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Anthroposophy's Response
to Universal Questions
GA 108

20 March 1908, Munich

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Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen, 3rd ed.
  1. Anthroposophy's Response to Universal Questions, tr. SOL

11. Über Philosophie

11. Über Philosophie

[ 1 ] Was wir jetzt betrachten, das soll ganz aus dem Rahmen der anthroposophischen Betrachtungen herausfallen. Es hängt nur indirekt damit zusammen, es soll eine rein philosophische Betrachtung sein. Der unmittelbare Zusammenhang ist der, daß häufig behauptet wird, daß vor dem Forum der Wissenschaft die anthroposophische Geisteswissenschaft keineswegs bestehen könne, daß sie sich ausnehme wie purer Dilettantismus, auf den sich ein ernster Philosoph nicht einlassen dürfe. Es soll nun gezeigt werden, daß der Dilettantismus nicht auf seiten der Anthroposophie, sondern auf seiten der Philosophie liegt.

[ 1 ] Was wir jetzt betrachten, das soll ganz aus dem Rahmen der anthroposophischen Betrachtungen herausfallen. Es hängt nur indirekt damit zusammen, es soll eine rein philosophische Betrachtung sein. Der unmittelbare Zusammenhang ist der, daß häufig behauptet wird, daß vor dem Forum der Wissenschaft die anthroposophische Geisteswissenschaft keineswegs bestehen könne, daß sie sich ausnehme wie purer Dilettantismus, auf den sich ein ernster Philosoph nicht einlassen dürfe. Es soll nun gezeigt werden, daß der Dilettantismus nicht auf seiten der Anthroposophie, sondern auf seiten der Philosophie liegt.

[ 2 ] Die Philosophie ist gegenwärtig ein ganz ungeeignetes Instrument, sich zur Anthroposophie emporzuheben. Wir wollen uns zunächst orientieren über Philosophie. Wir wollen sehen, wie sich die Philosophie geschichtlich gestaltet hat. Dann wollen wir das Erbübel einer gewissen Betrachtung unterziehen. Wir wollen zeigen, wie die Philosophie heute daran krankt, daß sich zu einer gewissen Zeit das ganze philosophische Denken in einem Spinnennetz gefangen hat, wie es dadurch unfähig ist, sich einen weiteren Gesichtskreis in bezug auf das Wirkliche zu erringen.

[ 2 ] Die Philosophie ist gegenwärtig ein ganz ungeeignetes Instrument, sich zur Anthroposophie emporzuheben. Wir wollen uns zunächst orientieren über Philosophie. Wir wollen sehen, wie sich die Philosophie geschichtlich gestaltet hat. Dann wollen wir das Erbübel einer gewissen Betrachtung unterziehen. Wir wollen zeigen, wie die Philosophie heute daran krankt, daß sich zu einer gewissen Zeit das ganze philosophische Denken in einem Spinnennetz gefangen hat, wie es dadurch unfähig ist, sich einen weiteren Gesichtskreis in bezug auf das Wirkliche zu erringen.

[ 3 ] Wir müssen uns die Tatsache vor Augen führen, daß alle Geschichte der Philosophie anfängt mit Thales. In der neueren Zeit hat man versucht, die Philosophie nach rückwärts zu verlängern, also über das griechische Philosophentum hinauszugehen. Man spricht von einer indischen, einer ägyptischen Philosophie. Wer nicht einen willkürlichen Begriff von Philosophie aufstellt, der sagt sich, daß in der Tat mit Thales ein wichtiger Zeitabschnitt angefangen hat. Wenn wir fragen, was da eingreift in die menschliche Entwickelung, was vorher nicht da war, so müssen wir sagen: das ist das begriffliche Denken. Es war vorher nicht vorhanden. Das unterscheidet sich charakteristisch von allem, was früher da war. Früher wurde nur gesagt, was der Seher gesehen hatte. Bei Plato ist die Sehergabe noch überwiegend. Der erste begriffliche Denker, dessen System nicht mehr die alte Sehergabe zugrunde liegt, ist Aristoteles. In ihm haben wir das rein denkerische System vor uns. Alles andere war Vorbereitung. Es beginnt jene Gabe, in reinen Begriffen zu leben, zu denken, ihren ausgezeichneten Ausdruck zu finden in Aristoteles. Es ist nicht bloß Zufall, daß Aristoteles der «Vater der Logik» genannt wird. Dem Seher wird die Logik zugleich mit dem Sehen geoffenbart. Zum Begriffebilden brauchte man aber nicht nur in seiner Logik, sondern darin, daß in der Folgezeit die Offenbarungen des Christentums umgeprägt wurden zu Gedankenbildungen mit aristotelischer Logik.

