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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

Collected Essays on Drama 1889–1900
GA 29

Automated Translation

Magazin für Litertur 1899, Volume 68, 46

120. “Ein Frühlingsopfer”

Play in three acts by E. von Keyserling
Performance for the anniversary of the Freie Bühne, Berlin

The "Freie Bühne" in Berlin celebrated its tenth anniversary on November 12. When it was founded, it set itself the task of paving the way to the stage for playwrights who, despite being mature or matured artists, needed such support because the prevailing taste had passed them by. The performance on November 12 did little to refresh the memory of the laudable intentions of the Institute's founders. The "Spring Offering" is a bundle of concessions - nothing more. One concession to naturalism, the second to romanticism, the third to the prevailing taste in theater.

The illegitimate daughter of the drunkard Kappel, half child, half blossoming into a virgin, lives in her father's house. The woman who has married the lousy man is a good creature. She has taken the child, who is disregarded by the whole world, into her home. Here it is also mistreated by the father. The stepmother is dying; she has just received the priest's consolations. This is where the drama begins. The child of sin is faced with the prospect that the father will remarry after the death of his wife and chase the daughter out of the house. While the mother struggles with death, passionate love flares up in the maiden for the first time for a young farmer, who at first seems to reciprocate, but soon returns to his Madda. The girl has gone through all the sensations of a suddenly flaring affection in a few hours. She must soon also experience the pain of abandonment. She has glimpsed the world of happiness, and now that her lover has left her, she is doubly unhappy. Not only will she now be despised because of her mother's sin, but she will also be regarded as a creature who throws herself away on the next best thing. A naturalistic drama could have been created from these premises. The author adds a romantic leaven to this material. An old grandmother lives in the house. She tells the girl that there is a black chapel in the forest with a picture of the Virgin Mary. There, a woman once prayed for the recovery of a child and sacrificed her own life for it. Now the girl wants to do the same for her stepmother. She wants to die so that her benefactress may live. She goes there and receives an answer from the Mother of God. On the way back it happens to her that she falls in love. Now she does not want to die again. She regrets what she has done. But the course of providence continues. When the maiden returns home, she finds the sick woman on the road to recovery. Then she learns of her lover's infidelity. Now she wants to die again. However, she does not wait for the miracle of the Virgin Mary, but takes - again in a completely naturalistic way - poison in the form of the drops that the doctor has prescribed for the sick woman.

I know, of course, that everything in the play has its natural course, and that the romanticism of superstition only resides in the minds of the old grandmother and the girl. The mother recovers, not because the stepdaughter prayed, but because she took the drops the doctor gave her. But why does the girl poison herself? If she believes in the miracle, she could be quietly expecting her death, which seems certain to her. But this could not happen if the poet himself had not made the course of "providence" the driving motif of the drama. The girl's suicide is therefore not motivated by anything. It is a concession to theatrical machinations. There are many more of these in the play.

One would have to be sad about contemporary dramatic production if associations such as the "Freie Bühne" were unable to find better plays. But it will probably not be due to this production that we saw this mishmash of all possible styles parading before us on November 12.

«EIN FRÜHLINGSOPFER»

Schauspiel in drei Aufzügen von E. von Keyserling
Aufführung zum Jubiläum der Freien Bühne, Berlin

Die «Freie Bühne» in Berlin feierte am 12. November das Fest ihres zehnjährigen Bestehens. Sie hat sich bei ihrer Gründung die Aufgabe gesetzt, Dramatikern den Weg zur Bühne zu ebnen, die trotz ihrer reifenden oder gereiften Künstlerschaft eine solche Unterstützung brauchten, weil der herrschende Geschmack an ihnen vorüberging. Die Vorstellung vom 12. November war wenig geeignet, die Erinnerung an die so löblichen Absichten der Gründer des Institutes aufzufrischen. Das «Frühlingsopfer» ist ein Bündel von Konzessionen — weiter nichts. Eine Konzession an den Naturalismus, die zweite an die Romantik, die dritte an den herrschenden Theatergeschmack.

