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The Rudolf Steiner Archive

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Ägyptische Mythen und Mysterien
als symbolischer Ausdruck vergangener
im Verhältnis zu den wirkenden Geisteskräften der Gegenwart
GA 106

12 September 1908, Leipzig

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Es gibt viele Mythen und Sagen der alten Ägypter, welche in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung wohlbekannt waren und auch wieder bekannt werden, welche aber eigentlich nicht vermittelt sind in der äußerlichen, geschichtlichen Tradition, die von den Ägyptern meldet. Einige dieser Mythen sind uns dann in jener Form geschichtlich erhalten, in der sie in Griechenland heimisch wurden, denn der größere Teil der nicht auf den Zeus und seine Familie bezüglichen Sagen Griechenlands ist aus den ägyptischen Mysterien herübergekommen. Und wir werden uns heute zu beschäftigen haben mit allerlei Sagenhaftem, das wir brauchen, wenn auch eine heutige Kulturgeschichte behauptet, daß eigentlich wenig für die Menschen in der griechischen Mythologie enthalten sei.

[ 2 ] Wozu mußten wir uns denn anschauen sozusagen die andere Seite der menschlichen Entwickelung, das heißt die geistige Seite? Alles, was wir auf dem physischen Plan sehen, bleibt immer Ereignis, Tatsache des physischen Plans. Aber in der Geisteswissenschaft interessiert uns nicht nur dasjenige, was auf dem physischen Plan lebt, sondern auch alles das, was in den geistigen Welten vorgeht.

[ 3 ] Wir wissen ja aus dem, was wir in geisteswissenschaftlichen Vorträgen gehört haben, was mit dem Menschen sich abspielt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wir brauchen uns nur zu erinnern, daß der Mensch im 'Tode übergeht in den Bewußtseinszustand, den wir Kamaloka nennen, in dem der Mensch, wenn er auch ein geistiges Wesen geworden ist, festgehalten wird durch den astralischen Leib. Es ist das die Zeit, wo der Mensch noch etwas verlangt von der physischen Welt, wo er leidet darunter, wo er etwas entbehrt dadurch, daß er nicht mehr in der physischen Welt ist. Dann kommt die Zeit, in welcher der Mensch sich vorzubereiten hat auf ein neues Leben: der Bewußtseinszustand des Devachan, wo der Mensch nicht mehr unmittelbar mit der physischen Welt, mit dem, was physische Eindrücke sind, zusammenhängt. Wollen wir uns vorstellen, wie sich das Kamalokaleben von dem Devachanleben unterscheidet, so können wir zwei Beispiele betrachten.

[ 4 ] Wir wissen, daß der Mensch, wenn er gestorben ist, nicht gleich mit seinem Sterben seine Begierden und Wünsche verliert. Nehmen wir an, der Mensch ist im Leben ein Feinschmecker gewesen, der einen großen Genuß empfunden hat an leckeren Speisen. Wenn er gestorben ist, verliert sich nicht sogleich diese Genußsucht, dieser Wunsch nach leckeren Speisen. Der Mensch hat ja diese Wünsche nicht in dem physischen Leibe, sondern im Astralleib. Daher, weil der Mensch nach dem Tode den Astralleib behält, behält er auch den Wunsch, aber ihm fehlt das Organ, um diese Wünsche zu befriedigen: der physische Leib. Der Wunsch nach der Speise hängt nicht ab vom physischen Leib, sondern vom Astralleib, und da tritt nach dem Tode eine wahre Gier auf im Menschen nach demjenigen, was ihn im Leben am meisten befriedigte. Daher leidet der Mensch nach dem Tode so lange, bis er sich den Wunsch nach dem Genuß abgewöhnt hat, bis er abgeworfen hat alles, was er durch die physischen Organe an Begierden großgezogen hat. So lange befindet sich der Mensch im Kamaloka. Dann beginnt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr Ansprüche dieser Art erhebt, die nur durch physische Organe befriedigt werden können. Dann geht er ein ins Devachan.

[ 5 ] In demselben Maße, in dem der Mensch aufhört an die physische Welt gefesselt zu sein, in demselben Maße beginnt er ein Bewußtsein. für die devachanische Welt zu erlangen. Sie leuchtet immer mehr und mehr auf. Nur hat er dort heute noch kein Ich-Bewußtsein wie in diesem Leben. Er ist dort noch nicht selbständig. Im Devachanleben fühlt sich der Mensch wie ein Glied, wie ein Organ der ganzen geistigen Welt. So wie die Hand sich als Glied am physischen Organismus nur fühlen würde, wenn sie fühlte, so fühlt der Mensch in seinem Devachanbewußtsein: Ich bin ein Glied der geistigen Welt, ein Glied auch der höheren Wesen. Er wird erst seiner Selbständigkeit entgegenwachsen. Aber er arbeitet auch jetzt schon dort mit am Kosmos, er arbeitet mit am Pflanzenreich aus der geistigen Welt heraus. Der Mensch arbeitet an allem mit, nicht aus eigener Berechnung, sondern als dienendes Glied der geistigen Welt. Wenn wir nun so schildern dasjenige, was der Mensch zwischen Tod und einer neuen Geburt erlebt, so dürfen wir uns nicht vorstellen, daß die Ereignisse der devachanischen Welt nicht auch einer Veränderung unterlägen. Die Menschen haben so im geheimen das Bewußtsein, daß hier unsere Erde zwar veränderlich sei, daß drüben aber, jenseits des Todes, alles gleich bleibe. Das ist gar nicht der Fall. Wenn heute so geschildert wird der Aufenthalt im Devachan, so bedeutet das, daß dieses ungefähr der heutige Zustand des Devachan ist. Aber erinnern wir uns, wie es wat, als unsere Seelen in der Zeit der ägyptischen Kultur verkörpert waren. Damals sahen wir auf die gigantischen Pyramiden und auf die anderen großen Bauwerke hin. In früheren Zeiten sah es auf dieser Seite, der physischen Seite, ganz, ganz anders aus. Denken wir daran, wie sich das Antlitz der Erde seit damals sehr, sehr verändert hat. Wir brauchen nur die materialistische Wissenschaft zu verfolgen, und wir werden finden, wie zum Beispiel vor wenigen Jahrtausenden ganz andere Tiere in Europa waren, wie Europa ganz anders aussah. Das Antlitz der Erde ändert sich fortwährend, und daher kommt es, daß der Mensch immer wieder in neue Daseinsverhältnisse tritt. Das erscheint jedem ganz einleuchtend. Aber, wenn man die Verhältnisse der geistigen Welt schildert, dann glauben die Menschen so leicht, daß dasjenige, was in der geistigen Welt geschehen ist, wenn sie etwa tausend Jahre vor Christus gestorben sind, daß das, was sich drüben zugetragen hat, ganz genau dasselbe gewesen wäre wie dasjenige, was sich heute zuträgt, wenn sie heute wiedergeboren werden und heute wieder sterben.