[ 3 ] Wir müssen uns die Tatsache vor Augen führen, daß alle Geschichte der Philosophie anfängt mit Thales. In der neueren Zeit hat man versucht, die Philosophie nach rückwärts zu verlängern, also über das griechische Philosophentum hinauszugehen. Man spricht von einer indischen, einer ägyptischen Philosophie. Wer nicht einen willkürlichen Begriff von Philosophie aufstellt, der sagt sich, daß in der Tat mit Thales ein wichtiger Zeitabschnitt angefangen hat. Wenn wir fragen, was da eingreift in die menschliche Entwickelung, was vorher nicht da war, so müssen wir sagen: das ist das begriffliche Denken. Es war vorher nicht vorhanden. Das unterscheidet sich charakteristisch von allem, was früher da war. Früher wurde nur gesagt, was der Seher gesehen hatte. Bei Plato ist die Sehergabe noch überwiegend. Der erste begriffliche Denker, dessen System nicht mehr die alte Sehergabe zugrunde liegt, ist Aristoteles. In ihm haben wir das rein denkerische System vor uns. Alles andere war Vorbereitung. Es beginnt jene Gabe, in reinen Begriffen zu leben, zu denken, ihren ausgezeichneten Ausdruck zu finden in Aristoteles. Es ist nicht bloß Zufall, daß Aristoteles der «Vater der Logik» genannt wird. Dem Seher wird die Logik zugleich mit dem Sehen geoffenbart. Zum Begriffebilden brauchte man aber nicht nur in seiner Logik, sondern darin, daß in der Folgezeit die Offenbarungen des Christentums umgeprägt wurden zu Gedankenbildungen mit aristotelischer Logik.

[ 4 ] Dieses aristotelische Denken breitete sich aus sowohl in den arabischen Kulturraum hinüber nach Asien, nach Spanien und in den Westen Europas, wie auch in den Süden Europas, wo das Christentum beeinflußt wurde vom aristotelischen Denken. Wer das 7. bis 9. Jahrhundert beobachtet, kann die Wahrnehmung machen, daß christliche Lehrer ebenso wie antichristliche Elemente ihre Lehren in aristotelischer Form zum Ausdruck brachten, und das blieb so bis zum 13. Jahrhundert.

[ 4 ] Dieses aristotelische Denken breitete sich aus sowohl in den arabischen Kulturraum hinüber nach Asien, nach Spanien und in den Westen Europas, wie auch in den Süden Europas, wo das Christentum beeinflußt wurde vom aristotelischen Denken. Wer das 7. bis 9. Jahrhundert beobachtet, kann die Wahrnehmung machen, daß christliche Lehrer ebenso wie antichristliche Elemente ihre Lehren in aristotelischer Form zum Ausdruck brachten, und das blieb so bis zum 13. Jahrhundert.

[ 5 ] Wir werden gleich sehen, worin der Schwerpunkt des aristotelischen Denkens liegt. In der Mitte des Mittelalters wird durch Thomas von Aquino die sogenannte thomistische Philosophie verbreitet; sie steht auf christlicher Offenbarung und aristotelischer Logik. Das christliche Lehrgut lehrte man nicht in strenggehaltener Denkform, aber man wollte zeigen, daß dieses christliche Lehrgut auch verteidigt werden konnte in aristotelischen Denkformen, gegen die Araber und ihre Schüler, wie Averroes, die auch in diesen Denkformen dachten. Man wollte zeigen, wie man den richtig verstandenen Aristoteles nicht gebrauchen kann zu arabischen Lehren, sondern für das Christentum. Man wollte die Einwände der arabischen Denker entkräften; daher das eifrige Studium des Thomas von Aquino. Aristoteles beherrschte damals alle Wissenschaft, auch zum Beispiel die Medizin.

[ 5 ] Wir werden gleich sehen, worin der Schwerpunkt des aristotelischen Denkens liegt. In der Mitte des Mittelalters wird durch Thomas von Aquino die sogenannte thomistische Philosophie verbreitet; sie steht auf christlicher Offenbarung und aristotelischer Logik. Das christliche Lehrgut lehrte man nicht in strenggehaltener Denkform, aber man wollte zeigen, daß dieses christliche Lehrgut auch verteidigt werden konnte in aristotelischen Denkformen, gegen die Araber und ihre Schüler, wie Averroes, die auch in diesen Denkformen dachten. Man wollte zeigen, wie man den richtig verstandenen Aristoteles nicht gebrauchen kann zu arabischen Lehren, sondern für das Christentum. Man wollte die Einwände der arabischen Denker entkräften; daher das eifrige Studium des Thomas von Aquino. Aristoteles beherrschte damals alle Wissenschaft, auch zum Beispiel die Medizin.

