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The Rudolf Steiner Archive

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Ägyptische Mythen und Mysterien
als symbolischer Ausdruck vergangener
im Verhältnis zu den wirkenden Geisteskräften der Gegenwart
GA 106

14 September 1908, Leipzig

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] Um unsere Aufgabe zu vollenden, soweit sie beabsichtigt war, haben wir jetzt ein wenig in demselben Sinne den Charakter unserer Zeit zu studieren, wie wir den Charakter der verflossenen vier nachatlantischen Zeiträume studiert haben bis zum Erscheinen des Christentums. Wir haben gesehen, wie sich nach der atlantischen Katastrophe entwickelt hat der alte urindische Zeitraum, der urpersische Zeitraum, der ägyptisch-chaldäische Zeitraum. Und wir haben bei der Charakteristik des vierten Zeitraumes, des griechisch-lateinischen, gesehen, daß in einer gewissen Beziehung da der Mensch in den physischen Plan hineinarbeitete und daß da das Hineinarbeiten des Menschen in die physische Welt einen Tiefpunkt erreicht hatte.

[ 2 ] Der Grund, warum diese Zeit, die wir auf der einen Seite einen Tiefstand der Menschheitsentwickelung nennen, auf der anderen Seite so anziehend, so sympathisch ist für den heutigen Betrachter, ist der, daß dieser Tiefstand der Ausgangspunkt für viele bedeutsame Ereignisse der heutigen Kulturepoche wurde. Wir haben gesehen, wie in dieser Zeit der griechisch-lateinischen Kultur eine Ehe zwischen Geist und Materie eingegangen worden war in der griechischen Kunst. Wir haben gesehen, daß der griechische Tempel ein Bauwerk war, in dem der Gott wohnen konnte, und der Mensch konnte sich sagen: Ich habe die Materie soweit gebracht, daß die Materie für mich ein Abdruck des Geistes ist, daß ich in jedem Teile etwas von diesem Geiste spüren kann. So ist es mit allen griechischen Kunstwerken. So ist es mit allem, was wir vom Leben der Griechen zu erzählen haben. Und diese Welt der Kunstschöpfungen, in die der Geist eingepflanzt war, machte die Materie so ungeheuer anziehend, daß bei uns in Mitteleuropa der große Goethe die Vereinigung seiner selbst mit dieser Kulturepoche in der Helena-Tragödie im «Faust» darzustellen suchte.

[ 3 ] Wenn nun die Kultur in der Folgezeit den Fortgang in derselben Richtung genommen haben würde, was würde die Folge gewesen sein? Wir können das durch eine einfache Skizze verdeutlichen. Im griechisch-lateinischen Kulturzeitraum ist der Mensch am tiefsten heruntergestiegen, aber so, daß er in keinem Stück Materie den Geist verloren hatte. Es war in allen Schöpfungen dieser Zeit der Geist in der Materie verkörpert. Betrachten wir eine griechische Göttergestalt, so erblicken wir überall, wie der griechische Schöpfergenius dem äußeren Stoffe eingeprägt hat das Geistige. Der Grieche hatte zwar die Materie sich erobert, aber den Geist nicht dabei verloren. Der normale Fortgang der Kultur wäre nun in der Folge gewesen, daß man unter das Niveau heruntergestiegen wäre, unter die Materie heruntergetaucht wäre, so daß der Geist geworden wäre zum Sklaven der Materie.

[ 4 ] Wir brauchen nur einen unbefangenen Blick auf die Umgebung, die um uns ist, zu richten, und wir werden erkennen, daß auf der einen Seite in der Tat das geschehen ist. Der Ausdruck dieses Niederstieges ist der Materialismus. Es ist wahr, daß sich in keinem Zeitraum der Mensch die Materie mehr erobert hat als in unserer Zeit, aber nur zur Befriedigung leiblicher Bedürfnisse. Wir brauchen bloß zu betrachten, mit welch primitiven Mitteln die gigantischen Pyramiden aufgebaut worden sind und brauchen das nur zu vergleichen mit dem Schwung und dem Hochflug, den der ägyptische Geist in die Geheimnisse des Weltendaseins nehmen konnte. Wir brauchen bloß daran zu denken, in welch tiefstem Sinne für die Ägypter ihre Götterbilder Abdrücke, Abbilder waren von demjenigen, was im Kosmos und auf Erden in der Vergangenheit vorgegangen war. Derjenige, der in Ägypten damals hineinschauen konnte in die geistige Welt, der lebte in dem, was unsichtbar geworden ist in der atlantischen Zeit, was aber Tatsache der Erdenentwickelung war in der lemurischen Zeit. Und derjenige, der nicht Eingeweihter wurde, der zum Volke gehörte, der konnte mit seiner ganzen Empfindung, mit seiner ganzen Seele Anteil nehmen an diesen geistigen Welten. Doch primitiv waren die Mittel, mit denen man äußerlich auf dem physischen Plan arbeiten mußte. Vergleichen wir das mit unserer Zeit. Wir brauchen nur die heutigen zahlreichen Lobreden zu lesen von unseren Zeitgenossen, die über die großen Fortschritte unserer Zeit handeln. Es braucht ja von seiten der Geisteswissenschaft gar nichts dagegen eingewendet zu werden. Immer mehr erreicht der Mensch durch die Eroberung der Elemente. Aber betrachten wir die Sache von einer anderen Seite.

