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The Rudolf Steiner Archive

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Welt, Erde und Mensch
GA 105

14 August 1908, Stuttgart

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben gestern gesehen, wie in der nachatlantischen Epoche der Menschheitsentwickelung die Menschen sich nach und nach den physischen Plan, das heißt also unsere physische Welt, erobert haben; wie sie immer mehr Verständnis dafür gewonnen haben, daß diese physische Welt, in die der Mensch ja erst im Laufe der Zeit eingetreten ist, nachdem sie ihm vorher in verschwommenen Umrissen erschienen war, daß diese physische Welt der Ausdruck ist hinter ihr befindlicher geistiger Mächte und Kräfte. Wir haben gesehen, wie in der Zeit, in welcher die Griechen und Römer die führenden Völker sind, sozusagen eine Art Gleichgewicht besteht zwischen dem Verständnis der physisch-materiellen Welt und der aus den Menschen selbst herausgeborenen geistigen Welt. Der Mensch hat sich, wenn man so sagen darf, abgefunden mit der äußeren materiellen Welt, er hat sie nach und nach verstehen und lieben gelernt. Nun dürfen wir nicht glauben, daß diese Vorgänge nicht ihre entsprechenden Parallelen gehabt hätten in der anderen, der geistigen Welt. Ja, wir können sogar weiter zurückgehen in der Menschheitsentwickelung und wir finden, daß in demselben Maße, wie sich die Verhältnisse außen für den Menschen in bezug auf die Beobachtung und Wahrnehmung der physischen Welt ändern, sich auch die Verhältnisse für das andere Bewußtsein wesentlich umgestalten. Wir haben ja bisher den Hauptwert eigentlich darauf gelegt, wie dieses Bewußtsein war, wenn der Mensch sich im Schlafe aus seinem physischen Leibe herausgezogen hatte; wir haben gesehen, wie in der atlantischen Zeit, nachdem er im Wachen verschwommene Konturen wahrgenommen hatte, die göttlich-geistigen Wesenheiten in einer Art von dämmerhaftem Hellsehen vor ihm aufgetaucht sind.

[ 2 ] Um die ganze menschliche Wesenheit aber zu verstehen, müssen wir auch Rücksicht nehmen auf jene anderen Wechselzustände im Bewußtsein, die mit dem zusammenhängen, was wir Tod nennen und was jenseits des Todes liegt; und da werden wir sehen, daß unser gewöhnliches Leben, das wir zwischen Geburt und Tod beobachten können, noch eine wesentlich andere Seite hat. Wir müssen die Frage möglichst präzis stellen. Wir haben ja die Schicksale der Menschen betrachtet in dem Leben zwischen Geburt und Tod seit den atlantischen Zeiten bis hinein in die griechisch-römische Zeit. Wie gestalten sich die Schicksale der Menschen zwischen Tod und neuer Geburt, denn das Leben des Menschen läuft ja weiter nach dem Tode? In demselben Augenblick, wo während der alten lemurischen Zeit der Mensch sich überhaupt zum ersten Male in eine irdische Inkarnation begibt, und also sozusagen für ihn ein Abwechseln entsteht zwischen einem Leben in einem physischen Leibe und einem Leben außerhalb desselben, das heißt also zwischen Tod und neuer Geburt, in demselben Augenblick hat der Mensch, wenn er sein ganzes Leben ins Auge faßt, ja gewissermaßen ein Doppelleben, ein Doppelschicksal, eines auf der Erde und eines zwischen seinem Tode und der neuen Geburt in der geistigen Welt. Und obzwar vielfach der Glaube besteht, daß es Veränderungen nur in der physischen, irdischen Welt gebe, und daß alles zwischen dem Tode und einer neuen Geburt im Grunde genommen mit wenigen charakteristischen Worten bezeichnet werden könne, so ist dieser Glaube doch durchaus unrichtig. Es ändern sich die Schicksale auch innerhalb dieser geistigen Entwickelungsepoche des Menschen.

[ 3 ] Wir werden am besten verstehen, wie diese Veränderungen vor sich gehen, wenn wir ganz im groben einen Blick werfen auf das Leben, das der Mensch in der physischen Welt hier führt, und auf sein Verhältnis zu den anderen Reichen um ihn. Der Mensch ist ja, so wie er jetzt entwickelt ist, keineswegs ein Wesen, das absolut bloß für sich da ist, sondern er steht in mannigfaltigster Beziehung zu alldem, was um ihn herum ist. Denken Sie sich einmal, wie das Bewußtsein des Menschen, das Selbstbewußtsein abhängig ist von dem, was um ihn herum ist! Wären keine anderen Reiche um uns, kein Mineralreich, kein Pflanzen- und Tierreich, gäbe es keinen Luftkreis, keine Wolkenbildung, die uns das Licht zurückwirft, so würde unser Ich, so wie es jetzt ist, sich nicht haben entzünden können an einer Außenwelt. So ist der Mensch schon in bezug auf sein Selbstbewußtsein während des Tages gleichsam hineingetaucht in seine Umwelt. Er ist auch hineingetaucht in eine Umwelt zwischen Geburt und Tod dadurch, daß er einen Ätherleib, einen physischen Leib hat. Er nimmt seine Genuß- und Nahrungsmittel aus den unteren Reichen der Natur. Das Mineral-, das Pflanzenreich, auch das tierische Reich, sie geben ihm Stoffe und Kräfte, die durch den Menschen hindurchgehen, so daß der Mensch sozusagen die Reiche der äußeren Natur durch sich hindurchfließen läßt. Wir können sagen: Indem der Mensch sich entwickelt bis zur Geburt und dadurch eintritt in das irdische Dasein, geht er eine Verbindung mit den unteren Reichen der Natur ein. Allerdings geht er diese Verbindung erst in dem Maße ein, in dem er einen physischen Leib annimmt; da erst ist er darauf angewiesen, die anderen Reiche als seine Nahrungsmittel, als seine Unterhaltungsmittel in sich aufzunehmen. Der Mensch ist also hier in der physischen Welt kein absolutes Wesen. Denken Sie zum Beispiel, wie der Mensch fortwährend darauf angewiesen ist, ein gewisses Quantum Luft in sich aufzunehmen und wieder auszuströmen. So ist er gar nicht abgeschlossen innerhalb seiner Haut, es dehnt sich seine Wesenheit in die Luft hinaus. So daß der Mensch, wenn er hereintritt in das physische Dasein, in einer gewissen Beziehung ein Verhältnis eingeht zu den unter ihm befindlichen Reichen, in sie untertaucht.