[ 6 ] Nun muß man einmal charakterisieren, was die frühere Scholastik von Aristoteles hatte. Das damalige Denken unterschied sich ganz wesentlich von dem heutigen. Wenn man damit vergleicht, was damals getrieben worden ist, muß man sagen: an Inhalten war das Leben damals arm. Die ungeheuren Erfindungen sind erst später gemacht worden. Das Wesentliche der damaligen Zeit ist das streng geschulte Denken. Man macht sich heute lustig über die strengen Definitionen der Scholastik. Wenn man aber damit vergleicht das heutige willkürliche Verstehen aller Begriffe, dann empfindet man erst die Wohltat jener Anschauung, daß eine Verständigung über die Begriffe herrschen muß. Es dauert lange, bis man einmal die Begriffe festgelegt hat; aber dann arbeitet man auf einem festen Boden.

[ 6 ] Nun muß man einmal charakterisieren, was die frühere Scholastik von Aristoteles hatte. Das damalige Denken unterschied sich ganz wesentlich von dem heutigen. Wenn man damit vergleicht, was damals getrieben worden ist, muß man sagen: an Inhalten war das Leben damals arm. Die ungeheuren Erfindungen sind erst später gemacht worden. Das Wesentliche der damaligen Zeit ist das streng geschulte Denken. Man macht sich heute lustig über die strengen Definitionen der Scholastik. Wenn man aber damit vergleicht das heutige willkürliche Verstehen aller Begriffe, dann empfindet man erst die Wohltat jener Anschauung, daß eine Verständigung über die Begriffe herrschen muß. Es dauert lange, bis man einmal die Begriffe festgelegt hat; aber dann arbeitet man auf einem festen Boden.

[ 7 ] Um uns weiter orientieren zu können, müssen wir auf ein paar Begriffe des Aristoteles eingehen. Er war ein guter Interpret für das Christentum, sogar vom Gesichtspunkte der Anthroposophie. Ein paar Begriffe sollen zeigen, wie scharf Aristoteles gedacht hat. Aristoteles unterscheidet die Erkenntnis nach Sinn und Intellekt. Die Sinne nehmen wahr diese Rose, diesen Menschen, diesen Stein. Dann tritt der Intellekt ein. Der zerfällt in eine Erkenntnis der Materie und der Form. In allen Dingen ist Materie und Form enthalten. Mit diesen beiden Begriffen kommen wir sehr weit. Aristoteles sieht in jedem einzelnen Naturding, dessen sich der Sinn bemächtigt, Materie und Form: Betrachtet einen Wolf. Der frißt lauter Lämmer; dann besteht er aus derselben Materie wie die Lämmer, aber der Wolf wird nie ein Lamm. - Das, wodurch sich die beiden unterscheiden, ist die Form. Wir haben die Form des Lammes und des Wolfes. Er identifiziert das, was als Form zugrunde liegt, mit Gattung Lamm und Gattung Wolf. Aristoteles unterscheidet scharf zwischen Gattung und Gattungsbegriff. Wenn wir einer Schar von Lämmern gegenüberstehen, so bilden wir uns den Gattungsbegriff. Das, was unser Begriff in seiner Form feststellt, ist ein Objektives außer uns, wie wenn wir uns in der Welt unsichtbar ausgebreitet denken würden die Urbilder der Formen, die aus sich herausspritzen die einzelnen Gattungen, in die hineingeschüttet wird die gleichgültige Materie. Allem um uns herum liegt das Gattungsmäßige zugrunde; das Materielle ist Aristoteles etwas Gleichgültiges.1Siehe hierzu Hinweis

[ 7 ] Um uns weiter orientieren zu können, müssen wir auf ein paar Begriffe des Aristoteles eingehen. Er war ein guter Interpret für das Christentum, sogar vom Gesichtspunkte der Anthroposophie. Ein paar Begriffe sollen zeigen, wie scharf Aristoteles gedacht hat. Aristoteles unterscheidet die Erkenntnis nach Sinn und Intellekt. Die Sinne nehmen wahr diese Rose, diesen Menschen, diesen Stein. Dann tritt der Intellekt ein. Der zerfällt in eine Erkenntnis der Materie und der Form. In allen Dingen ist Materie und Form enthalten. Mit diesen beiden Begriffen kommen wir sehr weit. Aristoteles sieht in jedem einzelnen Naturding, dessen sich der Sinn bemächtigt, Materie und Form: Betrachtet einen Wolf. Der frißt lauter Lämmer; dann besteht er aus derselben Materie wie die Lämmer, aber der Wolf wird nie ein Lamm. - Das, wodurch sich die beiden unterscheiden, ist die Form. Wir haben die Form des Lammes und des Wolfes. Er identifiziert das, was als Form zugrunde liegt, mit Gattung Lamm und Gattung Wolf. Aristoteles unterscheidet scharf zwischen Gattung und Gattungsbegriff. Wenn wir einer Schar von Lämmern gegenüberstehen, so bilden wir uns den Gattungsbegriff. Das, was unser Begriff in seiner Form feststellt, ist ein Objektives außer uns, wie wenn wir uns in der Welt unsichtbar ausgebreitet denken würden die Urbilder der Formen, die aus sich herausspritzen die einzelnen Gattungen, in die hineingeschüttet wird die gleichgültige Materie. Allem um uns herum liegt das Gattungsmäßige zugrunde; das Materielle ist Aristoteles etwas Gleichgültiges.1Siehe hierzu Hinweis