[ 5 ] Sehen wir hin auf weit zurückliegende Zeiten, wo die Menschen mit einfachen Reibsteinen das Korn der Erde zerrieben und daneben in ungeheure Höhen des geistigen Lebens hinaufschauen konnten. Von den Höhen, in die da geschaut wurde, davon hat die Menschheit heute in ihrer Mehrzahl gar keine Ahnung. Gar keine Ahnung hat sie von dem, was ein chaldäischer Eingeweihter erlebte, wenn er in seiner Art die Sterne, Tiere, Pflanzen, Mineralien im Zusammenhang mit dem Menschen sah, wenn er die Heilkräfte erkannte. Die ägyptischen Priesterweisen waren Menschen, denen die heutigen Ärzte nicht das Wasser reichen können. In diese Höhen des geistigen Lebens können sich die heutigen Menschen nicht hineinleben. Erst die Geisteswissenschaft wird in der Lage sein, einen Begriff zu bilden von demjenigen, was die alten chaldäisch-ägyptischen Eingeweihten sahen. Dasjenige, was zum Beispiel heute als Auslegung der Inschriften gegeben wird, in denen tiefe Mysterien lagen, das ist nur eine Karikatur gegenüber der alten Bedeutung. So finden wir in alten Zeiten wenig Macht der Menschen über die Mittel zur Arbeit auf dem physischen Plan, dagegen gewaltige Kräfte in bezug auf die geistige Welt.

[ 6 ] Und immer tiefer steigt der Mensch in die Materie, immer mehr verwendet er die Geisteskräfte, um den physischen Plan zu erobern. Ist es nicht etwa so, daß man sagen könnte, der menschliche Geist wird ein Sklave des physischen Plans? Und in gewisser Weise steigt er noch unter den physischen Plan herunter. Wenn der heutige Mensch ungeheure Geisteskräfte verwendet hat, um das Dampfschiff, die Eisenbahn, das Telephon zu bilden, wozu braucht er dieser Welche Unsumme von Geist ist dadurch abgezogen worden von dem Leben für die höheren Welten! Der Geisteswissenschafter ist aber vollständig damit einverstanden, er will nicht Kritik an unserer Zeit üben, weil er weiß, daß es nötig war, den physischen Plan zu erobern, aber dabei bleibt es doch wahr, daß der Geist in die physische Welt heruntergetaucht ist. Bedeutet es für den Geist irgend etwas Besonderes, Bedeutenderes, irgend etwas mehr, wenn man anstatt daß man selbst Körner mit Reibsteinen zerreibt, wenn man heute mit dem Telephon nach Hamburg spricht, um dort zu bestellen, was man braucht, damit es per Dampfschiff von Amerika gesendet werden kann? Welch ungeheure Geisteskraft ist darauf verwendet worden, wenn heute eine Dampfschiffverbindung mit Amerika und mit vielen anderen fernen Ländern besteht! Wir fragen uns, wenn wir so eine Verbindung zwischen allen Erdteilen hergestellt haben, ist es nicht nur zur Befriedigung des materiellen Lebens, unserer körperlichen Bedürfnisse, für die eine Unsumme von Geist verwendet worden ist? Und da alles verteilt ist in der Welt, so ist dem Menschen nicht viel Geisteskraft übriggeblieben außer der, welche er verwendet hat für die materielle Welt, um hinaufzusteigen in die geistige Welt. Der Geist ist der Sklave der Materie geworden. Hat der Grieche in seinen Kunstwerken den Geist verkörpert gesehen, heute ist der Geist tief heruntergestiegen, und wir haben ein Zeugnis dafür in den vielen technischen und maschinellen Einrichtungen unserer Industrie, welche nur den materiellen Bedürfnissen dienen. Und nun fragen wir uns, ist es wirklich geschehen, daß der Mensch zu tief hinuntergestiegen ist?

[ 7 ] Es wäre geschehen, und es wäre so gekommen, daß der Mensch in der Zukunft die größten, gewaltigsten Eroberungen gemacht hätte auf dem physischen Plan, wenn nicht das eingetreten wäre, wovon wir in der vorigen Betrachtung gesprochen haben. Auf dem Tiefpunkt der Menschheitsentwickelung wurde der Menschheit durch den Christus-Impuls etwas einverleibt, was ihr den Anstoß zu einem neuen Aufstieg gab. Das Eintreten des Christus-Impulses in die Menschheitsentwickelung bildet die andere Seite der Kultur fortan. Er hat den Weg gezeigt zur Überwindung der Materie. Er brachte die Kraft, durch welche der Tod überwunden werden kann. Dadurch hat er der Menschheit weiter die Möglichkeit geboten, wieder hinauf sich zu erheben über das Niveau des physischen Plans. Es mußte dieser gewaltigste Impuls gegeben werden, ein Impuls, der so wirkungsvoll wurde, daß die Materie in so grandioser Weise überwunden ward, wie das dargestellt worden ist im Johannes-Evangelium, in der Taufe im Jordan und im Mysterium von Golgatha. Christus Jesus, der vorherverkündet worden war von den Propheten, hat den gewaltigsten Impuls der ganzen Menschheitsevolution gegeben. So mußte sich erst der Mensch trennen von den spirituellen Welten, um erst wieder an diese anzuknüpfen mit der Christus-Wesenheit. Aber wir können das noch nicht vollständig verstehen, wenn wir nicht noch tiefer eindringen in die Zusammenhänge der ganzen Menschheitsentwickelung.

[ 8 ] Wir haben darauf hinzuweisen, daß das, was wir die Erscheinung des Christus auf der Erde nennen, ein Ereignis ist, das nur auf dem Tiefpunkt, als der Mensch soweit gesunken war, eintreten konnte. Der griechisch-lateinische Zeitraum steht mitten drinnen in den sieben nachatlantischen Epochen. Kein anderer Zeitpunkt wäre der richtige gewesen. Wo der Mensch Persönlichkeit wurde, da mußte auch zu seiner Rettung der Gott Persönlichkeit werden, um ihm die Möglichkeit zu geben, wieder hinaufzusteigen. Wir haben gesehen, daß der Römer erst im römischen Bürgertum seiner Persönlichkeit sich bewußt wurde. Früher hatte der Mensch doch noch in den Höhen der geistigen Welt gelebt; jetzt war er ganz heruntergestiegen bis zum physischen Plan. Und nun mußte er durch den Gott selbst wieder hinaufgeführt werden.

