Okkulte Geschichte
Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
von Persönlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte
GA 126
30 Dezember 1910, Stuttgart
Vierter Vortrag
[ 1 ] Sie werden entnehmen können aus den Andeutungen der letzten Tage, daß die griechisch-lateinische Kultur in einer gewissen Beziehung in der Mitte der ganzen nachatlantischen Kultur steht. Die drei vorangehenden Kulturepochen sind gleichsam die Vorbereitung zu jener Arbeit der menschlichen Seele, des Ich im Ich, wie wir das für die griechische Kultur angedeutet haben. Wie ein Herabstieg aus hellseherischen Anschauungen zu der rein menschlichen Anschauung im Griechentum, so nehmen sich aus die altindische, persische, ägyptische Kultur. Wie ein Wiederhinaufsteigen, ein Wiedererreichen hellseherischer Kulturen muß uns das erscheinen, was mit unserem Zeitraume beginnt und was in immer ausgebreiteterem Maße in den nächsten Jahrhunderten und Jahrtausenden für die Menschheit erreicht werden muß. So müssen wir sagen: In dem ägyptisch-babylonisch-chaldäischen Kulturzeitraume haben wir sozusagen die letzte Vorbereitung für das rein menschliche Griechentum. Der Mensch steigt damals, im dritten nachatlantischen Zeitraume, gleichsam herab von den alten hellseherischen Zuständen, durch die er noch unmittelbar hat teilnehmen können an der geistigen Welt, und bereitet vor die rein persönliche, die rein menschliche Kultur, welche sich durch eine Arbeit der Seele, die man eben nennen kann «Ich im Ich», charakterisieren läßt. Daher zeigte sich uns auch, wie das mit der hellseherischen Kultur verbundene Zurückschauen in frühere Inkarnationen zunächst für Gilgamesch, den Inaugurator der babylonischen Kultur, undeutlich, verschwommen wurde; wie er sich selbst da nicht mehr auskannte, wo Eabani gewisse Fähigkeiten gleichsam auf ihn vererbte, um zurückzuschauen in frühere Inkarnationen. Und ganz entsprechend diesem Herabstürzen aus einer spirituellen Höhe und dem Einziehen in das bloß Persönliche des einzelnen Menschen, ganz entsprechend dieser Eigenart der babylonischen Seele wirkt alles das, was wir durch die Arbeit dieser babylonischen Seelen auf die Nachwelt fortgepflanzt sehen.
[ 2 ] Wenn wir die Geschichte okkult betrachten wollen, so müssen wir ja sagen, daß sich uns immer mehr und mehr aufdrängt, wie die Völker mit ihrer Arbeit, mit ihrem kulturellen Schaffen keineswegs isoliert dastehen in der Weltentwickelung, im Menschheitsfortschritt. Ein jedes Volk hat seine spirituelle Aufgabe, es hat einen ganz bestimmten Beitrag zu leisten für das, was wir den menschlichen Fortschritt nennen. Unsere Kultur ist ja heute schon eine ganz komplizierte, und sie ist dadurch so kompliziert geworden, daß viele einzelne Kulturströme zusammengeflossen sind. Wir haben in unserem heutigen Geistesleben und in unserem äußeren Leben einen Zusammenfluß der mannigfaltigsten Völkerkulturen, die von den einzelnen Völkern mehr oder weniger einseitig, im Sinne ihrer Mission geleistet wurden und die dann in den gemeinsamen Strom hineingeflossen sind. Deshalb unterscheiden sich alle einzelnen Völker voneinander, deshalb können wir bei jedem Volke von seiner besonderen Mission sprechen. Und wir können fragen: Was können wir, die wir ja die Kulturarbeit unserer Vorfahren in unserer eigenen Kultur enthalten haben, was können wir heute aufweisen, das uns zeigt, was diese oder jene Völker uns zu geben hatten für den gemeinsamen Menschenfortschritt?
[ 3 ] Da ist es recht interessant, gerade die Kulturaufgabe des babylonischen Volkes einmal ins Auge zu fassen. O dieses babylonische Volk, selbst dem äußeren Geschichtsschreiber hat es merkwürdige Rätsel aufgegeben in dem letzten Jahrhundert durch die Entzifferung der Keilschrift. Und auch das, was nur äußerlich hat erkundet werden können, ist schon im höchsten Grade merkwürdig. Denn der äußere Forscher kann heute sagen: Das, was man früher Geschichte genannt hat, das hat sich fast verdoppelt in bezug auf die Zeit durch das, was man mit der Entzifferung der Keilschrift gelernt hat. Schon die äußere Geschichtsforschung sieht an der Hand äußerer Urkunden förmlich zurück auf fünf- bis sechstausend Jahre vor der christlichen Zeitrechnung und kann sagen: In dieser ganzen Zeit war in den Gegenden, in denen später die Babylonier, die Assyrer wirkten, eine mächtige, eine bedeutungsvolle Kultur vorhanden. Da finden wir vor allen Dingen in den ältesten Zeiten ein höchst merkwürdiges Volk, Sumerer wird es in der Geschichte genannt, und sein Wohnsitz war in den Gegenden des Euphrat und Tigris, mehr in den oberen Partien, aber auch gegen den unteren Lauf zu. Wir können, weil wir dazu die Zeit nicht haben, hier nicht so sehr auf die äußeren geschichtlichen Urkunden eingehen, wir müssen uns mehr mit dem beschäftigen, was die okkulte Geschichte uns lehren kann.
