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The Rudolf Steiner Archive

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The East in the Light of the West
The Children of Lucifer and the Brothers of Christ
GA 113

28 August 1909, Munich

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The East in the Light of the West, tr. SOL
  1. Der Orient im Lichte des Okzidents, 5th ed.

Goethe-Feier

Goethe Celebration

[ 1 ] Für denjenigen, der sich innerhalb des neuzeitlichen Geisteslebens gerne einmal] in Erinnerungen erhebt zu den führenden Persönlichkeiten der letzten Zeiten, ist die Nacht vom 27. zum 28. August eine wichtige Erinnerungsnacht. Der 27. August ist ja der Geburtstag des größten Denkers der neueren Zeit, und der 28. August ist der Geburtstag des universellsten, umfassendsten Geistes. Und so können sich in unseren Gedanken in dieser Nacht berühren die Erinnerungen an den großen Philosophen Hegel, der am 27. August seinen Geburtstag hat, und an Goethe, den universellen Geist, der ihn am 28. August hat. Und dann, wenn unsere Gedanken also erinnernd sich zurückwenden zu diesen beiden Individualitäten, kommt so mancherlei, was sich an diese Gedanken anschließt, dann tritt vor die Seele die Eigentümlichkeit dieser beiden großen Individualitäten der neueren Zeit, und wir schauen dann wohl auch gerne zurück, vergleichend mit dem, was wir sonst aus dem Geistesleben wissen, auf diese beiden Repräsentanten der Menschheit, Hegel und Goethe. Und mancherlei von dem, was in unserem gestrigen Vortrag gesagt werden konnte, mag sich anknüpfen an diese beiden Namen.

[ 1 ] For those who, within modern intellectual life, like to reminisce about the leading figures of recent times, the night of August 27 to 28 is an important night of remembrance. August 27 is the birthday of the greatest thinker of modern times, and August 28 is the birthday of the most universal, most comprehensive spirit. And so, on this night, our thoughts are touched by memories of the great philosopher Hegel, whose birthday is on August 27, and of Goethe, the universal spirit, whose birthday is on August 28. And then, when our thoughts turn back to these two individuals, many things come to mind that are connected with these thoughts, and the uniqueness of these two great individuals of modern times appears before our soul, and we then look back with pleasure, comparing them with what we otherwise know from spiritual life, on these two representatives of humanity, Hegel and Goethe. And many things that could be said in yesterday's lecture may be linked to these two names.

[ 2 ] Hegel erscheint als derjenige unter den modernen Geistern, welcher das Erfahren des Innern zur höchsten Blüte gebracht hat. Er erscheint als derjenige, welcher in die Atherhöhen, in die lichthellen Regionen des Denkens den Menschen heute führen kann, und für denjenigen, der sich befruchten lassen kann von Hegels kristallhellen und in Ätherhöhen schwebenden Gedankengängen, wird auch eine andere geistige Strömung, welche in der Menschheit gewaltet hat, verständlich. Denn Hegel läßt sich nur vergleichen, wenn wir durch die Wende der Zeiten mit unseren Empfindungen schweifen, mit jener morgenländischen Geistesblüte, die durch den reinen Gedanken am tiefsten hineingeführt hat in menschliches Geistesleben: mit der Vedanta-Philosophie. In gewisser Beziehung ist er derjenige, der innerhalb unseres Abendlandes das Luziferische von Indien ausgehend erneuert hat und doch wiederum in einer anderen Form. Wer sich vertiefen kann in das Vedanta-Werk des Orients, der wird in ihm verehren die höchste Blüte jenes Denkens, das bei unsäglicher Hingebung und mit feinster Ausziselierung jedes einzelnen Gedankens, den der Mensch fassen kann, ein Welt-GedankenSystem zusammensetzt. Ein synthetisches, ein zusammensetzendes Denken in seiner höchsten Blüte erblicken wir in der Vedanta- Philosophie. Und Hegel erneuert diesen reinen Gedanken, dieses absolut sinnlichkeitsfreie Denken so, daß bei ihm das Denken selbst zu einem Organismus wird, wo ein Gedanke aus dem anderen herauswächst. Deshalb ist es so schwierig, unvorbereitet auch nur das Geringste von den Ätherhöhen des Hegelschen Denkens zu verstehen. Diejenigen, die sich in Hegel vertiefen, verspüren auf der einen Seite die Höhe, in die er sie trägt, wo eine frische Luft des Denkens weht, und auf der anderen Seite die Reinheit, die alle diese Gedanken durchzieht. So haben wir gleichsam das luziferische Prinzip in Hegel ausgedrückt.

[ 2 ] Hegel appears as the one among modern minds who brought the experience of the inner self to its highest flowering. He appears as the one who can lead people today into the etheric heights, into the light-filled regions of thought, and for those who can allow themselves to be inspired by Hegel's crystal-clear trains of thought floating in the etheric heights, another spiritual current that has prevailed in humanity also becomes understandable. For Hegel can only be compared if we allow our feelings to wander through the turning points of time, to that Eastern flowering of the spirit which, through pure thought, has led us deepest into human spiritual life: to the Vedanta philosophy. In a certain sense, he is the one who, within our Western world, has renewed the Luciferic element originating in India, yet in a different form. Those who can immerse themselves in the Vedanta work of the Orient will revere in it the highest flowering of that thinking which, with unspeakable devotion and the finest chiseling of every single thought that man can grasp, composes a world system of thought. We see synthetic, composite thinking in its highest form in Vedanta philosophy. And Hegel renews this pure thought, this thinking that is completely free of sensuality, in such a way that thinking itself becomes an organism in which one thought grows out of another. That is why it is so difficult to understand even the slightest thing about the ethereal heights of Hegel's thinking without preparation. Those who immerse themselves in Hegel feel, on the one hand, the heights to which he carries them, where a fresh air of thought blows, and, on the other hand, the purity that pervades all these thoughts. This is how we have expressed, as it were, the Luciferic principle in Hegel.

[ 3 ] Auf der anderen Seite haben wir in Goethe den universellen Geist, dessen Blick über den großen Teppich der äußeren Welt ausgebreitet ist, überall aber hineinschaut in die tieferen geistigen Grundlagen, so daß aus jeder Pflanze, aus jedem Tier und allen menschlichen und künstlerischen Erscheinungen für Goethe herausweht der Geist, der hinter den Erscheinungen waltet, so daß er imstande ist, von der Seite der äußeren Welt her den Geist in dem neuzeitlichen Geistesleben zu erwecken, rege zu machen. So steht Goethe uns gegenüber wie die Geistessubstanz und Hegel wie die Geistesform, und wir finden uns am besten hinein in dieses moderne Geistesleben, wenn wir versuchen, durch das Instrument Hegels den großen Geist und die große Seele Goethes zu umfassen. Solche Gedanken werden rege, wenn man mit den richtigen Erinnerungen die Nacht vom 27. zum 28. August, dem Geburtstag Hegels zum Geburtstag Goethes, an seiner Seele vorbeiziehen läßt. Deshalb haben wir Sie heute einladen wollen, dieser beiden großen Geister des neuzeitlichen Geisteslebens zu gedenken, und wir werden ihrer gedenken, indem wir Goethes in gewisse Höhen des Geisteslebens führende kleine kosmische Dichtungen zuerst hier zum Vortrag bringen und dann eine größere Dichtung Goethes, welche zeigt, wie er den Weg \ gesucht hat und in einer gewissen Weise hat finden können hinein in das Geistesleben. Daran wird sich dann schließen eine Betrachtung über das Wesen des Goethe-Geistes von einer gewissen Seite her, mit der wir unsere heutige Feier beschließen werden.

[ 3 ] On the other hand, in Goethe we have the universal spirit, whose gaze is spread over the great carpet of the outer world, but which looks everywhere into the deeper spiritual foundations, so that for Goethe the spirit that rules behind the phenomena blows out of every plant, every animal, and all human and artistic manifestations, enabling him awaken and enliven the spirit in modern intellectual life from the side of the external world. Thus, Goethe stands before us as the spiritual substance and Hegel as the spiritual form, and we find ourselves best integrated into this modern intellectual life when we try to embrace the great spirit and soul of Goethe through the instrument of Hegel. Such thoughts become lively when one lets the night of August 27 to 28, Hegel's birthday and Goethe's birthday, pass before one's soul with the right memories. That is why we wanted to invite you today to commemorate these two great minds of modern intellectual life, and we will commemorate them by first reciting here some of Goethe's short cosmic poems, which lead us to certain heights of intellectual life, and then a longer poem by Goethe, which shows how he sought and, in a certain way, found his way into intellectual life. This will be followed by a reflection on the nature of Goethe's spirit from a certain perspective, with which we will conclude our celebration today.

