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The Revelations of Karma
GA 120

16 May 1910, Hamburg

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Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Dieser Zyklus von Vorträgen soll Fragen behandeln aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft, die tief in das Leben einschneidend sind. Aus den verschiedenen Darstellungen, die im Laufe der Zeit gegeben worden sind, ist es uns ja geläufig, daß Geisteswissenschaft nicht eine abstrakte Theorie sein soll, nicht eine bloße Doktrin oder Lehre, sondern ein Quell für Leben und Lebenstüchtigkeit, und sie erfüllt erst dann ihre Aufgabe, wenn durch das, was sie an Erkenntnissen zu geben vermag, etwas hineinfließt in unsere Seelen, was das Leben reicher, verständlicher, was unsere Seelen tüchtiger und tatkräftiger machen kann. Wenn sich nun allerdings derjenige, der sich zu dieser unserer Weltanschauung bekennt, jenes Ideal, das eben mit ein paar Worten gekennzeichnet worden ist, vorhält und in der Gegenwart dann ein wenig Umschau hält, inwiefern er imstande ist, das, was ihm aus der Theosophie erfließt, in diesem Leben umzusetzen, dann könnte er vielleicht zu einem recht wenig erfreulichen Eindruck kommen. Denn wenn man unbefangen alles betrachtet, was heute die Welt meint zu «wissen», was in unserer Gegenwart die Menschen zu diesen oder jenen Gefühlen oder Handlungen treibt, so könnte man sagen, daß dies alles von den theosophischen Ideen und Idealen so unendlich weit verschieden ist, daß der Theosoph gar keine Möglichkeit habe, unmittelbar in das Leben einzugreifen mit dem, was er aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus sich aneignet. — Das wäre aber dennoch eine recht oberflächliche Betrachtung der Sachlage, oberflächlich aus dem Grunde, weil bei einer solchen Betrachtung nicht gerechnet würde mit dem, was wir aus unserer Weltanschauung selber dadurch entnehmen müssen, daß wir uns sagen: Wenn einmal wirklich jene Kräfte, die wir durch Theosophie aufnehmen, stark genug sein werden, dann werden sie auch die Möglichkeit finden, in die Welt einzugreifen; wenn aber niemals etwas dazu getan würde, diese Kräfte immer stärker und stärker zu machen, so würde eben ihr Eingreifen in die Welt unmöglich sein.

[ 1 ] This series of lectures is intended to address questions in the field of spiritual science that have a profound impact on life. From the various presentations that have been given over time, we are well aware that spiritual science is not meant to be an abstract theory, nor a mere doctrine or teaching, but a source of life and vitality, and it fulfills its purpose only when, through the insights it is able to offer, something flows into our souls that can make life richer and more comprehensible, and our souls more capable and energetic. If, however, one who professes this worldview of ours holds before oneself the ideal just described in a few words and then looks around a bit in the present to see to what extent one is able to put into practice in this life what flows from theosophy, one might perhaps arrive at a rather disheartening impression. For if one looks impartially at everything the world today thinks it “knows,” what drives people in our present time to these or those feelings or actions, one might say that all this is so infinitely far removed from theosophical ideas and ideals that the theosophist has no possibility whatsoever of intervening directly in life with what he acquires from the sources of spiritual science. — Yet that would still be a rather superficial view of the situation, superficial for the reason that such a view would not take into account what we must deduce from our own worldview by telling ourselves: “Once those forces we absorb through Theosophy become strong enough, they will also find a way to intervene in the world; but if nothing were ever done to make these forces stronger and stronger, their intervention in the world would simply be impossible.”

[ 2 ] Aber es ist noch etwas anderes, was uns sozusagen Trost geben kann, selbst wenn wir durch eine solche Betrachtung trostlos werden möchten, und das ist es gerade, was uns aus den Betrachtungen dieses Vortragszyklus folgen soll: Betrachtungen über das, was man menschliches Karma und Karma überhaupt nennt. Denn wir werden mit jeder Stunde, die wir hier verbringen, mehr sehen, wie wir gar nicht genug tun können an der Herbeiführung der Möglichkeit, mit theosophischen Kräften in das Leben einzugreifen, und wie wir, wenn wir ernsthaft an Karma glauben und festhalten, voraussetzen müssen, daß uns Karma selber dasjenige zuwerfen wird, was wir über kurz oder lang zu tun haben werden für unsere Kräfte. Wir werden sehen: Wenn wir vermeinen, wir könnten die aus unserer Weltanschauung gewonnenen Kräfte noch nicht anwenden, dann haben wir eben diese Kräfte noch nicht genügend stark gemacht, damit sie bewirken können, daß Karma es uns auch ermögliche, in die Welt mit diesen Kräften einzugreifen. So soll nicht nur eine Summe von Erkenntnissen über Karma in diesen Vorträgen leben, sondern es soll mit jeder Stunde mehr das Vertrauen in Karma geweckt werden, die Gewißheit, daß, wenn die Zeit gekommen sein wird, ob es nun morgen oder übermorgen oder nach vielen Jahren sein wird, unser Karma uns Aufgaben bringen wird, insofern wir als Bekenner unserer Weltanschauung Aufgaben zu verrichten haben. Karma wird sich uns darstellen als eine Lehre, welche uns nicht nur sagt, wie dieses oder jenes in der Welt sich verhält, sondern welche mit den Aufschlüssen, die sie uns bringt, zu gleicher Zeit uns Lebensbefriedigung und Lebenserhöhung bringen kann.

[ 2 ] But there is something else that can, so to speak, offer us comfort, even if such a reflection might otherwise leave us feeling desolate, and this is precisely what we are to take away from the reflections in this series of lectures: reflections on what is called human karma and karma in general. For with every hour we spend here, we will see more clearly how we can never do enough to bring about the possibility of intervening in life with theosophical powers, and how, if we seriously believe in and hold fast to karma, we must assume that karma itself will assign to us what we will sooner or later have to do in order to develop our powers. We shall see: If we believe we cannot yet apply the powers gained from our worldview, then we have simply not made these powers strong enough for them to bring about the effect that karma will also enable us to intervene in the world with these powers. Thus, these lectures should not merely contain a body of knowledge about karma, but with each passing hour they should increasingly awaken trust in karma—the certainty that when the time comes, whether tomorrow, the day after, or many years from now, our karma will bring us tasks to perform, insofar as we, as adherents of our worldview, have duties to fulfill. Karma will present itself to us as a teaching that not only tells us how this or that behaves in the world, but which, through the insights it brings us, can at the same time bring us satisfaction and elevation in life.

[ 3 ] Allerdings, wenn Karma eine solche Aufgabe erfüllen soll, ist es schon notwendig, daß wir das damit gemeinte Gesetz etwas tiefer ins Auge fassen, sozusagen in seiner Ausbreitung über die Welt. Dazu ist aber diesmal etwas notwendig, was sonst nicht eigentlich in meinem Gebrauche liegt bei geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, nämlich eine Definition, eine Worterklärung zu geben. Ich pflege das sonst nicht zu tun, weil mit solchen Worterklärungen in der Regel nicht viel getan ist. Bei unseren Betrachtungen wird in der Regel begonnen mit der Darstellung von Tatsachen, und wenn diese Tatsachen in der entsprechenden Weise gruppiert und geordnet sind, ergeben sich die Begriffe und Vorstellungen von selbst. Wollten wir nun allerdings für die umfassenden Fragen, die wir in den nächsten Tagen zu besprechen haben, einen ähnlichen Gang einschlagen, so müßten wir viel mehr Zeit zur Verfügung haben, als uns geboten ist. Deshalb ist es diesmal zur Verständigung notwendig, daß wir, wenn auch nicht eine Definition, so doch eine Art Beschreibung des Begriffes geben, der uns längere Zeit beschäftigen wird. Definitionen haben ja auch nur den Zweck, sich darüber zu verständigen, was man meint, wenn man dieses oder jenes Wort anschlägt oder ausspricht. In diesem Stile soll eine Beschreibung des Begriffes «Karma» gegeben werden, damit wir wissen, wovon wir sprechen, wenn in diesen Vorträgen der Ausdruck «Karma» gebraucht wird.

[ 3 ] However, if karma is to fulfill such a task, it is necessary for us to examine the law in question in somewhat greater depth—that is to say, in terms of how it extends throughout the world. To do this, however, I must resort to something I do not usually employ in my spiritual scientific reflections: namely, providing a definition, an explanation of the term. I do not usually do this, because such explanations of terms generally do not accomplish much. In our discussions, we generally begin by presenting facts, and when these facts are grouped and arranged in the appropriate way, the concepts and ideas emerge of their own accord. However, if we were to take a similar approach for the comprehensive questions we will be discussing in the coming days, we would need far more time than is available to us. Therefore, for the sake of understanding, it is necessary this time that we provide, if not a definition, then at least a kind of description of the concept that will occupy us for some time. After all, definitions serve only the purpose of reaching an understanding of what is meant when one uses or utters this or that word. In this spirit, a description of the concept of “karma” will be provided so that we know what we are talking about when the term “karma” is used in these lectures.

[ 4 ] Aus mancherlei Betrachtungen hat wohl ein jeder von uns sich schon einen Begriff gebildet von dem, was Karma ist. Ein recht abstrakter Begriff von Karma ist wohl der, wenn man Karma das «geistige Ursachengesetz» nennt, das Gesetz, wonach auf gewisse Ursachen, die im geistigen Leben liegen, gewisse Wirkungen folgen. Das ist aber ein zu abstrakter Begriff von Karma, weil er zum Teil zu eng, zum Teil aber auch viel zu weit sein würde. Wenn wir Karma überhaupt auffassen wollen als ein Ursachengesetz, so stellen wir es zusammen mit dem, was wir sonst in der Welt als das Gesetz der Kausalität, als das Gesetz von Ursache und Wirkung bezeichnen. Verständigen wir uns einmal darüber, was wir sonst unter dem Ursachengesetz auf dem allgemeinen Gebiete verstehen, wo wir noch nicht von geistigen Tatsachen und geistigen Ereignissen sprechen.

[ 4 ] Based on various reflections, each of us has likely already formed our own understanding of what karma is. A rather abstract concept of karma is probably that which defines it as the “spiritual law of causality”—the law according to which certain effects follow certain causes that lie in spiritual life. But this is too abstract a concept of karma, because it would be, in part, too narrow, and in part, far too broad. If we wish to understand karma at all as a law of causality, we must place it alongside what we otherwise refer to in the world as the law of causality, the law of cause and effect. Let us first agree on what we generally mean by the law of causality in the broader sense, where we are not yet speaking of spiritual facts and spiritual events.

[ 5 ] Es wird heute so oft von der äußeren Wissenschaft betont, daß die eigentliche Bedeutung dieser Wissenschaft darinnen liege, daß sie baue auf das umfassende Ursachengesetz, daß sie überall Wirkungen auf entsprechende Ursachen zurückführe. Wie dieses Zurückführen von Wirkungen auf Ursachen geschieht, darüber sind sich allerdings die Menschen schon viel weniger klar. Denn Sie werden wohl auch heute noch in Büchern, die da glauben, recht gelehrt zu sein und recht philosophisch die Begriffe klarzulegen, immer noch Aussprüche finden können wie etwa den: Fine Wirkung ist dasjenige, was aus einer Ursache folgt. Wenn man aber sagt, daß eine Wirkung aus einer Ursache folge, dann redet man an den Tatsachen ganz gewaltig vorbei. Denn wenn wir zum Beispiel den erwärmenden Sonnenstrahl betrachten, der auf eine Metallplatte auffällt, so daß diese Metallplatte dadurch wärmer geworden ist, dann werden wir von Ursache und Wirkung in der Welt draußen reden. Aber werden wir jemals sagen können, daß die Wirkung — die Erwärmung der Metallplatte — aus der Ursache des warmen Sonnenstrahles folge? Wenn der warme Sonnenstrahl diese Wirkung schon in sich hätte, so würde es die Tatsache nicht geben, da der warme Sonnenstrahl eine Metallplatte gar nicht erwärmt, wenn sie ihm nicht entgegenkommt. Damit in der Welt der Erscheinungen, in der leblosen Welt, die wir zunächst um uns herum haben, eine Wirkung auf eine Ursache folge, ist stets notwendig, daß dieser Ursache etwas entgegenkommt. Und ohne daß etwas der Ursache entgegenkommt, ist niemals von dem Folgen einer Wirkung auf eine Ursache zu sprechen. — Es ist nicht überflüssig, daß wir eine solche scheinbar recht philosophisch und abstrakt klingende Bemerkung vorausschicken; denn man muß sich schon einmal angewöhnen, wenn man fruchtbar vorwärtskommen will auf theosophischem Gebiete, die Begriffe recht genau zu fassen und nicht so nachlässig, wie sie zuweilen in den andern Wissenschaften gefaßt werden.