[ 6 ] Genau wie der physische Plan sich ändert, so ändern sich tatsächlich die Verhältnisse in der anderen Welt. Der Aufenthalt im Devachan war etwas ganz anderes als heute, wenn man eintrat ins Devachan aus dem ägyptischen Leben oder aus dem griechischen Leben. Auch da geht eine Evolution vor sich. Es ist ja nur natürlich, daß wir jetzt die gegenwärtigen Verhältnisse des Devachan schildern; die Verhältnisse haben sich aber geändert. Wir können das schon annehmen, wenn wir auf dasjenige hinblicken, was uns die letzten Vorträge und ihre Schilderungen gebracht haben.

[ 7 ] Wir haben gesehen, wie der Mensch, wenn wir weiter zurückgehen, bis zur atlantischen Zeit mehr in der geistigen Welt lebte, wie er während des Schlafens in der geistigen Welt verkehrte. Wir fanden, daß das dann immer mehr abnimmt. Wenn wir jedoch weit genug zurückgehen, dann finden wir, daß der Mensch da überhaupt in der geistigen Welt lebt. In alten Zeiten ist auch der Unterschied zwischen Schlaf und Tod kein so großer. In urferner Vergangenheit haben die Menschen lange Schlafperioden gehabt. Das fiel ungefähr mit dem Zeitraum zusammen, der heute dutch eine Inkarnation und durch das Leben nach dem Tode durchlaufen wird. Dadurch, daß der Mensch herunterstieg auf den physischen Plan, wurde er auch immer mehr verstrickt in diesen physischen Plan. Es ist gezeigt worden, wie der Inder in eine hohe Welt blickte, wie der Mensch in Persien schon versuchte, den physischen Plan zu erobern. Immer weiter stieg der Mensch herunter, und eine Ehe zwischen Geist und Materie, zwischen den geistigen Welten und dem physischen Plan war eingetreten in der griechisch-lateinischen Zeit. Je mehr sich der Mensch hereinlebte in die Mitte dieser letzten Epoche, um so mehr lernte er lieben die physische Welt und an ihr Interesse gewinnen. Damit änderte sich aber auch alles, was wir Erlebnisse nennen zwischen Tod und neuer Geburt.

[ 8 ] Wenn wir bis in die erste Zeit der nachatlantischen Epoche zurückgehen, da finden wir, daß die Menschen wenig Interesse haben an dem physischen Plan. Die Eingeweihten der damaligen Zeit konnten entrückt werden in hohe Welten, in die devachanischen Welten, und sie teilten dann ihre Erlebnisse den anderen Menschen mit. In dem Menschen, der mit allen Gedanken, mit allen Sinnen sich hinauf entrückt fühlte in die wahre Welt, in die eigentliche Heimat, bewirkte dies, daß er wenig Interesse hatte an den Verhältnissen des physischen Planes. Wenn er aber aufrückte in das Devachan, nachdem er sich kaum mit der physischen Welt verbunden hatte, dann besaß er im Devachan ein verhältnismäßig helles Bewußtsein. Wenn dann ein solcher Mensch in der persischen Kultur sich wiederum inkarnierte, dann fühlte er sich schon mehr verwachsen mit der physischen Materie, da war es so, daß er einbüßte an Klarheit des Bewußtseins im Devachan. In der ägyptisch-chaldäischen Zeit, wo der Mensch anfing die äußere physische Welt lieb zu gewinnen, da war es so, daß er im Devachan schon ein sehr getrübtes, schattenhaftes Bewußtsein hatte. Dieses Bewußtsein war zwar der Art nach immer noch höher als das Bewußtsein in der physischen Welt, aber dem Grade nach sinkt es immer mehr herunter und wird immer dunkler bis zur griechisch-lateinischen Zeit. In dieser Zeit wurde das devachanische Bewußtsein immer dunkler und schattenhafter. Es war nicht ein Traumbewußtsein; das war es niemals. Es war ein Bewußtsein, auf das man aufmerken konnte; es war noch ein Bewußtsein, dessen sich der Mensch bewußt war. Eine Verdunkelung dieses Bewußtseins fand also mit dem Fortgang der Entwickelung statt.

