephesischen Gemeinde, und das, was zu verkünden ist, soll in einem Briefe an die Gemeinde von Ephesus verkündet werden. Wir müssen uns das ungefähr so vorstellen: Der Charakter jener fernen indischen Kulturepoche blieb natürlich, er setzte sich fort in verschiedenen Kulturströmungen. In der Gemeinde von Ephesus haben wir noch etwas von diesem Charakter. Von dieser Gemeinde wurde das Christentum so erfaßt, daß es noch von dem typischen Charakter der altindischen Kultur bestimmt wurde.
[ 16 ] So haben wir in jedem dieser Briefe einen Repräsentanten einer der sieben nachatlantischen Kulturepochen angesprochen. In jedem Briefe wird gesagt: Ihr seid so und so! Diese und jene Seite eures Wesens entspricht dem, was im Sinne des Christentums ist, das andere muß anders werden. — So sagt der Apokalyptiker zu einer jeden Kulturepoche, was beibehalten werden kann und was nicht mehr stimmt und anders werden soll.
[ 17 ] Versuchen wir einmal, ob nun wirklich in den sieben aufeinanderfolgenden Briefen etwas enthalten ist von dem Charakter der sieben aufeinanderfolgenden Kulturepochen. Versuchen wir einmal zu verstehen, wie diese Briefe gehalten sein mußten, wenn sie dem entsprechen sollten, was eben gesagt worden ist. Der Apokalyptiker denkt sich: In Ephesus ist eine Gemeinde, eine Kirche. Sie hat das Christentum angenommen, aber sie zeigt das Christentum in einer Färbung, wie die erste Kulturepoche noch war, fremd dem äußeren Leben, nicht von Liebe erfüllt für das, was die eigentliche Aufgabe ist des nachatlantischen Menschen. — Daß sie die Anbetung der groben Sinnlichkeit verlassen hat, daß sie sich gewandt hat zum geistigen Leben — so sagt der, der die Briefe an die Gemeinde richtet —, das gefalle ihm an ihr. Wir erkennen, was der Apokalyptiker damit sagen wollte, in dem Umstand, daß Ephesus die Stätte war, wo der Mysteriendienst der keuschen Diana gepflegt wurde. Er deutet darauf hin, daß die Abkehr von der Materie dort in besonderer Blüte stand, die Abkehr vom sinnlichen Leben und die Hinwendung zum Geistigen. «Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlassen hast», die Liebe, die die erste nachatlantische Kultur haben muß, die darin sich äußert, die Erde als Acker anzusehen, in den hinein verpflanzt werden muß der göttliche Same.
[ 18 ] Wie charakterisiert sich denn derjenige, der diesen Brief diktiert? Er charakterisiert sich als Vorläufer des Christus Jesus, gleichsam als Führer der ersten Kulturepoche. Der Christus Jesus spricht gleichsam durch diesen Führer oder Meister der ersten Kulturepoche, jener Epoche, wo der Eingeweihte hinaufsah zu den jenseitigen Welten. Er sagt von sich, daß er die sieben Sterne in seiner Rechten hält und die sieben goldenen Leuchter. Die sieben Sterne sind nichts anderes als Symbole für die sieben höheren geistigen Wesenheiten, welche die Führer der großen Kulturepochen sind. Und von den sieben Leuchtern ist es im besonderen ausgedrückt, daß es geistige Wesenheiten sind, die man nicht in der sinnlichen Welt sehen kann. So ist auch in der Joga-Einweihung in klaren Worten auf sie hingedeutet, hingedeutet aber auch darauf, daß niemals der Mensch im Sinne der Entwickelung wirkt, wenn er die äußeren Werke haßt, wenn er von der Liebe zu den äußeren Werken abläßt. Die Gemeinde zu Ephesus hat die Liebe zu den äußeren Werken verlassen. So wird ganz richtig in der Apokalypse des Johannes angegeben: Du hassest die Werke der Nikolaiten. — «Nikolaiten» ist nichts anderes als eine Bezeichnung für diejenigen Menschen, die das Leben bloß in der sinnlichen Materie zum Ausdruck bringen. Es gab in der Zeit, auf die sich dieser Brief bezieht, eine Sekte der Nikolaiten, die alles, was dem Menschen wert sein soll, nur in dem äußeren, fleischlichen, sinnlichen Leben sahen. Das sollst du nicht, sagt derjenige, der den ersten Brief inspiriert. Aber nicht von der ersten Liebe lassen, sagt er auch, denn dadurch, daß du die Liebe zur äußeren Welt hast, belebst du diese äußere Welt, holst du sie hinauf zum geistigen Leben. — Derjenige, der Ohren hat zu hören, der höre: Wer überwindet, dem werde ich zu essen geben, nicht bloß vom vergänglichen Baum, sondern vom Baum des Lebens —, das heißt, der wird imstande werden, zu vergeistigen, was hier im Sinnlichen ist, um es hinaufzuführen zum Altar des geistigen Lebens.
