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The Rudolf Steiner Archive

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Okkulte Geschichte
Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
von Persönlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte
GA 126

27 Dezember 1910, Stuttgart

Erster Vortrag

[ 1 ] In der Geisteswissenschaft verhält es sich so, daß die Wahrheiten, die Erkenntnisse um so schwieriger werden, je weiter man von allgemeinen Verhältnissen heruntersteigt zu besonderen konkreten Einzelheiten. Es konnte von Ihnen dies schon bemerkt werden, als in verschiedenen Arbeitsgruppen versucht wurde, im einzelnen geschichtlich zu sprechen etwa über die Wiederverkörperungen des großen Führers der Perserreligion, des Zarathustra — als gesprochen wurde über den Zusammenhang des Zarathustra mit Moses, mit Hermes und auch mit dem Jesus von Nazareth. Auch bei anderen Gelegenheiten sind ja konkrete geschichtliche Fragen bereits berührt worden. Man steigt von Dingen, über welche das menschliche Herz noch dies oder jenes Unwahrscheinliche verhältnismäßig leicht hinnimmt, in Gebiete hinab voll von Unwahrscheinlichkeiten, sobald man heruntersteigt von den großen Wahrheiten über das geistig Durchtränkt- und Durchwobensein der Welt, von den großen Weltgesetzen zur geistigen Natur einer einzelnen Individualität, einer einzelnen Persönlichkeit. Und bei noch nicht genügend vorbereiteten Menschen beginnt in der Regel an diesem Abgrund zwischen den allgemeinen und besonderen Wahrheiten die Ungläubigkeit.

[ 2 ] Nun werde ich Ihnen in den Vorträgen — und zu denen die heutige Betrachtung eine Art von Einleitung geben soll —, die der okkulten Geschichte gewidmet sind und von historischen Tatsachen und geschichtlichen Persönlichkeiten im Lichte der Geisteswissenschaft handeln, manches Sonderbare zu sagen haben. Sie werden manches Sonderbare hören, das auf Ihren guten Willen wird rechnen müssen, auf jenen guten Willen, der herangeschult ist durch alles dasjenige, was im Laufe von Jahren an geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen durch Ihre Seele gezogen ist. Denn das ist ja die schönste, die bedeutsamste Frucht, die wir gewinnen aus der spirituellen Weltanschauung, daß, so kompliziert, so im einzelnen ausgebaut auch die Erkenntnisse sind, die wir gewinnen, wir zuletzt doch nicht vor uns haben bloß eine Summe von Dogmen, sondern daß wir in uns, in unseren Herzen, in unseren Gemütern durch diese geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise etwas besitzen, was uns hinausrückt über den Standpunkt, den wir sonst durch irgendeine andere Weltbetrachtung gewinnen können. Nicht Dogmen, nicht Lehrsätze, nicht ein bloßes Wissen nehmen wir auf, sondern durch unsere Erkenntnisse werden wir andere Menschen. In gewisser Beziehung gehört zu solchen Partien geistiger Wissenschaft wie diejenigen, die wir jetzt betrachten werden, Seelenverständnis, nicht intellektuelles Verständnis, Seelenverständnis, das vielleicht an gar manchen Stellen auch geneigt sein muß, Andeutungen anzuhören und hinzunehmen, die grob, die brutal werden würden, wenn man sie in allzu scharfe Konturen hineinpressen wollte. Wovon ich Ihnen gerne Vorstellungen hervorrufen möchte, das ist, daß in dem ganzen auch geschichtlichen Werdeprozeßß der Menschheit durch die verschiedenen Jahrtausende hindurch bis in unsere Tage hinein hinter allem Menschenwerden und menschlichen Geschehen geistige Wesenheiten, geistige Individualitäten als Leiter, als Führer stehen, und daß für die größten, für die wichtigsten Tatsachen des historischen Verlaufes dieser oder jener Mensch mit seiner ganzen Seele, mit seinem ganzen Wesen wie ein Werkzeug von dahinterstehenden, planvoll wirkenden Individualitäten erscheint. Aber wir müssen uns mancherlei Begriffe aneignen, die man im gewöhnlichen Leben nicht hat, wenn wir die merkwürdigen, geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen dem Früheren und Späteren des geschichtlichen Werdens einsehen wollen.