[ 4 ] Dieses Volk, es gehörte mit allem, was es denken und geistig schaffen konnte, und auch mit dem, was es äußerlich wirkte, einer verhältnismäßig sehr frühen Kulturstufe der nachatlantischen Entwickelung an. Und je weiter wir zurückgehen in der Geschichte der Sumerer, die wir als die Vorbabylonier bezeichnen könnten, desto mehr wird uns klar, daß innerhalb dieses Volkes hochbedeutsame geistige Überlieferungen lebten, daß eine bedeutungsvolle spirituelle Weisheit vorhanden war, eine Weisheit, die wir etwa so charakterisieren können, daß wir sagen: Die ganze Art des Lebens, die ganze Art nicht allein zu denken, sondern überhaupt zu leben in der Seele und im Geiste, war bei diesem Volk eine ganz andere als bei den späteren Menschen der Weltgeschichte. Für Menschen der späteren Weltgeschichte stellte es sich zum Beispiel überall heraus, daß ein gewisser Abstand ist zwischen dem Gedachten und dem Gesprochenen. Wer sollte heute nicht wissen, daß Denken und Sprechen doch zwei ganz verschiedene Dinge sind, daß die Sprache in gewisser Beziehung in konventionellen Ausdrucksmitteln für das besteht, was die Menschen denken. Das geht schon daraus hervor, daß wir eben viele Sprachen haben und im Grunde genommen doch eine große Anzahl gemeinsamer Vorstellungen in diesen verschiedenen Sprachen der Erde zum Ausdruck bringen. Also es ist ein gewisser Zwischenraum zwischen dem Denken und dem Sprechen vorhanden. So war es bei diesem alten Volke eigentlich nicht, sondern es hatte eine Sprache, die im Grunde genommen zur Seele ganz anders stand als alle älteren Sprachen. Namentlich wenn wir in recht alte Zeiten zurückgehen, finden wir da wirklich etwas — wenn auch nicht mehr ganz rein erhalten wie eine Art Ursprache der Menschheit. Zwar finden wir die Sprache der einzelnen Stämme und Rassen im weitesten Umkreise Europas, Asiens und Afrikas schon in gewisser Weise differenziert; aber eine Art gemeinsamen Sprachelements, das auf dem ganzen damals bekannten Erdkreis, namentlich von dem tieferen geistigen Menschen, verstanden werden konnte, war gerade bei den Sumerern vorhanden. Woher kam das? Weil die Seele dieser Menschen bei dem Tone, bei dem Laute etwas ganz Bestimmtes fühlte und eindeutig ausdrücken mußte, was bei irgendeinem Gedanken und zu gleicher Zeit bei einem Laute gefühlt werden kann.
[ 5 ] Sehen Sie, das, was damit gesagt worden ist, das möchte ich zunächst so ausdrücken, daß selbst noch in jenen Namen, die ich Ihnen bei der Besprechung des Gilgamesch-Epos anführen mußte, selbst da noch auffällige Laute vorhanden sind: Ischtar, Ischulan und dergleichen. Wenn man diese Laute ausspricht und den Lautwert in okkulter Beziehung kennt, dann weiß man, daß im Grunde genommen das Namen sind, die keine anderen Laute enthalten können, wenn sie die betreffenden Wesenheiten bezeichnen sollen, weil sich ein U, ein I, ein A nur auf etwas ganz Bestimmtes eindeutig beziehen kann. Das eben ist ja der Fortgang der Sprache gewesen, daß die Menschen das Gefühl dafür verloren haben, wie diese Dinge, die Laute — Mitlaute, Selbstlaute - in eindeutiger Weise sich auf irgend etwas beziehen können, so daß man ein Ding in diesen alten Zeiten gar nicht anders hat bezeichnen können als mit einer ganz bestimmten Lautzusammenfügung. Ebensowenig wie wir im Grunde genommen heute, wenn wir ein Ding meinen, einen anderen Gedanken darüber in England oder in Deutschland haben können, ebensowenig hat man damals, weil man noch das unmittelbare spirituelle alte Gefühl hatte für den Laut, irgendein Ding oder Wesen anders als mit einer eindeutigen Lautzusammenfügung bezeichnen können. So daß die Sprache in alten Zeiten — und die alte sumerische Sprache hatte eben einen Nachklang dieser alten Zeiten — eine ganz bestimmte war, die einfach durch die Natur der Seele für denjenigen, der sie hörte, begreiflich war. Wenn wir so von der Sprache sprechen, müssen wir zurück weisen in die allerersten Zeiten der nachatlantischen Kulturen.
[ 6 ] Dann aber hatte gerade das babylonische Volk die Aufgabe, diesen lebendigen spirituellen Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt herunterzuführen in das Persönliche, da wo die Persönlichkeit auf sich gestellt ist in ihrer Einzelheit, in ihrer Sonderheit. Das war die Aufgabe der Babylonier, die spirituelle Welt in den physischen Plan hinunterzuführen. Und verbunden damit ist, daß dieses lebendige Gefühl, dieses spirituelle Gefühl für die Sprache aufhört und die Sprache sich richtet nach Klima, nach geographischer Lage, nach der Volksrasse und dergleichen. Daher schildert uns die Bibel, die über diese Dinge Richtigeres erzählt als die Phantastereien des sich Sprachforscher nennenden Herrn Fritz Mauthner, daher schildert sie uns diese wichtige Tatsache in dem babylonischen Turmbau, wo alle eine gemeinsame Sprache sprechenden Menschen der Erde zerstreut werden. Auch diesen babylonischen Turmbau können wir spirituell verstehen, wenn wir wissen, wie in alten Zeiten gebaut wurde. Solche Gebäude, welche zu dem Zwecke gebaut wurden, gewisse der heiligen Weisheit gewidmete Handlungen vorzunehmen, oder welche Wahrzeichen sein sollten für die heiligen Wahrheiten, solche Gebäude wurden in alten Zeiten in den Maßen gebaut, die entweder vom Himmel oder vom Menschen genommen waren. Und das ist ihm Grunde genommen dasselbe; denn der Mensch ist als Mikrokosmos eine Nachbildung des Makrokosmos, so daß die Maße, welche in die Pyramide hineingeheimnißt sind, vom Himmel und vom Menschen genommen sind.
