Truth and Sciences
GA 3
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Zweiter Anhang
[ 1 ] In dem Folgenden wird in allem Wesentlichen wiedergegeben, was als eine Art «Vorrede» in der ersten Auflage dieses Buches stand. Da es mehr die Gedankenstimmung gibt, aus der ich vor fünfundzwanzig Jahren das Buch niederschrieb, als daß es mit dem Inhalte desselben unmittelbar etwas zu tun hätte, setze ich es hier als «Anhang» her. Ganz weglassen möchte ich es aus dem Grunde nicht, weil immer wieder die Ansicht auftaucht, ich habe wegen meiner späteren geisteswissenschaftlichen Schriften etwas von meinen früheren Schriften zu unterdrücken.
[ 2 ] Unser Zeitalter kann die Wahrheit nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens schöpfen wollen. 1Ganz weggelassen sind hier nur die allerersten Eingangssätze (der ersten Auflage) dieser Ausführungen, die mir heute ganz unwesentlich erscheinen. Was aber des weiteren darin gesagt ist, scheint mir auch gegenwärtig trotz der naturwissenschaftlichen Denkart unserer Zeitgenossen, ja gerade wegen derselben, zu sagen notwendig. Von Schillers bekannten zwei Wegen:
«Wahrheit suchen wir beide, du außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;
Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt»
wird der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen. Eine Wahrheit, die uns von außen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit an sich. Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als Wahrheit erscheint, daran mögen wir glauben.
[ 3 ] Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer individuellen Kräfte. Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte sind gelähmt. In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein Ziel seines Schaffens finden.
[ 4 ] Wir wollen nicht mehr bloß glauben; wir wollen wissen. Der Glaube fordert Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen. Was wir aber nicht ganz durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit seinem tiefsten Innern durchleben will. Nur das Wissen befriedigt uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der Persönlichkeit entspringt.
[ 5 ] Wir wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrorenen Schulregeln sich ein für allemal ausgestaltet hat, und in für alle Zeiten gültigen Kompendien aufbewahrt ist. Wir halten uns jeder berechtigt, von seinen nächsten Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen Universums aufzusteigen. Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine eigene Art.
[ 6 ] Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche Gestalt annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten Zwanges wäre. Keiner von uns möchte einer wissenschaftlichen Schrift einen Titel geben, wie einst Fichte: «Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie. Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen.» Heute soll niemand zum Verstehen gezwungen werden. Wen nicht ein besonderes, individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von dem fordern wir keine Anerkennung, noch Zustimmung. Auch dem noch unreifen Menschen, dem Kinde, wollen wir gegenwärtig keine Erkenntnisse eintrichtern, sondern wir suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln, damit es nicht mehr zum Verstehen gezwungen zu werden braucht, sondern verstehen will.
[ 7 ] Ich gebe mich keiner Illusion hin in bezug auf diese Charakteristik meines Zeitalters. Ich weiß, wie viel individualitätloses Schablonentum lebt und sich breit macht. Aber ich weiß ebenso gut, daß viele meiner Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten suchen. Ihnen möchte ich diese Schrift widmen. Sie soll nicht «den einzig möglichen» Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen erzählen, den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu tun ist.
[ 8 ] Die Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke scharfe Konturen ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen. Aber der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete Leben geführt. Ich bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch in das Ätherreich der Begriffe sich erheben muß, wenn man das Dasein nach allen Richtungen durchleben will. Wer nur mit den Sinnen zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des Lebens nicht. Die orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre eines entsagenden und asketischen Lebens verbringen, bevor sie ihnen mitteilen, was sie selbst wissen. Das Abendland fordert zur Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese mehr, aber es verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den unmittelbaren Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das Gebiet der reinen Gedankenwelt sich zu begeben.
[ 9 ] Der Gebiete des Lebens sind viele. Für jedes einzelne entwickeln sich besondere Wissenschaften. Das Leben selbst aber ist eine Einheit, und je mehr die Wissenschaften be strebt sind, sich in die einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von der Anschauung des lebendigen Weltganzen. Es muß ein Wissen geben, das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht, um den Menschen zum vollen Leben wieder zurückzuführen. Der wissenschaftliche Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein Bewußtsein von der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist das Ziel ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig werden. Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier angestrebten Wissenschaft. Ein ähnliches Verhältnis herrscht in den Künsten. Der Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre. Die letztere ist eine Summe von Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige Vorbedingung des Komponierens ist. Im Komponieren dienen die Gesetze der Kompositionslehre dem Leben, der realen Wirklichkeit. Genau in demselben Sinne ist die Philosophie eine Kunst. Alle wirklichen Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
[ 10 ] Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält, was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es werden können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am nächsten liegenden Fragen. Eine «Philosophie der Freiheit» soll in diesen Blättern gegeben werden.
[ 11 ] Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer Resultate. Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des Individuums sein, sondern die Entwickelung aller in uns schlummernden Fähigkeiten. Das Wissen hat nur dadurch Wert, daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen Menschennatur.
[ 12 ] Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen, die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
[ 13 ] Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.
Versions Available:
The Philosophy of Spiritual Activity 1963, tr. Rita Stebbing
- The Philosophy of Spiritual Activity 1949, tr. Hermann Poppelbaum
- The Philosophy of Spiritual Activity 1963, tr. Rita Stebbing
- The Philosophy of Freedom 1964, tr. Michael Wilson
- The Philosophy of Spiritual Activity 1986, tr. William Lindeman
- The Philosophy of Spiritual Activity, Steiner Online Library
- Die Philosophie der Freiheit, Rudolf Steiner Verlag, 16th ed.