[ 3 ] Wenn Sie sich erinnern an manches, was gesagt worden ist im Laufe der Jahre, so kann Ihnen vor die Seele treten, daß in alten Zeiten, in Zeiten auch der nachatlantischen Kulturentwickelung, wenn wir nur einige Jahrtausende vor unsere gewöhnlich historisch genannte Zeit zurückgehen, die Menschen mehr oder weniger abnorme hellseherische Zustände hatten; daß zwischen dem, was wir heute das nüchterne, nur auf die physische Welt beschränkte Wachen nennen, und dem bewußtlosen Schlafzustand mit seinem zweifelhaften Reich der Träume, ein Bewußtseinsreich war, durch welches der Mensch hineintauchte in eine geistige, in eine spirituelle Realität. Und dasjenige, was heute von gelehrten Leuten, die so viele Mythen und Sagen wissenschaftlich erdichten, als dichtende Volksphantasie ausgelegt wird, wir wissen, daß es in Wahrheit zurückführt auf altes Hellsehen, auf hellsichtige Zustände der Menschenseele, die in jenen Zeiten hinter das physische Dasein sah und das also Geschaute in den Bildern der Mythe und auch der Märchen und Legenden zum Ausdruck gebracht hat. So daß wirklich, wenn wir alte, und zwar richtige alte Mythen, Märchen und Sagen vor uns haben, wir mehr Erkenntnis, mehr Weisheit und Wahrheit in ihnen finden können als in unserer heutigen abstrakten Gelehrsamkeit und Wissenschaft. Also wir blicken sozusagen auf einen hellsichtigen Menschen zurück, wenn wir den Blick in sehr alte Zeiten lenken, und wir wissen, daß diese Hellsichtigkeit immer mehr und mehr abnimmt bei den verschiedenen Völkern verschiedener Zeiten. Heute, bei dem Vortrage in der Weihnachtsfeier, habe ich sogar darauf aufmerksam machen dürfen, wie in Europa verhältnismäßig sehr spät noch Reste des alten Hellsehens im weitesten Umfange vorhanden waren. Das Erlöschen des Hellsehens und das Auftreten des auf den physischen Plan beschränkten Bewußtseins vollzieht sich zu verschiedenen Zeiten bei den verschiedenen Völkern.

[ 4 ] Sie können sich nun denken, daß durch die Kulturepochen, wie wir sie aufgezählt haben nach der großen atlantischen Katastrophe, durch die altindische, altpersische, ägyptisch-chaldäische, griechisch-lateinische und durch unsere Kulturepoche hindurch, die Menschen sozusagen in verschiedenster Art wirken mußten auf dem Plan der Weltgeschichte, weil sie in verschiedener Art verbunden waren mit der geistigen Welt. Wenn wir in die persische, auch noch in die ägyptisch-chaldäische Zeit zurückgehen, da ragt sozusagen das, was der Mensch in seiner Seele fühlte, erlebte, hinauf in geistige Welten, und geistige Mächte spielten in seine Seele herein. Was da eine lebendige Verbindung hatte zwischen der menschlichen Seele und den geistigen Welten, das hört im wesentlichen erst auf im vierten, im griechisch-lateinischen Zeitraum, und ganz und gar verschwunden ist es erst in unserer Zeit. Für die äußere Geschichte ist es in unserer Zeit nur da vorhanden, wo mit den Mitteln, die den Menschen heute zugänglich sind, bewußt die Verbindung wiederum gesucht wird zwischen dem, was in der Menschenseele lebt, und den geistigen und spirituellen Welten. Also in alten Zeiten, wenn der Mensch hineinschaute in seine Seele, barg diese Seele nicht nur das in sich, was sie von der physischen Welt gelernt hatte, was sie erdacht hatte nach den Dingen der physischen Welt, sondern es lebte unmittelbar in ihr dasjenige, was wir zum Beispiel als geistige Hierarchien über den Menschen hinauf bis in die geistigen Welten hinein geschildert haben. Das wirkte durch das Instrument der Menschenseele herunter auf den physischen Plan, und die Menschen wußten sich in Verbindung mit diesen Individualitäten der höheren Hierarchien. Wenn wir zurückschauen meinetwillen noch in die ägyptisch-chaldäische Zeit — allerdings müssen wir da die älteren Perioden nehmen —, so haben wir Menschen, die sozusagen historische Persönlichkeiten sind; aber wir verstehen sie nicht, wenn wir sie in dem Sinn von heute als historische Persönlichkeiten auffassen.

[ 5 ] Wenn wir heute von historischen Persönlichkeiten sprechen, sind wir als Menschen des materialistischen Zeitalters davon überzeugt, daß es nur die Impulse, die Intentionen der betreffenden Persönlichkeiten sind, die da wirken im Laufe der Geschichte. So können wir im Grunde genommen nur noch die Menschen von drei Jahrtausenden verstehen, das heißt allenfalls noch annähernd die Menschen desjenigen Jahrtausends, das mit der Geburt des Christus Jesus abschließt, und dann die Menschen des 1. und des 2. christlichen Jahrtausends, in dem wir ja selber stehen. Plato, Sokrates, vielleicht auch Thales und Perikles, das sind Menschen, die man allenfalls noch als uns ähnlich verstehen kann. Geht man aber weiter zurück, dann hört die Möglichkeit auf, Menschen zu verstehen, wenn man sie nur aus der Analogie mit den Menschen der Gegenwart verstehen will. So läßt sich etwa der ägyptische Hermes, der große Lehrer der ägyptischen Kultur, nicht mehr verstehen, auch nicht Zarathustra, und nicht einmal Moses. Wenn wir zurückgehen jenseits des Jahrtausends, das der christlichen Zeitrechnung vorangeht, dann müssen wir schon damit rechnen, daß überall, wo wir es mit historischen Persönlichkeiten zu tun haben, höhere Individualitäten, höhere Hierarchien hinter ihnen stehen, diese Persönlichkeiten gleichsam von sich besessen machen, im besten Sinne des Wortes allerdings. Nun zeigt sich eine eigentümliche Erscheinung, ohne deren Kenntnis wir nicht den historischen Werdegang verstehen können.