[ 5 ] Today, external science so often emphasizes that the true significance of this science lies in the fact that it is based on the comprehensive law of causality, that it traces every effect back to its corresponding cause. However, people are far less clear on exactly how this tracing of effects back to causes takes place. For even today, in books that believe themselves to be well-informed and to clarify concepts in a truly philosophical manner, you will still be able to find statements such as: “An effect is that which follows from a cause.” But when one says that an effect follows from a cause, one is completely missing the point of the facts. For if we consider, for example, the warming sunbeam that strikes a metal plate, so that this metal plate has thereby become warmer, then we will speak of cause and effect in the outside world. But will we ever be able to say that the effect—the warming of the metal plate—follows from the cause of the warm sunbeam? If the warm sunbeam already contained this effect within itself, the fact would not exist, since the warm sunbeam does not warm a metal plate at all unless it meets it. For an effect to follow a cause in the world of phenomena, in the lifeless world that surrounds us, it is always necessary that something meet the cause. And without something meeting the cause, there can never be any question of an effect following a cause. — It is not superfluous for us to preface our discussion with such a remark, which may sound rather philosophical and abstract; for if one wishes to make fruitful progress in theosophy, one must accustom oneself to grasping concepts with great precision and not as carelessly as they are sometimes grasped in other sciences.

[ 6 ] Nun aber dürfte niemand von Karma sprechen, wenn bloß in einer solchen Weise eine Wirkung eintreten würde, wie sie vorhanden ist, wenn der wärmende Sonnenstrahl eine Merallplatte erwärmt. Da ist zwar die Kausalität vorhanden, der Zusammenhang von Ursache und Wirkung, aber wir würden niemals zu einem gehörigen Begriff von Karma kommen, wenn wir nur auf diesem Gebiete von Karma sprechen würden. Wir können also nicht von Karma sprechen, wenn bloß eine Wirkung mit einer Ursache in Zusammenhang steht.

[ 6 ] However, no one should speak of karma if an effect were to occur merely in the same way that it does when a warming ray of sunlight heats a marble slab. Although causality is present—the connection between cause and effect—we would never arrive at a proper understanding of karma if we spoke of it only in this context. We cannot, therefore, speak of karma when an effect is merely connected to a cause.

[ 7 ] Wir können nun weitergehen und uns einen etwas höheren Begriff von dem Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung bilden. Wenn wir zum Beispiel einen Bogen haben, ihn spannen und dann mit diesem Bogen einen Pfeil abschießen, dann ist durch das Spannen des Bogens eine Wirkung eingetreten. Diese Wirkung des abgeschossenen Pfeiles im Zusammenhang mit seiner Ursache werden wir ebensowenig mit dem Ausdruck «Karma» belegen dürfen wie das, was eben gesagt worden ist. Wenn wir aber bei diesem Vorgang etwas anderes betrachten, kommen wir in gewisser Weise schon dem Karma nahe, wenn wir auch dabei noch immer nicht den Karmabegriff fassen: wenn wir nämlich bedenken, daß der Bogen, wenn er recht oft gespannt wird, mit der Zeit schlaff wird. Da wird durch das, was der Bogen tut, was mit ihm geschieht, nicht bloß eine Wirkung folgen, die sich nach außen hin zeigt, sondern es wird eine Wirkung folgen, die auf den Bogen selber zurückgeht. Es geschieht durch das fortwährende Spannen des Bogens etwas mit dem Bogen selbst. Etwas, das durch das Spannen geschieht, fällt also sozusagen wieder auf den Bogen selbst zurück. Eine Wirkung wird also erzielt, welche auf den Gegenstand zurückfällt, von dem diese Wirkung selbst veranlaßt worden ist.

[ 7 ] We can now go further and develop a somewhat more sophisticated understanding of the relationship between cause and effect. For example, if we have a bow, draw it, and then shoot an arrow with it, then an effect has occurred as a result of drawing the bow. We are just as little permitted to apply the term “karma” to this effect of the shot arrow in connection with its cause as we are to what has just been said. But if we consider something else in this process, we come close to karma in a certain sense, even if we still do not grasp the concept of karma: namely, when we consider that the bow, if drawn often enough, becomes slack over time. Thus, through what the bow does—what happens to it—there will not merely be an effect that manifests outwardly, but there will be an effect that returns to the bow itself. Through the continuous drawing of the bow, something happens to the bow itself. Something that happens through the drawing thus falls back, so to speak, onto the bow itself. An effect is thus achieved that falls back onto the object from which this effect itself was caused.

[ 8 ] Das gehört nun schon in den Karmabegriff hinein. Ohne daß eine Wirkung erzeugt wird, die wieder zurückfällt auf das Ding oder die Wesenheit, welche diese Wirkung hervorbringt, ohne diese Eigentümlichkeit des Zurückwirkens der Wirkung auf das verursachende Wesen ist der Karmabegriff nicht zu denken. Da kommen wir also dem Karmabegriff schon insofern etwas näher, als uns klar wird, daß die von einem Ding oder Wesen verursachte Wirkung wieder zurückschlagen muß auf dieses Ding oder Wesen selber. Aber dennoch dürfen wir das Schlaffwerden des Bogens durch das fortwährende Spannen nicht das Karma des Bogens nennen, und zwar aus folgendem Grunde nicht: Wenn wir den Bogen etwa drei bis vier Wochen recht oft gespannt haben, und er ist nach vier Wochen schlaff geworden, dann haben wir in dem schlaffen Bogen eigentlich etwas ganz anderes vor uns, als vor vier Wochen in dem straffen Bogen; der Bogen ist etwas anderes geworden, er ist nicht dasselbe geblieben. Wenn also die zurückschlagende Wirkung so ist, daß sie durchaus etwas anderes aus dem Ding oder Wesen macht, dann dürfen wir doch noch nicht von einem Karma sprechen. Wir dürfen erst von einem Karma sprechen, wenn die Wirkung, die auf das Wesen zurückschlägt, beim Zurückschlagen auf dasselbe Wesen trifft, oder wenn das Wesen wenigstens in einem gewissen Sinne dasselbe geblieben ist.

[ 8 ] This is already part of the concept of karma. Without an effect being produced that rebounds upon the thing or being that brings it about—without this characteristic of the effect’s rebound upon the causing being—the concept of karma is inconceivable. So we are already getting a little closer to the concept of karma insofar as it becomes clear to us that the effect caused by a thing or being must rebound upon that thing or being itself. Nevertheless, we must not call the bow’s loss of tension due to constant drawing the karma of the bow, and we must not do so for the following reason: If we have drawn the bow quite frequently for about three to four weeks, and it has become slack after four weeks, then we are actually dealing with something quite different in the slack bow than we were four weeks ago with the taut bow; the bow has become something else; it has not remained the same. So if the repercussive effect is such that it thoroughly transforms the thing or being into something else, then we cannot yet speak of karma. We may only speak of karma when the effect that rebounds upon the being strikes the same being upon rebounding, or when the being has at least remained the same in a certain sense.

[ 9 ] So also sind wir dem Karmabegriff wieder um ein Stück nähergekommen. Aber wir bekommen, wenn wir den Karmabegriff so beschreiben wollen, im Grunde genommen von ihm doch nur eine recht abstrakte Vorstellung. Dennoch werden wir diesen Begriff, wenn wir ihn abstrakt fassen wollen, kaum genauer fassen können, als wenn wir ihn in der Weise ausdrücken, wie wir es eben jetzt getan haben. Nur das eine müssen wir zum Karmabegriff noch hinzufügen: Wenn die Wirkung, die auf das Wesen zurückschlägt, in demselben Zeitpunkte erfolgt, wenn also Verursachung und zurückschlagende Wirkung in demselben Zeitpunkte stattfinden, dann werden wir kaum von Karma sprechen können. Denn in diesem Falle würde das Wesen, von dem die Wirkung ausgeht, im Grunde genommen die Wirkung unmittelbar hervorbringen wollen, würde also diese Wirkung voraussetzen, würde durchschauen alle Elemente, die zu dieser Wirkung führen. Wenn das der Fall ist, sprechen wir doch nicht von Karma. So zum Beispiel werden wir nicht von Karma sprechen, wenn wir einen Menschen vor uns haben, der eine bestimmte Tat vollbringt, mit der er dieses oder jenes beabsichtigt, und wenn dann — gemäß seiner Absicht — diese oder jene Wirkung, die er eben gewollt hat, eintritt. Das heißt, es muß zwischen der Ursache und der Wirkung etwas liegen, was sich dem Wesen bei der Herbeiführung der Ursache unmittelbar entzieht, so daß der Zusammenhang von Ursache und Wirkung zwar vorhanden ist, aber nicht eigentlich von dem Wesen selber beabsichtigt ist. Wenn dieser Zusammenhang von dem Wesen, das verursacht, nicht beabsichtigt ist, dann muß der Grund, warum ein Zusammenhang besteht zwischen Ursache und Wirkung, woanders liegen als in den Absichten des betreffenden Wesens. Das heißt, es muß dieser Grund liegen in einer bestimmten Gesetzmäßigkeit. Das gehört also noch zum Karma dazu, daß der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ein gesetzmäßiger ist, der hinübergeht über das, was das Wesen unmittelbar beabsichtigt.

[ 9 ] And so we have come a step closer to understanding the concept of karma. But if we wish to describe the concept of karma in this way, we essentially end up with only a rather abstract notion of it. Nevertheless, if we wish to grasp this concept abstractly, we will hardly be able to define it any more precisely than by expressing it in the manner we have just done. There is only one thing we must add to the concept of karma: If the effect that rebounds upon the being occurs at the very same moment—that is, if the cause and the rebounding effect take place simultaneously—then we can hardly speak of karma. For in this case, the being from whom the effect emanates would, in essence, wish to bring about the effect directly; would thus presuppose this effect; would see through all the elements leading to this effect. If that is the case, we do not speak of karma. For example, we will not speak of karma when we have a person before us who performs a certain act with which he intends this or that, and when then—in accordance with his intention—this or that effect, which he has just willed, occurs. This means that there must be something between the cause and the effect that eludes the being’s immediate awareness when the cause is brought about, so that the connection between cause and effect does exist, but is not actually intended by the being itself. If this connection is not intended by the being that causes it, then the reason why a connection exists between cause and effect must lie elsewhere than in the intentions of the being in question. That is to say, this reason must lie in a certain lawfulness. It is therefore part of karma that the connection between cause and effect is a lawful one that transcends what the being immediately intends.

[ 10 ] So hätten wir einige Elemente zusammengetragen, welche uns den Karmabegriff erläutern können. Aber wir müssen alle diese Elemente in dem Karmabegriff darinnen haben und nicht bei einer abstrakten Definition stehenbleiben. Denn sonst werden wir nicht die Offenbarungen des Karma auf den verschiedenen Gebieten der Welt begreifen können. Diese Offenbarungen des Karma werden wir nun zuerst dort aufzusuchen haben, wo uns Karma zunächst entgegentritt: im einzelnen Menschenleben.

[ 10 ] We have thus gathered together several elements that can help us understand the concept of karma. But we must incorporate all these elements into the concept of karma and not stop at an abstract definition. Otherwise, we will not be able to understand the manifestations of karma in the various spheres of the world. We must now first seek out these manifestations of karma where karma first confronts us: in the individual human life.

[ 11 ] Können wir im einzelnen Menschenleben so etwas finden und wann können wir es finden, was wir jetzt eben durch unsere Erläuterung des Karmabegriffes dargestellt haben?

[ 11 ] Can we find something like this in an individual human life, and when can we find it—that is, what we have just described through our explanation of the concept of karma?

[ 12 ] Wir würden so etwas finden, wenn zum Beispiel ein Erlebnis in unser Leben hineinträte, bei dem wir uns sagen könnten: Dieses Erlebnis, das da für uns auftritt, steht in einem gewissen Zusammenhange mit einem früheren Erlebnis, an dem wir selber beteiligt sind, zu dem wir selber Veranlassung gegeben haben. Versuchen wir einmal — zunächst rein durch Beobachtung des Lebens — festzustellen, ob es so etwas gibt. Wir wollen uns jetzt also rein auf den Standpunkt der äußeren Beobachtung stellen. Wer solche Beobachtungen nicht anstellt, kann auch nie zum Erkennen eines gesetzmäßigen Zusammenhanges im Leben kommen; er kann es ebensowenig, wie derjenige das Gesetz des elastischen Stoßes an zwei Billardkugeln kennenlernen kann, der diesen Stoß nicht beobachten wird. Beobachtung des Lebens kann uns in der Tat zu der Anschauung eines gesetzmäßigen Zusammenhanges führen. Greifen wir dazu gleich einen bestimmten Zusammenhang heraus.