[ 9 ] Tiefer müssen wir uns noch einlassen auf den dritten, den fünften und den mittleren Zeitraum. Wir dürfen nicht in schulmäßiger Weise ägyptische Mythologie treiben, aber wir müssen die charakteristischen Punkte hervorheben, welche uns tiefer hineinführen in das Gefühls- und Empfindungsleben der alten Ägypter, um uns dann zu fragen, wie dieses in unserer Zeit wieder aufleuchtet. Da müssen wir etwas bedenken.

[ 10 ] Wir haben gesehen, wie alle die gewaltigen Bilder von der Sphinx, von der Isis und dem Osiris in den ägyptischen Mythen und Mysterien Erinnerungen an alte Menschheitszustände waren. Alles das war wie eine Spiegelung in den Seelen, eine Spiegelung alter Vorgänge der Erde. Der Mensch sah zurück in seine uralte Vergangenheit, sah seinen Ursprung. Das geistige Dasein seiner Vorfahren, seiner Väter konnte der Eingeweihte wieder erleben. Wir haben gesehen, wie der Mensch sich heraufentwickelt hat ursprünglich aus einer Gruppenseelenhaftigkeit. Wir konnten darauf hinweisen, wie diese Gruppenseelen in den vier Gestalten der apokalyptischen Tiere erhalten geblieben sind. Der Mensch entwickelte sich auch aus einer solchen Gruppenseelenhaftigkeit heraus, aber so, daß er nach und nach seinen Körper verfeinert hat und zur Entwickelung der Individualität gekommen ist. Wir können das historisch verfolgen. Lesen wir die «Germania» des Tacitas. In den Zeiten, die da geschildert werden, die für die germanischen Gegenden die Zustände in dem ersten Jahrhunderte nach Christus wiedergeben, finden wir, wie das Bewußtsein des einzelnen vielmehr noch im Gemeinsamkeitsbewußtsein aufgeht, wie noch der Stammesgeist herrscht, wie der Cherusker zum Beispiel sich noch als Glied seines Stammes fühlte. Dieses Bewußtsein ist noch so stark vorhanden, daß der einzelne für einen anderen derselben Gruppe Rache nimmt. Es findet in der Sitte der Blutrache seinen Ausdruck. Da war also noch eine Art Gruppenseelenhaftigkeit vorhanden. Diese Gruppenseelenhaftigkeit hat sich bis in späte nachatlantische Zeiten erhalten. Alles das sind aber nur Nachklänge. In der letzten Zeit der Atlantis verschwand im allgemeinen das Gruppenbewußtsein im wesentlichen. Nur die Nachzügler haben wir eben geschildert. In Wahrheit wußten damals die Menschen nichts mehr von der Gruppenseele. In der atlantischen Zeit aber wußte der Mensch noch davon. Da sagte er noch nicht «Ich» von sich. Dieses Gefühl der Gruppenseelenhaftigkeit übertrug sich dann nur in etwas auf die folgenden Generationen.

[ 11 ] So sonderbar das scheinen mag, es ist so, daß das Gedächtnis in älteren Zeiten eine ganz andere Bedeutung und Kraft hatte. Was ist heute denn das Gedächtnis? Denken Sie einmal nach, ob Sie sich noch erinnern an einzelne Vorgänge ihrer ersten Kindheit? Es wird nur wenig sein. Weiter als bis zur Kindheit geht es aber nicht. An nichts werden Sie sich erinnern, was vor Ihrer Geburt liegt. So war es damals noch nicht in der atlantischen Zeit. Auch noch in der ersten nachatlantischen Zeit erinnerte sich der Mensch an dasjenige, was sein Vater, Großvater, Urgroßvater erlebt hatten. Und es hatte gar keinen Sinn davon zu sprechen, daß zwischen Geburt und Tod ein Ich ist. Da ging das in der Erinnerung bis in die Jahrhunderte zurück. Soweit das Blut herunterfloß von dem Urahnen auf die Nachkommen, so weit reichte das Ich. Das Gruppen-Ich ist damals nun nicht räumlich ausgebreitet über die Zeitgenossen zu denken, sondern hinaufgehend in die Generationen. Deshalb wird der heutige Mensch nie verstehen, was als Nachklang davon in den alten Patriarchenerzählungen gegeben ist: daß Noah, Abraham und so weiter so alt geworden sind. Sie zählten ihre Vorfahren durch mehrere Generationen hinauf noch zu ihrem Ich. Davon kann sich der heutige Mensch keinen Begriff mehr machen. Es hätte in diesen Zeiten keinen Sinn gehabt, einen einzelnen Menschen zwischen Geburt und Tod zu benennen. Es setzte sich das Gedächtnis in der ganzen Ahnenreihe aufwärts durch Jahrhunderte hindurch fort. Soweit der Mensch sich erinnerte durch Jahrhunderte hindurch, soweit gab man ihm seinen Namen. Adam war sozusagen das Ich, das mit dem Blute durch die Generationen floß. Erst wenn man diese realen Tatsachen kennt, dann weiß man, wie es mit solchen Dingen steht. In dieser Generationenreihe fühlte sich der Mensch geborgen. Das ist in der Bibel gemeint, wenn es heißt «Ich und der Vater Abraham sind eins». Wenn das der Bekenner des Alten Testaments sagte, dann fühlte er sich erst recht als Mensch innerhalb der Generationenreihe. Auch noch bei den ersten nachatlantischen Menschen, selbst bei den Ägyptern, war dieses Bewußtsein vorhanden. Man fühlte die Gemeinsamkeit des Blutes. Und das bewirkte auch für das geistige Leben etwas Besonderes,