[ 4 ] Wenn der Mensch nun im Tode seinen Leib verläßt, dann steigt er in die höheren Reiche hinauf, in das Reich der Engel, der Erzengel, der Urkräfte, ja in noch höhere Reiche steigt er hinauf. Genau so, wie er durch die Bedürfnisse seines physischen Leibes ein Verhältnis zu den unteren Reichen eingeht, so geht er nach dem Tode ein Verhältnis zu den höheren Reichen ein. Und nun versetzen wir uns einmal zurück in die Zeit, wo der Mensch erst angefangen hat, seine irdischen Inkarnationen anzutreten, in die lemurische Vergangenheit, wo der Mensch zwar in einen physischen Körper untertauchte, aber noch sehr wenig Zusammenhang mit der physischen Welt hatte, wo sein physischer Leib ihm eigentlich noch kaum die Spuren von Sinnesorganen eingegliedert hatte, so daß er also kaum eine Wahrnehmung der äußeren physischen Welt hatte; wo er auch von den physischen Stoffen und Kräften noch wenig brauchte, wo er noch wenig heimisch in der physischen Welt war. Solch einen Zustand, wo der Mensch noch sehr wenige Beziehungen zu der physischen Welt hatte, gab es in der Tat im Beginne der Menscheninkarnationen. Um so mehr aber war er heimisch in den geistigen Welten. Es war das ja zugleich die Zeit, in welcher der Mensch, wenn er herauskam aus seinem physischen Leib - nicht nur im Schlafe, sondern auch nach dem Tode -, eintauchte in eine Welt voll des geistigen Lichtes, wo er eine Welt von geistigen Wesenheiten wahrnahm und gewissermaßen aus diesen geistigen Wesenheiten ebenso seine Kräfte herauszog, wie der Mensch es jetzt aus der physischen Welt tut, wo er sich in die über ihm aufgebauten höheren Reiche ebenso hinausdehnte, wie er heute sich in die physische Welt hineindehnt, wo er sich ausdehnte in die Reiche der Engel und der Erzengel und der höheren Reiche, die in das seinige hineinragten. Es war so, daß der Mensch mit dem Tode erst so recht sein zwar dämmerhaft-dumpfes, aber eben doch sein Bewußtsein erlangte. So lebte er sich hinein, sich geistig ernährend - bildlich gesprochen — von der Anschauung der göttlich-geistigen Wesenheiten. Sein Ich hat sich der Mensch erobert im Laufe der Zeiten, als er durch die verschiedenen Inkarnationen in der äußeren physischen Welt gegangen ist; das hatte er früher nicht.

[ 5 ] Andere Wesenheiten, von denen wir gesagt haben, daß sie auf früherer Stufe ihre Menschheit durchgemacht haben, hatten das Ich, und der Mensch lernte, indem er diese Wesenheiten anschauen konnte, das Ich kennen; er lernte es im rechten Maße eigentlich erst kennen in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Es war so, daß damals der Mensch, wenn er starb, das Gefühl hatte: Jetzt beginne ich erst zu leben, jetzt lebe ich in der Anschauung von göttlich-geistigen Wesenheiten. Und es war tatsächlich so: Je weiter er sich von dem Tode entfernte, je längere Zeit er nach dem 'Tode verlebte, desto höhere Stufen erreichte er, in die Sphären um so höherer Wesenheiten kam er. Immer bewußter und bewußter wurde er, bis eine Zeit kam — zwischen dem Tode und einer neuen Geburt —, wo ihm dasjenige Wesen erschien, das seinem Leben eigentlich erst den rechten Inhalt gegeben hatte, demgegenüber er empfand: aus dem bin ich, dem gehöre ich an. Das war in jener uralten Zeit dasselbe Wesen, das dann später auf der Erde erschien, inkarniert als der Christus. Der Mensch hat zwar in der alten lemurischen Zeit den Christus nicht in einem physischen Leib gesehen, aber er hat ihn in der Mitte zwischen Tod und neuer Geburt gesehen, und so war er seiner teilhaft geworden, er kannte ihn in der geistigen Welt. Und immer näher rückte die Zeit heran, wo der Mensch bewußter wurde in der physischen Welt. Wir wissen, dieses volle Bewußtsein ist erst in der Mitte der atlantischen Zeit eingetreten, aber es geschah stufenweise. Je mehr der Mensch in der physischen Welt bewußt wurde, je mehr er die Keimanlage zum Ich in der physischen Welt hatte, desto weniger reichte sein Bewußtsein nach dem Tode in die höheren Welten hinauf. Zuerst konnte er sich nicht mehr aufschwingen zu dem Anblicke der Christus-Gestalt, er sah nur noch Engel und Erzengel; und später in der atlantischen Zeit ward ihm auch der Anblick der Engel und Erzengel nicht mehr, nur noch den Fortgeschrittenen war dieser Anblick vergönnt. Normalerweise hat der Mensch nur in dem alten dämmerhaften Bewußtsein die Engel wahrgenommen, und Engel sind es auch im christlichen Sinne, was in der Erinnerung die Griechen im Zeus und die Germanen im Wotan als ihre Gottheit angesprochen haben.