[ 7 ] Wenn wir also in alte Zeiten zurückgehen könnten, in verhältnismäßig frühe Zeiten, da würden wir bei den Kultbauten überall finden symbolische Nachahmungen der Menschen- oder Himmelsmaße. Länge, Breite und Tiefe, die Art und Weise, wie das Innere architektonisch gestaltet wurde, alles das war nachgebildet den Himmelsmaßen oder denen des menschlichen Leibes. Aber es war das eben so geschehen: Wo man ein lebendiges Bewußtsein hatte von dem Zusammenhang des Menschen mit der spirituellen Welt, da waren die Maße heruntergeholt aus der spirituellen Welt. Wie mußte es denn in der Zeit werden, in welcher heruntergeführt werden sollte die menschliche Erkenntnis sozusagen vom Himmel auf die Erde? Von dem allgemeinen SpirituellMenschlichen zu dem Menschlich-Persönlichen? Da konnten die Maße nurmehr genommen werden vom Menschen selbst, von der menschlichen Persönlichkeit, insofern sie Ausdruck ist der einzelnen Ichheit. Das aber mußte der babylonische Turm werden, die Kultstätte derjenigen, die nurmehr von der Persönlichkeit die Maße hernehmen sollten. Aber zu gleicher Zeit mußte gezeigt werden, daß die Persönlichkeit erst nach und nach reif werden muß, wiederum hinaufzusteigen in die geistigen Welten. Wir haben gesehen, es mußte erst durch den vierten und fünften Zeitraum durchgegangen werden, um wiederum hinaufzusteigen. Damals war es nicht möglich gewesen, in die Welt der spirituellen Regionen einfach wieder hinaufzusteigen. Das ist damit gemeint, daß der babylonische Turmbau eine mißglückte Sache sein mußte, daß man den Himmel noch nicht mit dem erreichen konnte, was aus der menschlichen Persönlichkeit genommen werden konnte. Ungeheuer Tiefes liegt in diesem Weltsymbolum, in dem babylonischen Turmbau, durch den die Menschen auf ihre einzelne menschliche Persönlichkeit beschränkt worden sind, auf das, was die Persönlichkeit in irgendeinem Volke unter einzelnen besonderen Verhältnissen werden konnte.
[ 8 ] So wurden die Babylonier heruntergewiesen aus der spirituellen Welt auf unsere Erde; da war ihre Mission, da war ihre Aufgabe. Aber, wie ich schon erwähnt habe, der äußeren babylonischen Kultur lag zugrunde eine chaldäische Mysterienkultur, die esoterisch blieb, die aber doch in ganz bestimmter Weise einfloß in die äußere Kultur. Und daher sehen wir überall noch die uralte Weisheit durchschimmern in dem, was die Babylonier als Maßnahmen treffen konnten. Aber sie mußten das so tun, daß es nicht mit ihnen hinaufstieg in die spirituellen Regionen, sondern daß sie es anwendeten auf unsere Erde. Und was in dieser Art in der Mission der Babylonier lag, das hat sich einverleibt der Kultur und ist bis in unsere Zeiten heruntergekommen. Das können wir zeigen. Wir müssen da nur ein wenig Respekt bekommen vor jener immerhin noch großen, gewaltigen Aufschau in die spirituellen Welten, die noch die alten Traditionen in der Seele hegte und erst in der Abenddämmerung angekommen war. Wir müssen Respekt bekommen vor der tiefen Himmelskunde der Babylonier und vor ihrer gewaltigen Mission, die darin bestand, aus dem, was der Menschheit durch die spirituelle Welt bekannt war, aus den Maßen des Himmels, alles das herauszuholen, was für das äußere praktische Leben notwendig der menschlichen Kultur einverleibt werden mußte. Aber sie hatten zu gleicher Zeit die Mission, alles auf den Menschen zu beziehen. Und da ist es interessant, daß gewisse Vorstellungen bis in unsere Zeiten herein gelebt haben, die gleichsam ein Nachklang jener eigentümlichen Gefühle waren, die die Babylonier noch lebendig empfanden: Gefühle von einem Hereinfließen des ganzen Makrokosmos in den Menschen, von einer menschlichen Gesetzmäßigkeit des irdischen persönlichen Menschen, der nachbildet die große Himmelsgeserzmäßigkeit.
[ 9 ] So gab es im alten Babylonien einen Spruch, der da sagt: «Sieh dir an den Menschen, der da geht, nicht wie ein Greis und nicht wie ein Kind, der da geht als ein Gesunder und nicht als ein Kranker, der da nicht zu schnell läuft und nicht zu langsam schreitet, und du wirst sehen das Maß des Sonnenganges.» Ein merkwürdiger Ausspruch, der uns aber tief, tief hineinweisen kann in die Seelen der alten Babylonier. Denn sie stellten sich vor, daß ein Mensch mit einem guten, gesunden Schritt, ein Mensch, der eine Schnelligkeit einhält in seinem Gehen, die der Gesundheit des Lebens entspringt, daß ein solcher Mensch, wenn er nicht zu schnell und nicht zu langsam um die Erde herumgehen würde, zu einem solchen Rundgange 3651/i Tage brauchen würde — und das stimmt ungefähr, vorausgesetzt, daß er Tag und Nacht ununterbrochen wanderte. Und so sagten sie sich: Das ist die Zeit, in der ein gesunder Mensch die Erde umkreisen könnte, und auch die gleiche Zeit — denn sie glaubten ja an die scheinbare Bewegung der Sonne um die Erde -, in welcher die Sonne herumgeht um die Erde. Gehst du also als ein gesunder Mensch, nicht zu schnell, nicht zu langsam, um die Erde herum, so hältst du das Tempo ein des Sonnenganges um die Erde. Das heißt: «Mensch, es ist deiner Gesundheit eingepflanzt, den Gang der Sonne um die Erde nachzugehen.»
[ 10 ] Das ist allerdings etwas, was uns Respekt einflößen kann vor der gewaltigen kosmischen Anschauung dieses babylonischen Volkes. Denn davon ausgehend haben sie dann geschaffen eine Einteilung dieses Umzuges des Menschen um die Erde. Sie haben nach gewissen Teilmaßen gerechnet und haben dann etwas herausbekommen, was ungefähr der Weg ist, den der Mensch zurücklegt, wenn er zwei Wegstunden weit geht; dies aber kommt einer Meile gleich. Am gesunden Gang rechneten sie dieses Maß heraus und nahmen es als eine Art Normalmaß, um den Boden zu messen in größerem Maßstab. Und dieses Maß, meine lieben Freunde, ist vorhanden geblieben bis vor kurzer Zeit — wo in der Menschenentwickelung alles ins Abstrakte gegangen ist — in der deutschen Meile, die man ungefähr in zwei Stunden zurücklegen kann. So hat sich bis ins 19. Jahrhundert herein etwas erhalten, was herstammt aus der Mission der alten Babylonier, die sich das vom Kosmos heruntergeholt, die es dem Laufe der Sonne nachgerechnet hatten.