[ 12 ] Wenn heute der Mensch stirbt, so hat er ein Leben in Kamaloka, an das sich ein verhältnismäßig langes Devachanleben anschließt. Das aber ist schon eine Folge des Christus-Impulses. Das gab es damals in den vorchristlichen Zeiten nicht, damals fühlte sich der Mensch gebunden bis in die Stammväterzeit. Heute muß sich der Mensch in Kamaloka abgewöhnen die Begierden und Wünsche, an die er in der physischen Welt sich gewöhnt hatte; davon hängt die Dauer dieses Zustandes ab. Der Mensch hängt an seinem Dasein zwischen Geburt und Tod; in alten Zeiten hing man noch an viel mehr. Da hing man mit dem physischen Plan so zusammen, daß man sich als ein Glied der ganzen physischen Generationenreihe fühlte. Da hatte man in Kamaloka nicht bloß das Hängen an dem individuellen physischen Dasein durchzumachen, man mußte wirklich durchlaufen in Kamaloka all das, was zusammenhängt mit den Generationen bis zum Urahn hinauf. Man durchlebte dieses rückwärts. Das hatte das zur Folge, was als tiefe Wahrheit dem Ausspruche zugrunde liegt: Sich geborgen fühlen in Abrahams Schoß. — Der Mensch fühlte: Nach dem Tode geht es hinauf durch die ganze Reihe der Ahnen. Und der Weg, den man da durchzumachen hatte, wurde genannt: Der Weg zu den Vätern. — Erst wenn der Mensch diesen Weg durchgemacht hatte, erst dann konnte er hinaufgehen in die geistigen Welten, dann erst konnte er den Götterweg gehen. Es machte die Seele damals den Väterweg und den Götterweg durch.

[ 13 ] Nun haben sich die Kulturen ja nicht so schroff abgelöst. Das Wesen der indischen Kultur ist ja geblieben, aber es hat sich geändert. Es ist geblieben neben den folgenden Kulturen. In der der ägyptischen gleichzeitigen Fortsetzung der indischen Kultur ist auch etwas Ähnliches aufgetaucht. Heute verwechselt man so leicht dasjenige, was später und dasjenige, was früher ist. Daher ist so stark betont worden, daß ich nur Andeutungen aus der allerältesten Zeit machte. Unter anderem haben nun die Inder auch aufgenommen die Anschauung von dem Väterweg und dem Götterweg.

[ 14 ] Je mehr der Mensch nun eingeweiht worden ist, je mehr er sich frei gemacht hat von dem Hangen an der Heimat und an den Vätern, je mehr er heimatlos geworden war, desto länger wurde der Götterweg, desto kürzer der Väterweg. Derjenige, der mit allen Fasern an den Vätern hing, hatte einen langen Väterweg, einen kurzen Götterweg. In der Terminologie des Orients nannte man den Väterweg Pitriyana und den Götterweg Devayana. Wenn wir heute den Ausdruck Devachan gebrauchen, so sollen wir uns klar sein, daß das nur ein Ausdruck ist, den wir gebrauchen mußten. Ein alter Vedantist würde uns einfach auslachen, wenn wir ihm mit Darstellungen kämen, die wir geben vom Devachan. Es ist nicht so leicht, sich in die orientalische Denk- und Anschauungsweise hineinzufinden. Wir müssen manchmal gegen diejenigen, die vorgeben, die orientalischen Wahrheiten zu geben, diese Wahrheiten geradezu in Schutz nehmen. Gar mancher, der heute irgendwelche Darstellungen als sogenannte indische Lehre erhält, hat kein Bewußtsein davon, daß er eine recht konfuse Lehre erhält. Die heutige Geisteswissenschaft braucht doch keinen Anspruch darauf zu machen, eine orientalisch-indische Lehre zu sein. In gewissen Kreisen liebt man zwar das, was recht weit, zum Beispiel aus Amerika herkommt. Aber die Wahrheit ist überall zu Hause. Die antiquarische Forschung gehört den Gelehrten, aber Geisteswissenschaft ist Leben. Die geisteswissenschaftliche Wahrheit kann jeden Augenblick erforscht werden und überall. Das müssen wir uns vor die Seele halten.