[ 9 ] Die Mysterien waren im wesentlichen dafür da, es dem Menschen möglich zu machen, daß er nicht nur ein schattenhaftes Bewußtsein in der geistigen Welt hatte, sondern das Bewußtsein wieder aufzuhellen. Denken wir uns, es hätte keine Mysterien gegeben, es wären keine Eingeweihten dagewesen. Dann würde der Mensch ein immer dämmerhafteres, immer schattenhafteres Bewußtsein gehabt haben in den geistigen Welten. Einzig dadurch, daß parallel mit der Verdunkelung des Bewußtseins im Devachan die Einweihung in die Mysterien ging, und damit die Aneignung gewisser Fähigkeiten, mit denen auserlesene Menschen schon hineinsahen in die geistigen Welten in heller Klarheit, einzig dadurch, daß die Eingeweihten in Mythen und Sagen darüber berichten konnten, ist sozusagen eine Schattierung von Hellerem, von Lichterem hineingekommen in das devachanische Bewußtsein zwischen Tod und einer neuen Geburt. Bei allen denjenigen aber, die sich schon so recht hineingefunden hatten in die physische Welt, war es so, daß sie schon empfunden haben dieses Abdämmern des Bewußtseins in der geistigen Welt, und es ist kein Märchen, es ist Wahrheit, daß der Eingeweihte in den eleusinischen Mysterien eine ganz besondere Erfahrung hat machen können. Das Einweihungsprinzip ist, daß der Mensch schon während des Lebens in die Welten des Geistes steigen und erfahren kann, was da vor sich geht. Der damalige Eingeweihte hat in der Tat unmittelbar von den Schatten in der geistigen Welt erfahren können. Es ist wirklich ein Ausspruch eines Eingeweihten, wenn es heißt: Oh, besser ein Bettler in der physischen Welt als ein König im Reiche der Schatten. Dieser Ausspruch ist aus den Erfahrungen der Eingeweihten heraus gesprochen. Solche Dinge können wir nicht tief genug nehmen, und wir verstehen sie erst dann, wenn wir die Tatsachen der geistigen Welt kennen.

[ 10 ] Jetzt wollen wir das, was gestern in abstrakter Form angedeutet worden ist, in eine konkretere Form bringen.

[ 11 ] Wäre nichts anderes eingetreten als das Heruntersteigen der Menschen in die physische Welt, immer dunkler wäre das Bewußtsein geworden zwischen Tod und einer neuen Geburt. Die Menschen hätten zuletzt den Zusammenschluß mit der geistigen Welt vollständig verloren. Nun mag es noch so sonderbar erscheinen demjenigen, der auch nur noch ein klein wenig angekränkelt ist im Inneren von irgendeiner Form des Materialismus, wahr ist es doch, was ich jetzt sagen werde. Wäre jetzt nichts eingetreten in der Entwickelung der Menschheit, dann wäre die Menschheit geistig dem Tode verfallen. Aber es ist eine Möglichkeit der Aufhellung des Bewußtseins zwischen Tod und einer neuen Geburt vorhanden, und diese Aufhellung kann entweder durch die Einweihung selbst errungen werden, oder heute schon in einem niedrigeren Grade dadurch, daß der Mensch schon in diesem Leben teilnimmt an der geistigen Welt, daß er schon Erlebnisse hat, die nicht mit seinen Leibern absterben, die mit ihm verbunden bleiben in seinem ewigen Wesenskern, auch in der geistigen Welt. Dafür sorgten nun die Mysterien, die ganze geistige Entwickelung, es sorgten dafür die großen Eingeweihten vor Christus und vor allem die Wesenheit selbst, die wir als Christus kennen. Alle anderen Eingeweihten waren in gewisser Weise Vorläufer des Christus, es waren Vorausgesandte, die auf das Erscheinen des Christus hinwiesen.

[ 12 ] Es soll die Erscheinung der Christus-Gestalt jetzt einmal geschildert werden. Denken wir uns einen Menschen, der nie etwas gehört hätte von dem Christus, welcher niemals die Geheimnisse des Johannes-Evangeliums in sich hätte aufnehmen können, der niemals sich hätte sagen können: Ich will dem Christus, der da lebt und wirkt, nachleben, seine Grundsätze will ich aufnehmen in meine Wesenheit. -— Denken wir uns also, der Christus wäre einem solchen niemals nahegetreten, er würde jenen Schatz nicht mit in die geistige Welt nehmen können, den der Mensch heute mitnehmen muß, wenn er die Verdunkelung seines Bewußtseins vermeiden will. Dasjenige, was der Mensch mitnimmt als Christus-Vorstellungen, das ist eine Kraft, die das Bewußtsein nach dem Tode hell macht, die den Menschen errettet vor dem Schicksal, das die Menschen gehabt hätten, wenn nicht Christus erschienen wäre. Wenn Christus nicht erschienen wäre, so würde das Menschenwesen zwar erhalten bleiben, aber das Bewußtsein würde sich nach dem Tode nicht erhellen können. Das ist dasjenige, was dem Auftreten des Christus die eigentliche Bedeutung gibt, daß dem Wesenskern des Menschen etwas einverleibt wird, was eine weite Bedeutung hat. Das Ereignis von Golgatha bewahrt den Menschen vor dem geistigen Tode, wenn er es mit seinem eigenen Wesen identifiziert.