[ 11 ] Erst unsere Zeit hatte die Notwendigkeit, diese vom Menschen hergenommenen Maße zurückzuführen auf abstrakte Maße, die von etwas Totem hergenommen sind. Denn bekanntlich ist das gegenwärtige Maß ein abstraktes gegenüber den konkreten, unmittelbar an dem Menschen und an der Himmelserscheinung anknüpfenden Maßen, die im Grunde genommen alle auf die Mission des alten babylonischen Volkes zurückführen. Auch bei anderen Maßen, wie zum Beispiel bei dem «Fuß» — dieses war hergenommen von einem menschlichen Glied -, oder bei der «Elle» — die hat man abgemessen an Hand und Arm des Menschen -, überall könnten wir finden, daß da etwas zugrunde liegt, was am Menschen, am Mikrokosmos als Gesetzmäßigkeit gefunden wurde. Und im Grunde genommen lag auch noch bis vor kurzem die ganze Denkweise der alten Babylonier unserem Maßsystem zugrunde. Die zwölf 'Tierkreisbilder und die fünf Planeten gaben ihnen fünf mal zwölf = sechzig; das ist eine Grundzahl. Gezählt haben die alten Babylonier überhaupt bis sechzig. Bei sechzig fingen sie wieder von neuem an. Bei allem, was sie in den alltäglichen Dingen zählten, legten sie die Zahl zwölf zugrunde, welche deshalb, weil sie aus den Gesetzen des Kosmos heraus ist, sich tatsächlich viel konkreter allen äußeren konkreten Verhältnissen anschmiegt. Denn die Zahl hat zwölf Teile. Zwölf war ja das Dutzend, und das Dutzend ist nichts anderes als eine Gabe aus der Mission der Babylonier heraus. Wir haben überall die Zehn zugrunde liegen, eine Zahl, die uns große Schwierigkeiten bereitet, wenn wir sie in Teile zerlegen wollen, während das Dutzend auch in seiner Beziehung zu sechzig und in seiner verschiedenen Teilbarkeit als die Grundlage eines Zahl- und Maßsystems in hohem Maße sich konkret in die Verhältnisse hineinschmiegt.
[ 12 ] Das soll nicht eine Kritik unserer Zeit sein, wenn gesagt wird, daß die Menschheit ins Abstrakte, selbst in bezug auf Rechnen und Zählen hineingegangen ist, denn es kann eben eine Epoche nicht dasselbe tun wie die vorhergehende. Wenn wir uns den Lauf der Kultur von der atlantischen Katastrophe bis in die griechische Zeit und von da weiter durch die unsrige darstellen wollen, können wir sagen: Die indische, persische, ägyptische steigen herunter; in der griechischen Kultur ist der Punkt, wo das reine Menschentum im physischen Plane ausgebildet wird, dann beginnt wiederum das Hinaufsteigen. Aber dieses Hinaufsteigen ist so, daß es sozusagen nur einen Ast darstellt der wirklichen Entwickelung und daß allerdings ein fortlaufendes Sinken in den Materialismus auf der anderen Seite vorhanden ist. Daher haben wir in unserer Zeit neben dem energischen spirituellen Streben nach aufwärts den krassesten Materialismus, der tief in die Materie hineingeht. Diese Dinge gehen natürlich nebeneinander. Wie ein Widerstand, der zu überwinden ist zur Entwickelung einer höheren Kraft, so muß diese materialistische Strömung vorhanden sein. Im Sinne dieser Strömung liegt es aber, alles abstrakt zu machen; denn das ganze Dezimalsystem ist ein abstraktes System. Das ist keine Kritik, sondern nur eine Charakteristik. Und so will man das Konkrete sonst auch überwinden. Was sind nicht alles für Vorschläge gemacht worden, zum Beispiel das Osterfest auf einen festen Tag des April zu verlegen, damit die Unbequemlichkeiten für Handel und Industrie vermieden würden! Man beachtet nicht, daß wir da noch etwas haben, was hereinragt aus alten Zeiten in seiner Bestimmung nach dem Sternenhimmel. Alles soll ins Abstrakte einlaufen, und nur wie ein dünner Bach zieht sich zunächst das Konkrete, das wiederum dem Spirituellen zueilt, in unsere Kultur hinein.
[ 13 ] Es ist außerordentlich interessant, wie nicht nur innerhalb der Geisteswissenschaft, sondern auch außerhalb derselben die Menschheit instinktiv getrieben wird, den Weg nach aufwärts zu machen, wiederum hinaufzusteigen, sagen wir zu einer ähnlichen Anschmiegung an Maß und Zahl und Form, wie es bei den alten Babyloniern und Ägyptern der Fall war. Denn in der Tat ist in unserer Zeit eine Art Wiederholung der babylonischen und ägyptischen Kultur da; es wiederholen sich ja die Zeiträume der Vorzeit, der ägyptische Zeitraum in dem unsrigen, der persische im sechsten, der indische im siebenten Zeitraum. Es entspricht der erste dem siebenten, der zweite dem sechsten, der dritte unserem fünften, der vierte steht für sich da, die Mitte bildend. Daher wiederholt sich so vieles instinktiv, was Anschauung der alten Ägypter war. Da können merkwürdige Sachen vorkommen. Es können Menschen ganz drinnenstehen in urmaterialistischen Vorstellungen, urmaterialistischen Begriffen, und dennoch können sie durch die Macht der Tatsachen - nicht durch naturwissenschaftliche Theorien, denn die sind heute alle materialistisch — ins spirituelle Leben geführt werden.
