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The Rudolf Steiner Archive

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Truth and Science
GA 3

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7. Erkenntnistheoretische Schlussbetrachtung

[ 1 ] Wir haben die Erkenntnistheorie begründet als die Wissenschaft von der Bedeutung alles menschlichen Wissens. Durch sie erst verschaffen wir uns Aufklärung über das Verhältnis des Inhaltes der einzelnen Wissenschaften zur Welt. Sie macht es uns möglich, mit Hilfe der Wissenschaften zur Weltanschauung zu kommen. Positives Wissen erwerben wir durch die einzelnen Erkenntnisse; den Wert des Wissens für die Wirklichkeit erfahren wir durch die Erkenntnistheorie. Dadurch, daß wir streng an diesem Grundsatze festgehalten haben und keinerlei Einzelwissen in unseren Auseinandersetzungen verwertet haben, dadurch haben wir alle einseitigen Weltanschauungen überwunden. Die Einseitigkeit entspringt gewöhnlich daher, daß die Untersuchung, statt sich an den Erkenntnisprozeß selbst zu machen, sogleich an irgendwelche Objekte dieses Prozesses herantritt. Nach unseren Auseinandersetzungen muß der Dogmatismus sein «Ding an sich», der subjektive Idealismus sein «Ich» als Urprinzip fallen lassen, denn diese sind ihrem gegenseitigen Verhältnis nach wesentlich erst im Denken bestimmt. «Ding an sich» und «Ich» sind nicht so zu bestimmen, daß man das eine von dem anderen ableitet, sondern beide müssen vom Denken aus nach ihrem Charakter und Verhältnis bestimmt werden. Der Skeptizismus muß von seinem Zweifel an der Erkennbarkeit der Welt ablassen, denn an dem «Gegebenen» ist nichts zu bezweifeln, weil es von allen durch das Erkennen erteilten Prädikaten noch unberührt ist. Wollte er aber behaupten, daß das denkende Erkennen nie an die Dinge herankommen könne, so könnte er das nur durch denkende Überlegung selbst tun, womit er sich aber auch selbst widerlegt. Denn wer durch Denken den Zweifel begründen will, der gibt implizite zu, daß dem Denken eine für das Stützen einer Überzeugung hinreichende Kraft zukommt. Unsere Erkenntnistheorie, endlich, überwindet den einseitigen Empirismus und den einseitigen Rationalismus, indem sie beide auf einer höheren Stufe vereinigt. Auf diese Weise wird sie beiden gerecht. Dem Empiriker werden wir gerecht, indem wir zeigen, daß alle inhaltlichen Erkenntnisse über das Gegebene nur in unmittelbarer Berührung mit diesem selbst erlangt werden können. Auch der Rationalist findet bei unseren Auseinandersetzungen seine Rechnung, da wir das Denken für den notwendigen und einzigen Vermittler des Erkennens erklären.

[ 2 ] Am nächsten berührt sich unsere Weltanschauung, wie wir sie erkenntnistheoretisch begründet haben, mit der von A. E. Biedermann vertretenen.39Christliche Dogmatik. Die erkenntnistheoretischen Untersuchungen im 1. Band. Eine erschöpfende Auseinandersetzung über diesen Standpunkt hat Eduard von Hartmann geliefert, siehe «Kritische Wanderungen durch die Philosophie der Gegenwart» S.200 ff. Aber Biedermann braucht zur Begründung seines Standpunktes Feststellungen, die durchaus nicht in die Erkenntnistheorie gehören. So operiert er mit den Begriffen: Sein, Substanz, Raum, Zeit usw., ohne vorher den Erkenntnisprozeß für sich untersucht zu haben. Statt festzustellen, daß im Erkenntnisprozeß zunächst nur die beiden Elemente Gegebenes und Denken vorhanden sind, spricht er von Seinsweisen der Wirklichkeit.

[ 3 ] So sagt er z. B. § 15: «In allem Bewußtseinsinhalt sind zwei Grundtatsachen enthalten: 1. es ist uns darin zweierlei Sein gegeben, welchen Seinsgegensatz wir als sinnliches und geistiges, dingliches und ideelles Sein bezeichnen.» Und §19: «Was räumlich-zeitliches Dasein hat, existiert als etwas Materielles; was Grund alles Daseinsprozesses und Subjekt des Lebens ist, das existiert ideell, ist real als ein Ideell-Seiendes.» Solche Erwägungen gehören nicht in die Erkenntnistheorie, sondern in die Metaphysik, die erst mit Hilfe der Erkenntnistheorie begründet werden kann. Zugegeben werden muß, daß Biedermanns Behauptungen den unseren vielfach ähnlich sind; unsere Methode aber berührt sich mit der seinigen durchaus nicht. Daher fanden wir auch nirgends Veranlassung, uns direkt mit ihm auseinanderzusetzen. Biedermann sucht mit Hilfe einiger metaphysischer Axiome einen erkenntnistheoretischen Standpunkt zu gewinnen. Wir suchen durch Betrachtung des Erkenntnisprozesses zu einer Ansicht über die Wirklichkeit zu kommen.