[ 19 ] Der Repräsentant der zweiten Kulturepoche ist die Gemeinde oder Kirche zu Smyrna. Diese redet der Führer der Menschheit an in seinem zweiten Vorfahren, in dem Inspirator und Meister der uralt-persischen Kultur. Die Gesinnung der uralt-persischen Kultur ist diese: Einstmals ist der Gott des Lichtes gewesen, der hatte einen Feind, die äußere Materie, den finsteren Ahriman. Zuerst war ich verbunden mit dem Lichtgeist, mit dem ersten, der da war. Da wurde ich eingegliedert in die Welt der Materie, in welche sich einfügte die zurückgebliebene feindliche Gewalt: Ahriman. Und nun werde ich gemeinsam mit dem Lichtgeist bearbeiten die Materie und ihr den Geist eingliedern; dann wird nach Besiegung der bösen Gottheit die gute, die Licht-Gottheit wieder erscheinen. — «Ich bin derjenige, der der Erste ist und der Letzte», derjenige, der tot wird im materiellen Leben und wiederum lebendig in der geistigen Auferstehung. So lesen wir im zweiten Brief: «Ich bin der Erste und der Letzte, der da ist und der da war und der da kommt, der wieder lebendig geworden ist» (Offenbarung Johannis 2, 8). Es würde zu weit führen, jeden Satz in dieser Weise durchzugehen, aber den einen müssen wir doch noch genauer anführen, den Satz, der uns da genau charakterisiert, wie man sich als Mitglied der Gemeinde zu Smyrna verhält, wenn man sie umgestaltet ins christliche Prinzip. Da heißt es, daß man dem Tode Leben gibt, daß man das Tote durchgeistigt. Man geht nicht unter in dem Toten. Ginge man unter, dann würde der Tod ein Ereignis für den Menschen sein, das ihn zu einem geistigen Leben führt, in dem sich nicht die Früchte dieses irdischen Lebens finden könnten. Nehmen wir einen Menschen, der sein Leben nicht so angewendet hat, daß er die echten Früchte herausziehen kann. Er nimmt keine Früchte mit ins geistige Leben. Aber nur von diesen Früchten kann er im geistigen Dasein leben. Wenn er also keine Früchte mitbrächte, so würde er den «zweiten Tod» erleben. Dadurch, daß er dieses irdische Feld bearbeitet, dadurch wird er gerettet vor dem «zweiten Tod»: «Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tod» (Offenbarung Johannis 2,11).