[ 14 ] Sehen Sie, da gibt es zum Beispiel einen interessanten Berliner Arzt, der hat eine merkwürdige Beobachtung gemacht. Ich will Ihnen das hier einmal auf der Tafel vorführen; das ist also eine rein tatsächliche Beobachtung, die gemacht worden ist, abgesehen von aller Theorie. Nehmen wir an, in diesem Punkte wäre uns schematisch gegeben das Todesdatum irgendeiner Frau - also ich verzeichne nicht irgend etwas, was ausgedacht ist, sondern was beobachtet ist -, diese Frau ist die Großmutter einer Familie. Eine bestimmte Anzahl von Tagen vor dem Tode dieser Großmutter der Familie wird ein Enkelkind geboren, die Anzahl der Tage beträgt 1428. Merkwürdigerweise wird 1428 Tage nach dem Tode der Großmutter wiederum ein Enkelkind geboren, und ein Urenkel wird geboren 9996 Tage nach dem Tode der Großmutter. Dividieren Sie 9996 durch 1428: Sie erhalten 7. Das heißt, in einem Zeitraum, der das Siebenfache ist von dem Zeitraum zwischen der Enkelgeburt und dem Tode der Großmutter, wird ein Urenkel geboren. Und nun zeigt derselbe Arzt, daß dies nicht ein vereinzelter Fall ist, sondern daß sich ganze Familien durchgehen lassen, und man immer in bezug auf Tod und Geburt absolut bestimmte Zahlenverhältnisse antrifft. Und das Interessanteste ist: Wenn Sie zum Beispiel nehmen die Zahl 1428, so haben Sie darin wiederum sieben als eine darin aufgehende Zahl. Kurz, die Tatsachen zwingen heute die Leute dazu, gewisse Regelmäßigkeiten, Periodizitäten, die mit den alten heiligen Zahlen zusammenhängen, in der Aufeinanderfolge der äußeren Geschehnisse wiederzufinden. Und heute ist schon die Zahl der tatsächlich von Fließ — so heißt der Berliner Arzt — und von seinen Schülern zusammengestellten Ergebnisse in dieser Richtung ein Beweis dafür, daß ganz bestimmte Zahlen die regulativen Faktoren sind, die da regeln das gesetzmäßige Ablaufen solcher Ereignisse. Diese zusammengestellten Zahlen sind heute schon in überwältigender Menge vorhanden. Die Auslegung ist dabei eine durchaus materialistische, aber die Macht der Tatsachen zwingt, an das Wirken der Zahl beim Weltgeschehen zu glauben. Ich bemerke ausdrücklich, daß es außerordentlich falsch ist, wie von Fließ und seinen Schülern dieses Prinzip noch benützt wird. Wie er seine Hauptzahlen, namentlich 23 und 28, die er auch wieder findet - 28=4xX7 -, wie er diese Zahlen verwendet, das wird noch vielfache Verbesserungen erfahren müssen. Dennoch aber sehen wir in einer solchen Betrachtung etwas wie ein instinktives Auftauchen der alten babylonischen Kultur beim Aufstiege der Menschheit. Natürlich, die große Masse der Menschen hat kein Gefühl, keinen Sinn für solche Dinge; sie bleiben vereinzelt in engeren Kreisen. Aber merkwürdig muß es uns erscheinen, wenn wir sehen, daß jene Leute, wie zum Beispiel die Schüler des Fließ, die solche Dinge finden, dann eigentümliche Gedanken und Gefühle bekommen. So sagt einer dieser Schüler des Fließ: «Was würden, wenn diese Dinge in älteren Zeiten gewußt worden wären» — sie sind eben gewußt worden! -, «was würden die betreffenden Menschen sagen?» Und eine besonders charakteristische Stelle scheint mir die folgende zu sein.
[ 15 ] Nachdem der Schüler von Fließ vieles in dieser Weise zusammengestellt hat, sagt er: «Zeiträume von der klarsten mathematischen Struktur werden hier der Natur entnommen und solche Dinge sind den viel Schwierigeres gewöhnten, begabten Köpfen zu allen Zeiten unerreichbar gewesen. Mit welcher religiösen Inbrunst hätten die rechnenden Babylonier hier geforscht und mit welchem Zauber wären die Fragen umgeben worden.» Also wie weit ist man schon im Ahnen dessen, was wirklich geschieht! Wie arbeitet der Instinkt des Menschen wiederum nach dem spirituellen Leben! Gerade dort aber, wo die landläufige Wissenschaft unserer Zeit gewöhnlich blind vorübergeht, gerade dort ist vielfach das zu suchen, was tief lichtbringend ist für die okkulte Kraft, deren sich die Leute gar nicht bewußt sind. Denn diejenigen, die hier auf dieses eigentümliche Zahlengesetz hinweisen, die erklären es ganz materialistisch. Aber die Macht der Tatsachen zwingt heute schon die Menschen wiederum, die spirituelle, mathematische Gesetzmäßigkeit in den Dingen anzuerkennen. So sehen wir in der Tat, wie tief wahr es ist, daß im Grunde genommen alles das, was später in dem Verlauf der Entwickelung der Menschheit auf persönliche Art sich ausdrückt, wie es ein Schattenbild ist dessen, was früher in elementarer, ursprünglicher Größe vorhanden war, weil eben noch der Zusammenhang mit der spirituellen Welt bestand. Das möchte ich betonen, damit es sich in Ihre Seelen schreibt, daß die Babylonier bei ihrem Übergang zu dem vierten Kulturzeitraum es waren, die sozusagen den Himmel auf die Erde herunterzutragen hatten, die das Himmlische noch hineinzugeheimnissen hatten in Maß, Zahl, Gewicht; und daß wir bis in unsere Tage herein die Nachklänge davon gespürt haben, daß wir wieder zurückkehren werden zu dieser Zalentechnik, daß sie sich mehr und mehr wieder geltend machen muß, wenn auch auf anderen Gebieten des Lebens ein abstraktes Maß- und Zahlensystem selbstverständlich das Richtige ist. So also können wir auch hier wiederum sehen, wie beim Herabsteigen ein gewisser Punkt erreicht worden ist in der griechischlateinischen Kultur des reinen Menschentums, des Ausprägens der Persönlichkeit auf dem physischen Plan, und wie dann aufs neue ein Aufstieg stattfindet. So daß also in der Tat auch in bezug auf den Gang der nachatlantischen Kultur das Griechentum wie in