[ 8 ] Bei den Scholastikern, Albertus Magnus, finden wir, was zugrunde liegt den äußeren Wesenheiten. Der frühere Scholastiker unterscheidet Universalien vor den Dingen, in den Dingen und nach den Dingen. Albertus Magnus sagt darüber: Die Universalien vor dem Dinge sind die Gedanken der göttlichen Wesenheiten. Da hat man die Gattung. In die Dinge sind diese Gedanken eingeflossen. Tritt der Mensch den Dingen gegenüber, so bildet er sich die Universalien nach dem Dinge, was die Begriffsform ist. In dieser ganzen Beschreibung der denkerischen Entwickelung ist nur von Sinnendingen die Rede. Er identifiziert mit dem «Sinn» den äußeren Sinn. Alles andere, was noch da ist, ist ihm Begriff. Der Gattungsbegriff ist ihm nicht identisch mit Gattung. Das Ganze kommt daher, daß die Menschen die alte Sehergabe verloren hatten, damit eine Philosophie heraufkommen konnte.

[ 8 ] Bei den Scholastikern, Albertus Magnus, finden wir, was zugrunde liegt den äußeren Wesenheiten. Der frühere Scholastiker unterscheidet Universalien vor den Dingen, in den Dingen und nach den Dingen. Albertus Magnus sagt darüber: Die Universalien vor dem Dinge sind die Gedanken der göttlichen Wesenheiten. Da hat man die Gattung. In die Dinge sind diese Gedanken eingeflossen. Tritt der Mensch den Dingen gegenüber, so bildet er sich die Universalien nach dem Dinge, was die Begriffsform ist. In dieser ganzen Beschreibung der denkerischen Entwickelung ist nur von Sinnendingen die Rede. Er identifiziert mit dem «Sinn» den äußeren Sinn. Alles andere, was noch da ist, ist ihm Begriff. Der Gattungsbegriff ist ihm nicht identisch mit Gattung. Das Ganze kommt daher, daß die Menschen die alte Sehergabe verloren hatten, damit eine Philosophie heraufkommen konnte.

[ 9 ] Ein alter Weiser würde gar nicht verstanden haben, in dieser Weise Unterschiede zu machen, weil er gesagt hätte: Mit der Sehergabe kann man die Gattung wahrnehmen. - Erst als die Sehergabe versiegt, kommt die eigentliche Wissenschaft heraus. Erst als der Mensch sich selbst überlassen war, entstand die Notwendigkeit, eine denkerische Kunst auszubilden. Unter dem Eindruck dieses wichtigen Prinzips entstand die Scholastik. In alten Zeiten waren dem Menschen die geistigen Welten noch zugänglich. Nun konnten sich die Scholastiker erst recht auf Aristoteles berufen, denn dieser sprach von der Sehergabe: Alte Berichte sagen uns, daß die Gestirne Götter seien, aber der menschliche Intellekt kann darüber nichts mehr ausmachen. Aber wir haben keinen Grund, das zu bezweifeln.

[ 9 ] Ein alter Weiser würde gar nicht verstanden haben, in dieser Weise Unterschiede zu machen, weil er gesagt hätte: Mit der Sehergabe kann man die Gattung wahrnehmen. - Erst als die Sehergabe versiegt, kommt die eigentliche Wissenschaft heraus. Erst als der Mensch sich selbst überlassen war, entstand die Notwendigkeit, eine denkerische Kunst auszubilden. Unter dem Eindruck dieses wichtigen Prinzips entstand die Scholastik. In alten Zeiten waren dem Menschen die geistigen Welten noch zugänglich. Nun konnten sich die Scholastiker erst recht auf Aristoteles berufen, denn dieser sprach von der Sehergabe: Alte Berichte sagen uns, daß die Gestirne Götter seien, aber der menschliche Intellekt kann darüber nichts mehr ausmachen. Aber wir haben keinen Grund, das zu bezweifeln.