[ 4 ] Und wir glauben in der Tat gezeigt zu haben, daß aller Streit der Weltanschauungen daher kommt, daß man ein Wissen über ein Objektives (Ding, Ich, Bewußtsein usw.) zu erwerben trachtet, ohne vorher dasjenige genau zu kennen, was allein erst über alles andere Wissen Aufschluß geben kann: die Natur des Wissens selbst.

Versions Available:

Truth and Science, Mercury Press 1993, tr. William Lindeman
  1. Truth and Knowledge, RSPI 1963, tr. Rita Stebbing
  2. Truth and Science, 2024, tr. John Riedel MD
  3. Truth and Science, Steiner Online Library
  4. Wahrheit und Wissenschaft, 6th ed.

7. Final Epistemological Reflections

[ 1 ] We have established that epistemology is the science dealing with the significance of all human knowing (Wissen). Only through epistemology do we achieve clarity about the relation of the content of the individual sciences to the world. Epistemology makes it possible for us, with the help of the sciences, to arrive at a world view. Wie learn to know certain things through the individual areas of knowledge; through epistemology we experience the value of this knowing for reality. Through the fact that we have kept strictly to this basic principle and have not made use of any of the individual sciences in our considerations, we have overcome all the one-sided world views. One-sidedness usually arises from the fact that an investigation, instead of focusing on the process of knowledge itself, immediately takes up some object or other of this process. Our considerations show that dogmatism must give up its “thing-in-itself,” and subjective idealism its “I" as basic principle, because it is in thinking that these are essentially first characterized in their mutual relation. The “thing-in-itself” and the “I” are not to be characterized by deriving one from the other, but rather the character and relation of both must be determined by thinking. Scepticism must abandon its doubt that the world is knowable, for there is nothing about the “given” to doubt, because it is still untouched by any predicates bestowed by knowing activity. But if scepticism wanted to assert that the thinking activity of knowing can never grasp things, it could only do so through thinking reflection, whereby it also then refutes itself. For, someone who wants to establish doubt through thinking implicitly admits that thinking is to be credited with having sufficient power to support a conviction. And finally, our epistemology overcomes both one-sided empiricism and one-sided rationalism by uniting them on a higher level. In this way it does justice to both. We do justice to the empiricist by showing that any knowledge, with regard to content, about the “given” can be attained only in direct connection with this “given.” And the rationalist is also given his due in our considerations, since we declare thinking to be the necessary and only mediator of knowing activity.

[ 2 ] Our world view, as we have established it epistemologically, is closest to that held by A. E. Biedermann.1Christian Dogmatism, The epistemological investigations are in Volume One. Eduard von Hartmann has provided an exhaustive consideration of this standpoint; see Critical Survey of Contemporary Philosophy, p. 200ff. But, in order to establish his standpoint, Biedennann uses findings that do not belong in epistemology at all. Thus he operates with the concepts of “existence,” “substance,” “space,” “time,” etc., without first having investigated the process of knowledge in its own right. Instead of determining the fact that in the process of knowledge at first only two elements — the “given” and thinking — are present, he speaks of reality's indications of existence. Thus he says, for example, (Paragraph 15): “In every content of consciousness two basic facts are contained. In it two kinds of existence are given us, whose contrasting existence we call sense-perceptible and spiritual material and ideal existence.” And (Paragraph 19): “That which has spatial-temporal existence exists as something material; that which is the basis of all processes of existence and is the subject of life exists ideally; it is real as something existing ideally.” Such arguments do not belong in epistemology; metaphysics, which must first be established with the help of epistemology, is where they belong. Admittedly, Biedermann's assertions are in many ways similar to ours; our methods, however, have absolutely nothing in common with his. Therefore we also did not feel moved to come to terms with him directly. Biedermann, with the help of a few metaphysical axioms, seeks to gain an epistemological standpoint. We seek, by looking at the process of knowledge, to arrive at a view about reality.

[ 3 ] And we believe that we have in fact shown that all conflict between world views stems from the fact that one aspires to gain knowledge about something objective (thing, consciousness, etc.) without knowing exactly, beforehand, that which alone can elucidate all other knowing activity: the nature of knowing activity itself.2Wissen is the word used throughout this paragraph instead of Erkennen. —Translator.