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The Rudolf Steiner Archive

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Das Lukas-Evangelium
GA 114

25 September 1909, Basle

Neunter Vortrag

[ 1 ] Es wird Ihnen bereits aus dem gestrigen Vortrage hervorgegangen sein, daß man eine Urkunde wie das Lukas-Evangelium nur verstehen kann, wenn man die Entwickelung der Menschheit in jenem höheren Sinne auffaßt, der uns durch die Geisteswissenschaft an die Hand gegeben wird, das heißt, wenn man wirklich die Veränderungen ins Auge faßt, die sich im Laufe der Menschheitsentwickelung vollzogen haben und die den ganzen Menschen in seiner Organisation anders gemacht haben. Wenn wir uns jenen radikalen Vorgang, der sich zur Zeit des Christus Jesus mit der Menschheit vollzogen hat, verständlich machen wollen — was notwendig ist zum Begreifen des Lukas-Evangeliums -, so ist es gut, daß wir ihn vergleichen mit dem, was sich zwar nicht so rasch, sondern mehr nach und nach, aber doch auch deutlich wahrnehmbar für den, der sehen kann, in unserer Zeit vollzieht.

[ 2 ] Um das zu verstehen, müssen wir erst einmal gründlich mit einem anderen Urteile brechen, das so häufig ausgesprochen wird, und an dem die menschliche Bequemlichkeit so gerne hängt. Das ist das Urteil, die Natur oder die Entwickelung mache keine Sprünge. Es kann, wenn man die gewöhnliche Auffassung dieses Satzes zugrunde legt, gar keinen falscheren Satz geben als gerade diesen. Die Natur macht fortwährend Sprünge! Und das ist gerade das Wesentliche, daß Sprünge geschehen. Sehen wir uns zum Beispiel an, wie sich der Pflanzenkeim entwickelt. Wenn er das erste Blättchen herauswachsen läßt, so ist das ein bedeutsamer Sprung. Ein weiterer bedeutsamer Sprung finder statt, wenn die Pflanze übergeht vom Blatt zur Blüte, dann wieder, wenn es vom äußeren zum inneren Teil der Blüte geht, und ein weiterer, ganz bedeutsamer Sprung geschieht in der Ausbildung der Frucht. Es geschehen fortwährend Sprünge, und wer das nicht berücksichtigt, wird die Natur nicht begreifen. Er wird glauben, wenn er die Menschheitsentwickelung betrachtet und an einem Jahrhundert bemerkt, daß da die Entwickelung im Schneckenschritte vorwärtsgeht, daß dann auch zu anderen Zeiten die Entwickelung in demselben Tempo vorwärtsgehen müsse. Es kann aber durchaus sein, daß die Entwickelung zu einer gewissen Zeit langsam geht wie bei der grünen Pflanze vom ersten grünen Blatt bis zum letzten; wie aber dann bei der Pflanze ein Sprung geschieht, wenn sich das letzte Blatt entwickelt hat und die Blüte ansetzt, so geschehen in der Menschheitsentwickelung fortwährend Sprünge.

[ 3 ] Und ein solcher bedeutsamer Sprung geschah in der Zeit, als der Christus Jesus auf Erden auftrat. Da geschah ein solcher Sprung, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit die Eigenschaften des alten Hellsehens und die Herrschaft des Geistigen über das Leibliche sich verwandelten, so daß nur noch wenig vorhanden war von hellseherischer Kraft und von Wirksamkeit des Seelisch-Geistigen über das Leibliche. Daher mußte, bevor jener Umschwung geschah, noch einmal zusammengefaßt werden, was von alten Zeiten als Erbschaft vorhanden war. Darinnen mußte der Christus Jesus wirken. Dann konnte das Neue aufgenommen werden in der Menschheit und konnte sich nun langsam und allmählich entwickeln.

[ 4 ] Auf anderem Gebiete geschieht, nicht ganz so rasch, aber doch auch ein Sprung in unserer Zeit. Er vollzieht sich zwar in längerem Zeitraum, aber er muß für die, welche unsere Zeit verstehen wollen, durchaus begreiflich erscheinen. Wir machen uns am besten einen Begriff davon, wenn wir hinhören auf Menschen, die heute, von diesem oder jenem geistigen Gebiete ausgehend, an die Geisteswissenschaft herankommen. Es kann zum Beispiel, was öfters vorkommt, ein Vertreter dieser oder jener Religionsgemeinschaft zu einem geisteswissenschaftlichen Vortrage kommen. Was ich jetzt ausspreche, ist etwas, was durchaus erklärlich ist, und soll kein Tadel sein. Ein solcher Mensch hört sich also einen geisteswissenschaftlichen Vortrag an, der sich etwa gerade mit dem Wesen des Christentums befaßt, und sagt hinterher: Das ist ja alles sehr schön, und im Grunde genommen widersprichtesgar nicht dem, was wir von der Kanzel oder vom Lehrstuhle herab auch sagen; aber wir sagen es so, daß es jeder verstehen kann. Was dagegen hier gesagt wird, das ist so, daß es nur einzelne verstehen können. — Das ist etwas, was sehr häufig geschieht. Wer so etwas sagt oder meint, daß nur das das einzig Mögliche ist, wie er das Christentum auffaßt oder verkündet, der berücksichtigt eines nicht: daß man die Verpflichtung hat, nicht nach seinen Liebhabereien, sondern nach den Tatsachen zu urteilen. Und einmal mußte von mir einem solchen Menschen geantwortet werden: Sie haben vielleicht den Glauben, daß Sie die christlichen Wahrheiten für alle Menschen verkünden. Aber unser Glaube entscheidet nichts in diesem Falle, sondern es entscheiden die Tatsachen. Gehen alle Leute zu Ihnen in die Kirche hinein? Die Tatsachen beweisen das Gegenteil! Für diejenigen, für welche Sie das Richtige treffen, ist eben die Geisteswissenschaft nicht da: sondern sie ist für diejenigen da, die etwas anderes brauchen. -— Wir müssen eben nach den Tatsachen urteilen und nicht nach unseren Liebhabereien; und das ist in der Regel für die Menschen sehr schwierig, ihre Liebhabereien von den Tatsachen zu unterscheiden.