[ 10 ] Die Scholastik setzte an die Stelle des Geschauten die Offenbarung. Was Lehrgut sein sollte, setzte sie in das einmal inspirierte Wort. Zunächst muß sich die Menschheit daran gewöhnen, die Gedankenlehre an den äußeren Dingen auszubilden. Wo würde sie hinkommen, wenn sie in alle möglichen übersinnlichen Dinge hineinschweifen wollte? Das wollen wir uns versagen; wir wollen uns heranbilden an den Dingen, die um uns herum sind. So sagt Thomas von Aquino. Wenn uns die Gegenstände entgegentreten, sind sie uns gegeben für die Sinne. Dann sind wir genötigt, uns Begriffe davon zu bilden. Hinter den Dingen ruhen die göttlichen Mächte, an die wir uns nicht heranwagen. Wir wollen uns von Ding zu Ding schulen. Dann kommen wir, indem wir uns streng an das Sinnliche halten, endlich zu höchsten Begriffen. Man hielt sich also an zweierlei: an das geoffenbarte Lehrgut, das gegeben ist in den Schriften, an die das Denken nicht herantritt. Es ist von den Sehern übernommen worden. Man hielt sich ferner an das, was erarbeitet wird an der sinnlichen Wirklichkeit. Damit reichen wir nur gerade heran an Bibel und Offenbarung. Eine Zeitlang wird die höhere Welt dem menschlichen Denken entzogen. Aber es wird kein endgültiger Verzicht geleistet auf die übersinnlichen Welten. Wenn sich der Mensch die sinnliche Welt erobert hat, kann er eine Vorahnung der übersinnlichen Welten bekommen. Der Mensch kann frei werden vom physischen Leib und unmittelbar Offenbarung haben. Aber erst soll sich der Intellekt schulen. Wenn der Mensch an den Außendingen Begriffe bildet, sind sie der Form nach abhängig von der menschlichen Organisation, aber nicht dem Inhalte nach. In der scholastischen Erkenntnistheorie wird niemals daran gedacht, daß etwas Unerkanntes zurückbleiben kann. Das Objektive geht ein in die Erkenntnis; nur die Form, wie Begriffe gebildet werden, hängt von der Organisation des menschlichen Geistes ab.

[ 10 ] Die Scholastik setzte an die Stelle des Geschauten die Offenbarung. Was Lehrgut sein sollte, setzte sie in das einmal inspirierte Wort. Zunächst muß sich die Menschheit daran gewöhnen, die Gedankenlehre an den äußeren Dingen auszubilden. Wo würde sie hinkommen, wenn sie in alle möglichen übersinnlichen Dinge hineinschweifen wollte? Das wollen wir uns versagen; wir wollen uns heranbilden an den Dingen, die um uns herum sind. So sagt Thomas von Aquino. Wenn uns die Gegenstände entgegentreten, sind sie uns gegeben für die Sinne. Dann sind wir genötigt, uns Begriffe davon zu bilden. Hinter den Dingen ruhen die göttlichen Mächte, an die wir uns nicht heranwagen. Wir wollen uns von Ding zu Ding schulen. Dann kommen wir, indem wir uns streng an das Sinnliche halten, endlich zu höchsten Begriffen. Man hielt sich also an zweierlei: an das geoffenbarte Lehrgut, das gegeben ist in den Schriften, an die das Denken nicht herantritt. Es ist von den Sehern übernommen worden. Man hielt sich ferner an das, was erarbeitet wird an der sinnlichen Wirklichkeit. Damit reichen wir nur gerade heran an Bibel und Offenbarung. Eine Zeitlang wird die höhere Welt dem menschlichen Denken entzogen. Aber es wird kein endgültiger Verzicht geleistet auf die übersinnlichen Welten. Wenn sich der Mensch die sinnliche Welt erobert hat, kann er eine Vorahnung der übersinnlichen Welten bekommen. Der Mensch kann frei werden vom physischen Leib und unmittelbar Offenbarung haben. Aber erst soll sich der Intellekt schulen. Wenn der Mensch an den Außendingen Begriffe bildet, sind sie der Form nach abhängig von der menschlichen Organisation, aber nicht dem Inhalte nach. In der scholastischen Erkenntnistheorie wird niemals daran gedacht, daß etwas Unerkanntes zurückbleiben kann. Das Objektive geht ein in die Erkenntnis; nur die Form, wie Begriffe gebildet werden, hängt von der Organisation des menschlichen Geistes ab.