[ 13 ] Wir dürfen nun nicht glauben, daß die anderen großen Menschheitsführer nicht eine ähnliche Bedeutung hätten. Es handelt sich nicht darum, daß ein ausschließliches Dogma für das Christentum in Anspruch genommen werden soll. Das wäre ein Verstoß gegen das wahre Christentum, denn derjenige, der die Tatsachen kennt, der weiß, daß auch in den alten Mysterien das Christentum gelehrt worden ist. Und ein solches Wort, wie Augustinus es sprach, ist tief wahr: «Was man gegenwärtig die christliche Religion nennt, bestand schon bei den Alten und fehlte nicht in den Anfängen des Menschengeschlechtes, bis Christus im Fleische erschien, von wo an die wahre Religion, die schon vorher vorhanden war, den Namen der christlichen erhielt.» Es kommt nicht darauf an, daß man es so nennt, sondern daß man recht versteht die Bedeutung des Christus-Impulses. Und wie der Christus die Gestalt war, die auftrat beim tiefsten Punkt der Entwickelung, so war es auch bei Buddha, Hermes und den anderen großen Wesenheiten so, daß sie durchaus das prophetische Bewußtsein hatten, daß der Christus kommen werde, daß er in ihnen selber lebte.

[ 14 ] Insbesondere können wir das sehen, wenn wir es an der Gestalt des Buddha studieren, und wir müssen uns klarmachen, was er war. Was war denn Buddha eigentlich? Wir müssen da etwas berühren, was nur unter Schülern der Geisteswissenschaft gesagt werden kann. Die Menschen, auch die Theosophen, stellen sich die Geheimnisse der Reinkarnation gewöhnlich viel zu einfach vor. Man darf sich nicht vorstellen, daß irgendeine Seele, die heute in ihren drei Leibern verkörpert ist, einfach in einer vorhergehenden Inkarnation sich verkörperte und dann wieder in einer vorhergehenden Inkarnation, der dann wieder eine solche voranging, immer nach demselben Schema. Die Geheimnisse liegen viel komplizierter. Trotzdem sich A. P. Blavatsky viel Mühe gab, ihren intimen Schülern zu zeigen, wie kompliziert diese Geheimnisse liegen, wird das heute doch noch nicht richtig verstanden. Man stellt sich einfach vor, daß eine Seele immer wieder in einen Körper geht. So einfach liegt das nicht. Wir können oftmals eine historische Gestalt nicht in ein solches Schema bringen, wenn wir sie richtig verstehen wollen. Wir müssen da vielfach viel komplizierter zu Werke gehen.

[ 15 ] Wir treffen schon in der Atlantis Wesen, die um den Menschen herum sind wie die heutigen Mitmenschen, die der Mensch dann aber sah und kennenlernte, wenn er leibentrückt war oben in der geistigen Welt. Es ist schon gesagt worden, wie er da den Thor, den Zeus, den Wotan, den Baldur als wirkliche Genossen kennengelernt hat. Bei Tage lebte er in der physischen Welt, aber im anderen Bewußtseinszustand lernte er geistige Wesenheiten kennen, die nicht denselben Entwickelungsgang durchmachten wie er. Der Mensch hatte in der Urzeit der Erde auch noch nicht einen so dichten Leib wie heute; von einem Knochengerüst war in einer bestimmten Zeit noch keine Rede. Den atlantischen Leib hat man nur bis zu einem gewissen Grade mit physischen Augen sehen können. Aber es gab Wesen, die nur soweit herunter kamen, daß sie sich durchaus nur in einem Ätherleibe inkarnierten. Dann gab es Wesen, die damals, als die Luft noch durchsetzt war von Wasserdünsten, sich noch verkörperten. Damals, als der Mensch noch in der Wasser-Nebel-Atmosphäre lebte, waren ihnen diese Verkörperungen noch möglich. Eine solche Gestalt war zum Beispiel der spätere Wotan. Er sagte sich: Wenn der Mensch sich so verkörpert in dieser lichtflüssigen Materie, dann kann ich das auch tun. - Es nahm ein solches Wesen Menschengestalt an und ging in der physischen Welt herum. Aber als dann die Erde immer dichter wurde und auch der Mensch immer dichtere Formen annahm, da sagte sich Wotan: Nein, in diese dichte Materie gehe ich nicht hinein. — Er blieb dann in unsichtbaren Welten, in erdenentrückteren Welten. Das war überhaupt so mit den göttlichgeistigen Wesen.

[ 16 ] Von da an konnten sie aber etwas anderes tun. Dafür konnten sie mit Menschen, die ihnen entgegenkamen, die sich von unten herauf entwickelten, mit denen konnten sie eine Art Verbindung eingehen. Denken wir uns das so: Der Entwickelungsgang des Menschen war so, daß er auf dem tiefsten Punkt der Entwickelung ankam. Bis zu diesem Punkte gingen die Götter in Gemeinschaft mit den Menschen mit. Dann aber schlugen Sie einen anderen Weg ein, der für die Menschen auf dem physischen Plan unsichtbar war. Aber wenn es Menschen gab, die ein Leben nach der Anordnung von Eingeweihten führten und die dadurch ihre feineren Leiber läuterten, dann kamen sie den Göttern gewissermaßen entgegen; so daß der Mensch, der im Fleisch verkörpert war, wenn er sich läuterte, das so tun konnte, daß er imstande war, überschattet zu werden von einem solchen Wesen, das nicht bis zum physischen Leibe heruntersteigen konnte. Der physische Leib wäre zu grob gewesen für ein solches Wesen. Für einen solchen Menschen trat das ein, daß der Astralleib und der Ätherleib durchsetzt wurden von einem solch höheren Wesen, das sonst keine Menschengestalt für sich selber gehabt hat, das aber in ein anderes Wesen hineinfuhr und durch ein anderes Wesen sich verkündete.