[ 6 ] Wir haben unterschieden bis zu unserer Zeit fünf Zeiträume. Also wir haben den ersten nachatlantischen Kulturzeitraum weit zurückreichend in den Jahrtausenden, den indischen Zeitraum, wir haben den zweiten, den altpersischen, den dritten, den ägyptisch-chaldäischen, den vierten, den griechisch-lateinischen, und den fünften, unseren eigenen Zeitraum. Schon wenn wir von dem griechisch-lateinischen Charakter zurückgehen zu dem ägyptischen, da müssen wir diesen Übergang für die historische Betrachtungsweise machen, daß wir anstatt einer rein menschlichen Betrachtungsweise, wie sie uns allenfalls noch den Gestalten der griechischen Welt gegenüber bis ins Heroenzeitalter dienen kann, einen anderen Maßstab anlegen, daß wir anfangen, hinter den einzelnen Persönlichkeiten die geistigen Mächte zu suchen, die Überpersönliches darstellen, und die durch die Persönlichkeiten als ihre Instrumente wirken. Diese geistigen Individualitäten müssen wir dabei ins seelische Auge fassen, so daß wir also förmlich sehen könnten einen Menschen, der auf dem physischen Plan steht, und hinter ihm wirksam eine Wesenheit der höheren Hierarchien, die diesen Menschen gleichsam von hinten hält und ihn hinstellt auf den Platz, auf dem er zu stehen hat innerhalb der Menschheitsentwickelung.

[ 7 ] Nun ist es gerade schon interessant genug, von diesem Gesichtspunkt aus die Beziehungen anzuschlagen zwischen den eigentlich wichtigen Vorgängen, den historisch bestimmenden Vorgängen der ägyptisch-chaldäischen Epoche und der griechisch-lateinischen Epoche. Das sind zwei aufeinanderfolgende Kulturepochen, und wir dringen zunächst, sagen wir, bis zum Jahre 2800, 3200 bis 3500 vor unserer Zeitrechnung, also verhältnismäßig gar nicht sehr weit. Dennoch werden wir nicht begreifen, was da geschehen ist, was ja auch heute schon die alte Geschichte etwas bloßlegt; wir werden es nur dann begreifen, wenn wir hinter den geschichtlichen Persönlichkeiten die höheren Individualitäten sehen. Dann aber zeigt sich uns weiter, daß wir von all den wichtigen Dingen, die da im dritten Zeitraum geschahen, eine Art Wiederholung haben in dem vierten, im griechisch-lateinischen Zeitraum. Es ist fast so, wie wenn sozusagen das, was durch höhere Gesetze für den vorhergehenden Zeitraum erklärlich ist, durch Gesetze der physischen Welt erklärlich wird für den folgenden; wie wenn es heruntergestiegen wäre, sich um eine Stufe vergröbert hätte, physischer geworden wäre: eine Art von Spiegelung in der physischen Welt zeigt sich uns für große Ereignisse der vorhergehenden Zeiträume.

[ 8 ] Ich will Ihnen eben heute eine Einleitung geben und möchte Sie deshalb hinweisen darauf, wie uns in einem bedeutsamen Mythos eine der wichtigsten Tatsachen des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes gegeben ist; wie sich dann dieses Ereignis widerspiegelt, aber um eine Stufe herunterversetzt, im griechisch-lateinischen Zeitraum. Also zwei parallele Tatsachen möchte ich hinstellen, die zusammengehören in okkulter Beziehung; die eine dann gleichsam um einen halben Plan höher und die andere ganz auf der physischen Erde stehend, aber wie eine Art physisch gewordenen Schattenbildes eines geistigen Ereignisses der früheren Epoche. Außerlich hat die Menschheit solche Ereignisse, wo Mächte der höheren Hierarchien dahinterstehen, immer nur durch Mythen erzählen können. Aber wir werden sehen, was gerade hinter dem Mythos liegt, der uns als das bedeutsamste Ereignis schildert, was aus der chaldäischen Zeit hereinragt. Wir wollen uns nur die Hauptzüge des Mythos vor Augen stellen.

[ 9 ] Dieser Mythos besagt das folgende: Da war einmal ein großer König, namens Gilgamesch. Aber schon aus dem Namen erkennt derjenige, der solche Namen zu beurteilen vermag, daß wir es nicht bloß mit einem physischen König zu tun haben, sondern mit einer dahinterstehenden Gottheit, mit einer dahinterstehenden geistigen Individualität, von der der König von Erek besessen war, die durch ihn wirkte. Also wir haben es zu tun mit dem, was wir im realen Sinne einen Gottmenschen zu nennen haben. Er bedrückt die Stadt Erek, so wird uns erzählt. Die Stadt Erek wendet sich an ihre Gottheit Aruru, und diese Gottheit läßt einen Helfer erstehen: aus der Erde heraus erwächst dieser Held. Das sind also die Bilder des Mythos; wir werden sehen, welche Tiefen von historischen Ereignissen hinter diesem Mythos liegen. Die Gottheit läßt erstehen aus der Erde heraus Eabani, eine Art von menschlicher Wesenheit, welche im Verhältnis zu Gilgamesch ausschaut wie eine niedere Wesenheit, denn es wird erzählt, daß er Tierfelle hatte, daß er mit Haaren bedeckt war, daß er wie ein Wilder war; aber in seiner Wildheit lebte Gottbeseeltheit, altes Hellsehen, Hellwissen, alte Hell-Erkenntnis.