[ 11 ] Diese frühere Scholastik nennt man Realismus. Sie glaubte an die Wirklichkeit des Inhaltes. Die Scholastik wurde dann nominalistisch. Die Menschen haben den Zusammenhang mit der objektiven äußeren Welt verloren. Sie sagten: Der Geist bildet sich Begriffe; sie sind nichts Wirkliches. - Die Begriffe wurden bloße Namen; sie waren nur Abstraktionen. Was mit dem Begriff erreicht werden soll, entfällt. Deshalb mußten sich die Nominalisten sagen: Vor uns breitet sich die sinnliche Wirklichkeit. Wir fassen sie zusammen, wie unser Verstand will. Unseren Begriffen entspricht nichts Wirkliches. Man muß die eigentliche Offenbarung behüten vor dem menschlichen Denken und auf jedes Verständnis verzichten. - Ihren Gipfelpunkt erreichte diese Anschauung in dem Ausspruch Zuthers, daß die menschliche Vernunft ohnmächtig sei, die stocktaube, blinde, törichte Närrin, die sich nicht anmaßen sollte, an das Lehrgut heranzukommen.

[ 11 ] Diese frühere Scholastik nennt man Realismus. Sie glaubte an die Wirklichkeit des Inhaltes. Die Scholastik wurde dann nominalistisch. Die Menschen haben den Zusammenhang mit der objektiven äußeren Welt verloren. Sie sagten: Der Geist bildet sich Begriffe; sie sind nichts Wirkliches. - Die Begriffe wurden bloße Namen; sie waren nur Abstraktionen. Was mit dem Begriff erreicht werden soll, entfällt. Deshalb mußten sich die Nominalisten sagen: Vor uns breitet sich die sinnliche Wirklichkeit. Wir fassen sie zusammen, wie unser Verstand will. Unseren Begriffen entspricht nichts Wirkliches. Man muß die eigentliche Offenbarung behüten vor dem menschlichen Denken und auf jedes Verständnis verzichten. - Ihren Gipfelpunkt erreichte diese Anschauung in dem Ausspruch Zuthers, daß die menschliche Vernunft ohnmächtig sei, die stocktaube, blinde, törichte Närrin, die sich nicht anmaßen sollte, an das Lehrgut heranzukommen.

[ 12 ] Das ist ein wichtiger Scheidepunkt. Luther verurteilt Aristoteles. Von diesem Punkt aus geht die Suggestion, welche den Kantianismus hervorgebracht hat. Kant war bis Ende der sechziger Jahre Wolffianer, wie damals fast alle Philosophen. Wolff lehrte: Die Vernunft vermag etwas auszumachen über die übersinnlichen Welten. Er unterscheidet eine rationale und eine empirische Wissenschaft. Es ist möglich, eine gewisse Summe menschlicher Erkenntnis zu gewinnen. Die aposteriorische Erkenntnis hat nur relative Gültigkeit.

[ 12 ] Das ist ein wichtiger Scheidepunkt. Luther verurteilt Aristoteles. Von diesem Punkt aus geht die Suggestion, welche den Kantianismus hervorgebracht hat. Kant war bis Ende der sechziger Jahre Wolffianer, wie damals fast alle Philosophen. Wolff lehrte: Die Vernunft vermag etwas auszumachen über die übersinnlichen Welten. Er unterscheidet eine rationale und eine empirische Wissenschaft. Es ist möglich, eine gewisse Summe menschlicher Erkenntnis zu gewinnen. Die aposteriorische Erkenntnis hat nur relative Gültigkeit.

[ 13 ] [Lücken und Mängel in der Nachschrift. Zur Philosophie Wolffs vergleiche die Darstellung im Vortrag vom 14. März 1908 in diesem Band.]

[ 13 ] [Lücken und Mängel in der Nachschrift. Zur Philosophie Wolffs vergleiche die Darstellung im Vortrag vom 14. März 1908 in diesem Band.]

[ 14 ] In den Bahnen Wolffs wandelte zunächst auch Kant. Hume stört ihn. Dieser bildet den Skeptizismus aus. Er sagt, es darf keine Scheidewand gezogen werden zwischen apriorischen und aposteriorischen Erkenntnissen. Alle Erkenntnisse sind Gewohnheitserkenntnisse; es gibt keine rationalen. Kant erwachte aus seinem dogmatischen Schlummer. Aber ganz konnte er nicht mit. Er sagte: Hume hat Recht; alles gewinnen wir aus der Erfahrung. Nur die Mathematik bildet eine Ausnahme; was diese sagt, hat absolute Gültigkeit. Er vertritt also zweierlei. Erstens: Es gibt absolut sichere Urteile a priori. Zweitens: Alle Erkenntnis muß aus der Erfahrung gewonnen werden. Die Erfahrung aber richtet sich nach unseren Urteilen. Wir selbst geben der Erfahrung Gesetze. Der Mensch tritt dem Dinge gegenüber mit seiner Denkorganisation. Alle Erfahrung richtet sich nach unserer Erkenntnisform. So verband Kant Hume mit Wolff.