[ 6 ] Wir haben davon gesprochen, daß der Mensch während der atlantischen Zeit auch im Schlafe der Genosse der Götter war, insbesondere aber in der Zeit zwischen Tod und einer neuen Geburt; das waren Engel, und im höchsten Fall Erzengel, und nur dann, wenn der Mensch sich in diesem Leben durch das, was man als gute Taten empfand, vorbereitet hatte, wurde ihm in gewisser Beziehung der Anblick des Christus durch die untergeordneten Wesenheiten des Christus vermittelt. Aber der Mensch kannte ihn noch, diesen Christus, gleichsam durch die Taten und die Wesenheiten der Engel und Erzengel hindurch. Wie durch ein gefärbtes Glas das Licht, gefärbt zwar, aber doch erscheint, so erschien die Christus-Gestalt mit allmählich abnehmender Stärke. Es war nichts anderes als der Sonnengeist, der mit abnehmender Stärke erschien; deshalb mit abnehmender Stärke, weil der Mensch immer mehr auf der anderen Seite der Welt herausrückte, auf der physischen Seite, und sie liebgewann.

[ 7 ] So lebte sich der Mensch aus den alten Zeiten herüber. Und wir haben gesehen, wie in den Kulturepochen der nachatlantischen Zeit wiederum auflebte die Erinnerung an jene alte, tatsächlich durchlebte Epoche; in der ägyptischen Zeit lebte die Erinnerung an die lemurische Zeit auf. Wie wird also der Eingeweihte den Menschen das Leben nach dem Tode dargestellt haben? Er hat dafür gesorgt, daß die Menschen, wenn auch im schwachen Nachklange, nach dem Tode die Erfahrung haben machen können, daß sie sich bis zu dem erhoben, worin sich die alte Menschheit eigentlich geborgen fühlte, bis zu dieser Spitze, die der Sonnengeist in alten Zeiten war. Diesen Sinn hatte das, was man das alte ägyptische Totengericht nennt, dieses Totengericht, wo der Tote sozusagen vor seinen Richter gestellt wurde, der seine Taten wog. Sind die Taten für würdig befunden worden, so darf er durch seine Verdienste in der physischen Welt des Wesens teilhaft werden, darf anschauen das, was man in der charakterisierten Weise als einen Lichtgott, als einen Sonnengott empfunden hat. Es war das Wesen wiederum, das nun Osiris genannt wurde. Die Fahrt zum Osiris, das Einswerden mit ihm, das war es, was dem Toten zuteil werden sollte in der Wiederholung eines früheren faktischen Zustandes. So begreifen wir, was uns im Totenbuche, jener merkwürdigen Urkunde des Ägyptervolkes, erhalten worden ist. In meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» konnte, durch die Natur der Verhältnisse bedingt, selbstverständlich nicht die volle Esoterik solcher Dinge angeschlagen werden, aber es handelt sich darum, daß man diese Dinge wesentlich vertiefen kann. Hatte man im Sinne der alten ägyptischen Anschauung gefunden, daß eine solche Seele nach dem Tode ihrer Taten wegen würdig war dieses Anblicks, so durfte sie sich mit Osiris vereinen. Ja, man spricht sie sogar selbst als einen Osiris an, weil sie sich ja mit ihm vereint hatte. Die Formel war: Der Osiris war geläutert in dem Teiche, der da ist südlich vom Felde Hotep und nördlich von dem Felde der Heuschrecken, wo die Götter des Grünens sich waschen in der vierten Stunde der Nacht und in der achten des Tages mit dem Bilde des Herzens der Götter, übergehend von der Nacht zum Tage. - Es ist unmöglich, all die tiefen Beziehungen dieser Formel zum Ausdruck zu bringen. Wichtig ist es, zu verstehen den Ausdruck «von der Nacht zum Tage». Es ist vorher Nacht; aber übergeführt wird die Seele in einen Tag, in einen geistigen Tag, wo sie vereinigt sein wird mit Osiris, wo sie selbst ein Osiris sein darf.

[ 8 ] So erlebt tatsächlich die Seele in einer anderen Welt, die zwischen Tod und Geburt verläuft, ihr Schicksal. Und immer mehr und mehr verdunkelt sich das Bewußtsein, niemals aber vollständig, denn niemals ist das Bewußtsein zwischen Tod und Geburt erloschen. Aber es verdunkelt sich, trivial ausgedrückt: Der Mensch muß sich immer mehr mit dem Anschauen niedrigerer Wesen begnügen, je mehr er die sinnlich-physische Welt liebgewinnt; immer weniger können die höheren Wesen Gemeinschaft mit dem Menschen halten, der Mensch entschlüpft den höheren Wesenheiten. Alle die Wesenheiten, die noch in der atlantischen Zeit, als der Mensch noch hellseherisch war, gute Genossen des Menschen waren, namentlich in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt, sie entschwinden; nach und nach verliert sich das Verbindungsband zwischen dem Menschen und jenen alten Göttern. Wir haben gesehen, wie es noch Nachzügler gab des alten Hellsehens bis hinein in spätere Zeiten der europäischen Kultur, wie es noch Menschen gibt, die sich in gewissen Zuständen ihres Bewußtseins erheben können zu der Anschauung der Götter. Solche Menschen genießen auch nach dem Tode eine um so lebendigere Gemeinschaft mit den Göttern, um so inniger leben sie mit ihnen zusammen. Und das ist nicht nur den Menschen wohl, das ist auch den Göttern wohl, denn die Menschen bringen hinauf das, was sie sich hier in der physischen Welt an Liebe erobert haben. Die Götter empfangen das als Opfer zurück, was die Menschen in der physischen Welt als Liebe empfangen. Aber immer weniger sind die Menschen geeignet dazu, weil sie die physische Welt immer lieber gewinnen.