[ 17 ] Wenn wir diese Erscheinung kennen, dann werden wir uns die Inkarnation doch nicht so einfach vorstellen. Es kann durchaus einen Menschen geben, der die Wiederverkörperung eines früheren Menschen ist, der sich hoch entwickelt hat, der seine drei Leiber soweit geläutert hat, daß er nun ein Gefäß ist einer höheren Wesenheit. Und so wurde Buddha ein Gefäß für Wotan. Dieselbe Wesenheit, die Wotan genannt wurde in den germanischen Mythen, die trat als Buddha wieder auf. Buddha und Wotan sind sogar sprachlich verwandt. Wir können sagen, daß vieles von demjenigen, was die Geheimnisse der atlantischen Zeit waren, damit überging auf das, was der Buddha verkündigen konnte. Und damit steht es im Einklange, daß dasjenige, was der Buddha erlebte, etwas ist, was die Götter erlebt hatten in jenen geistigen Sphären, was auch die Menschen erlebt hatten, als sie noch selbst in jenen Sphären waren. Als so die Lehre des Wotan wieder auftrat, da war sie eine Lehre, die wenig Rücksicht nahm auf den physischen Plan, die nur betonen mußte, daß der physische Plan eine Stätte des Schmerzes ist und daß die Erlösung davon viel bedeute — denn es sprach viel von der Wotanwesenheit im Buddha. Deshalb haben das tiefste Verständnis für die Buddhalehren diejenigen gezeigt, die Nachzügler waren aus der Atlantis. Es sind unter der asiatischen Bevölkerung solche zurückgeblieben, die als Rassen durchaus stehengeblieben sind auf der atlantischen Stufe. Natürlich mußten sie äußerlich mit der Erdenentwickelung fortschreiten. In den mongolischen Völkern ist viel von der Atlantis zurückgeblieben; sie sind Nachzügler der alten Bevölkerung der Atlantis. Der stationäre Zug in der mongolischen Bevölkerung ist eine solche Erbschaft aus der Atlantis. Daher dienen die Lehren des Buddha vorzugsweise solchen Völkerschaften, und der Buddhismus hat große Fortschritte bei diesen Völkern gemacht.

[ 18 ] Die Welt schreitet fort, sie geht ihren Gang. Derjenige, der hineinschauen kann in die Weltenentwickelung, der wählt nicht, der sagt nicht, ich habe mehr Geschmack an diesem oder jenem, der sagt: Das sind geistige Notwendigkeiten, welche Religion ein Volk hat. Und dadurch, daß die europäische Bevölkerung sich in die physische Welt verstrickte, dadurch ist es ihr unmöglich, sich hineinzufühlen in den Buddhismus, sich zu identifizieren mit dem Innersten der Lehre des Buddha. Der Buddhismus konnte niemals eine Menschheitsreligion werden. Für denjenigen, der sehen will, gibt es da keine Sympathie oder Antipathie, sondern nur ein Urteilen nach den Tatsachen. Ebenso falsch, wie es wäre, aus einem Zentrum Asiens heraus, wo noch andere Völker sitzen, das- Christentum ausbreiten zu wollen, ebenso falsch ist der Buddhismus für die europäische Bevölkerung. Keine Religionsanschauung ist richtig, die nicht für die innersten Bedürfnisse der Zeit geschaffen ist; eine solche kann niemals einen Kulturimpuls geben. Das sind Dinge, die man begreifen muß, wenn man die Zusarmmenhänge wirklich verstehen will.

[ 19 ] Aber man darf nicht glauben, daß die historische Erscheinung des Buddha sich alles dessen bewußt gewesen wäre, was in seiner Erscheinung vorlag. Wenn ich das alles auseinandersetzen wollte, brauchte ich mehrere Stunden dazu. Wir haben die Kompliziertheit des histotischen Buddha noch lange nicht erschöpft. In dem Buddha lebte noch etwas. Es ist nicht nur eine Wesenheit, die herüberkam aus der atlantischen Zeit, und die sich in dem verkörperte, der nebenbei auch noch ein menschlicher Buddha war; außer diesem war in ihm noch etwas anderes enthalten, etwas, von dem er sagen konnte: Das kann ich noch nicht umfassen, das ist etwas, was mich beseelt, aber ich nehme nur daran teil. - Das ist die Christus-Wesenheit. Sie beseelte schon die großen Propheten. Sie war eine wohlbekannte Wesenheit in den älteren Mysterien, und immer wies man überall auf den hin, der da kommen werde.