[ 14 ] In den Bahnen Wolffs wandelte zunächst auch Kant. Hume stört ihn. Dieser bildet den Skeptizismus aus. Er sagt, es darf keine Scheidewand gezogen werden zwischen apriorischen und aposteriorischen Erkenntnissen. Alle Erkenntnisse sind Gewohnheitserkenntnisse; es gibt keine rationalen. Kant erwachte aus seinem dogmatischen Schlummer. Aber ganz konnte er nicht mit. Er sagte: Hume hat Recht; alles gewinnen wir aus der Erfahrung. Nur die Mathematik bildet eine Ausnahme; was diese sagt, hat absolute Gültigkeit. Er vertritt also zweierlei. Erstens: Es gibt absolut sichere Urteile a priori. Zweitens: Alle Erkenntnis muß aus der Erfahrung gewonnen werden. Die Erfahrung aber richtet sich nach unseren Urteilen. Wir selbst geben der Erfahrung Gesetze. Der Mensch tritt dem Dinge gegenüber mit seiner Denkorganisation. Alle Erfahrung richtet sich nach unserer Erkenntnisform. So verband Kant Hume mit Wolff.

[ 15 ] Jetzt ist der Mensch eingesponnen in dieses philosophische Netz. Fichte, Schelling und Hegel bilden Ausnahmen. Auch einzelne Naturwissenschafter gehen diesen Weg. Helmholtz sagt: Was der Mensch vor sich hat, ist aus seiner Organisation herausgesponnen. Was wir von dem Ding wahrnehmen, ist nicht einmal ein Bild, sondern nur ein Zeichen. Das Auge macht nur Wahrnehmungen an der Oberfläche. Der Mensch ist ganz in seine Subjektivität eingesponnen. Das Ding an sich bleibt unbekannt. - So mußte es werden. Der Nominalismus hat das Geistige hinter der Oberfläche verloren. Das menschliche Innere ist entkräftet worden. Das innere Arbeiten wird rein formal. Wenn der Mensch hinter die Wirklichkeit dringen will, so gibt ihm sein Inneres keine Antwort. Das ganze philosophische Denken des 19. Jahrhunderts findet sich da nicht heraus. Hartmann zum Beispiel kommt über die Vorstellung nicht hinaus. Ein einfacher Vergleich kann darüber aufklären. Ein Petschaft enthält den Namen Müller. Es kann nichts, auch nicht das kleinste Stoffliche vom Messing des Petschafts in den Siegellack kommen. Folglich kann nichts Objektives aus dem Petschaft hinüberkommen; der Name Müller muß sich aus dem Siegellack bilden. Der Denker ist der Siegellack. Nichts geht über vom Objekt auf den Denker. Und doch ist der Name Müller im Siegellack. So nehmen wir den Inhalt aus der objektiven Welt heraus, dennoch ist es der wahre Inhalt, den wir herausnehmen. Wenn man bloß das Materielle nimmt, ist es richtig: es kommt nichts vom Siegellack ins Petschaft und umgekehrt. Sobald man aber den Geist sieht, das höhere Prinzip, der das Objektive und Subjektive umfassen kann, da geht der Geist ein und aus ins Subjektive und Objektive. Der Geist trägt herüber alles aus der Objektivität in die Subjektivität. Das Ich ist objektiv und subjektiv in sich selbst. Das hat Fichte gezeigt. -2Der Rest des Vortrages ist von dem Nachschreibenden nur in fragmentarischen Notizen festgehalten worden, wie die folgenden Sätze zeigen.