Es folgt die Rezitation folgender Gedichte durch Marie von Sivers:

Marie von Sivers will now recite the following poems:

«Eins und Alles», «Vermächtnis»
«Grenzen der Menschheit», «Das Göttliche»
«Gesang der Geister über den Wassern», «Mahomets Gesang»

“One and All,” “Legacy”
“Limits of Humanity,” “The Divine”
“Song of the Spirits over the Waters,” ”Mahomet's Song”

[ 4 ] Es sollen nunmehr folgen jene Goetheschen Strophen, welche dem höchsten Geistesquell entsprungen sind, als Goethe ungefähr im fünfunddreißigsten Jahre seines Lebens stand. Diejenigen von Ihnen, welche öfter Vorträge von mir gehört haben, werden die geistige Bedeutung des fünfunddreißigsten Jahres im normalen Menschenleben anfangen zu begreifen. Es ist von mir öfter hingewiesen worden darauf, welche große Bedeutung das fünfunddreißigste Lebensjahr für Dante gehabt hat in bezug auf die Konzeption seiner großen Weltendichtung. Das, was Goethe in seinen Strophen, die er «Die Geheimnisse» überschrieben hat, ausdrücken wollte, war in seiner Seele reif geworden in diesem wichtigen Lebensabschnitt. Wenn wir uns vor die Seele führen wollen, was es war, was dazumal durch Goethes Herz zog, als er die Strophen «Die Geheimnisse» hingeschrieben hat, so können wir es nicht besser bezeichnen, als daß Goethe damals im fünfunddreißigsten Jahre seines Lebens das Symbolum der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung hingestellt hat. Denn es gibt heute kein besseres Programm der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung als das Gedicht «Die Geheimnisse» von Goethe. Und später, im Jahre 1816, wurde Goethe gefragt, was die verschiedenen Bilder in seinem Gedicht «Die Geheimnisse» bedeuten. Er hat eine freilich nicht sehr ausführliche Erklärung nach so vielen Jahren auf eine äußere Aufforderung hin gegeben, aber auch in dieser Erklärung finden wir wiederum etwas wie ein Programm unserer Weltanschauung. Wir dürfen sagen: Damals, als Goethe inspiriert war zu dem Gedichte «Die Geheimnisse», da lebte warm auf in seiner Seele das, was wir heute Anthroposophie nennen. Und es wird in dieser Dichtung so groß, so gewaltig und aus so tiefen Gründen heraus der geisteswissenschaftliche Ruf in die Welt geschickt, daß selbst für einen so großen Geist, für eine so große Seele wie sie Goethes Leib barg, diese Dichtung Fragment bleiben mußte. Es war sozusagen die Seele, die darin lebte, zu groß, um ihr einen dichterischen Leib zu geben. So haben wir denn in den «Geheimnissen» ein Fragment vor uns. Mit einer gewissen inneren Beseligung vertiefen wir uns in dieses Fragment, in ihm ein neuzeitliches Geistesleben ahnend. Wir wollen jetzt die Strophen an uns vorüberziehen lassen und dann einiges anschließen über die Eigentümlichkeit des Goetheschen Geistes und der Goetheschen Seele, so daß wir durch die Schlußbetrachtung den Weg finden können, um uns dem Lichte, das in der bedeutungsvollen Erzählung leuchtet, die uns Goethe in seinem Fragment «Geheimnisse» im fünfunddreißigsten Jahre seines Lebens gegeben hat, einigermaßen zu nähern.

[ 4 ] We will now hear those verses by Goethe which sprang from the highest source of the spirit when Goethe was about thirty-five years old. Those of you who have heard me speak often will begin to understand the spiritual significance of the thirty-fifth year in the normal human life. I have often pointed out the great significance that the age of thirty-five had for Dante in relation to the conception of his great epic poem. What Goethe wanted to express in the verses he entitled “The Secrets” had matured in his soul during this important period of his life. If we want to convey to our souls what it was that moved Goethe's heart when he wrote the verses “The Secrets,” we cannot describe it better than to say that Goethe, at the age of thirty-five, had established the symbol of the spiritual scientific worldview. For there is no better program of spiritual science than Goethe's poem “The Secrets.” Later, in 1816, Goethe was asked what the various images in his poem “The Secrets” meant. He gave a not very detailed explanation after so many years in response to an external request, but even in this explanation we find something like a program for our worldview. We can say that at the time when Goethe was inspired to write the poem “The Secrets,” what we now call anthroposophy was alive and warm in his soul. And in this poem, the spiritual-scientific call is sent out into the world so grandly, so powerfully, and from such deep foundations that even for such a great mind, for such a great soul as Goethe's body contained, this poem had to remain a fragment. It was, so to speak, the soul that lived in it that was too great to be given a poetic body. So what we have in “The Secrets” is a fragment. With a certain inner joy, we immerse ourselves in this fragment, sensing in it a modern spiritual life. Let us now let the verses pass before us and then add a few words about the peculiarity of Goethe's spirit and Goethe's soul, so that through our final reflection we may find the way to approach the light that shines in the meaningful narrative that Goethe gave us in his fragment “Secrets” in the thirty-fifth year of his life.

Es folgt die Rezitation des Gedichtes: «Die Geheimnisse» durch Marie von Sivers.

This is followed by a recitation of the poem “The Secrets” by Marie von Sivers.

[ 5 ] Wer diese Goethesche Dichtung auf sich wirken läßt, der kann wohl nicht verkennen, daß in sie eingeflossen sind Inspirationen aus höheren Welten. Und derjenige, der nur ein wenig davon ahnt, wie sich in bedeutsamen Symbolen zu allen Zeiten das Leben der höheren Welten für die Menschen ausgesprochen hat, der erkennt wieder an den Symbolen, die uns hier vorgeführt werden, die ewigen Wahrzeichen der großen geistigen Verkündigungen und Offenbarungen, die der Menschheit gemacht werden von Epoche zu Epoche. Und dann ahnt wohl auch die Seele, die durch Goethes Geist sich durchringen will, eine wichtige Offenbarung für unsere neueren Entwickelungszustände.

[ 5 ] Anyone who allows this poem by Goethe to sink in cannot fail to recognize that it has been inspired by higher worlds. And anyone who has even the slightest inkling of how the life of the higher worlds has expressed itself to human beings in meaningful symbols throughout the ages will recognize in the symbols presented here the eternal symbols of the great spiritual proclamations and revelations made to humanity from epoch to epoch. And then the soul that wants to work its way through Goethe's spirit will also sense an important revelation for our more recent stages of development.

[ 6 ] Wenn eine bedeutende Individualität durch eine ihrer Inkarnationen ins Dasein strebt, dann kündigt sich durch mancherlei das ganze Wesen und der ganze Typus dieser Individualität an. Wir dürfen nicht vergessen, daß das Geistige das Schöpferische des äußeren Physischen, des äußeren Leibes ist, und daß die Seele, die aus früheren Inkarnationen mit einem bestimmten Reifezustand hereintritt in irgendeine gegenwärtige Inkarnation, durch das und jenes sich zubereitet die äußere Leiblichkeit, damit diese ein geeignetes Instrument wird für ihre Sendung der Individualität, die aus anderer Inkarnation heraufgekommen ist. Und so werden bei einzelnen Individualitäten die äußeren Lebensschicksale von frühester Kindheit an etwas wie Symbole für das, was sich aus der Individualität herausringt zur Gestaltung des äußeren leiblichen Lebens und des äußeren Lebens überhaupt, damit es Instrument wird für die bedeutsame geistige Individualität. Deshalb darf da, wo das Wesen von Goethes Seele berührt werden soll, immer wieder erinnert werden an das vor den meisten von Ihnen schon oft erwähnte Kindheitsereignis, das sich abgespielt hat in seinem siebenten Jahre. Der Knabe war schon als Siebenjähriger in vieler Beziehung unbefriedigt von dem, was ihm die Leute sagen konnten über das Wesen des Geistig- Göttlichen. Der siebenjährige Knabe schon hatte einen anderen Zusammenhang als seine ganze Umgebung mit der göttlich-geistigen Welt, und er brauchte auch einen anderen Ausdruck für diese seine Seele, die sich aus früherer Inkarnation heraufentwickelt hatte. Eines Tages nahm er ein Notenpult von seinem Vater, legte darauf Mineralien und Pflanzen und sah in ihnen mit kindlich ahnender Seele Symbole für den äußeren Sinnenteppich und zwar solche Symbole, hinter denen er die geistige Welt ahnte. Und hinter alledem wollte er mit seiner erahnenden Seele schon erfassen das Weben und Walten des Spirituellen hinter dem Teppich des Sinnlichen. So stellte er, der junge, siebenjährige Knabe, oben aufs Pult hinauf ein Räucherkerzchen, wartete ab die aufgehende Morgensonne, nahm ein Brennglas, sammelte die Strahlen der aufgehenden Morgensonne, und die gesammelten Strahlen fielen auf das Räucherkerzchen, so daß dieses entzündet wurde durch das Feuer der Strahlen der aufgehenden Sonne. Und als der Greis dieses kindliche Erlebnis erzählte, da konnte er es nicht mit anderen Worten beschreiben, als daß er sagte, er habe sich damals als siebenjähriges Kind ein Feuer entzünden wollen an den Quellen der Natur selber, der schöpferischen Natur, um dem großen Gott, der hinter dem Sinnenteppich spirituell waltet, ein Opfer darzubringen. Das war Goethes Gottesdienst, da er ein siebenjähriges Kind war. Das, was sich da hereinrankte in die Leiblichkeit, das wuchs nun heran, wollte immer weiter und weiter und wollte immer mehr und mehr hinein in die Geistigkeit, die hinter dem äußeren Sinnenteppich sich verhüllt. Und so sehen wir denn, wie Goethe nach seiner Ankunft in Weimar jene bedeutungsvollen Worte hinsprach, die uns in seinem «Prosa-Hymnus an die Natur» erhalten sind und die mit einer so heiligen Inbrunst zu erfassen suchen das, was als spirituelles Leben durch den äußeren Sinnesteppich sich hindurchzieht und womit die Seele sich vereinigen kann, wenn sie vorbereitet ist zu solchem Gottesdienst, wie ihn geübt hatte der siebenjährige Knabe: «Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen.... Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen ... Sie wird ihr Werk nicht hassen... Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst!»