[ 15 ] Nun war bei den alten Ägyptern dasjenige, was wit eben anführten, nicht nur Theorie, sondern auch Praxis. Praktisch war auch das, was in den großen Mysterien der Ägypter gelehrt wurde. Es hatte damit eine besondere Bewandtnis, die wir bei tieferem Eindringen in dieselben noch kennenlernen werden. Die Mysterien der alten Ägypter erstrebten etwas ganz Besonderes. Heute kann der Mensch leicht darüber lächeln, wenn ihm gesagt wird, daß der Pharao in einer bestimmten Zeit eine Art Eingeweihter war, wenn ihm erzählt wird, wie der Ägypter stand zu seinem Pharao, wie er stand zu seinen Staatseinrichtungen. Für den europäischen Gelehrten der Gegenwart ist es ganz besonders lächerlich, wenn sich der Pharao den Namen «Sohn des Horus» oder sogar «Horus» selbst beilegte. Sonderbar erscheint uns heute, nicht wahr, wie der Mensch als Gott verehrt werden kann; etwas Abstruseres kann man sich ja nicht denken. Der heutige Mensch kennt eben den Pharao und seine Mission nicht. Man weiß eben nicht, was die Pharao-Einweihung wirklich war. Heute sieht man in einem Volke nur eine Gruppe von Menschen, die man zählen kann. Ein Volk ist dem heutigen Menschen ein wesenloses Abstraktum, Realität ist einzig eine gewisse Summe von Menschen, die ein gewisses Gebiet erfüllen. Das ist das «Volk» nicht für denjenigen, der auf dem Standpunkte des Okkultismus steht. Wie der Finger als einzelnes Glied zum ganzen Leibe gehört, so gehören die einzelnen Menschen des Volkes zu einer Volksseele. Sie sind sozusagen in sie eingebettet, nur ist die Volksseele nicht physisch, sie ist nur als Äthergestalt real. Sie ist eine absolute Realität: der Eingeweihte kann sich mit dieser Seele unterhalten. Sie ist sogar viel realer für ihn als die einzelnen Individualitäten eines Volkes, viel realer als ein einzelner Mensch. Für den Okkultisten gelten auch die geistigen Erfahrungen, da ist die Volksseele etwas durchaus Reales. Betrachten wir einmal ganz schematisch diesen Zusammenhang der Volksseele mit den Individuen.

[ 16 ] Wenn wir die einzelnen Individuen als kleine Kreise denken, die einzelnen Iche, so sind diese nur für die äußere physische Betrachtung Einzelwesen. Wer geistig sie betrachtet, der sieht diese einzelnen Individualitäten eingebettet wie in einen ätherischen Nebel, und das ist die Verkörperung der Volksseele. Nun denkt, tut, fühlt und will der einzelne Mensch etwas. Er strahlt seine Gefühle und Gedanken in die gemeinsame Volksseele hinein. Diese wird gefärbt von dieser Ausstrahlung. Dadurch wird die Volksseele durchsetzt von den Gedanken und Gefühlen der einzelnen Menschen. Und wenn wir absehen vom physischen Menschen und nur seinen Ätherleib und Astralleib betrachten, und dann den Astralleib eines ganzen Volkes betrachten, dann schen wir, daß der Astralleib eines ganzen Volkes seine Farbenschattierungen von den einzelnen Menschen erhält.

[ 17 ] Das wußte der alte ägyptische Eingeweihte, aber er wußte noch etwas mehr. Der alte Ägypter fragte sich, wenn er diese Volkssubstanz betrachtete: Was lebt denn eigentlich in der Volksseele? — Was sah er darin? Er sah in seiner Volksseele die Wiederverkörperung der Isis. Er sah, wie sie gewandelt war einst unter den Menschen selbst. Die Isis wirkte in der Volksseele. Er sah in ihr dieselben Wirkungen wie die vom Monde ausgehenden: diese Kräfte wirkten in der Volksseele. Und dasjenige, was der Ägypter als Osiris sah, wirkte in den individuellen geistigen Strahlen; darin erkannte er die Osiriswirkung. Die Isis aber sah er in dieser Volksseele.

[ 18 ] Osiris war also für den physischen Plan nicht sichtbar. Osiris war gestorben für den physischen Plan. Nur wenn der Mensch gestorben war, wurde Osiris ihm wieder vor Augen gestellt. Daher lesen wir im ägyptischen Totenbuche, wie der Ägypter fühlte, er werde im Tode mit Osiris vereint, er werde selbst ein Osiris. Osiris und Isis wirkten zusammen im Staat und in dem einzelnen Menschen als seinen Gliedern. Nun betrachten wir den Pharao wieder und bedenken, daß das für ihn eine Realität war. Es bekam der einzelne Pharao vor der Initiation einen Unterricht, damit er das nicht nur mit dem Verstande begriff, sondern damit für ihn das eine Wahrheit, eine Realität wurde. Er mußte soweit gebracht werden, daß er sich sagen konnte: Will ich regieren das Volk, so muß ich hinopfern von meiner Geistigkeit einen Teil, muß einen Teil meines Astralleibes, einen Teil meines Ätherleibes auslöschen. In mir müssen wirken das Osiris- und das Isisprinzip. Ich persönlich darf nichts wollen: wenn ich etwas spreche, muß Osiris sprechen; wenn ich etwas tue, muß Osiris es tun; wenn ich die Hand bewege, muß Isis und Osiris wirken. Darstellen muß ich den Sohn der Isis und des Osiris, den Horus.

[ 19 ] Initiation ist keine Gelehrsamkeit. Aber so etwas zu können, sich so hinopfern zu können wie der Pharao, das hängt mit der Initiation zusammen. Denn, was er hinopferte von sich, das konnte ausgefüllt werden mit Teilen der Voiksseele. Der Teil, dessen sich der Pharao begab, den er hinopferte, dieser Teil gab ihm gerade Macht. Denn die berechtigte Macht entsteht nicht dadurch, daß man die Persönlichkeit als eigene Persönlichkeit erhöht, sondern die berechtigte Macht entsteht dadurch, daß man in sich aufnimmt, was überragt die Grenzen der Persönlichkeit: eine höhere geistige Macht. Der Pharao hatte in sich aufgenommen eine solche Macht, und die wurde repräsentiert nach außen durch die Uräusschlange.

[ 20 ] So haben wir wiederum in ein Mysterium hineingeschaut. Wir haben etwas viel Höheres gesehen, als gegeben wird heute als Erklärungen, wenn man heute von den Pharaogestalten spricht.