der Mitte dasteht. Nun müssen wir uns doch vor Augen führen, daß hereinbrach in dieser griechischen Epoche der Impuls des Christentums, der die Menschheit immer mehr und mehr hinaufführen soll in andere Regionen. Wir haben aber schon gesehen, wie dieses Christentum in den ersten Zeiten seiner Entwickelung nicht etwa gleich mit all seiner Bedeutung, seinem spirituellen Gehalt aufgetreten ist. Wir haben es an dem Benehmen der alexandrinischen Menschen gegen die Hypatia uns veranschaulicht, mit welchen Schwächen und Schattenseiten zunächst das Christentum behaftet war. Ja, wir haben es oftmals betont, daß die Zeiten, wo man das Christentum verstehen wird in seiner ganzen Tiefe, eben erst kommen werden, daß das Christentum noch unendliche Tiefen in sich hat und daß es sozusagen mehr der Zukunft als der Gegenwart, geschweige denn der Vergangenheit der Menschen angehört. So sehen wir, wie ein im Anfange Begriffenes im Christentum sich hineinstellt in das, was im Grunde genommen die Erbschaft angetreten hat einer Urweltsweisheit und -geistigkeit. Denn das, was das Griechentum empfangen hatte, was es in sich trug, war wirklich etwas wie ein Erbgut dessen, was die Menschen sich in unzähligen Inkarnationen erworben hatten durch ihren lebendigen Zusammenhang mit der spirituellen Welt. Die ganze Spiritualität, die in den Vorzeiten erlebt worden war, hatte sich hineingesenkt in die Seelen und Herzen der Griechen und lebte sich in ihnen aus. Daher können wir begreifen, daß es Menschen hat geben können, welche beim Einleben des Christentums, besonders angesichts dessen, was in den ersten Jahrhunderten aus dem christlichen Impulse geworden war, dieses Ereignis nicht so hoch schätzen konnten wie das, was mit überwältigender Größe, überwältigender Geistigkeit als altes Erbgut von Jahrtausenden ins Griechentum sich herein vererbt hat. Und eine ganz besonders charakteristische Persönlichkeit gab es, die sozusagen in der eigenen Brust diesen Kampf des Alten mit dem Neuen erlebte, diesen Kampf urältester Weisheitsschätze, urältester spiritueller Schätze mit dem, was erst im Anfange war und schwach rieselte: diese Persönlichkeit der griechisch-lateinischen Zeit vom 4. Jahrhundert, die solches auf dem Schauplatz ihrer Seele erlebte, war Julian Apostata.
[ 16 ] Oh, es ist interessant, das Leben des Julianus, des römischen Kaisers, zu verfolgen. Als Neffe des ehrgeizigen und rachsüchtigen Kaisers Konstantin geboren, war eigentlich Julianus schon als Kind dazu bestimmt, getötet zu werden mit seinem Bruder. Nur weil man glaubte, daß mit der Tötung doch zu großes Aufsehen erregt würde, und weil man hoffte, das, was er schaden könnte, später hintanhalten zu können, ließ man ihn am Leben. Und unter mancherlei Irrfahrten zu diesen und jenen Menschengemeinschaften mußte Julianus seine Erziehung durchmachen. Und es wurde streng darauf gesehen, daß er das in seine Seele aufnahm, was dazumal in Rom und von Rom, von dem römischen Kaiserreiche aus Opportunitätsgründen als christliche Entwickelung genommen wurde. Das aber war ein buntes Gemisch von dem, was sich allmählich als katholische Kirche herausarbeitete, und dem, was als Arianismus lebte; man wollte es sozusagen mit keinem von beiden verderben. Und so hatte man gerade damals ziemlich stark das alte hellenistisch-heidnische Ideal, die alten Götter und die alten Mysterien in jeder Weise bekämpft. Alles, wie gesagt, wurde aufgeboten, um Julianus, von dem man doch hoffen konnte, daß er einmal auf den Thron der Cäsaren kommen würde, um Julianus sozusagen gut christlich zu machen.
[ 17 ] Ein merkwürdiger Drang aber sprach sich in dieser Seele aus. Niemals konnte diese Seele so recht tiefes Verständnis gewinnen für das Christentum. Überall da, wo dieses Kind hingebracht wurde, und wo noch Überreste waren nicht nur alten Heidentums, sondern alter Spiritualität, da ging diesem Knaben das Herz auf. Er sog ein, was in der Kultur des vierten Zeitraumes an uralten, heiligen Überlieferungen und Einrichtungen lebte. Und so kam es denn, daß er auf seinen verschiedentlichsten Irrfahrten, zu denen die Verfolgungen durch seinen Oheim, den Kaiser, ihn trieben, dennoch in die Nähe von Lehrern der sogenannten neuplatonischen Schule kam und zu den Schülern der Alexandriner, die von Alexandria aus die alten Überlieferungen empfangen hatten. Da wurde erst recht Julianus’ Herz genährt mit dem, wozu er solch tiefen Drang empfand. Und dann lernte er kennen, was noch an solch alten Weisheitsschätzen in Griechenland selber vorhanden war. Und mit all dem, was Griechenland ihm gab, was ihm die alte Welt an Weisheit gab, mußte Julianus ein lebendiges Gefühl verbinden für die Sprache des Sternenhimmels, für die Geheimnisse, die in der Schrift des Sternenhimmels aus dem Weltenraume zu uns heruntersprechen. Und dann kam für ihn die Zeit, da er durch einen der letzten Hierophanten eingeweiht wurde in die eleusinischen Mysterien. Und wir haben in Julianus das eigentümliche Schauspiel, daß ein Inspirierter der alten Mysterien, der ganz drinnensteht in dem, was man erhalten kann, wenn das spirituelle Leben durch die Mysterien zur Wirklichkeit wird, wir haben das Schauspiel, daß ein solcher Eingeweihter auf dem Throne der römischen Cäsaren sitzt. Und so sehr auch in der Schrift gegen die Christen, die von Julianus erhalten ist, sich Mißverständnisse eingeschlichen haben, so wissen wir doch, welche Größe in der Weltanschauung des Julianus lebte, da, wo er aus der Größe seiner Initiation heraus spricht.