[ 6 ] When a significant individuality strives for existence through one of its incarnations, the whole nature and type of this individuality is announced in many ways. We must not forget that the spiritual is the creative force of the outer physical, of the outer body, and that the soul, which enters a present incarnation from previous incarnations with a certain state of maturity, prepares itself through this and that for the outer physical body, so that it becomes a suitable instrument for its mission of individuality, which has come up from another incarnation. And so, in individual personalities, the external destinies of life from earliest childhood become something like symbols of what emerges from the individuality to shape the external physical life and external life in general, so that it becomes an instrument for the meaningful spiritual individuality. Therefore, wherever the essence of Goethe's soul is to be touched, we must always remember the childhood event that has already been mentioned many times to most of you, which took place when he was seven years old. Even as a seven-year-old boy, he was in many ways dissatisfied with what people could tell him about the nature of the spiritual and divine. The seven-year-old boy already had a different connection to the divine-spiritual world than his entire environment, and he also needed a different expression for his soul, which had developed from a previous incarnation. One day he took a music stand from his father, placed minerals and plants on it, and saw in them, with a childlike, intuitive soul, symbols for the outer sensory world, symbols behind which he sensed the spiritual world. And behind all this, with his intuitive soul, he already wanted to grasp the weaving and working of the spiritual behind the veil of the sensory world. So the young seven-year-old boy placed a small incense burner on top of the music stand, waited for the rising morning sun, took a magnifying glass, gathered the rays of the rising morning sun, and the gathered rays fell on the incense burner, so that it was ignited by the fire of the rays of the rising sun. And when the old man recounted this childhood experience, he could not describe it in any other words than to say that, as a seven-year-old child, he had wanted to light a fire at the very source of nature, of creative nature, in order to offer a sacrifice to the great God who reigns spiritually behind the veil of the senses. That was Goethe's worship when he was a seven-year-old child. What crept into his physical being grew and grew, wanting to go further and further and deeper and deeper into the spirituality that is veiled behind the outer veil of the senses. And so we see how, after his arrival in Weimar, Goethe uttered those meaningful words that have been preserved for us in his “Prosa-Hymnus an die Natur” (Prose Hymn to Nature) and which seek with such holy fervor to grasp that which passes through the outer veil of the senses as spiritual life and with which the soul can unite when it is prepared for such worship as was practiced by the seven-year-old boy: “Nature! We are surrounded and enveloped by her.... She has brought me here, she will also lead me out... She will not hate her work... Everything is her fault, everything is her merit!”

[ 7 ] Große, gewaltige Worte werden Sie finden in diesem Prosa-Hymnus an die Natur, Worte, die zeigen, wie dieselbe Seele herangewachsen ist, immer reifer und reifer geworden ist. Für eine solche Individualität aber wird nicht nur das, was sie zunächst im siebenten Jahre ihres Lebens wie die großen Symbole der Natur auf den Altar gestellt hat, Symbolum, sondern alles, was sie erfährt im Leben von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. So sehen wir denn, wenn wir Goethes Leben aufmerksam verfolgen, wie er als junger Leipziger Student sich hineinvertieft in die Wissenschaft der Natur, damals schon hinter allem suchend das geistige Schaffen. Damals war es aber auch, wo an seiner Seele vorbeiging etwas, was im höchsten Sinne des Wortes geeignet war, diese Seele, die so vorbereitet war, allüberallhin ins Weite zu schweifen, um den Gott zu finden, zugleich anzuregen, den Gott in seinen Tiefen zu ahnen. Es ging an Goethe vorbei am Ende seiner Leipziger Studienzeit der Tod. Er war durch schwere Krankheit dem Tode nahe, und eine unendliche Vertiefung seines Wesens bedeutete dieses Erlebnis damals. Und dann kam er wiederum an seinen Heimatort, nach Frankfurt. Da sehen wir ihn denn beschäftigt mit den Schriften der mittelalterlichen Esoterik, jener mittelalterlichen Esoterik, welche von dem heutigen Geistesleben als wahnsinnig aufgefaßt wird, aus der aber Goethe entgegenleuchtete tieferes Geistesleben, so daß er sich selber angeregt fühlte auch zu praktischen esoterischen Übungen. Damals wurde der erste Strahl von dem, was man in Wahrheit Inspiration nennen kann, in Goethes Seele gelegt.

[ 7 ] You will find great, powerful words in this prose hymn to nature, words that show how the same soul has grown, becoming ever more mature. But for such an individual, it is not only what he placed on the altar in the seventh year of his life as the great symbols of nature that becomes a symbol, but everything he experiences in life from day to day, from hour to hour. Thus, when we follow Goethe's life closely, we see how, as a young student in Leipzig, he immersed himself in the science of nature, already seeking spiritual creation behind everything. But it was also at that time that something passed by his soul which, in the highest sense of the word, was capable of inspiring this soul, which was so prepared to wander far and wide in order to find God, to sense God in its depths. At the end of his studies in Leipzig, Goethe was confronted with death. He was close to death due to serious illness, and this experience meant an infinite deepening of his being at that time. And then he returned to his hometown, Frankfurt. There we see him busy with the writings of medieval esotericism, that medieval esotericism which is regarded as insane by today's intellectual life, but from which Goethe perceived a deeper spiritual life, so that he felt inspired to engage in practical esoteric exercises himself. At that time, the first ray of what can truly be called inspiration was planted in Goethe's soul.

[ 8 ] Es gibt solche Inspirationen, die so wirken, daß die Seele das Ergebnis der Inspiration sogleich im Spiegelbilde dem Inspirator entgegenstrahlt. Es gibt aber auch solche Inspirationen, die so wirken, daß der Betreffende, der inspiriert ist, selber es kaum weiß, daß der Keim der Inspiration sich in seine Seele gesenkt hat. Denn dieser Keim muß da drinnen ruhen, unbewußt, Jahre, Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte weilen und harren, bis er die Früchte heraustreiben kann, die dann das Instrument des physischen Leibes soweit überwinden und soweit gebrauchen können, daß aus einer solchen Persönlichkeit dann Kundgebung und Offenbarung höheren Lebens erstrahlen kann. Etwas von dieser Art hatte die Inspiration, die Goethe von geheimnisvoller Seite her in Frankfurt gekommen war. Aber wir sehen sogleich, wie diese Inspiration waltet in Goethes Geist, wie er allem so entgegentritt, daß ein geheimes Licht in seine Seele hineinleuchtet aus allen Ereignissen des Lebens. Da wirkten dann unzählige Erlebnisse auf Goethe tief ein, und es würde viele Stunden dauern, wenn ich Ihnen erzählen wollte, was alles bei dem folgenden Straßburger Aufenthalt auf Goethes eigentliches Innere gewirkt hat. Ebenso stark wie das, was ich in der kurzen Zeit nennen kann, hat manches andere gewirkt, was die Zeit nicht gestattet, heute hervorzuheben. Nur ein Ereignis, das auf Goethe in Straßburg wirkte und sich hineinsenkte in den verborgenen Keim der Inspiration, sei erzählt: es ist die Zusammenkunft mit einer anderen damaligen Persönlichkeit, die in tiefster Sehnsucht rang nach dem, was man anthroposophische Denkungsweise heute nennt. Diese Persönlichkeit war Herder, den Goethe in Straßburg traf. Herder war derjenige, welcher sich in den Gang der Menschheitsentwickelung hinein vertieft hat, welcher die verschiedenen Strahlen, in die sich die Sonne des Geisteslebens gliedert, indem sie in die Menschheit ihr Licht hineinsendet, hatte kennenlernen wollen. Durch morgenländische und abendländische religiöse Systeme war Herders Geist durchgedrungen, und vor ihm stand die Idee, daß ein gemeinschaftlich Göttliches sich durch alle diese religiösen Denkungsweisen und Philosophien der Menschheit ziehen muß. Aus solchen Ideen entsprang bei Herder das, was er in seinem Buch «Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit» verarbeitet hat, wo er das Geistesleben der Menschheit an seinem Blick vorbeiziehen läßt, um zu zeigen, wie Religionen sich entwickeln und wie ein GeistigGöttliches in allem lebt, sich vom Unvollkommenen zu Vollkommenem immer weiter und weiter entwickelt. Dann aber wollte Herder auch herausschälen aus dem, was so sein Geist betrachtete, dasjenige, was sich an Empfindungen, an inneren Erlebnissen für die Seele ergibt. So schrieb denn Herder wie eine Gefühlswirkung seiner Betrachtungen später, zu gleicher Zeit aber einen Ruf an die Menschheit: «So sollt Ihr werden, wenn Ihr jene Gesinnung in Euch tragt, die sich ergibt, wenn Ihr in Frieden vereinigt seht die Geister, die in den Religionen der Menschheit leben.» So schrieb er seine «Briefe zur Beförderung der Humanität». Oh, das Wort «Humanität» war dazumal in dem Kreise, der sich um Goethe-Herder bildete, ein Wort, das nicht jenen abstrakten Sinn hatte, den es dann im neunzehnten Jahrhundert erhalten hat. Das Wort «Humanität» schloß ein Vollinhaltliches, ein tiefes Leben in sich, und sprach man das Wort «Humanität», humanitas, aus, so war die Seele bewegt von den höchsten und schönsten Zukunftshoffnungen der Menschheit.

