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The Rudolf Steiner Archive

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Das Lukas-Evangelium
GA 114

15 September 1909, Basle

Erster Vortrag

[ 1 ] Als wir vor einiger Zeit hier versammelt waren, konnten wir die tieferen Strömungen des Christentums besprechen vom Gesichtspunkte des Johannes-Evangeliums aus. Und es traten damals vor unser geistiges Auge jene gewaltigen Bilder und Ideen, welche der Mensch gewinnen kann, wenn er sich in diese einzigartige Urkunde der Menschheit, eben in das Johannes-Evangelium, vertieft. Wir haben damals bei verschiedenen Gelegenheiten hervorheben müssen, wie die tiefsten Tiefen des Christentums zum Vorschein kommen, wenn man seine Betrachtungen anstellt an der Hand dieser Urkunde. Und es könnte heute wohl mancher der damaligen Zuhörer oder der Zuhörer eines anderen Zyklus über das Johannes-Evangelium sich fragen: Ist es nun möglich, die Gesichtspunkte, welche man in gewisser Hinsicht wirklich als die tiefsten bezeichnen muß, und die man an der Hand des JohannesEvangeliums gewinnen kann, ist es möglich, diese Gesichtspunkte irgendwie zu erweitern oder zu vertiefen durch die Betrachtung der anderen christlichen Urkunden, zum Beispiel der drei anderen Evangelien, durch die Betrachtung des Lukas-Evangeliums, des MatthäusEvangeliums oder des Markus-Evangeliums? Und wer, man möchte sagen, die theoretische Bequemlichkeit liebt, der wird sich fragen: Ist es denn überhaupt nötig, nachdem uns bewußt geworden ist, wie die tiefsten Tiefen der christlichen Wahrheiten uns entgegentreten aus dem Johannes-Evangelium, ist es da überhaupt noch nötig, über das Wesen des Christentums von den anderen Evangelien aus zu verhandeln, namentlich vom Gesichtspunkte des — wie man ja leicht glauben könnte — weniger tiefen Lukas-Evangeliums aus?

[ 2 ] Wer eine solche Frage aufstellte und wer da glaubte, mit einem solchen Gesichtspunkt irgend etwas Wesentliches gesagt zu haben, der würde sich doch einem ganz bedeutsamen Mißverständnis hingeben. Nicht nur, daß das Christentum als solches in seiner Wesenheit unermeßlich ist und daß man es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus beleuchten kann, sondern es ist auch das andere richtig — und gerade dieser Zyklus von Vorträgen soll dafür den Beweis liefern —: trotzdem das Johannes-Evangelium eine so unendlich tiefe Urkunde ist, kann man durch die Betrachtung des Lukas-Evangeliums zum Beispiel noch Dinge lernen, die man an der Hand des Johannes-Evangeliums nicht lernen kann. Dasjenige, was wir dazumal im Johannes-EvangeliumZyklus gewohnt worden sind, die tiefen Ideen des Christentums zu nennen, das ist durchaus noch nicht das Christentum in seiner vollen Tiefe; sondern es gibt eine Möglichkeit, von einem anderen Ausgangspunkt aus in die Tiefen des Christentums einzudringen. Und dieser andere Ausgangspunkt soll eben dadurch gewonnen werden, daß wir diesmal das Lukas-Evangelium vom anthroposophischen, geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen stellen.

[ 3 ] Lassen Sie uns einmal einiges vor unser Auge stellen, um die Behauptung zu verstehen, daß aus dem Lukas-Evangelium noch etwas zu gewinnen sei, wenn man auch die Tiefen des Johannes-Evangeliums ausgeschöpft hat. Wir müssen dabei von dem ausgehen, was uns ja bei der Betrachtung einer jeden Zeile des Johannes-Evangeliums entgegentritt, daß Urkunden, wie die Evangelien es sind, sich gerade für den anthroposophischen Betrachter darstellen als Urkunden, die verfaßt sind von Menschen, die tiefer hineingeschaut haben in das Wesen des Lebens und in das Wesen des Daseins, die als Eingeweihte und als Hellseher in die Tiefen der Welt hineingeschaut haben. Wenn wir so im allgemeinen sprechen, können wir die Ausdrücke «Eingeweihter» und «Hellseher» als gleichbedeutend nebeneinander gebrauchen. Wenn wir aber nunmehr im Verlaufe unserer anthroposophischen Betrachtungen zu tieferen Schichten des Geisteslebens vordringen wollen, dann müssen wir das, was wir anfangs mit Recht nicht unterscheiden, den Hellseher und den Eingeweihten, wir müssen sie als zwei Kategorien von Menschen unterscheiden, die den Weg gefunden haben in die übersinnlichen Gebiete des Daseins. Es ist in gewisser Beziehung ein Unterschied zwischen einem Eingeweihten und einem Hellseher, obwohl nichts, gar nichts dagegen ist, daß der Eingeweihte zugleich ein Hellsehender ist und der Hellsehende zu gleicher Zeit ein in einem gewissen Grade Eingeweihter. Wenn Sie genau unterscheiden wollen zwischen diesen beiden Kategorien von Menschen, dem Eingeweihten und dem Hellseher, dann müssen Sie sich an die Darstellungen erinnern, die in meiner Auseinandersetzung über «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben sind. Sie müssen daran denken, daß es im wesentlichen drei Stufen gibt, die hinausführen über das gewöhnliche Anschauen der Welt.

[ 4 ] Diejenige Erkenntnis, die zunächst dem Menschen zugänglich ist, kann man so charakterisieren, daß der Mensch durch die Sinne die Welt anschaut und durch den Verstand und die anderen Seelenkräfte das Angeschaute sich zu eigen macht, Darüber hinaus gibt es drei andere Stufen des Erkennens der Welt. Die erste ist die der sogenannten imaginativen Erkenntnis, die zweite Stufe ist die der inspirierten Erkenntnis, und die dritte Stufe ist die der intuitiven Erkenntnis, wenn wir das Wort intuitiv in seinem wahren, geisteswissenschaftlichen Sinne erfassen.

[ 5 ] Wer besitzt nun die imaginative Erkenntnis? Derjenige, vor dessen geistigem Auge sich das, was hinter der Sinnenwelt ist, in Bildern ausbreitet, in einem gewaltigen Weltentableau von Bildern, die aber durchaus nicht ähnlich sind dem, was man im gewöhnlichen Leben Bilder nennt. Abgesehen von dem Unterschiede, daß es für diese Bilder der imaginativen Erkenntnis nicht gibt, was wir die Gesetze des dreidimensionalen Raumes nennen, gibt es auch noch andere Eigentümlichkeiten dieser imaginativen Bilder, die sich mit nichts in der gewöhnlichen Sinnenwelt so leicht vergleichen lassen.