[ 21 ] Wenn nun der Ägypter solche Gefühle hegte, woran mußte ihm da im besonderen liegen? Es mußte ihm daran liegen, daß die Volksseele so stark wie möglich wurde, daß sie möglichst reich an guten Kräften wurde, daß sie nicht vermindert wurde. Mit dem, was die Menschen durch die Blutsverwandtschaft hatten, mit dem konnten die ägyptischen Eingeweihten nicht rechnen. Aber dasjenige, was als geistige Güter die Vorväter gesammelt hatten, das sollte Gut werden der einzelnen Seele. Das wird uns angedeutet im Totengericht da, wo der Mensch den zweiundvierzig Totenrichtern gegenübergestellt wird. Da werden abgewogen die Taten der einzelnen. Wer sind die zweiundvierzig Totenrichter? Es sind die Ahnen. Man hatte den Glauben, daß das Leben des Menschen sich verwoben habe mit dem von zweiundvierzig Ahnen. Drüben sollte er sich vor ihnen verantworten, ob er wirklich aufgenommen hatte, was sie ihm geistig geboten hatten. So war das, was die ägyptischen Mysterienlehren enthielten, etwas, was praktisch werden sollte für das Leben, was aber auch verwertet werden sollte für die Zeit jenseits des Todes, für das Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt. In der ägyptischen Epoche hatte sich der Mensch schon verstrickt mit der physischen Welt. Zugleich aber mußte er aufschauen zu seinen Ahnen in der anderen Welt und mußte das von ihnen Ererbte in der physischen Welt kultivieren. Durch dies Interesse wurde er an den physischen Plan gefesselt, indem er mitwirken mußte an dem, was die Väter gewirkt hatten.

[ 22 ] Nun müssen wir bedenken, daß die heutigen Seelen Wiederverkörperungen der alten ägyptischen Seelen sind. Was bedeutet nun das, was damals geschah, den heute lebenden Seelen, die es in ihrer ägyptischen Inkarnation erlebt haben? Alles was damals die Seele erlebt hat zwischen Tod und einer neuen Geburt, alles dasjenige hat sich verwoben mit der Seele, ist in dieser Seele und ist wiedererstanden in dem Zeitraume, der der unsrige, der fünfte ist, der die Früchte des dritten Zeitraumes wiederbringt, die in den Neigungen, in den Ideen auftreten der heutigen Zeit, die ihre Ursache haben in der alten ägyptischen Welt. Heute kommen wieder heraus alle Ideen, die damals keimartig in die Seelen hineingelegt worden sind. Deshalb ist es leicht einzusehen, daß dasjenige, was die Menschen sich heute erobern auf dem physischen Plan, nichts weiter ist als eine Vergröberung des Hinauslegens des Interesses auf den physischen Plan, wie es im alten Ägypten vorhanden war, nur sind heute die Menschen noch tiefer in die Materie verstrickt worden. Wir haben schon in der Mumifizierung der Toten eine Ursache gesehen dessen, was als materielle Auffassung auf dem physischen Plan ausgelebt wird.

[ 23 ] Denken wir uns eine Seele der damaligen Zeit. Denken wir uns eine Seele, die damals als Schüler eines alten Eingeweihten gelebt hat. Ein solcher Schüler hat den geistigen Blick hinaufgelenkt bekommen durch wirkliche Anschauung zu dem Kosmos. Wie im Monde Osiris und Isis wandelten, das war geistige Anschauung für ihn geworden. Alles war durchtränkt von geistig-göttlichen Wesenheiten. Das hat er in seine Seele aufgenommen. Er wird wieder verkörpert im vierten und fünften Zeitraum. Im fünften Zeitraum erlebt ein solcher Mensch das alles wieder. Es kommt ihm als eine Erinnerung zurück. Was geschieht nun damit? Zu allem, was da in der Sternenwelt lebt, blickte der Schüler auf. Dieser Aufblick lebt wieder auf in irgendeinem Menschen des fünften Zeitraums. Er erinnert sich an das, was er damals gesehen und gehört hat. Er kann es nicht wiedererkennen, weil es eine materielle Färbung bekommen hat. Das Geistige ist es nicht mehr, was er sieht, aber die materiell-mechanischen Beziehungen entstehen wieder, und er schafft sich den Gedanken in materialistischer Form als Erinnerung wieder. Wo er früher gesehen hatte göttliche Wesenheiten, Isis und Osiris, da sieht er jetzt nur noch abstrakte Kräfte ohne das geistige Band. Diese geistigen Beziehungen erscheinen ihm wieder in Gedankenform. Es ersteht alles wieder, aber in materieller Gestalt.

[ 24 ] Wenden wir das auf eine bestimmte Seele an, die damals einen Einblick erhielt in die großen kosmischen Zusammenhänge; denken wir uns, es ersteht dasjenige, was früher in Ägypten geistig gesehen worden ist, vor dieser Seele. Es ersteht heute wieder in dieser Seele, im fünften nachatlantischen Zeitraum: und wir haben die Seele des Kopernikus. Das kopernikanische Weltsystem ist so entstanden als eine Erinnerungsanschauung an die geistigen Erlebnisse im alten Ägypten. Ebenso steht es mit dem Weltsystem Keplers. Diese Menschen haben aus ihrer Erinnerung diese großen Gesetze wiedergeboren aus dem, was sie in der ägyptischen Zeit erlebt hatten. Und nun denken wir daran, wie so etwas in der Seele als eine leise Erinnerung auflebt, denken wir daran, daß dasjenige, was eigentlich ein solcher Geist denkt, im alten Ägypten in spiritueller Form von ihm erlebt worden ist. Was kann uns ein solcher Geist dann sagen? Daß es ihm ist, wie wenn er zurückblickte ins alte Ägypterland. Es ist so, wie wenn er das in neuer Gestalt nun wiederbringt, wenn ein solcher Geist sagt: «Nunmehr aber, nachdem mir seit anderthalb Jahren das erste Morgenrot, seit wenigen Monaten der volle Tag, seit wenigen Tagen endlich die reine Sonne der wundervollsten Betrachtungen aufgegangen, hält mich nichts mehr zurück; ich will schwärmen in heiliger Glut; ich will die Menschenkinder höhnen mit dem einfachen Geständnis, daß ich die goldenen Gefäße der Ägypter entwende, um meinem Gott ein Gezelt daraus zu bauen, weit entfernt von Ägyptens Grenzen.» Ist es nicht wie eine wirkliche Erinnerung, die der Wahrheit entspricht? Und diesen Ausspruch hat Kepler getan. Bei ihm finden wir auch den Ausspruch: «Es pocht die alte Erinnerung an mein Herz.» So wunderbar hängen die Dinge in der Menschheitsevolution zusammen. In so manchen sinnvollen, rätselhaften Ausspruch kommt Licht und Bedeutung, wenn man die geistigen Zusammenhänge verspürt. Dann erst wird das Leben groß und gewaltig, dann fühlen die Menschen sich hinein in ein großes Ganzes, wenn sie verstehen, daß der einzelne nur eine individuelle Ausgestaltung des durch die Welt ziehenden Spirituellen ist.