[ 10 ] Eabani lernt eine Frau aus Erek kennen, und er wird dadurch in die Stadt gezogen. Er wird der Freund des Gilgamesch und dadurch zieht Friede in die Stadt ein. Nun herrschen sie beide zusammen, Gilgamesch und Eabani. Da wird durch eine Nachbarstadt die Stadtgöttin Ischtar der Stadt des Eabani und des Gilgamesch geraubt. Sie unternehmen beide einen Kriegszug gegen die räuberische Stadt. Sie überwinden den König und gewinnen die Stadtgöttin zurück. Nun ist die Stadtgöttin wiederum in Erek eingezogen, Gilgamesch lebt ihr gegenüber, und da tritt uns das Eigentümliche entgegen, daß Gilgamesch kein Verständnis hat für die eigenartige Natur der Stadtgöttin. Eine Szene spielt sich nun ab, die einen unmittelbar erinnert an eine biblische Szene des JohannesEvangeliums. Gilgamesch steht Ischtar gegenüber. Er benimmt sich allerdings anders als der Christus Jesus; er wirft der Stadtgöttin vor, daß sie, bevor sie ihm gegenübergetreten sei, viele andere Männer geliebt habe. Namentlich die Bekanntschaft mit dem letzten wirft er ihr vor. Darauf geht sie beschwerdeführend zu derjenigen Gottheit, zu derjenigen Wesenheit der höheren Hierarchien, der gerade sie, die Stadtgöttin, zugeteilt ist: sie geht zu Anu. Und nun sendet Anu einen Stier auf die Erde herab, mit diesem Stier muß Gilgamesch kämpfen. Wer sich an den stierbekämpfenden Mithras erinnert, der findet einen Anklang daran an dieser Stelle, wo der von Anu heruntergesandte Stier bekämpft werden muß von Gilgamesch. Alle diese Ereignisse haben. — und wir werden sehen, wenn wir den Mythos erklären werden, welche Tiefen darin stecken — nun dahin geführt, daß Eabani mittlerweile gestorben ist. Gilgamesch ist jetzt allein. Ihm kommt ein Gedanke, der furchtbar an seiner Seele zehrt. Unter dem Eindruck dessen, was er da erlebt hat, wird ihm der Gedanke erst bewußt, daß der Mensch doch sterblich ist. Ein Gedanke, den er früher nicht berücksichtigt hatte, der tritt ihm in seiner ganzen Furchtbarkeit vor die Seele. Und da vernimmt er von dem einzigen Erdenmenschen, der unsterblich geblieben ist, während alle anderen Menschen in der nachatlantischen Zeit das Bewußtsein der Sterblichkeit erlangt haben: er hört von dem unsterblichen Xisuthros weit im Westen drüben. Nun unternimmt er, weil er erforschen will die Rätsel von Leben und Tod, den schweren Zug nach dem Westen. — Schon heute kann ich sagen: Dieser Zug nach dem Westen ist kein anderer als der Zug nach den Geheimnissen der alten Atlantis, nach den Ereignissen, die vor der großen atlantischen Katastrophe liegen.

[ 11 ] Dahin unternimmt Gilgamesch den Wanderzug. Sehr interessant ist es, daß er vorbei muß an einer Pforte, die behütet ist von Skorpionenriesen, daß ihn der Geist einführt in das Reich des Todes, daß er eintritt in das Reich des Xisuthros und daß er in diesem Reich des Xisuthros erfährt, daß alle Menschen immer mehr von dem Bewußtsein des Todes durchdrungen werden müssen in der nachatlantischen Zeit. Nun fragt er Xisuthros, woher er denn ein Wissen habe von seinem ewigen Kern, warum er von dem Bewußtsein der Unsterblichkeit durchdrungen sei. Da sagt ihm Xisuthros: Du kannst es auch werden, aber du mußt nacherleben, was ich durchleben mußte durch all die Überwindungen von Furcht und Angst und Einsamkeit, die ich durchmachen mußte. Als der Gott Ea beschlossen hatte — in dem, was wir die atlantische Katastrophe nennen —, untergehen zu lassen, was von der Menschheit nicht weiter fortleben sollte, da trug er mir auf, mich zurückzuziehen in eine Art Schiff. Hineinnehmen sollte ich die Tiere, die übrigbleiben sollten, und diejenigen Individualitäten, die da in Wahrheit genannt werden die Meister. Mit diesem Schiff überdauerte ich die große Katastrophe. So erzählte Xisuthros dem Gilgamesch, und sagte: Was da durchgemacht worden ist, das kannst du nur im Inneren erleben. Dadurch aber kannst du zum Bewußtsein der Unsterblichkeit kommen, wenn du sieben Nächte und sechs Tage nicht schläfst. — Gilgamesch will sich dieser Probe unterziehen, schläft aber sehr bald ein. Da bäckt die Frau des Xisuthros sieben mystische Brote, die sollen ersetzen durch ihren Genuß das, was in den sieben Nächten und sechs Tagen hätte errungen werden sollen. Nun zieht Gilgamesch weiter mit dieser Art Lebenselixier und macht etwas durch wie ein Bad im Jungbrunnen und kommt wieder an die Küste seiner Heimat, die etwa am Euphrat und Tigris liegt. Da wird ihm die Kraft des Lebenselixiers durch eine Schlange genommen, und er kommt also wieder ohne das Lebenselixier in seinem Lande an, aber doch mit dem Bewußtsein, daß es eine Unsterblichkeit gibt und von Sehnsucht erfüllt, wenigstens noch den Geist des Eabani zu sehen. Der erscheint ihm nun wirklich, und aus dem Gespräch, das sich dann abspinnt, erfahren wir die Art, wie sozusagen für die Kultur der ägyptisch-chaldäischen Zeit das Bewußtsein des Zusammenhanges mit der geistigen Welt aufgehen konnte. Das ist wichtig, dieses Verhältnis von Gilgamesch und Eabani.