[ 5 ] Wenn nun solche Menschen gar nicht von der Meinung kuriert werden könnten, daß sie das Richtige treffen, und jeden anderen perhorreszieren, der anders spricht als sie, und wenn gegen solche Menschen das spirituelle Leben gar nicht aufkommen könnte, was würde da geschehen? Immer zahlreicher würden dann die Menschen werden, die nicht die Art der Verkündigung der geistigen Tatsachen hören könnten, wie sie in dieser oder jener Geistesströmung bisher üblich war. Immer weniger Menschen würde es geben, die dahin gehen, wo so etwas zu hören ist. Und wenn es dann keine geisteswissenschaftliche Strömung gäbe, so würden diese Menschen gar nichts haben, keine Befriedigung ihrer geistigen Bedürfnisse; sie würden verkommen, denn es würde ihnen keine Nahrung gegeben. Es hängt aber nicht von dem Willen des einzelnen ab, wie man die geistige Nahrung zugeformt bekommt — das hängt ab von der Entwickelung. Wir sind jetzt an der Tatsache und an dem Zeitpunkte angekommen, wo die Menschen Befriedigung haben wollen für ihre geistigen Bedürfnisse, für die Interpretation der Evangelien und so weiter. Aber nicht darauf kommt es an, wie wir die geistige Nahrung geben wollen, sondern wie die Menschenseele sie verlangt. Die Sehnsucht der menschlichen Seele nach der Geisteswissenschaft ist heute geboren. Und es hängt gar nicht von denen ab, die etwas anderes lehren wollen, ob sie die geistigen Bedürfnisse der Zeit befriedigen; denn sie werden immer weniger Zuhörer bekommen.

[ 6 ] Wir leben in einer Zeit, in welcher immer mehr aus den Menschenherzen die Möglichkeit verschwindet, die Bibel so hinzunehmen, wie sie während der letzten vier bis fünf Jahrhunderte der europäischen Kulturentwickelung hingenommen worden ist. Entweder wird die Menschheit die Geisteswissenschaft bekommen und durch die Geisteswissenschaft die Bibel in einem neuen Sinne verstehen lernen, oder die Menschen werden dahin kommen, wie es bei vielen schon heute der Fall ist, welche die Anthroposophie nicht kennen, daß sie nicht mehr hinhorchen können auf die Bibel. Die Menschheit würde die Bibel vollständig verlieren, die Bibel würde verschwinden, und ungeheure Geistesgüter würden der Menschheit verlorengehen — die wichtigsten Geistesgüter unserer Erdenentwickelung. Das muß eingesehen werden. Wir stehen an einem solchen Sprunge unserer Entwickelung. Das Menschenherz verlangt nach geisteswissenschaftlicher Erklärung der Bibel. Wird der Menschheit diese geisteswissenschaftliche Erklärung der Bibel, so wird die Bibel zum Segen der Menschheit erhalten bleiben; wird ihr diese Erklärung nicht, so wird die Bibel verlorengehen. Das sollten sich diejenigen sagen, welche glauben, ihre Liebhabereien, ihre hergebrachte Art, die Bibel zu nehmen, unbedingt aufrechterhalten zu müssen. So können wir jenen Sprung charakterisieren, den wir jetzt in der Menschheitsentwickelung machen. Wer diese Tatsache kennt, den kann nichts beirren in der Pflege der anthroposophischen Geistesströmung, weil er sie als eine Notwendigkeit für die Menschheitsentwickelung erkennt.

[ 7 ] Nun ist das, was jetzt geschieht, von einem höheren Gesichtspunkte aus betrachtet, sogar verhältnismäßig etwas Kleines gegenüber dem, was damals geschah, als der Christus Jesus auf der Erde erschien. Zu jener Zeit war die Menschheitsentwickelung so, daß sozusagen noch die letzten Ausläufer jener Entwickelung vorhanden waren, die seit uralten Zeiten, sogar seit der vorherigen Verkörperung unserer Erde, stattgefunden hat. Der Mensch entwickelte sich im wesentlichen in seinem physischen Leib, Atherleib und Astralleib. Er hatte zwar schon längst das Ich eingegliedert, aber dieses Ich spielte zu jener Zeit noch eine untergeordnete Rolle. Das vollständig selbstbewußte Ich war noch überdeckt von den drei Hüllen: physischer Leib, Atherleib und Astralleib, bis zur Zeit der Erscheinung des Christus Jesus.

[ 8 ] Nehmen wir an, der Christus Jesus wäre nicht auf die Erde gekommen. Was würde da geschehen sein? Da wäre die Menschheitsentwickelung so fortgeschritten, daß das Ich voll herausgekommen wäre. Aber in demselben Maße wie das Ich voll herausgekommen wäre, würden alle früheren hervorragenden Fähigkeiten des Astralleibes, Atherleibes und physischen Leibes geschwunden sein; alles alte Hellsehen, alle alte Herrschaft von Seele und Geist über den Leib würden geschwunden sein, denn das wäre die Notwendigkeit der Entwickelung gewesen. Der Mensch wäre ein selbstbewußtes Ich geworden, aber ein Ich, das den Menschen immer mehr zum Egoismus geführt hätte, das immer mehr dazu geführt hätte, die Liebe auf der Erde ersterben zu machen, die Liebe von der Erde verschwinden zu machen. Iche wären die Menschen auch geworden, aber ganz egoistische Iche. Das ist das Wesentliche.

[ 9 ] Die Menschheit war in dem damaligen Zeitpunkte reif, um zu der Entwickelung des Selbstes, des Ich, aufzusteigen; daher war sie aber zu gleicher Zeit darüber hinaus, in der alten Weise auf sich wirken zu lassen. In der alten hebräischen Entwickelung konnte zum Beispiel das Gesetz, die Verkündigung vom Sinai deshalb wirken, weil das Ich noch nicht völlig herausgetreten war und dem astralischen Leibe, der als Höchstes dastand, sozusagen eingeflößt und eingeprägt wurde, was er tun und fühlen sollte, um in der. Außenwelt in der richtigen Weise zu handeln. So war das Gesetz vom Sinai wie eine Vorverkündigung erflossen, aber wie eine letzte Vorverkündigung, bevor das Ich völlig herausgekommen war. Wenn das Ich herausgekommen wäre und wenn nichts anderes eingetreten wäre, würde der Mensch nur auf sein Ich geschaut haben. Die Menschheit war eben reif zu der Entwickelung des Ich, aber das Ich wäre so ein leeres Ich gewesen, ein Ich, das nur an sich gedacht hätte und nichts für die anderen Menschen oder für die Welt hätte wirken wollen.