[ 6 ] Wir können zu einer Vorstellung der imaginativen Welt gelangen, wenn wir uns denken, eine Pflanze stehe vor uns, und wir würden in der Lage sein, alles, was dem Sinn des Auges als Farbe wahrnehmbar ist, herauszuziehen aus der Pflanze, so daß es förmlich frei in der Luft schwebt. Würden wir nun nichts anderes tun, als diese an der Pflanze befindliche Farbe herausziehen und frei vor uns schweben lassen, dann hätten wir eine tote Farbengestalt vor uns. Für den hellsichtigen Menschen aber bleibt diese Farbengestalt durchaus nicht ein totes Farbenbild, sondern wenn er das, was in den Dingen, Farbe ist, herauszieht aus den Dingen, dann fängt durch seine Vorbereitungen und Übungen dieses Farbenbild an, von dem Geistigen belebt zu werden, geradeso wie es in der sinnlichen Welt durch das Stoffliche der Pflanzen belebt war; und der Mensch hat dann vor sich nicht eine tote Farbengestalt, sondern, frei schwebend, farbiges Licht, in der mannigfaltigsten Weise schillernd und sprühend, aber innerlich belebt. So daß eine jede Farbe der Ausdruck ist der Eigentümlichkeit einer geistig-seelischen Wesenheit, die in der Sinnenwelt nicht wahrnehmbar ist; das heißt, es fängt die Farbe in der sinnlichen Pflanze an, für den Hellseher Ausdruck zu werden für seelisch-geistige Wesenheiten.

[ 7 ] Denken Sie sich nun eine Welt, erfüllt von solchen in der mannigfaltigsten Weise spiegelnden Farbengestalten, sich ewig wandelnd, umgestaltend, aber nicht den Blick beschränkt auf das Farbige wie etwa bei einem Gemälde von flimmernden Farbenreflexen, sondern denken Sie sich das alles als Ausdruck von geistig-seelischen Wesenheiten, so daß Sie sich sagen: Wenn hier aufblitzt ein grünes Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck dafür, daß ein verständiges Wesen dahinter ist; oder wenn aufblitzt ein hellrötliches Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck von etwas, was eine leidenschaftliche Wesenheit ist. Denken Sie sich nun dieses ganze Meer von ineinanderspielenden Farben — ich könnte ebensogut ein anderes Beispiel nehmen und sagen: ein Meer von ineinanderspielenden Tonempfindungen oder Geruchs- oder Geschmacksempfindungen, denn das alles sind Ausdrücke von dahinterstehenden geistig-seelischen Wesenheiten —, dann haben Sie das, was man die imaginative Welt nennt. Es ist nicht etwas, wofür man wie im gewöhnlichen Sprachgebrauch das Wort Imagination verwendet, eine Einbildung, sondern das ist eine reale Welt. Es ist eine andere Art der Auffassung, als es die sinnesgemäße ist.

[ 8 ] Innerhalb dieser imaginativen Welt tritt dem Menschen alles das entgegen, was hinter der Sinnenwelt ist und was er mit seinen «sinnlichen Sinnen», wenn wir den Ausdruck gebrauchen wollen, nicht wahrnimmt, also zum Beispiel des Menschen Ätherleib, des Menschen astralischer Leib. Wer als ein hellsichtiger Mensch die Welt also kennenlernt durch diese imaginative Erkenntnis, der lernt höhere Wesenheiten gleichsam von ihrer Außenseite her kennen, so wie Sie in der Sinnenwelt, wenn Sie auf der Straße gehen und die Menschen an Ihnen vorbeigehen, diese von ihrer sinnlichen Außenseite kennenlernen. Sie lernen sie genauer kennen, wenn Sie Gelegenheit haben, mit den Menschen zu sprechen. Da drücken Ihnen die Menschen durch ihre Worte noch etwas anderes aus als das, was Sie sehen, wenn sie Ihnen nur auf der Straße begegnen und sie ansehen. An manchem, an dem Sie vorbeigehen um nur das eine zu sagen -, können Sie nicht sehen, ob innerlicher Schmerz oder Freude in der Seele ist, ob Gram oder Entzücken die Seele durchglüht. Das alles aber können Sie erfahren, wenn Sie mit einem Menschen sprechen. Das eine Mal kündet er Ihnen durch das, was Sie sehen können ohne sein Zutun, seine Außenseite an, das andere Mal spricht er sich selbst für Sie aus. So ist es auch mit den Wesenheiten der übersinnlichen Welt.

[ 9 ] Wer als Hellseher die Wesenheiten der übersinnlichen Welt durch die imaginative Erkenntnis kennenlernt, der lernt gleichsam nur die geistigseelische Außenseite kennen. Aber er hört sie sich selbst aussprechen, wenn er aufsteigt von der imaginativen Erkenntnis zu der Erkenntnis durch Inspiration. Da ist es dann wirklich ein richtiger Verkehr mit diesen Wesenheiten. Da teilen sie ihm aus ihrer eigenen Wesenheit heraus mit, was sie sind und wer sie sind. Daher ist die Inspiration eine höhere Erkenntnisstufe als die bloße Imagination, und man erfährt mehr über die Wesen der geistig-seelischen Welt, wenn man aufsteigt zur Inspiration, als man durch die imaginative Erkenntnis gewinnen kann.

[ 10 ] Eine noch höhere Stufe der Erkenntnis ist dann die Intuition, sofern man das Wort Intuition nicht wie im gewöhnlichen Sprachgebrauch anwendet, wo alles Unklare, was einem einfällt, Intuition genannt wird, sondern wenn man den Begriff Intuition in dem wirklich geisteswissenschaftlichen Sinne nimmt. Da ist die Intuition eine Erkenntnis, wo man nicht nur geistig hinhorchen kann auf das, was die Wesenheiten aus sich selbst heraus einem mitteilen, sondern wo man eins wird mit diesen Wesenheiten, wo man in die eigene Wesenheit derselben untertaucht. Das ist eine hohe Stufe der geistigen Erkenntnis. Denn sie erfordert, daß der Mensch zuerst jene Liebesentfaltung zu allen Wesenheiten in sich vollzieht, wo er keinen Unterschied mehr macht zwischen sich und den anderen Wesenheiten in der geistigen Umgebung, wo er seine Wesenheit sozusagen ausgegossen hat in die ganze geistige Umgebung, wo er also wirklich nicht mehr außerhalb der Wesenheiten ist, die mit ihm geistig verkehren, sondern wo er innerhalb dieser Wesenheiten ist, in ihnen steht. Und weil das nur sein kann gegenüber einer geistiggöttlichen Welt, so ist der Ausdruck Intuition, das ist «im Gotte stehen», ganz berechtigt. — So also erscheinen uns zunächst diese drei Stufen der Erkenntnis der übersinnlichen Welt: die Imagination, die Inspiration und die Intuition.