Revised Introduction to the Edition of 1894
[ 1 ] In this Appendix is repeated, in all essentials, what served as a kind of “Foreword” to the first edition of this book (1894). In this edition I place it as an appendix because it conveys the kind of thoughts that occupied me when I wrote the book twenty-five years ago, rather than having any direct bearing on the content. It is not possible to omit it altogether, since the opinion crops up, again and again, that because of my writings on the science of the spirit, I have to suppress some of my earlier writings. [Only the very first opening sentences (in the first edition) are left out here, because to-day they seem to me to be quite irrelevant; whereas to say the rest seems to me as necessary to-day as it did then, despite the prevalent scientific trend of thought, and in fact just because of it.]
[ 2 ] Our age is one in which truth must be sought in the depths of human nature. Of Schiller's two well-known paths, it will be the second that most appeals to modern man:
“Truth seek we both—Thou in the life without thee and around;
I in the heart within. By both can Truth alike be found.
The healthy eye can through the world the great Creator track;
The healthy heart is but the glass which gives Creation back.”
“Wahrheit suchen wir beide, du aussen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder dewiss.
Ist das Auge gesund, so begegnet es aussen dem Schopfer;
Is est das Herz, dann gewiss spiegelt es innen die Welt.”
(translated by E. Bulwer Lytton)
A truth which comes to us from outside always bears the stamp of uncertainty. Only that truth which appears to us as coming from within ourselves do we trust.
[ 3 ] Only truth can bring us security in developing our individual powers. In someone tormented by doubts, the powers are weakened. He can find no goal for his creative powers in a world that appears to him as an enigma.
[ 4 ] No longer do we merely want to believe; we want to know. Belief demands acknowledgment of truths which are not quite clear to us. But what is not clearly recognized goes against what is individual in us, which wants to experience everything in the depth of its being. Only that kind of knowing satisfies us which is not subjected to any external standard, but springs from the inner experience of our personality.
[ 5 ] Nor do we want a kind of knowledge which has become hardened into formulas and is stored away, valid for all time. Each of us considers himself justified in proceeding from his immediate experience, from the facts he knows, and from there going forward to gain knowledge of the whole universe. We strive for certainty in knowledge, but each in his own way.
[ 6 ] Our scientific teachings, too, should no longer take a form that implies their acceptance to be a compulsion. Today no one should give a scientific work a title like that Fichte once gave a book: “A Pellucid Report for the Broader Public concerning the Essential Nature of Recent Philosophies. An Attempt to Compel the Reader to Understand.” To-day no one is to be compelled to understand. We demand neither acceptance nor agreement from anyone unless his own particular, individual need urges him to the view in question. Today even the still immature human being, the child, should not have knowledge crammed into him; rather we should seek to develop his faculties so that he no longer needs to be compelled to understand, but understands.
[ 7 ] I am under no illusion concerning these characteristics of the present age. I know how much of a stereotypical attitude, lacking all individuality, is prevalent everywhere. But I also know that many of my contemporaries strive to order their lives in the direction I have indicated. To them I would dedicate this book. It is not meant to be the “only possible” way that leads to truth, but it describes a path taken by one whose heart is set upon truth.
[ 8 ] This book at first leads the reader into abstract regions, where thought must have sharp outlines if it is to reach secure conclusions. But the reader is also led out of these arid concepts into concrete life. I am convinced that one must raise oneself up into the ethereal realm of concepts if one wants to experience existence in all its aspects. One understanding only the pleasures of the senses, misses the essential enjoyments of life. Oriental sages make their disciples live a life of resignation and asceticism for years before they impart their own wisdom to them. The Western world no longer demands pious exercises and ascetic practices as a preparation for science, but it does require that one should have the good will to withdraw occasionally from the immediate impressions of life and enter the realm of pure thought.
[ 9 ] The spheres of life are many, and for each of them special sciences develop. But life itself is a whole, and the more the sciences strive to penetrate into the depths of the separate spheres, the more they withdraw themselves from seeing the world as a living unity. There must be a knowledge which seeks in the separate sciences the principle that leads man back to the fullness of life once more. Through his knowledge the researcher in a special branch of science wants to become conscious of the world and how it works; in this book the aim is a philosophical one: science itself must become a living, organic entity. The various branches of science are preliminary stages of the science striven for here. A similar relation is to be found in art. The composer's work is based on the theory of composition. This latter is a knowledge which is a necessary prerequisite for composing. In composing, the law of composition serves life, that is, it serves true reality. In exactly the same sense philosophy is an art. All genuine philosophers have truly been artists in concepts. For them, human ideas become the material for art, and the scientific method becomes artistic technique. Abstract thinking thereby gains concrete, individual life. Ideas become life-forces. We then have not just a knowledge of things, but we have made knowledge into a real organism, ruled by its own laws; the reality of our active consciousness has risen beyond a mere passive reception of truths.
[ 10 ] How philosophy as an art is related to human freedom (spiritual activity), what freedom is, and whether we do or can participate in it, is the principal problem dealt with in my book. All other scientific discussions are included solely because they ultimately throw light on this question which, in my opinion, is man's most immediate concern. These pages offer a “Philosophy of Freedom.”
[ 11 ] All science would be nothing but the satisfaction of idle curiosity if it did not strive to elevate the value of existence of the human personality. The sciences attain their true value only through presenting the significance of their results in relation to man. The ultimate goal of the individual cannot be the ennoblement of one single soul-faculty only, but a development of all the capacities that slumber within us. All knowledge has value only insofar as it is a contribution to the all-round unfolding of man's entire nature.
[ 12 ] Therefore, in this book the relation between science and life is not regarded in the sense that man must bow down to ideas and let them enslave him; rather the relation should be that man conquers the world of ideas in order to make use of it for his human aims, which go beyond the aims of mere science.
[ 13 ] One must be able to confront the idea in living experience, or else fall into bondage to it.