Die außereheliche Tochter des Säufers Kappel, halb noch Kind, halb zur Jungfrau erblüht, lebt im Hause ihres Vaters. Das Weib, das den verlumpten Mann geheiratet hat, ist ein braves Geschöpf. Sie hat das Kind, das von aller Welt mißachtet wird, ins Haus genommen. Hier wird es auch von dem Vater mißhandelt. Die Stiefmutter liegt im Sterben; sie hat eben die Tröstungen des Pfarrers empfangen. Damit setzt das Drama ein. Dem Sündenkind steht in Aussicht, daß sich der Vater nach dem Tode der Gattin wieder verheiratet und die Tochter aus dem Hause jagt. Während die Mutter mit dem Tode ringt, flammt in der Jungfrau zum ersten Male leidenschaftliche Liebe zu einem jungen Bauern auf, der sie zunächst scheinbar erwidert, in kürzester Zeit aber zu seiner Madda wieder zurückkehrt. Das Mädchen hat alle Empfindungen einer jäh auflodernden Neigung in wenigen Stunden durchgemacht. Es muß bald auch den Schmerz der Verlassenen erfahren. Es hat in die Welt des Glückes einen Blick getan und ist nun, nachdem der Geliebte es verlassen, doppelt unglücklich. Es wird nun nicht nur wegen der Sünde ihrer Mutter verachtet werden, sondern man wird es auch noch als ein Wesen betrachten, das sich an den Nächstbesten wegwirft. Aus diesen Voraussetzungen hätte ein naturalistisches Drama geschaffen werden können. Der Autor fügt diesem Stoffe einen romantischen Sauerteig bei. Im Hause lebt eine alte Großmutter. Sie erzählt dem Mädchen, daß im Walde eine schwarze Kapelle ist mit einem Muttergottesbilde. Dort hat einst eine Frau die Gesundung eines Kindes erbetet und dafür ihr eigenes Leben zum Opfer gebracht. Ein Gleiches will das Mädchen nun für ihre Stiefmutter tun. Es will sterben, auf daß ihre Wohltäterin lebe. Es geht hin und erhält bei der Gottesmutter Erhörung. Auf dem Rückwege geschieht es ihm dann, daß es sich verliebt. Jetzt will es wieder nicht sterben. Es bereut, was es getan. Doch der Gang der Vorsehung geht richtig weiter. Als die Jungfrau nach Hause kommt, findet sie die Kranke auf dem Wege der Besserung. Da erfährt sie die Untreue ihres Geliebten. Nun will sie doch wieder sterben. Sie wartet aber nicht auf das Wunder der Muttergottes, sondern nimmt — wieder ganz naturalistisch — Gift in Form der Tropfen, die der Arzt der Kranken verordnet hat.

Ich weiß natürlich, daß alles in dem Stücke seinen natürlichen Gang hat, und daß die Romantik des Aberglaubens nur in den Köpfen der alten Großmutter und des Mädchens ihren Sitz hat. Die Mutter gesundet, nicht weil die Stieftochter gebetet hat, sondern weil sie die Tropfen genommen hat, die ihr der Arzt gegeben hat. Aber wozu vergiftet sich denn das Mädchen? Wenn es an das Wunder glaubt, so könnte es doch, still ergeben, seinen ihm sicher erscheinenden Tod erwarten. Der könnte aber nicht kommen, wenn der Dichter nicht selbst den Gang der «Vorsehung» zum treibenden Motiv des Dramas machte. Deshalb ist der Selbstmord des Mädchens durch nichts motiviert. Er ist die Konzession an die Theatermache. Solcher sind noch viele in dem Stück.

Man müßte traurig werden über die dramatische Produktion der Gegenwart, wenn Vereinigungen wie die «Freie Bühne» keine besseren Stücke finden könnten. Aber es wird wohl nicht an dieser Produktion liegen, daß wir am 12.November diesen Mischmasch aller möglichen Stile vor uns aufmarschieren sahen.