[ 9 ] Und für die Seelen derer, die in den Gegenden leben, aus denen die germanischen Völker hervorgegangen sind, ist es so, daß sie nach und nach nur selten zwischen Tod und Geburt des Anblicks der Götter teilhaft werden, daß die Götter nur wenig Gemeinschaft haben mit ihnen. Dadurch entwickelt sich eine gewisse Grundstimmung, eine gewisse Empfindung, daß die Götter den Zusammenhalt, die Herrschaft über die Erde verlieren, die sie ja selbst geschaffen haben. Und aus dieser Empfindung heraus fließt die Vorstellung von der Götterdämmerung. Das ist der wirkliche Grund für die Darstellung der Götterdämmerung: Die Götter müssen sich von der Welt, die sie selbst geschaffen haben, sozusagen zurückziehen. Sie, die selbst noch in der atlantischen Zeit herabgestiegen sind in den Leib vorzüglicher Menschen und die höheren Geheimnisse in den atlantischen Mysterien gelehrt haben, sie mußten sich nach und nach zurückziehen, und es war ihnen nur noch möglich, dadurch mit der physischen Welt in eine Berührung zu kommen, daß sie die fortgeschrittensten Menschen zu ihrem Werkzeug, zu ihrer Hülle machten. Es kam durchaus in der nachatlantischen Zeit vor, und diejenigen, die eingeweiht waren in die alten Druidenmysterien, wissen es, daß zum Beispiel eine uralte atlantische Individualität, die man immer als Sig bezeichnet hat, noch lange nach der atlantischen Katastrophe in der mannigfachsten Weise in den Leibern der europäischen Menschen erschien, und alle die Namen, die sich erhalten haben als Sigfried, Sigurd, die sollen nur exoterisch darauf hindeuten, daß eine alte Individualität immer wieder da war, zuletzt nur noch wahrnehmbar und sichtbar für die in die Mysterien Eingeweihten. Die verbanden sich mit einem solchen höheren Eingeweihten, und immer mehr wurde es notwendig, je mehr wir in unsere Zeit hereinkommen, daß eine solche Individualität sich diejenigen aufsuchte, die schon durch viele Inkarnationen hindurchgegangen und dadurch geläuterte Menschen waren.

[ 10 ] Nunmehr müssen wir, um unsere Zeit vollständig verstehen zu können, den Rand eines großen Geheimnisses berühren, das uns vieles von dem, was sich in unserer Kultur zugetragen hat, verständlich macht. Wir wenden den Blick zunächst noch einmal auf den Mittelpunkt der atlantischen Entwickelung zurück, wo der Mensch, man könnte sagen, zuerst eröffnet erhalten hat die physische Welt. Das war eine Art von Kreuzweg für die Götter, für diejenigen, die in höheren Regionen die alten Genossen der Menschen waren. Der Mensch war aus geistigen Höhen herabgestiegen, immer tiefer in die physische Welt hinein. Er war durch drei Zeitepochen gegangen. Die dritte war die lemurische, die vierte war dann die atlantische, und auf sie folgen drei andere. Wir sind jetzt in der fünften Epoche. Die lemurische Epoche ist diejenige, die durch große Feuerkatastrophen zugrunde gegangen ist, die atlantische ging durch gewaltige Eis- und Wasserkatastrophen unter; unsere Zeit wird ihren Untergang finden durch andere Kräfte, durch ein gewaltiges Überhandnehmen des Egoismus der menschlichen Natur, und _ dadurch durch einen Krieg aller gegen alle. Nur diejenigen, die sich dem spirituellen Leben zuwenden, werden, ebenso wie aus der lemurischen und atlantischen Zeit sich ein Häuflein Menschen den Weg gefunden hat, einen Weg finden über die Katastrophe, die da bedeutet den Krieg aller gegen alle, und dieser Krieg aller gegen alle wird noch viel furchtbarer sein für die Menschenmassen, in denen er auftritt, als die Feuer- und Wasserkatastrophen es waren, wie furchtbar auch der Mensch sie sich vorstellen mag. Und es kann nur die Aufgabe sein derer, die sich heute dem spirituellen Leben zuwenden, daß sie alles daran setzen, daß möglichst viel von den guten Keimen unserer Zeit hinübergerettet wird in den sechsten Zeitraum, der den fünften ablösen wird. Dieser fünfte besteht ja aus großen Unterabteilungen: die altindische Zeitepoche, die persische, die ägyptische, die griechisch-lateinische und "unsere, in der wir leben; und zwei andere, die sechste und siebente, werden ihr folgen bis zum Kriege aller gegen alle.