[ 25 ] Ich habe auch schon einmal darauf aufmerksam gemacht, daß es eine materialistische Vergröberung dessen ist, was die Ägypter als Götter dargestellt haben in Tiergestalt, was auferstanden ist in unserer Zeit als Darwinismus. So konnte ich auch zeigen, daß, wenn man richtig Paracelsus versteht, man erkennen kann, daß seine Heilkunde ein Wiederaufleben dessen ist, was in den Tempeln des alten Ägyptens gelehrt wurde. Betrachten wir einen solchen Geist, wie Paracelsus war. Einen merkwürdigen Ausspruch finden wir bei ihm. Wer sich hineinvertieft in Paracelsus, der weiß, welch hoher Geist in ihm lebte. Er hat einen merkwürdigen Ausspruch getan, er sagte: In vielem habe er vieles gelernt, am wenigsten zwar habe er auf Akademien gelernt, er habe aber auf seinem Zuge durch die Länder viel von dem Volke und aus alten Traditionen gelernt. - Es entzieht sich uns .die Möglichkeit, auf Beispiele nur hinzuweisen, wie tiefe Wahrheiten in unserem Volke noch vorhanden sind, die gar nicht mehr verstanden werden, die Paracelsus aber verwerten konnte. Er sagte, er habe ein Buch gefunden mit tiefen medizinischen Wahrheiten. Und welches Buch nennt er da? Die Bibel! Er meint damit nicht nur das Alte, im wesentlichen meint er das Neue Testament. Man muß nur die Bibel lesen können, um das darin zu finden, was Paracelsus darin fand. Und was wurde aus der Medizin des Paracelsus? Wahr ist es, sie ist eine alte Erinnerung an die alte ägyptische Heilmethode. Dadurch aber, daß er die Geheimnisse des Christentums aufnahm, den Impuls nach oben, sind seine Werke von spiritueller Weisheit durchdrungen worden, sie sind durchchristet worden. Das ist der Gang in die Zukunft. Das ist dasjenige, was alle tun müßten, welche den Rückweg immer mehr bahnen wollen aus dem Fall in die Materie in der neuesten Zeit. Es gibt da eine Möglichkeit, die großen materiellen Fortschritte nicht zu unterschätzen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, das Spirituelle in sie einfließen zu lassen.

[ 26 ] Wer heute studiert, was die materielle Wissenschaft bieten kann, wer in die materielle Wissenschaft hinuntersteigt und nicht zu bequem ist, sich in sie zu vertiefen, der tut auch als Geisteswissenschafter gut daran. Viel kann man lernen von den rein materialistischen Forschern. Wir können dasjenige, was wir da finden, durchdringen mit dem reinen Geist, den die Geisteswissenschaft bieten kann. Wenn wir so alles durchdringen mit dem Spirituellen, dann ist das richtig verstandenes Christentum. Es ist nichts anderes als eine Verleumdung der Geisteswissenschaft, wenn die Menschen sagen, sie sei eine phantastische Weltanschauung. Sie kann stehen ganz fest und sicher auf dem Boden - aller Realität. Und es wäre nur ein elementarster Anfang der Geisteswissenschaft, wenn man sich vertiefen wollte in ein schematisches Darstellen der höheren Welten. Nicht so sehr darauf kommt es an, daß der Geisteswissenschafter die Dinge bloß weiß und auswendig lernt die geisteswissenschaftlichen Begriffe. Darauf kommt es nicht allein an. Sondern darauf kommt es an, daß die Lehren und Anschauungen über die höheren Welten fruchtbar werden im Menschen, daß in alles, in das alltägliche Leben hineingetragen werden die wahren geisteswissenschaftlichen Lehren.

[ 27 ] Nicht darauf kommt es an, daß man predigt von der allgemeinen Bruderliebe. Es ist am besten, so wenig wie möglich davon zu reden. Es ist mit einer solchen Phrase so, wie wenn man zum Ofen sagt: Lieber Ofen, deine Aufgabe ist, das Zimmer zu wärmen. Erfülle deine Aufgabe. — So ist es mit den Lehren, die durch solche Phrasen gegeben werden. Es kommt auf die Mittel an. Der Ofen bleibt kalt, wenn ich ihm bloß sage, er solle warm sein. Er wird warm, wenn er Heizmaterial hat. Der Mensch bleibt auch kalt bei Ermahnungen. Was ist aber Heizmaterial für den modernen Menschen? Die Einzeltatsachen der spirituellen Lehren sind Heizmaterial für den Menschen. Man darf nicht bequem sein und bei der «allgemeinen Bruderschaft» stehenbleiben. Heizmaterial muß den Menschen gegeben werden. Die Brüderlichkeit ergibt sich dann schon von selbst. Wie die Pflanzen ihre Blüten der Sonne entgegenstrecken, so müssen wir alle aufschauen zur Sonne des spirituellen Lebens.