[ 12 ] We would find something like this, for example, if an experience were to enter our lives in which we could say to ourselves: This experience that is occurring for us is connected in some way to an earlier experience in which we ourselves were involved, one that we ourselves brought about. Let us try—initially purely through observation of life—to determine whether such a thing exists. So let us now adopt the standpoint of external observation alone. Anyone who does not make such observations can never come to recognize a lawful connection in life; they can no more do so than someone who does not observe the collision of two billiard balls can come to know the law of elastic collision. Observation of life can indeed lead us to the perception of a lawful connection. Let us immediately single out a specific connection for this purpose.

[ 13 ] Sagen wir, ein junger Mensch wäre im achtzehnten Jahre seines Lebens aus dem Berufe, der ihm bis dahin vorgezeichnet zu sein schien, durch irgendein Ereignis herausgeworfen worden. Nehmen wir an, dieser Mensch hätte bis dahin ein Studium betrieben, hätte sich durch das Studium vorbereitet zu einem Berufe, wie er aus solchem Studium hervorgehen kann, und nun wäre er, zum Beispiel durch einen Unglücksfall seiner Eltern, daraus herausgeworfen worden und mit achtzehn Jahren in den Kaufmannsberuf hineingetrieben worden. Wer solche Fälle unbefangen im Leben beobachtet — mit einem solchen Blick, wie man in der Physik die Erscheinung des Stoßes elastischer Kugeln betrachtet —, der wird dann zum Beispiel finden, daß die Erlebnisse des Kaufmannsberufes, in den der junge Mensch hineingetrieben worden ist, zunächst anregend wirken, daß er darin seine Pflichten ausführt, etwas lernt, vielleicht auch etwas ganz Tüchtiges wird. Aber man kann auch beobachten, daß nach einiger Zeit etwas ganz anderes auch eintritt: ein gewisser Überdruß, eine gewisse Unzufriedenheit. Nicht gleich wird eine solche Unzufriedenheit eintreten. Wenn mit achtzehn Jahren sich der Berüfswechsel vollzogen hat, werden vielleicht die nächsten Jahre ruhig vorübergehen. Aber vielleicht um das dreiundzwanzigste Jahr herum wird es deutlich werden, daß sich etwas in der Seele festsetzt, was sich wie etwas Unerklärliches zeigt. Wenn man dann weiter nachforscht, kann man häufig bemerken, wenn der Fall klarliegt, daß der Überdruß fünf Jahre nach dem Berufswechsel seine Erklärung findet durch das dreizehnte oder vierzehnte Jahr. Denn die Ursachen für eine solche Erscheinung werden wir sehr häufig zu suchen haben ungefähr eine ebensolche Zeitspanne vor dem Berufswechsel, wie nach demselben ein Ereignis eingetreten ist, wie wir es eben beschrieben haben. Da kann der betreffende Mensch in seinem dreizehnten Jahre während seiner Lernzeit — also fünf Jahre vor seinem Berufswechsel — etwas in seine Gefühlswelt aufgenommen haben, was ihm eine gewisse innere Beseligung gewährte. Nehmen wir an, der Berufswechsel wäre nicht eingetreten; dann würde das, woran sich der junge Mensch im dreizehnten Jahre gewöhnt hatte, im späteren Leben sich ausgelebt und diese oder jene Frucht getragen haben. Nun kam aber der Berufswechsel, der zunächst den jungen Menschen interessiert hat, der seine Seele eingenommen hat. Was dadurch in sein Seelenleben gekommen ist, das hat zurückgedrängt, was früher darinnen war. Eine gewisse Zeit hindurch kann das zurückgedrängt werden, aber indem es zurückgedrängt wird, gewinnt es gerade im Inneren eine besondere Kraft; da sammelt es sozusagen Spannkraft im Inneren an. Da ist es ähnlich, wie wenn wir einen elastischen Ball zusammendrücken: Wir können ihn bis zu einer gewissen Grenze drücken, dann leistet er Widerstand; und wenn er zum Zurückschnellen veranlaßt wird, wird er mit einer um so größeren Kraft zurückschnellen, je mehr wir ihn vorher zusammengedrückt haben. Solche Erlebnisse, wie die eben angedeuteten, die ein junger Mensch aufgenommen hat im dreizehnten Jahre seines Lebens und welche sich dann bis zum Berufswechsel befestigt haben, können auch in gewisser Weise zurückgedrängt werden; dann aber macht sich nach einiger Zeit ein Widerstand in der Seele geltend. Und dann kann man sehen, wie dieser Widerstand stark genug geworden ist, um sich nun in seiner Wirkung zu zeigen. Weil der Seele das fehlt, was sie sonst haben würde, wenn der Berufswechsel nicht gekommen wäre, macht sich das Zurückgedrängte geltend und kommt jetzt so zum Vorschein, daß Unbefriedigung, Überdruß an dem, was die Umgebung bietet, eintritt.

[ 13 ] Let us suppose that a young person, at the age of eighteen, had been thrown off the career path that had seemed to be laid out for him up to that point by some unforeseen event. Let us assume that this person had been pursuing a course of study up to that point, had prepared himself through that study for a profession such as might result from such a course, and that he had now been thrown out of it—for example, due to a misfortune befalling his parents—and driven into the merchant’s trade at the age of eighteen. Anyone who observes such cases in life with an unbiased eye—with the same perspective one might use in physics to observe the phenomenon of elastic balls colliding—will then find, for example, that the experiences of the merchant’s trade into which the young person has been driven initially have a stimulating effect, that he carries out his duties within it, learns something, and perhaps even becomes quite capable. But one can also observe that after some time something quite different also sets in: a certain weariness, a certain dissatisfaction. Such dissatisfaction will not set in immediately. If the career change has taken place by the age of eighteen, the next few years may pass quietly. But perhaps around the age of twenty-three, it will become clear that something is taking root in the soul, something that appears inexplicable. If one then investigates further, one can often observe, when the case is clear, that the weariness five years after the career change finds its explanation in the thirteenth or fourteenth year. For we will very often have to look for the causes of such a phenomenon approximately the same span of time before the career change as after which an event occurred, as we have just described. It may be that the person in question, during his or her thirteenth year—that is, five years before the career change—took something into his or her emotional world that granted him or her a certain inner contentment. Let us assume that the career change had not taken place; then what the young person had become accustomed to in the thirteenth year would have played out in later life and borne this or that fruit. But then came the career change, which initially interested the young person and captured their soul. What entered their inner life as a result pushed back what had been there before. This can be suppressed for a certain time, but as it is suppressed, it gains a special power precisely within; there it accumulates, so to speak, inner tension. It is similar to when we squeeze an elastic ball: we can press it to a certain limit, then it offers resistance; and when it is caused to spring back, it will spring back with all the greater force the more we have squeezed it beforehand. Experiences such as those just described, which a young person has absorbed in the thirteenth year of their life and which have then become entrenched until the change of profession, can also be suppressed in a certain way; but then, after some time, a resistance makes itself felt in the soul. And then one can see how this resistance has become strong enough to now manifest itself in its effects. Because the soul lacks what it would otherwise have had if the career change had not occurred, what has been suppressed asserts itself and now comes to the fore in such a way that dissatisfaction and weariness with what the environment offers set in.

[ 14 ] Da also haben wir einen Fall, wo der betreffende Mensch etwas erlebt hat, etwas getan hat in seinem dreizehnten bis vierzehnten Lebensjahre, und wo er später etwas anderes getan hat, nämlich den Berufswechsel vollzogen hat, und wir sehen, wie diese Ursachen so sich ausleben, daß sie in ihrer Wirkung später zurückfallen, zurückschlagen auf dasselbe Wesen. In einem solchen Falle würden wir den Karmabegriff zunächst auf das Einzelleben des Menschen anwenden müssen. — Man sollte aber nun nicht dagegen einwenden: Wir haben aber Fälle kennengelernt, wo sich so etwas ganz und gar nicht zeigte! — Das kann sein. Aber es wird auch keinem Physiker einfallen, wenn er die Gesetze des fallenden Steines untersuchen will, der mit dieser oder jener Geschwindigkeit fällt, daß er sich sagen müßte, das Gesetz wäre nicht richtig, wenn der Stein etwa durch einen Schlag aus seiner Richtung geschleudert würde. Man muß lernen, in der richtigen Weise zu beobachten, und diejenigen Erscheinungen ausschließen, welche nicht zur Bildung des Gesetzes gehören. Gewiß würde ein solcher Mensch, der, wenn nichts anderes eintreten würde, mit dreiundzwanzig Jahren die Eindrücke seines dreizehnten Jahres in ihrer Wirkung als Überdruß empfindet, zu diesem Überdruß nicht kommen, wenn er zum Beispiel in der Zwischenzeit geheiratet hätte. Aber da hätten wir es mit etwas zu tun, was für die Feststellung des Grundgesetzes ohne Einfluß ist. Darauf aber kommt es an, daß wir die.richtigen Faktoren finden, die uns auf ein Gesetz führen können. Beobachtung an sich ist noch gar nichts; erst geregelte Beobachtung bringt uns zur Erkenntnis des Gesetzes. Nun handelt es sich aber auch darum, solche geregelte Beobachtungen, wenn wir das Gesetz des Karma studieren wollen, in der rechten Weise anzustellen.

[ 14 ] So here we have a case where the person in question experienced something, did something between the ages of thirteen and fourteen, and later did something else—namely, changed careers—and we see how these causes play out in such a way that their effects later recur, striking back at the same being. In such a case, we would first have to apply the concept of karma to the individual life of the human being. — But one should not now object: We have, however, encountered cases where something like this did not manifest at all! — That may be so. But it would not occur to any physicist, when investigating the laws of a falling stone that falls at this or that speed, to say that the law is incorrect if the stone were, for example, knocked off course by a blow. One must learn to observe correctly and exclude those phenomena that do not belong to the formation of the law. Certainly, such a person, who—if nothing else were to happen—at the age of twenty-three would find the impressions of his thirteenth year to be a burden, would not come to feel this burden if, for example, he had married in the meantime. But then we would be dealing with something that has no bearing on the determination of the fundamental law. What matters, however, is that we find the correct factors that can lead us to a law. Observation in itself is nothing at all; only systematic observation brings us to the knowledge of the law. Now, however, it is also a matter of conducting such systematic observations in the right way if we wish to study the law of karma.

[ 15 ] Nehmen wir an, um für einen einzelnen Menschen das Karma zu erkennen, jemanden träfe im fünfundzwanzigsten Lebensjahre ein schwerer Schicksalsschlag, der ihm Schmerz und Leid verursacht. Wenn wir nun einfach unsere Beobachtungen so anstellen, daß wir sagen, dieser schwere Schicksalsschlag ist eben in das Leben hereingebrochen und hat es mit Schmerz und Leid erfüllt,wenn wir also bei der bloßen Beobachtung stehenbleiben, werden wir nie zum Erkennen des karmischen Zusammenhanges kommen. Wenn wir aber weiterschreiten und das Leben eines solchen Menschen, der im fünfundzwanzigsten Jahre einen derartigen Schicksalsschlag erlebt hat, in seinem fünfzigsten Jahre betrachten, dann werden wir vielleicht zu einer Anschauung kommen, die wir etwa so ausdrücken können: Der Mensch, den wir da betrachten, ist ein Mensch geworden, fleißig und regsam, der tüchtig im Leben dasteht; jetzt schauen wir weiter zurück in sein Leben. Mit zwanzig Jahren — so finden wir dann — war er noch ein Taugenichts und hat überhaupt nichts tun wollen; mit fünfundzwanzig Jahren hat ihn dann der schwere Schicksalsschlag getroffen. Hätte ihn dieser Schlag nicht getroffen — so können wir jetzt sagen —, so wäre er ein Taugenichts geblieben. Also ist der schwere Schicksalsschlag die Ursache dazu gewesen, daß wir im fünfzigsten Jahre einen regsamen und tüchtigen Menschen vor uns haben.

[ 15 ] Let us suppose that, in order to understand karma for an individual, a person suffers a severe blow of fate at the age of twenty-five, causing him pain and suffering. If we simply make our observations in such a way that we say, “This severe blow of fate has just struck this person’s life and filled it with pain and suffering”—that is, if we stop at mere observation—we will never come to recognize the karmic connection. But if we proceed further and consider the life of such a person, who experienced such a stroke of fate at the age of twenty-five, in his fiftieth year, then we may arrive at a perspective that we can express something like this: The person we are observing here has become a diligent and energetic individual who stands firmly in life; now let us look further back into his life. At the age of twenty—we then find—he was still a good-for-nothing and wanted to do absolutely nothing; at the age of twenty-five, the severe blow of fate struck him. Had this blow not struck him—we can now say—he would have remained a good-for-nothing. Thus, the severe blow of fate was the reason why, at the age of fifty, we have before us an energetic and capable man.