[ 11 ] Nun gibt es natürlich die Möglichkeit, sich diese drei Stufen der übersinnlichen Erkenntnis anzueignen. Aber es ist auch möglich, zum Beispiel in irgendeiner Inkarnation nur vorzudringen bis zu der Stufe der Imagination; dann bleiben dem betreffenden Hellseher diejenigen Gebiete der geistigen Welt verborgen, die nur durch die Inspiration und die Intuition zu erreichen sind. Dann ist der Mensch ein «hellsichtiger» Mensch. — In unserer heutigen Zeit ist es im allgemeinen nicht üblich, die Menschen zu den höheren Stufen der übersinnlichen Erkenntnis hinaufzuführen, ohne sie vorher die Stufe der Imagination durchschreiten zu lassen, so daß für unsere gegenwärtigen Verhältnisse kaum die Möglichkeit eintreten kann, daß jemand sozusagen ausläßt die Stufe der Imagination und gleich durchgeführt wird zur Stufe der Inspiration oder der Intuition. Was aber heute keineswegs das Richtige wäre, das konnte in gewissen anderen Zeiten der Menschheitsentwickelung dennoch eintreten und ist auch eingetreten.

[ 12 ] Es gab Zeiten in der Menschheitsentwickelung, in denen man die Stufen der übersinnlichen Erkenntnis sozusagen auf verschiedene Individuen verteilt hatte: Imagination auf der einen Seite, Inspiration und Intuition auf der anderen Seite. $o daß es zum Beispiel Mysterienstätten gegeben hat, wo Menschen das geistige Auge so offen hatten, daß sie hellseherisch waren für das Gebiet der Imagination, daß ihnen zugänglich war jene symbolische Welt der Bilder. Dadurch, daß diese Menschen, die so weit hellsichtig waren, sich sagten: Für diese Inkarnation verzichte ich darauf, die höheren Stufen, Inspiration und Intuition, zu erreichen —, dadurch haben sie sich geeignet gemacht, genau und deutlich zu sehen innerhalb der Welt des Imaginativen. Sie haben sich sozusagen in ganz besonderem Maße trainiert, in dieser Welt des Imaginativen zu sehen.

[ 13 ] Nun aber war eines dazu für sie notwendig. Wer nur in der Welt des Imaginativen sehen will und darauf verzichtet, zu der Welt der Inspiration und der Intuition vorzudringen, der lebt in einer gewissen Weise in einer Welt der Unsicherheit. Diese Welt des flutenden ‚Imaginativen ist sozusagen uferlos, und man schwimmt darinnen, wenn man sich selbst überlassen bleibt, mit seiner Seele hin und her, ohne daß man eigentlich genau Richtung und Ziel kennt. Daher war es in jenen Zeiten und bei den Völkern, bei denen von gewissen Menschen auf die höheren Erkenntnisstufen verzichtet wurde, notwendig, daß sich die hellsichtigen, imaginativen Menschen ganz hingebungsvoll an ihre Führer anschlossen, an diejenigen, welche offen hatten das geistige Anschauungsvermögen für die Inspiration und für die Intuition. Denn erst Inspiration und Intuition geben Sicherheit für die geistige Welt, so daß man genau weiß: Dahin geht der Weg, dort ist ein Ziel. - Dagegen kann man sich, wenn einem die inspirierte Erkenntnis mangelt, nicht sagen: Da geht der Weg, dahin muß ich gehen, um zu einem Ziele zu kommen. -— Kann man sich also das nicht selbst sagen, dann muß man sich der kundigen Führung eines Menschen anvertrauen, der einem das sagen kann. Daher wird an so vielen Orten immer mit Recht betont, daß derjenige, der zunächst aufsteigt zur imaginativen Erkenntnis, innig sich anzuschließen hat an den Guru, an den Führer, der ihm Richtung und Ziel gibt in bezug auf das, was er sich nicht selbst geben kann.

[ 14 ] Auf der anderen Seite aber war es auch in gewissen Zeiten nützlich — heute wird das nicht mehr getan -—, andere Menschen die imaginative Erkenntnis in gewisser Weise überspringen zu lassen und sie gleich hinaufzuführen zur inspirierten Erkenntnis oder womöglich zur intuitiven Erkenntnis. SolcheMenschen verzichteten darauf, die imaginativen Bilder der geistigen Welt um sich zu sehen; sie gaben sich nur hin jenen Eindrücken aus der geistigen Welt, die da Ausflüsse des Inneren der geistigen Wesenheiten sind. Sie hörten hin mit Geistesohren, was die Wesenheiten der geistigen Welt sprechen. Es ist so, wie wenn Sie eine Wand hätten zwischen sich und einem anderen Menschen und diesen Menschen nicht selbst sehen; aber Sie hören ihn hinter der Wand sprechen. Diese Möglichkeit ist durchaus vorhanden, daß sozusagen Menschen verzichten auf das Anschauen in der geistigen Welt, um dadurch schneller geführt zu werden zu dem geistigen Hinhorchen auf die Aussagen der geistigen Wesenheiten, Ganz gleichgültig, ob jemand die Bil a der der imaginativen Welt sieht oder nicht, wenn er imstande ist, mit Geistesohren zu vernehmen, was die in der übersinnlichen Welt befindlichen Wesenheiten über sich selbst zu sagen haben, dann sagen wir von einem solchen Menschen: Er ist begabt mit dem «inneren Wort» —, im Gegensatz zu dem äußeren Wort, das wir in der physischen Welt von Mensch zu Mensch haben. So also können wir uns die Vorstellung bilden, daß es auch Menschen gibt, welche, ohne die imaginative Welt zu schauen, das innere Wort haben und die Aussprüche der geistigen Wesenheiten vernehmen und sie mitteilen können.