[ 18 ] Aber als ein Schüler der Mysterien, die schon in der Abendröte waren, wußte er sich nicht recht in die Zeit hineinzustellen, deshalb ging er dem Märtyrertum eines Inspirierten entgegen, der nicht mehr recht weiß, welche Geheimnisse geheimgehalten werden müssen und welche mitgeteilt werden dürfen. Aus dem Eifer und Enthusiasmus, den Julianus aufgenommen hatte durch seine hellenistische Erziehung und durch die Einweihung, aus den großartigen Erfahrungen, die er an der Hand seines Hierophanten hatte machen können, entwickelte sich in ihm der Wille, wiederherzustellen, was er als das lebendige Leben und Weben der alten Spiritualität sah. Und so sehen wir, wie er durch viele Maßnahmen versucht, die alten Götter wiederum einzuführen in die Kultur, in die sich das Christentum hineingestellt hatte. Er ging sowohl in dem Aussprechen von Mysteriengeheimnissen, wie auch in dieser Stellung zum Christentum zu weit. Daher kam es, daß er im Jahre 363, als er einen Kriegszug unternehmen mußte gegen die Perser, von seinem Schicksal da ereilt wurde. Wie noch jeder, der unbefugt ausgesprochen hat, was nicht ausgesprochen werden darf, ereilt worden ist von seinem Schicksal, so geschah es auch dem Julianus, und es kann historisch belegt werden, daß Julianus durch Christenhand auf diesem Zuge gegen die Perser gefallen ist. Denn nicht nur, daß sich diese Kunde sehr bald hinterher verbreitete und niemals von irgendeinem der bedeutenden christlichen Schriftsteller desavouiert worden ist: es wäre auch höchst auffällig, wenn die Perser den Tod ihres Erzfeindes herbeigeführt und sich dieses Todes nicht gerühmt hätten. Aber auch bei ihnen entstand gleich nachher die Anschauung, daß er von Christenhand gefallen sei. Das war wirklich etwas wie ein Sturm, der da ausging von dieser inspirierten Seele, von dem Enthusiasmus, den Julian Apostata gewonnen hatte aus seiner Einweihung in die schon ihrer Abenddämmerung entgegengehenden eleusinischen Mysterien. So war das Schicksal eines Menschen aus dem 4. Jahrhundert, eines ganz persönlichen Menschen, dessen Weltenkarma im Grunde genommen darin bestand, daß er in persönlichem Zorn, in persönlichem Groll, in persönlichem Enthusiasmus ausleben sollte, was er als ein Erbe empfangen hatte. Das war das Grundgesetz seines Lebens.
[ 19 ] Es ist nun interessant, gerade dieses Leben, gerade diese Individualität zum Zwecke okkulter Geschichtsbetrachtung im späteren Verlaufe zu betrachten. Da wird geboren im 16. Jahrhundert, im Jahre 1546, ein merkwürdiger Mensch, der aus einem adeligen Geschlechte des nördlichen Europa stammt, dem sozusagen in die Wiege gelegt war alles, was ihn zu hohen Würden im Sinne des damaligen traditionellen Lebens hätte führen können, hineingeboren sogar in eine reiche Familie. Weil er im Sinne der Familientradition ein Mensch in hervorragender staatlicher oder sonstiger hoher Stellung werden sollte, war er selbstverständlich für den juristischen Beruf bestimmt und mit einem Hauslehrer nach der Universität Leipzig geschickt worden, um Jurisprudenz zu studieren. Der Hauslehrer quälte den Knaben - denn er war noch ein Knabe, als er Jura studieren sollte -, er quälte den Knaben, solange es Tag war. Wenn aber der Hauslehrer den Schlaf des Gerechten schlief und über die juristischen Theorien träumte, da stahl sich der Knabe aus seinem Bett und beobachtete mit den sehr einfachen Instrumenten, die er sich selber konstruiert hatte, in der Nacht die Sterne. Und er brachte es sehr bald dahin, mehr über die Geheimnisse des Sternenhimmels zu wissen, nicht nur als irgendwelche Lehrer, sondern mehr noch, als damals in allen Büchern stand. Denn so zum Beispiel bemerkte er sehr bald eine ganz bestimmte Stellung von Saturn und Jupiter im Sternbilde des Löwen, schaute nach in den Büchern und fand, daß es dort ganz falsch verzeichnet war. Da entstand in ihm die Sehnsucht, möglichst genau vor allen Dingen kennenzulernen diese Sternenschrift, möglichst genau zu verzeichnen die Bahn der Sterne. Und was wunder, daß dieser Mensch sehr bald trotz allen Widerstandes von seiner Familie sich die Erlaubnis auswirkte, Naturforscher und Astronom zu werden und nicht über den juristischen Büchern und Doktrinen sein Leben zu verträumen. Und da er bedeutende Mittel flottmachen konnte, so war es ihm möglich, eine ganze Anstalt sich anzulegen.
[ 20 ] Dieses Institut war merkwürdig eingerichtet; in seinen oberen Stockwerken enthielt es Instrumente, dazu bestimmt, die Geheimnisse des Sternenhimmels zu beobachten, und im Keller Apparate, um die verschiedenen Mischungen und Entmischungen der Stoffe, der Materien zu formen. Und da arbeitete er, seine Zeit teilend zwischen den Beobachtungen in den oberen Stockwerken und dem Kochen und Sieden und Mischen und Wiegen unten in den Kellern. Da arbeitete dieser Geist, um zu zeigen nach und nach, wie die Gesetze, die in den Sternen geschrieben sind, die planetarischen und Fixsterngesetze, die makrokosmischen Gesetze, sich mikrokosmisch wiederfinden in den mathematischen Zahlen, die den Mischungen und Entmischungen der Stoffe zugrunde liegen. Und das, was er als ein lebendiges Verhältnis zwischen Himmlischem und Irdischem fand, das wandte er an auf die Arzneikunde und suchte Arzneien herzustellen, die namentlich deshalb so Böses wirkten um ihn herum, weil er sie umsonst an diejenigen abgab, denen er helfen wollte. Denn diejenigen, die dazumal als Ärzte darauf bedacht waren, hohe Preise einzunehmen, wüteten gegen diesen Mann, der so «Schauderhaftes» bewirkte mit dem, was er sich herunterholen wollte vom Himmel auf die Erde.