[ 16 ] Eine solche Tatsache lehrt uns, daß wir fehlgehen, wenn wir den Schicksalsschlag vom fünfundzwanzigsten Jahre als eine bloße Wirkung betrachten. Denn wenn wir fragen: Was hat er verursacht?, können wir nicht bei der bloßen Beobachtung stehenbleiben. Wenn wir aber einen solchen Schlag nicht als Wirkung betrachten und an das Ende der Erscheinungen stellen, die vorausgegangen sind, sondern wenn wir ihn an den Anfang der nachfolgenden Ereignisse stellen und ihn als Ursache betrachten, dann lernen wir erkennen, daß wir allerdings sogar unser Gefühlsurteil, unser Empfindungsurteil ganz wesentlich ändern können gegenüber diesem Schicksalsschlag. Wir werden vielleicht traurig sein, wenn wir ihn bloß als Wirkung betrachten, daß diesen Menschen dieser Schlag getroffen hat. Betrachten wir ihn dagegen als Ursache eines Späteren, dann können wir vielleicht froh sein und Freude darüber empfinden. Denn diesem Schicksalsschlag ist es zu verdanken — so können wir sagen —, daß der Betreffende ein ordentlicher Mensch geworden ist.

[ 16 ] This fact teaches us that we are mistaken if we regard the misfortune of the twenty-fifth year as a mere effect. For when we ask, “What caused it?”, we cannot stop at mere observation. But if we do not regard such a blow as an effect and place it at the end of the phenomena that preceded it, but rather if we place it at the beginning of the subsequent events and regard it as a cause, then we learn to recognize that we can indeed change our emotional judgment, our intuitive judgment, quite significantly in relation to this stroke of fate. We may be sad if we regard it merely as an effect—that this blow has struck this person. If, on the other hand, we regard it as the cause of something that follows, then we may perhaps be glad and feel joy about it. For it is thanks to this stroke of fate—so we can say—that the person in question has become a decent human being.

[ 17 ] So sehen wir, daß es an unseren Empfindungen etwas Wesentliches ändern kann, je nachdem wir eine Tatsache des Lebens als Wirkung oder als Ursache betrachten. Es ist also nicht gleichgültig, ob wir irgend etwas, was im Leben den Menschen trifft, als bloße Wirkung oder als Ursache betrachten. Freilich, wenn wir in dem Zeitpunkt die Beobachtung anstellen, wo das schmerzliche Ereignis eingetreten ist, können wir noch nicht die unmittelbare Wirkung wahrnehmen. Wenn wir uns aber das Karmagesetz gebildet haben aus ähnlichen Beobachtungen, dann kann dieses Karmagesetz selber uns sagen: Jetzt ist vielleicht ein Ereignis schmerzlich, weil es uns bloß als Wirkung des Vorhergehenden entgegentritt; aber es kann auch so betrachtet werden, daß es als Ausgangspunkt für ein Folgendes angesehen wird. Dann können wir sagen: Wir ahnen, daß hier der Ausgangspunkt die Ursache ist von Wirkungen, welche die Sache in ein ganz anderes Licht stellen! So kann das Karmagesetz selber der Quell sein einer Tröstung. Die Tröstung wäre nicht da, wenn wir uns gewöhnten, ein Ereignis nur an das Ende und nicht an den Anfang einer Erscheinungsreihe zu setzen.

[ 17 ] Thus we see that our perceptions can change significantly depending on whether we view a fact of life as an effect or as a cause. It is therefore not irrelevant whether we regard something that befalls a person in life as a mere effect or as a cause. Of course, if we make the observation at the very moment when the painful event has occurred, we cannot yet perceive the immediate effect. But if we have formed the law of karma from similar observations, then this law of karma itself can tell us: Perhaps an event is painful now because it confronts us merely as the effect of what preceded it; but it can also be viewed as the starting point for what follows. Then we can say: We sense that here the starting point is the cause of effects that cast the matter in a completely different light! Thus the law of karma itself can be the source of comfort. That comfort would not exist if we were to accustom ourselves to placing an event only at the end and not at the beginning of a series of phenomena.

[ 18 ] Es kommt also darauf an, daß wir lernen, das Leben geregelt zu beobachten und in entsprechender Weise die Dinge als Wirkung und Ursache zueinander zu stellen. Wenn wir solche Beobachtungen wirklich durchgreifend anstellen, werden uns im einzelnen Menschenleben Ergebnisse zutage treten, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit für das einzelne Menschenleben ablaufen, und andere Ergebnisse werden zutage treten, die uns unregelmäßig in diesem Leben erscheinen. So kann der, welcher das Menschenleben beobachtet — und zwar nicht nur so weit, als gerade die Nase reicht —, merkwürdige Zusammenhänge in diesem Menschenleben finden. Nur werden die Erscheinungen des menschlichen Lebens leider heute nur über kurze Zeitspannen, kaum über einige Jahre, beobachtet; und was nach einer größeren Anzahl von Jahren eintritt, das ist man nicht gewohnt, mit dem in Zusammenhang zu bringen, was etwa früher als Ursache vorhanden sein konnte. Daher werden nur wenige Menschen sich heute finden, die Anfang und Ende des Menschenlebens in einen gewissen Zusammenhang bringen. Dennoch ist dieser Zusammenhang außerordentlich lehrreich.

[ 18 ] It is therefore essential that we learn to observe life systematically and to relate things to one another as cause and effect. If we conduct such observations in a truly thorough manner, we will discover patterns in individual human lives that unfold with a certain regularity, and other patterns that appear irregular to us in this life. Thus, those who observe human life—and not merely as far as the nose can reach—can uncover remarkable connections within it. Unfortunately, however, the phenomena of human life are observed today only over short periods of time, scarcely spanning a few years; and people are not accustomed to connecting what occurs after a greater number of years with what might have existed as a cause earlier on. Therefore, few people today will be found who bring the beginning and end of human life into a certain connection. Nevertheless, this connection is extraordinarily instructive.

[ 19 ] Nehmen wir an, wir haben ein Kind in den ersten sieben Jahren seines Lebens so erzogen, daß also wir nicht das getan haben, was gewöhnlich geschieht, daß wir nicht von dem Glauben ausgegangen sind: Wenn einer ein ordentlicher Mensch im Leben werden soll, muß er so und so sein, muß unseren Anschauungen von einem ordentlichen Menschen unbedingt entsprechen. Denn in einem solchen Falle würden wir dem Kinde möglichst genau das alles eintrichtern wollen, was es eben in unserem Sinne zu einem ordentlichen Menschen machen sollte. Wenn wir aber von der Erkenntnis ausgehen, daß man ein ordentlicher Mensch auf vielerlei Arten sein kann und daß man noch gar keine Vorstellung zu haben braucht, auf welche Art der, der als Kind erst heranwächst, ein ordentlicher Mensch werden soll nach seiner individuellen Anlage, dann werden wir sagen: Was ich auch immer für Begriffe von einem ordentlichen Menschen habe, der Mensch, der aus diesem Kinde entstehen soll, muß dadurch entstehen, daß die besten Anlagen aus ihm herausgeholt werden — was ich vielleicht erst als Rätsel lösen muß! Und man wird sich daher sagen: Was kommt es darauf an, daß ich diesen oder jenen Geboten und dergleichen verpflichtet bin? Das Kind selbst muß ein Bedürfnis fühlen, dieses oder jenes zu tun! Wenn ich das Kind nach seinen individuellen Anlagen entwickeln will, werde ich versuchen, diejenigen Bedürfnisse, die in ihm veranlagt sind, zu entwickeln, herauszuholen, so daß vor allen Dingen ein Bedürfnis nach den Handlungen eintritt, das Kind also die Handlungen aus eigenem Bedürfnis tut. — Wir sehen daraus, daß es zwei ganz verschiedene Methoden gibt, auf ein Kind in den ersten sieben Jahren seines Lebens zu wirken.

[ 19 ] Let us suppose that we have raised a child during the first seven years of his life in such a way that we did not do what usually happens—that is, we did not proceed from the belief that if a person is to become a decent human being in life, he must be this way or that way, and must absolutely conform to our ideas of what a decent human being is. For in such a case, we would want to drill into the child as precisely as possible everything that, in our view, is needed to make them a decent person. But if we start from the realization that one can be a decent person in many different ways, and that we need not yet have any idea of what kind of decent person the child, as they are still growing up, is meant to become according to their individual disposition, then we will say: Whatever concepts I may have of a decent person, the person who is to emerge from this child must come into being by drawing out the best qualities from within them—which I may first have to solve as a puzzle! And one will therefore say to oneself: What does it matter that I am bound by this or that commandment and the like? The child itself must feel a need to do this or that! If I want to develop the child according to its individual aptitudes, I will try to develop and bring out those needs that are inherent in it, so that above all a need for the actions arises, and the child thus performs the actions out of its own need. — We see from this that there are two very different methods of influencing a child in the first seven years of its life.

[ 20 ] Wenn wir nun das weitere Leben des Kindes beobachten, wird sich uns lange Zeit nicht zeigen, was die ausgesprochenste Wirkung dessen sein wird, was wir in den ersten Jahren auf diese Weise in das Kind hineingebracht haben. In der Lebensbeobachtung ergibt sich nämlich, daß die eigentlichen Wirkungen dessen, was als Ursachen in die kindliche Seele hineingelegt worden ist, am allerspätesten erst eintreten, das heißt am Lebensabend. Der Mensch kann einen in sich regen Geist bis an sein Lebensende dadurch haben, daß wir ihn als Kind in der Weise erzogen haben, wie es jetzt eben beschrieben worden ist: daß wir auf sein Seelenleben, auf alles, was lebendig in ihm sitzt, Rücksicht genommen haben. Wenn wir das herausgeholt und zur Entwickelung gebracht haben, was an inneren Kräften in ihm vorhanden ist, dann werden wir die Früchte am Lebensabend herauskommen sehen in Gestalt eines reichen Seelenlebens. Dagegen in einer verdorrten und verarmten Seele und demgemäß auch — weil, wie wir später sehen werden, eine verdorrte Seele auch auf den Leib wirkt — in den leiblichen Gebresten des Alters tritt das auf, was wir in der frühesten Kindheit an dem Menschen Unrichtiges getan haben. Da sehen wir etwas, was sich in gewisser Weise regulär, so daß es für jeden Menschen gültig ist, im Menschenleben als Zusammenhang von Ursache und Wirkung darstellt.

[ 20 ] If we now observe the child’s subsequent life, it will take a long time before we see what the most pronounced effect will be of what we have instilled in the child in this way during the early years. For observation of the course of life reveals that the actual effects of what has been planted as causes in the child’s soul do not manifest until the very end, that is, in old age. A person can retain a lively spirit within them until the end of their life if we have raised them as a child in the manner just described: that is, by taking into account their inner life, everything that is alive within them. If we have drawn out and brought to development the inner forces present within them, then we will see the fruits emerge in old age in the form of a rich inner life. In contrast, in a withered and impoverished soul—and consequently also, as we shall see later, in the physical infirmities of old age, since a withered soul also affects the body—we see the consequences of what we did wrong to the person in early childhood. Here we see something that, in a certain sense, presents itself regularly in human life—so that it applies to every human being—as a relationship of cause and effect.

[ 21 ] So könnten wir auch für die mittleren Lebensabschnitte solche Zusammenhänge finden, und wir werden darauf noch aufmerksam machen. — Wie wir einen Menschen vom siebenten bis vierzehnten Jahre behandeln, das tritt in seinen Wirkungen wieder im vorletzten Lebensabschnitt hervor. So sehen wir Ursache und Wirkung zyklisch, wie im Kreise, sich abspielen. Was an Ursachen am frühesten vorhanden war, das tritt als Wirkung am spätesten auf. Aber nicht nur solche Wirkungen und Ursachen sind im einzelnen Menschenleben vorhanden, sondern es geht neben dem zyklischen Verlauf ein geradliniger einher.

[ 21 ] We could also identify such connections for the middle stages of life, and we will draw attention to them later. — The way we treat a person from the age of seven to fourteen manifests its effects in the penultimate stage of life. Thus we see cause and effect playing out cyclically, as in a circle. The causes that were present earliest appear as effects latest. But not only are such effects and causes present in the individual human life; alongside the cyclical course, a linear one also runs parallel.

[ 22 ] An unserem Beispiel, wie das dreizehnte Jahr in das dreiundzwanzigste hineinspielen kann, haben wir gesehen, wie Ursache und Wirkung im Menschenleben so zusammenhängen, daß dasjenige, was der Mensch in sich erlebt hat, Wirkungen nach sich zieht, die dann wieder auf dasselbe Menschenwesen zurückschlagen. So erfüllt sich Karma im einzelnen Menschenleben. Wir werden aber zu einer Erklärung des Menschenlebens nicht kommen, wenn wir Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung nur in diesem einzelnen Menschenleben suchen. Wie der Gedanke, der jetzt angeschlagen ist, weiter zu begründen und auszuführen ist, darüber werden wir in den nächsten Stunden sprechen. Jetzt soll nur auf etwas hingedeutet werden, das ja bereits bekannt ist: daß die Geisteswissenschaft zeigt, wie dieses Menschenleben zwischen Geburt und Tod die Wiederholung ist früherer Menschenleben.