[ 8 ] There are inspirations that have such an effect that the soul immediately reflects the result of the inspiration back to the inspirer. But there are also inspirations that have such an effect that the person who is inspired is hardly aware that the seed of inspiration has sunk into his soul. For this seed must lie dormant within, unconsciously, for years, decades, perhaps even centuries, waiting until it can bring forth its fruits, which can then overcome the instrument of the physical body to such an extent and use it to such an extent that a manifestation and revelation of higher life can then shine forth from such a personality. Something of this kind was the inspiration that came to Goethe from a mysterious source in Frankfurt. But we see immediately how this inspiration works in Goethe's mind, how he approaches everything in such a way that a secret light shines into his soul from all the events of life. Countless experiences had a profound effect on Goethe, and it would take many hours to tell you everything that affected Goethe's innermost being during his subsequent stay in Strasbourg. Just as powerful as what I can mention in this short time were many other things that time does not allow me to highlight today. Let me recount just one event that had an effect on Goethe in Strasbourg and sank into the hidden seed of inspiration: it was his encounter with another personality of that time who was struggling with a deep longing for what we today call anthroposophical thinking. This personality was Herder, whom Goethe met in Strasbourg. Herder was the one who had immersed himself in the course of human development, who had wanted to know the various rays into which the sun of spiritual life is divided as it sends its light into humanity. Hered's mind was permeated by Eastern and Western religious systems, and he was convinced that a common divine element must run through all these religious ways of thinking and philosophies of humanity. From such ideas sprang what Herder elaborated in his book “Ideas for the Philosophy of the History of Mankind,” in which he allows the spiritual life of humanity to pass before his eyes in order to show how religions develop and how a spiritual-divine lives in everything, developing ever further and further from the imperfect to the perfect. But then Herder also wanted to extract from what his spirit perceived that which results in feelings and inner experiences for the soul. Herder later wrote, as an emotional response to his observations, but at the same time as a call to humanity: “This is what you shall become if you carry within you the attitude that arises when you see the spirits that live in the religions of humanity united in peace.” Thus he wrote his “Letters for the Advancement of Humanity.” Oh, the word “humanity” was then, in the circle that formed around Goethe and Herder, a word that did not have the abstract meaning it acquired in the nineteenth century. The word “humanity” encompassed a full meaning, a deep life, and when one uttered the word “humanity,” humanitas, the soul was moved by the highest and most beautiful hopes for the future of humanity.

[ 9 ] Das aber alles wirkte auf Goethes Seele, die den Keim der Inspiration in sich trug, in ganz besonderer Weise. Denn Goethe stand durch das, was er war, in der Tat allen seinen Zeitgenossen, ja seiner ganzen Zeit, in einer ganz besonderen Weise gegenüber. In ihm war noch etwas, was in allen anderen nicht sein konnte. Das zeigt sich insbesondere später, als erblühte der einzigartige, wunderbare Freundschaftsbund zwischen Schiller und Goethe; das war in der Zeit, als Schiller in etwas anderer Art ebenso hinaufgetragen wurde zu den höchsten Höhen menschlicher Gefühle, wie damals Herder in Goethes Straßburger Zeit. Wir brauchen uns aber nur skizzenhaft zu vertiefen in das Sinnen und Denken Schillers, um uns dann zu fragen: Wie wirkt dasselbe, was wir bei Schiller finden, in Goethes Geist? Dann dringen wir allmählich dahin, etwas zu ahnen von der Eigenheit der Goetheschen Seele. Schiller rang gerade in der Zeit, in der sich der Freundschaftsbund mit Goethe entwickelte, mit jener Frage, die man etwa so formulieren kann: Wie gelangt der Mensch zur höchsten Entfaltung der Freiheit? Wie ist es dem Menschen möglich, seine inneren Seelenkräfte harmonisch zu entwickeln, so daß er aus seinem Innersten heraus sich über sich selbst erheben kann, ein höheres Selbst, einen höheren Menschen — wie Schiller sagt — in dem gewöhnlichen Menschen zu entwickeln vermag? Schiller beantwortete sich diese Frage, wenn wir kurz das ausgezeichnete Werk: «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen» vor unsere Seele führen, so, daß er sagte: Wenn der Mensch denkt, sich vernünftig und verstandesgemäß hineinstellt in seine Umgebung, dann herrscht in seinem Innenleben ein Zwang, der Zwang der Logik. Von Gedanken zu Gedanken wird der Mensch geführt; er ist ein Sklave der logischen Regeln; er ist nicht frei. Wenn aber der Mensch den Blick hinausrichtet in die Sinnenwelt, dann wirken die Sinnenereignisse als Reizströme auf ihn ein; er vermag über sie nichts, er ist nicht frei; er ist ein Sklave der Sinnenwelt. So ist der Mensch hineingestellt zwischen zwei Welten. Er kann nicht frei sein. Wenn der Mensch immer mehr und mehr sich verwebt in die Sinnenwelt mit seinen Leidenschaften, seinen Trieben und Begierden, dann steigt er herunter, und das Geistige zieht sich vor ihm zurück. Wenn der Mensch sich verliert an die logische Notwendigkeit, dann steigt er in die Abstraktheit hinein, und das Geistige zieht sich ebenso von ihm zurück. Er wird dann vielleicht ein Pflichtmensch, der sich sklavisch einem kategorischen Imperativ fügt; aber er wird eben der Sklave dieses kategorischen Imperativs. Eines gibt es aber, sagt Schiller, das ist, wenn die Seele des Menschen selber sich so entfaltet, wie wir den Geist walten sehen in dem Werke der Schönheit, in dem Werke der Kunst. Wenn wir ein Kunstwerk vor uns haben, haben wir ein Sinnliches vor uns, sagt Schiller, aber durch dieses strahlt und leuchtet der Geist, der sich eine Form geschaffen hat, und wir haben dann ein Sinnliches und zugleich ein Geistiges; wir verfallen nicht dem Sinnlichen, denn es wird geläutert und geadelt durch den durchleuchtenden Geist. Wir verfallen nicht dem abstrakten Geist der Logik. Da tritt uns das Geistige so entgegen, daß es heruntersteigt. Der Mensch, der seine Seele so entwickelt, gelangt dazu, das, was er soll, nicht deshalb zu tun, weil es ihm als eine Pflicht befohlen ist, sondern weil er liebt, was seine Pflicht ist. Und der Geist, der sich so entwickelt, braucht nicht zu fliehen vor der Sinnlichkeit, er braucht nicht zu sagen: Weggestoßen werden Leidenschaften und Triebe. Denn sie sind geläutert, gereinigt, sind der Ausdruck des Geistes. Das ist die schöne Seele, wie sie Schiller vorschwebte, die Freiheit erringt, weil sie den Geist herunterführt in die Sinnlichkeit, das Sinnliche durchgeistigt, welche von der Sinnlichkeit aufsteigt zum Geiste, den Geist durchsinnlicht. Oh, es war eine bedeutungsvolle Zeit, als sich die Seele des europäischen Geisteslebens also in die großen Ideale der Menschheit vertiefte. Das war das, was in Schillers Seele lebte, als er neben Goethe einherging, in inniger Freundschaft mit ihm verbunden.