[ 12 ] Nun habe ich sozusagen Ihnen die Bilder eines Mythos hingestellt, des bedeutenden Gilgamesch-Mythos, des Mythos, von dem wir sehen werden, daß er uns in die spirituellen Tiefen führen wird, die hinter dem chaldäisch-babylonischen Kulturzeitraum liegen. Ich wollte Ihnen diese Bilder vorführen, die Ihnen zeigen werden, daß sozusagen zwei Individualitäten dastehen: die Individualität einer Wesenheit, die in sich hereinragen hat eine göttlich-geistige Wesenheit: Gilgamesch — und eine, die mehr Mensch ist, aber so, daß wir sie nennen möchten eine junge Seele, die noch wenige Inkarnationen durchgemacht hat und daher noch altes Hellsehen in späte Zeiten hereingetragen hat: Eabani.

[ 13 ] Äußerlich ist uns dieser Eabani so dargestellt, daß er in Tierfelle gekleidet ist. Es wird uns damit seine Wildheit angedeutet; aber eben durch diese Wildheit ist er noch mit alter Hellsichtigkeit begabt einerserts, und auf der anderen Seite ist er eine junge Seele, die viel weniger Inkarnationen durchlebt hat als andere auf der Höhe der Entwickelung stehende Seelen. So stellt uns Gilgamesch dar eine Wesenheit, die zur Initiation reif war, die nur diese Initiation nicht mehr erreichen konnte, denn der Gang nach Westen ist der Gang zu einer Initiation, die nicht zu Ende geführt worden ist. Wir sehen auf der einen Seite den eigentlichen Inauguratur der chaldäisch-babylonischen Kultur in Gilgamesch und hinter ihm wirksam eine göttlich-geistige Wesenheit, eine Art Feuergeist, und dann neben ihm eine andere Individualität, eine junge Seele, den Eabani, eine Individualität, die spät erst zur Erdeninkarnation heruntergekommen ist. Wenn Sie die «Geheimwissenschaft im Umriß» lesen, so werden Sie sehen, daß die Individualitäten erst nach und nach von den Planeten wieder heruntergekommen sind. — Von dem Austausch dessen, was diese beiden wissen, hängt die babylonischchaldäische Kultur ab, und wir werden sehen, daß die ganze babylonisch-chaldäische Kultur ein Ergebnis dessen ist, was von Gilgamesch und Eabani herrührt. Da ragt Hellsichtigkeit von dem Gottmenschen Gilgamesch und Hellsichtigkeit von der jungen Seele Eabani in die chaldäisch-babylonische Kultur hinein. Dieser Prozeß von zweien, die nebeneinander wirken, von denen der eine dem anderen notwendig ist, das spiegelt sich nun ab im spätern vierten Kulturzeitraum, im griechisch-lateinischen, und zwar auf dem physischen Plan. Zum vollen Verständnis einer solchen Abspiegelung werden wir allerdings erst allmählich gelangen. Es spiegelt sich also ein mehr geistiger Vorgang auf dem physischen Plane ab, als die Menschheit sehr weit heruntergestiegen ist, als sie nicht mehr die Zusammengehörigkeit der menschlichen Persönlichkeit mit der geistig-göttlichen Welt fühlt.

[ 14 ] Diese Geheimnisse der geistig-göttlichen Welt sind bewahrt worden in den Mysterienstätten. So zum Beispiel war vieles von den alten, heiligen Geheimnissen, die da kündeten den Zusammenhang der menschlichen Seele mit den göttlich-geistigen Welten, aufbewahrt worden in dem Mysterium der Diana von Ephesus und im ephesischen Tempel. Da war vieles darinnen, was einem Zeitalter, das herausgegangen war zur menschlichen Persönlichkeit, nicht mehr verständlich war. Und wie ein Wahrzeichen des geringen Verständnisses der bloß äußern Persönlichkeit für das, was spirituell geblieben ist, steht uns die halb mythische Figur des Herostrat da, die nur auf das Äußerlichste der Persönlichkeit sieht; Herostrat, der die Feuerfackel wirft in den Tempel des Heiligtums von Ephesus. Wie ein Wahrzeichen des Zusammenstoßes der Persönlichkeit mit dem, was von alten spirituellen Zeiten geblieben ist, erscheint uns diese Tat. Und an demselben Tage, wo ein Mensch, bloß um seinen Namen auf die Nachwelt zu bringen, die Feuerfackel wirft in den Tempel des Heiligtums von Ephesus, an dem gleichen Tage wird der Mensch geboren, der zur Persönlichkeitskultur das allermeiste getan hat auf demjenigen Grund und Boden, auf dem die bloße Persönlichkeitskultur überwunden werden soll: Herostrat wirft die Fackel an dem Tage, da Alexander der Große geboren wird, der Mensch, der ganz Persönlichkeit ist. So steht Alexander der Große da als das Schattenbild des Gilgamesch.