[ 11 ] So stehen wir heute in der Entwickelung drinnen. Wir haben den Mittelpunkt der Erdentwickelung überschritten. Wären damals gegen die Mitte der atlantischen Zeit, also gerade vor dem Zeitpunkte, wo sie vollständig in die physische Welt eintraten, die Menschenwesen wiederum der Vergeistigung entgegengegangen, dann wären alle die Eroberungen des physischen Planes, von denen wir gestern sprachen, nicht eingetreten. In Wahrheit ist die Menschheit einen Weg hinuntergegangen, immer tiefer in die physische Entwickelung hinein. Der Mensch ist unter denjenigen Punkt hinuntergegangen, der den tiefsten Punkt darstellen würde, wenn er damals schon der Vergeistigung wieder entgegengegangen wäre. Dieser Punkt, der so in der Mitte der atlantischen Zeit liegt, ist ein wichtiger Scheideweg, ein Kreuzweg gewesen für gewisse geistige Wesenheiten. Für sie sollte sich sozusagen entscheiden, ob sie mit hinuntersteigen wollten in eine Art von Abgrund, aus dem sie später sich wieder um so stärker erheben können, eben weil sie dann tiefer gesunken sind und deshalb größere Kräfte entwickeln müssen, oder ob sie den direkten Weg einschlagen wollten. Gewisse geistige Wesenheiten, die früher Genossen der Menschen gewesen waren, schlugen nun den direkten Weg ein, sie beschlossen gewissermaßen, sich nie wieder in menschliche Leiber hineinzubegeben, sie blieben im Reiche der Geister. An ihnen geht also diese Entwickelung der Menschheit mehr oder weniger spurlos vorüber. Dagegen gab es andere göttliche Wesenheiten, unter denen sich zum Beispiel eine große Zahl in der Erinnerung der europäischen und anderer Völker erhalten hat unter den Namen Zeus und Wotan, die beschlossen haben, immer wieder zum Heile der Menschheit menschliche Leiber zu beziehen und herunterzusteigen, um für sie zu wirken. Aber es war nicht allen möglich, in demselben Maße herunterzusteigen, denn dadurch, daß der Mensch immer weiter hinabstieg in die physische Welt, wurden die Leiber ja ein immer weniger geeignetes Werkzeug für die göttlichen Wesenheiten. Immer mehr konnten diese Leiber die sich fortentwickelnden Menschenseelen aufnehmen, und immer weniger konnten sie Werkzeug und Hüllen der göttlichen Wesenheiten sein. Nur diejenigen, die in einer gewissen Weise ihren Leib hinaufläuterten, die durch viele Inkarnationen hindurch einen edlen Leib zustande gebracht hatten, die so stark geläuterte Ätherund physische Leiber hatten, daß sie gewisse Zusammenhänge mit der physischen Welt vollständig in ihrer Seele auslöschten; Menschen, die ihrer ganzen Gesinnung und Wesenheit nach mehr in dem lebten, was nicht auf der Erde war, als in dem, was die Erde bot, nur solche konnten noch die Seelen höherer geistiger Wesenheiten in sich aufnehmen, wie der Mensch in seinem physischen Leibe seine Seele aufnimmt. Aber daher geschah es auch, daß solche Wesenheiten, in denen göttlich-geistige Wesenheiten verborgen waren, welche sozusagen nicht tief genug hinuntersteigen konnten in die physische Welt, in einer eigenartigen Weise vor der Welt dastanden.

[ 12 ] Denken wir uns eine solche Wesenheit, die durch viele Inkarnationen hindurch ihren Leib, das heißt die Kräfte ihres Leibes, die innere Beherrschung ihrer Kräfte so weit ausgebildet hatte, daß sie mehr in der geistigen als in der physischen Welt lebte und dadurch der Träger einer solchen höheren Wesenheit werden konnte. Konnte solch ein Wesen vollständig verstanden werden von denjenigen Menschen, die ganz in die physische Welt herabgestiegen waren, die immer mehr sich bemühten, gerade diesen physischen Plan liebzugewinnen und ihre Arbeit auf diesem physischen Plane zu verrichten? Oder konnte es nicht vielmehr von denen besser verstanden werden, die sich mehr den Charakter einer früheren Zeit erhalten hatten, die mehr Nachzügler früherer Zeitalter geblieben waren? In der Tat konnte eine solche Wesenheit weit besser verstanden werden von den Nachzüglern selbst der atlantischen Zeit. Namentlich sind es die mongolischen Völkerschaften, die nicht so tief hinabgestiegen sind, sich nicht so verstrickt haben in den physischen Plan, auch nicht so viel für dessen Eroberung getan haben wie die europäischen Völker. Wir sehen ja, wie gerade von den letztgenannten Völkern das geleistet wird, was wir die äußere physische Kultur, die Eroberung des physischen Planes nennen, während die Nachzügler, die Spätlinge der atlantischen Kultur etwas Stationäres haben, sich daher nicht in die Welt der nachatlantischen Entwickelung hineinfinden können, weil sie sich gewisse Charaktereigenschaften bewahrt haben und dann degeneriert sind. Man weist vielfach heute darauf hin, daß die Japaner einebedeutsame Entwickelung durchmachen aus ihren Charaktereigenschaften heraus; das ist eine Illusion. Das istkeine Entwickelung, die sie aus ihren Eigenschaften heraus durchmachen; wenn sie im letzten Kriege mit den von europäischen Völkern erfundenen Kriegsschiffen und Kanonen gesiegt haben, so haben sie sich fremder Kultur bedient. Das ist keine Fortentwickelung, wenn ein Volk das angenommen hat, was aus dem Wesen eines fremden Volkes entsprungen ist, sondern nur, wenn es sich aus seiner eigenen Wesenheit heraus entwikkeln kann. Darauf kommt es an. Von solchen Völkern, die in einer gewissen Weise stationär geblieben sind, die Zustände darstellen in einer späteren Zeit, über die die europäischen Völker durch das persönliche Bewußtsein, durch das Freiheitsgefühl herausgewachsen sind, von solchen Völkern konnten geistige Individualitäten, die in der atlantischen Zeit noch Genossen der Menschen waren, verstanden werden. Solchen Menschen mußte daher auch ihre Erziehung zugewendet werden. Und wir sehen da jenes große Geheimnis sich vollziehen, daß in der Tat diese Wesenheiten, welche damals, als die europäische Bevölkerung noch auf einer früheren Stufe der Entwickelung war, vollständig verstanden wurden, sich auch dort inkarnierten und als Lehrer in den großen Einweihungsschulen erschienen und deshalb später auch als Götter verehrt wurden. Wir sehen, wie Wotan, der früher als Eingeweihter in einem Menschenleib gewohnt und in den heiligen Mysterien gelehrt hatte, wie Wotan gerade dadurch, daß er nicht tief genug hinabgestiegen war, sich in jener Menschengruppe verkörpern konnte, die in einer gewissen Weise zurückgeblieben war, die eben deshalb etwas von der Nichtigkeit des physischen Planes fühlte, ihn nicht als vollwertigen Ausdruck der Gottheit ansah, sondern ihn als eine Stätte des Leides, des Wehs, des Schmerzes betrachtete, so daß es wirklich der Seligkeit entsprechend sei, sich von diesem physischen Plane zurückzuziehen.