[ 20 ] Nun gehen wir weiter, zur Gemeinde zu Pergamus. Sie ist der Repräsentant jener Epoche der Menschheit, die mehr und mehr heraustrat auf den physischen Plan, wo der Mensch in der Sternenschrift sah, was sein Geist ergründen konnte. Das ist dem Menschen in der dritten Kulturepoche gegeben. Der Mensch wirkt durch das, was in seinem Innern ist. Dadurch, daß er ein Inneres hat, kann er das Äußere erforschen. Nur weil er mit einer Seele begabt war, konnte er die Sternenbahn erforschen, die Geometrie erfinden. Das nannte man die Erforschung durch das Wort, das in der Apokalypse des Johannes ausgedrückt ist durch «das Schwert des Mundes». Derjenige, der diesen Brief schreiben läßt, deutet daher darauf hin, daß die Gewalt dieser Epoche ein scharfes Wort ist, ein scharfes, zweischneidiges Schwert. Das ist das Hermes-Wort der alten Priester, ist das Wort, durch das man die Naturkräfte und Sterne erforschte im alten Sinn, das ist diejenige Kultur, die vorzugsweise durch die inneren astralisch-seelischen Kräfte des Menschen gewonnen wird hier auf dem physischen Plan. Wenn sie noch in jener alten Form gewonnen wird, ist sie wirklich ein sehr zweischneidiges Schwert. Da steht die Weisheit hart an der Kante zwischen dem, was weiße und schwarze Magie ist, zwischen dem, was in die Seligkeiten führt, und dem, was ins Verderben mündet. Deshalb sagt er, daß er wohl weiß, daß da, wo die Repräsentanten dieser Epoche wohnen, auch des Satans Stuhl ist. Das deuter auf alles das hin, was hinwegführen kann von den wirklichen großen Zielen der Entwickelung. Und die «Lehre Balaams» ist keine andere als die Lehre der schwarzen Zauberer, denn das ist die Lehre der Volksverschlinger. Die Volksverschlinger, die Volkszerstörer sind die schwarzen Magier, die nur im Dienste ihrer eigenen Persönlichkeit arbeiten und alle Gemeinschaft zerstören, daher alles, was im Volke lebt, verschlingen. Aber das Gute dieser Kultur besteht darin, daß der Mensch gerade da beginnen kann, seinen Astralleib zu reinigen und zu verklären. Das nennt man das «verborgene Manna». Dasjenige, was bloß für die Welt ist, umgeändert in Gottesspeise, was nur für den egoistischen Menschen ist, umgewandelt in Göttliches, das nennt man «verborgenes Manna». Alle die Symbole hier zeigen an, daß der Mensch seine Seele reinigt, um zum reinen Träger von Manas sich zu machen.
[ 21 ] Dazu ist es allerdings noch notwendig, durchzugehen durch die vierte Kulturepoche. Da erscheint der Erlöser, Christus Jesus, selber. Es ist die Gemeinde zu Thyatira. Da kündigt er sich an als der «Sohn Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen und seine Füße gleich wie Messing». Jetzt kündigt er sich an als Sohn Gottes, jetzt ist er der Führer der vierten Kulturepoche, wo der Mensch heruntergestiegen ist auf den physischen Plan, wo er selbst in den äußeren Kulturmitteln sein Abbild geschaffen hat. Jetzt ist die Periode gekommen, wo die Gottheit selber Mensch, selber Fleisch, selber Person wird, das Zeitalter, in dem der Mensch bis zu dem Grade der Persönlichkeit heruntergestiegen ist, wo in den Bildhauerwerken der Griechen die individualisierte Gottheit als Persönlichkeit erscheint, wo im römischen Bürger die Persönlichkeit auf den Weltenplan tritt. Dieses Zeitalter mußte zu gleicher Zeit einen Impuls dadurch erhalten, daß das Göttliche in Menschengestalt erscheint. Der herabgestiegene Mensch konnte nur gerettet werden dadurch, daß der Gott selber als Mensch erscheint. Der «Ich-bin» oder das Ich im astralischen Leib mußte den Impuls des Christus Jesus erhalten. Was früher nur im Keim sich zeigte, das Ich oder «Ich-bin», sollte auf den äußeren Plan der Weltgeschichte treten. Der Sohn Gottes darf daher als Führer der Zukunft sagen: «Und alle Gemeinden sollen erkennen den Ich-bin, der die Herzen und Nieren prüfet» (Offenbarung Johannis 2, 23). Auf das «Ich-bin», auf das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, wird hier Gewicht gelegt. «Wie ich von meinem Vater empfangen habe; und ich will ihm geben den Morgenstern» (Offenbarung Johannis 2, 28).
[ 22 ] Was bedeutet hier «Morgenstern»? Wir wissen, die Erde geht hindurch durch den Saturn, die Sonne, den Mond, die Erde, den Jupiter, die Venus und den Vulkan. So spricht man es gewöhnlich aus und so ist es auch richtig. Ich habe aber auch schon darauf hingewiesen, daß die Erdenentwickelung zerfällt in die Marszeit und in die Merkurzeit wegen des geheimnisvollen Zusammenhangs, der da in der ersten Hälfte des Erdzustandes zwischen Erde und Mars und in der zweiten Hälfte zwischen Erde und Merkur besteht. Daher setzt man an Stelle der Erde auch Mars und Merkur. Man sagt, die Erde geht durch in ihrer Entwickelung durch Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus. So haben wir also als das Gestirn, das als das eigentlich Tonangebende, als die Kraft im zweiten Zeitraum der Erde sich darstelit, den Merkur. Der Merkur ist der Stern, der uns repräsentiert die richtunggebende Kraft, als Richtung nach aufwärts, die der Mensch einschlagen muß.