[ 9 ] All this had a very special effect on Goethe's soul, which carried within it the seed of inspiration. For Goethe, by virtue of what he was, stood in a very special relationship to all his contemporaries, indeed to his entire age. There was something in him that could not be found in anyone else. This became particularly apparent later, when the unique and wonderful friendship between Schiller and Goethe blossomed; this was at a time when Schiller was being carried up to the highest heights of human feeling in a somewhat different way than Herder had been during Goethe's time in Strasbourg. But we need only sketchily delve into Schiller's thoughts and reflections to ask ourselves: How does what we find in Schiller work in Goethe's mind? Then we gradually begin to sense something of the uniqueness of Goethe's soul. At the very time when his friendship with Goethe was developing, Schiller was wrestling with the question that can be formulated as follows: How does man attain the highest development of freedom? How is it possible for man to develop his inner soul forces harmoniously so that he can rise above himself from his innermost being and develop a higher self, a higher human being—as Schiller says—in the ordinary human being? Schiller answered this question, if we briefly consider his excellent work, “Letters on the Aesthetic Education of Man,” by saying that when man thinks, places himself in his environment in a rational and intelligent manner, then a compulsion reigns in his inner life, the compulsion of logic. Man is led from thought to thought; he is a slave to logical rules; he is not free. But when man turns his gaze outward to the world of the senses, the sensory events act upon him as streams of stimuli; he has no power over them, he is not free; he is a slave to the world of the senses. Thus, man is placed between two worlds. He cannot be free. When humans become more and more entangled in the sensory world with their passions, drives, and desires, they descend, and the spiritual withdraws from them. When man loses himself in logical necessity, he descends into abstractness, and the spiritual withdraws from him as well. He then perhaps becomes a dutiful person who slavishly submits to a categorical imperative; but he becomes the slave of this categorical imperative. But there is one thing, says Schiller, and that is when the soul of man unfolds itself as we see the spirit at work in the work of beauty, in the work of art. When we have a work of art before us, we have something sensual before us, says Schiller, but through this the spirit shines and glows, having created a form for itself, and we then have something sensual and at the same time something spiritual; we do not succumb to the sensual, for it is purified and ennobled by the spirit shining through it. We do not succumb to the abstract spirit of logic. The spiritual comes to us in such a way that it descends. The person who develops their soul in this way comes to do what they should not because it is commanded as a duty, but because they love what is their duty. And the spirit that develops in this way does not need to flee from sensuality; it does not need to say: Passions and instincts are rejected. For they are purified, cleansed, they are the expression of the spirit. This is the beautiful soul that Schiller had in mind, which achieves freedom because it leads the spirit down into sensuality, spiritualizes the sensual, which rises from sensuality to the spirit, spiritualizes the spirit. Oh, it was a significant time when the soul of European spiritual life thus immersed itself in the great ideals of humanity. That was what lived in Schiller's soul when he walked alongside Goethe, bound to him in close friendship.

[ 10 ] Wie wirkte solches denn auf Goethe? Das ist das Charakteristische für Goethes Seele: Im höchsten Grade zog Goethe dieser Schillersche Gedanke an; ganz erfüllt war er von ihm. Aber vor seiner Seele stand ein anderes. Er sagte sich: Das ist bloß der Gedanke, das ist GedankenIdeal. Das Leben ist unendlich reicher, insbesondere, wenn man es im Geistigen betrachtet. — Als ein solcher in einer geraden Linie geführter Gedanke, so war ihm der Gedanke richtig, ein höchstes Ideal; so war er ihm aber zu arm, um das ganze Reich der menschlichen Seele auszudrücken, die hinaufsteigt zu den Höhen spirituellen Lebens, zu wirklicher Befreiung. Was wurde der Gedanke in Goethes Seele? Er wurde das, was uns entgegentritt, nachdem der ursprüngliche Keim der Inspiration in Goethe weiter gereift war. In Anlehnung an die eben genannten Schillerschen Gedanken schrieb Goethe sein «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», in dem wir ahnen können geheime Offenbarung dessen, was die Goethesche Seele erstrebte. Da haben wir nicht nur zwei oder drei Namen für die Seelenkräfte, da haben wir ein großes, mächtiges Tableau von zwanzig symbolischen realen Gestalten, voran die vier Könige: den goldenen, silbernen, ehernen und gemischten König; da haben wir die schöne Lilie, den Strom und so weiter. Dann können Sie in diesem «Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange» finden eine ganz esoterisch gehaltene Beschreibung, wie die Seelenkräfte, die ausgedrückt sind durch diese Figuren, in der sich entwickelnden Seele zueinander stehen müssen, wie sie wie in Sphärenharmonien zusammenwirken müssen, um zur Blüte der menschlichen Seele kommen zu können. Das ist das Geheimnis in diesem Märchen, daß wir verstehen, wie alles, was uns da geschildert wird über das Verhältnis der Personen, ausdrückt das Verhältnis der sich harmonisierenden Seelenkräfte, die den Menschen hinaufführen zur Blüte des spirituellen Lebens. Unendlich reich war gespiegelt aus Goethes Seele das, was auch Schiller als Problem empfand. Daher dürfen wir uns nicht wundern, daß in der Mitte der achtziger Jahre, als Goethe ungefähr fünfunddreißig Jahre alt war, sich auch das mehr philosophische Streben Herders, das auf ihn einen großen Eindruck gemacht hatte, nicht in Abstraktionen entfaltete, sondern in einem reichen Seelentableau. Schon früher, bevor das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» entstanden war, hatte eben Goethe in den «Geheimnissen» den Weg der Seele gezeigt, der sie führen muß, um zu den spirituellen Höhen hinaufzukommen, und er hat ihn gezeigt so, wie er sich ergab aus der Anregung jener Inspirationen, die er von geheimnisvoller Seite in Frankfurt erhalten hatte. Daher nennt er die geheimnisvolle Persönlichkeit, die als Dreizehnter der Führer der Zwölf ist, Humanus. Aber zu gleicher Zeit war ihm dieser Humanus etwas viel Tieferes als das, was sich der heutige Abstraktling bei diesem Worte denkt. Humanus ist ihm ein Name für den Urmenschen, für die große umfängliche Menschennatur, die allseitig die Kräfte verbindend zu den Höhen des Seelenlebens strebt. Oh, Goethe wußte, daß das Seelenleben etwas Reiches ist. Heute konnten Sie hören zwei Sätze, die Goethe ausgesprochen hat, und die sich tief diejenigen in die Seele schreiben sollten, welche überall nach abstrakten Gleichklängen suchen. Das eine der Gedichte, das eben gesprochen worden ist, endet, indem von dem inneren Wesen der Dinge gesprochen wurde, mit den Worten:

[ 10 ] How did this affect Goethe? This is characteristic of Goethe's soul: Goethe was attracted to Schiller's idea to the highest degree; he was completely filled with it. But something else stood before his soul. He said to himself: This is merely an idea, this is an ideal of thought. Life is infinitely richer, especially when viewed from a spiritual perspective. As a thought pursued in a straight line, this idea was correct to him, a highest ideal; but it was too poor to express the whole realm of the human soul, which ascends to the heights of spiritual life, to true liberation. What did the thought become in Goethe's soul? It became what we encounter after the original seed of inspiration had matured further in Goethe. Based on Schiller's thoughts just mentioned, Goethe wrote his “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” in which we can sense a secret revelation of what Goethe's soul was striving for. Here we have not just two or three names for the soul forces, but a large, powerful tableau of twenty symbolic real figures, led by the four kings: the golden, silver, bronze, and mixed kings; here we have the beautiful lily, the stream, and so on. Then, in this “Fairy Tale of the Beautiful Lily and the Green Snake,” you can find a completely esoteric description of how the soul forces expressed by these figures must relate to each other in the developing soul, how they must work together in spherical harmony in order to bring about the blossoming of the human soul. That is the secret of this fairy tale: that we understand how everything that is described to us about the relationship between the characters expresses the relationship between the harmonizing soul forces that lead human beings up to the blossoming of spiritual life. What Schiller also perceived as a problem was reflected infinitely richly in Goethe's soul. Therefore, we should not be surprised that in the mid-1880s, when Goethe was about thirty-five years old, Herder's more philosophical striving, which had made a great impression on him, did not unfold in abstractions, but in a rich tableau of the soul. Even earlier, before the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily” was written, Goethe had shown in the “Secrets” the path that the soul must follow in order to ascend to spiritual heights, and he showed it as it emerged from the inspiration he had received from mysterious sources in Frankfurt. That is why he calls the mysterious personality who is the thirteenth of the twelve leaders Humanus. But at the same time, this Humanus was something much deeper to him than what today's abstract thinker imagines when he hears this word. Humanus is a name he uses for the original human being, for the great, comprehensive human nature that strives in all directions to connect the forces to the heights of soul life. Oh, Goethe knew that the soul life is something rich. Today you heard two sentences that Goethe uttered, and which should be deeply engraved in the souls of those who seek abstract harmonies everywhere. One of the poems that has just been recited ends, speaking of the inner essence of things, with the words:

Nur scheinbar stehts Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen;
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.

Only in appearance do moments stand still.
The eternal continues to stir within all;
For everything must dissolve into nothingness,
If it is to persist in being.

[ 11 ] Ein Ausdruck für ein Weltengeheimnis, ein Ausdruck, wie ihn sich der menschliche Verstand vor die Seele führt! Das nächste Gedicht beginnt, nachdem die letzte Zeile war des vorhergehenden Gedichtes: Denn alles muß in Nichts zerfallen, wenn es im Sein beharren will:

[ 11 ] An expression of a cosmic mystery, an expression as the human mind presents it to the soul! The next poem begins after the last line of the preceding poem: For everything must crumble into nothingness if it wishes to persist in being:

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewige regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt.