[ 13 ] Diese Individualität des Wotan — wir sprechen innerhalb einer Gemeinschaft von Schülern der Geisteswissenschaft und deshalb darf hier ein solches Geheimnis berührt werden -, diese Individualität, die wirklich als Wotan gelehrt hat in den Mysterien der germanischen Völker, ist dieselbe, die später zu derselben Mission wieder erschien als Buddha. Keine andere Individualität ist derjenige gewesen, der den Zusammenhang zwischen unserer Welt und den höheren Welten als Buddha vermittelt hat, als jene, die einstmals über die Gegenden Europas zog und deren Erinnerung sich im nordischen Europa unter dem Namen Wotan erhalten hat,

[ 14 ] Auf diese Weise sehen wir, wie für diejenigen Menschen sozusagen gesorgt wurde, die sich gewisse Neigungen und Zusammenhänge mit früheren Zuständen bewahrt hatten, die ein religiöses Leben führten und den physischen Plan nicht liebgewinnen wollten. Und auch die äußerliche historische Erscheinung von der guten Aufnahme des Buddhismus bei den mongolischen Völkerschaften wird Ihnen nun begreiflich erscheinen. Das alles entspricht einer solchen weisen Führung der Menschheit.

[ 15 ] Indem also die Menschheit sich mehr und mehr den physischen Plan erobern mußte, war es in einer späteren Zeit nicht mehr möglich, daß sich solche geistige Wesenheiten unmittelbar in einem Menschenleib verkörperten. Dazu bedurfte es einer stärkeren geistigen Wesenheit, jener Wesenheit, die früher von allen verkündet worden ist, die vor ihr gelehrt haben. Sogar die alten Ägypter, die in dem Osirisnamen noch an ihre Zugehörigkeit zu dem alten Geist der Sonne erinnern, sie sagten: Das Reich des Osiris wird wieder begründet werden auf Erden. — Eine solche Individualität war dazu nötig wie diejenige, die wir als den Christus erkennen. Während er sich sozusagen immer mehr und mehr aus dem Reiche der Gestorbenen zurückzog - und wir sehen ihn förmlich auf der Seite jenseits des Lebens verschwinden -, rückt er von der anderen Seite immer mehr heran, bis er in der vierten Epoche sichtbar verkörpert ist in einem Menschenleibe, allerdings in einem Leibe, der ganz besonders dazu präpariert werden mußte. Solch ein Menschenleib wie diejenigen, die ganz bis zum physischen Plane heruntergestiegen sind, konnte das Christus-Prinzip nicht unmittelbar aufnehmen. Dazu war etwas anderes notwendig. Selbst eine Wesenheit wie diejenige, welche wir ansprechen als Jesus von Nazareth, die viele Inkarnationen durchlebt hatte und auf hoher Stufe angelangt war und eine hohe Einweihungsstufe erreicht hatte, selbst sie war nicht etwa bei ihrer Geburt schon fähig, der Träger der Christus-Individualität zu werden. Wohl aber, nachdem sie sich durch ein Leben von dreißig Jahren dazu vorbereitet hatte, war sie fähig geworden, die äußeren menschlichen Hüllen, den physischen Leib, den Äther- und Astralleib so weit zu läutern und zu reinigen, daß die Individualität des Jesus von Nazareth diese gereinigten Leiber verlassen konnte. Die Individualität des Jesus von Nazareth verließ im dreißigsten Jahre seines Lebens die äußeren Hüllen, die durch die Kraft dieser Individualität gereinigt worden waren. Angedeutet wird dieses Verlassen der äußeren Leibeshüllen im Evangelium durch die Johannes-Taufe im Jordan. Da ist es, wo die Wesenheit ausgetauscht wird, wo die Christus-Individualität Besitz ergreift, jetzt nicht von einem gewöhnlichen Menschenleibe, sondern von einem Leibe, der rein, geläutert ist in dreißig Jahren. So haben wir die drei Jahre, in denen der Christus auf Erden wandelte im Leibe des Jesus, und die im Evangelium als die Jahre zwischen der Taufe und dem Mysterium von Golgatha angedeutet werden. Nicht wie im gewöhnlichen Laufe der Dinge erschien hier eine Individualität so, daß sie schon bei der Geburt sich solche Gestalt zu geben vermochte, wie sie die Erfahrung vieler Inkarnationen möglich machte, sondern so, daß diese Individualität in einem Leibe aufgenommen wurde, der in einem dreißigjährigen Verstricktsein in der physischen Welt gelebt, der voll der physischen Welt zugewendet war, welche durch den Christus den großen Impuls empfangen sollte. Dadurch geschah bei dieser Aufnahme der Christus-Individualität in die drei Leiber des Jesus von Nazareth etwas sehr, sehr Bedeutungsvolles, etwas, was der Esoteriker auch im Evangelium lesen kann, wenn er wirklich in ihm zu lesen versteht. Es steht darinnen, nur stehen solche Dinge verhüllt.