[ 15 ] Dahinter steckt eine tiefe Wahrheit. Wie das Schattenbild des Gilgamesch steht Alexander der Große im vierten, im griechisch-lateinischen Zeitraum, wie die Projektion eines Geistigen auf den physischen Plan. Und der Eabani, der ist, projiziert auf den physischen Plan, Aristoteles, der Lehrer Alexanders des Großen. So sonderbar das ist: Alexander und Aristoteles stehen nebeneinander wie Gilgamesch und Eabani. Und wir sehen sozusagen, wie im ersten Drittel des vierten nachatlantischen Zeitraumes von Alexander dem Großen herübergetragen wird — nur in die Gesetze des physischen Planes übersetzt — das, was von Gilgamesch der chaldäisch-babylonischen Kultur gegeben worden war. Das drückt sich wunderbar aus, indem als eine Nachwirkung der Taten Alexanders des Großen an der Stätte des ägyptisch-chaldäischen Kulturschauplatzes Alexandria gegründet wird, um es, wie in ein Zentrum, gerade dort hinzusetzen, wohin der dritte Zeitraum, der ägyptisch-babylonisch-chaldäische, so mächtig gereicht hatte. Und alles sollte sich zusammenfinden in diesem alexandrinischen Kulturzentrum. Da sind nach und nach wirklich zuammengekommen all die Kulturströmungen, die sich begegnen sollten aus der nachatlantischen Zeit. Wie in einem Zentrum trafen sie sich gerade in Alexandrien, an der Stätte, die hingestellt war auf den Schauplatz des dritten Kulturzeitraums, mit dem Charakter des vierten Zeitraums. Und Alexandria überdauerte die Entstehung des Christentums. Ja, in Alexandrien entwickelten sich erst die wichtigsten Dinge des vierten Kulturzeitraumes, als das Christentum schon da war. Da waren die großen Gelehrten tätig, da waren insbesondere die drei allerwesentlichsten Kulturströmungen zusammengeflossen: die alte heidnisch-griechische, die christliche und die mosaisch-hebräische. Die waren zusammen in Alexandria, die wirkten da durcheinander. Und es ist undenkbar, daß die Kultur Alexandriens, die ganz auf Persönlichkeit gebaut war, durch irgend etwas anderes hätte inauguriert werden können als durch das mit Persönlichkeit inspirierte Wesen, wie es Alexander der Große war. Denn jetzt nahm gerade durch Alexandrien, durch diesen Kulturmittelpunkt, alles das, was früher überpersönlich war, was früher überall hinaufgeragt hat von der menschlichen Persönlichkeit in die höheren geistigen Welten, einen persönlichen Charakter an. Die Persönlichkeiten, die da vor uns stehen, haben sozusagen alles in sich; wir sehen nurmehr ganz wenig die Mächte, die von höheren Hierarchien aus sie lenken und sie an ihren Platz stellen. All die verschiedenen Weisen und Philosophen, die in Alexandria gewirkt haben, sind ganz ins Menschlich-Persönliche umgesetzte alte Weisheit; überall spricht das Persönliche aus ihnen. Das ist das Eigenartige: Alles, was im alten Heidentum nur dadurch erklärlich war, daß immer darauf hingewiesen wurde, wie Götter heruntergestiegen sind und sich mit Menschentöchtern verbunden haben, um Helden zu erzeugen, all das wird umgesetzt in die persönliche Tatkraft der Menschen in Alexandria. Und was das Judentum, die mosaische Kultur in Alexandria für Formen angenommen hat, das können wir aus dem ersehen, was uns gerade die Zeiten, in denen das Christentum schon da war, zeigen. Da ist nichts mehr vorhanden von jenen tiefen Auffassungen eines Zusammenhanges der Menschenwelt mit der geistigen Welt, wie sie in der Prophetenzeit immerhin vorhanden war, wie sie selbst in den letzten zwei Jahrhunderten vor dem Beginne unserer Zeitrechnung noch zu finden ist: da ist auch im Judentum alles Persönlichkeit geworden. Tüchtige Menschen sind da, mit außerordentlicher Vertiefung in die Geheimnisse der alten Geheimlehren, aber persönlich ist alles geworden, Persönlichkeiten wirken in Alexandria. Und das Christentum tritt zuerst in Alexandria auf, man möchte sagen, wie in seiner entarteten Kindheitsstufe.

[ 16 ] Das Christentum, das berufen ist, das Persönliche im Menschen immer weiter hinaufzuführen in das Unpersönliche, es trat gerade in Alexandria besonders stark auf. Namentlich wirkten die christlichen Persönlichkeiten so, daß wir oftmals den Eindruck haben: es sind in ihren Taten schon Vorwegnahmen späterer Handlungen rein persönlich wirkender Bischöfe und Erzbischöfe. So wirkte der Erzbischof Theophilos im 4. Jahrhundert, so wirkte sein Nachfolger und Verwandter, der heilige Kyrillos. Wir können sie sozusagen nur beurteilen von ihren menschlichen Schwächen aus. Das Christentum, das das Größte der Menschheit geben soll, zeigt sich zuerst in seinen allergrößten Schwächen und von seiner persönlichen Seite. Aber es sollte in Alexandria ein Wahrzeichen vor die ganze Entwickelung der Menschheit hingestellt werden.