No being can dissolve into nothing!
The eternal stirs on in all,
May you be happy in being.

[ 12 ] Der, welcher alles nach dem eben charakterisierten Standpunkt beurteilen will, da oder dort sei ein Widerspruch, der sollte sich vor allen Dingen in die Seele schreiben, wie Goethe da, wo er sich zu den höchsten Höhen kosmischen Geschehens hinauferheben wollte, zwei Sätze hinstellen mußte, die genau das Gegenteil voneinander besagen. Warum? Weil das Leben, das hinter den Erscheinungen steht, groß und umfangreich ist, und weil äußeres Ausdrucksvermögen begrenzt ist, und weil wir, wenn wir das reiche Leben umfassen wollen, es einmal von der einen Seite, einmal von der anderen Seite schildern und betrachten müssen. Wir müssen sorgfältig hineinblicken, wie das sich auflösen muß, was im Sein beharren will. Wir müssen auf der anderen Seite auch daneben hinstellen können, daß es innerhalb des spirituellen Lebens etwas gibt, von dem wir sagen müssen: es kann sich am Sein und Beharren beglückt erhalten. — Die Welt ist unendlich viel tiefer, reicher, als die Menschen gewöhnlich glauben. Deshalb kam über Goethe, wo er das Bedürfnis hatte, nicht bloß in abstrakten Worten zu schildern, dann in der Mitte seines Lebens, im fünfunddreißigsten Jahre seiner damaligen Inkarnation, der Gedanke: Jawohl, über die Welt sind ausgebreitet die verschiedensten Religionen; sie leben da und dort, sie sind dazu berufen, in sich Blüten des geistigen Daseins hervorzubringen. — Goethe ließ durch seine Seele ziehen den Gedanken: Wenn wir den Blick hinrichten auf die eine oder die andere der Religionen, dann gibt es in jeder einen Punkt, wo sie sich über sich selbst erhebt und zu einem hinter allen Religionen verborgenen Punkt führt. — Goethe läßt repräsentiert sein die verschiedenen Religionen in den zwölf Persönlichkeiten, die sich versammeln im geheimnisvollen Kloster, auf dem das Rosenkreuz zu sehen ist, hindeutend, was das Rosenkreuz für eine Aufgabe hat, nämlich die, zu vereinigen die verschiedenen Religionen, nachdem sie — über sich selbst sich erhebend — auf die große Einheit des spirituellen Lebens hinweisen, die repräsentiert wird durch den Dreizehnten, der der Führer ist und zu solcher Vollkommenheit emporgestiegen ist, daß er mit den schönsten Worten geschildert wird, daß er uns von vorneherein im Moment geschildert wird, wo er vom Tode berührt wird. Das Gedicht schildert den Moment, wo der Dreizehnte eben den Tod erwartet, wo er hingehen soll in die geistige, die spirituelle Welt, andeutend, daß über diesen Zwölfen wirklich das waltet, was ausstrahlt aus den in Liebe vereinten Weltanschauungen, die über den Erdkreis hingehen. Das war der Gedanke, der vor Goethes Seele stand. Er wollte diesen Gedanken in entsprechender Weise zum Ausdruck bringen. Er sagte sich: Es muß das geschehen in einer Erzählung, die um den Karfreitag herum sich abspielt, um jenen Tag, der das ewige Symbolum sein muß für die große spirituelle Wahrheit, daß das geistige Leben überall den Tod überwindet. Ein Karfreitagsgedicht wären «Die Geheimnisse» geworden, wenn Goethe den Leib hätte finden können für das, was dazumal so glänzend vor seiner Seele stand. Und wenn wir etwas von der Notwendigkeit dieser Gedanken ahnen wollen, so dürfen wir wohl bei dieser Gelegenheit daran erinnern, daß einem andern viel später an einem Karfreitag der Gedanke gekommen ist, hinausblickend vom Zürichsee in die eben aufkeimende Natur, der Gedanke, was sich an den Karfreitag anknüpfen läßt. Denn an einemKarfreitag war es, da Richard Wagner in sich aufgehen spürte den Gedanken zu seinem «Parsifal».

[ 12 ] Anyone who wants to judge everything according to the point of view just described, whether there is a contradiction here or there, should first of all bear in mind that Goethe, when he wanted to raise himself to the highest heights of cosmic events, had to write two sentences that say exactly the opposite of each other. Why? Because the life that stands behind appearances is great and extensive, and because our external means of expression are limited, and because, if we want to embrace the rich life, we must describe and consider it from one side and then from the other. We must look carefully to see how that which wants to persist in being must dissolve. On the other hand, we must also be able to acknowledge that there is something within spiritual life of which we must say: it can remain happy in being and persisting. — The world is infinitely deeper and richer than people usually believe. That is why Goethe, when he felt the need to describe things not merely in abstract words, then in the middle of his life, in the thirty-fifth year of his incarnation at that time, came to the thought: Yes, indeed, the most diverse religions are spread throughout the world; they live here and there, and they are called upon to bring forth within themselves the blossoms of spiritual existence. Goethe let the thought pass through his soul: When we look at one religion or another, there is a point in each where it rises above itself and leads to a point hidden behind all religions. — Goethe represents the different religions in the twelve personalities who gather in the mysterious monastery on which the Rosicrucian cross can be seen, indicating what the Rosicrucian cross has as its task, namely to unite the different religions after they have risen above themselves and pointed to the great unity of spiritual life, which is represented by the Thirteenth, who is the leader and has risen to such perfection that he is described in the most beautiful words, that he is described to us from the outset at the moment when he is touched by death. The poem describes the moment when the Thirteenth is awaiting death, when he is to go to the spiritual world, suggesting that what radiates from the worldviews united in love that extend beyond the globe truly reigns over these Twelve. That was the thought that stood before Goethe's soul. He wanted to express this thought in an appropriate way. He said to himself: This must happen in a story that takes place around Good Friday, around that day which must be the eternal symbol of the great spiritual truth that spiritual life overcomes death everywhere. The Secrets would have been a Good Friday poem if Goethe had been able to find the form for what stood so brilliantly before his soul at that time. And if we want to sense something of the necessity of these thoughts, we may well recall on this occasion that much later, on another Good Friday, another man, looking out from Lake Zurich at the nature just beginning to sprout, had the thought of what could be linked to Good Friday. For it was on a Good Friday that Richard Wagner felt the idea for his “Parsifal” welling up within him.

[ 13 ] Wenn wir solche Dinge auf unsere Seele wirken lassen, dann verspüren wir etwas von der Notwendigkeit, die in allem waltet, was uns in der äußeren Sinnenwelt entgegentritt. Solch eine Dichtung wollte Goethe schaffen. Nicht immer ist der, der sie nur bis zum Fragment bringen kann, daran schuld. Zuweilen ist auch die Zeit daran schuld, die noch nicht die Mittel hergibt, um dies oder jenes in ihr auszuwirken. Aber jetzt begreifen wir, warum uns Goethe in seinem Bruder Markus einen Menschen vorführt, der in sich eine solche Stimmung ausgebildet hat, die geläutert war von alledem, was von der äußeren Erdenwelt an Verunreinigendem in unsere Seele ziehen kann. Deshalb nennt Goethe den, der so weit gekommen war, um die Seele gereinigt zu haben von alledem, was sie von der Erde her verunreinigen kann, eine Seele, die aussah wie von einer anderen Erde. So wandelt denn der Bruder Markus dahin, um Dinge zu erleben, von denen Goethe selber in den beiden ersten Strophen sagt: Das, was gesagt werden muß, wird vielfach aussehen, als wenn dieser oder jener Seitengang eingeschlagen werde. Man soll nicht denken, daß das ein Irrtum sei. — Das Gedicht enthält so Großes, daß man lieber überall denken soll, man wird erst heranreifen, um die unendlichen Tiefen zu begreifen, die darin enthalten sind, statt Kritik zu üben. Zugleich werden wir aber hingewiesen darauf, daß das, um was es sich handelt, nicht Erlebnisse sind, mit den Sinnen zu erfassen, sondern die nur mit der über sich selbst hinausgeschrittenen spirituellen Seele vollständig zu erfassen sind. So wird denn unser Bruder Markus, diese gereinigte Seele, hingeführt vor den Tempel, der sein Wesen dadurch ausdrückt, daß das von Rosen umschlungene Kreuz sein Symbol ist, jenes Symbolum, zu dem hingeschaut haben immer diejenigen, die aus der spirituellen Substanz des Abendlandes heraus jene Gesinnung in sich entwickelten, die zu Liebe und Frieden die verschiedenen Religionen der Welt und zur Erhöhung der menschlichen Seele führen will. Das schönste und größte Programm unserer Weltanschauung lebt daher in diesem Gedicht.