[ 15 ] Es gab eine Zeit in der Entwickelung der Menschheit, da war es in den Mysterien so, daß diese zwei Arten von übersinnlichen Erfahrungen der Erkennenden zusammenwirkten. Und weil dadurch, daß ein jeder von ihnen auf die Anschauung des anderen verzichtete, er das, was er vermochte, genauer und deutlicher ausbilden konnte, weil das der Fall war, ergab sich ein schönes, ein wunderschönes Zusammenwirken in gewissen Zeiten innerhalb der Mysterien. Man hatte sozusagen imaginative Hellseher; die hatten sich besonders dazu trainiert, die Welt der Bilder zu schauen. Und man hatte solche, welche die Welt des Imaginativen übersprungen hatten; sie hatten sich besonders dazu trainiert, das innere Wort, was erfahren wird durch die Inspiration, in ihre Seele aufzunehmen. Und so konnte der eine dem anderen mitteilen, was er durch seine besondere 'Trainierung erfahren hatte. Das war möglich in den Zeiten, wo von Mensch zu Mensch ein Grad von Vertrauen vorhanden war, der heute ausgeschlossen ist — einfach durch unsere Zeitentwickelung. Heute glaubt nicht ein Mensch dem anderen so stark, daß er nur hinhorchen würde auf das, was der andere schildert als die Bilder der imaginativen Welt, und dann hinzufügen würde, was er selbst aus der Inspiration weiß, im treuen Glauben darauf, daß die Schilderungen des andern richtig sind. Heute will jeder Mensch selbst sehen. Das ist die berechtigte Art unserer Zeit. Die wenigsten Menschen würden heute zufrieden sein mit einer einseitigen Ausbildung der Imagination, wie sie in gewissen Zeiten gang und gäbe war. Deshalb ist es auch für die heutige Zeit notwendig, daß der Mensch nach und nach geführt wird durch die drei Stufen der höheren Erkenntnis, ohne die eine oder die andere auszulassen.

[ 16 ] Auf allen Stufen der übersinnlichen Erkenntnis treffen wir die großen Geheimnisse an, welche sich an jenes Ereignis knüpfen, das wir das Christus-Ereignis nennen, so daß die imaginative Erkenntnis, die inspirierte Erkenntnis und die intuitive Erkenntnis vieles, unendlich vieles zu sagen haben über dieses Christus-Ereignis.

[ 17 ] Wenn wir nun, von diesem Gesichtspunkt ausgehend, einmal unseren Blick auf die vier Evangelien zurückwenden, so dürfen wir sagen, daß das Johannes-Evangelium geschrieben ist vom Standpunkte eines Eingeweihten, der drinnen stand in den Geheimnissen der Welt bis zur Intuition hinauf, der also das Christus-Ereignis für die Anschauung der übersinnlichen Welt bis zur Intuition hinauf schildert. Wer aber genau eingeht auf die Eigentümlichkeiten des Johannes-Evangeliums, der wird — wie wir gerade in diesem Vortragszyklus sehen werden - sich sagen müssen, daß alles das, was uns im Johannes-Evangelium besonders deutlich entgegentritt, vom Standpunkte der Inspiration und der Intuition gesagt ist, und daß alles, was sich aus Bildern der Imagination ergibt, dagegen verblaßt und undeutlich ist. So dürfen wir den Verfasser des Johannes-Evangeliums — wenn wir absehen von dem, was er doch noch von der Imagination hereingenommen hat —, wir dürfen ihn nennen den Botschafter alles dessen in bezug auf das Christus-Ereignis, was sich für den ergibt, der das innere Wort hat bis hinauf zur Intuition. Deshalb spricht der Schreiber des Johannes-Evangeliums im wesentlichen so, daß er uns die Geheimnisse des Christus-Reiches charakterisiert als beeigenschaftet durch das innere Wort oder den Logos. Eine inspiriert-intuitive Erkenntnis liegt dem Johannes-Evangelium zugrunde.

[ 18 ] Anders ist das bei den anderen drei Evangelien. Und keiner der anderen Evangelienschreiber hat das, was er eigentlich zu sagen hat, so klar ausgedrückt wie gerade der Schreiber des Lukas-Evangeliums.

[ 19 ] Eine kurze, merkwürdige Vorrede geht dem Lukas-Evangelium voran, eine Vorrede, die ungefähr sagt, daß sich mancherlei Menschen vor dem Schreiber des Lukas-Evangeliums schon daran gemacht hätten, allerlei Erzählungen zu sammeln und darzustellen, die im Umlaufe waren über die Ereignisse von Palästina, und daß, um dieses genauer und ordentlicher zu machen, nunmehr der Schreiber des Lukas-Evangeliums es unternimmt, dasjenige darzustellen, was —- und nun kommen bedeutungsvolle Worte — diejenigen mitzuteilen wissen, die von Anfang an — gewöhnlich wird nun übersetzt — «Augenzeugen und Diener des Wortes waren» (Lukas 1,1-2). Also der Schreiber des Lukas-Evangeliums will mitteilen, was diejenigen zu sagen haben, die Augenzeugen — besser würden wir das Wort «Selbstseher» gebrauchen —- und Diener des Wortes waren. Im Sinne des Lukas-Evangeliums sind «Selbstseher» solche Menschen, welche die imaginative Erkenntnis haben, die eindringen können in die Welt der Bilder und dort das Christus-Ereignis wahrnehmen, die besonders dazu trainiert sind, durch solche Imaginationen zu schauen, Selbstseher, die genau und deutlich sehen — deren Mitteilungen legt der Schreiber des Lukas-Evangeliums zugrunde — und die zugleich «Diener des Wortes» waren. Ein bedeutungsvolles Wort! Er sagt nicht «Besitzer» des Wortes, denn das wären Leute, welche die volle inspirierte Erkenntnis haben, sondern «Diener» des Wortes, Diener derjenigen also, denen nicht in demselben Maße wie ihnen durch ihr Selbstschauen die Imaginationen zur Verfügung stehen, sondern denen Kundgebungen der inspirierten Welt zur Verfügung stehen. Ihnen, den Dienern, wird mitgeteilt, was der Inspirierte wahrnimmt; sie können es verkünden, weil es ihnen ihre inspirierten Lehrer gesagt haben. Sie sind Diener, nicht Besitzer des Wortes.

[ 20 ] So also geht das Lukas-Evangelium zurück auf die Mitteilungen derjenigen, die Selbstseher, Selbsterfahrer sind in den imaginativen Welten, welche gelernt haben, dasjenige, was sie in der imaginativen Welt schauen, mit den Mitteln auszudrücken, welche der inspirierte Mensch hat, die sich also zu Dienern des Wortes gemacht haben.

[ 21 ] Wiederum haben wir hier ein Beispiel, wie genau in den Evangelien gesprochen ist und wie wir die Worte genau wörtlich verstehen müssen. Alles ist exakt und genau in solchen auf Grundlage der Geisteswissenschaft verfaßten Urkunden, und der moderne Mensch hat oft gar keine Ahnung von der Genauigkeit, von der Exaktheit, mit der die Worte in diesen Urkunden gewählt werden.