[ 22 ] In our example of how the thirteenth year can influence the twenty-third, we have seen how cause and effect are interrelated in human life in such a way that what a person has experienced within themselves gives rise to effects that then recur to affect that same human being. This is how karma unfolds in the individual human life. However, we will not arrive at an explanation of human life if we seek connections between cause and effect only within this single human life. We will discuss in the coming hours how to further substantiate and elaborate on the idea that has now been introduced. For now, we shall merely point to something that is already known: that spiritual science shows how this human life between birth and death is a repetition of earlier human lives.

[ 23 ] Wenn wir nun das Charakteristische aufsuchen für das Leben zwischen Geburt und Tod, so können wir als solches bezeichnen die Ausdehnung eines und desselben Bewußtseins — im wesentlichen wenigstens — für die ganze Zeit zwischen Geburt und Tod. Wenn Sie sich zurückerinnern an Ihre früheren Lebensabschnitte, so werden Sie sagen: Es gibt einen Zeitpunkt, der nicht mit meiner Geburt zusammenfällt, sondern etwas später liegt, wo meine Lebenserinnerungen beginnen. Das werden alle Menschen sagen, die nicht zu den Eingeweihten gehören;und sie werden dann davon sprechen, daß ihr Bewußtsein so weit nur reicht. Im Grunde genommen haben wir es in dem Zeitraum von der Geburt bis zum Tod in bezug auf den Beginn dieser Lebenserinnerungen mit etwas sehr Eigentümlichem zu tun, und wir werden auch darauf noch zurückkommen; das wird uns in bedeutsame Dinge hineinleuchten. Wenn wir das aber nicht berücksichtigen, können wir sagen: Charakteristisch für das Leben zwischen Geburt und Tod ist es, daß ein Bewußtsein sich ausdehnt für diese Zeit.

[ 23 ] If we now seek out the defining characteristic of life between birth and death, we can describe it as the extension of one and the same consciousness—at least in essence—throughout the entire period between birth and death. If you recall your earlier stages of life, you will say: There is a point in time that does not coincide with my birth, but lies somewhat later, where my memories of life begin. All people who are not initiates will say this; and they will then speak of their consciousness extending only that far. Basically, in the period from birth to death, we are dealing with something very peculiar regarding the beginning of these life memories, and we will return to this later; it will shed light on significant matters for us. But if we do not take this into account, we can say: Characteristic of life between birth and death is that a consciousness extends over this time.

[ 24 ] Wenn nun auch der Mensch im gewöhnlichen Leben, wenn ihn im späteren Lebensalter etwas trifft, die Ursachen dazu in früheren Lebensabschnitten nicht aufsucht, so könnte er es aber dennoch, wenn er nur auf alles aufmerksam genug wäre und alles erforschen würde. Er könnte es mit dem Bewußtsein, das ihm als Erinnerungsbewußtsein zur Verfügung steht. Und wenn er durch die Erinnerung versuchte, sich den Zusammenhang zwischen Früherem und Späterem im karmischen Sinne vor die Seele zu stellen, so würde er zu folgendem Ergebnis kommen.

[ 24 ] Even if a person, in ordinary life, does not seek out the causes of something that befalls them in later life in earlier stages of life, they could still do so if only they were attentive enough to everything and were to investigate everything. They could do so with the consciousness available to them as the consciousness of memory. And if, through memory, they were to attempt to visualize the connection between the past and the present in a karmic sense, they would arrive at the following conclusion.

[ 25 ] Er würde zum Beispiel sagen: Ich sehe, daß gewisse Ereignisse, die bei mir eingetreten sind, nicht gekommen wären, wenn nicht das oder jenes in einem früheren Lebensabschnitt eingetreten wäre. — Er würde vielleicht sagen: Für das, was meine Erziehung an mir getan hat, muß ich jetzt büßen. — Aber wenn er auch nur den Zusammenhang einsieht zwischen dem, was nicht er gesündigt hat, sondern was an ihm gesündigt worden ist, und späteren Ereignissen, dann wird ihm schon das eine Hilfe sein. Er wird leichter Mittel und Wege finden, um Schäden, die an ihm begangen worden sind, auszugleichen. Die Erkenntnis eines solchen Zusammenhanges zwischen Ursachen und Wirkungen in unseren einzelnen Lebensabschnitten, die wir durch unser gewöhnliches Bewußtsein überschauen können, kann uns schon im höchsten Grade förderlich sein im Leben. Ja, wenn wir uns diese Erkenntnis erwerben, können wir vielleicht noch etwas anderes tun. — Wenn allerdings ein Mensch achtzig Jahre alt geworden ist und dann zurückschaut auf das, was man als Ursachen zu Ereignissen im achtzigsten Jahre in frühester Kindheit zu suchen hat, so wird es für ihn vielleicht recht schwierig sein, Gegenmittel zu finden, um auszugleichen, was an ihm getan worden ist, und wenn er sich dann belehren läßt, so wird das nicht mehr allzuviel helfen. Wenn er sich aber vorher belehren läßt und hinblickt auf die Sünden, die an ihm begangen sind, und, sagen wir, schon im vierzigsten Jahre dagegen Vorsorge trifft, dann hat er vielleicht doch noch Zeit, um gewisse Gegenmittel zu ergreifen.

[ 25 ] He would say, for example: I see that certain events that have happened to me would not have occurred if not for this or that having happened in an earlier phase of my life. — He might say: “I must now atone for what my upbringing has done to me.” — But even if he merely recognizes the connection between what was not his own sin, but rather what was sinned against him, and later events, that alone will be a help to him. He will more easily find ways and means to make amends for the wrongs that have been done to him. The recognition of such a connection between causes and effects in the individual stages of our lives—which we can overlook through our ordinary consciousness—can already be of the greatest benefit to us in life. Indeed, if we acquire this insight, we may perhaps be able to do something else as well. — However, if a person has reached the age of eighty and then looks back to find the causes of events in their eightieth year in their earliest childhood, it may be quite difficult for them to find remedies to compensate for what has been done to them, and if they then allow themselves to be instructed, it will no longer help all that much. But if they allow themselves to be instructed beforehand and look back at the wrongs committed against them, and, let’s say, take precautions against them as early as their fortieth year, then they may still have time to take certain countermeasures.

[ 26 ] Wir sehen also, daß wir uns nicht allein für das unmittelbar Nächstliegende des Lebenskarma belehren lassen sollen, sondern über Karma und den gesetzmäßigen Zusammenhang, den Karma bedeutet, überhaupt. Das kann uns förderlich sein für unser Leben. — Was tut denn aber ein Mensch, der im vierzigsten Jahre etwas unternimmt, damit die Schäden gewisser Sünden nicht eintreten, die zum Beispiel im zwölften Jahre an ihm begangen worden sind, oder die er selbst begangen hat? Er wird versuchen, was er gesündigt hat oder was an ihm getan worden ist, auszugleichen und alles zu tun, was der Wirkung, die eintreten müßte, vorbeugt. Er wird in gewisser Weise sogar die notwendige Wirkung, die ohne sein Zutun eintreten würde, durch eine andere ersetzen. Die Erkenntnis dessen, was es im zwölften Jahre gegeben hat, wird ihn selbst zu einer bestimmten Handlung im vierzigsten Jahre führen. Diese Handlung hätte er nicht getan, wenn er nicht erkannt hätte, daß es dieses oder jenes im zwölften Jahre gegeben hat. Was hat der Mensch also durch sein Zurückblicken auf sein früheres Leben getan? Er hat selber durch sein Bewußtsein folgen lassen auf eine Ursache eine bestimmte Wirkung. Er hat gewollt die Wirkung, welche er jetzt herbeigeführt hat. — Das zeigt uns, wie in die Linie der karmischen Folgen unser Wille eingreifen und etwas schaffen kann, was an Stelle von sonst eingetretenen karmischen Wirkungen steht. Nehmen wir einen solchen Zusammenhang, wo unser Bewußtsein ganz bewußt eine Verbindung zwischen Ursache und Wirkung im Lebenslauf herbeiführt, so werden wir uns sagen: Bei einem solchen Menschen ist Karma oder karmische Geserzmäßigkeit ins Bewußtsein hineingetreten, er hat selbst in gewisser Weise die karmische Wirkung herbeigeführt.

[ 26 ] We see, then, that we should not limit ourselves to learning only about the most immediate aspects of life karma, but should instead learn about karma and the lawful interrelationships that karma implies in general. This can be beneficial to our lives. — But what does a person do in their fortieth year to prevent the consequences of certain sins—sins committed against them, for example, in their twelfth year, or sins they themselves committed? They will try to make amends for what they have sinned or what has been done to them, and do everything possible to prevent the effect that would otherwise occur. In a certain sense, he will even replace the necessary effect that would occur without his intervention with another. The realization of what happened in the twelfth year will lead him to a specific action in the fortieth year. He would not have performed this action if he had not recognized that this or that had occurred in the twelfth year. What, then, has the person done by looking back on his past life? Through his consciousness, he himself has caused a specific effect to follow a cause. He has willed the effect that he has now brought about. — This shows us how our will can intervene in the line of karmic consequences and create something that takes the place of karmic effects that would otherwise have occurred. If we consider such a situation where our consciousness quite deliberately brings about a connection between cause and effect in the course of life, we will say to ourselves: In such a person, karma or karmic law has entered into consciousness; he has, in a certain sense, brought about the karmic effect himself.

[ 27 ] Nehmen wir nun aber einmal an, wir legen einer ähnlichen Betrachtung dasjenige zugrunde, was wir über die wiederholten Erdenläufe eines Menschen wissen. Das Bewußtsein, von dem wir eben gesprochen haben, das sich ausdehnt mit der angedeuteten Ausnahme auf unser Leben zwischen Geburt und Tod, das entsteht dadurch, daß sich der Mensch des Instrumentes seines Gehirns bedienen kann. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, tritt ein andersgeartetes Bewußtsein auf, das unabhängig ist vom Gehirn und an wesentlich andere Bedingungen gebunden ist. Und wir wissen, daß für dieses Bewußtsein, das bis zur neuen Geburt dauert, eine Art Rückblick auftritt über alles, was der Mensch in dem Leben zwischen Geburt und Tod vollbracht hat. Im Leben zwischen Geburt und Tod muß sich der Mensch erst die Absicht bilden, zurückzublicken auf irgendwelche Sünden, die an ihm begangen worden sind, wenn er die Wirkung dieser Sünden wirklich karmisch in sein Leben einführen soll. Nach dem Tode schaut der Mensch im Zurückblicken auf sein Leben auf dasjenige, was er an Sünden oder überhaupt an Handlungen vollbracht hat. Da schaut er auch zugleich das, was diese Handlungen an seiner Seele oder aus seiner Seele gemacht haben. Da sieht der Mensch, wie er dadurch, daß er eine bestimmte Handlung getan hat, in seinem Werte gesunken oder gestiegen ist. Haben wir einem andern zum Beispiel irgendein Leid zugefügt, so ist unser Wert dadurch gesunken; wir sind sozusagen weniger wert geworden, sind unvollkommener geworden, indem wir dem andern das Leid zugefügt haben. Wenn wir nun nach dem Tode zurückblicken, sehen wir auf zahlreiche solche Fälle zurück, bei denen wir uns sagen: Wir sind dadurch unvollkommener geworden. Daraus aber folgt für das Bewußtsein nach dem Tode, daß in ihm die Kraft und der Wille entstehen, wenn es wieder Gelegenheit dazu hat, alles zu tun, um jenen Wert wieder zu erringen, welchen es verloren hat, das heißt der Wille, alles Leid auszugleichen, das es zugefügt hat. Der Mensch nimmt also zwischen Tod und neuer Geburt die Tendenz, die Absicht auf, was er Schlechtes getan hat, wieder auszugleichen, damit er überhaupt den Standpunkt der Vollkommenheit wieder erringen kann, den er als Mensch haben soll und der verhindert worden ist durch die entsprechende Tat.