[ 13 ] When we allow such things to affect our souls, we sense something of the necessity that reigns in everything that confronts us in the outer world of the senses. Goethe wanted to create such poetry. It is not always the fault of those who can only bring it to the stage of a fragment. Sometimes it is also the fault of the times, which do not yet provide the means to bring this or that to fruition. But now we understand why Goethe presents us with a man in his brother Markus who has developed within himself a mood that has been purified of everything in the external earthly world that can contaminate our soul. That is why Goethe calls the man who had come so far as to purify his soul of everything that can contaminate it from the earth a soul that looked as if it came from another earth. So Brother Markus wanders along to experience things of which Goethe himself says in the first two stanzas: What must be said will often appear as if this or that side path has been taken. One should not think that this is a mistake. The poem contains such greatness that one should rather think everywhere that one will only mature to comprehend the infinite depths contained therein, instead of criticizing. At the same time, however, we are reminded that what is at stake here are not experiences that can be grasped with the senses, but can only be fully grasped with a spiritual soul that has transcended itself. Thus our brother Markus, this purified soul, is led before the temple, which expresses its essence by the fact that its symbol is the cross entwined with roses, that symbol to which all those have always looked who, out of the spiritual substance of the West, have developed within themselves that attitude which seeks to lead the various religions of the world to love and peace and to the elevation of the human soul. The most beautiful and greatest program of our worldview therefore lives in this poem.

[ 14 ] Nun würde es viel, viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte ich mich über die Einzelheiten ergehen; aber schon wenn ich einzelne Andeutungen mache, werden Sie erkennen, wie diese Dichtung herausgeschaffen ist aus der ganzen rosenkreuzerisch-spirituellen, geistigen Substanz des Abendlandes. Da wird uns erzählt von jenem Dreizehnten, der die andern führt, der in seiner Seele also jene Tendenz haben kann, die die einzelnen Weltanschauungen über sich hinaus zur großen Einheit führt. Es wird uns erzählt, was uns auch erzählt wird von den großen Menschheitsführern, und was nichts anderes ist als Ausdruck der großen Wahrheiten. Nicht bloß Symbolum, sondern den Ausdruck großer Wahrheiten, großer Wirklichkeiten haben wir darin zu sehen. Ein Stern verkündet das Hereintreten der Seele jenes Dreizehnten, wie ein Stern das Hereintreten einer andern Wesenheit in das physische Dasein immer verkündet. Erinnern Sie sich an die Erzählungen über des Buddha, über des Jesus Geburt, und begreifen Sie daraus, welche hohe Natur im Geheimnisvollen des europäischen Mysterien-Waltens uns Goethe andeuten wollte mit seinem Dreizehnten. Noch anderes wird gesagt: Daß dieser Dreizehnte eine Persönlichkeit war, die in frühester Jugend die Otter überwand, die sich um die Schwester wand. Die Otter ist immer das reale Symbolum für jenes astralische Leben gewesen, das den Menschen herunterzieht, das ihn verhindert, zu den höchsten Höhen hinaufzukommen. Von der Paradiesesschlange an zu allen Schlangensymbolen finden Sie immer unter den mancherlei guten Schlangensymbolen auch diejenigen, die überwunden werden müssen. So sehen Sie den Sieger über die niedere Menschennatur, die abgestreift werden muß, in unserem Dreizehnten. Er wendet sich schon als Knabe zu der Schwester, der Schwester des Geistes in uns, denn der Geist in uns hat in der Seele seine Schwester — zur Seele wendet er sich und tötet die Otter der eigenen Seele. So reift er heran zu dem höheren Leben, zu dem er berufen ist; er reift heran so, daß das Außenleben für ihn ein Leben von Kämpfen wird, wie sie geschildert werden; er reift heran dazu, daß er dieses Außenleben wie ein Kreuz auf sich nimmt. Dann wird uns gesagt: Dieser Dreizehnte führe eine Schar von Zwölfen an, diese Schar sitze mit ihm bei den Liebesmahlen und Geistesfesten um einen Tisch herum. Über jedem Stuhl sehen wir ein Symbolum. Über dem Stuhl des Dreizehnten sehen wir das Grundsymbol alles europäischen Geisteslebens, das Rosenkreuz, nochmals. Über jedem der anderen Stühle sehen wir andere Symbole, welche uns das in verschiedenen Strahlen geteilte Geistesleben zeigen.

[ 14 ] Now, it would take a great deal of time if I were to go into the details; but even if I make only a few hints, you will recognize how this poem has been created from the entire Rosicrucian spiritual substance of the West. We are told about the thirteenth, who leads the others, who has in his soul the tendency to lead the individual worldviews beyond themselves to a great unity. We are told what we are also told about the great leaders of humanity, which is nothing other than an expression of great truths. We must see in this not merely symbols, but the expression of great truths, of great realities. A star announces the arrival of the soul of this thirteenth, just as a star always announces the arrival of another being into physical existence. Remember the stories about the birth of Buddha and Jesus, and understand from this the high nature that Goethe wanted to hint at in the mystery of European mysticism with his thirteenth. Something else is said: that this thirteenth was a personality who in his earliest youth overcame the serpents that were coiled around his sister. The serpent has always been the real symbol of that astral life that pulls people down, preventing them from rising to the highest heights. From the serpent in Paradise to all serpent symbols, you will always find among the many good serpent symbols those that must be overcome. Thus, in our Thirteenth, you see the victor over the lower human nature that must be cast off. Even as a boy, he turns to his sister, the sister of the spirit within us, for the spirit within us has its sister in the soul — he turns to the soul and kills the otter of his own soul. In this way, he matures toward the higher life to which he is called; he matures in such a way that his outer life becomes a life of struggles, as they are described; he matures to the point where he takes this outer life upon himself like a cross. Then we are told: This thirteenth leads a band of twelve, and this band sits with him at the love feasts and spiritual celebrations around a table. Above each chair we see a symbol. Above the chair of the thirteenth we see once again the fundamental symbol of all European spiritual life, the Rosicrucians. Above each of the other chairs we see other symbols which show us spiritual life divided into different rays.

[ 15 ] Und jetzt will ich Sie nur kurz erinnern an das, was gestern gesagt worden ist, an die zwei Völkerströmungen. Die südliche geht auf die Pflege des Innenlebens, von wo aus man in der nachatlantischen Zeit die geistige Welt gesucht hat. Diese Strömung, sie hat insbesondere zu kämpfen mit den Gegnern in der eigenen Seele, mit den widerwärtigen feindlichen astralischen Mächten. Diese Mächte, welche die Seele in sich selber besiegen muß, wenn sie das Reich des Geistigen finden will, das verdeckt ist durch den Flor der Seelenwelt, dieses Reich wurde symbolisch durch den feurigen Drachen, durch den Drachen im Feuer ausgedrückt. Und eine ganze Anzahl von Weltanschauungen ging daraus hervor, daß die Seele hinaufgelangt in die höhere Welt nach der Besiegung des Drachen, nach der Besiegung der in sich selber flammenden und wütenden Wesenheiten in und um den Menschen. Bei den nördlichen Völkern finden wir das Hindurchdringen durch den Schleier des äußeren Sinnesteppichs. Da wirkt das, was in die äußere sinnliche Welt sich hineinbohrt. Da sehen wir ein anderes Symbolum auftreten. Wenn der Mensch durchdringen will durch das, was sich von der äußeren Sinnenwelt ihm entgegenstellt, da muß er stark dieser Sinnenwelt entgegentreten. Die Art, wie der Mensch sieghaft gegen die äußere Sinneswelt auftreten muß, wenn er durch sie hindurch in das Spirituelle dringen will, das sehen Sie in ergreifender Weise dargestellt in dem Bilde des alten Gottes, der seine Hand und seinen Arm in den Rachen des Wolfes steckt und ihn verliert, so daß der alte europäische Kriegsgott Ziu einhändig ist. Dieses Bild, das uns darstellen soll den Sieg über die äußere Welt, es tritt in der mannigfaltigsten Weise auf, insbesondere so, daß der esoterisch siegende Held seine Hand steckt in eines Bären Rachen, und daß herausquillt das Blut als das überschüssige Ich. Das Blut ist der Ausdruck des Ich, hier also das Bild der überschüssigen Egoität. Der Drache ist das Symbolum für die südliche Völkeranschauung; die Hand, die in des Bären Rachen gesteckt wird, das Symbolum für die nördliche Völkeranschauung. Sechs auf der einen Seite saßen sie, die Repräsentanten der südlichen, und sechs auf der andern Seite als Repräsentanten der nördlichen Weltanschauung. Auf der einen Seite neben dem Dreizehnten war über dem Stuhl das Symbolum des im Feuer erglühenden Drachen, auf der anderen Seite neben dem Dreizehnten war über dem Stuhl das Symbolum dessen, der die äußere Welt besiegt, der die Hand in des Bären Rachen steckt, so daß Blut herausquillt. Jeden der Stühle hat Goethe so zeigen wollen. Eine große heroische Aufgabe war es, zu zeigen, wie die Seele auf der einen Seite durch den Flor des Seelenlebens hindurchdringen soll in die Reiche hinter dem eigenen Seelenleben, wie die Seele auf der anderen Seite durch den Teppich der Sinnenwelt hinausdringen soll zu dem spirituellen Leben draußen in der Welt. Deshalb finden Sie selbst diese Bilder vom Teppich und vom Flor angewendet hier. Und so könnten wir Zeile für Zeile durchgehen und die Etappen finden, welche die menschliche Seele durchmachen muß bis zu jenem Punkt, wo man sprechen kann von dem Menschen, der dadurch Sieger geworden ist, daß er sich über sich selbst erhoben hat. In diese Gemeinschaft hinein wird die gereinigte Seele des Bruders Markus geführt; hinein wird er geführt in dem Moment, wo sich geistig und physisch in der Todesstunde des Dreizehnten miteinander verbinden die Zwölf. Er selber in seiner Einfachheit hätte der Führer werden sollen — das wollte Goethe schildern — dieser zwölf Richtungen. Selber ein Eingeweihter, der zur Einheit des religiösen Lebens hinaufschreitet, diesen Weg zu schildern, hatte sich Goethe vorgenommen.