[ 22 ] Nun aber müssen wir — so wie jedesmal, wenn wir vom anthroposophischen Gesichtspunkt aus solche Betrachtungen anstellen — auch diesmal daran erinnern, daß für die Geisteswissenschaft nicht im eigentlichen Sinne die Evangelien Quellen der Erkenntnis sind. Dadurch, daß irgend etwas in den Evangelien steht, würde es für denjenigen, der streng auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, durchaus noch nicht eine Wahrheit sein. Der Geisteswissenschafter schöpft nicht aus geschriebenen Urkunden, sondern der Geisteswissenschafter schöpft aus dem, was die geisteswissenschaftliche Forschung selbst zu seiner Zeit gibt. Was zu unserer Zeit die Wesen der geistigen Welt dem Eingeweihten und dem Hellseher zu sagen haben, das sind die Quellen für die eigentliche Geisteswissenschaft, für die Eingeweihten und für die Hellseher. Und diese Quellen sind in unserer Zeit in gewisser Beziehung dieselben wie in jenen Zeiten, die ich Ihnen eben geschildert habe. Daher kann man auch heute hellsichtige Menschen diejenigen nennen, welche in die imaginative Welt Einsicht haben, und Eingeweihte kann man erst solche nennen, welche sich erheben können zur Stufe der Inspiration und Intuition. So braucht für diese Zeiten der Ausdruck des Hellsehers nicht zusammenzufallen mit dem des Eingeweihten.

[ 23 ] Was uns im Johannes-Evangelium begegnet, konnte nur auf der Forschung des Eingeweihten beruhen, der hinaufsteigen konnte bis zur inspirierten und intuitiven Erkenntnis. Was uns in den anderen Evangelien entgegentritt, das konnte beruhen auf Mitteilungen von imaginativen, von hellsichtigen Menschen, die also noch nicht selbst hinaufsteigen konnten in die inspirierte und intuitive Welt. So beruht, wenn wir den heutigen Unterschied streng festhalten, das Johannes-Evangelium auf der Einweihung; die drei übrigen Evangelien, vorzugsweise das Lukas-Evangelium, sogar nach dem Ausspruche des Schreibers selbst, auf der Hellsichtigkeit. Und weil es insbesondere auf der Hellsichtigkeit beruht, weil alles zu Hilfe gerufen wird, was der trainierteste Hellseher zu schauen vermag, bietet sich uns ein genaues Bild für das, was uns im Johannes-Evangelium nur in verblaßten Bildern dargestellt werden kann. Um den Unterschied noch genauer hervorzuheben, möchte ich folgendes sagen.

[ 24 ] Nehmen Sie an — was allerdings heute kaum der Fall ist —, daß ein Mensch eingeweiht würde, so daß die Welt der Inspiration und der Intuition für ihn offenstände, daß er aber nicht hellsichtig wäre, daß er also nicht die imaginative Welt erkennen könnte. Ein solcher Mensch begegne einem andern Menschen, der vielleicht gar nicht eingeweiht ist, dem aber durch irgendwelche Umstände die imaginative Welt offensteht, so daß er das ganze Feld der Imaginationen schauen kann. Ein Mensch der letzteren Art könnte dem ersteren sehr viel mitteilen, was der erstere nicht schaut, was dieser erstere vielleicht erst aus der Inspiration heraus erklären kann, was er aber nicht selbst schauen kann, weil ihm die Hellsichtigkeit fehlt. Menschen, die hellsichtig sind, ohne eingeweiht zu sein, sind heute sehr zahlreich; das Umgekehrte ist heute kaum der Fall. Dennoch könnte es sein, daß irgendein eingeweihter Mensch zwar die Gabe der Hellsichtigkeit hat, aber aus irgendwelchen Gründen im einzelnen Falle nicht zum Schauen der Imäginationen kommen kann. Dann könnte ein hellsichtiger Mensch ihm vieles erzählen, was ihm noch unbekannt ist.

[ 25 ] Daß die Anthroposophie oder Geisteswissenschaft nicht auf etwas anderem als auf den Quellen der Eingeweihten fußt, daß also weder das Johannes-Evangelium noch die anderen Evangelien Quellen ihrer Erkenntnis sind, muß immer strenge betont werden. Was heute erforscht werden kann ohne eine historische Urkunde, das ist die Quelle für das anthroposophische Erkennen. Dann aber gehen wir an die Urkunden heran und suchen das, was die Geistesforschung heute finden kann, mit den Urkunden zu vergleichen. Was die Geistesforschung heute ohne eine Urkunde finden kann über das Christus-Ereignis — zu jeder Stunde finden kann -, das finden wir in der. großartigsten Weise im JohannesEvangelium wieder. Und darum ist es eine so wertvolle Schrift, weil es uns zeigt, daß damals, als es geschrieben wurde, einer da war, der so geschrieben hat, wie heute einer, der in die geistige Welt eingeweiht ist, schreiben kann. Sozusagen dieselbe Stimme, die heute wahrgenommen werden kann, kommt zu uns aus den Tiefen der Jahrhunderte.

[ 26 ] Ein Ähnliches ist für die anderen Evangelien und auch für das Lukas-Evangelium der Fall. Nicht die Bilder, die uns der Schreiber des Lukas-Evangeliums schildert, sind für uns die Quellen der Erkenntnis der höheren Welten, sondern das ist für uns die Quelle, was uns die Erhebung in die übersinnliche Welt selbst gibt. Und wenn wir von dem Christus-Ereignis sprechen, dann ist für uns die Quelle auch jenes große Tableau der Bilder und Imaginationen, die sich uns ergeben, wenn wir den Blick hinrichten auf das, was im Anfange unserer Zeitrechnung dasteht. Und was sich uns selber darstellt, das vergleichen wir mit den Bildern und Imaginationen, die uns geschildert werden im LukasEvangelium. Und dieser Zyklus von Vorträgen soll uns zeigen, wie die imaginativen Bilder, die der heutige Mensch gewinnt, sich ausnehmen gegenüber den Schilderungen, die uns im Lukas-Evangelium entgegentreten.

[ 27 ] Es ist wahr, für die geistige Forschung, wenn sie sich auf die Ereignisse der Vergangenheit erstreckt, gibt es nur eine Quelle. Diese Quelle liegt nicht in äußeren Urkunden. Nicht Steine, die wir aus der Erde graben, nicht Dokumente, die in den Archiven aufbewahrt sind, nicht das, was die Geschichtsschreiber geschrieben haben, ob inspiriert oder nicht inspiriert, sind die Quelle der Geisteswissenschaft. Was wir zu lesen vermögen in der unvergänglichen Chronik, in der AkashaChronik, das ist für uns die Quelle für die geistige Forschung. Es gibt die Möglichkeit, das, was sich zugetragen hat, ohne äußere Urkunde zu erkennen.