[ 20 ] Und er kam! Aber er kam wiederum, indem er sich fügte den historischen Notwendigkeiten, welche der Evolution zugrundeliegen. In einem physischen Leibe hätte er sich ohne weiteres nicht verkörpern können. Es war noch möglich, daß er sich wie in einer Art Unterbewußtsein verkörpern konnte in dem Buddha. Aber wandelnd auf der Erde konnte er sich nur verkörpern, wenn ein physischer Leib und ein Ätherleib und ein Astralleib besonders zubereitet waren. Der Christus hatte die größte Kraft der Wirkung, aber verkörpern konnte er sich nur, wenn ein physischer Leib, Ätherleib und Astralleib durch eine andere Wesenheit vollständig geläutert und gereinigt worden waren. Und so konnte die Verkörperung des Christus nur so geschehen, daß eine Wesenheit auftrat, die sich so hoch entwickelt hatte. Das war Jesus von Nazareth. Er war so hoch gekommen in seiner Entwickelung, daß er in der Lage war, während seines Lebens seinen physischen Leib, Ätherleib und Astralleib so zu läutern, daß es ihm möglich war, im dreißigsten Jahre seines Lebens diese Leiber zu verlassen, aber so, daß sie noch lebensfähig, noch brauchbar waren für eine höhere Wesenheit. Oft, wenn ich dies ausgesprochen habe, daß eine hohe Stufe der Entwickelung notwendig war, damit Jesus seine Leiber opfern konnte, machten die Menschen einen sehr merkwürdigen Einwand: Aber das sei doch gar kein Opfer, was könne man sich Schöneres denken? Man könne doch nicht von einem großen Opfer sprechen, wenn es sich darum handelte, einer so hohen Wesenheit seine Leiber zu überlassen. — Ja, schön ist es auch, und es wäre das Opfer nicht groß, wenn man es so abstrahierte. Aber man möchte antworten: Man mache es einmal so; das Opfer wolle wohl jeder bringen, aber man wolle es einmal probieren. — Es ist nötig, ungeheure Kräfte zu haben, um seine Leiber so zu läutern, daß man sie lebensfähig verlassen kann. Um diese Kräfte zu erlangen, dazu sind die Opfer notwendig. Jesus von Nazareth mußte schon eine außerordentlich hohe Individualität sein, damit er das konnte. Das Johannes-Evangelium deutet an, wann Jesus seinen physischen Leib, Ätherleib und Astralleib verließ und einging in die geistige Welt und das Christus-Wesen hineinfuhr in die dreifache Leiblichkeit. Das geschah bei der Taufe des Jesus im Jordan. Da geschah etwas sehr Bedeutungsvolles in der Leiblichkeit des Jesus von Nazareth. Wiederum muß das, was ich jetzt sage, ein Greuel sein für ein materialistisches Gemüt. Es ging etwas Besonderes vor, selbst in dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth. Wenn wir das verstehen wollen, was da vorging in dem Moment der Taufe, als der Christus in den Jesus hineinfuhr, da müssen wir uns eines einmal vor die Seele führen, was recht sonderbar erscheinen wird, aber doch wahr ist.

[ 21 ] Im Laufe der Menschheitsevolution haben sich einzelne Organe nach und nach entwickelt, mehr und mehr herausgebildet. Wir haben gesehen, wie, als die Organe bis zur Hüftmitte gekommen waren, bestimmte Strukturen und Funktionen im Menschen eintraten. Es ist in diesem immer mehr Selbständigwerden der menschlichen Individualität auch eine Verhärtung des Knochensystems eingetreten. Je selbständiger der Mensch wurde, desto mehr verhärtete sich auch sein Knochensystem, desto mehr wuchs aber auch die Gewalt des Todes. Darauf müssen wir jetzt achten, wenn wir das Folgende in der richtigen Weise verstehen wollen. Woran liegt es denn überhaupt, daß der Mensch sterben muß, daß der Leib ganz und gar verwest? Das liegt daran, daß im menschlichen Leibe etwas verbrannt werden kann: die Knochen. Es hat das Feuer eine Gewalt auch über die menschliche Knochensubstanz. Der Mensch hat keine Gewalt, wenigstens keine bewußte Gewalt über seine Knochen. Diese Gewalt liegt noch außerhalb der Macht des Menschen. In dem Augenblick, in dem in der Jordantaufe der Christus in den Leib des Jesus von Nazareth einzog, in dem Augenblick wurde das Knochensystem dieser Wesenheit etwas ganz anderes als bei anderen Menschen. Das war ein Fall, der sich vorher niemals und auch nachher niemals bis auf heute ereignet hat. Es fuhr mit der Christus-Wesenheit in die Jesus-Wesenheit etwas herein, das Macht hatte über die Kräfte, die Knochen verbrennen. Heute ist es noch nicht in die Willkür des Menschen gestellt, die Knochen aufzubauen. Diese Gewalt aber griff bis in die Knochen hinein. Bis in. die Knochen hinein griff die bewußte Gewalt der Christus-Wesenheit; das gehört zum Sinn der Johannestaufe. Damit war in die Erde etwas verpflanzt, was man nennen kann die Oberherrschaft über den Tod, denn mit den Knochen ist der Tod erst in die Welt. gekommen. Dadurch, daß die Gewalt über die Knochen einzog in den menschlichen Leib, damit ist die Überwindung des Todes in die Welt gekommen. Damit wird ein tiefstes Mysterium ausgesprochen, damit war ein Heiligstes, ein im höchsten Maße Heiligstes, in das Knochensystem des Jesus von Nazareth durch den Christus eingezogen. Daher durfte es nicht angetastet werden. Daher mußte sich das Schriftwort erfüllen: Ihr dürft ihm kein Bein zerbrechen. — Da hätte in die Gotteskräfte Menschengewalt eingegriffen. Wir sehen hier in ein ganz tiefes Mysterium der Menschheitsentwikkelung.