[ 17 ] Da haben wir wiederum eine solche Projektion von früherem Spirituellerem auf den äußeren physischen Plan. Es gab eine wunderbare Persönlichkeit in den alten orphischen Mysterien; sie machte die Geheimnisse dieser Mysterien durch; sie gehörte zu den allersympathischsten, zu den allerinteressantesten Schülern der alten griechischen orphischen Mysterien. Sie war gut vorbereitet, namentlich durch eine gewisse keltische Geheimschulung, die sie in früheren Inkarnationen durchgemacht hatte. Diese Individualität hat mit einer tiefen Inbrunst die Geheimnisse der orphischen Mysterien gesucht. Das sollte ja an der eigenen Seele durchlebt werden von den Schülern der orphischen Geheimnisse, was in dem Mythos enthalten ist von dem Dionysos Zagreus, der von den Titanen zerstückelt wird, dessen Leib aber Zeus zu einem höheren Leben emporführt. Als ein individuelles menschliches Erlebnis sollte es gerade von den Orphikern nacherlebt werden, wie der Mensch dadurch, daß er einen gewissen Mysterienweg durchmacht, sozusagen sich auslebt in der äußeren Welt, mit seinem ganzen Wesen zerstückelt wird, aufhört, sich in sich selber zu finden.

[ 18 ] Während es sonst eine abstrakte Erkenntnis ist, wenn wir auf die gewöhnliche Art und Weise die Tiere, Pflanzen, Mineralien erkennen, weil wir außerhalb ihrer bleiben — so muß derjenige, der eine wirkliche Erkenntnis im okkulten Sinn erlangen will, sich so üben, wie wenn er in den Tieren, Pflanzen, Mineralien, in Luft und Wasser, in Quellen und Bergen, in den Steinen und Sternen, in den anderen Menschen darinnen wäre, wie wenn er eins wäre mit ihnen. Und dennoch muß er die starke innere Seelenkraft entwickeln als Orphiker, um wiederhergestellt als ganz in sich geschlossene Individualität zu triumphieren über die Zerstückelung in der äußeren Welt. Es gehörte in einer gewissen Weise zum Höchsten, was man an Einweihungsgeheimnissen hat erleben können, wenn dasjenige, was ich Ihnen eben angedeutet habe, menschliches Erlebnis geworden war. Und viele Schüler der orphischen Mysterien haben solche Erlebnisse durchgemacht, haben auf diese Weise ihre Zerstückelung in der Welt erlebt und haben damit das Höchste durchgemacht, was in vorchristlichen Zeiten als eine Art Vorbereitung für das Christentum hat erlebt werden können.

[ 19 ] Zu den orphischen Mysterienschülern gehört unter anderen auch die sympathische Persönlichkeit, die nicht mit einem äußeren Namen auf die Nachwelt gekommen ist, die sich aber deutlich zeigt als ein Schüler der orphischen Mysterien, und auf die ich jetzt hindeute. Schon als Jüngling und dann viele Jahre hindurch war diese Persönlichkeit mit all den griechischen Orphien eng verbunden. Sie hat gewirkt in derjenigen Zeit, die der griechischen Philosophie vorangegangen ist und die nicht mehr in den Geschichtsbüchern der Philosophie aufgezeichnet ist; denn das, was mit Thales und Heraklit aufgezeichnet ist, das ist ein Nachklang von dem, was die Mysterienschüler früher in ihrer Art gewirkt haben. Und zu diesen Mysterienschülern gehört derjenige, von dem ich Ihnen jetzt eben spreche als einem Schüler der orphischen Mysterien, der dann wiederum zu seinem Schüler hatte jenen Pherekydes von Syros, der in dem Münchner Zyklus «Der Orient im Lichte des Okzidents» vom vorigen Jahre angeführt worden ist.

[ 20 ] Sehen Sie, diese Individualität, die in jenem Schüler der orphischen Mysterien war, sie finden wir durch Forschung in der Akasha-Chronik wiederverkörpert im 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit. Wir finden sie in ihrer Wiederverkörperung hineingestellt mitten in das Treiben der Kreise von Alexandria, wobei umgesetzt sind die orphischen Geheimnisse in persönliche Erlebnisse, freilich höchster Art. Es ist merkwürdig, wie das alles bei der Wiederverkörperung in persönliche Erlebnisse umgesetzt war. Am Ende des 4. Jahrhunderts der nachchristlichen Zeit als die Tochter eines großen Mathematikers, des Theon, sehen wir diese Individualität wiedergeboren. Wir sehen, wie in ihrer Seele alles das auflebt, was man durchleben konnte von den orphischen Mysterien an der Anschauung der großen, mathematischen, lichtvollen Zusammenhänge der Welt. Das alles war jetzt persönliches Talent, persönliche Fähigkeit. Jetzt brauchte selbst diese Individualität einen Mathematiker zum Vater, um etwas vererbt zu erhalten; so persönlich mußten diese Fähigkeiten sein.