[ 23 ] Hier komme ich an eine Stelle, wo wir sozusagen ein kleines Geheimnis lüften müssen, das im Grunde genommen nur an dieser Stelle gelüftet werden darf. Man hat nämlich im Okkultismus für diejenigen, die die Geisteswissenschaft nur mißbrauchen würden und namentlich in älteren Zeiten mißbraucht hätten, immer gehabt das, was man nennen möchte eine Maske. Man hat sich nicht direkt ausgedrückt, sondern hat hingestellt etwas, was die wahre Sachlage verhüllen sollte. Nun hat sich die mittelalterliche Esoterik nicht anders zu helfen gewußt als durch grobe Mittel. Sie hat den Merkur Venus genannt und die Venus Merkur. In Wahrheit müßten wir, wenn wir im Sinne der Esoterik sprechen wollen, wie es der Apokalyptiker getan hat, den Merkur als Morgenstern ansprechen. Er meint mit Morgenstern den Merkur: Ich habe deinem Ich gegeben die Richtung nach aufwärts, durch den Morgenstern, den Merkur. — Sie können auch noch in gewissen, wirklich die Sachlage treffenden Büchern des Mittelalters finden, daß die Sterne unseres Planetensystems so aufgezählt werden: Saturn, Jupiter, Mars, und auf die Erde folgen nicht wie jetzt Venus, Merkur, sondern umgekehrt Merkur, Venus. Daher heißt es hier: «Wie Ich von meinem Vater empfangen habe; und will ihm geben den Morgenstern.»
[ 24 ] Und jetzt müßten wir kommen in unsere Epoche herein, der wir angehören, und wir müßten uns fragen: Erfüllt sich denn diese Offenbarung des Apokalyptikers bis in unsere Zeit herein? — Wenn sie sich erfüllen würde, müßte zu uns sprechen derjenige, der durch die vier vorhergehenden Epochen gesprochen hat, und wir müßten seine Stimme verstehen lernen, müßten uns hineinfinden können in das, was unsere Aufgabe ist für das spirituelle Leben. Soll es eine spirituelle Geistesströmung geben und soll sie Weltmystik verstehen, dann muß diese Strömung, insofern sie übereinstimmen soll mit der Apokalypse des Johannes, das erfüllen, was der Sprecher, der große Inspirator, fordert von dieser Epoche. Was fordert er, und wer ist er? Können wir ihn erkennen? Versuchen wir es. «Und dem Engel der Gemeinde zu Sardes schreibe» — wir selbst müssen uns hier angesprochen fühlen —: «Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne» (Offenbarung Johannis 3, 1). Was sind sie hier, die sieben Geister und die sieben Sterne? Im Ton des Apokalyptikers ist der Mensch, wie er uns hier erscheint, ein äußerer Ausdruck der sieben menschlichen Prinzipien, die wir aufgezählt haben. Das Prinzip des physischen Leibes, von dem der äußere physische Leib der Ausdruck ist, das Prinzip des Lebensleibes, dessen Ausdruck der Ätherleib ist, das Prinzip des astralischen Leibes, der umgewandelt Manas ergibt, Buddhi oder der umgewandelte Ätherleib, Atma oder der umgewandelte physische Leib, und mitten drinnenstehend das Ich-Prinzip: das sind die sieben geistigen Ingredienzien, in welche die göttliche Wesenheit des Menschen wie in Glieder eines Fächers auseinandergelegt ist. Nach dem technischen Ausdruck des Okkultismus nennt man diese sieben Prinzipien die sieben Geister des Gottes im Menschen. Und die sieben Sterne, das sind die Sterne, nach denen wir verstehen, was der Mensch heute ist und was er in der Zukunft werden soll. Wenn wir sie aufzählen, die aufeinanderfolgenden Sterne der Erdenverkörperung: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus und Vulkan, dann sind das die sieben Sterne, die uns die Entwickelung des Menschen verständlich machen. Der Saturn hat dem Menschen die Anlage zu seinem physischen Leibe, die Sonne die zu seinem ätherischen, der Mond jene zum astralischen Leib und die Erde hat ihm das Ich gegeben. Die drei nächstfolgenden, Jupiter, Venus, Vulkan, bilden die geistigen Wesensglieder des Menschen aus. Verstehen wir den Ruf des Geistes, der diese sieben Sterne und die sieben Geister Gottes, die siebengliedrige Natur in der Hand hat, dann treiben wir im Sinne des Apokalyptikers Anthroposophie. Nichts anderes heißt Anthroposophie treiben, als zu wissen, daß hier hingedeutet wird auf die fünfte menschliche Entwickelungsepoche der nachatlantischen Zeit, zu wissen, daß wir in unserer Zeit, wo man am tiefsten heruntergestiegen ist in die Materie, in das spirituelle Leben wieder hinaufschreiten sollen im Gefolge der großen Individualität, welche die sieben Geister Gottes und die sieben Sterne uns zur Führerschaft gibt, damit wir uns zurechtfinden auf dem Wege.