[ 16 ] Bei dieser Taufe, da, wo das bedeutungsvolle Symbol der Taube erscheint über dem Kopfe des Jesus, der nicht bloß inspiriert, sondern unmittelbar intuitiert wird von dem Christus, schießt etwas durch den ganzen Leib des Jesus von Nazareth bis in diejenigen Glieder hinein, welche in der heutigen Menschheitsentwickelung am meisten dem Einflusse des Menschen entzogen sind: bis in die Knochen hinein geschieht etwas. Jetzt sage ich etwas, was dem materialistischen Bewußtsein der Gegenwart als ein Wahnsinn erscheint, aber das macht nichts. Bis in.die Knochen hinein erstreckte sich die Wirkung, als durchglüht und durchfeuert wurde der Leib des Jesus von Nazareth von der Christus-Individualität, von dem hohen Sonnengeiste. Wenn Sie einen Knochen verbrennen, dann verbrennt die Knorpelmasse, und die Knochenasche bleibt zurück. Es ist etwas, was Ihnen dadurch anschaulich wird, daß sozusagen durch die dem Feuer entgegengesetzte, aber daher auch mit ihm verbundene Macht zusammengehalten wird Knochenmineralmasse und Knorpelmasse. Das ist heute vollständig der Willkür des Menschen entzogen; das wurde aber in die Willkür dessen gestellt, der später das Ereignis von Golgatha durchmachen sollte. Der Mensch ist heute imstande, seine Hand zu bewegen, aber er hat keine Gewalt, hineinzuwirken in die chemischen Kräfte seiner Knochen, er ist verfestigt in seinen Knochen. Herrschaft über die Kraft, die Knorpelmasse und Knochenasche zusammenhalten, erhielt als einziger Leib, den es je auf der Erde gegeben hat, der Leib des Jesus von Nazareth durch die Intuition des Christus. Das wird uns damit angedeutet, daß durch dieses Beherrschen der Knochen diejenige Kraft in die Welt kam, welche imstande ist, den Tod wirklich zu besiegen in der physischen Materie. Denn die Knochen sind schuld an dem Tode des Menschen; dadurch, daß der Mensch so gestaltet wurde, daß er die feste Knochenmasse sich eingliederte, verstrickte er sich mit dem Mineralischen der Erde. Dadurch wurde ihm der Tod eingeboren, und nicht umsonst wird der Tod durch das Skelett dargestellt; solche Darstellung hat ihre große Berechtigung.

[ 17 ] Das ist die lebendige Kraft, die in der Lage ist, die Knochen einst wiederum zurückzuverwandeln, das heißt, allmählich in die Geistigkeit zu führen, was in der künftigen Mission der Erdentwickelung geschehen wird. Daher durfte auch keine fremde physische Macht eingreifen in dieses Knochengewebe: Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen! Den anderen, die ans Kreuz gehängt wurden, wurden die Beine zerbrochen. An ihm mußte sich das Prophetenwort erfüllen: «es soll ihm kein Bein zerbrochen werden», damit dasjenige, was als ein großer, gewaltiger Zentrumsimpuls der Erde mitgeteilt worden war, nicht zerstört würde durch einen fremden Einfluß. So wirkte damals in dem Mysterium, das sich bei der Johannes-Taufe vollzog, der hohe Sonnengeist, der durch seine Trennung von der Erde die Menschheit in die physische Materie kommen ließ, der sie erst in die Verknöcherung gebracht hatte: so wirkte er, daß sie nun den Impuls bekam, diese Verknöcherung aufzuheben, zu vergeistigen. So gewagt es erscheint, in unserer heutigen Zeit solche Dinge zu sagen: es ist die Mission der anthroposophischen Weltbewegung, diese Dinge auch einmal auszusprechen, die in den Mysterien immer bekannt waren und immer gelehrt und geschaut wurden. Dadurch aber, daß dies sich vollzogen hat, wurde ein anderes Mysterium möglich, und nur dadurch wurde es möglich.