[ 10 ] Diesem Ich den Inhalt zu geben, dieses Ich nach und nach zu einer solchen Entwickelung anzutreiben, daß es von sich aus jene Kraft ausströmt, die wir die Kraft der Liebe nennen, das war die Tat des Christus auf der Erde. Wie ein leeres Gefäß wäre das Ich ohne den Christus geworden; wie ein sich immer mehr und mehr mit Liebe erfüllendes Gefäß steht das Ich da durch die Erscheinung des Christus. Daher konnte der Christus zu seiner Umgebung sagen: Ihr sagt, wenn ihr Wolken heranziehen seht, es komme dieses oder jenes Wetter; so beurteilt ihr das Wetter nach den äußeren Zeichen. Die Zeichen der Zeit aber versteht ihr nicht. Denn würdet ihr sie verstehen und beurteilen können, was um euch herum vorgeht, dann würdet ihr wissen, daß in das Ich der Gott eindringen muß, der es durchdringt und imprägniert; dann würdet ihr nicht sagen: Wir können auch mit dem leben, was von den Vorzeiten her überliefert ist.- Was von den Vorzeiten stammt, das geben euch die Schriftgelehrten und Pharisäer, welche das Alte bewahren und nichts hinzukommen lassen wollen zu dem, was vorher an die Menschen herangetreten ist. Das ist aber ein Sauerteig, der nichts weiter wirken wird in der Menschheitsevolution. Wer aber sagt: Ich will stehenbleiben bei Moses und den Propheten -, der versteht nicht die Zeichen der Zeit, der weiß nicht, welcher Übergang in der Menschheit sich vollzieht (Lukas 12, 54-59). In bedeutungsvollen Worten sagte der Christus Jesus zu seiner Umgebung, daß es gar nicht von der Liebhaberei des einzelnen abhänge, ob man nun christlich werden wolle oder nicht, sondern von der Notwendigkeit in der Fortentwickelung der Menschheit. Begreiflich machen wollte er mit den Reden, die uns im Lukas-Evangelium überliefert sind als die von den «Zeichen der Zeit», daß der alte Sauerteig bei den Schriftgelehrten und Pharisäern, die nur das Alte bewahren, nicht mehr ausreiche, und glauben, daß er ausreiche, könne nur derjenige, der nicht die Verpflichtung fühlt, nach den Notwendigkeiten zu urteilen, die für die Entwickelung der Welt gelehrt werden, der alles nach seinen Liebhabereien beurteilt. Daher nannte der Christus Jesus das, was die Schriftgelehrten und Pharisäer wollten, eine Unwahrheit, etwas, was nicht mehr mit der äußeren Welt stimmt. Das würde der Ausdruck eigentlich bedeuten.

[ 11 ] Wir können uns die Gefühlskraft seiner Rede am besten vor die Seele rücken, wenn wir sie mit den entsprechenden Vorgängen in unserer Zeit vergleichen. Wie müßte man denn in bezug auf das Angedeutete in unserer Zeit sprechen, wenn man ganz auf unsere Zeit übertragen wollte, was der Christus Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern gesagt har? Haben wir in unserer Zeit etwas Ähnliches wie die Schriftgelehrten? Ja, wir haben etwas Ähnliches! Und das sind die, welche nicht mehr mitgehen wollen mit der tieferen Erklärung der Evangelien, die da stehenbleiben wollen bei dem, was ihnen ihre ohne die Geisteswissenschaft erworbenen Fähigkeiten über die Evangelien sagen können; das sind die, welche nicht mitgehen wollen die Schritte in die Untergründe der Evangelien, die durch die Geisteswissenschaft gemacht werden. Das ist im Grunde genommen überall da der Fall, wo man versucht - gleichgültig, ob in mehr fortschrittlicher oder mehr rückschrittlicher Weise —, die Evangelien zu interpretieren. Denn die Kraft, um die Evangelien interpretieren zu können, wächst einzig und allein auf geisteswissenschaftlichem Boden. Nur aus der Geisteswissenschaft ist die Wahrheit über die Evangelien zu gewinnen! Daher ist auch alles andere, was heute über die Evangelien geforscht wird, so trostlos, läßt so kalt, wenn wir wirklich nach der Wahrheit forschen wollen. Nur haben wir heute zu den Schriftgelehrten und Pharisäern noch eine dritte Sorte von Menschen erhalten, die Naturgelehrten, so daß wir heute von drei Kategorien sprechen können, die überhaupt alles ausschließen wollen, was zum Geistigen führt, was der Mensch sich an Fähigkeiten erwerben kann, um zu den geistigen Grundlagen der Naturerscheinungen zu kommen. Und diejenigen, welche man für die heutige Zeit, wenn man im Sinne des Christus Jesus redet, mittreffen muß, die sitzen heute vielfach auf den Lehrstühlen; sie haben es in der Hand, die Naturerscheinungen zusammenzustellen, und lehnen die geistigen Erklärungen ab. Sie sind es, die den Fortschritt der Menschheitsentwickelung aufhalten, denn der Fortschritt der Menschheit wird überall da aufgehalten, wo man die Zeichen der Zeit in dem angedeuteten Sinne nicht erkennen will.

[ 12 ] In unserer Zeit würde es der Nachfolge des Christus Jesus nur entsprechen, wenn man den Mut fände, so wie er sich gegen die wandte, die nur Moses und die Propheten gelten lassen wollten, überall sich gegen diejenigen zu wenden, die den Fortschritt der Menschheit zurückschrauben wollen, indem sie sich gegen die anthroposophische Interpretation der Schriftwerke auf der einen Seite und der Naturwerke auf der anderen Seite wenden. Es sind zuweilen wirklich gutmeinende Leute, die gern einmal da oder dort hinein einen vagen Frieden vermitteln möchten. Allen solchen Leuten müßte etwas davon ins Herz wachsen, was gerade der Christus Jesus im Sinne des Lukas-Evangeliums gesprochen hat.