[ 25 ] Und wenn wir diesen Weg gehen, bringen wir in den sechsten Zeitraum hinein das richtige spirituelle Leben der Weisheit und der Liebe. Dann wird das, was wir uns erarbeiten als anthroposophische Weisheit, zum Liebesimpuls des sechsten Zeitraumes, der repräsentiert wird durch die Gemeinde, die schon in ihrem Namen sich als Repräsentant des sechsten Zeitraumes ausdrückt: die Gemeinde der Bruderliebe, Philadelphia. Alle diese Namen sind nicht umsonst gewählt. Der Mensch wird sein Ich entwickeln zur richtigen Höhe, so daß er selbständig wird und in Freiheit die Liebe jedem anderen Wesen entgegenbringt im sechsten Zeitraum, der repfäsentiert ist durch die Gemeinde Philadelphia. Das soll als spirituelles Leben des sechsten Zeitraumes vorbereitet werden. Da werden wir das individuelle Ich in höherem Grade in uns gefunden haben, so daß keine äußere Kraft mehr in uns hineinspielen kann, wenn wir es nicht wollen; so daß wir zuschließen können und niemand ohne unseren Willen aufschließt, und wenn wir aufschließen, keine entgegengesetzte Macht zuschließt. Das ist der «Schlüssel Davids». Deshalb spricht derjenige, der den Brief inspiriert, daß er den Schlüssel Davids hat. «Und dem Engel der Gemeinde zu Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut und niemand schließt zu, der zuschließet und niemand tut auf» — «Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen» — das Ich, das in sich selbst sich gefunden hat (Offenbarung Johannis 3, 7).
[ 26 ] Und der siebente Zeitraum wird diejenigen, die gefunden haben dieses spirituelle Leben, scharen um den großen Führer; er wird sie vereinigen um diesen großen Führer. Sie werden bereits so weit dem spirituellen Leben angehören, daß sie sich unterscheiden werden von denen, die abgefallen sind, von denen, die lau sind, «nicht kalt und nicht warm». Das Häuflein, welches die Spiritualität gefunden hat, wird verstehen den, der da sagen darf, indem er sich zu erkennen gibt: Ich bin derjenige, der in sich schließt das wirkliche Endwesen, nach dem alles zusteuert. — Denn dieses Endwesen, das bezeichnet man mit dem Worte «Amen». Daher Kapitel 3, 14: «Und dem Engel der Gemeinde zu Laodizea schreibe: Das saget der Amen» — derjenige, der in seiner Wesenheit die Wesenheit des Endes darstellt.
[ 27 ] So sehen wir, wie in der Apokalypse des Johannes gegeben ist der Inhalt einer Einweihung. Und die erste Stufe schon dieser Einweihung, wo wir den inneren Fortgang der sieben nachatlantischen Zeiten sehen, wo wir noch den Geist des physischen Planes sehen, zeigt uns, daß wir es zu tun haben mit einer Einweihung des Willens. Denn bis in unsere Zeit herein kann dieser Inhalt befeuernd wirken auf unseren Willen, wenn wir erkennen, daß wir hinhorchen sollen auf die Inspiratoren, die uns lehren, wenn wir verstehen lernen, was die sieben Sterne und die sieben Geister Gottes bedeuten, wenn wir verstehen lernen, daß wir die spirituelle Erkenntnis in die Zukunft hineintragen sollen.