[ 27 ] But let us now assume that we base a similar consideration on what we know about a person’s repeated earthly lives. The consciousness we have just spoken of—which, with the exception mentioned, extends to our life between birth and death—arises from the fact that the human being can make use of the instrument of the brain. When the human being passes through the gate of death, a different kind of consciousness emerges, one that is independent of the brain and bound to essentially different conditions. And we know that for this consciousness, which lasts until the new birth, a kind of review takes place of everything the human being has accomplished in the life between birth and death. In the life between birth and death, the human being must first form the intention to look back upon any sins that have been committed against him if he is to truly introduce the karmic effect of these sins into his life. After death, as the human being looks back on their life, they see the sins or actions they have committed. At the same time, they see what these actions have done to their soul or from their soul. There the human being sees how, by performing a certain action, their value has either decreased or increased. If, for example, we have caused another person some suffering, our worth has thereby diminished; we have, so to speak, become less valuable, have become more imperfect by causing that suffering to the other person. When we now look back after death, we look back on numerous such instances in which we say to ourselves: We have thereby become more imperfect. But it follows for the consciousness after death that the strength and the will arise within it, when it has the opportunity again, to do everything to regain the value it has lost—that is, the will to make amends for all the suffering it has inflicted. Thus, between death and rebirth, the human being takes up the tendency, the intention, to make amends for the evil they have done, so that they may once again attain the state of perfection that they are meant to have as a human being and which has been prevented by the corresponding deed.

[ 28 ] Nun tritt der Mensch wieder ins Dasein. Sein Bewußtsein wird wieder ein anderes; er erinnert sich nicht zurück an die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt und auch nicht daran, wie er die Absicht gefaßt hat, etwas auszugleichen. Aber diese Absicht sitzt in ihm. Und wenn er auch nicht weiß: Du mußt dies oder das tun, um das oder jenes auszugleichen! —, so wird er doch durch die Kraft, die in ihm sitzt, zu irgendeiner Handlung hingetrieben, die ein Ausgleich ist. Und jetzt können wir uns eine Vorstellung machen, was vor sich geht, wenn einen Menschen zum Beispiel im zwanzigsten Jahre etwas sehr Schmerzliches trifft. Mit seinem Bewußtsein, das er hat zwischen Geburt und Tod, wird er niedergedrückt sein durch seinen Schmerz. Würde er sich aber daran erinnern, was er in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt an Absichten aufgenommen hat, dann würde er auch die Kraft spüren, die ihn hingetrieben hat an die Stelle, wo er diesen Schmerz hat erleiden können, weil er gefühlt hat, daß er den Grad von Vollkommenbheit, den er sich verscherzt hat und den er wiedererringen soll, nur dadurch wieder erreichen kann, daß er diesen Schmerz durchmacht. Wenn also auch das gewöhnliche Bewußtsein sagt: Der Schmerz ist da; du leidest darunter! — und nur den Schmerz in der Wirkung betrachtet, so könnte doch für das Bewußtsein, welches auch die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt überblickt, gerade das Aufsuchen des Schmerzes oder irgendeines Unglückes in der Absicht liegen.

[ 28 ] Now the human being re-enters existence. His consciousness changes once again; he has no recollection of the time between death and rebirth, nor of how he formed the intention to make amends for something. But this intention remains within him. And even if he does not know: “You must do this or that to make up for this or that!”—he is nevertheless driven by the power within him to some action that serves as a balancing force. And now we can imagine what happens when, for example, something very painful befalls a person in their twentieth year. With the consciousness they possess between birth and death, they will be weighed down by their pain. But if he were to remember the intentions he took on in the life between death and new birth, then he would also feel the force that drove him to the place where he could suffer this pain, because he sensed that he could only regain the degree of perfection he had forfeited—and which he is meant to regain—by enduring this pain. So even if ordinary consciousness says: The pain is there; you are suffering from it! — and considers only the pain in its effect, for the consciousness that also surveys the time between death and new birth, the very seeking out of pain or some misfortune might lie in the intention.

[ 29 ] Das stellt sich uns tatsächlich dar, wenn wir von einem höheren Gesichtspunkt aus das Menschenleben betrachten. Da können wir sehen, daß im Menschenleben Schicksalsfälle eintreten, die sich nicht darstellen als Wirkungen von Ursachen des einzelnen Lebenslaufes, sondern die aus einem andern Bewußtsein heraus verursacht sind, nämlich aus einem solchen Bewußtsein, das jenseits der Geburt liegt und das unser Leben fortsetzt in frühere Zeiten, als diejenigen sind, die erst seit unserer Geburt abgelaufen sind. Wenn wir diesen Gedanken genau fassen, werden wir sagen: Wir haben zunächst ein Bewußtsein, das sich ausdehnt über die Zeit zwischen Geburt und Tod und welches wir das Bewußtsein der Einzelpersönlichkeit nennen wollen, und wir wollen als Einzelpersönlichkeit dasjenige bezeichnen, was zwischen Geburt und Tod verläuft. Sodann sehen wir, wie ein Bewußtsein wirken kann über Geburt und Tod hinaus, von dem der Mensch in seinem gewöhnlichen Bewußtsein nichts weiß, das aber gerade so wirken kann wie dieses gewöhnliche Bewußtsein. Wir haben deshalb zunächst geschildert, wie jemand selbst sein Karma übernimmt und im vierzigsten Jahre zum Beispiel etwas ausgleicht, damit ihn die Ursachen vom zwölften Jahre nicht treffen. Da nimmt er Karma in sein Einzelpersönlichkeitsbewußtsein hinein. Wenn dagegen der Mensch irgendwohin getrieben wird, wo er einen Schmerz erleiden kann, um etwas auszugleichen, um ein besserer Mensch zu werden, so kommt das auch aus dem Menschen; nur kommt es nicht aus dem Einzelpersönlichkeitsbewußtsein, sondern aus einem umfassenderen Bewußtsein, das mitumfaßt die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Dasjenige Wesen im Menschen, welches von diesem Bewußtsein umfaßt wird, wollen wir die «Individualität» des Menschen nennen; und dieses Bewußtsein, das also fortwährend unterbrochen wird durch das Persönlichkeitsbewußtsein, wollen wir das «individuelle Bewußtsein» nennen, im Gegensatz zum Einzelpersönlichkeitsbewußtsein. So sehen wir Karma wirksam in bezug auf die Individualität des Menschen.

[ 29 ] This is indeed what we see when we view human life from a higher perspective. There we can see that events of fate occur in human life which do not appear as effects of causes within the individual life course, but which are caused by a different consciousness—namely, a consciousness that lies beyond birth and that extends our life into earlier times than those that have elapsed since our birth. If we grasp this idea precisely, we will say: We have, first of all, a consciousness that extends over the time between birth and death, which we shall call the consciousness of the individual personality, and we shall designate as the individual personality that which exists between birth and death. Then we see how a consciousness can operate beyond birth and death, of which the human being knows nothing in his ordinary consciousness, but which can operate just as this ordinary consciousness does. We have therefore first described how a person takes on their own karma and, for example, balances something out in their fortieth year so that the causes from their twelfth year do not affect them. In doing so, they take karma into their individual personality consciousness. If, on the other hand, a person is driven somewhere where they may suffer pain in order to balance something out, to become a better person, this also comes from within the person; only it does not come from the individual personality consciousness, but from a more comprehensive consciousness that encompasses the time between death and new birth. Let us call that aspect of the human being encompassed by this consciousness the “individuality” of the human being; and let us call this consciousness—which is thus continually interrupted by the personality consciousness—the “individual consciousness,” in contrast to the individual personality consciousness. Thus we see karma at work in relation to the individuality of the human being.

[ 30 ] Nun würden wir das menschliche Leben aber trotzdem nicht verstehen, wenn wir nur die Reihe der Erscheinungen verfolgen würden, wie wir es bis jetzt getan haben, indem wir nur dasjenige ins Auge faßten, was im Menschen um des Menschen selber willen an Ursachen liegt und an Wirkungen aufgesucht wird. Wir brauchen uns nur einen einfachen Fall vor die Seele zu führen, der nur so dargestellt werden soll, daß er anschaulicher wirkt, und wir werden gleich sehen, daß wir das menschliche Leben nicht verstehen, wenn wir nur dasjenige in Betracht ziehen, was wir jetzt eben gesagt haben. — Nehmen wir einen Erfinder oder Entdecker, zum Beispiel Kolumbus oder den Entdecker der Dampfmaschine oder irgendeinen andern. In der Entdeckung liegt eine bestimmte Handlung, eine bestimmte Tat. Wenn wir diese Tat ins Auge fassen, so wie sie der Mensch getan hat, und dann die Ursache suchen, warum sie der Mensch getan hat, dann werden wir immer solche Ursachen finden, welche in der Richtung liegen, wie wir sie jetzt angegeben haben. Warum Kolumbus zum Beispiel nach Amerika fuhr, warum er gerade in einem bestimmten Zeitpunkt diese Absicht faßte, dazu werden wir die Ursachen finden in seinem individuellen und persönlichen Karma. Aber wir werden uns jetzt fragen können: Wird diese Ursache nur im persönlichen und individuellen Karma gesucht werden müssen? Und wird die Tat als Wirkung nur betrachtet werden müssen für die Individualität, die in Kolumbus wirksam war? — Daß Kolumbus Amerika entdeckt hat, hat eine bestimmte Wirkung für ihn gehabt. Er ist dadurch gestiegen, ist vollkommener geworden. Das wird sich zeigen in der Fortentwickelung seiner Individualität im folgenden Leben. Aber welche Wirkungen hat diese Tat noch für andere Menschen gehabt? Müßte sie nicht auch als Ursache betrachtet werden, die in unzählige Menschenleben eingegriffen hat?

[ 30 ] However, we would still not understand human life if we were to follow only the sequence of phenomena, as we have done up to now, by focusing solely on those causes and effects that lie within the human being for the sake of the human being itself. We need only bring a simple case to mind—one that is to be presented merely to make it more vivid—and we will immediately see that we do not understand human life if we consider only what we have just said. —Let us take an inventor or discoverer, for example Columbus or the inventor of the steam engine or any other. In the discovery lies a specific action, a specific deed. If we consider this deed as the person performed it, and then seek the cause of why the person performed it, we will always find causes that lie in the direction we have just indicated. Why Columbus, for example, sailed to America, why he conceived this intention at a specific moment—we will find the causes for this in his individual and personal karma. But we may now ask ourselves: Must this cause be sought only in personal and individual karma? And must the deed be regarded solely as an effect for the individuality that was active in Columbus? — The fact that Columbus discovered America had a specific effect on him. Through this, he rose, he became more perfect. This will be evident in the further development of his individuality in the next life. But what effects did this deed have on other people? Should it not also be regarded as a cause that intervened in countless human lives?

[ 31 ] Das ist aber noch eine ziemlich abstrakte Betrachtung einer solchen Sache, die wir viel tiefer erfassen können, wenn wir das Menschenleben über große Zeitspannen hin betrachten. Nehmen wir an, wir betrachten das Menschenleben, wie es sich abgespielt hat im ägyptisch-chaldäischen Zeitalter, das dem griechisch-lateinischen vorangegangen ist. Wenn wir dieses Zeitalter prüfen in bezug auf das, was es den Menschen gegeben hat und was die Menschen damals erfahren haben, dann zeigt sich uns etwas höchst Eigentümliches. Wenn wir diese Epoche vergleichen mit unserer eigenen, dann werden wir erkennen, daß dasjenige, was in unserem eigenen Zeitalter geschieht, zusammenhängt mit dem, was in der ägyptisch-chaldäischen Kulturperiode vor sich gegangen ist. Das griechisch-lateinische Zeitalter steht zwischen beiden darinnen. In unserer Zeit würden gewisse Dinge nicht geschehen, wenn nicht gewisse Dinge in der ägyptisch-chaldäischen Kultur geschehen wären. Wenn die gegenwärtige Naturwissenschaft dieses oder jenes an Ergebnissen zustande gebracht hat, so rührt das allerdings auch von Kräften her, welche sich aus der Menschenseele entwickelt und entfaltet haben. Aber die Menschenseelen, die in unserer Zeit gewirkt haben, waren auch verkörpert im ägyptisch-chaldäischen Zeitalter und haben dort gewisse Erlebnisse aufgenommen, ohne welche sie das nicht verrichten könnten, was sie heute verrichten. Hätten nicht die Schüler der altägyptischen Tempelpriester die ägyptische Astrologie über die Zusammenhänge des Himmels aufgenommen, so hätten sie nicht auf ihre Art später eindringen können in die Weltengeheimnisse, und es wären in gewissen Seelen unserer Zeit nicht die Kräfte gewesen, welche die Menschheit jetzt in unserer Zeit hinausgeführt haben in die Himmelsräume. Wie kam zum Beispiel Kepler zu seinen Entdeckungen? Er kam dazu, weil eine Seele in ihm lebte, die im ägyptisch-chaldäischen Zeitraum die Kräfte zu jenen Entdeckungen aufgenommen hatte, welche sie im fünften Zeitraum dann machen konnte. Es erfüllt uns mit einer gewissen inneren Befriedigung, wenn in einzelnen Geistern gleichsam Erinnerungen auftauchen in der Art, daß die Keime zu dem, was sie jetzt tun, in der Vergangenheit gelegt worden sind. Einer der Geister, der Wichtiges geleistet hat in bezug auf die Erforschung der Himmelsgesetze, Kepler, sagt von sich selbst:

[ 31 ] However, this is still a rather abstract view of such a matter, which we can grasp much more deeply if we consider human life over long periods of time. Let us suppose we examine human life as it unfolded during the Egyptian-Chaldean era, which preceded the Greco-Roman era. If we examine this era in terms of what it gave to humanity and what people experienced at that time, something highly peculiar becomes apparent to us. If we compare this epoch with our own, we will recognize that what is happening in our own age is connected to what took place during the Egyptian-Chaldean cultural period. The Greek-Latin age stands between the two in this context. Certain things would not be happening in our time if certain things had not happened in the Egyptian-Chaldean culture. If modern science has achieved this or that result, this certainly also stems from forces that have developed and unfolded from the human soul. But the human souls that have been active in our time were also incarnated in the Egyptian-Chaldean era and absorbed certain experiences there, without which they could not accomplish what they accomplish today. Had the students of the ancient Egyptian temple priests not absorbed Egyptian astrology regarding the connections of the heavens, they would not have been able to penetrate the mysteries of the world in their own way later on, and the forces that have now led humanity out into the spaces of the heavens would not have been present in certain souls of our time. How, for example, did Kepler come to his discoveries? He came to them because a soul lived within him that had absorbed the forces for those discoveries during the Egyptian-Chaldean epoch, which it was then able to make in the fifth epoch. It fills us with a certain inner satisfaction when, in individual minds, memories emerge, as it were, in such a way that the seeds of what they are now doing were sown in the past. One of the minds that has accomplished great things in the exploration of the laws of the heavens, Kepler, says of himself: “/p”

[ 32 ] «Ja, ich bin es, ich habe die goldenen Gefäße der Ägypter geraubt, um meinem Gott aus ihnen ein Heiligtum zu errichten, fern von den Grenzen Ägyptens. Wenn ihr mir vergebt, werde ich mich freuen, wenn ihr zürnt, werde ich es tragen; — hier werf ich den Würfel und schreibe dies Buch für den heutigen wie den dereinstigen Leser — was liegt daran? Und wenn es auf seinen Leser hundert Jahre warten muß: Gott selbst hat sechs Jahrtausende dessen geharrt, der sein Werk erkennend erblickt.»

[ 32 ] “Yes, it is I; I have plundered the golden vessels of the Egyptians to build a sanctuary for my God from them, far from the borders of Egypt. If you forgive me, I shall rejoice; if you are angry, I shall bear it;—here I cast the die and write this book for readers both of today and of the future—what does it matter? And if it must wait a hundred years for its reader: God himself has waited six millennia for the one who will recognize his work.”

[ 33 ] Das ist eine sporadisch auftauchende Erinnerung des Kepler an das, was er als Keim aufgenommen hat zu dem, was er in seinem persönlichen Dasein als Kepler vollbringen konnte. So könnten Hunderte von ähnlichen Beispielen angeführt werden. — Da sehen wir aber noch etwas anderes als bloß die Tatsache, daß bei Kepler etwas auftaucht, was die Wirkung ist von Erlebnissen eines früheren Erdenlebens. Wir sehen etwas auftauchen, was als die gesetzmäßige Wirkung erscheint für die ganze Menschheit von etwas, was wiederum bedeutsam war für die Menschheit in einer früheren Zeit. Wir sehen, wie der Mensch hingestellt wird an einen Ort, um für die ganze Menschheit etwas zu leisten. Wir sehen, daß nicht nur im individuellen Menschenleben, sondern daß in der ganzen Menschheit Zusammenhänge bestehen zwischen Ursachen und Wirkungen, die sich über weite Zeiträume hin erstrecken. Und wir können daraus entnehmen, daß sich das individuelle Karmagesetz kreuzen wird mit den Gesetzen, welche wir nennen können die karmischen Menschheitsgesetze. Manchmal ist dieses Kreuzen allerdings wenig durchsichtig. Denken Sie, was wäre aus unserer Astronomie geworden, wenn einstmals nicht das Fernrohr erfunden worden wäre, das in einer bestimmten Zeit erfunden worden ist. Verfolgen Sie unsere Astronomie zurück, und Sie werden sehen, daß unendlich vieles an der Erfindung des Fernrohres hängt. Nun ist es ja bekannt, daß das Fernrohr dadurch erfunden worden ist, daß in einer optischen Werkstatt einmal Kinder mit Linsen gespielt haben, wobei sie durch einen «Zufall», so könnte man sagen, optische Linsen so zusammengestellt haben, daß hernach jemand darauf gekommen ist: Dadurch könnte sich so etwas ergeben wie ein Fernrohr. — Denken Sie, wie tief Sie suchen müssen, um zu dem individuellen Karma der Kinder und dem Karma der Menschheit zu kommen, daß in einem bestimmten Zeitpunkt das Fernrohr erfunden worden ist! Versuchen Sie das zusammenzudenken, und Sie werden sehen, wie in merkwürdiger Art das Karma einzelner Individualitäten und das Karma der ganzen Menschheit sich kreuzen und ineinanderweben! Da werden Sie sich sagen: Man müßte sich die ganze Menschheitsentwickelung anders denken, wenn nicht zu einer bestimmten Zeit dies oder jenes eingetreten wäre.

[ 33 ] This is a memory that surfaces sporadically in Kepler, recalling what he absorbed as a seed of what he was able to accomplish in his personal existence as Kepler. Hundreds of similar examples could be cited. — But here we see something more than merely the fact that something emerges in Kepler that is the effect of experiences from a previous earthly life. We see something emerging that appears to be the lawful effect for all of humanity of something that was, in turn, significant for humanity in an earlier time. We see how a human being is placed in a position to accomplish something for all of humanity. We see that not only in individual human life, but throughout all of humanity, there are connections between causes and effects that extend over vast periods of time. And we can infer from this that the individual law of karma will intersect with the laws we might call the karmic laws of humanity. Sometimes, however, this intersection is not very transparent. Consider what would have become of our astronomy if the telescope had not been invented at a specific time in the past. Trace the history of our astronomy back, and you will see that an infinite number of things depend on the invention of the telescope. Now it is well known that the telescope was invented because children once played with lenses in an optical workshop, and through a “coincidence,” so to speak, they arranged the optical lenses in such a way that someone later realized: This could result in something like a telescope. — Think how deeply you must search to reach the individual karma of the children and the karma of humanity that led to the invention of the telescope at a specific moment! Try to think this through, and you will see how, in a remarkable way, the karma of individual personalities and the karma of all humanity intersect and interweave! Then you will say to yourself: One would have to conceive of the entire development of humanity differently if this or that had not occurred at a specific time.

[ 34 ] Die Frage ist gewöhnlich ganz müßig: Was wäre mit dem Römischen Reiche geworden, wenn nicht die Griechen in einer bestimmten Zeit den persischen Angriff in den Perserkriegen zurückgeschlagen hätten? Aber nicht müßig ist die Frage: Wodurch ist es gekommen, daß die Perserkriege gerade in dieser Weise verlaufen sind? — Wer dieser Frage nachgeht und eine Antwort sucht, der wird sehen, daß im Orient ganz bestimmte Errungenschaften nur dadurch zustande kamen, daß gewisse despotische, Herrscher da waren, die nur für ihre Person etwas wollten und sich zu diesem Zwecke verbanden mit den Opferpriestern und so weiter. Die ganzen damaligen Staatseinrichtungen waren notwendig, damit im Orient etwas geschaffen werden konnte, aber diese Einrichtungen haben es mit sich gebracht, daß auch alle die Schäden eintraten, die dann eingetreten sind. Und damit hängt es zusammen, daß ein andersgeartetes Volk — die Griechen — im entsprechenden Moment den morgenländischen Angriff zurückschlagen konnte. Wenn wir das bedenken, werden wir fragen: Wie steht es mit dem Karma der Persönlichkeiten, die in Griechenland gewirkt haben, um den persischen Angriff zurückzuschlagen? — Da werden wir manches Persönliche finden im Karma der betreffenden Menschen; aber wir werden auch finden, daß das persönliche Karma mit dem Volks- und Menschheitskarma verknüpft ist, so daß es berechtigt ist zu sagen: Das ganze Menschheitskarma hat gerade diese bestimmten Persönlichkeiten an diesen Ort in diese Zeit gestellt! — Wir sehen da hineinspielen Menschheitskarma in das Einzelkarma. Und wir werden uns weiter fragen müssen, wie diese Dinge zusammenspielen. Aber wir können noch weitergehen und einen andern Zusammenhang betrachten.

[ 34 ] The question is usually quite pointless: What would have become of the Roman Empire if the Greeks had not repelled the Persian invasion during the Persian Wars at a certain point in time? But the question is not pointless: How did it come to pass that the Persian Wars unfolded in precisely this way? — Anyone who explores this question and seeks an answer will see that certain specific achievements in the East came about only because there were certain despotic rulers who sought only their own personal gain and, to this end, allied themselves with the sacrificial priests and so on. The entire state apparatus of that time was necessary so that something could be created in the East, but this apparatus also brought about all the harm that subsequently occurred. And it is connected to this that a different kind of people—the Greeks—were able to repel the Eastern attack at the crucial moment. When we consider this, we will ask: What of the karma of the individuals who worked in Greece to repel the Persian attack? — There we will find much that is personal in the karma of the people concerned; but we will also find that personal karma is linked to the karma of the people and of humanity, so that it is justified to say: The karma of humanity as a whole has placed precisely these specific individuals in this place at this time! — We see here the interplay of the karma of humanity with individual karma. And we will have to ask ourselves further how these things interact. But we can go even further and consider another connection.

[ 35 ] Wir können zurückblicken im Sinne der Geisteswissenschaft auf eine Zeit unserer Erdenentwickelung, in der es auf unserer Erde noch kein Mineralreich gegeben hat. Unserer Erdenentwickelung gingen voran die Saturn-, die Sonnen- und die Mondentwickelung, wo es noch kein mineralisches Reich in unserem Sinne gegeben hat. Erst auf der Erde sind unsere heutigen Mineralien in ihren heutigen Formen entstanden. Dadurch aber, daß sich das Mineralreich ausgeschieden hat im Verlaufe der Erdentwickelung, ist es als ein besonderes Reich für alle Folgezeit da. Vorher haben sich Menschen, Tiere und Pflanzen so entwickelt, daß kein ihnen zugrunde liegendes Mineralreich vorhanden war. Damit die andern Reiche einen späteren Fortschritt erreichen konnten, mußten sie das Mineralreich ausscheiden. Aber nachdem sie es ausgeschieden haben, können sie sich nur so entwickeln, wie sie sich entwickeln auf einem Planeten, der eine feste mineralische Grundlage hat. Und nie wird etwas anderes entstehen als das, was unter der Voraussetzung geschah, daß die Bildung eines Mineralreiches zustande kam. Das Mineralreich ist da, und alle späteren Schicksale der andern Reiche hängen ab von der Entstehung des Mineralreiches, das sich einmal in unserem Erdendasein in einer urfernen Vergangenheit gebildet hat. So ist mit der Tatsache der Entstehung des Mineralreiches etwas geschehen, womit alle spätere Erdentwickelung zu rechnen hat. Es wird sich an allen andern Wesen erfüllen, was aus der Entstehung des Mineralreiches folgt. Da haben wir wieder in späteren Zeitaltern die karmische Erfüllung für etwas, was früher geschehen ist. Auf der Erde erfüllt sich, was sich auf der Erde vorbereitet hat. Es ist ein Zusammenhang von dem, was früher, und dem, was später geschehen ist, aber auch ein solcher Zusammenhang, der in der Wirkung zurückschlägt auf das verursachende Wesen. Menschen, Tiere und Pflanzen haben das Mineralreich ausgeschieden, und das Mineralreich schlägt wieder auf sie zurück. Da sehen wir, daß es möglich ist, von einem Karma der Erde zu sprechen.

[ 35 ] From the perspective of spiritual science, we can look back to a time in Earth’s evolution when there was no mineral kingdom on our planet. Earth’s evolution was preceded by the Saturn, Sun, and Moon phases, during which there was no mineral kingdom as we understand it. It was only on Earth that our present-day minerals arose in their present forms. However, because the mineral kingdom separated itself in the course of Earth’s evolution, it exists as a distinct kingdom for all subsequent eras. Previously, humans, animals, and plants had evolved in such a way that there was no underlying mineral kingdom. In order for the other kingdoms to achieve later progress, they had to separate the mineral kingdom. But having separated it, they can only develop as they do on a planet that has a solid mineral foundation. And nothing will ever arise other than what came about under the condition that the formation of a mineral kingdom took place. The mineral kingdom is there, and all subsequent destinies of the other kingdoms depend on the formation of the mineral kingdom, which once took shape in our earthly existence in a distant past. Thus, with the fact of the mineral kingdom’s formation, something has occurred that all subsequent earthly development must reckon with. What follows from the formation of the mineral kingdom will be fulfilled in all other beings. Here we have, again in later ages, the karmic fulfillment of something that happened earlier. On Earth, what has been prepared on Earth is fulfilled. There is a connection between what happened earlier and what happened later, but also a connection that has repercussions for the being that caused it. Humans, animals, and plants have excreted the mineral kingdom, and the mineral kingdom now has repercussions for them. Here we see that it is possible to speak of a karma of the Earth.