[ 13 ] Es gehört zu den schönsten und eindringlichsten Gleichnissen des Lukas-Evangeliums jenes, das gewöhnlich genannt wird das Gleichnis von dem ungerechten Hausverwalter (Lukas 16, 1-13). Da wird erzählt: Ein reicher Mann hatte einen Hausverwalter, von dem ihm gesagt worden war, daß er ihm sein Gut verschwende. Er beschloß daher, diesen Hausverwalter zu entlassen. Dieser aber war im höchsten Grade darüber bestürzt und fragte sich: Was soll ich nun tun? Ich kann mich nicht dadurch ernähren, daß ich irgendwie Ackerbauer werde, denn das verstehe ich nicht; ich kann auch nicht Bettler werden, denn zu betteln schäme ich mich. Da kam er auf ein Auskunftsmittel. Er sagte sich: Ich habe ja als Verwalter immer die Leute, die mit mir in Berührung kamen, so behandelt, daß ich nur auf die Interessen meines Herrn gesehen habe. Daher haben sie mich nicht besonders gern, weil ich auf ihre Interessen nicht gesehen habe; ich muß etwas tun, damit sie mich aufnehmen bei sich, damit ich nicht zugrunde gehe; ich werde etwas tun, damit die Leute sehen, daß ich Wohlwollen für sie habe. - Da kam er zu einem der Schuldner seines Herrn, fragte ihn: Wieviel bist du schuldig? — und ließ ihn die Hälfte der Schuld abstreichen. Ebenso machte er es bei den anderen. Auf diese Weise suchte er das Wohlwollen der Schuldner zu erreichen, damit er, wenn ihn sein Herr fortjagt, zu den Leuten gehen und Aufnahme finden könne und nicht Hungers sterbe. Das ist der Zweck. — Nun heißt es im Evangelium weiter, worüber vielleicht dieser oder jener, der das Lukas-Evangelium liest, recht‘ erstaunt sein könnte (Vers 8): «Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, daß er klüglich getan hatte.» Es hat wirklich von der Sorte der’Leute, die heute die Evangelien erklären, welche gegeben, die sich Gedanken machten, welcher «Herr» damit gemeint sei, trotzdem da ganz deutlich steht, daß Jesus selber den Verwalter wegen seiner Klugheit gelobt hat. Und dann heißt es weiter: «denn die Kinder dieser Welt sind klüger denn die Kinder des Lichtes in ihrem Geschlechte». So steht es seit Jahrhunderten in der Bibel. Man möchte sich fragen, ob denn niemand darüber nachgedacht hat, was das heißen soll: «die Kinder dieser Welt sind klüger denn die Kinder des Lichtes in ihrem Geschlechte». «In ihrem Geschlechte» steht überall in den verschiedenen Bibelübersetzungen. Wenn jemand mit bloß einiger Kenntnis den griechischen Text übersetzen würde — er müßte ihn natürlich richtig übersetzen —, dann aber hieße es richtig: «denn die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichtes in ihrer Art»! Das heißt, nach ihrer Art sind die Kinder der Welt klüger als die Kinder des Lichtes, nach dem, wie sie es verstehen, sind sie klüger, meinte der Christus. Diejenigen, die seit Jahrhunderten diese Stelle übersetzt haben, haben einfach bis heute die Bezeichnung «in ihrer Art» verwechselt mit einem Wort, das zwar in der griechischen Sprache sehr ähnlich klingt: ri» yerear = (ten genean), sie haben es mit «Geschlecht» verwechselt, weil man unter Umständen dieses Wort auch für den anderen Begriff brauchte. Ist es möglich, so möchte man fragen, daß sich durch Jahrhunderte hindurch eine solche Sache fortschleppte und daß neuere Menschen auftreten, von denen gesagt wird, daß sie gute Bibelübersetzungen zustande gebracht haben und sich bemüht haben, den richtigen Text herzustellen, die es nicht anders machen? Bei Weizsäcker zum Beispiel steht es gerade so! So sonderbar es ist, es ist geradeso, wie wenn die Menschen ihre allerersten Schulkenntnisse verlernten, wenn sie sich anschicken, die wahre Gestalt der biblischen Urkunden zu erforschen.

[ 14 ] Vor allen Dingen wird die geisteswissenschaftliche Weltanschauung dazu führen müssen, die biblischen Urkunden der Welt wieder so zu geben wie sie sind. Denn die Welt hat heute die Bibel nicht, und sie kann sich gar keine Vorstellung machen, wie diese Bücher sind. Man könnte geradezu fragen: Sind das die biblischen Bücher? Nein, sie sind es in den wichtigsten Teilen geradezu nicht! Ich will Ihnen das auch noch näher zeigen.

[ 15 ] Was soll denn überhaupt mit diesem Gleichnis vom ungerechten Haushalter gesagt werden? Das ist klar darin ausgedrückt. Der Hausverwalter hat sich überlegt: Wenn ich hier fortgehen muß, dann muß ich mich bei den Leuten beliebt machen. Er hat eingesehen, daß man nicht «zweien Herren» dienen kann. So sollt ihr einsehen — sagte der Christus zu seiner Umgebung -, daß ihr auch nicht zweien Herren dienen könnt, demjenigen, der jetzt als Gott in die Herzen einziehen soll, und demjenigen, den bisher die Schriftgelehrten verkündet haben, welche die Prophetenbücher interpretiert haben; denn ihr könnt nicht dem Gotte dienen, der als Christus-Prinzip in eure Seelen einziehen soll und die Menschheit in ihrer Entwickelung um ein Mächtiges vorwärtsbringen soll, und dem Gotte, der als ein Hindernis sich davorlegen würde in dieser Entwickelung. — Denn alles, was in einer verflossenen Zeit richtig war, das wird zu einem Hemmnis in der späteren Entwickelung. Darauf beruht in gewisser Weise die Entwickelung, daß dasjenige, was für eine Zeit richtig ist, zum Hindernis wird, wenn es hineingetragen wird in eine spätere Zeit. Diejenigen Mächte, welche die Hindernisse dirigieren, nannte man damals mit einem technischen Ausdruck den Mammon. — Ihr könnt nicht dem Gott, der den Fortschritt will, und dem Mammon, dem Gott der Hindernisse, dienen. Sehet euch den Verwalter an, wie er als ein Kind der Welt einsah, wie man nicht einmal mit dem gewöhnlichen Mammon zwei Herren dienen kann! So sollt ihr einsehen, indem ihr euch erhebt, daß ihr Kinder des Lichtes werdet, daß ihr nicht zwei Herren dienen könnt (Lukas 16, 11-13).

[ 16 ] Ebenso muß der, der in unserer Zeit lebt, einsehen, daß es eine Vermittlung nicht gibt zwischen dem Gotte Mammon in unserer Zeit — zwischen den Schriftgelehrten und Naturgelehrten — und der Richtung, welche der Menschheit heute die Nahrung geben muß, die sie braucht. Das ist christlich gesprochen. Das ist für unsere Zeit in entsprechende Worte gekleidet, was der Christus Jesus im Sinne des Lukas-Evangeliums seiner Umgebung hatte sagen wollen in dem Gleichnis, daß man nicht zweien Herren dienen kann, wie er es anschaulich machte an dem Hausverwalter.