[ 21 ] Zum Glück hatte durch ein bestimmtes Ereignis dieser Mann die Gunst des dänischen Königs Friedrich II., und solange er in dieser Gunst stehen konnte, so lange ging es gut, so lange wurde in der Tat Ungeheures geleistet an Einsichten in das spirituelle Wirken der Weltgesetze in dem Sinne, wie ich es eben charakterisiert habe. Ja, dieser Mann kannte etwas von dem spirituellen Verlauf der Weltgesetze. Er hat die Welt durch Dinge verblüfft, die heute allerdings nicht mehr ganz solchen Glauben finden würden. Denn als er einmal in Rostock war, da prophezeite er aus der Sternenkonstellation heraus den Tod des Sultans Soliman, und der traf ein bis auf wenige Tage, eine Nachricht, die den Namen 7ycho Brabe populär machte innerhalb Europas. Heute weiß die Welt von jenem Tycho Brahe, dessen Leben eigentlich so kurze Zeit hinter uns liegt, kaum mehr, als daß er noch etwas einfältig gewesen war, daß er noch nicht ganz auf dem hohen materialistischen Standpunkte unserer Zeit gestanden hatte. Er hat zwar tausend Sterne neu eingezeichnet in die Sternkarte, hat auch damals jene epochemachende Entdeckung eines aufleuchtenden und wieder verschwindenden Sternes gemacht und ihn beschrieben, den Nova-Stella, aber diese Dinge werden meistens verschwiegen. Die Welt weiß eigentlich nichts anderes, als daß er noch so dumm war, ein Weltsystem auszudenken, wonach die Erde stillsteht und die Sonne mit den Planeten sich um die Erde dreht; das weiß die Welt heute. Daß wir es mit einer bedeutsamen Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts zu tun haben, mit einer Persönlichkeit, welche Unendliches, auch heute noch Brauchbares für die Astronomie geleistet hat, daß eine Unsumme von tiefer Weisheit in dem liegt, was er gegeben hat, das wird gewöhnlich nicht verzeichnet, einfach aus dem Grunde nicht, weil Tycho Brahe bei der Aufstellung des genauen Systems aus eigenem tiefen Wissen heraus Schwierigkeiten sah, die Kopernikus nicht sah. Und wenn es gesagt werden darf, es erscheint zwar paradox: aber mit dem Kopernikanischen Weltensystem ist auch noch nicht das letzte Wort gesprochen. Und der Streit zwischen beiden Systemen wird die spätere Menschheit noch beschäftigen. Doch das nur nebenbei, weil es zu paradox ist für die heutige Zeit.
[ 22 ] Erst unter dem Nachfolger seines ihm geneigten Königs gelang es den Gegnern Tycho Brahes, die sich von allen Seiten auftaten — den damaligen Ärzten, den Professoren der Kopenhagener Universität -, den Nachfolger seines Gönners gegen ihn aufzuhetzen. Und so wurde Tycho Brahe vertrieben aus seinem Vaterlande und mußte wiederum nach dem Süden ziehen. Er hatte schon einmal in Augsburg sein erstes großes Planiglob aufgestellt und den vergoldeten Globus, auf den er immer wieder die neuen Sterne einzeichnete, die er entdeckte und deren zuletzt tausend geworden sind. In der Verbannung, in Prag mußte dann dieser Mann seinen Tod finden. Wir können heute noch, wenn wir nicht die gebräuchlichen Lehrbücher nehmen, sondern zu den Quellen gehen und etwa aus Kepler studieren, wir können heute noch sehen, wie Kepler zu seinen Gesetzen gerade dadurch gekommen ist, daß ihm Tycho Brahe in so sorgfältigen astronomischen Beobachtungen vorgearbeitet hatte. Das war eine Persönlichkeit, die wiederum, aber im großen Stile, ganz das Gepräge dessen trug, was groß und bedeutend an Weisheit vor seiner Zeit war; die sich noch nicht hineinfinden konnte in das, was gleich nachher populär geworden ist in der materialistischen Weltanschauung. Nicht wahr, ein eigentümliches Schicksal, dieser Tycho Brahe!
[ 23 ] Und nun denken Sie einmal nach, wenn Sie diese beiden persönlichen Schicksale nebeneinanderstellen, wie unendlich lehrreich es ist, wenn wir wissen aus der Akasha-Chronik, daß die Individualität Julian Apostatas wiederum auftaucht in Tycho Brahe, daß Tycho Brahe gewissermaßen die Reinkarnation Julians des Abtrünnigen ist. So merkwürdig, so paradox spielt das Reinkarnationsgesetz, wenn sich modifizieren die karmischen Zusammenhänge des einzelnen Menschen durch das, was welthistorisches Karma ist, wenn die Weltenmächte selber die menschliche Individualität ergreifen, um sich ihrer als Werkzeug zu bedienen.
[ 24 ] Ich möchte allerdings ausdrücklich bemerken, daß ich solche Dinge wie den Zusammenhang zwischen Julianus und Tycho Brahe nicht sage, damit sie morgen von allen Dächern gepfiffen und an allen Speise- und Kaffeetischen besprochen werden, sondern damit sie hier sich senken als Lehre der okkulten Weisheit in mancherlei Seelen hinein und wir immer mehr und mehr verstehen lernen, was alles Übersinnliches dem Sinnlich-Physischen des Menschen in Wahrheit zugrunde liegt.