[ 18 ] Sie wissen alle, daß die einzelnen Teile des physischen Leibes den menschlichen Wesensgliedern entsprechen: der physische Leib entspricht sich selbst, das Drüsensystem entspricht dem Ätherleib, das Nervensystem dem Astralleib, das Blutsystem dem Ich. Äußerlich physisch schlug das Ich in die Menschheit dadurch ein, daß die Menschen physisch immer mehr und mehr mit dem Blute begabt wurden, und dadurch wurde der Mensch immer mehr fähig, sich in die physische Welt, in das Materielle hinunterzubegeben, daß die Welt des Blutes immer stärker und stärker wurde. Es mußte ein Zeitpunkt kommen, wo das überschüssige Blut geopfert werden mußte. So horribel es auch für den Chemiker erscheinen mag, es ist doch wahr, daß das überschüssige Ich, jenes Ich, welches die Menschheit ganz und gar hineingebracht hätte in den Krieg aller gegen alle durch das Überhandnehmen des Egoismus, daß jenes überschüssige Blut abgeflossen ist durch die Wunden des Erlösers auf Golgatha. In demselben Augenblick, da die Wunden des Erlösers flossen, in demselben Augenblick war in der Menschheit der Keim gelegt, sich wieder zu erheben aus dem Orte, wohin sie tief hinuntergesunken war. Wären die Menschen damals schon, in der mittelatlantischen Zeit, umgekehrt, dann wären sie niemals zur vollen Selbständigkeit gelangt. Sie mußten den physischen Plan erobern. Dann aber war auf diesem physischen Plane ein um so stärkerer Impuls nötig, und dieser Impuls kam durch den Christus. Und weil er stärker war, konnte er nicht nur die Menschheit aus der Gesunkenheit heraufführen, sondern noch etwas anderes, Wichtiges ist dadurch geschehen! Ein Stück Welt ist erobert worden durch den Menschen, das eingefügt wird den geistigen Welten, das zurückgetragen wird zu den geistigen Welten.

[ 19 ] Wir sahen gestern, daß, als die griechisch-lateinische Zeit gekommen war, die Menschen so weit in der Eroberung der physischen Welt waren, so tief in diese physische Welt verstrickt waren, daß sie einen Gott in Menschengestalt haben mußten, um ihn überhaupt wahrzunehmen, denn sie wären nicht mehr hinaufgedrungen in die geistige Welt, um so etwas zu begreifen. In der Zwischenzeit hatten sich auch auf der anderen Seite des Lebens — zwischen Tod und neuer Geburt — die Verhältnisse geändert. Dadurch, daß der Mensch mehr und mehr hinabgestiegen ist auf den physischen Plan, ihn immer mehr liebgewonnen hat, immer mehr Genuß aus ihm gesogen hat, ist ihm immer weniger wahrnehmbar geworden, was drüben, jenseits des Lebens war. Der Mensch blieb sozusagen mit einem guten Stück Erinnerung an diese Welt, wenn er drüben zwischen Tod und neuer Geburt lebte. Auch das hat sich in der Sage erhalten. Wenn uns aus der griechischen Kultur heraus erzählt wird, daß der Held Achilleus sagt: Lieber ein Bettler sein in der physischen Welt, als ein König auf der anderen Seite -, so ist das ein wahrer Ausdruck für diese Zeit. Dadurch, daß der Mensch so viel von diesem physischen Plane erobert hatte, sehnte er sich zurück nach diesem physischen Plane, der ihn aber nicht viel hat mitnehmen lassen hinüber in jener Zeit. Erst dadurch, daß der Christus auf der Erde erschienen ist, daß der Mensch schon in Vorbereitung während der alttestamentlichen Zeit von einem Christus erfahren hat, erst dadurch, daß der Mensch sozusagen hier im irdischen Dasein die Gestalt des Christus in seinen Geist, in seine Vorstellung aufnahm, nahm er aus der physischen Welt in das Jenseits mit hinüber, was ihm das Licht wiederum brachte in der jenseitigen Welt. Er nahm das mit hinüber, was diese jenseitige Welt wieder hell und klar macht, was ihm dort den Christus wiedergibt, und zwar in höherem Glanze gibt als in der diesseitigen Welt. Daher sehen wir, wie sich das jenseitige Bewußtsein der Menschheit immer mehr trübt, je mehr es sich der Zeit nähert, die wir gestern beschrieben haben, und wie es sich dann aufhellt dadurch, daß der Mensch im Diesseits den Christus kennenlernt, daß er kennenlernt, was von dem Christus berichtet wird. Denn das, was er in der diesseitigen Welt von ihm aufnimmt, das geht ihm in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt nicht verloren, das nimmt er mit sich, und das ist es, was dem Ausdruck «sterben in den Christus hinein» entspricht.

[ 20 ] So sehen wir, wie durch diese Entwickelung der Welt nicht nur das Leben der Lebendigen, sondern das Leben der Toten sich verändert. Und weil die Toten von dem, was sie hier von dem Christus lernten, von der Kraft, die sie hier von dem Christus erworben haben, zehren zwischen Tod und Geburt, weil ihnen das dort ihre Früchte bringt, und weil sie doch immer wiederkehren in immer neuen Inkarnationen, werden sie auch in immer mächtigeren, Christus-erfüllten Menschenleibern erscheinen und die Erde immer mehr zu einem Ausdruck dessen machen, was der Christus in der Umgestaltung der physischen Welt, in der Höherführung der Erde zu kommenden Stufen werden kann.

[ 21 ] So sehen wir, wie Diesseits und Jenseits zusammenarbeiten, um die Erde wieder reif zu machen zu dem, was wir betrachtet haben: daß durch die Einverleibung des Christus-Geistes sie sich wieder vereinigen wird mit der Sonne, und daß dadurch innerhalb des ganzen Kosmos eine höhere Stufe erstiegen wird. Daher ist dies Ereignis, die Erscheinung des Christus, nicht nur eine Tatsache, die für die Menschen von Wichtigkeit ist, sondern die Bedeutung hat für die Entwickelung des Kosmos.