[ 17 ] Wir müssen die Evangelien lebendig verstehen. Geisteswissenschaft selber soll etwas Lebendiges werden! Daher soll alles, was sie anfaßt, unter ihrem Einflusse Leben gewinnen. Das Evangelium soll uns etwas sein, was in unsere eigenen geistigen Fähigkeiten einfließt. Wir sollen nicht nur davon schwatzen, daß man zur Zeit des Christus Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer abweisen konnte, denn dann gedächten wir wieder nur einer verflossenen Zeit. Sondern wir sollen wissen, wie in unserer Zeit dasjenige lebendig wird, und wo in unserer Zeit die Nachfolge dessen liegt, was der Christus Jesus für seine Zeit als den Gott Mammon bezeichnete. Das ist das lebendige Verstehen. Das ist aber auch das, was eine tiefe, bedeutsame Rolle in dem spielt, was uns im Lukas-Evangelium erzählt wird. Denn es verbindet sich mit dieser Anschauung, die eben jetzt klargemacht worden ist, mit dem Gleichnis, das nur im Lukas-Evangelium steht, einer der allerwichtigsten Begriffe im Evangelium überhaupt; und wir können uns diesen allerwichtigsten Begriff des Evangeliums nur in unser Gemüt schreiben, wenn wir in der Lage sind, uns noch einmal in gewisser anderer Weise die Beziehung des Buddha und des von ihm gegebenen Einschlages zu dem Christus Jesus herstellen zu können.

[ 18 ] Wir haben gesagt, daß der Buddha die große Lehre vom Mitleid und von der Liebe vor die Menschheit hingestellt hat. Hier haben wir einen der Fälle, wo das, was im Okkultismus gesagt wird, ganz genau genommen werden muß; denn sonst könnte jemand sagen: Du sprichst einmal davon, daß der Christus die Liebe auf die Erde gebracht hat, und dann wird ein andermal gesagt, daß der Buddha die Lehre von der Liebe gebracht hat. Wird denn aber beide Male dasselbe gesagt? Das eine Mal sage ich, daß Buddha die Lehre von der Liebe auf die Erde gebracht hat, und das andere Mal dagegen, der Christus habe die Liebe selber als eine lebendige Kraft auf die Erde gebracht. Das ist der große Unterschied. Wo die tiefsten Sachen für die Menschheit in Betracht kommen, da muß man eben genau hinhorchen; denn sonst geschieht es, daß die Dinge, die an einem Orte mitgeteilt werden, wenn sie sich verbreiten, an einem anderen Orte in einer ganz anderen Gestalt erscheinen und daß dann gesagt wird: Ja, der hat, um allen gerecht zu werden, eigentlich zwei Verkündiger der Liebe aufgestellt. - Auf genaues Hinhorchen kommt es gerade auf dem Felde des Okkultismus an. Wenn wir die in dieser Weise in Worte gekleideten bedeutsamen Wahrheiten wirklich verstehen, dann erscheinen sie uns im richtigen Lichte.

[ 19 ] Wir wissen, daß die Umschreibung der großen Lehre vom Mitleid und von der Liebe, wie sie Buddha gebracht hat, im achtgliedrigen Pfade liegt, und wir fragen uns: Was stellt eigentlich dieser achtgliedrige Pfad für ein Ziel dar? Wir können die Frage auch so stellen: Wohin gelangt der Mensch, der nun wirklich aus den Tiefen seiner Seele heraus den achtgliedrigen Pfad als sein Lebensideal hinstellt, wenn er sich dieses Ziel so vor Augen setzt, daß er sagt: Wie werde ich am vollkommensten? Wie reinige und läutere ich mein Ich in der allervollkommensten Weise? Was muß ich alles tun, um in möglichst vollkommener Weise mein Ich in die Welt zu stellen? Er wird sich sagen: Wenn ich alles beobachte, was im achtgliedrigen Pfade gesagt wird, dann wird mein Ich das denkbar vollkommenste werden, denn alles geht auf die Läuterung und Veredelung des Ich; alles, was aus diesem wunderbaren achtgliedrigen Pfade herausstrahlen kann, soll sich sozusagen in uns hineinarbeiten, alles ist Arbeit unseres Ich an seiner Vervollkommnung. Das ist das Wesentliche. Wenn also die Menschheit das, was der Buddha als das «Rad des Gesetzes» rollen ließ, wie der technische Ausdruck heißt, weiter bei sich entwickeln würde, so würde sie nach und nach dazu kommen, möglichst vollkommene Iche zu haben, beziehungsweise zu wissen, welches die vollkommensten Iche sind. Im Gedanken, als Weisheit, würde die Menschheit die vollkommensten Iche haben. Wir könnten auch sagen: Buddha hat der Menschheit die Weisheit von der Liebe und dem Mitleid gebracht, und wenn wir unseren Astralleib so durchsetzen, daß er ganz ein Produkt des achtgliedrigen Pfades ist, dann wissen wir, was wir wissen sollen über die Gesetze von der Lehre des achtgliedrigen Pfades.

[ 20 ] Aber es ist ein Unterschied zwischen der Weisheit, dem Gedanken, und der lebendigen Kraft, die wirkt. Und es ist ein Unterschied, zu wissen, wie das Ich sein muß, und die lebendige Kraft in sich einfließen zu lassen, die dann wieder von dem Ich ausfließen kann in alle Welt, so wie von dem Christus ausfließend diese Kraft wirkte auf die Astralleiber, Atherleiber und physischen Leiber seiner Umgebung. Zu wissen, was der Inhalt der Lehre vom Mitleid und von der Liebe ist, das ist der Menschheit möglich geworden durch den Einschlag, den der große Buddha gebracht hat. Was dagegen der Christus gebracht hat, das ist zunächst eine lebendige Kraft, ist nicht Lehre. Er selber hat sich hingegeben, er ist heruntergestiegen, um nicht bloß in die menschlichen Astralleiber einzufließen, sondern in das Ich, damit dieses die Kraft hat, das Substantielle der Liebe von sich strahlen zu lassen. Das Substantielle, den lebendigen Inhalt der Liebe, nicht bloß den weisheitsvollen Inhalt der Liebe hat der Christus auf die Erde gebracht. Darum handelt es sich.