[ 22 ] Und damit kommen wir zu gleicher Zeit auf einen sehr bedeutungsvollen Begriff des esoterischen Christentums, der uns zeigen kann, wie dieses Christentum mit den höchsten Wahrheiten durchtränkt ist. Wir kommen zu dem, was uns außerdem noch in der Taufe entgegentritt. Dadurch, daß die Christus-Wesenheit von den drei Leibern Besitz ergriff, von dem, worin früher die Ich-Wesenheit des Jesus war, dadurch war nun eine Wesenheit mit der Erde verknüpft, die früher einen Wohnplatz gehabt hat auf der Sonne. Bis zu dem Momente war sie früher mit der Erde verbunden gewesen, als die Sonne hinausging aus der Erde. Der Christus ist damals mit hinausgegangen und konnte seine Gewalt von da an nur entwickeln von außen auf die Erde herein. Im Momente der Taufe vereinigte sich der hohe Christus-Geist im vollen Sinne wieder mit der Erde. Vorher wirkte er von außen, überschattete die Propheten und wirkte in den Mysterien. Jetzt war er in einem physischen Menschenleibe auf der Erde selbst verkörpert. Und wenn ein Wesen von einem fernen Punkte des Weltenalls durch Jahrtausende hätte heruntersehen können, dann würde ein solches Wesen, das nicht nur die physische Erde gesehen hätte, sondern auch ihre geistigen Strömungen, ihren Astralleib und Ätherleib, bedeutungsvolle Vorgänge gesehen haben in dem Moment der Johannestaufe und in dem Momente, wo das Blut aus den Wunden Christi floß auf Golgatha. Der Astralleib der Erde wurde dadurch gründlich verändert. Er nahm in diesem Momente etwas anderes auf, nahm andere Farben an. Es wurde der Erde eine neue Kraft einverleibt. Das, was früher von außen wirkte, wurde mit der Erde wieder verbunden, und dadurch wird die Anziehungskraft zwischen Sonne und Erde so stark werden, daß sich Sonne und Erde wieder vereinigen werden, und der Mensch mit den Sonnengeistern. Der Christus war es, der die Möglichkeit gab, daß die Erde sich wieder vereinigen kann mit der Sonne und dann im Schoße der Gottheit ist.

[ 23 ] Das ist der Vorgang, der sich vollzog, und seine Bedeutung. Dies mußten wir vorausschicken, um verständlich zu machen, welch Bedeutungsvolles in die Erde eintrat mit dem Christus. Und wir können dadurch begreifen, wie in der Tat durch die Vereinigung mit dem Christus der Mensch etwas aufnehmen kann, wodurch das Bewußtsein des Menschen nach dem Tode wieder aufgehellt werden kann. Wenn wir uns das vor Augen halten, dann werden wir auch begreifen können, wie eine Evolution da ist für die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Fragen wir nun, um wessentwillen das alles geschehen ist eigentlich ?

[ 24 ] Erst lebte der Mensch im Schoße der Gottheit. Dann stieg er herunter auf den physischen Plan. Wäre er oben geblieben, er hätte niemals sein heutiges Selbstbewußtsein erlangt. Er hätte nie ein Ich erhalten. Nur im physischen Leibe konnte er das Selbstbewußtsein in seiner hellen Klarheit entfachen. Es mußten äußere Gegenstände ihm entgegentreten, er mußte sich unterscheiden können von den Gegenständen, er mußte hinuntersteigen in die physische Welt. Nur um des Ichs des Menschen willen ist es geschehen, daß der Mensch heruntergestiegen ist. Der Mensch ist seinem Ich nach von den Göttern abstammend. Es ist heruntergestiegen aus der geistigen Welt; es ist geschmiedet worden an den physischen Leib, damit es hell und klar werden kann. Gerade das, was als die verhärtete Materie des Menschenleibes aufgetreten ist, das hat dem Menschen sein selbstbewußtes Ich gegeben, das hat ihm möglich gemacht, sich Erkenntnis zu erwerben. Es hat ihn aber auch geschmiedet an die Erdenmasse, an die Felsenmasse.

[ 25 ] Der Mensch hatte, bevor er sein Ich erlangte, physischen Leib, Ätherleib und Astralleib erlangt. Als sich in diesen drei Leibern nach und nach das Ich entwickelte, gestaltete es diese drei Leiber um. Man muß sich dabei klarmachen, daß an dem physischen Leibe alle höheren Glieder des Menschen arbeiten. Daß der physische Leib so ist, das hängt davon ab, daß Ätherleib, Astralleib und Ich an ihm arbeiten. Alle Organe des physischen Leibes hängen in einer gewissen Weise davon ab, daß auch die höheren Glieder verändert worden sind. Die zurückgebliebenen Wesenheiten sind zu den verschiedenen Tierformen geworden, zum Beispiel zu den Vögeln, durch Dominieren des Astralleibes. Dadurch, daß das Ich immer selbstbewußter wurde, hat es auch den Astralleib verändert. Es ist schon gesagt worden, daß sich Menschen absonderten. Dasjenige, was man als apokalyptische Tiere bezeichnet, sind Typen, bei denen dieses oder jenes höhere Glied die Oberhand hat. Das Ich hat die Oberhand erhalten bei den MenschMenschen. Nun sind alle Organe angepaßt den höheren Gliedern des Menschen. Indem das Ich einzog in den Astralleib, diesen ganz durchtränkte, haben sich in dem Menschen und in den Tieren, die sich später abzweigten, gewisse Organe gebildet. So zum Beispiel rührt ein bestimmtes Organ davon her, daß überhaupt ein Ich eingezogen ist auf der Erde. Auf dem Monde war kein Ich verknüpft mit den Wesen der Menschheitsevolution. Gewisse Organe hängen zusammen mit dieser Entwickelung: die Galle und die Leber. Die Galle ist der physische Ausdruck des Astralleibes. Sie ist nicht mit dem Ich verknüpft, aber das Ich wirkt auf den Astralleib, und aus dem Astralleibe wirken die Kräfte auf die Galle.