[ 36 ] Und endlich können wir etwas hervorheben, wozu sich die Grundlagen in den allgemeinen Ausführungen der «Geheimwissenschaft im Umriß» finden.

[ 36 ] And finally, we can highlight something for which the foundations can be found in the general discussion in *Outlines of Esoteric Science*.

[ 37 ] Wir wissen, daß gewisse Wesenheiten zurückgeblieben sind auf der Stufe der alten Mondentwickelung, und daß diese Wesen zurückgeblieben sind, um dem Menschen der Erde ganz bestimmte Eigenschaften beizubringen. Aber nicht nur Wesenheiten sind zurückgeblieben von der alten Mondenzeit der Erde, sondern auch Substantialitäten. Auf der Mondenstufe sind Wesen stehengeblieben, die als luziferische Wesenheiten in unser Erdendasein hineinwirken. Durch diese Tatsache des Stehenbleibens und des Hereinwirkens in unser Erdendasein vollziehen sich im Erdendasein Wirkungen, zu denen die Ursachen schon im Mondendasein gelegt worden sind. Aber auch substantiell vollzieht sich so etwas. — Wenn wir heute unser Sonnensystem ansehen, finden wir es zusammengesetzt aus Weltenkörpern, die regelmäßig wiederkehrende und eine gewisse innere Geschlossenheit zeigende Bewegungen ausführen. Aber andere Weltenkörper finden wir, die sich zwar auch mit einem gewissen Rhythmus bewegen, die aber sozusagen die gewöhnlichen Gesetze des Sonnensystems durchbrechen, nämlich die Kometen. Nun ist die Substanz eines Kometen nicht eine solche mit Gesetzen, wie sie in unserem gewöhnlichen, regulären Sonnensystem bestehen, sondern mit Gesetzen, wie sie im alten Mondendasein existiert haben. In der Tat hat sich im kometarischen Dasein erhalten die Gesetzmäßigkeit des alten Mondendaseins. Ich habe schon öfter erwähnt, daß die Geisteswissenschaft diese Gesetzmäßigkeit nachgewiesen hat, bevor eine Bestätigung von seiten der Naturwissenschaft eingetreten ist. Im Jahre 1906 habe ich in Paris auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß während des alten Mondendaseins gewisse Verbindungen von Kohlenstoff und Stickstoff eine ähnliche Rolle spielten wie heute auf der Erde Verbindungen von Sauerstoff und Kohlenstoff, also Kohlensäure, Kohlendioxyd und so weiter. Diese letzteren Verbindungen haben etwas Ertötendes. Eine ähnliche Rolle haben Zyanverbindungen, blausäureartige Verbindungen während des alten Mondendaseins gespielt. Auf diese Tatsache wurde hingewiesen von der Geisteswissenschaft 1906. Auch in andern Vorträgen wurde darauf hingewiesen, daß das kometarische Dasein die Gesetze des alten Mondendaseins hineinführt in unser Sonnensystem, so daß also nicht nur zurückgeblieben sind die luziferischen Wesen, sondern auch die Gesetzmäßigkeit der alten Mondensubstanz, die in unregelmäßiger Weise hineinwirkt in unser Sonnensystem. Und es wurde immer gesagt, das kometarische Dasein müsse heute noch etwas enthalten wie Zyanverbindungen in der Kometenatmosphäre. Erst viel später, als das durch die Geisteswissenschaft verkündet worden ist, in diesem Jahre erst, ist durch die Spektralanalyse das Blausäurespektrum im Kometendasein gefunden worden.

[ 37 ] We know that certain beings have remained behind at the stage of the Earth’s ancient lunar evolution, and that these beings have remained behind in order to impart very specific qualities to human beings on Earth. But it is not only beings that have remained behind from the Earth’s ancient lunar era, but also substantialities. Beings have remained at the lunar stage who, as Luciferic entities, influence our earthly existence. Through this fact of their remaining and their influence on our earthly existence, effects are brought about in earthly existence for which the causes were already laid down in lunar existence. But something similar also takes place on a substantial level. — When we look at our solar system today, we find it composed of celestial bodies that perform movements that recur regularly and exhibit a certain inner coherence. But we find other celestial bodies that, while they also move with a certain rhythm, break through, so to speak, the ordinary laws of the solar system—namely, the comets. Now, the substance of a comet is not one governed by laws such as those that exist in our ordinary, regular solar system, but by laws such as those that existed in the ancient lunar existence. In fact, the laws of the ancient lunar existence have been preserved in the cometary existence. I have mentioned on several occasions that spiritual science has demonstrated these laws before confirmation from the natural sciences has occurred. In 1906, I drew attention in Paris to the fact that during the ancient lunar existence, certain compounds of carbon and nitrogen played a role similar to that played today on Earth by compounds of oxygen and carbon—namely, carbonic acid, carbon dioxide, and so on. These latter compounds have a deadly quality. Cyanide compounds, hydrocyanic acid-like compounds, played a similar role during the ancient lunar existence. This fact was pointed out by spiritual science in 1906. It was also pointed out in other lectures that the cometary existence introduces the laws of the ancient lunar existence into our solar system, so that not only have the Luciferic beings remained behind, but also the lawfulness of the ancient lunar substance, which acts irregularly within our solar system. And it was always said that cometary existence must still contain something like cyanide compounds in the comet’s atmosphere. Only much later, after this had been proclaimed by spiritual science—only this year—has the cyanide spectrum been found in cometary existence through spectral analysis.

[ 38 ] Hier haben Sie einen der Beweise dafür, wenn gesagt wird: Zeigt uns einmal, wie man wirklich mit der Geisteswissenschaft etwas finden kann! — Solche Dinge gibt es mehr; sie sollten nur beobachtet werden. So wirkt also etwas hinein von unserem alten Mondendasein in das jetzige Erdendasein.

[ 38 ] Here is one piece of evidence in response to those who say: “Show us how spiritual science can actually lead to discoveries!” — There are many such examples; they simply need to be observed. Thus, something from our former lunar existence continues to influence our present earthly existence.

[ 39 ] Nun fragen wir uns: Darf behauptet werden, daß äußeren sinnlichen Erscheinungen zugrunde liegt ein Geistiges?

[ 39 ] Now let us ask ourselves: Can we claim that external sensory phenomena are based on something spiritual?

[ 40 ] Für den, der sich zur Geisteswissenschaft bekennt, ist es klar, daß hinter allem sinnlich Wirklichen auch ein Geistiges liegt. Wenn substantiell etwas vom alten Mondendasein hineinwirkt in unser Erdendasein, wenn der Komet unser Erdendasein bestrahlt, so wirkt dahinter auch etwas Geistiges. Und wir könnten sogar angeben, welches Geistige sich zum Beispiel anzeigt durch den Halleyschen Kometen. Der Halleysche Komet ist der äußere Ausdruck — jedesmal, wenn er in die Sphäre unseres Erdendaseins hineinkommt — zu einem neuen Impuls zum Materialismus. Das mag der heutigen Welt abergläubisch erscheinen. Aber die Menschen sollten sich dann nur darauf besinnen, wie sie selbst geistige Wirkungen von Konstellationen der Sterne herleiten. Oder wer würde nicht sagen, daß der Eskimo deshalb ein andersgeartetes Menschenwesen ist als zum Beispiel der Hindu, weil in der Polargegend die Sonnenstrahlen unter einem andern Winkel einfallen? Überall führen auch die Naturwissenschafter auf Sternkonstellationen geistige Wirkungen in der Menschheit zurück. — Also ein geistiger Impuls zum Materialismus erfolgt parallel dem Halleyschen Kometen. Dieser Impuls kann nachgewiesen werden: Auf das Erscheinen des Halleyschen Kometen vom Jahre 1835 folgte jene materialistische Zeitströmung, die man bezeichnen kann als den Materialismus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts; auf die Erscheinung vorher folgte die materialistische Aufklärerei der französischen Enzyklopädisten. Das ist der Zusammenhang.

[ 40 ] For those who are committed to spiritual science, it is clear that behind everything that is sensually real there also lies a spiritual reality. If something substantial from the old lunar existence influences our earthly existence, if the comet shines upon our earthly existence, then there is also a spiritual force at work behind it. And we could even specify which spiritual aspect, for example, is revealed through Halley’s Comet. Halley’s Comet is the outward expression—every time it enters the sphere of our earthly existence—of a new impulse toward materialism. This may seem superstitious to the modern world. But people need only reflect on how they themselves attribute spiritual effects to constellations of the stars. Or who would not say that the Eskimo is a different kind of human being than, for example, the Hindu, because in the polar regions the sun’s rays strike at a different angle? Everywhere, natural scientists also attribute spiritual effects in humanity to constellations of the stars. — Thus, a spiritual impulse toward materialism runs parallel to Halley’s Comet. This impulse can be demonstrated: The appearance of Halley’s Comet in 1835 was followed by that materialistic current of the times which can be described as the materialism of the second half of the previous century; its earlier appearance was followed by the materialistic Enlightenment of the French Encyclopedists. That is the connection.

[ 41 ] Damit gewisse Dinge eintreten im Erdensein, mußten die Ursachen dazu früher, außerhalb des Erdendaseins gelegt werden. Und hier haben wir es sogar mit einem Weltenkarma zu tun. Denn warum ist auf dem alten Monde Geistiges und Substantielles ausgeschaltet worden? Damit gewisse Wirkungen wieder zurückstrahlen können auf diejenigen Wesenheiten, welche dieses ausgeschieden haben. Die luziferischen Wesenheiten sind ausgeschieden worden, haben eine andere Entwickelung durchmachen müssen, damit für die Wesen, die auf der Erde sind, freier Wille und die Möglichkeit zum Bösen auf der Erde entstehen konnten. Da haben wir etwas, was an karmischen Wirkungen über unser Erdendasein hinausgeht: einen Ausblick auf das Weltenkarma.

[ 41 ] In order for certain things to occur in earthly existence, their causes had to be established earlier, outside of earthly existence. And here we are even dealing with a matter of world karma. For why were spiritual and substantial elements eliminated on the ancient Moon? So that certain effects could radiate back to those beings who had cast them out. The Luciferic beings were cast out and had to undergo a different development so that free will and the possibility of evil could arise on Earth for the beings who are here. Here we have something that goes beyond the karmic effects of our earthly existence: a glimpse of world karma.

[ 42 ] So konnten wir heute sprechen über den Karmabegriff, über seine Bedeutung für die einzelne Persönlichkeit, für die Individualität, für die ganze Menschheit, innerhalb der Wirkungen unserer Erde und über die Erde hinaus — und wir haben noch etwas gefunden, was wir als Weltenkarma ansprechen können. So finden wir das Karmagesetz, das wir nennen können ein Gesetz vom Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, aber in der Weise, daß die Wirkung wieder auf die Ursache zurückschlägt und daß sich beim Zurückschlagen noch das Wesen erhalten hat, dasselbe geblieben ist. Wir finden diese karmische Gesetzmäßigkeit überall in der Welt, insofern wir die Welt als eine geistige betrachten. Wir ahnen, daß sich das Karma auf den verschiedensten Gebieten in der verschiedensten Weise offenbaren wird. Und wir ahnen, wie die verschiedenen karmischen Strömungen — persönliches Karma, Menschheitskarma, Erdenkarma, Weltenkarma und so weiter — sich kreuzen werden und daß uns gerade dadurch die Aufschlüsse werden, die wir brauchen, um das Leben zu verstehen. Und an seinen einzelnen Punkten ist das Leben nur zu verstehen, wenn wir das Zusammenwirken der verschiedensten karmischen Strömungen finden können.

[ 42 ] Today we have been able to speak about the concept of karma, about its significance for the individual personality, for individuality, for all of humanity, within the effects of our Earth and beyond it—and we have also discovered something we can refer to as world karma. Thus we find the law of karma, which we can call a law of the connection between cause and effect, but in such a way that the effect rebounds upon the cause and that, in rebounding, the essence has been preserved, has remained the same. We find this karmic law everywhere in the world, insofar as we regard the world as a spiritual one. We sense that karma will manifest itself in the most diverse ways across the most varied fields. And we sense how the various karmic currents—personal karma, human karma, Earth karma, world karma, and so on—will intersect, and that it is precisely through this that we will gain the insights we need to understand life. And life can only be understood in its individual aspects if we can discern the interplay of the most diverse karmic currents.