[ 21 ] Es ist jetzt neunzehnhundert Jahre und etwa fünf Jahrhunderte her, daß der große Buddha auf der Erde gelebt hat. Und es werden noch das ist etwas, was uns die okkulten Tatsachen lehren - etwa dreitausend Jahre über die Erdenentwickelung dahingehen. Dann werden die Menschen in größerer Anzahl so weit sein, daß sie aus ihrer eigenen moralischen Gesinnung, aus ihrer eigenen Seele und dem eigenen Herzen heraus den achtgliedrigen Pfad, die Weisheit des Buddha entwickeln können. Der Buddha mußte einmal da sein. Von da ging jene Kraft aus, welche die Menschen nach und nach als die Weisheit des achtgliedrigen Pfades entwickeln werden. Dann, nach ungefähr dreitausend Jahren von jetzt ab, werden sie ihn zu ihrem Eigentum haben. Die Menschen werden selbst diese Lehre entwickeln können, sie nicht bloß von außen aufnehmen, sondern aus sich entwickeln und sich sagen: Dieser achtgliedrige Pfad sprießt aus uns hervor als die Weisheit vom Mitleid und der Liebe.

[ 22 ] Wenn nichts weiter eingetreten wäre, als daß der große Buddha das «Rad des Gesetzes» hätte rollen lassen, dann würde zwar die Menschheit von jetzt ab nach dreitausend Jahren auch die Fähigkeit erlangt haben, die Lehre vom Mitleid und von der Liebe zu wissen; aber etwas anderes ist es, auch die Kraft erlangt zu haben, um wirklich darinnen zu leben. Und das ist der Unterschied: nicht nur vom Mitleid und der Liebe zu wissen, sondern unter dem Einflusse einer Individualität auch diese Kraft zu entwickeln. Diese Fähigkeit ging von dem Christus aus. Er goß die Liebe selber in die Menschen hinein, und sie wird immer mehr wachsen. Und wenn die Menschen am Ende ihrer Entwickelung angekommen sein werden, dann werden sie in Weisheit wissen, welches der Inhalt der Lehre vom Mitleid und von der Liebe ist; das werden sie dem Buddha zu verdanken haben. Aber sie werden zu gleicher Zeit die Fähigkeit haben, die Liebe herausströmen zu lassen aus dem Ich über die Menschheit; das wird die Menschheit dem Christus zu verdanken haben.

[ 23 ] So mußten diese beiden zusammenwirken, und so mußte es geschildert werden, um das Lukas-Evangelium verständlich zu machen. Das tritt uns aber auch sogleich entgegen, wenn wir die Worte, die uns im Lukas-Evangelium gegeben werden, im richtigen Sinne zu deuten wissen (Lukas 2, 13-14). Da sind die Hirten, die herbeieilen, um die Verkündigung zu empfangen. Da oben ist die Engelschar, die nichts anderes ist als der geistig imaginative Ausdruck für den Nirmanakaya des Buddha. Was wird ihnen verkündet von dem, was da oben ist? Die Offenbarung des weisheitsvollen Gottes aus den Höhen! Das verkündet ihnen der Nirmanakaya des Buddha, der als Engelschar über dem nathanischen Jesuskindlein schwebt. Aber noch etwas anderes wird hinzugefügt: «Und Frieden den Menschen auf der Erde unten, die durchdrungen sind von-einem guten Willen», das heißt denjenigen Menschen, in denen die wirkliche lebendige Kraft der Liebe aufkeimt. Das ist es, was sich nach und nach auf der Erde verwirklichen muß durch den Einschlag, den der Christus gegeben hat. Er brachte die lebendige Kraft hinzu zu dem, was die «Offenbarung aus den Höhen» war. Das brachte er in jedes Menschenherz hinein und brachte jeder Menschenseele etwas, wovon diese Menschenseele überfließen konnte. Er gab ihr nicht bloß etwas, was eine Lehre war, die man aufnehmen konnte als Gedanke und Idee, sondern eine Kraft, die hinausfließen kann aus dieser Menschenseele. Und keine andere Kraft als jene, die als ChristusKraft in der Menschenseele wirken kann, und welche die Menschenseele überströmen lassen kann, ist diejenige, welche ständig — zum Beispiel im Lukas-Evangelium und in den anderen Evangelien - als die Kraft des Glaubens bezeichnet wird. Das ist Glaube im Sinne der Evangelien. Derjenige hat den Glauben, der in sich aufnimmt den Christus, so daß der Christus in ihm lebt, daß sein Ich nicht bloß als ein leeres Gefäß in ihm lebt, sondern einen überfließenden Inhalt hat. Und dieser überfließende Inhalt ist kein anderer als der Inhalt der Liebe.

[ 24 ] Warum konnte denn der Christus mit seinen Worten jenes große Beispiel der «Heilung durch das Wort» hinstellen? Er konnte es, weil er der erste war, der das «Rad der Liebe» - nicht das «Rad des Gesetzes» — als eine freie Fähigkeit und Kraft der Menschenseele rollen ließ, weil er im höchsten Maße die Liebe in sich hatte, so überfließend und überschäumend, daß sie überfloß in diejenigen, die in seiner Umgebung gesund werden sollten; weil sein Wort, das er sprach - sei es «Stehe auf und wandle» oder «Deine Sünden sind dir vergeben» oder ein anderes Wort, aus seiner im Innern überfließenden Liebe hervorging. Er sprach Worte, die aus einem Überlaufen der Liebe über das Maß des Ich hinaus gesprochen waren. Und die, welche sich ein wenig mit dieser Tatsache erfüllen konnten, nannte der Christus Gläubige. Nur diesen Gedanken müssen wir jetzt mit dem Begriffe des Glaubens — einem der wesentlichsten im Neuen Testament - verbinden. Glauben ist die Fähigkeit des Hinübergehens über sich selbst, des Hinausfließens über das, was das Ich zu seiner eigenen Vervollkommnung zunächst tun kann. Daher lehrt der Christus, da er in den Leib des nathanischen Jesus eingezogen ist und sich dort mit der Kraft des Buddha verbunden hat, nicht etwa: Wie soll sich das Ich möglichst vervollkommnen? — sondern: Wie soll das Ich überfließen? Wie kann es über sich hinausgehen? — Er sagt es oft mit einfachen Worten, wie die Worte des Lukas-Evangeliums überhaupt zu den einfältigsten Herzen sprechen können. Er sagt: Es ist nicht genug, daß ihr nur denen etwas gebt, von denen ihr genau wißt, daß sie es euch wieder zurückgeben, denn das tun die Sünder auch. Wenn sie genau wissen, daß sie wieder zurückbekommen, was sie gegeben haben, dann haben sie es noch nicht aus der überschäumenden Liebe getan. Wenn ihr aber gebt und wißt, daß ihr es nicht wiederbekommt, dann habt ihr es aus der wirklichen Liebe heraus getan; dann ist das die Liebe, die das Ich nicht umschließt, sondern die dieses Ich aus sich entlassen muß als eine Kraft, die aus dem Menschen ausfließt (Lukas 6, 33-34). Und in den mannigfaltigsten Variationen sagt der Christus, wie das Ich überschäumen soll, wie aus dem Überfluß des Ich heraus, aus einem Gefühl, das aus sich herauskann, in der Welt gewirkt werden soll.

