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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

Collected Essays on Drama 1889–1900
GA 29

Automated Translation

Dramaturgische Blätter 1898, Volume I, 10

20. Postscript to the Previous Essay

Some readers may not want to accept the question addressed in the above essay as a dramaturgical one. Nevertheless, I believe that the matter is raised here in the right place. As things stand today, the art of performance can only be dealt with in connection with the art of acting. The orientation about this art, which is so neglected today, requires above all else the solution of the task: How does the art of performance relate to the art of acting? The latter has countless means at its disposal which the performer must do without. One must realize that a full artistic effect can only be achieved in mere performance if the mimic is replaced by something else.

Our time seems little inclined to count the art of performance among the arts at all. This is understandable when one considers that the current trend is not to restrict artistic means, but to expand them. Wagnerian art wants to create a total work of art using all artistic means. Is it not a sign of the artistic poverty of the time that one tries to gather everything together in order to say what one wants to say? It seems much more artistic to increase the expressive capacity of a small range of means in such a way that one can reveal with them what nature has required a great effort to do. What nature has at its disposal to place a human being before us! How little the sculptor has. He must put into the little what nature achieves with its many.

In the same way, the speaker must be able to put into his speech what in natural speech only comes to life in combination with other things. The soul, which in natural speech is held back inside the chest, must flow out into the word. We must hear sensations when we have a performer before us. This is related to what we have to say about the style of speaking during a lecture. A speaker who speaks "naturally" is not an artist. The enhancement of linguistic expressiveness must be studied. In this area there will be things that are no less varied than the lessons of the art of singing. Today it is not even possible to distinguish the dilettante from the artist. Under such circumstances, it is only natural that the public "does not want to have anything recited to them", but believes that "it is more convenient to read things oneself". One must first learn to understand that this is just as accurate as saying: why do I need to see a painted landscape? I prefer to look at real nature. What interests us in a picture is not the landscape depicted, but the way in which lines and colors can be used to represent what nature achieves with infinite forces. The feeling for the how of the presentation should be awakened.

We will only have a proper receptivity for this how when we are familiar with the content of what is being presented. The material interest in the content has nothing to do with the interest in the lecture. The means of the performer lie in the organs of speech. And for the sake of the pleasure that speaking gives us, we must listen to such an artist.

When we are ready, the recitalist will relate to the stage artist as the concert singer relates to the opera singer. You only have to look at our aesthetics to know how far we are from a desirable goal in this area. That is why I believe that the above essay raises a burning question.

NACHSCHRIFT

Die Frage, welche in dem vorstehenden Aufsatz behandelt wird, werden vielleicht manche Leser nicht als eine dramaturgische gelten lassen wollen. Dennoch glaube ich, daß die Angelegenheit hier an der rechten Stelle zur Sprache kommt. Die Kunst des Vortrags kann, wie die Dinge heute einmal liegen, nur im Zusammenhange mit der Schauspielkunst behandelt werden. Die Orientierung über diese heute so stiefmütterlich betrachtete Kunst verlangt vor allen anderen Dingen die Lösung der Aufgabe: Wie verhält sich die Vortragskunst zur Schauspielkunst? Der letzteren stehen ungezählte Mittel zur Verfügung, die der Vortragende entbehren muß. Man muß sich klarmachen, daß beim bloßen Vortrage eine volle künstlerische Wirkung nur wird erzielt werden können, wenn das Mimische durch anderes ersetzt wird.

Unsere Zeit scheint wenig geneigt, die Vortragskunst überhaupt unter die Künste zu zählen. Das ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß gegenwärtig das Streben nicht nach Einschränkung der künstlerischen Mittel, sondern nach Erweiterung geht. Die Wagnerische Kunst möchte mit Aufwendung aller Kunstmittel ein Gesamtkunstwerk schaffen. Ist es nicht doch ein Zeichen für die künstlerische Armut der Zeit, daß man alles zusammenzutragen sucht, um zu sagen, was man sagen will? Die Ausdrucksfähigkeit eines geringen Umfangs von Mitteln so zu erhöhen, daß man mit ihnen offenbaren kann, wozu die Natur einen großen Aufwand nötig hat, scheint viel künstlerischer. Was hat die Natur alles zu Gebote, um einen Menschen vor uns hinzustellen! Wie wenig davon hat der Bildhauer. Er muß in das Wenige hineinlegen, was die Natur mit ihrem Vielen erreicht.

Ebenso muß der Vortragende in seine Rede legen können, was beim natürlichen Sprechen nur im Verein mit anderem zum Leben kommt. Die Seele, die beim natürlichen Sprechen sich im Innern der Brust zurückhält, muß ausfließen in das Wort. Wir müssen Empfindungen hören, wenn wir einen Vortragskünstler vor uns haben. Damit steht im Zusammenhange, was über den Sprechstil beim Vortrage zu sagen ist. Ein Vortragender, der «natürlich» spricht, ist kein Künstler. Die Steigerung der Sprachausdrucksfähigkeit muß studiert werden. Es werden sich auf diesem Gebiete Dinge ergeben, die nicht minder mannigfaltig sind als die Lehren der Gesangskunst. Man kann heute hier noch nicht einmal den Dilettanten vom Künstler unterscheiden. Es ist unter solchen Umständen nur natürlich, daß das Publikum «sich nichts vortragen lassen will», sondern glaubt: «das kann man ja bequemer haben, wenn man die Sachen selber liest.» Man wird erst verstehen lernen müssen, daß dies genau so treffend ist, wie wenn man sagt: wozu brauche ich eine gemalte Landschaft zu sehen? Ich sehe mir lieber die wirkliche Natur an. Was uns an einem Bilde interessiert, ist nicht die dargestellte Landschaft, sondern die Art, wie mit Linien und Farben das dargestellt werden kann, was die Natur mit unendlichen Kräften erreicht. Das Gefühl für das Wie des Vortrags sollte erweckt werden.

Wir werden eine richtige Aufnahmefähigkeit für dieses Wie erst dann haben, wenn uns der Inhalt des Vorgetragenen bekannt ist. Mit dem Interesse an dem Vortrage hat das stoffliche Interesse an dem Inhalt nichts zu tun. In den Sprachorganen liegen die Mittel des Vortragskünstlers. Und um des Genusses willen, den uns das Sprechen gewährt, müssen wir einen solchen Künstler hören.

Wenn wir so weit sind, wird sich der Vortrags- zum Bühnenkünstler so verhalten wie der Konzertsänger zum Opernsänger. Man braucht nur unsere Ästhetiken durchzusehen, um zu wissen, wie weit wir auf diesem Gebiete noch von einem wünschenswerten Ziele entfernt sind. Deshalb glaube ich, daß in dem obigen Aufsatze allerdings eine brennende Frage aufgeworfen ist.