[ 15 ] Jetzt ist der Mensch eingesponnen in dieses philosophische Netz. Fichte, Schelling und Hegel bilden Ausnahmen. Auch einzelne Naturwissenschafter gehen diesen Weg. Helmholtz sagt: Was der Mensch vor sich hat, ist aus seiner Organisation herausgesponnen. Was wir von dem Ding wahrnehmen, ist nicht einmal ein Bild, sondern nur ein Zeichen. Das Auge macht nur Wahrnehmungen an der Oberfläche. Der Mensch ist ganz in seine Subjektivität eingesponnen. Das Ding an sich bleibt unbekannt. - So mußte es werden. Der Nominalismus hat das Geistige hinter der Oberfläche verloren. Das menschliche Innere ist entkräftet worden. Das innere Arbeiten wird rein formal. Wenn der Mensch hinter die Wirklichkeit dringen will, so gibt ihm sein Inneres keine Antwort. Das ganze philosophische Denken des 19. Jahrhunderts findet sich da nicht heraus. Hartmann zum Beispiel kommt über die Vorstellung nicht hinaus. Ein einfacher Vergleich kann darüber aufklären. Ein Petschaft enthält den Namen Müller. Es kann nichts, auch nicht das kleinste Stoffliche vom Messing des Petschafts in den Siegellack kommen. Folglich kann nichts Objektives aus dem Petschaft hinüberkommen; der Name Müller muß sich aus dem Siegellack bilden. Der Denker ist der Siegellack. Nichts geht über vom Objekt auf den Denker. Und doch ist der Name Müller im Siegellack. So nehmen wir den Inhalt aus der objektiven Welt heraus, dennoch ist es der wahre Inhalt, den wir herausnehmen. Wenn man bloß das Materielle nimmt, ist es richtig: es kommt nichts vom Siegellack ins Petschaft und umgekehrt. Sobald man aber den Geist sieht, das höhere Prinzip, der das Objektive und Subjektive umfassen kann, da geht der Geist ein und aus ins Subjektive und Objektive. Der Geist trägt herüber alles aus der Objektivität in die Subjektivität. Das Ich ist objektiv und subjektiv in sich selbst. Das hat Fichte gezeigt. -2Der Rest des Vortrages ist von dem Nachschreibenden nur in fragmentarischen Notizen festgehalten worden, wie die folgenden Sätze zeigen.

[ 16 ] Die ganze Erkenntnistheorie des 19. Jahrhunderts nimmt sich aus wie ein Hund, der seinen eigenen Schwanz fängt. Man kommt dazu: Ich habe alles geschaffen. Die Welt ist meine Vorstellung. Alles ist herausgespritzt aus meinem Inneren. Ich habe auch das Recht, alles zu töten.

[ 16 ] Die ganze Erkenntnistheorie des 19. Jahrhunderts nimmt sich aus wie ein Hund, der seinen eigenen Schwanz fängt. Man kommt dazu: Ich habe alles geschaffen. Die Welt ist meine Vorstellung. Alles ist herausgespritzt aus meinem Inneren. Ich habe auch das Recht, alles zu töten.

[ 17 ] Kant gibt durchaus verschnörkelte Begriffe. Kant sagt: Ich habe das Wissen vernichtet, um für den Glauben Platz zu machen. - Er hat das Wissen eingeschränkt und begründet einen praktischen Glauben, weil alles aus dem Subjektiven herausgesponnen ist.

[ 17 ] Kant gibt durchaus verschnörkelte Begriffe. Kant sagt: Ich habe das Wissen vernichtet, um für den Glauben Platz zu machen. - Er hat das Wissen eingeschränkt und begründet einen praktischen Glauben, weil alles aus dem Subjektiven herausgesponnen ist.

[ 18 ] Der Kantianismus ist das letzte Ergebnis des Nominalismus. Heute ist die Zeit dafür abgelaufen. Der Mensch muß sein Denken wieder an der Wirklichkeit schulen, um reale Begriffe sich zu bilden; dann können wir die übersinnlichen Wahrheiten wieder erkennen. Die scholastische Einstellung ist zeitbedingt, das Geistige mußte eine Zeitlang dem Denken entzogen werden. Jetzt muß das geoffenbarte Lehrgut wieder ein zu prüfendes Lehrgut werden. Wir müssen wieder alles mit der Vernunft ansehen. Sie ist ein Licht, mit dem man überall hineinleuchtet. Man kann alles erforschen, verstehen, begreifen. Vernunft ist die niedrigste Seherkraft, aber eine sehende, hörende, gescheite Kraft. So winden wir uns heraus aus dem Netz. Die Philosophie muß sich befreien aus diesem Netz und sich befruchten lassen von der Logik zu wahrem Denken.

[ 18 ] Der Kantianismus ist das letzte Ergebnis des Nominalismus. Heute ist die Zeit dafür abgelaufen. Der Mensch muß sein Denken wieder an der Wirklichkeit schulen, um reale Begriffe sich zu bilden; dann können wir die übersinnlichen Wahrheiten wieder erkennen. Die scholastische Einstellung ist zeitbedingt, das Geistige mußte eine Zeitlang dem Denken entzogen werden. Jetzt muß das geoffenbarte Lehrgut wieder ein zu prüfendes Lehrgut werden. Wir müssen wieder alles mit der Vernunft ansehen. Sie ist ein Licht, mit dem man überall hineinleuchtet. Man kann alles erforschen, verstehen, begreifen. Vernunft ist die niedrigste Seherkraft, aber eine sehende, hörende, gescheite Kraft. So winden wir uns heraus aus dem Netz. Die Philosophie muß sich befreien aus diesem Netz und sich befruchten lassen von der Logik zu wahrem Denken.