[ 28 ] Es kommt darauf an, daß wir solche Dinge, in die wir hineingeschaut haben, nicht nur als theoretische Lehren aufnehmen, sondern daß sie Kraft werden in unseren Seelen. Für jeden Menschen, auf jedem Posten im praktischen Leben können sie Impulse geben zu dem, was er zu schaffen hat. Die Menschen, die heute mit einem gewissen Hohn auf die Geisteswissenschaft herabschauen, die fühlen sich erhaben über die «phantastischen» Lehren der Geisteswissenschaft. Sie finden darin «nicht zu beweisende Behauptungen» und sagen, man solle sich halten an die Tatsachen. — Es könnte leicht, wenn der Geisteswissenschafter nicht stark, sondern kleinmütig gemacht würde durch das Leben in der Geisteswissenschaft, es könnte leicht geschehen, daß er beirrt würde in seiner Sicherheit und Energie, wenn er sieht, wie gerade diejenigen, welche die Geisteswissenschaft verstehen sollten, wie gerade die sie absolut nicht begreifen.

[ 29 ] Unsere Zeit blickt so leicht herab auf das, was die Ägypter ihre Götter genannt haben. «Wesenlose Abstraktion», sagt man. Der moderne Mensch ist aber viel abergläubischer. Er hängt an ganz anderen Göttern, die für ihn Autorität sind. Weil er gerade nicht die Knie beugt vor ihnen, merkt er nicht, was für einen Aberglauben er treibt.

[ 30 ] Meine lieben Freunde, wenn wir so wieder zusammengewesen sind, sollen wir immer eingedenk sein, daß, wenn wir auseinandergehen, wir nicht nur mitnehmen sollen eine Summe von Wahrheiten, sondern daß wir mitnehmen sollen einen Gesamteindruck, einen Empfindungseindruck, der am richtigsten die Form annimmt, die der Geisteswissenschafter als Willensimpuls kennt: daß er die Geisteswissenschaft hineintragen will in das Leben und durch nichts in seiner Sicherheit sich beirren lassen will.

[ 31 ] Stellen wir uns ein Bild vor die Seele. Man hört so oft: Ach diese Geistsucher! Die setzen sich da zusammen in ihre Loge, da treiben sie allerlei phantastisches Zeug. Darauf kann sich der Mensch, der auf der Höhe der heutigen Zeit steht, nicht einlassen. -— Die Anhänger der Geisteswissenschaft nehmen sich heute manchmal aus wie eine verachtete Klasse von Menschen, wie ungebildet und ungelehrt. Braucht uns daraus Kleinmut zu ersprießen? Nein! Wir wollen ein Bild uns vor die Seele führen und die Gefühle, die sich daran knüpfen, wekken. Wir erinnern uns an Ähnliches in verflossenen Zeiten, wir erinnern uns, wie im alten Rom etwas ganz Ähnliches geschah. Wir sehen, wie das erste Christentum sich ausbreitet gerade im alten Rom in einer ganz verachteten Klasse von Menschen. Wir schauen heute mit berechtigtem Entzücken zum Beispiel auf das Kolosseum, das das kaiserliche Rom erbaut hat. Wir können aber auch auf die Leute, die sich damals auf der Höhe der Zeit dünkten, den Blick werfen, wie sie in dem Zirkus saßen und zuschauten, wie die Christen auf der Arena verbrannt wurden und wie Weihrauch angezündet wurde, damit der Geruch der verbrannten Leichen nicht hinaufsteige.

[ 32 ] Und jetzt richten wir den Blick auf die Reihe der Verachteten. Sie lebten in den Katakomben, in unterirdischen Gängen. Da mußte sich verkriechen das sich eben ausbreitende Christentum. Da unten errichteten die ersten Christen Altäre auf den Gräbern ihrer Toten. Da unten hatten sie ihre wunderbaren Zeichen, ihre Heiligtümer. Wir werden von einer sonderbaren Stimmung ergriffen, wenn wir heute durch die Katakomben schreiten, durch das unterirdische, verachtete Rom. Die Christen wußten, was ihnen vorbehalten war. Verachtet war das, was der erste Keim des Christus-Impulses war, auf der Erde eingeschlossen in die unterirdischen Katakomben. Was ist von dem kaiserlichen Rom geblieben? Das ist von der Erde verschwunden. Aber was damals in den Katakomben lebte, ist erhoben worden.

[ 33 ] Mögen heute die, die sich zu Trägern einer spirituellen Weltanschauung machen wollen, mögen sie die Sicherheit der ersten Christen erhalten. Mögen die Vertreter der Geisteswissenschaft leben, verachtet von der zeitgenössischen Gelehrsamkeit, mögen sie aber wissen, daß sie eben arbeiten für das, was blühen und gedeihen wird in der Zukunft. Mögen sie ertragen lernen alles Widerwärtige der Gegenwart. Wir arbeiten in die Zukunft hinein. Das kann man auch in Bescheidenheit und auch in Sicherheit, ohne Überhebung fühlen, stark gegen die Mißverständnisse in unserer Zeit.

[ 34 ] Mit solchen Gefühlen versuchen wir das, was vor unsere Seele getreten ist, zum Bleibenden zu machen. Nehmen wir es mit hinaus als Kraft, und wirken wir brüderlich untereinander im rechten Sinne weiter!