[ 28 ] So kann der heutige Mensch zwei Wege wählen, um Kunde zu erhalten von der Vergangenheit. Er kann die äußeren Dokumente nehmen, wenn er etwas erfahren will über die äußeren Ereignisse, die geschichtlichen Urkunden, oder, wenn er über geistige Verhältnisse etwas erfahren will, die religiösen Urkunden. Oder aber er kann fragen: Was wissen diejenigen Menschen zu sagen, die selbst für ihr geistiges Auge geöffnet haben jene unvergängliche Chronik, die wir die AkashaChronik nennen, jenes große Tableau, in welchem alles in unvergänglicher Schrift verzeichnet steht, was jemals geschehen ist in der Welt-, Erden- und Menschheitsentwickelung?

[ 29 ] Diese Chronik lernt der Mensch, der sich in die übersinnlichen Welten erhebt, allmählich lesen. Das ist nicht eine gewöhnliche Schrift. Denken Sie sich den Lauf der Ereignisse, wie sie sich abgespielt haben, vor Ihr geistiges Auge gestellt. Denken Sie sich den Kaiser Augustus mit allen seinen Taten wie in einem Nebelbild vor Ihren Augen dastehen. Alles, was damals sich zugetragen hat, steht da vor Ihrem geistigen Auge. So steht es vor dem Geistesforscher, und er kann es jede Stunde aufs neue erfahren. Er braucht keine äußeren Zeugnisse, Er braucht nur seinen Blick hinzurichten auf einen bestimmten Punkt des Welten- oder des Menschheitsgeschehens, und es werden sich ihm in einem geistigen Bilde die Ereignisse vor Augen stellen, die geschehen sind. So kann der geistige Blick schweifen durch die Zeiten der Vergangenheit. Was er da erschaut, das wird verzeichnet als Ergebnis der Geistesforschung.

[ 30 ] Was geschah damals in den Zeiten, mit denen unsere Zeitrechnung beginnt? Was da geschah, das wird durch den geistigen Blick erschaut und kann verglichen werden mit dem, was uns zum Beispiel das LukasEvangelium erzählt. Dann erkennt der Geistesforscher, daß es damals eben solche geistig Schauenden gegeben hat, die ebenso das, was Vergangenheit war, gesehen haben; und wir können vergleichen, wie sich das, was sie uns als ihre Gegenwart mitteilen können, zu dem verhält, was der Rückblick in die Akasha-Chronik von der damaligen Zeit erschauen kann.

[ 31 ] Das müssen wir uns immer wiederum vor die Seele stellen, daß wir nicht aus den Urkunden schöpfen, sondern daß wir schöpfen aus der geistigen Forschung selbst und daß wir dasjenige, was aus der Geistesforschung geschöpft wird, in den Urkunden wieder aufsuchen. Dadurch gewinnen die Urkunden einen erhöhten Wert, und wir können über die Wahrheit dessen, was in ihnen steht, aus unserer eigenen Forschung entscheiden. Dadurch wachsen sie vor uns als Ausdruck der Wahrheit, weil wir die Wahrheit selbst erkennen können. Man darf eine solche Sache, wie sie eben geschildert worden ist, nicht aussprechen, ohne zugleich darauf hinzuweisen, daß dieses Lesen in der Akasha-Chronik nicht so leicht ist wie etwa das Anschauen der Ereignisse in der physischen Welt. An einem besonderen Beispiele möchte ich Ihnen anschaulich machen, wo zum Beispiel gewisse Schwierigkeiten liegen beim Lesen der Akasha-Chronik. Ich möchte es Ihnen anschaulich machen an dem Menschen selber.

[ 32 ] Wir wissen aus der elementaren Anthroposophie, daß der Mensch aus dem physischen Leib, dem Atherleib, dem astralischen Leib und dem Ich besteht. In dem Augenblick, wo man den Menschen nicht mehr bloß auf dem physischen Plan beobachtet, sondern hinaufsteigt in die geistige Welt, da beginnen die Schwierigkeiten. Wenn Sie einen Menschen physisch vor sich haben, da haben Sie eine Einheit vor sich; da haben Sie seinen physischen Leib, da haben Sie seinen Ätherleib, seinen astralischen Leib und sein Ich. Wenn man den Menschen während des Tagwachens beobachtet, hat man das alles in einer Einheit vor sich. In dem Augenblick, wo man den Menschen nicht während des Tagwachens beobachtet, sondern wo man, um ihn zu beobachten, hinaufsteigen muß in die höheren Welten, wo dieses Hinaufsteigen eine Notwendigkeit wird, da beginnen sogleich die Schwierigkeiten. Wenn wir zum Beispiel in der Nacht, wenn wir den ganzen Menschen sehen wollen, in die Welt der Imaginationen hinaufsteigen, um zum Beispiel den astralischen Leib zu sehen - denn der ist außerhalb des physischen Leibes -—, dann haben wir das Wesen des Menschen in zwei voneinander getrennte Glieder geteilt.

[ 33 ] Was ich jetzt schildere, wird zwar in den seltensten Fällen eintreten, weil die Beobachtung des Menschen doch noch verhältnismäßig leicht ist; aber Sie können sich daran ein Bild machen von den Schwierigkeiten. Denken Sie sich, jemand betritt einen Raum, wo eine Anzahl von Menschen schlafen. Da sieht er in den Betten liegen die physischen Leiber und die Ätherleiber, wenn er die Fähigkeit der Hellsichtigkeit hat; dann sieht er, wenn er sich hellsichtig erhebt, die astralischen Leiber. Aber diese Welt des Astralischen ist eine Welt der Durchgängigkeit. Da oben in der astralischen Welt gehen die astralischen Leiber durcheinander durch. Und wenn es auch für den geschulten Hellseher nicht leicht eintreten wird, so könnte es doch eintreten, daß, wenn er hinschaut auf einen ganzen Trupp von Menschen, die da schlafen, er da leicht verwechseln kann, welcher Astralleib zu einem physischen Leib da unten gehört. Ich sagte, es geschehe nicht leicht, daß das vorkommt, weil dieses Schauen verhältnismäßig zu den niedersten Graden gehört und weil der Mensch, der dazu kommt, gut vorbereitet wird, wie man in solchem Falle zu unterscheiden hat. Aber wenn man in den höheren Welten nicht den Menschen betrachtet, sondern andere geistige Wesenheiten, dann beginnen die Schwierigkeiten schon ganz große zu werden. Ja, sie sind schon ganz große für den Menschen, wenn man ihn nicht als gegenwärtigen Menschen, sondern in seiner ganzen Wesenheit betrachtet, wie er durch die Inkarnationen durchgeht.