[ 21 ] So blicken wir zurück auf Zeiten, wo der Mensch noch in Zusammenhang war mit den geistigen Welten wie bei jener orphischen Persönlichkeit, so sehen wir ihr Schattenbild unter denjenigen, die da lehrten in Alexandria an der Grenzscheide des 4. zum 5. Jahrhundert. Und noch nichts hatte diese Individualität aufgenommen von dem, was, man könnte sagen, die Menschen damals über die Schattenseiten des christlichen Anfangs hinwegsehen ließ; denn zu groß war noch in dieser Seele alles das, was ein Nachklang war aus den orphischen Mysterien, zu groß, als daß es von jenem anderen Licht, dem neuen ChristusEreignis, hätte erleuchtet werden können. Was als Christentum ringsherum auftrat, etwa in Theophilos und Kyrillos, das war wahrhaftig so, daß jene orphische Individualität, die jetzt einen persönlichen Charakter angenommen hatte, Größeres und Weisheitsvolleres zu sagen und zu geben hatte als diejenigen, die das Christentum in jener Zeit zu Alexandria vertraten.

[ 22 ] Vom tiefsten Haß erfüllt waren Theophilos sowohl als auch Kyrillos gegen alles, was nicht christlich-kirchlich war in dem engen Sinn, wie es gerade diese beiden Erzbischöfe aufgefaßt haben. Ganz persönlichen Charakter hatte das Christentum da angenommen, so einen Persönlichkeitscharakter, daß diese beiden Erzbischöfe sich persönliche Söldlinge anwarben. Überall wurden die Menschen zusammengeholt, die sozusagen Schutztruppen der Erzbischöfe bilden sollten. Auf Macht im persönlichsten Sinn kam es ihnen an. Und was sie ganz beseelte, das war der Haß gegen das, was aus alten Zeiten herrührte und doch so viel größer war als das in einem Zerrbild erscheinende Neue. Der tiefste Haß lebte in den christlichen Würdenträgern Alexandriens namentlich gegen die Individualität des wiedergeborenen Orphikers. Und daher brauchen wir uns nicht zu verwundern, daß die wiederverkörperte Orphiker-Individualität angeschwärzt wurde als schwarze Magierin. Und das war genügend, um den ganzen Pöbel, der als Söldlinge angeworben war, aufzustacheln gegen die hehre, einzigartige Gestalt des wiederverkörperten Orpheus-Schülers. Und diese Gestalt war noch jung, und sie war trotz ihrer Jugend, trotzdem sie manches durchzumachen hatte, was auch in der damaligen Zeit einem Weibe durch lange Studien hindurch große Schwierigkeiten machte, sie war hinaufgestiegen zu dem Lichte, das leuchten konnte über alle Weisheit, über alle Erkenntnis der damaligen Zeiten. Und es war ein Wunderbares, wie in den Lehrsälen der Hypatia — denn so hieß der wiederverkörperte Orphiker —, wie da die reinste, lichtvollste Weisheit in Alexandrien zu den begeisterten Hörern drang. Sie hat zu ihren Füßen gezwungen nicht etwa nur die alten Heiden, sondern auch solche einsichtsvolle, tiefgehende Christen wie den Synesius. Sie war von einem bedeutsamen Einfluß und man konnte das in die Persönlichkeit umgesetzte Wiederaufleben der alten heidnischen Weisheit des Orpheus in Hypatia in Alexandria erleben.

[ 23 ] Und wahrhaftig symbolisch wirkte das Weltenkarma. Was das Geheimnis ihrer Einweihung ausmachte, es erschien wirklich hineinprojiziert, abgeschattet, auf den physischen Plan. Und damit berühren wir ein Ereignis, das symbolisch wirksam und bedeutend ist für manches, was sich in historischen Zeiten abspielt. Wir berühren eines jener Ereignisse, das scheinbar nur ein Märtyrertod ist, das aber ein Symbolum ist, in dem sich spirituelle Kräfte und Bedeutungen aussprechen.

[ 24 ] Der Wut derer, die um den Erzbischof von Alexandrien waren, verfiel an einem Märztage des Jahres 415 Hypatia. Ihrer Macht, ihrer geistigen Macht wollte man sich entledigen. Die ungebildetsten, wilden Horden waren hereingehetzt auch von der Umgebung Alexandriens, und unter Vorspiegelungen holte man die jungfräuliche Waise ab. Sie bestieg den Wagen und auf ein Zeichen machten sich die aufgehetzten Leute über sie her, rissen ihr die Kleider vom Leibe, schleppten sie in eine Kirche und rissen ihr buchstäblich das Fleisch von den Knochen. Sie zerfleischten und zerstückelten sie, und die Stücke ihres Leibes wurden von den durch ihre gierigen Leidenschaften völlig entmenschten Massen noch in der Stadt herumgeschleift. Das ist das Schicksal der großen Philosophin Hypatia.

[ 25 ] Symbolisch, möchte ich sagen, ist da etwas angedeutet, das tief zusammenhängt mit der Gründung Alexanders des Großen, Alexandriens, wenn es auch spät erst nach der Begründung Alexandriens sich zuträgt. In diesem Ereignis sind abgespiegelt wichtige Geheimnisse des vierten nachatlantischen Zeitalters, das so Großes, Bedeutendes in sich hatte, und das auch dasjenige, was es zeigen mußte als Auflösung des Alten, als Hinwegfegung des Alten, in einer so paradox großartigen Weise vor die Welt hingestellt hat in einem so bedeutsamen Symbolum, wie es die Hinschlachtung — anders kann man es nicht nennen — der bedeutendsten Frau von der Wende des 4. zum 5. Jahrhundert, der Hypatia, war.