[ 25 ] Das sind die wärmsten Worte im Lukas-Evangelium, wo von dieser überschäumenden Liebe geredet wird. Das Lukas-Evangelium enthält diese Kraft der überströmenden Liebe, wenn wir die Worte so auf uns wirken lassen, daß wir sie finden, diese überströmende Liebe, daß sie alle unsere Worte so durchdringt, daß sie die entsprechende Kraft haben, ihre Wirkung in der Außenwelt zu tun. Ein anderer Evangelist, der aus seinen Vorbedingungen heraus jene überströmende Liebe weniger betont hat, hat wenigstens in kurzen Worten dieses Geheimnis des Christentums zusammengefaßt, indem er sagt: Aus der Überfülle des Ich heraus fließt die Liebe. Und sie soll natürlich auch einfließen in alles, was wir sprechen und handeln. Im Matthäus-Evangelium haben Sie noch in der lateinischen Übersetzung die echten, ursprünglichen Worte wie eine kurze Zusammenfassung all der schönen Liebespreisungen, die im Lukas-Evangelium enthalten sind. Da heißt es lateinisch: «Ex abundantia cordis os loquitur»: Aus dem Überfließen des Herzens heraus spricht der Mund (Matthäus 12, 34). Eines der höchsten christlichen Ideale! Der Mund spricht aus dem überfließenden Herzen heraus, aus dem, was das Herz nicht umschließt. Das Herz wird vom Blute bewegt, und das Blut ist der Ausdruck des Ich. Das heißt also: Aus dem, was das Herz nicht umschließt, spricht ein überquellendes Ich, ein Ich, das Kraft aus sich ausstrahlt - denn diese Kraft ist die Kraft des Glaubens. Das sind die Worte, die wirklich die Christus-Kraft enthalten: «Aus dem Überfließen des Herzens heraus spricht der Mund.» Das ist ein Kardinalsatz von dem Wesen des Christentums.

[ 26 ] Und nun lesen Sie in der heutigen Bibel. Was steht an dieser Stelle? «Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.» Das sind Worte, die hingereicht haben, um einen Kardinalsatz des Christentums durch Jahrhunderte hindurch zu verdecken. Die Menschheit ist nicht darauf gekommen, was es für ein Unding ist, zu sagen, daß das Herz, wenn es voll ist, sich ausschütte. Gewöhnlich schütten sich die Dinge in der Welt erst aus, wenn sie mehr als voll sind, wenn sie übergehen. So hat sich die Menschheit — das soll keine Kritik sein - notwendigerweise in eine Vorstellung eingesponnen, welche einen allerwichtigsten, einen Kardinalsatz des Christentums geradezu verdeckt hat, und wurde nicht einmal darauf aufmerksam, daß an dieser Stelle eine völlige Unmöglichkeit steht. Wenn gesagt wird, die deutsche Sprache vertrage nicht, daß wörtlich übersetzt wird «Ex abundantia cordis os loquitur» mit «Aus dem Überfließen des Herzens spricht der Mund», und wenn das damit belegt wird, daß man auch nicht sagen kann, der Überfluß des Kachelofens mache das Zimmer warm, so ist das eben ein Unding. Denn wenn Sie den Kachelofen nur so weit heizen, daß die Wärme bis an seine Wände dringt, so wird das Zimmer nicht warm; es wird erst warm, wenn gerade ein Überfluß an Wärme eintritt, so daß die Wärme aus dem Ofen herausdringt. So stoßen wir hier auf eine wichtige Sache. Ein Kardinalsatz des Christentums, auf dem ein Teil des Lukas-Evangeliums aufgebaut ist, wird zugedeckt, so daß die Menschheit gerade an wichtigster Stelle nicht hat, was im Evangelium steht.

[ 27 ] Diese Kraft, die aus dem menschlichen Herzen heraus überfließen kann, ist die Christus-Kraft. «Herz» steht hier für «Ich». Was das Ich über sich hinaus schaffen kann, das fließt hinaus durch das Wort. Das Ich wird erst am Ende der Erdenentwickelung so sein, daß es den ganzen Christus in sich hat. Vorläufig ist der Christus etwas, was aus dem Herzen überschäumt. Wenn man das Herz nur voll haben will, so hat man überhaupt den Christus nicht. Daher deckt man gerade das Christentum zu, wenn man diesen Satz nicht in seinem vollen Ernste und in seiner vollen Würde nimmt. Die wichtigsten Dinge, das Wesen des Christentums wird richtig zutage treten durch das, was die Geisteswissenschaft als Erklärung der hohen Urkunden des Christentums zu sagen hat. Durch das Lesen in der Akasha-Chronik der geistigen Welt deckt sie den ursprünglichen Sinn auf und ist dadurch in der Lage, die Urkunden in ihrer Wahrheit zu lesen.