[ 34 ] Wenn Sie also einen Menschen, der jetzt lebt, so betrachten, daß Sie sich fragen: Wo war dessen Ich in der vorhergehenden Inkarnation? so müssen Sie durch die devachanische Welt durchgehen zu seiner vorherigen Inkarnation. Sie müssen feststellen können, welches Ich immer zu den vorhergehenden Inkarnationen dieses betreffenden Menschen gehört hat. Da müssen Sie schon in komplizierter Weise zusammenhalten können das kontinuierliche Ich und die verschiedenen Stufen hier unten auf der Erde. Da ist schon sehr leicht ein Fehler möglich, und da kann sehr leicht ein Irrtum begangen werden, wenn der Aufenthalt eines Ich in den früheren Leibern gesucht wird. Wenn man also hinaufkommt in die höheren Welten, ist es nicht so leicht, alles, was zu einem Menschen, was zu einer Persönlichkeit gehört, zusammenzuhalten mit dem, was in der Akasha-Chronik verzeichnet ist als seine früheren Inkarnationen.

[ 35 ] Nehmen Sie einmal an, jemand stellte sich die folgende Aufgabe. Er hätte einen Menschen vor sich, sagen wir Hans Müller. Er fragt als hellsichtiger oder eingeweihter Mensch: Welches sind die physischen Vorfahren dieses Hans Müller? Nehmen wir an, alle äußeren physischen Urkunden seien verlorengegangen, man könnte sich nur auf die AkashaChronik verlassen. Er hätte also da die physischen Vorfahren aufzusuchen, er müßte Vater, Mutter, Großvater und so weiter aus der Akasha-Chronik festzustellen suchen, um zu sehen, wie sich der physische Leib entwickelt hat in der physischen Abstammungslinie. Dann aber könnte weiter die Frage entstehen: Welches waren die früheren Inkarnationen dieses Menschen? Da muß er einen ganz andern ‘Weg gehen, als er geht, um zu den physischen Vorfahren des Menschen zu kommen. Da wird er vielleicht viele, viele Zeiten zurückverfolgen müssen, wenn er zu den früheren Inkarnationen des Ich kommen will. Da haben Sie schon zwei Strömungen. Weder ist der physische Leib, wie er vor uns steht, ein ganz neues Geschöpf, denn er stammt in der physischen Vererbungslinie von den Ahnen ab, noch ist das Ich ein ganz neues Geschöpf, denn es gliedert sich an die früheren Inkarnationen an.

[ 36 ] Was aber für den physischen Leib und für das Ich gilt, das gilt auch für die dazwischenstehenden Glieder, den Ätherleib, den astralischen Leib. Die meisten von Ihnen werden wissen, daß auch der Ätherleib nicht ein durchaus neues Geschöpf ist, sondern daß er auch irgendeinen Weg durch die verschiedensten Formen durchgegangen sein kann. Ich habe Ihnen gesagt, wie der Ätherleib des Zarathustra wiedererschienen ist in dem Atherleibe des Moses, — das ist derselbe Atherleib. Würde man nun die physischen Vorfahren des Moses untersuchen, so bekäme man die eine Linie. Würde man die Vorfahren des Atherleibes des Moses untersuchen, so bekäme man eine andere Linie: da kämen Sie zu dem Ätherleibe des Zarathustra hinauf und zu anderen Ätherleibern.

[ 37 ] Geradeso wie man für den physischen Leib ganz andere Strömungen zu verfolgen hat als für den Atherleib, so ist es auch beim astralischen Leib. Wir können von jedem Gliede der menschlichen Natur aus in die verschiedensten Strömungen kommen. So können wir sagen: Der Atherleib ist die ätherische Wiederverkörperung eines Ätherleibes, der in einer ganz anderen Individualität war, durchaus nicht in derselben, in der das Ich vorher verkörpert war. Und ebenso können wir das für den astralischen Leib sagen.

[ 38 ] Wenn wir in die höheren Welten hinaufkommen, um einen Menschen zu untersuchen auf seine früheren Glieder hin, so gehen da die einzelnen Strömungen alle auseinander. Die eine führt uns nach der, die andere nach jener Richtung, und wir kommen da zu sehr komplizierten Vorgängen in der geistigen Welt. Wenn nun jemand einen Menschen vom Gesichtspunkte der Geistesforschung aus vollständig verstehen will, so darf er ihn nicht bloß schildern als einen Nachkommen seiner Ahnen, nicht bloß, daß er seinen Ätherleib herleitet von diesem oder jenem Wesen, oder seinen astralischen Leib von diesem oder jenem Wesen, sondern er muß vollständig schildern, wie alle diese vier Glieder ihren Weg gemacht haben, bis sie sich jetzt in dieser Wesenheit zusammengeschlossen haben. Das kann man nicht auf einmal machen. Man kann zum Beispiel den Weg, den der Ätherleib zurückgelegt hat, verfolgen und kann da zu wichtigen Aufschlüssen kommen. Es kann dann ein anderer Mensch den Weg des astralischen Leibes verfolgen. Der eine kann auf den Ätherleib, der andere auf den astralischen Leib mehr Gewicht legen und demgemäß seine Schilderungen abfassen. Für denjenigen, der alles das nicht beobachtet, was die hellsichtigen Menschen über eine Wesenheit sagen, für den wird es ganz gleich sein, ob der eine dieses oder der andere jenes sagt; ihm wird es scheinen, als ob nur immer dasselbe geschildert wird. Für ihn wird derjenige, der nur die physische Persönlichkeit schildert, dasselbe sagen wie derjenige, der den Ätherleib schildert; er wird immer glauben, daß er die Wesenheit des Hans Müller schildert.

[ 39 ] Das alles kann Ihnen aber jetzt ein Bild geben von der ganzen Kompliziertheit der Verhältnisse, die uns entgegentreten, wenn wir vom Gesichtspunkte der hellseherischen, der Eingeweihten-Forschung das Wesen irgendeiner Erscheinung der Welt — sei es des Menschen oder irgendeiner anderen Wesenheit - schildern wollen. Was ich jetzt gesagt habe, mußte ich sagen; denn Sie sehen daraus, daß dann nur die umfänglichste, nach allen Seiten sich ausbreitende Forschung in der Akasha-Chronik irgendeine Wesenheit uns klar vor das geistige Auge führen kann.

[ 40 ] Diejenige Wesenheit, die da vor uns steht, auch in dem Sinne, wie das Johannes-Evangelium sie uns schildert, die da vor uns steht mit dem Ich - gleichgültig ob vor oder nach der Johannes-Taufe, ob wir sie ansprechen als Jesus von Nazareth vor der Taufe oder als den Christus nach der Johannes-Taufe -, sie steht vor uns mit einem Ich, mit einem astralischen Leib, mit einem Atherleib und mit einem physischen Leib. Wir können sie nur vollständig schildern vom Standpunkte der AkashaChronik, wenn wir die Wege verfolgen, welche diese vier Glieder der damaligen Christus Jesus-Wesenheit in der Menschheitsentwickelung durchgemacht haben. Nur dann können wir sie richtig verstehen. Hier handelt es sich um das vollständige Verstehen der Mitteilungen über das Christus-Ereignis vom Standpunkte der heutigen Geistesforschung, wo Licht verbreitet werden muß über das, was sich scheinbar widerspricht in den vier Evangelien.