[ 26 ] Jetzt fassen wir das ganze Bild zusammen, welches der Eingeweihte dem Ägypter so klarmachte: Der Ich-bewußte Mensch ist gefesselt worden an den Erdenkörper. Stelle dir vor den Menschen, gefesselt von den Erdenfelsen, das heißt, gefesselt an den physischen Leib und in der Evolution ist etwas entstanden, was nagt an seiner Unsterblichkeit! Stelle dir die Funktionen vor, welche die Leber bewirkt haben: sie sind dadurch entstanden, daß der Leib geschmiedet wurde an den Felsen der Erde. Da nagt der Astralleib daran.

[ 27 ] Das ist das Bild, das in Ägypten dem Schüler gegeben wurde, und das herübergewandert ist nach Griechenland als die Prometheussage. Nicht mit groben Händen muß man einen solchen Mythus anfassen. Man darf ein solches Bild nur nicht wie einen Schmetterling des Staubes berauben. Wir müssen den Staub an den Flügeln lassen, wir müssen den Tau auf der Blüte lassen. Diese Bilder lassen sich nicht zerren und quälen. Wir dürfen nicht sagen: Prometheus bedeutet dies oder jenes; wir müssen versuchen, die wirklichen okkulten Tatsachen hinzustellen, und dann versuchen die Bilder zu verstehen, die entstanden sind aus den okkulten Tatsachen heraus und die übergegangen sind in das Bewußtsein des Menschen.

[ 28 ] Der ägyptische Eingeweihte führte seinen Schüler bis zu der Stufe, wo er begreifen konnte die Ich-Entwickelung des Menschen. Ein solches Bild sollte seinen Geist formen. Die Tatsachen aber sollte der Schüler nicht mit groben Fäusten anfassen, sondern das Bild sollte licht und lebendig vor ihm stehen, und der ägyptische Eingeweihte wollte nicht banale, trockene Begriffe hineinpressen in Wahrheiten, sondern etwas in Bildern darstellen, was er geben konnte. Vieles hat bei der Prometheussage die Dichtung getan, hat verschönert und hat verziert, und wir dürfen nicht mehr hineinlegen, als die okkulten Tatsachen sind, und dem nur künstlerischen Tun seine feinen Gestaltungskräfte lassen. Nun wollen wir noch auf etwas anderes hindeuten. Der Mensch, als er auf der Erde ankam, war noch nicht Ich-begabt. Bevor das Ich in den Astralleib hineingeheimnißt worden ist, hatten andere Kräfte von dem Astralleib Besitz. Dann ist der lichtflüssige Astralleib durchzogen worden von dem Ich. Bevor das Ich darinnen war, waren die astralen Kräfte von den göttlich-geistigen Wesen von außen hineingesendet worden in den Menschen. Der Astralleib war auch da, aber durchglüht von göttlich-geistigen Wesen. Rein und hell war der Astralleib und umfloß dasjenige, was als physischer und Ätherleib als Anlage da war. Er umfloß und durchfloß es; rein war der Fluß des Astralleibes. Mit dem Eintritt des Ich aber war der Egoismus hineingetreten, und verdunkelt war der Astralleib worden, verloren war der reine Goldfluß des Astralleibes, immer mehr war er verloren, bis der Mensch heruntergestiegen war auf den tiefsten Punkt des physischen Planes in der griechisch-lateinischen Zeit.

[ 29 ] Da mußten die Menschen daran denken, wieder zu gewinnen den reinen Fluß des Astralleibes, und es entstand in den Eleusinischen Mysterien dasjenige, was man nannte: das Suchen nach der ursprünglichen Reinheit des Astralleibes. Den Astralleib wieder in seinem ursprünglich reinen Goldfluß herzustellen, das wollten die Eleusinischen Mysterien, das wollten auch die Ägypter. Das Suchen nach dem goldenen Fluß war eine der Proben der ägyptischen Einweihungen: und das ist uns erhalten in der wunderbaren Sage des Aufsuchens des Goldenen Vlieses durch Jason und die Argonauten.

[ 30 ] Wir haben die Entwickelung gesehen: Als die unteren Organe noch in ihrer Form den Kähnen glichen, von denen wir gesprochen haben, da hatte der astralische Leib in der Wassererde noch den goldenen Glanz. In der Wassererde hatte der Mensch seinen golddurchleuchteten Astralleib. Das Suchen nach diesem Astralleib ist dargestellt in dem Argonautenzug. Das Suchen nach dem Goldenen Vlies müssen wir in einer feinen, subtilen Weise zusammenbringen mit der ägyptischen Mythe.

[ 31 ] Äußere historische Tatsachen sind verknüpft mit geistigen Tatsachen. Man darf nicht glauben, daß das bloß Symbol ist. Der Argonautenzug hat wirklich stattgefunden, geradeso wie der 'Trojanische Krieg stattgefunden hat. Äußere Vorgänge sind Physiognomien für innere Vorgänge; alles das sind historische Vorgänge. Immer wieder bei den griechischen Einzuweihenden hat innerlich die historische Tatsache stattgefunden: der Zug nach dem Goldenen Vlies, die Erringung des reinen Astralleibes.

[ 32 ] Das ist dasjenige, was wir uns vor die Seele führen wollten, und von wo ausgehend wir noch einiges aus den Mysterien kennenlernen und dann finden werden, wie die ägyptischen Mysterien mit dem heutigen Leben zusammenhängen.