[ 28 ] Und jetzt werden wir verstehen, wie die Menschheit in die Zukunft hinein vorwärtsschreitet. Derjenige, der sich fünf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung vom Bodhisattva zum Buddha entwickelt hat, ist damit so in die geistige Welt aufgestiegen, daß er nun als Nirmanakaya wirkt. Er ist damit auf eine höhere Stufe gehoben worden und braucht nicht mehr in einen physischen Leib hinunterzusteigen. Die Wirkungsweisen, die er als Bodhisattva hatte, sind in einer anderen Art wieder vorhanden. Als er damals vom Bodhisattva zum Buddha wurde, übergab er das Amt des Bodhisattva an einen anderen. Da wurde ein anderer sein Nachfolger, ein anderer zum Bodhisattva. Das drückt die buddhistische Legende durch etwas aus, was für das tiefere Christentum eine tiefe Wahrheit ist. Es wird erzählt, bevor die Individualität des Bodhisattva zu ihrem Buddha-Werden heruntergestiegen ist, habe sie die himmlische Tiara abgenommen und dem ihr folgenden Bodhisattva aufgesetzt. Der folgende Bodhisattva wirkt weiter mit seiner etwas anders gearteten Mission. Auch ihm ist es vorgesetzt, ein Buddha zu werden. Gerade zu jener Zeit, wenn eine Anzahl Menschen aus sich selbst heraus die Lehre vom achtgliedrigen Pfade entwickelt haben werden - in etwa dreitausend Jahren -, wird derjenige zum Buddha werden, der zum Bodhisattva geworden ist, als sein Vorgänger Buddha wurde. Fünf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung wurde er mit seiner Mission betraut; er wird ein Buddha werden nach dreitausend Jahren, von unserer Zeit angefangen gerechnet. Das ist derjenige, den die orientalische Lehre als den Maitreya Buddha kennt. Damit der jetzige Bodhisattva zum Maitreya Buddha werden kann, muß eine größere Anzahl von Menschen aus dem eigenen Herzen heraus die Lehre vom achtgliedrigen Pfade entwickelt haben; die Menschen werden dann in einer größeren Anzahl so weise sein, daß sie das können. Dann wird derjenige, der jetzt Bodhisattva ist, eine neue Kraft in die Welt bringen.

[ 29 ] Wenn nun bis dahin nichts weiter geschehen würde, so würde er zwar Menschen finden, die durch innere Versenkung die Lehre vom achtgliedrigen Pfade ausdenken können, aber nicht solche Menschen, die aus dem innersten Wesen ihrer Seele heraus die überschäumende Kraft der Liebe, die lebendige Liebe haben. Diese lebendige Kraft der Liebe muß in der Zwischenzeit einströmen, damit der Maitreya Buddha nicht nur Menschen findet, die einsehen, was Liebe ist, sondern Menschen, die in sich die Kraft der Liebe haben. Dazu mußte der Christus auf die Erde herabsteigen, eine Wesenheit, die nur drei Jahre auf der Erde war, vorher aber nicht auf der Erde verkörpert war, wie Sie aus allen Ausführungen entnehmen konnten, welche Ihnen bisher gegeben worden sind. Die dreijährige Anwesenheit des Christus auf der Erde - von der Johannes-Taufe bis zum Mysterium von Golgatha — war die Ursache dazu, daß sich auf der Erde hinfort die Liebe immer mehr und mehr in das menschliche Herz, in die menschliche Seele ergießen wird, in das menschliche Ich mit anderen Worten; so daß die Menschen immer mehr und mehr von dem Christus durchzogen sein werden, damit am Ende der Erdenentwickelung das Ich des Menschen ganz ein Christus-erfülltes sein wird. So wie die Lehre vom Mitleid und von der Liebe zuerst durch den Bodhisattva angeregt werden mußte, so mußte die Substanz der Liebe durch denjenigen auf die Erde gebracht werden, der sie aus Himmelshöhen herunterbrachte und sie nach und nach zum Eigentum des eigenen menschlichen Ich werden läßt. Wir dürfen nicht sagen, daß die Liebe vorher nicht dagewesen wäre. Es war nicht jene Liebe vorher da, die unmittelbar Eigentum des menschlichen Ich sein konnte; es war eine Liebe, die inspiriert wurde, die der Christus herunterströmen ließ aus kosmischen Höhen, die ebenso unbewußt einströmte, wie der Bodhisattva vorher unbewußt einströmen ließ die Lehre von dem achtgliedrigen Pfad. Wie sich der Buddha zum achtgliedrigen Pfade verhält, so verhält sich das Christus-Wesen zu dem, was es vorher war, bevor es heruntersteigen konnte, um Menschengestalt anzunehmen. Es war für den Christus ein Fortschritt, Menschengestalt anzunehmen. Das ist das Wesentliche dabei.

[ 30 ] Der Nachfolger des Buddha, der heute ein Bodhisattva ist, ist denjenigen, die in der Geisteswissenschaft bewandert sind, wohl bekannt, und es wird schon einmal die Zeit kommen, wo über diese Tatsachen ausführlich gesprochen werden wird, wo auch der Name dieses Bodhisattva zu nennen ist, der dann zum Maitreya Buddha werden wird. Jetzt, wo schon so viele der Außenwelt unbekannte Tatsachen gesagt worden sind, müssen wir uns darauf beschränken, nur darauf hinzuweisen. Wenn dieser Bodhisattva auf der Erde erscheinen und zum Maitreya Buddha werden wird, dann wird er auf der Erde vorfinden die Saat des Christus. Das werden jene Menschen sein, welche sagen werden: Nicht nur mein Kopf ist angefüllt mit der Weisheit des achtgliedrigen Pfades, ich habe nicht nur die Lehre, die Weisheit von der Liebe, sondern mein Herz ist voll von der lebendigen Substanz der Liebe, von dem, was überfließt und hinausstrahlt in die Welt. Mit solchen Menschen wird dann der Maitreya Buddha seine weitere Mission in der Fortentwickelung der Welt ausführen können.

[ 31 ] So schließen sich die Dinge zusammen; und so erst verstehen wir das Lukas-Evangelium in seiner Tiefe. Es spricht uns nicht von einer Lehre; es spricht uns von jener Wesenheit, die in die Erdenwesen, in die menschliche Organisation substantiell einfloß. Das ist eine Tatsache, die man im Okkultismus so ausdrückt, daß man sagt: Die ‚Bodhisattvas, welche zu Buddhas werden, können die Erdenmenschen in bezug auf ihren Geist durch Weisheit erlösen, sie können aber niemals den ganzen Menschen erlösen. Denn der ganze Mensch kann nur erlöst werden, wenn nicht nur Weisheit, sondern wenn warme Liebeskraft seine ganze Organisation durchströmt. Die Seelen zu erlösen durch die Flut von Liebe, welche der Christus auf die Erde gebracht hat, das war die Aufgabe des Christus. Die Weisheit von der Liebe zu bringen, war die Aufgabe der Bodhisattvas und des Buddha, die Kraft der Liebe der Menschheit zu bringen, war die Aufgabe des Christus. Das müssen wir unterscheiden.