[ 41 ] Ich habe schon öfters darauf hingewiesen, warum die heutige, rein materialistische Forschung den hohen Wert, den Wahrheitswert des Johannes-Evangeliums nicht einsehen kann: Weil sie nicht verstehen kann, daß ein höherer Eingeweihter anders, tiefer sieht als die anderen. Zwischen den anderen drei Evangelien, den synoptischen, versuchen diejenigen, denen das Johannes-Evangelium nicht recht ist, eine Art von Einklang zu bilden. Einen Einklang zu bilden wird aber, wenn man nur die äußeren materiellen Geschehnisse zugrunde legt, schwer halten. Denn das, was für uns in dem morgigen Vortrage von besonderer Wichtigkeit sein wird, zu betrachten das Leben des Jesus von Nazareth vor der Johannes-Taufe, das wird uns geschildert von zwei Evangelisten, von dem Schreiber des Matthäus-Evangeliums und von dem Lukas-Evangelium-Schreiber; und für eine äußere materialistische Betrachtungsweise gibt es hier Verschiedenheiten, die in nichts nachgeben dem, was zwischen den drei anderen Evangelien und dem Johannes-Evangelium als Verschiedenheit angenommen werden muß. Nehmen wir einmal die Tatsachen. Der Schreiber des MatthäusEvangeliums schildert, daß vorherverkündet wird die Geburt des Schöpfers des Christentums, daß diese Geburt erfolgt, daß Magier kommen aus dem Morgenlande, die den Stern wahrgenommen haben, daß der Stern sie geführt hat an die Stätte, wo der Erlöser geboren wird. Er schildert ferner, daß Herodes dadurch aufmerksam gemacht wird und daß, um zu entgehen der Maßnahme des Herodes, die in dem bethlehemitischen Kindermord besteht, das Elternpaar des Erlösers mit dem Kinde nach Ägypten flieht. Als Herodes tot ist, wird Joseph, dem Vater des Jesus, angezeigt, daß er wieder zurückkehren kann, und er kehrt nun aus Furcht vor dem Nachfolger des Herodes nicht zurück nach Bethlehem, sondern er geht nach Nazareth. — Ich will heute noch absehen von der Ankündigung des Täufers. Ich will aber schon darauf aufmerksam machen, daß, wenn wir das Lukas-Evangelium und das Matthäus-Evangelium miteinander vergleichen, in den beiden Evangelien die Vorverkündigung des Jesus von Nazareth ganz verschieden erfolgt: das eine Mal erfolgt sie dem Joseph, das andere Mal der Maria. Wir sehen dann aus dem Lukas-Evangelium, wie die Eltern des Jesus von Nazareth ursprünglich in Nazareth wohnen und dann bei einer Gelegenheit nach Bethlehem gehen, nämlich zur Zählung. Während sie dort sind, wird der Jesus geboren. Dann erfolgt nach acht Tagen die Beschneidung — nichts von einer Flucht nach Ägypten -; und nach einiger Zeit, die nicht weit danach liegt, wird das Kind dargestellt im Tempel. Wir sehen, daß das Opfer dargebracht wird, das üblich ist, und daß danach die Eltern mit dem Kinde nach Nazareth zurückziehen und dort leben. Und dann wird uns ein merkwürdiger Zug erzählt, der Zug, wie der zwölfjährige Jesus bei einem Besuch, den seine Eltern in Jerusalem gemacht haben, im Tempel zurückbleibt, wie sie ihn suchen, wie sie ihn dann wiederfinden im Tempel zwischen denen, welche die Schrift auslegen, wie er ihnen da entgegentritt als ein Kundiger in der Schriftauslegung, wie er sich verständig und weise im Kreise der Schriftgelehrten ausnimmt. Dann wird erzählt, wie sie das Kind wiederum mit nach Hause nehmen, wie es heranwächst; und wir hören nichts Besonderes mehr von ihm bis zur Johannes-Taufe.

[ 42 ] Da haben wir zwei Geschichten des Jesus von Nazareth vor der Aufnahme des Christus. Wer sie vereinigen will, der muß sich vor allen Dingen fragen, wie er die Erzählung, daß unmittelbar nach der Geburt des Jesus die Eltern, Joseph und Maria, veranlaßt werden, mit dem Kinde nach Ägypten zu fliehen, und dann wieder zurückkehren, wie er das vereinigen kann nach der gewöhnlichen materialistischen Anschauung mit der Darstellung im Tempel nach Lukas.

[ 43 ] Da werden wir sehen, daß das, was uns für die physische Auffassung scheinbar als ein vollständiger Widerspruch erscheint, im Lichte der Geistesforschung uns als Wahrheit entgegentreten wird. Beides ist wahr, trotzdem es als scheinbarer Widerspruch in der physischen Welt dargestellt wird. Gerade die drei synoptischen Evangelien, das Matthäus-, das Markus- und das Lukas-Evangelium, sollten die Menschen hinzwingen zu einer geistigen Auffassung der Tatsachen der Menschheitsgeschehnisse. Denn die Menschen sollten einsehen, daß man nichts damit erreicht, wenn man solchen Urkunden gegenüber nicht über scheinbare Widersprüche nachdenkt oder wenn man von «Dichtungen» spricht, wo man durch Realitäten nicht durchkommt.

[ 44 ] So wird sich uns gerade diesmal Gelegenheit bieten, darüber zu sprechen, worüber eingehend zu sprechen das Johannes-Evangelium keinen Anlaß gegeben hat, nämlich über die Ereignisse, die sich zugetragen haben vor der Johannes-Taufe, vor dem Eindringen der Christus-Wesenheit in die drei Leiber des Jesus von Nazareth. Und manches wichtige Rätsel von dem Wesen des Christentums wird sich uns gerade dadurch lösen, daß wir — aus der Akasha-Chronik erforscht - hören werden, wie das Wesen des Jesus von Nazareth war, bevor der Christus seine drei Leiber eingenommen hat.

[ 45 ] Wir werden morgen damit beginnen, das Wesen und das Leben des Jesus von Nazareth aus der Akasha-Chronik heraus zu prüfen, um uns dann zu fragen: Wie stellt sich das, was wir aus dieser Quelle heraus wissen können über die wahre Wesenheit des Jesus von Nazareth, zu dem, was uns geschildert wird im Lukas-Evangelium als herrührend von denen, die damals «Selbstseher» waren oder «Diener des Wortes», des Logos?