[ 15 ] And now I would like to remind you briefly of what was said yesterday about the two streams of humanity. The southern stream is concerned with the cultivation of the inner life, from which the spiritual world was sought in the post-Atlantean period. This stream has to struggle especially with the enemies within its own soul, with the repulsive, hostile astral forces. These forces, which the soul must conquer within itself if it wants to find the spiritual realm that is hidden by the veil of the soul world, were symbolically expressed by the fiery dragon, by the dragon in the fire. And a whole number of worldviews arose from the idea that the soul ascends to the higher world after defeating the dragon, after defeating the beings that burn and rage within and around human beings. Among the northern peoples, we find the penetration through the veil of the outer sensory world. Here, what penetrates into the outer sensory world is at work. Here we see another symbol appear. If human beings want to penetrate through what opposes them in the outer sensory world, they must strongly oppose this sensory world. The way in which human beings must triumph over the outer sensory world if they want to penetrate through it into the spiritual realm is poignantly depicted in the image of the ancient god who sticks his hand and arm into the wolf's jaws and loses them, so that the ancient European god of war, Ziu, is one-handed. This image, which is meant to represent victory over the outer world, appears in many different ways, especially in the form of the esoteric victorious hero sticking his hand into a bear's jaws, and blood spurting out as the excess ego. Blood is the expression of the ego, and here it is the image of excess egoism. The dragon is the symbol of the southern view of the world; the hand stuck into the bear's throat is the symbol of the northern view of the world. Six sat on one side, the representatives of the southern world view, and six on the other side as representatives of the northern world view. On one side, next to the thirteenth, above the chair was the symbol of the dragon glowing in the fire; on the other side, next to the thirteenth, above the chair was the symbol of the one who conquers the outer world, who puts his hand into the bear's mouth so that blood gushes out. Goethe wanted to show each of the chairs in this way. It was a great heroic task to show how, on the one hand, the soul must penetrate through the fleece of the soul life into the realms behind its own soul life, and how, on the other hand, the soul must penetrate through the carpet of the sensory world to the spiritual life outside in the world. That is why you find these images of the carpet and the fleece used here. And so we could go through line by line and find the stages that the human soul must go through until that point where one can speak of the human being who has become victorious by rising above himself. The purified soul of Brother Markus is led into this community; he is led in at the moment when the Twelve unite spiritually and physically in the hour of the Thirteenth's death. Goethe wanted to depict that Markus himself, in his simplicity, should have become the leader of these twelve directions. Goethe had set himself the task of describing this path, as an initiate himself, who was advancing toward the unity of religious life.

[ 16 ] Diese Schilderung aber konnte nur gedeihen bis zum Vorhof. Da, nachdem der Bruder Markus die bedeutungsvollen Eindrücke hat auf seine Seele wirken lassen, wo er in leisem Schlaf, der ein hellseherischer Schlaf ist, sich hineinfindet in die Welt, die in ihm entbunden ist durch die bedeutungsvollen Symbole, da erwacht er aus diesem hellseherischen Schlaf. Er hört im Erwachen merkwürdige Töne erklingen, wie wenn die Sphärenharmonien leise erklingen wollten. Wie die Sphärenharmonien im Reigentanz dieKörper bewegen, wird uns angedeutet darin, daß die symbolisierten Weltenkräfte wie im Reigentanz sich bewegen nach der merkwürdigen Musik. Da dämmert auf die große Vision von der Menschheitszukunft. Drei sind der Glieder in der Menschennatur; wir nennen sie Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch, oder wir nennen sie Manas, Budhi, Atma. Das sind die Keime, die in unserer Natur schlummern, das sind die Jugendblüten der Menschenseele. Blicken wir hin auf sie, so können wir sagen: Sie sind heute in der Keimanlage vorhanden, sie werden durch die folgenden Erdenzustände in jeder Individualität zur Entfaltung kommen. - Wir sehen sie heute wie leichte Schatten, wie die « Jünglinge» in unserer Seele, die dann auftauchen, wenn wir hinaufsehen können dahin, wo der Blick die Menschenzukunft zu schauen vermag. Diese Menschenzukunft steht dem Bruder Markus vor Augen. Hinein schaut er in die Zukunft, in der sich entwickeln werden die Seelenkräfte, die heute die drei Jünglinge sind: Manas, Budhi, Atma. Sie huschen vorbei, aber sie lassen in der Seele jene bedeutungsvolle Empfindung zurück, die der Keim ist zu dem Leben des spirituellen Fortschrittes. Denn das ist die Eigenheit aller spirituellen Schöpfungen der Menschheit, daß sie in der Seele Empfindungen zurücklassen, und der Grundimpuls, der darstellt den Keim, ist der: Ich will teilnehmen an der spirituellen Menschheitsentwickelung, damit der Geist immer mehr und mehr einströmen kann in alle äußerlichen Leiber, damit er herabsteigen kann durch das Instrument des Menschen und immer tiefer und tiefer das Materielle zuerst beseelen, dann vergeistigen und, soweit es brauchbar ist, erlösen kann. Ein solches Erlösungsgedicht, das die Auferweckung schildert, wollte auch Goethe aus seinem Karfreitagsgedicht machen.

[ 16 ] However, this description could only flourish up to the forecourt. There, after Brother Markus has allowed the meaningful impressions to work on his soul, where he finds himself in a quiet sleep, which is a clairvoyant sleep, in the world that is revealed to him through the meaningful symbols, he awakens from this clairvoyant sleep. As he awakens, he hears strange sounds, as if the harmonies of the spheres were trying to sound softly. How the harmonies of the spheres move bodies in a round dance is indicated to us in that the symbolized world forces move as in a round dance according to the strange music. Then the great vision of the future of humanity dawns. There are three members in human nature; we call them the spirit self, the life spirit, and the spirit man, or we call them manas, buddhi, and atma. These are the seeds that lie dormant in our nature; these are the blossoms of youth in the human soul. If we look at them, we can say: they are present today in embryonic form, and they will unfold in each individual through the following stages of earthly existence. We see them today as faint shadows, like the “young men” in our soul who appear when we can look up to where the gaze can see the future of humanity. This future of humanity is before Brother Markus' eyes. He looks into the future in which the soul forces that are today the three young men will develop: Manas, Budhi, Atma. They flit by, but they leave behind in the soul that meaningful feeling which is the seed of spiritual progress. For it is the peculiarity of all spiritual creations of humanity that they leave feelings behind in the soul, and the basic impulse that represents the seed is this: I want to participate in the spiritual development of humanity so that the spirit can flow more and more into all outer bodies, so that it can descend through the instrument of the human being and first enlivens the material, then spiritualizes it and, as far as necessary, redeems it. Goethe also wanted to make his Good Friday poem into such a poem of redemption, depicting the resurrection.

[ 17 ] Versuchen wir, die Betrachtung dieses Gedichtes in uns einen Keim werden zu lassen, durch den die höchsten Worte in unserer Seele weiter sprechen können! Werden Sie als Anthroposophen solche Seelen, die dieses Programm aufnehmen! Dichten Sie, ein jeder, das weiter, was Goethe keimhaft hingestellt, hineingeworfen hat in die Menschheitsentwickelung, dann wird das Gedicht, das Goethe liegen lassen wollte und mußte, in der Menschheit vollendet werden! Und darauf kommt es an, nicht wer dieses oder jenes vollendet, sondern daß in der Menschheit die Früchte reifen, welche den Menschen in die geistige Welt hineinführen.

[ 17 ] Let us try to allow the contemplation of this poem to become a seed within us, through which the highest words can continue to speak in our souls! As anthroposophists, become souls who take up this program! Let each of you continue to write what Goethe planted as a seed in the development of humanity, and then the poem that Goethe wanted and had to leave behind will be completed in humanity! And what matters is not who completes this or that, but that the fruits ripen in humanity that lead human beings into the spiritual world.